Pagar para estudiar ? Abschaffung der Studiengebühren

Hochschulen in Bayern: CSU erwägt Abschaffung der Studiengebühren

Die CSU steuert auf einen möglichen Kurswechsel in der Hochschulpolitik zu. In der Partei mehren sich offenbar die Stimmen für eine Abschaffung der Studiengebühren. CSU-Chef Seehofer will das Thema Parteikreisen zufolge jetzt offen diskutieren lassen.

DER SPIEGEL

Was Studieren kostet

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http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studiengebuehren-csu-erwaegt-abschaffung-in-bayern-a-863033.html

Studenten in München (Archivbild): Fallen die Studiengebühren in Bayern?

München – Entfallen für Hochschüler in Bayern in Zukunft die unpopulären Studiengebühren? Die CSU rückt jetzt offenbar zunehmend von den Gebühren ab. Grund ist die Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, der zuletzt ein Volksbegehren der Freien Wähler gegen die Gebühren zugelassen hat.

Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer will das Thema jetzt in der Partei zur Diskussion stellen, wie aus CSU-Kreisen verlautete. Im Vorstand der CSU-Landtagsfraktion mehren sich die Stimmen für eine Abschaffung der Gebühren. “Wir werden das Thema Studienbeiträge ergebnisoffen in der Fraktion, mit der Staatsregierung und mit dem Koalitionspartner diskutieren”, erklärte der CSU-Fraktionsvorsitzende Georg Schmid am Dienstagabend. Auch Befürworter der Gebühren fürchten eine Niederlage bei einem Volksentscheid. Überlegt wird inzwischen sogar, ob die Studiengebühren nicht schon vor dem Start des Volksbegehrens gekippt werden könnten.

Seehofer hatte schon 2011 einen Anlauf zur Abschaffung der Gebühren unternommen, war damals aber am Widerstand der CSU-Fraktion gescheitert. Seehofer habe seine Meinung seither nicht geändert, hieß es in der CSU. In der CSU-internen Kabinettsvorbesprechung und der eigentlichen Kabinettssitzung legte sich Seehofer aber nicht fest.

Die CSU könnte eine Abschaffung der Studiengebühren aber nicht allein beschließen – dafür bräuchte sie die Zustimmung der FDP. Seehofer habe deswegen im Kabinett vorgeschlagen, das Thema im Koalitionsausschuss zu diskutieren, sagte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP).

Die FDP stand bisher für Studiengebühren. Doch auch hier gibt es Risse in der Front der Befürworter. “Studiengebühren abschaffen”, forderte der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende Andreas Fischer in der “Mittelbayerischen Zeitung”: “Ich bin davon überzeugt, dass eine Mehrheit der Bürger gegen Studiengebühren stimmen wird.”

In Bayern stehen im September 2013 Landtagswahlen an. Viele CSU-Abgeordnete haben noch das Volksbegehren für ein striktes Rauchverbot in unerfreulicher Erinnerung. Damals machten die Bürger dem jahrelangen Hin und Her in der CSU mit dem Votum für ein kompromissloses Verbot ein Ende.

Die Freien Wähler wollen mit dem Volksbegehren die Studiengebühren zu Fall bringen. Grüne und SPD hatten sich der Klage nicht angeschlossen, weil sie sie für nicht aussichtsreich hielten.

hen/dpa/dapd

Urteil: Bayern dürfen über Studiengebühren entscheiden

In Bayern stehen die Studiengebühren auf der Kippe: Der Verfassungsgerichtshof in München hat überraschend ein Volksbegehren zugelassen – nun entscheiden die Bürger des Freistaats.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studiengebuehren-gerichtshof-erlaubt-volksbegehren-in-bayern-a-862704.html

JA zur Bildung – NEIN zu Studiengebühren

http://volksbegehren-studiengebuehren.de/

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Die Badewassereinlasser für Geistesfragen

Blog FAZ “Die Stützen der Gesellschaft” *

Veröffentlicht 19. Januar 2013, 14:24 von Don Alphonso

http://faz-community.faz.net/blogs/stuetzen/archive/2013/01/19/die-badewassereinlasser-fuer-geistesfragen.aspx

Die Badewassereinlasser für Geistesfragen

19. Januar 2013, 14:24 Uhr

Möge diese edle Tat zu Ihrer Beruhigung, zu Ihrem Glücke beitragen.
Minna Wagner an Mathilde Wesendonck

Ich schreibe nun seit vier Jahren dieses Blog, und wir haben hier allenfalls am Rande über so spannende Fragen wie etwa die Bedeutung der Jesuiten in der Epoche der Aufklärung, besonders in Deutschland, gesprochen. Und ihre Spitzfindigkeiten im Diskurs. Die erinnert mich übrigens an die Debatte rund um die Datierungsproblematik des Übergangs zwischen LaTene C und D – hier kommt vor allem die einsetzende schriftliche Überlieferung der römischen Autoren auf fragwürdige Weise zum Tragen – und auch das fand bislang keinen Widerhall im Blog. Und gerade die nur begrenzt zuverlässige Quellenlage zu den Kelten, die den ein oder anderen Römer Falsches vermuten liess – welche Auswirkung hatte das wiederum auf das Nationenbild der Deutschen in Lichte des Streits zwischen Virchow und Kossina? Das müssen Sie doch auch so sehen.

Ja, das sind alles so Fragen. Fragen, die man stellen könnte, und generell hat man es natürlich leicht, wenn man ein paar Jahre die fraglichen Fächer studieren konnte. Und ich würde auch meinen, dass all diese Fragen durchaus ihre Berechtigung haben können. Lässt man dergleichen zu lange aus, lässt man nicht hin und wieder ein wenig sein immenses Wissen durchblitzen, könnte man vielleicht als ungebildet zu wirken. Also, dann sollten wir uns jetzt vielleicht mal… ich gehe nur mal schnell zum Bücherschrank, wo die Bücher aus meiner – im Übrigen sehr niedrigen – Unilaufbahn stehen und… ah! Das wäre doch ein schönes Thema: Der Übergang zwischen Mesolithikum und Neolithikum angesichts der Stratigraphie des Speckbergs. Nicht was Sie schon wieder denken, das hat nichts mir Südtirol zu tun, also, der Speckberg ist eine eminent wichtige, prähistorische Fundstelle des Silexabbaus, deren Varietäten früheste merkantile Verbindungen entlang der Donau vermuten lassen, und wenn sie die nicht kennen, dann kennen Sie vermutlich auch nicht die weiterführende Analyse von Rankes Meinung über das römische Papsttum? Nein? Wie wollen Sie dann mit mir eigentlich über Eusebius und die Tücken seiner Kirchengeschichte reden?

Nun, hoffentlich mit einem „Schleich Dich, Du aufgeblasenes Nichts von einem Angeber.” Das ist nämlich genau das, was ich mir auch immer sage, wenn ich auf diese Spezies treffe. Bei uns ist die gar nicht mal so selten, man trifft sie in Konzertpausen und bei Ausstellungen und Vorträgen, und ihre grosse Kunst ist es, mit möglichst abseitigem Wissen und glänzen. Der Klassiker: „Wie Wagner in den Wesendonckbriefen ausgeführt hat”. Gleichzeitig der inquisitorische Blick in die Runde: Sie haben doch sicher alle die Wesendonckbriefe auch parat, nicht wahr? Und halten Wagner trotzdem nicht für einen  geldgeilen Schnorrer mit Unterleibsproblem?

Es ist mir persönlich vollkommen unbegreiflich, warum man so ein Verhalten im Bereiche der Kultur toleriert, während man im Bereich der Sachkultur schnell mit Verurteilungen bei der Hand ist. Auch dort gibt es höchste abseitige Dinge, ja, wir leben nachgerade in einer Kultur, die aufgrund ihrer materiellen Leistungsfähigkeit die scheinbar führenden Schichten dazu verdammt, sich mit solchen überzogenen Entwicklungen auszukennen und zu umgeben, um überhaupt noch so etwas wie einen Distinktionsgewinn zu haben. Auch nicht geschrieben habe ich hier über einen Freak, der mich mal verklagen wollte, weil ich mich über ihn lustig gemacht habe: Da gibt es also so einen Dienstleister, der reichen Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags helfen möchte und dann einen eher Unreichen wie mich anfaselt, weil man doch jetzt ganz andere Krawatten trägt. Der Mann ist ein lebendes Kompendium für Bedürfnisse, die man sich gar nicht vorstellen kann. Es gibt Zeitschriften, die 32 Seiten lang irgendwelche Zeitmesser zeigen. Es ist alles Pro, Evo, Special, Ultimate, Excellence.

Es kriecht mir nach, es nimmt mir den Lebensraum. In einem Hotel, das ich früher wegen seiner Mischung aus alt, gediegen und verrottet gerne besuchte, gibt es jetzt einen Spa-Attendant Teamleader, und der hat sogar ein Motto: „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.” Der Spruch kommt von Robert Bosch, heute ist es die Philosophie der Badewassereinlasser, Und es gibt immer einen, der da noch etwas draufsetzt und etwas aus dem Regal zieht, das sonst keiner einer hat. Wenn es nicht das Beste ist, ist es nicht gut.

Das ist peinlich. Es ist vor allem peinlich für uns, weil diese Art der Darstellung das Bild wohlhabender Menschen dominiert, die in Wirklichkeit ganz andere Interessen und Nöte haben, und daheim ihre Hausschuhe auch tragen, bis man sie nicht mehr flicken kann. Aber warum – wenn man diese Strategie des Übertrumpfens schon kennt und ablehnt – lässt man sie sich im Bereich von Wissen und Bildung gefallen? Denn nichts ist einfacher, als sich selbst damit zu überhöhen, es gibt so viel Wissen und immer einen Aspekt, den man sich schnell anlesen kann, um andere damit klein und dumm aussehen zu lassen.

Auch hier wird – wie in der Sachkultur – eine Strategie der stetigen Überforderung benutzt. Da wird schon als Basis ein üppiger Bildungskanon des 19. Jahrhunderts angenommen, der heute angesichts der zerfasernden Wissenswelten der Gegenwart gar nicht mehr zu erarbeiten ist. Und dann noch eins drauf gesetzt. Ma definiert die Basis schon so, dass andere nicht mehr mithalten können und „Äh so” sagen, und im zweiten Schritt führt man darüber noch die eigentliche Erkenntnis aus. Bildung Ultimate Evo. Jeder hatte mal so einen Lehrer, der ihn genau damit gedemütigt hat: Ach, der kleine Alfons, der kennt noch nicht mal die Grundlagen, und dabei müsste er doch schon viel weiter sein. Wenn man Glück hat, gibt sich der kleine Alfons trotzdem Mühe und versucht, sich Bildung anzulesen. Wenn es weniger gut ausgeht, lässt er es bleiben und verachtet alle zusammen, egal ob sie sich nun freiwillig fortbilden. Oder ihreLektion lernen und Bildungsnutzer werden, die sich über ihr Opernprogrammheftwissen definieren, und die Fähigkeit, immer noch einen Namen fallen zu lassen in der Erwartung, dass die anderen erst mal gar nicht wissen, wer das ist und wem dieser Umstand nun zur Ehre gereichen soll: Auch nur so einem Badewassereinlasser für Schaumworte und Dünkelseife. Kein Wunder, wenn die Kinder der Neureichen der Bildung dann alle hochbegabt sind, mit vier Jahren komponieren sollten und in der Kita Wittgenstein tanzen.

Es passt ganz gut in diese Epoche, in der sich alles unter der Definition neuer Standards ausdifferenziert. Es ist auch nur ein Ausdruck des Elends im Überfluss, wenn Wissen missbraucht wird, um andere zu erniedrigen, oder es wenigstens zu versuchen. Meine ideale Welt dieser speziellen Reichen sieht aus wie Monaco, wo dem Wassersomelier vom Spa Attendant Teamleader die Badetemperatur vorgegeben wird und der Yachtinneneinrichter mit dem Bildungshuber über die Holzqualität – wie bei Guarneri! – debattiert, bevor sie mit dem Evomodell zur Weinverkostung fahren und dort die neuesten Wellnesstrends besprechen, die man kennen muss, um dann entspannt beurteilen zu können, warum man durchaus mittelalterliche Quellen für Renaissanceaufführungen heranziehen kann:

Weil man dann nämlich ganz unter sich ist. Diese ganzen Fehlentwicklungen sollte man an einem Ort konzentrieren, wo sie sich gegenseitig animieren und prächtig entwickeln, und aneinander exzellent hochziehen, gestelzt und überzogen auf immer neue Gipfel olympischer Qualität. Die Biologie kennt Guanofelsen, auf denen sich Tiere nach oben fäkaliert haben, immer von oben auf das darunter liegende Niveau, und dort bleiben sie dann unter sich, so wie diese hilfreichen Geister dann alle in Monaco sitzen und nicken, wenn sie sagen: Ja, also der Monteverdi, der war schon als Komponist, aber auch als Geländewagen, richtig, also… Da passen sie alle gut hin, und RTLII macht dann eine Doku darüber: Prada, PS und Platon: Deutschlands Markenchecker drehen auf.

Man ist nicht arm, wenn man diesen Unsinn des Konsums nicht mitmacht. Und man ist nicht dumm, wenn man andere nicht mit Halbbildung beleidigt. Das ist nicht elitär, sondern unfein. Und deshalb sollte man auch in den kommenden vier Jahren, da bitte ich um Nachsicht, niemanden mit Bildung diskrimieren.

Es reicht ja schon, dass manche in Berlin leben.

* Don Alphonso

ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist; sagen wir mal: Ein schlechterer, nicht mehr ganz junger Sohn aus besserem Hause, der einige bürgerliche Werte wie Heirat, Kinder oder die 240-m²-Villa in der Vorstadt vehement ablehnt und andere wie Porzellan, Kulturgeschichte und gute Sitten schätzt. Seine Eltern etwa haben ihm im Rahmen einer sehr guten Erziehung die Haltung am Tisch mit Büchern unter dem Arm beigebracht, und hätte er selbst Kinder, würde er nicht zögern, dieses archaische Ritual an sie weiterzugeben; einen Fernseher würde der Nachwuchs dagegen vergeblich suchen. Er pendelt wahlweise zwischen dem alten Stammsitz der Familie, einem ehemaligen Jesuitenkolleg in der reichen bayerischen Provinz, und dem Tegernsee, in dem selbst die Wasserleichen stets gepflegt und mit Schmuck zu finden sind.

Willkommen im Blog der besseren Gesellschaft oder dem, was heute davon übrig ist, in der finanziellen Sorglosigkeit und beim Klassenkampf von oben gegen Neureiche und andere Zumutungen, beim Niedergang von Religion und Stand, bei den Müttern aller Buffetschlachten und ihren Töchtern mit Ehekrisen, über die man nicht redet, wenn mehr als 10 Freundinnen zuhören, fahren Sie mit beim leicht illegalen Geldtransport in die Schweiz und zum Speckkauf nach Meran, seien Sie Gast beim großbürgerlichen Wertekanon und profitieren Sie von dessen Kleingedruckten, setzen Sie sich gefälligst gerade hin, bewundern Sie die Tischdecke und die Bücher, genießen Sie Tee und tantenmordende Torten von Goldrandgeschirr aus erfolgreichen Erbkriegen, und bemühen Sie im Gespräch nur angemessene Dünkel. Erkunden Sie eine Welt, in der die Stützen der Gesellschaft selbst Stützen brauchen, vom Kindermädchen über den Vermögensverwalter bis zum letzten, einsamen Schnaufer am Rollator in der Seniorenresidenz.

“Merkiavelismo” – Merkels Macht – U.Beck

Aqui algunos articulos de ULRICH BECK sobre la situacion europea y el papel de Alemania y particularmente la figura de la canciller alemana. Tambien en Alemania hay voces criticas 😉

 

DER SPIEGEL 08.10.2012 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-88963881.html

Essay

Merkiavellis Macht

Von Beck, Ulrich

Das Zögern der Kanzlerin bei der Euro-Rettung Von Ulrich Beck

Viele sehen in Angela Merkel die ungekrönte Königin Europas. Wenn man fragt, woraus die deutsche Bundeskanzlerin ihre Macht schöpft, stößt man auf ein charakteristisches Merkmal ihres Handelns: ihre geradezu machiavellistische Wendigkeit. Der Fürst, so Niccolò Machiavelli, der erste Denker der Macht, müsse sich nur dann an sein politisches Wort von gestern halten, wenn es ihm heute Vorteile bringe. Überträgt man das auf die Situation der Gegenwart, lautet die Maxime: Man kann heute das Gegenteil von dem tun, was man gestern verkündet hat, wenn es die eigenen Chancen bei der nächsten Wahl erhöht.

So focht Merkel lange Zeit für die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke, während sie den möglichen Ausstieg aus Europa gelassen hinnahm. Dann vollzog sie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie und den Einstieg in Europa. Seitdem erweist sie sich als Meisterin der Last-Minute-Rettung. Gestern sagte sie über Euro-Bonds: Nicht, “solange ich lebe”. Heute lässt sie Finanzminister Wolfgang Schäuble nach einem Umweg-Ausweg fahnden und duldet Kredite der Europäischen Zentralbank an die kollabierenden Banken und Staaten, die im Fall der Fälle letztlich auch vom deutschen Steuerbürger bezahlt werden müssten.

Die politische Affinität zwischen Merkel und Machiavelli – das Modell Merkiavelli, wie ich es nennen möchte – beruht allgemein auf vier sich wechselseitig ergänzenden Komponenten:

ERSTENS: Deutschland ist das reichste, wirtschaftsmächtigste Land der EU. Angesichts der Finanzkrise hängen alle Schuldnerländer von der Bereitschaft der Deutschen ab, für die notwendigen Kredite zu bürgen. Das ist machttheoretisch allerdings trivial und macht noch nicht den merkelschen Machiavellismus aus. Dieser liegt vielmehr darin, dass Merkel in dem zwischen Europa-Architekten und Nationalstaatsorthodoxen tobenden Konflikt nicht Partei ergreift – oder genauer: dass sie sich die beiden entgegengesetzten Optionen offenhält. Sie ist weder solidarisch mit den Europäern (im In- und Ausland), die endlich verbindliche deutsche Zusagen fordern, noch unterstützt sie die Fraktion der Europa-Skeptiker, die jede Hilfe verweigern wollen. Merkel knüpft vielmehr – und das ist die merkiavellistische Pointe – die Kreditbereitschaft Deutschlands an die Bereitschaft der Schuldnerländer, die Bedingungen der deutschen Stabilitätspolitik zu erfüllen. Das ist das erste Prinzip Merkiavellis: Wo es um deutsche Hilfsgelder für die Schuldenstaaten geht, ist ihre Position weder ein klares Ja noch ein klares Nein, sondern ein machtpokerndes Jein.

ZWEITENS: Wie lässt sich diese paradoxe Position in der politischen Praxis auflösen? Bei Machiavelli wäre an dieser Stelle virtù gefragt, also Tüchtigkeit, politische Energie und Tatendrang. Hier stoßen wir nun auf eine zweite Pointe: Merkiavellis Macht gründet nämlich auf dem Drang, nichts zu tun, ihrer Neigung zum Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln, ihrem Zögern. Diese Kunst des gezielten Zögerns, die Mischung aus Indifferenz, europäischer Verweigerung und europäischem Engagement ist die Quelle der deutschen Machtstellung im von der Krise geplagten Europa.

Zögern als Zähmungstaktik – das ist die Methode Merkiavellis. Das Zwangsmittel ist nicht der aggressive Einmarsch des deutschen Geldes, sondern im Gegenteil: der drohende Ausmarsch, das Hinauszögern und Verweigern der Kredite. Wenn Deutschland seine Zustimmung verweigert, ist der Ruin der Schuldenländer unausweichlich. Es gibt also nur eines, das schlimmer ist, als von deutschem Geld überrollt zu werden: nicht vom deutschen Geld überrollt zu werden.

Nun gibt es viele Gründe zu zögern – die Weltlage ist so komplex, dass sie niemand mehr durchschaut; oft bleibt nur die Wahl zwischen unabsehbar riskanten Alternativen. Doch diese Gründe rechtfertigen zugleich das Zögern als Machtstrategie. Die Form der unfreiwilligen Herrschaft, die sich mit dem Hohelied der Sparsamkeit legitimiert, hat Angela Merkel inzwischen perfektioniert. Das scheinbar Unpolitische schlechthin, nämlich die Strategie der Verweigerung – etwas nicht tun, nicht zu investieren, keine Kredite und Gelder bereitzustellen -, dieses vielfach einsetzbare Nein ist der zentrale Hebel der Wirtschaftsmacht Deutschland im Europa des Finanzrisikos.

Die neue deutsche Macht in Europa gründet also nicht wie in früheren Zeiten auf Gewalt als Ultima Ratio. Sie benötigt keine Waffen, um anderen Staaten den eigenen Willen aufzuzwingen. Deshalb ist die Rede vom “Vierten Reich” absurd. Aus diesem Grund ist die ökonomisch begründete Macht auch viel beweglicher: Sie muss nicht einmarschieren und ist doch allgegenwärtig.

DRITTENS: Auf diese Weise gelingt das scheinbar Unmögliche, nämlich nationale Wählbarkeit und europäische Architektenrolle zu verbinden. Das heißt aber auch: Alle Maßnahmen zur Rettung des Euro und der EU müssen zunächst einmal den innenpolitischen Eignungstest bestehen – die Frage nämlich, ob sie den Interessen Deutschlands und der Machtposition Merkels förderlich sind. Je europakritischer die Deutschen nun werden, je stärker sie sich von Schuldenmacher-Ländern umzingelt sehen, die sich am deutschen Portemonnaie vergreifen wollen, desto schwieriger wird dieser Spagat. Auf dieses Problem hat Merkiavelli mit der Trumpfkarte “deutsches Europa” geantwortet, die hier wie da sticht. Innenpolitisch beschwichtigt die Kanzlerin die Deutschen, die um ihre Rente, ihr Häuschen, ihr Wirtschaftswunder bangen, indem sie mit protestantischer Strenge die Politik des dosierten Neins vertritt und so zur Lehrmeisterin Europas aufsteigt. Gleichzeitig nimmt sie außenpolitisch “europäische Verantwortung” wahr, indem sie die Euro-Länder mit einer Politik des kleineren Übels einbindet. Ihr Lockangebot lautet: lieber einen deutschen Euro als keinen Euro.

Insofern erweist sich Merkel in einer weiteren Hinsicht als gelehrige Schülerin Machiavellis. Ist es besser, “geliebt oder gefürchtet zu werden?”, fragt dieser in seinem Klassiker “Der Fürst”. “Die Antwort lautet, man soll nach beidem trachten; da aber beides schwer zu vereinen ist, so ist es weit sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, sobald nur eins von beiden möglich ist.” Merkel wendet dieses Prinzip sozusagen selektiv an: Im Ausland soll man sie fürchten, im Inland lieben – vielleicht gerade weil sie das Ausland das Fürchten lehrt. Brutaler Neoliberalismus nach außen, sozialdemokratisch getönter Konsens nach innen – das ist die Erfolgsformel, mit der Merkiavelli ihre Machtposition und die des deutschen Europa immer weiter ausgebaut hat.

VIERTENS: Merkel will den Partnerländern vorschreiben, ja verordnen, was in Deutschland als Zauberformel für Wirtschaft und Politik gilt. Der deutsche Imperativ lautet: Sparen! Sparen im Dienste der Stabilität. In der politischen Realität entpuppt sich die Sparpolitik der berühmt-berüchtigten schwäbischen Hausfrau dann aber bald als dramatische Kürzung der Mittel für Renten, Bildung, Forschung, Infrastruktur und so weiter. Wir haben es mit einem knallharten Neoliberalismus zu tun, der nun in Gestalt des Fiskalpakts auch in die Verfassung Europas eingebaut wird – und zwar vorbei an der (schwachen) europäischen Öffentlichkeit.

Diese vier Komponenten des Merkiavellismus – die Verknüpfung von Nationalstaatsorthodoxie und Europa-Architektur, die Kunst des Zögerns als Disziplinierungsstrategie, das Primat der nationalen Wählbarkeit sowie die deutsche Stabilitätskultur – verstärken sich wechselseitig und bilden den Machtkern des deutschen Europa. Und auch für Machiavellis necessità, also die historische Notlage, auf die der Fürst reagieren können muss, findet sich schließlich bei Merkel eine Parallele: Der “freundliche Hegemon” Deutschland, für den “Welt”-Herausgeber Thomas Schmid warb, sieht sich gezwungen, das von der Gefahr Gebotene über das zu stellen, was von den Gesetzen verboten ist. Um die deutsche Sparpolitik verbindlich auf ganz Europa auszudehnen, können nach Merkiavelli demokratische Normen gelockert oder unterlaufen werden.

Gleichzeitig wird deutlich: Der Aufstieg Deutschlands zur führenden Macht im “deutschen Europa” ist nicht das Ergebnis eines geheimen, mit Taktik und Hinterlist entworfenen Masterplans. Er vollzog sich vielmehr – zumindest am Anfang – eher unfreiwillig und ungeplant, war ein Resultat der Finanzkrise und der Antizipation der Katastrophe. Im weiteren Verlauf, so lässt sich mit Blick auf die Abfolge der Ereignisse vermuten, begann jedoch ein Stadium der bewussteren Planung. Die Kanzlerin erkannte in der Krise ihre occasione, die “Gunst der Stunde”. Mit einer Kombination aus fortuna und merkiavellistischer virtù gelang es ihr, die historische Gelegenheit zu nutzen und davon außen- wie innenpolitisch zu profitieren. Zwar formiert sich inzwischen auch eine Gegenfront derer, die der Ansicht sind, dass die schnell voranschreitende Europäisierung die Rechte des deutschen Parlaments missachtet und deshalb gegen das Grundgesetz verstößt. Doch selbst diese Bastionen des Widerstands versteht Merkel geschickt zu instrumentalisieren, indem sie sie einbaut in ihre Politik des Zähmens durch Zögern. Einmal mehr gewinnt sie in doppelter Hinsicht: mehr Macht in Europa und mehr Popularität im Innern, in der Gunst der deutschen Wähler.

Allerdings könnte die Methode Merkiavelli allmählich an ihre Grenzen stoßen, immerhin hat die deutsche Sparpolitik bislang keinerlei Erfolge vorzuweisen – im Gegenteil: Die Schuldenkrise bedroht nun auch Spanien, Italien, bald vielleicht sogar Frankreich. Die Armen werden noch ärmer, der Mitte der Gesellschaften droht der Abstieg, und noch immer zeigt sich kein Licht am Ende des Tunnels. Auch in diesem Fall könnte Macht also zur Bildung von Gegenmacht führen, immerhin ist Angela Merkel in Nicolas Sarkozy ein wichtiger Verbündeter abhandengekommen. Seit der Amtsübernahme François Hollandes haben sich die Gewichte spürbar verschoben. Vertreter der Schuldnerländer könnten sich mit Europa-Architekten in Brüssel und Frankfurt zusammentun, um eine Alternative zu der häufig populistischen, auf die deutsche Bühne zielenden und von Inflationsangst getriebenen Sparpolitik von Merkel (und, nicht zu vergessen, Philipp Rösler) zu entwickeln und die Funktion der Europäischen Zentralbank dahingehend zu überdenken, dass sie sich eher an der Wachstumspolitik der amerikanischen Notenbank orientiert.

Möglich ist allerdings auch ein anderes Szenario: Es kommt zum Duell zwischen Angela Merkiavelli, der zögernden Europäerin, und dem leidenschaftlichen Schach-Macht-Spieler Peer Steinbrück, der für sich die Rolle eines europäischen Willy Brandt entdeckt. Lautete dessen Erfolgsformel “Wandel durch Annäherung”, so könnte Steinbrücks Formel lauten: mehr Freiheit, mehr soziale Sicherheit und mehr Demokratie – durch Europa. Dann könnte es wider Erwarten zu einem Überbietungswettbewerb zweier Pro-Europäer kommen. Entweder es gelingt Steinbrück, Merkiavelli europapolitisch schachmatt zu setzen, oder Merkiavelli siegt, weil sie die machtstrategische Bedeutung der europäischen Idee entdeckt und zur Gründerin der Vereinigten Staaten von Europa konvertiert. So oder so: Deutschland steht vor der Entscheidung über Sein oder Nichtsein Europas. Es ist schlicht zu mächtig geworden, um sich den Luxus leisten zu können, keine Entscheidung zu treffen.

Der Soziologe Ulrich Beck, 68, lehrt an der London School of Economics und der Harvard University; sein neues Buch, in dem er die Gedanken dieses Essays ausführt, erscheint am 13. Oktober im Suhrkamp Verlag (“Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise”).

Heute das Gegenteil von dem tun, was man gestern verkündet hat.

Brutaler Neoliberalismus nach außen, sozialdemokratisch getönter Konsens nach innen.

DER SPIEGEL 41/2012

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Una entrevista de Ulrich Beck en El Pais http://sociedad.elpais.com/sociedad/2013/01/16/actualidad/1358329633_055639.html

“Alemania no es capaz de verse a sí misma”

El sociólogo habla de ‘merkiavelismo’: la nueva relación de poder en la UE

Barcelona 16 ENE 2013 – 10:47 CET

Llega a la cita un cuarto de hora antes. Estamos en la cafetería de un hotel de Barcelona, donde el jueves abarrotó la sala grande del Centro de Cultura Contemporánea (CCCB) para hablar del tema que aborda en su último libro: Una Europa alemana (Paidós). Con calma, el sociólogo Ulrich Beck (Slupsk, Alemania, 1944) llena un bol de fruta, se sienta y pide un té al camarero. Quien nos enseñó que la actual es “la sociedad del riesgo” piensa unos segundos antes de cada respuesta.

Está impresionado con la respuesta del público la víspera en el CCCB. “Más de 500 personas, fue un debate de gran calidad. Iba para hablar, pero también escuché mucho”, celebra. Lo que aborda en su último ensayo interesa en España. Es uno de los países del sur de Europa “víctimas de la crisis financiera que ha provocado que los Estados cambiaran la redistribución de sus recursos: recortando prestaciones, pensiones o en educación para ayudar a los bancos”.

Unas medidas de las que Alemania es en parte responsable, pero de cuyas consecuencias su sociedad, la alemana, no es consciente, dice. Por eso ha escrito el libro: “Para que Alemania se vea a sí misma, porque ahora no es capaz de verse desde la perspectiva del resto”. “Los alemanes deberíamos preguntarnos qué pasaría si en España el jefe de Estado o el Parlamento nos invitaran a reducir el gasto en un 40%. ¡Sería una explosión!”, sonríe con la franqueza de quien sabe que hoy algo así es imposible.

El país más poderoso y rico del continente decide hoy sobre el resto. Y la austeridad que impone ha dividido a los europeos en norte y sur, afirma. La amenaza de un “riesgo puede provocar grandes desplazamientos tectónicos en el paisaje del poder”. “Europa tiene un teléfono, está en Berlin y es de Angela Merkel”, dice, y vuelve a sonreír. Pese a las pausas, el bol sigue lleno de fruta. Beck no comerá más que melón y uva, y apenas tomará té.

Una europa alemana recupera una idea que Ulrick publicó en otoño en Der Spiegel: el “merkiavelismo”. Merkel ha aprovechado la situación y ha remodelado las relaciones de poder en Europa. El modelo “merkiavelo” se basa en cuatro puntales. Uno: Alemania es el país más rico de la UE. Dos: el “titubeo calculado que practica Merkel es su cualidad natural, ser vacilante”. Tres: la habilidad que tiene la canciller para compatibilizar la competitividad electoral nacional con el papel de arquitecto europeo. Y cuatro: dictar a los socios lo que en Alemania se considera “la fórmula mágica, el ahorro”. “Un neoliberalismo despiadado”, en pos de la estabilidad.

Pese a la contundencia del concepto y “salvo algunas reacciones positivas”, Beck asegura que en Alemania “esta discusión no ha empezado”. “Hay un consenso en la opinión pública según el cual la política de Merkel es correcta en el núcleo y tiene base económica”. En Alemania, “la palabra poder es tabú. Hablamos de responsabilidad, de ejemplaridad, de enseñar a los demás”, asegura el sociólogo.

Beck lleva tiempo defendiendo el “contrato social” como única salida a esta Europa en horas bajas. “Europa debe ser refundada, repensada en términos políticos, de gran política, con políticas comunes que superen el ámbito estatal. Debemos hacerlo todos nosotros. No podemos esperar al gran intelectual, se han escondido. Si les llamas, salta el contestador”. Es un aviso y una invitación.

Mas articulos escritos por U.Beck en EL PAIS http://elpais.com/autor/ulrich_beck/a/

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DER SPIEGEL 22.08.2011 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80075373.html

Empört euch, Europäer

Von Beck, Ulrich

Zusammen gewinnen oder einzeln verlieren Von Ulrich Beck

Die deutsche Europapolitik steht vor einer Wende, die so bedeutsam ist wie die der deutschen Ostpolitik Anfang der siebziger Jahre. Die Losung von damals, “Wandel durch Annäherung”, könnte heute lauten: “Mehr Gerechtigkeit durch mehr Europa”.

Es geht, beide Male, um die Überwindung einer Spaltung, zwischen Ost und West damals, zwischen Nord und Süd heute. Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft, so wird es von den Politikern unermüdlich beschworen. Das war sie schon bei der Gründung. Die Europäische Union ist die Idee, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der physischen und moralischen Verwüstung kam. Die Ostpolitik war die Idee, den Kalten Krieg zu entschärfen und den Eisernen Vorhang zu durchlöchern.

Anders als frühere Staaten und Imperien, die ihren Ursprung in Mythen und heldenhaften Siegen feierten, ist die Europäische Union eine transnationale Regierungsinstitution, die aus der Agonie der Niederlage und aus dem Erschrecken über den Holocaust geboren wurde. Aber was meint heute, wo es nicht mehr um Krieg und Frieden geht, die europäische Schicksalsgemeinschaft als neue Generationserfahrung? Es ist die existentielle Bedrohung durch die Finanz- und Euro-Krise, die den Europäern wieder bewusst macht, dass sie nicht in Deutschland oder Frankreich, sondern in Europa leben. Die Jugend Europas erfährt zum ersten Mal ihr “europäisches Schicksal”: Besser ausgebildet denn je, trifft sie mit ihren Erwartungen auf den durch drohenden Staatsbankrott und Wirtschaftskrise ausgelösten Niedergang der Arbeitsmärkte. Jeder fünfte Europäer unter 25 Jahren ist arbeitslos.

Dort, wo das akademische Prekariat seine Zeltlager errichtet hat und seine Stimme erhebt, geht es in allen Jugendprotesten um die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit – und die wird in Spanien, Portugal, aber auch in Tunesien, Ägypten und Israel (anders als in Großbritannien) gewaltlos und doch machtvoll vorgebracht. Europa und seine Jugend eint die Wut über eine Politik, die mit Geldsummen, die alle Vorstellungskraft übersteigen, Banken rettet, dabei aber die Zukunft der Jugend verspielt. Wenn die Hoffnung der europäischen Jugend der Euro-Krise zum Opfer fällt, welche Zukunft bleibt dann für ein Europa, das immer älter wird?

Fast täglich liefern die Nachrichtensendungen neues Anschauungsmaterial für den Eintritt in eine neue Ära riskanter Unordnung – die “Weltrisikogesellschaft”. Seit geraumer Zeit sind die Schlagzeilen austauschbar: Unsicherheit über die Zukunft der Weltwirtschaft, EU-Rettungsschirm in Gefahr, Merkel reist zu Krisentreffen mit Sarkozy, Rating-Agentur erläutert Herabstufung der USA. Signalisiert die globale Finanzkrise den Verfall des alten Zentrums? Ausgerechnet das autoritäre China spielt den Finanzmoralapostel und liest dem demokratischen Amerika, aber auch der EU, die Leviten.

In jedem Fall hat die Finanzkrise eines bewirkt: Alle (auch die Experten und Politiker) sind in eine Welt katapultiert worden, die niemand mehr versteht. Was die politischen Reaktionen betrifft, so lassen sich zwei Extremszenarien gegenüberstellen. Ein hegelianisches Szenario, in dem, mit den Bedrohungen, die der Weltrisikokapitalismus erzeugt, die “List der Vernunft” eine historische Chance erhält. Dies ist der kosmopolitische Imperativ: kooperieren oder scheitern, zusammen gewinnen oder einzeln verlieren.

Zugleich eröffnet die Unkontrollierbarkeit der Finanzrisiken (und des Klimawandels und der Migrationsbewegungen) aber auch ein Carl-Schmitt-Szenario, ein machtstrategisches Spiel, das mit der Normalisierung des planetarischen Ausnahmezustands ethnischer und nationalistischer Politik wieder Tür und Tor öffnet.

Der Schicksalsgemeinschaft kann man in beiden Modellen nicht entfliehen, weil der Weltrisikokapitalismus, egal was wir tun, neuartige existentielle Spaltungen und Bindungen über nationale, ethnische, religiöse und politische Grenzen hinweg stiftet.

Wie kann Europa sich dabei behaupten? Paradoxerweise ist der Erfolg der Europäischen Union zugleich eines ihrer größten Hemmnisse. Viele ihrer Errungenschaften sind den Menschen so selbstverständlich geworden, dass sie diese vielleicht erst dann bemerken würden, wenn sie nicht mehr existierten. Man stelle sich vor, Passkontrollen an Grenzen würden wieder eingeführt, es gäbe keine verlässlichen Lebensmittelvorschriften an allen Orten, keine Meinungs- und Pressefreiheit nach den gleichen Standards (gegen die Ungarn heute verstößt und sich deswegen dem strengen Blick aussetzt); nicht nur bei Reisen nach Budapest, Kopenhagen oder Prag, sondern auch nach Paris, Madrid und Rom müsste man Geld umtauschen und sich Wechselkurse merken. Die “Heimat Europa” ist uns zur zweiten Natur geworden, und gerade das könnte ein Grund sein, sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Es geht darum, die Realität zu erkennen und anzuerkennen, dass Deutschland ein Teil der Schicksalsgemeinschaft Europa geworden ist, und zwar in dem Sinne, wie Willy Brandt es während der ersten Sitzung des gesamtdeutschen Bundestags sagte: “Deutsch und europäisch gehören jetzt und hoffentlich für alle Zukunft zusammen.”

Gilt der hegelsche Gedanke noch, dass die Vernunft in der Geschichte sich am Ende trotz vieler Umwege durchsetzt? Oder hat Carl Schmitt die Regie übernommen, der glaubte, dass zwischen den Staaten im Zweifel immer Feindschaft herrscht?

Anders als die Zwangsschicksalsgemeinschaft der Rivalen USA und China beruht die Schicksalsgemeinschaft Europa auf gemeinsamem Recht, gemeinsamer Währung, gemeinsamen Grenzen, aber auch dem Prinzip des “Nie Wieder!” Statt eine hehre Vergangenheit zu beschwören, versucht die EU sicherzustellen, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Statt ein Superstaat zu werden oder ein Mechanismus, der im besten Fall aufgeklärte nationale Interessen repräsentiert, hat sich die EU in eine dritte Form verwandelt. Ihre wichtigste Rolle ist eine orchestrierende. Sie ermöglicht die Vernetzung von Engagements und Instanzen, zu denen Nationalstaaten gehören, aber nach außen auch nationenübergreifende Organisationen und nach innen Stadt- und Regionalregierungen sowie zivilgesellschaftliche Organisationen.

Innerhalb dieses Rahmens hat sich mit den Rettungsschirmen für südeuropäische Länder eine Konfliktlogik zwischen Kreditgeber- und Kreditnehmerländern entwickelt. Die Geberländer müssen nach innen Sparprogramme durchsetzen und ziehen deswegen die politischen Daumenschrauben bei den Schuldnerländern bis über die Schmerzgrenze hinweg an. Die Schuldnerländer dagegen sehen sich einem Diktat der EU unterworfen, das ihre nationale Unabhängigkeit und Würde verletzt. Beides schürt in Europa Hass auf Europa, da Europa allen als Häufung von Zumutungen erscheint.

Hinzu kommt die gefühlte Bedrohung von außen. Den Kritikern “des” Islam, der angeblich die westlichen Werte der Freiheit missbraucht, gelang es, Ausländerfeindlichkeit und Aufklärung zu verbinden. Plötzlich konnte man sogar im Namen der Aufklärung gegen das Vordringen bestimmter Einwanderer sein. So überlagern und verstärken sich wechselseitig drei selbstzerstörerische Prozesse in Europa: Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Europafeindlichkeit.

Vielen steht, wenn sie an Politik denken, das Ende der Politik vor Augen. Wie kann man nur so blind sein! Im Kleinen wie im Großen, auf der nationalen, auf der europäischen, insbesondere aber auf der weltpolitischen Ebene streiten Hegel, der Vernunftgläubige, und Schmitt, der überall Feinde sieht.

Was die ewige Krise namens Europa betrifft, so stehen in dieser Auseinandersetzung um die Modelle der Zukunft folgende Fragen auf der Tagesordnung: Inwieweit greift der Aufstand der empörten Jugend tatsächlich solidaritätstiftend über nationale Grenzen hinweg? Wie weit führt das Gefühl, abgehängt zu sein, zu einer europäischen Generationserfahrung und zu neuen europapolitischen Initiativen? Wie verhalten sich die Arbeitnehmer, die Gewerkschaften, die Mitte der europäischen Gesellschaft? Welche der großen Parteien beispielsweise in Deutschland bringt den Mut auf, den Bürgern zu erklären, was ihnen die Heimat Europa wert ist?

Angela Merkel zieht die Umwege der Vernunft vor, sie hegelt. Um es in einer Tanz-Metapher zu sagen: zwei Schritte zurück, einen seitwärts, dann die Zirkusnummer der blitzschnellen Kehrtwende, abgefedert durch ein Schrittchen vorwärts – so hüpft, stolpert, taumelt die Berliner Koalition. Nach einer Musik, die weder die Deutschen noch die anderen Europäer hö-ren und verstehen können. Denn während Helmut Kohl noch vor einem deutschen Europa warnte und ein europäisches Deutschland anstrebte, verficht Merkel einen deutschen Euro-Nationalismus: Am Wesen der Berliner Ordnungs- und Wirtschaftspolitik soll Europa genesen.

Was die Ostpolitik der siebziger Jahre im geteilten Deutschland war, sollte aber angesichts der Finanzkrise die Europapolitik heute sein: Vereinigungspolitik über Grenzen hinweg. Warum war die unendliche Kosten verursachende Vereinigung mit der DDR selbstverständlich, warum ist wirtschaftspolitische Integration der Schuldnerländer wie Griechenland und Portugal dagegen verpönt? Es geht nicht nur um das Bezahlen der Zeche. Es geht vielmehr darum, Europas Zukunft und seine Stellung in der Welt neu zu denken und zu gestalten.

Die Einführung der Euro-Bonds wäre kein Verrat deutscher Interessen. Der Weg in die Solidarunion entspricht, ähnlich wie die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, dem wohlüberlegten deutschen Interesse. Er ist Ausdruck europäisch-deutscher Realpolitik. Warum sollte Europa nicht eine Finanztransaktionssteuer einführen, die niemandem, selbst den Banken, wirklich wehtut, aber allen Mitgliedsländern zugutekommt, die finanzielle Handlungsspielräume für ein soziales und ökologisches Europa eröffnet, das den Arbeitnehmern Sicherheit durch Europa verheißt – und damit die Anliegen aufnimmt, die den jungen Europäern besonders am Herzen liegen?

Mehr Gerechtigkeit durch mehr Europa – darin steckt auch der Appell im Sinne der transnationalen Solidargemeinschaft: “Empört euch, Europäer”. Ähnlich wie seinerzeit die Rede von der Annäherung an den kommunistischen Block von vielen als Vaterlandsverrat verteufelt wurde, ist heute die Forderung “Mehr Europa!” ein Schlag ins Gesicht des nationalen Selbstbewusstseins.

Merkels Hin-und-Her-Vor-und-Zurück-Politik könnte zugleich eine Steilvorlage für ein rot-grünes Zukunftsprojekt abgeben. Sobald SPD und Grüne begreiflich gemacht haben, dass ein soziales Europa mehr ist als eine introvertierte Krämerseele, nämlich – mit Hegel gesprochen – eine historische Notwendigkeit, wird sogar die SPD wieder Profil und Wahlen gewinnen. Vorausgesetzt, sie hat den Mut, die Europapolitik offensiv zu ihrem Hauptprojekt zu erklären, wie vor gut vierzig Jahren die Ostpolitik.

Ulrich Beck, 67, lehrt Soziologie in London und Harvard. Nächsten Monat erscheint sein zusammen mit Elisabeth Beck-Gernsheim verfasstes Buch “Fernliebe. Lebensformen im globalen Zeitalter” bei Suhrkamp.

Alle sind in eine Welt katapultiert worden, die niemand mehr versteht.

Vielen steht das Ende der Politik vor Augen.

DER SPIEGEL 34/2011

 

Homepage de Ulirch Beck
http://www.ulrichbeck.net-build.net/
Downloads de algunos de sus textos (muchos tambien en traducción española):
http://www.ulrichbeck.net-build.net/index.php?page=downloads

Ulrich Beck ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und British Journal of Sociology Visiting Centennial Professor an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er ist Herausgeberder Reihe ‚Edition Zweite Moderne‘ im Suhrkamp Verlag und Mit-Herausgeber der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift ‚Soziale Welt‘.

Ulrich Beck ist einer der bedeutendsten Soziologen und Risikoforscher der Gegenwart. Sein 1986 erstmals veröffentlichtes Buch ‚Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne‘ wurde zu einem Besteller und in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Der darin geprägte Begriff der Risikogesellschaft machte ihn international und weit über akademische Kreise hinaus bekannt. Zwanzig Jahre später erneuerte und erweiterte er seine Zeitdiagnostik in dem Buch ‚Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verloren Sicherheit‘ im Zeichen von Terrorismus, Klimakatastrophen und Finanzkrisen.

In seinen Arbeiten befasst er sich unter anderem mit den Themen Risikogesellschaft und hergestellte Unsicherheiten, Individualisierung und Soziale Ungleichheit, Globalismus und Globalisierung, Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung, methodologischer Nationalismus und methodologischer Kosmopolitismus in den Sozialwissenschaften.

Die von Ulrich Beck entwickelte „Theorie reflexiver Modernisierung“ kann man in drei komplexe Argumente auffächern – das Theorem der (Welt-)Risikogesellschaft, das Theorem forcierter Individualisierung und das Theorem mehrdimensionaler Globalisierung bzw. Kosmopolitisierung. Alle drei Theoreme sind radikalisierte Formen einer Modernisierungsdynamik, die am Beginn des 21. Jahrhunderts, auf sich selbst angewendet, die Erste Moderne auflöst.

Ulrich Beck publiziert regelmäßig zu aktuellen Themen in renommierten nationalen und internationalen Tageszeitungen und Magazinen.

 

 

 

 

 

Libros:

 
Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise (German Europe)
– deutsche Originalversion:
http://www.suhrkamp.de/edition-suhrkamp-digital/das-deutsche-europa_973.html
 -edicion española: Paídos 12,95 euros
http://www.planetadelibros.com/una-europa-alemana-libro-87192.html

Sprache – “hinaus” und “heraus” Wohin,nun?

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-die-sprachglosse-nunter-naus-aus-12021818.html

 

FDP-Bundesparteitag Vor dem Nauswurf?

Fraktur – Die Sprachglosse Nunter! Naus! Aus!

FAZ 11.01.2013 ·  Demnächst könnten einige fliegen: Fußballtrainer, Parteivorsitzende, Kanzlerkandidaten. Die neue Unbarmherzigkeit braucht neue Vorsilben.

Von Karen Horn

eh aus, mein Herz, und suche Freud – so dichtete im 17. Jahrhundert der Theologe Paul Gerhardt. Damit hat er es sich, es handelt sich schließlich um ein geistliches Lied, ziemlich leicht gemacht. Das ewige Hin und Her, das womöglich schon damals die Menschen überforderte, umschiffte er glatt: Soll mein Herz nun hinaus gehen oder heraus? Das ist wie vieles eine Frage der Perspektive, genauer: der Verortung des Handelnden im Verhältnis zum „drinnen“ und zum „draußen“. Natürlich hatte der fromme Mann nichts anderes im Sinn, als uns die Schönheit der Schöpfung als Quelle der Zuversicht anzuempfehlen. Deshalb sollen wir das Herz vom eigenen engen Seeleninneren fort auf Reisen schicken, hinaus in die große, weite, herrliche Welt. „Hinaus“ ist die Antwort auf die Frage „wohin“: jemand strebt fort, irgendwohin, und zwar in ein fremdes, spannendes Draußen.

Der unbarmherzige Nauswurf

Doch manchmal meinen wir auch, unser Herz müsse nicht hinaus, sondern heraus gehen, um Freud zu suchen und erst einmal Sigmund zu finden. Sind wir nicht recht bei uns, sondern gefangen und bedrängt von Kümmernissen, dann müssen wir das Herz erst heimholen. Es muss ausbrechen aus seinen Nöten und zurück hierher finden, her zu uns. „Heraus“ impliziert ein „hierher“: Etwas bewegt sich von seinem uns fremden Drinnen her in unser vertrautes Draußen. Analoges gilt für die Wörtchen „hinunter“ und „herunter“: Wir laden ein Computerprogramm nicht etwa hinunter, sondern herunter, weil es aus der abstrakten Cyberwelt herkommen soll zu uns, die wir außerhalb dieser Sphäre stehen. Nur eingedenk dieser Konnotation der Nähe ist denn auch zu begreifen, dass oft zu hören ist, eine Regierung habe einen Minister, ein Fußballclub einen Trainer, ein Unternehmen einen Manager „herausgeworfen“. Denn dieser sieht sich dann per Kündigung gleichsam wie im Fluge herausbefördert aus dem uns fremden, unbegreiflichen und ohnehin nicht ganz geheueren Binnenraum des Kabinetts, des Clubs, des Konzerns – heraus und her zu uns, dem Rest der Welt, der offenbar nur auf ihn gewartet hat.

Eine solche klammheimliche Eingemeindung, die an dem ins reale Leben Herausgeworfenen damit sprachlich vollzogen wird, ohne dass dieser sich dagegen wehren kann, geht am Wesentlichen allerdings vorbei: dem Akt der Verstoßung an sich, dem aktiven Hinauswurf. Es handelt sich in einem solchen Fall bei Lichte besehen mitnichten bloß um einen harmlosen „Rauswurf“, wie mit umgangssprachlichem Buchstabenschwund geschlagene Zeitgenossen neuerdings ach so kess schreiben, sondern logisch korrekt und viel, viel schlimmer: um einen unbarmherzigen „Nauswurf“.

Warum sagt das denn keiner? Zusätzlich zu den längst anerkannten Vorsilben „runter“ und „raus“ wünschen wir uns mindestens noch „nunter“ und „naus“. Und aus.

El placer & la politica – Genuss ist politisch

Sobre lo politico del goce personal: Die Zeit 02.01.2013

http://www.zeit.de/campus/2012/06/robert-pfaller-philosophie-genuss

Genuss ist politisch”

Der Philosoph Robert Pfaller verteidigt die Unvernunft. Das Leben sei nur dann lebenswert, sagt er, wenn wir miteinander feiern, trinken und schlafen.

ZEIT Campus: Herr Pfaller, wann haben Sie das letzte Mal eine kindische Dummheit begangen?

Robert Pfaller: Oh, erst vor Kurzem. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, welche.

ZEIT Campus: Nicht? Dabei schreiben Sie, man müsse sich kindische Dummheiten gönnen, sonst sei das Leben nicht lebenswert.

Pfaller: Bezeichnenderweise kann man anderen Leuten heute aber nichts mehr vorbildhaft vorleben – auch nicht als Philosoph. Früher war das anders: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zum Beispiel führten in den 1950er Jahren eine offene Beziehung. Das passte zu ihrer Philosophie, wich von den Moralvorstellungen ab – und hatte eine Vorbildfunktion, die etwas in der Gesellschaft veränderte. Heute ist das nicht mehr möglich. Wer heute abweicht, wird nur als Freak wahrgenommen. Die anderen nehmen sich kein Beispiel, sondern zeigen bloß mit dem Finger auf ihn.

ZEIT Campus: Heute ist aber auch viel mehr erlaubt als in den 1950ern!

Pfaller: Da sollten wir uns nicht täuschen. Wir dürfen heute nicht viel mehr. Der Unterschied ist, dass wir uns mit immer besseren Argumenten selbst verbieten, was uns früher von anderen Menschen verboten worden wäre.

ZEIT Campus: Das müssen Sie bitte erklären.

Pfaller: Frauen und Männer sind heute mindestens genauso sexfeindlich und scheu wie in den 1950ern. Nur die Gründe sind andere. Damals fürchtete man den Verlust des öffentlichen Ansehens und die gesellschaftlichen Tabus. Heute sind die Motive Emanzipiertheit und Respekt vor der Emanzipation. Was früher als höflicher und charmanter Umgang galt, lehnen wir ab, weil wir solche sozialen und kulturellen Gebote als »normierend« empfinden. Wir fürchten um die Selbstbestimmung und unsere angeblich so verletzliche Identität.

ZEIT Campus: Ist doch gut: Jeder kann sein, wie er will.

Pfaller: Auffällig ist nur, dass die wenigsten dabei glücklich sind. Psychoanalytisch ist das erklärbar: In jedem Begehren, das wir haben, steckt auch das Begehren der anderen. Jede Mode, die uns gefällt, gefällt uns, weil sie anderen gefällt – und weil wir hoffen, anderen darin zu gefallen. Wenn wir das für Fremdbestimmung halten und ablehnen, dann rebellieren wir aber nicht gegen einschränkende Normen, sondern gegen unsere Geselligkeit. Gegen gesellschaftliche Ideale, die uns helfen, keine miesen Spaßverderber zu sein. Gesellschaftliche Ideale, die für unser Glück notwendig sind.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Pfaller: Wenn wir Fußball spielen, mag es frustrierend sein, sich mit einem Zinedine Zidane zu vergleichen, aber es spornt auch an und führt zu Glücksmomenten, wenn uns etwas Kleines gelingt. Wenn mir aber gesagt wird: »Hier ist ein Ball, spielen Sie doch so, wie Sie wollen«, dann weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich glaube, dass das Unglück vieler Menschen auch daher kommt, dass uns die Idealvorstellungen fehlen.

ZEIT Campus: Und warum sind Ihnen neben den Vorbildern die kindischen Dummheiten so wichtig?

Pfaller: Während uns die sozialen Ideale abhandengekommen sind, beherrscht uns heute das viel perfidere, im »Ich« verankerte Ideal der Vernunft. Wir erleben nicht mehr den äußeren Druck, uns auf irgendeine Weise akzeptabel zu verhalten, sondern den inneren Druck, immer vernünftig zu sein. Das heißt: möglichst effizient zu handeln, uns permanent selbst zu optimieren und alles zu vermeiden, was zwar lustvoll, aber scheinbar schlecht für uns ist. Deshalb trinken wir Bier ohne Alkohol, essen Margarine ohne Fett und haben im Internet Sex ohne Körperkontakt.

ZEIT Campus: Was spricht dagegen?

Pfaller: Immer nur vernünftig zu sein ist kein Kennzeichen davon, dass man tatsächlich vernünftig ist. Man verhält sich dann nicht erwachsen, sondern schrecklich altklug. Altkluge Kinder sagen: »Ich werde nie Alkohol trinken! Ich werde nie meine Zeit mit Mädchen verschwenden!« Sie verstehen nicht, warum Erwachsene scherzen, sich berauschen oder sich verlieben, also unvernünftige Dinge tun.

ZEIT Campus: Und warum tun Erwachsene das?

Pfaller: Wer nur vernünftig ist, funktioniert wie eine Maschine. Das ist nicht lebenswert. Wir arbeiten dann ständig dafür, unser Leben zu finanzieren und zu verlängern. Aber wir fragen uns nicht, wofür wir überhaupt am Leben sind. Erst wenn wir unvernünftige Dinge tun, tanzen, trinken oder uns verlieben, haben wir das Gefühl, dass es sich zu leben lohnt.

ZEIT Campus: Woran liegt das?

Pfaller: Nur wenn wir ein bisschen verschwenderisch mit dem Leben umgehen, verhalten wir uns wirklich souverän und frei, weil das Leben dann nicht mehr Mittel zum Zweck ist. Alles, was uns Genuss verschafft, hat deshalb ein zwiespältiges und unvernünftiges Element. Alkohol ist ungesund, Sex ist unappetitlich, und Musikhören ist Zeitverschwendung.

ZEIT Campus: Wir genießen nur das, was uns schadet?

Pfaller: Ja, und deshalb können wir Alkohol, Sex und selbst den Müßiggang des Musikhörens nur in bestimmten Momenten, gemeinsam mit anderen, genießen. Allein ein Glas Sekt zu trinken macht keinen Spaß. Dafür schmeckt es umso besser, wenn jemand sagt: »Wir lassen jetzt die Arbeit ruhen und stoßen an, denn die Kollegin hat Geburtstag!« Es ist die besondere Kraft der Kultur, dass sie uns aus unserem vernünftigen, aber unsouveränen Alltagsverhalten herausreißen kann. Sie erlaubt uns, ab und zu unvernünftig zu sein und mit anderen Menschen das Leben zu genießen.

ZEIT Campus: Mal ehrlich: Beschäftigen Sie sich nicht mit philosophischen Luxusproblemen?

Pfaller: Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck unserer Luxusgesellschaft, dass wir glauben, uns mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigten zu müssen. Wenn sich unterdrückte Menschen zu Revolutionen erheben, geht es ihnen niemals nur um den Kampf gegen Hunger oder Armut, sondern immer auch um Glück und Würde. Diese Revolutionäre fordern ein Leben, für das es sich zu leben lohnt. Diese Forderung ist in den reichsten Gesellschaften der Welt abhandengekommen.

ZEIT Campus: Die EU bricht auseinander, der Klimawandel ist kaum noch zu stoppen, und Sie sagen: »Leute, genießt euer Glas Sekt«?

Pfaller: Die Genussfrage ist aus meiner Sicht eine politische Frage. Früher gab es einen öffentlichen Raum, der von gemeinsamen Idealen geprägt war. Man trug in der Öffentlichkeit feinere Kleider und benahm sich höflicher als zu Hause. Wenn andere rauchen wollten, dann ließ man das zu, denn das galt als elegant. Weil es diese geteilten Vorstellungen von Eleganz nicht mehr gibt und jeder die Qualität von Öffentlichkeit mit seinen privaten Maßstäben misst, sind wir heute schnell dabei, alles zu verbieten, was uns stört: Auf manchen öffentlichen Plätzen darf kein Alkohol mehr getrunken werden, in Bars und Restaurants gilt das Rauchverbot.

ZEIT Campus: Aber es ist doch auch unhöflich, anderen Rauch ins Gesicht zu blasen.

Pfaller: Während uns das Rauchverbot als Fortschritt verkauft wird, finden enorme politische Beraubungen statt. Sie haben heute vielerorts keinen Anspruch mehr auf öffentlich finanzierte Hochschulbildung, auf soziale Sicherheit oder auf eine verlässliche Altersvorsorge – geschweige denn auf Würde, Eleganz und Genuss. Das müssen Sie alles privat für sich regeln. Die Öffentlichkeit wird zu einer Sphäre von Verboten und von Verzicht.

ZEIT Campus: Man könnte auch sagen, dass es ein Zeichen von Souveränität und Freiheit ist, Alkohol und Zigaretten abzulehnen.

Pfaller: Dann stellt sich die Frage, wo wir Freiheit verorten. Bin ich da frei, wo ich auf meine kleine, einsame Privatexistenz reduziert bin und mir nicht zugetraut wird, über meine Befindlichkeiten hinauszuwachsen? Oder ist Freiheit das, was meine gesellschaftliche, politische und öffentliche Existenz ausmacht? Ich denke, Freiheit liegt in der Öffentlichkeit, in der Existenz als politischer Bürger gemeinsam mit anderen. Wenn jeder nur seine Eigeninteressen verfolgt, ist das keine Befreiung, sondern Entpolitisierung und Entsolidarisierung.

ZEIT Campus: Erst dadurch, dass wir genießen, werden wir zu politischen Bürgern?

Pfaller: Umgekehrt: Wir müssen politische Bürger werden, um genießen zu können. Wir müssen uns öffentliche Räume zurückerobern, um glücksfähig zu werden. Dabei müssen wir uns gegen eine Regierung wehren, die die Bankenaufsicht vernachlässigt und stattdessen das Rauchen verbietet – und auch dagegen, dass uns Ideen als befreiend oder solidarisch vorkommen, die es gar nicht sind.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit konkret?

Pfaller: Etwa die Idee der Vielfalt, oder diversity, die in Wahrheit immer eine Vielfalt von einfältigen Identitäten und homogenen Communitys ist. Statt von Community, also Gemeinschaft, sollten wir von Gesellschaft sprechen.

ZEIT Campus: Was ist falsch an der Community?

Pfaller: Niemand ist nur Frau, nur Muslim oder nur Bondage-Fan. Alle können auch etwas anderes, Öffentliches sein. Wir brauchen öffentliche Räume, in denen man uns zutraut, von unseren privaten Eigenschaften abzusehen und mit Menschen solidarisch zu sein, mit denen wir keine privaten Interessen teilen. Das allein macht schon ziemlich glücklich.

ZEIT Campus: Genießen Sie mehr oder weniger, seit Sie beruflich über dieses Thema nachdenken?

Pfaller: Das Nachdenken über Glück und Genuss kann ein wichtiger Teil des Glücks sein. Und das genieße ich sehr.

 Der Philosoph Robert Pfaller
Robert Pfaller

Der Philosophieprofessor Robert Pfaller, 50, gilt als klügster Gegner des Rauchverbots – dabei greift er selbst kaum zur Zigarette. Er wurde 1962 in Wien geboren. Er war Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in Linz und Wien. Seit 2009 ist er in Wien Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst. Pfaller ist Autor zahlreicher Bücher zur Gegenwartskultur. Im Jahr 2008 erschien Das schmutzige Heilige und die praktische Vernunft (S.Fischer), in dem er die die Lustvermeidung und Askese in neoliberalen Gesellschaften kritisierte. Im Frühjahr 2011 erschien Wofür es sich zu leben lohnt – Elemente materialistischer Philosophie.

 

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-05/interview-robert-pfaller

“Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Genuss”

Leben wir in einer Verzichts- und Verbotsgesellschaft? Der Philosoph Robert Pfaller sagt im Interview: Durch Mäßigung verlernen wir wichtige Kulturtechniken.

ZEIT ONLINE: Herr Pfaller, Ihrer Meinung nach gehen uns derzeit einige genussvolle Kulturtechniken verloren. Haben Sie ein paar Beispiele zur Hand, die derzeit auf der “Liste der vom Aussterben bedrohten guten Lebensmomente” stehen könnten?

Robert Pfaller: Neben dem Rauchen, das wir uns derzeit verdächtig gerne verbieten lassen, und dem zivilisierten Alkoholkonsum , wird uns auch der Sex zunehmend problematisch. Wir schämen uns nicht nur vor anderen, so wie die Leute im 19. Jahrhundert. Sondern haben heute auch moralische, politische und gesundheitliche Bedenken gegen den Sex. Sodass Angehörige aller Geschlechter heute kaum noch wissen, wie sie einander ansprechen sollen. Vielleicht lässt sich ja in Zweierbeziehungen, die sich immer weiter zu verfestigen scheinen, manches davon wieder gutmachen. Aber das Knisternde des Charme, der Flirts, der Koketterie mit fremden Menschen, mit denen man vielleicht nicht unbedingt auf ein intimes Verhältnis abzielt, scheint verloren zu gehen.

ZEIT ONLINE:Sie bescheinigen uns eine aktuelle “Maßlosigkeit im Mäßigen” . Woher kommt eigentlich die Idee dazu?

Pfaller: In meinem vorigen Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft hatte ich den Satz geschrieben “Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist.” Als ich diesem Gedanken nachging, entdeckte ich ihn bei Epikur wieder. Er sagt, mit der Mäßigung müsse man maßvoll umgehen, weil sie selbst sonst zum Exzess wird. Diese listige Forderung nach Verdoppelung der Mäßigung hat mich besonders amüsiert, da wir die antiken Philosophen sonst ja meist als öde Mäßigungsprediger kennen.

ZEIT ONLINE: Steckt hinter einer Kritik der Mäßigung nicht aber auch ein wenig Neid auf die Disziplinierten, die Schönen, Gesunden, Schlanken, Erfolgreichen? Ist Disziplin nicht eine besonders wertvolle Leistung?

Pfaller: Wir sind nicht diszipliniert; wir haben nur ein gestörtes Verhältnis zum Genuss. Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten. Menschen sind von sich aus alles andere als genussorientiert und hedonistisch. Erst die Kultur kann ihnen ein wenig dazu verhelfen. Freilich vermögen das nicht alle Kulturepochen im selben Maß. Die unsere bestärkt uns darin, das tyrannische Über-Ich ernst zu nehmen, anstatt uns zu helfen, seine Kindereien mit Humor zu betrachten.

ZEIT ONLINE: Wozu sind wir nicht mehr in der Lage, wenn wir zu diszipliniert sind?

Pfaller: Uns Momente kindlicher Unvernunft zu gönnen, die einzigen wirklichen Freuden und Triumphe, die wir im Leben haben. Das konnten etwa die sechziger und siebziger Jahre, wie man an alten Filmen feststellen kann, noch deutlich besser.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es sei ein Tabu, fetten Schweinebraten zu genießen . Auf der anderen Seite wollen alle perfekt aussehen, und zwar möglichst auch noch auf natürliche Weise. Ist es heute nicht das viel größere Tabu, zu sagen, dass man Diät hält, um besser auszusehen? Weil das besonders uncool wäre?

Pfaller: Das Uncoolste scheint mir heute zu sein, sich selbst nicht zu dick zu finden!

ZEIT ONLINE: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ist es verpönt, sich die Brüste operieren zu lassen?

Pfaller: Bei den Brustoperationen dürfte eine ähnliche Umverteilung stattfinden wie beim Sex insgesamt: In den etablierten Mittelschichten wird reduziert, die Unterschichten dagegen stocken sichtbar auf, sozusagen bei gleichbleibender Busengesamtmenge.

ZEIT ONLINE: Aber dem Traum von Makellosigkeit und Schönheit entkommt man trotzdem nicht.

Pfaller: Schöne Menschen sind ja eben nicht makellos. Denken Sie an die Nase der Kleopatra: Hätte sie anders ausgesehen, schreibt der Philosoph Blaise Pascal, hätte das Gesicht der Welt sich verändert. So viel Begehren konnte diese besondere Nase bei römischen Kaisern auslösen. Heute wäre sie ein typischer Fall für eine kosmetische Operation. Eine Kultur, die ständig nach Makellosigkeit strebt, hat die Fähigkeit verloren, zwiespältige Elemente in etwas Großartiges zu verwandeln. Wir versuchen sie zu unterdrücken, zu verbieten oder wegzuoperieren. Der Jazzpianist Thelonius Monk dagegen hatte gesagt: If you ever play a false note, play it again, and play it loud!

ZEIT ONLINE: Also ist Genuss zwangsläufig immer um etwas Zwiespältiges aufgebaut.

Pfaller: Alle wirklich großartigen Momente im Leben entstehen durch die Verwandlung von etwas, das wir so nicht immer haben wollen. Der Alkohol berauscht, die Partykleidung ist teuer, der Müßiggang macht schlechtes Gewissen oder Langeweile. Die Kultur verhilft uns durch ihre Gebote des Feierns dazu, dass wir das Ungute bejahen und daraus etwas Grandioses machen können. Und genau das verschafft uns den Triumph: Wir sind begeistert über unsere Verwandlungskraft. Nur als kulturelle, das heißt als öffentliche Menschen sind wir zu diesem Genuss fähig. Auch die Liebe gelingt, wie Richard Sennett bemerkt hat, nur, wenn wir uns darin als gesellschaftliche Wesen mit bestimmten Rollen verhalten – und uns nicht einbilden, dass dies nur eine Herzensangelegenheit zwischen Privatpersonen wäre. Wir brauchen Rollen, die uns zeigen, wie etwas gemacht gehört, und die uns gebieten, es zu tun. Verbote brauchen wir nicht.

ZEIT ONLINE: Wer aber Sicherheitsargumente ignoriert, muss im Zweifel auch die Verantwortung übernehmen. Wer sagt: “Lasst die jungen Leute doch feiern und Spaß haben!”, der ist nachher verantwortlich für ein Unglück wie eben dem nach der letzten Loveparade.

Pfaller: Entscheidend ist, dass wir uns nicht ständig vor dem Tod fürchten, sondern vielmehr vor schlechtem Leben. Dann kann man über alles reden und abwägen, ob man etwas mehr Sicherheit will oder lieber etwas mehr Unbeschwertheit. Aber die derzeitigen Vorschläge zur Verbesserung von Sicherheit, Gesundheit, Nachhaltigkeit und so weiter werden nicht in einer diskutierbaren, abwägenden Weise eingebracht, sondern als ständig neue Paniken, die sofort nach Verboten verlangen. Hier wird anscheinend unbewusst eine bestimmte Idee von Unsterblichkeit verfolgt, als wäre dies ein höchstes Gut, dem man alles andere selbstverständlich opfern muss.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, es gäbe wieder eine wachsende Menge an Menschen, die “ihr Leben als Gabe betrachten, das sich zu geben lohnt”. Selbstmordattentäter zum Beispiel.

Pfaller: Der Selbstmordattentäter, der sein Leben um jeden Preis loswerden will, erscheint mir in gewisser Weise als das Spiegelbild des ängstlichen westlichen Menschen, der es um jeden Preis behalten will. Würden wir uns nicht sofort zu panischen Sicherheitsvorkehrungen und zu massiven Eingriffen in die Bürgerrechte hinreißen lassen, dann hätte es auch weniger Reiz, uns zu attackieren. “Macht, was Ihr wollt, wir bleiben gelassen”, wäre ein souveränes Signal. Wenn wir zeigen, dass wir diejenigen sind, die schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod, dann stellt sich für die anderen die peinliche Frage, auf welchem Standpunkt sie eigentlich stehen. Freilich müssen aber auch politische Probleme gelöst werden, um diesen Tätern den Anschein von Legitimation zu entziehen, den sie zumindest in ihren eigenen Augen wohl besitzen.

ZEIT ONLINE: Es scheint umgekehrt eine Mode zu geben, insbesondere die jüngere Generation als spießig und lustfeindlich und konservativ zu bezeichnen. Ist das nicht aber auch eine gewisse Arroganz einer älteren abgesicherten, gut verdienenden Generation?

Pfaller: In einer Zeit, in der alle gezwungen sind, so hart um ihre Existenz zu kämpfen, ist es nur konsequent, sich asketisch zu verhalten. Askese war ja ursprünglich eine Vorbereitung auf das Kämpfen. Etwas anderes aber ist es, solche Zwänge zu verinnerlichen und das, wozu man gezwungen wird, auch noch als Utopie zu begrüßen und jedes andere Bild glücklichen Lebens mit spontanem Abscheu und mit Aggression abzulehnen. Man muss auch wissen, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das haben übrigens alle Generationen von früheren gelernt.

ZEIT ONLINE: Verschieben sich die Räume des Abgesicherten und dessen, was anarchisch und mutig sein darf? Im Internet zum Beispiel entstehen derzeit immer noch neue Freiheiten, Chancen und auch Grauzonen, während etwa der Straßenverkehr immer noch weiter geregelt wird. Nach der Anschnallpflicht kommt demnächst vermutlich die Fahrradhelmpflicht.

Pfaller: Man muss sich ansehen, wer mit Zwang behandelt wird, und wer dafür nicht. Unter neoliberalen Bedingungen werden die Kontrollen über mächtige Lobbyinteressen aufgehoben. So hat zum Beispiel die Aufhebung der Kontrollen über die Lebensmittelproduktion in England zum europaweiten Rinderwahn geführt. Der Staat wird geschwächt und daran gehindert, den Individuen Möglichkeiten zu eröffnen, also etwa Zugang zu Infrastruktur, Bildung, soziale Sicherheit und ähnliches. Stattdessen wird er zunehmend als repressive Macht gegen die Individuen eingesetzt – denen man erzählt, es geschehe zu ihrem eigenen Besten. Dabei werden unter anderem auch Formen zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit zerstört: Pressefreiheit, der freie Austausch von Gedanken und Tabakkultur im Café waren zusammenhängende Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen von 1848.

 

Una tendencia alemana ? Vivir solo …

Single-Haushalte Allein, nicht einsam

Von Wlada Kolosowa, Der Spiegel 02.01.2013

http://www.spiegel.de/panorama/eric-klinenberg-singles-sind-nicht-zwingend-einsam-a-873985.html

Allein zu Haus: Immer mehr Menschen leben in Ein-Personen-Haushalten

Allein zu Haus: Immer mehr Menschen leben in Ein-Personen-Haushalten

Jeder fünfte Deutsche lebt allein, weltweit steigt die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Werden wir egoistischer, isolierter? Mitnichten, meint der Soziologe Eric Klinenberg. Einsamkeit ist weder eine Frage der Wohnverhältnisse – noch des Beziehungsstatus.

Eine Dose Ravioli, “für eine Person”; ein Mini-Fläschchen Wein; eine Kaffeemaschine für eine Tasse: So richtig glamourös muten Produkte für Ein-Personen-Haushalte nicht an. Dabei sind Alleinlebende längst nicht mehr allein mit ihrer Situation. In Paris, der Stadt der Liebe, gibt es etwa 50 Prozent Single-Haushalte. In Stockholm 60 Prozent.

 In Berlin leben 31 Prozent der Menschen allein. Laut der Mikrozensus-Befragung des Statistischen Bundesamtes waren es 2011 insgesamt 15,9 Millionen Menschen in Deutschland, vor 20 Jahren waren es 11,4 Millionen.

Die Zahl der Menschen, die auf der Welt allein leben, steigt kontinuierlich an. Der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg hat das Buch “Going Solo” verfasst. In einem sieben Jahre dauernden Projekt befragte Klinenberg 300 Alleinlebende und trug auch globale Daten zusammen. Die Tendenz, allein zu leben, ist demnach der größte demografische Wandel seit dem Babyboom.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klinenberg, macht es uns einsamer, allein zu leben?

Klinenberg: Allein leben, allein sein und einsam sein sind drei verschiedene Dinge. Das habe ich erst im Laufe meiner Recherchen verstanden. Mein Buch sollte eigentlich sehr düster werden. Die Idee dazu kam, als ich 1995 die Todesfälle während der Hitzewelle in Chicago untersuchte: Fast 750 Menschen starben, viele von ihnen blieben ohne Hilfe, weil sie sehr isoliert lebten. Der Arbeitstitel meines Buches war: “Allein in Amerika”. Aber bei meinen Untersuchungen stellte ich fest: Menschen, die allein leben, gehen häufiger in Bars und Restaurants, treffen Freunde und Nachbarn und engagieren sich ehrenamtlich. Allein zu leben funktioniert nur deshalb, weil wir in solchen dichten Netzwerken verankert sind. Es ist die gegenseitige Abhängigkeit, die uns unabhängig macht.

SPIEGEL ONLINE: Hätte sich “Allein in Amerika” besser verkauft als “Going Solo”?

Klinenberg: Ja, das denke ich. In Amerika tragen Soziologie-Bestseller Namen wie “Die einsame Masse”, “Alleine bowlen” und “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens”. Wir trauern einer goldenen Ära nach, die nie existierte. Auch in der Vergangenheit gab es unglückliche Familien und stille Verzweiflung. Viele glorifizieren die Zeiten, als es augenscheinlich keine Scheidungskinder gab und die Ehe ein Leben lang hielt. Vieles davon war reine Überlebensstrategie, es gab keinen Ausweg. Als Soziologe glaube ich “Mad Men” eher als all den Serien, die von einem glücklichen Familienleben in den Fünfzigern handeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, dass es nichts Einsameres gibt, als mit der falschen Person zu leben.

Klinenberg: Jeder von uns ist allein besser dran als in einer schlechten Beziehung. Aber viele Menschen bleiben beim Status quo, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Wir wissen gar nicht, wie Alleinsein geht. Den 60 Jahren, in denen das Alleinleben an Popularität gewonnen hat, stehen 200.000 gegenüber, in denen die Menschheit in Gruppen wohnte. Wir erleben gerade ein beispielloses gesellschaftliches Experiment.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich verändert?

Klinenberg: Früher kam alles im Paket: romantische Liebe, Heirat, Kinderkriegen, gemeinsames Haus. Jetzt zieht man Kinder mit dem Ex-Partner groß und lebt mit einem anderen zusammen, Verliebte wohnen in getrennten Haushalten. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, Zeit mit sich selbst zu haben, um zu überlegen, was man will und mit wem. Statistiken zeigen: Je älter man bei einer Heirat ist, desto höher ist die Chance, dass die Ehe hält.

SPIEGEL ONLINE: Werden Paare in der Zukunft ein gemeinsames Leben in getrennten Wohnungen führen?

Klinenberg: Ich kann mir gut vorstellen, woher dieses Bedürfnis kommt: In großen Städten sind wir ständig von Menschen umringt. Wir sind süchtig nach unseren E-Mails und Facebook. Dieses soziale Grundrauschen führt dazu, dass wir uns selbst nicht hören. Wir brauchen mehr Umgebungen, die das Bedürfnis nach Einsamkeit mit dem nach Kontakt verbinden. Ich bin sehr an urbanen Entwürfen interessiert, in denen Menschen in einem Gebäude sowohl ihre eigene Wohnung haben als auch Gemeinschaftsräume: Cafés, Partyzimmer. Bereiche, in denen man sich treffen kann, aber nicht muss.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Nachteile des Alleinlebens?

Klinenberg: Es ist teuer. Und nicht unbedingt umweltfreundlich: Alleinlebende verbrauchen mehr Strom und mehr Verpackungsmaterial pro Kopf. Wobei eine Person, die in einer winzigen Wohnung in Manhattan lebt und öffentliche Verkehrsmittel nutzt, einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlässt als eine Familie aus dem Vorort mit einem Riesenhaus und zwei Autos.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ein-Personen-Haushalte ein Effekt des wachsenden Wohlstandes?

Klinenberg: Wohlstand ist ein wichtiger Faktor. Ohne die Frauenbewegung wäre der Schub aber wohl nicht zustande gekommen. Außerdem haben Urbanisierung, Kommunikationstechnologien und eine höhere Lebensdauer dazu beigetragen. Die Grundvoraussetzung ist aber die finanzielle Sicherheit. Die Volkswirtschaften, die am schnellsten wachsen, wie China, Indien und Brasilien, haben den größten Anstieg in der Gruppe der Alleinlebenden.

SPIEGEL ONLINE: Sobald wir genügend Ressourcen haben, kaufen wir uns also einen Ort, an den wir uns zurückziehen können. Sind Menschen doch keine sozialen Wesen?

Klinenberg: Ich glaube daran, dass wir zutiefst soziale Tiere sind. Das Leben allein macht uns weder gemeinschaftsunfähiger noch freier und kreativer. Die Probleme derer, die eine Wohnung für sich haben, unterscheiden sich nicht deutlich von denen jener, die mit ihrem Partner leben. Wir kämpfen alle mit Einsamkeit und dem Gefühl, dass uns etwas fehlt, dass wir etwas besser machen können in unserem Leben, dass wir nicht genug Zeit für uns und wichtige Menschen haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber braucht man an manchen Tagen nicht eine Umarmung, wenn man nach Hause kommt? Oder jemanden, der einem eine Tasse Tee macht?

Klinenberg: Man darf das Wohnen in einem Single-Haushalt nicht mit dem Idealbild einer Familie vergleichen, sondern mit den Erfahrungen, die Menschen tatsächlich machen. In der Realität gibt es viele Familien und Paare, die abends im Wohnzimmer zwar zusammensitzen, aber die Zeit in einer unterschiedlichen Realität verbringen – mit Computerspielen, Smartphones und dem Fernseher. Liebe heißt nicht, dass man eine gemeinsame Adresse haben muss. Liebe ist eine tiefe und starke emotionale Verbindung, ein Bedürfnis, die Person in ihrer Ganzheit zu ergründen.

SPIEGEL ONLINE: Gehören die schmutzigen Socken nicht dazu?

Klinenberg: Nein. Wenn du jemanden liebst, musst du nicht unbedingt die Socken lieben.

Das Interview führte Wlada Kolosowa.

Trabajar en Alemania 5

Konjunktur in Deutschland So viele Erwerbstätige wie noch nie

02.01.2013 ·  Unternehmen werden vorsichtiger, was Neueinstellungen angeht, teilt die Bundesagentur für Arbeit mit. Das ist kein Grund zur Panik: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland so viele Erwerbstätige wie noch nie.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur-in-deutschland-so-viele-erwerbstaetige-wie-noch-nie-12011999.html

m abgelaufenen Jahr waren so viele Menschen in Deutschland erwerbstätig wie noch nie zuvor. Im Schnitt des Jahres 2012 registrierte das Statistische Bundesamt 41,5 Millionen Beschäftigte mit einem Wohnort in Deutschland, wie das Amt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Das waren 416.000 Menschen oder 1,0 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Insbesondere in der zweiten Jahreshälfte schwächte sich das Job-Wachstum aber im Zeichen der konjunkturellen Flaute ab. 2011 war die Beschäftigtenzahl noch um 1,4 Prozent gewachsen. Für das gerade begonnene Jahr 2013 erwarten Experten eine weiter abnehmende Dynamik, aber immer noch leicht steigende Beschäftigtenzahlen. Zum Ende des vergangenen Jahres haben Unternehmen in Deutschland weniger neue Arbeitskräfte nachgefragt. Der Stellenindex BA-X der Bundesagentur für Arbeit (BA), der diese Nachfrage abbildet, sank im Dezember auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Die Arbeitslosenzahlen für Dezember 2012 will die BA an diesem Donnerstag in Nürnberg veröffentlichen.

Die gesunkene Nachfrage nach Arbeitskräften ist dabei aber ein Eintrübung in einem sehr stabilen Arbeitsmarktumfeld. Der neue Beschäftigungsrekord für 2012 ist der sechste Höchstwert in Folge. Seit 2005 ist die Zahl der Erwerbstätigen damit um insgesamt 2,66 Millionen Personen (+ 6,8 Prozent) gestiegen, teilte das Bundesamt weiter mit. In der gleichen Zeit hat die Zahl der Erwerbslosen um 2,23 Millionen oder 48,8 Prozent abgenommen und sich damit nahezu halbiert. 2012 zählten die Statistiker noch 2,34 Millionen Erwerbslose. Das waren 162.000 Menschen oder 6,5 Prozent weniger als im Schnitt des Vorjahres.

Am stärksten wuchs erneut die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die mit rund 37 Millionen auch weiterhin die größte Gruppe stellen. Ihre Zahl nahm im Jahresschnitt um 410.000 Menschen oder 1,1 Prozent zu. Kaum Zuwachs (+0,1 Prozent) gab es hingegen bei den Selbstständigen und ihren mithelfenden Familienangehörigen, die rund 4,55 Millionen zählten.

Industrie und Baugewerbe lagen mit Beschäftigtenzuwächsen von 1,2 beziehungsweise 1,3 Prozent über dem Durchschnitt. Sämtliche Dienstleistungen zusammengefasst lagen genau im Schnitt bei 1,0 Prozent, während Land- und Forstwirtschaft mit einem Mini-Plus von 0,1 Prozent stagnierten.

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