Una tendencia alemana ? Vivir solo …

Single-Haushalte Allein, nicht einsam

Von Wlada Kolosowa, Der Spiegel 02.01.2013

http://www.spiegel.de/panorama/eric-klinenberg-singles-sind-nicht-zwingend-einsam-a-873985.html

Allein zu Haus: Immer mehr Menschen leben in Ein-Personen-Haushalten

Allein zu Haus: Immer mehr Menschen leben in Ein-Personen-Haushalten

Jeder fünfte Deutsche lebt allein, weltweit steigt die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Werden wir egoistischer, isolierter? Mitnichten, meint der Soziologe Eric Klinenberg. Einsamkeit ist weder eine Frage der Wohnverhältnisse – noch des Beziehungsstatus.

Eine Dose Ravioli, “für eine Person”; ein Mini-Fläschchen Wein; eine Kaffeemaschine für eine Tasse: So richtig glamourös muten Produkte für Ein-Personen-Haushalte nicht an. Dabei sind Alleinlebende längst nicht mehr allein mit ihrer Situation. In Paris, der Stadt der Liebe, gibt es etwa 50 Prozent Single-Haushalte. In Stockholm 60 Prozent.

 In Berlin leben 31 Prozent der Menschen allein. Laut der Mikrozensus-Befragung des Statistischen Bundesamtes waren es 2011 insgesamt 15,9 Millionen Menschen in Deutschland, vor 20 Jahren waren es 11,4 Millionen.

Die Zahl der Menschen, die auf der Welt allein leben, steigt kontinuierlich an. Der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg hat das Buch “Going Solo” verfasst. In einem sieben Jahre dauernden Projekt befragte Klinenberg 300 Alleinlebende und trug auch globale Daten zusammen. Die Tendenz, allein zu leben, ist demnach der größte demografische Wandel seit dem Babyboom.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klinenberg, macht es uns einsamer, allein zu leben?

Klinenberg: Allein leben, allein sein und einsam sein sind drei verschiedene Dinge. Das habe ich erst im Laufe meiner Recherchen verstanden. Mein Buch sollte eigentlich sehr düster werden. Die Idee dazu kam, als ich 1995 die Todesfälle während der Hitzewelle in Chicago untersuchte: Fast 750 Menschen starben, viele von ihnen blieben ohne Hilfe, weil sie sehr isoliert lebten. Der Arbeitstitel meines Buches war: “Allein in Amerika”. Aber bei meinen Untersuchungen stellte ich fest: Menschen, die allein leben, gehen häufiger in Bars und Restaurants, treffen Freunde und Nachbarn und engagieren sich ehrenamtlich. Allein zu leben funktioniert nur deshalb, weil wir in solchen dichten Netzwerken verankert sind. Es ist die gegenseitige Abhängigkeit, die uns unabhängig macht.

SPIEGEL ONLINE: Hätte sich “Allein in Amerika” besser verkauft als “Going Solo”?

Klinenberg: Ja, das denke ich. In Amerika tragen Soziologie-Bestseller Namen wie “Die einsame Masse”, “Alleine bowlen” und “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens”. Wir trauern einer goldenen Ära nach, die nie existierte. Auch in der Vergangenheit gab es unglückliche Familien und stille Verzweiflung. Viele glorifizieren die Zeiten, als es augenscheinlich keine Scheidungskinder gab und die Ehe ein Leben lang hielt. Vieles davon war reine Überlebensstrategie, es gab keinen Ausweg. Als Soziologe glaube ich “Mad Men” eher als all den Serien, die von einem glücklichen Familienleben in den Fünfzigern handeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, dass es nichts Einsameres gibt, als mit der falschen Person zu leben.

Klinenberg: Jeder von uns ist allein besser dran als in einer schlechten Beziehung. Aber viele Menschen bleiben beim Status quo, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Wir wissen gar nicht, wie Alleinsein geht. Den 60 Jahren, in denen das Alleinleben an Popularität gewonnen hat, stehen 200.000 gegenüber, in denen die Menschheit in Gruppen wohnte. Wir erleben gerade ein beispielloses gesellschaftliches Experiment.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich verändert?

Klinenberg: Früher kam alles im Paket: romantische Liebe, Heirat, Kinderkriegen, gemeinsames Haus. Jetzt zieht man Kinder mit dem Ex-Partner groß und lebt mit einem anderen zusammen, Verliebte wohnen in getrennten Haushalten. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, Zeit mit sich selbst zu haben, um zu überlegen, was man will und mit wem. Statistiken zeigen: Je älter man bei einer Heirat ist, desto höher ist die Chance, dass die Ehe hält.

SPIEGEL ONLINE: Werden Paare in der Zukunft ein gemeinsames Leben in getrennten Wohnungen führen?

Klinenberg: Ich kann mir gut vorstellen, woher dieses Bedürfnis kommt: In großen Städten sind wir ständig von Menschen umringt. Wir sind süchtig nach unseren E-Mails und Facebook. Dieses soziale Grundrauschen führt dazu, dass wir uns selbst nicht hören. Wir brauchen mehr Umgebungen, die das Bedürfnis nach Einsamkeit mit dem nach Kontakt verbinden. Ich bin sehr an urbanen Entwürfen interessiert, in denen Menschen in einem Gebäude sowohl ihre eigene Wohnung haben als auch Gemeinschaftsräume: Cafés, Partyzimmer. Bereiche, in denen man sich treffen kann, aber nicht muss.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Nachteile des Alleinlebens?

Klinenberg: Es ist teuer. Und nicht unbedingt umweltfreundlich: Alleinlebende verbrauchen mehr Strom und mehr Verpackungsmaterial pro Kopf. Wobei eine Person, die in einer winzigen Wohnung in Manhattan lebt und öffentliche Verkehrsmittel nutzt, einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlässt als eine Familie aus dem Vorort mit einem Riesenhaus und zwei Autos.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ein-Personen-Haushalte ein Effekt des wachsenden Wohlstandes?

Klinenberg: Wohlstand ist ein wichtiger Faktor. Ohne die Frauenbewegung wäre der Schub aber wohl nicht zustande gekommen. Außerdem haben Urbanisierung, Kommunikationstechnologien und eine höhere Lebensdauer dazu beigetragen. Die Grundvoraussetzung ist aber die finanzielle Sicherheit. Die Volkswirtschaften, die am schnellsten wachsen, wie China, Indien und Brasilien, haben den größten Anstieg in der Gruppe der Alleinlebenden.

SPIEGEL ONLINE: Sobald wir genügend Ressourcen haben, kaufen wir uns also einen Ort, an den wir uns zurückziehen können. Sind Menschen doch keine sozialen Wesen?

Klinenberg: Ich glaube daran, dass wir zutiefst soziale Tiere sind. Das Leben allein macht uns weder gemeinschaftsunfähiger noch freier und kreativer. Die Probleme derer, die eine Wohnung für sich haben, unterscheiden sich nicht deutlich von denen jener, die mit ihrem Partner leben. Wir kämpfen alle mit Einsamkeit und dem Gefühl, dass uns etwas fehlt, dass wir etwas besser machen können in unserem Leben, dass wir nicht genug Zeit für uns und wichtige Menschen haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber braucht man an manchen Tagen nicht eine Umarmung, wenn man nach Hause kommt? Oder jemanden, der einem eine Tasse Tee macht?

Klinenberg: Man darf das Wohnen in einem Single-Haushalt nicht mit dem Idealbild einer Familie vergleichen, sondern mit den Erfahrungen, die Menschen tatsächlich machen. In der Realität gibt es viele Familien und Paare, die abends im Wohnzimmer zwar zusammensitzen, aber die Zeit in einer unterschiedlichen Realität verbringen – mit Computerspielen, Smartphones und dem Fernseher. Liebe heißt nicht, dass man eine gemeinsame Adresse haben muss. Liebe ist eine tiefe und starke emotionale Verbindung, ein Bedürfnis, die Person in ihrer Ganzheit zu ergründen.

SPIEGEL ONLINE: Gehören die schmutzigen Socken nicht dazu?

Klinenberg: Nein. Wenn du jemanden liebst, musst du nicht unbedingt die Socken lieben.

Das Interview führte Wlada Kolosowa.

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