Deutschland Politbarometer Feb. 2013

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Das neue Politbarometer

(Mainz, 22.02.2013) SPD und Grüne legen zu – Viel Verständnis für Streiks im Öffentlichen Dienst – Mehrheit für Sitzenbleiben
Weitere Themen sind u.a. die Top Ten der wichtigsten Politikerinnen und Politiker, soziale Gerechtigkeit in Deutschland sowie Pferdefleisch und Lebensmittelkontrollen

SPD und Grüne legen zu – Viel Verständnis für Streiks im Öffentlichen Dienst – Mehrheit für Sitzenbleiben

(Mainz, 22.02.2013) Politbarometer-Projektion: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, käme die CDU/CSU auf 40 Prozent und würde damit erneut einen Punkt abgeben. Die SPD könnte zulegen auf 30 Prozent (plus 1), ebenso die Grünen auf 14 Prozent (plus 1), die FDP bliebe konstant bei 4 Prozent und die Linke unverändert bei 6 Prozent. Die sonstigen Parteien erreichten zusammen 6 Prozent, darunter die Piraten mit 2 Prozent (minus 1). Neben einer großen Koalition hätte damit nur eine Koalition aus CDU/CSU und Grünen oder aus SPD, Grünen und Linke eine Mehrheit.
TOP TEN: Die meisten der aktuell zehn wichtigsten Politikerinnen und Politikern werden in dieser Woche schlechter bewertet als zuletzt. So auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Top Ten mit einem Durchschnittswert von 2,1 auf der Skala von +5 bis -5 weiterhin klar anführt, Ende Januar aber noch auf einen Spitzenwert von 2,5 kam. Auf Platz zwei, ebenfalls mit deutlichen Einbußen, liegt Wolfgang Schäuble mit 1,3 (Jan. II: 1,8). Danach folgen Frank-Walter Steinmeier mit 1,0 (Jan. II: 1,2), Ursula von der Leyen mit 0,8 (Jan. II: 0,8) und Sigmar Gabriel mit 0,5 (Jan. II: 0,6). Jürgen Trittin erhält einen Wert von 0,4 (Jan. II: 0,5) und Peer Steinbrück wird ebenfalls mit 0,4 (Jan. II: 0,5) eingestuft. Auch Horst Seehofer verschlechtert sich mit aktuell 0,2 (Jan. II: 0,6) und fällt im Ranking damit drei Plätze zurück. Im Negativbereich liegen erneut Guido Westerwelle mit minus 0,4 (Jan. II: minus 0,4) und Philipp Rösler mit minus 0,9 (Jan. II: minus 1,0).
K-Frage: Bei der Frage, wen die Deutschen nach der Bundestagswahl im September lieber als Kanzler/in hätten, liegt Angela Merkel weiterhin sehr deutlich vor dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück: 62 Prozent wünschen sich erneut Merkel (Jan. II: 62 Prozent) und 28 Prozent Steinbrück (Jan. II: 29 Prozent), 10 Prozent äußern sich nicht (Jan. II: 9 Prozent). Unverändert stark ist der Rückhalt Merkels bei den CDU/CSU-Anhängern (95 Prozent, Jan. II: 95 Prozent), von den SPD-Anhängern sprechen sich 61 Prozent (Jan. II: 66 Prozent) für Steinbrück aus.
Tarifstreit: Seit dieser Woche finden Warnstreiks der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst statt. Mit 72 Prozent äußert eine große Mehrheit der Befragten Verständnis für die Streiks, nur 24 Prozent stehen diesen kritisch gegenüber (weiß nicht: 4 Prozent). Die Gewerkschaften wollen damit ihrer Forderung nach einer Erhöhung der Löhne und Gehälter um 6,5 Prozent Nachdruck verleihen. 46 Prozent halten diese Forderung für gerade richtig, 43 Prozent bezeichnen sie als zu hoch und 4 Prozent als zu niedrig (weiß nicht: 7 Prozent). Während die Anhänger der SPD, der Linken und der Grünen die Höhe der Tarifforderung jeweils mehrheitlich als gerade richtig einschätzen, finden die meisten CDU/CSU-Anhänger diese zu hoch (57 Prozent).
Soziale Gerechtigkeit: Lediglich 30 Prozent sind der Meinung, in Deutschland gehe es eher sozial gerecht zu, während für zwei Drittel der Befragten (67 Prozent) bei uns eher soziale Ungerechtigkeit herrscht (weiß nicht: 3 Prozent). Mit Blick auf die Zukunft erwarten nur 7 Prozent, dass sich dies verbessern wird, 55 Prozent glauben, es werde sich da nicht viel ändern und 35 Prozent befürchten, dass es zukünftig sozial weniger gerecht zugehen wird (weiß nicht: 3 Prozent).
Pferdefleisch-Skandal: Im Zusammenhang mit dem Verkauf von falsch deklariertem Pferdefleisch sind 84 Prozent für strengere Gesetze und Kontrollen, wenn es um Kennzeichnung und Qualität von Lebensmitteln geht, 15 Prozent meinen, dies sei nicht nötig (weiß nicht: 1 Prozent). Dass es jetzt zu einer solchen Verschärfung kommen wird, davon gehen aber nur 41 Prozent aus, 58 Prozent bezweifeln dies (weiß nicht: 1 Prozent).
Sitzenbleiben: Kontrovers wurde in letzter Zeit diskutiert, ob Schüler, die das Klassenziel nicht erreichen, die Klasse wiederholen müssen oder ob diese Schüler Fördermaßnahmen erhalten und in der Klasse bleiben sollen. 54 Prozent sprechen sich für die Beibehaltung des Sitzenbleibens aus, 39 Prozent dagegen (weiß nicht: 7 Prozent). Während die Anhänger der SPD und der Grünen in dieser Frage gespalten sind – 48 Prozent der SPD- und 49 Prozent der Grünen-Anhänger sind für eine Wiederholung der Klasse, 47 Prozent bzw. 46 Prozent dagegen – plädieren die Anhänger der CDU/CSU (60 Prozent) und der Linken (66 Prozent) mehrheitlich für das Sitzenbleiben.
Europäische Union: Wenn es um die zukünftige Entwicklung der EU geht, wünschen sich 70 Prozent eine stärkere politische und 68 Prozent eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Für 14 Prozent bzw. 16 Prozent soll sich da nicht viel ändern und 10 Prozent wollen weniger politische sowie 11 Prozent weniger wirtschaftliche Kooperation (weiß nicht 6 Prozent bzw. 5 Prozent).
Information zur Umfrage:
Die Umfrage zum Politbarometer wurde wie immer von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt. Die Interviews wurden in der Zeit vom 19. bis 21. Februar 2013 bei 1298 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten telefonisch erhoben. Die Befragung ist repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Der Fehlerbereich beträgt bei einem Parteianteil von 40 Prozent rund +/- drei Prozentpunkte und bei einem Parteianteil von 10 Prozent rund +/- zwei Prozentpunkte. Daten zur politischen Stimmung: CDU/CSU: 41 Prozent, SPD: 33 Prozent, FDP: 3 Prozent, Linke: 5 Prozent, Grüne: 15 Prozent. Das nächste Politbarometer sendet das ZDF am Freitag, 8. März 2013.
Sendung online im ZDF:

Korruption in Spanien: Der Affärenstaat

DER SPIEGEL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/spanien-schmiergelder-spionage-und-skandale-a-884241.html

Dieses Bild von einer Demonstration in Bilbao am 14. Februar macht deutlich,...

Spaniens Premier Rajoy spricht im Parlament zur Lage der Nation – die ist miserabel. Korruptionsvorwürfe treffen seine Regierung, selbst das Königshaus wird in einen Betrugsfall hineingezogen. In Katalonien sollen Politiker ausspioniert worden sein. Was läuft in dem stolzen Land schief?

Hamburg – Die Spanier sind entsetzt über immer neue Skandale, die das Land erschüttern. Doch ihren Humor haben die Bürger nicht verloren: Bei Demonstrationen tragen sie kleine Chorizo-Stücke vor sich her. Chorizo, das ist die landestypische rote Wurst. Chorizo bedeutet umgangssprachlich aber auch Betrüger oder Gauner. Und so haben die Demonstranten auf Wurststücke aus Pappe das Gesicht von Premier Mariano Rajoy geklebt.

Rajoy steht im Mittelpunkt einer Schwarzgeldaffäre, die das ganze Land beschäftigt. An diesem Mittwoch will er im Parlament eine große Rede zur Lage der Nation halten. Keine leichte Aufgabe, denn die Lage ist: miserabel.

Spanien durchlebt eine der schwersten Krisen seiner stolzen Geschichte. Fast täglich werden neue Details einer ganzen Serie von Skandalen bekannt. Meist geht es um schmutzige Geschäfte aus den Jahren des Bau-Booms, der 2008 in eine verheerende Krise mündete. Von der rauschenden Fiesta ist nur der Kater geblieben.

Es gibt keine Jobs, Wohnungen werden zwangsgeräumt, in der Immobilienbranche droht eine neue Megapleite, die Lage wird immer schlimmer. Die Bürger müssen Opfer bringen, das trichtern ihnen ausgerechnet jene Politiker ein, deren dunkle Machenschaften nun ans Licht kommen.

Spanien erlebt nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch eine moralische Krise. Der Justiz vertrauen die Bürger schon lange nicht mehr: Prozesse dauern ewig, Staatsanwälte arbeiten ineffizient, Richter stehen teilweise unter politischem Einfluss.

Mit Spannung wird erwartet, wie Rajoy die Nation in seiner Rede aufrichten will. Die Liste der Skandale ist lang:

Spionage in Katalonien

Die Region im Nordosten Spaniens erlebt ihr “katalanisches Watergate” (Zeitung “El Mundo”). Privatdetektive sollen dort massiv Politiker mehrerer Parteien, Unternehmer und Prominente abgehört und ausspioniert haben. Die Polizei hat vier Mitarbeiter der Detektei Método 3 festgenommen. Laut der Zeitung “La Vanguardia” wurden unter anderem EU-Kommissar Joaquín Almunia und der frühere katalanische Regierungschef, José Montilla, ausgeforscht. Almunia forderte, die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden für diese “Verstöße, die einer Demokratie nicht würdig sind”. Wer für die Aktionen verantwortlich ist: unklar.

Korruptionsvorwürfe gegen spanischen Regierungschef Rajoy

Die regierende konservative Volkspartei (PP) wird von einem Korruptionsskandal erschüttert. Ihr früherer Schatzmeister machte am Wochenende deutlich, was er von den berichtenden Journalisten hält: Er zeigte ihnen am Madrider Flughafen den Stinkefinger. Luis Bárcenas heißt der Mann, er ist die Schlüsselfigur in der Affäre und soll bis 2008 jahrelang illegale Zahlungen an führende Politiker in Auftrag gegeben haben. Premier Rajoy soll veröffentlichten Dokumenten zufolge jährlich rund 25.000 Euro erhalten haben, dazu Krawatten und Anzüge. Rajoy weist die Vorwürfe zurück. An Rücktritt denkt er nicht – er ist dafür bekannt, Krisen auszusitzen. Doch er dürfte weiter unter Druck geraten.

Bestechung durch einflussreiche Unternehmer

Rajoys Gesundheitsministerin Ana Mato ließ sich von 2000 bis 2004 von einem Unternehmerring allerlei Annehmlichkeiten bezahlen, darunter Luxustaschen, Flüge, Mietwagen und sogar Geburtstagsfeiern für ihre Kinder. An Rücktritt denkt auch sie nicht – obwohl 80 Prozent der Spanier laut einer Umfrage dafür plädieren. Matos Begründung: Schließlich habe nicht sie, sondern ihr damaliger Gatte die Finanzen im Blick gehabt. Die Ministerin wurde von dem Unternehmernetzwerk um Francisco Correa bedacht, das auch zahlreiche andere Politiker der PP während der Boomjahre bestochen haben soll. So sicherten sich die Firmen – oft Bauunternehmer – lukrative Aufträge. Correa wurde 2009 verhaftet, seither beschäftigen die dunklen Geschäfte die spanische Öffentlichkeit.

Schmutzige Geschäfte in den Regionen

Auch die spanischen Regionen kommen nicht zur Ruhe. Gerade zittern die Sozialisten in Andalusien, wo Parteifunktionäre Millionen für sich abzweigten. Auch in Katalonien mussten Teile der Regierungsallianz CiU zugeben, dass Parteivertreter sich in den neunziger Jahren illegal bereicherten – sie langten einerseits kräftig zu bei EU-Geldern und veruntreuten andererseits öffentliche Mittel für den Bau der Konzerthalle Palau de la Musica in Barcelona.

Finanzskandal im Königshaus

Es war so schön: 1997 heiratete die spanische Prinzessin Cristina den Handballstar Iñaki Urdangarin, Millionen sahen im Fernsehen zu. Jetzt schaut Spanien wieder auf Cristina und Urdangarin. Urdangarin ist mit seinem früheren Geschäftspartner Diego Torres wegen Betrugs angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, als Chefs der gemeinnützigen Stiftung Nóos Steuergelder in Millionenhöhe unterschlagen und Fördergelder auf private Konten abgezweigt zu haben. Torres belastet auch die Prinzessin schwer: Cristina sei als Vorstandsmitglied über alle Schritte informiert gewesen. Gatte Urdangarin weist alle Vorwürfe zurück. Auch für den König wird die Affäre peinlich. Denn der Name von Corinna zu Sayn-Wittgenstein soll in einigen E-Mails der Stiftung auftauchen und ist damit wieder in der Öffentlichkeit – die Dame war die mutmaßliche Geliebte von Juan Carlos.

All diese Skandale haben das Vertrauen der Bürger in die Eliten des Landes zerstört. “Spanien muss einen Weg aus dieser moralischen Krise finden”, sagt Fernando Jiménez, Politikwissenschaftler und Korruptionsexperte an der Universidad de Murcia. “Aber die Parteien scheinen das nicht verstanden zu haben. Ihre Reformvorschläge sind sehr sehr enttäuschend.”

Korruption in Spanien Alle Artikel und Hintergründe: http://www.spiegel.de/thema/korruption_von_amtstraegern_in_spanien/

Allensbach-Studie Keine Wechselstimmung

Allensbach-Studie Keine Wechselstimmung

19.02.2013 ·  Die Menschen sind zufriedener als 2009. Die Kanzlerin ist deutlich angesehener als damals. Doch nur 19 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition gut wäre.

Von Renate Köcher

ede Bundestagswahl findet in einer ganz eigenen Konstellation statt. Das gilt für die Konkurrenz der Spitzenkandidaten wie für die Stärke und Stabilität der Parteien, für die wirtschaftliche Lage wie für die Probleme und Themen, die die Gesellschaft im Wahljahr bewegen. Auch die Ausgangslage für die bevorstehende Bundestagswahl unterscheidet sich gravierend von der vorigen 2009.

Vielen ist gar nicht mehr bewusst, in welchem Ausmaß 2009 ein Krisenjahr war. Die Welt stand unter dem Schock der Finanzmarktkrise, die in der Folge in Deutschland zu dem schärfsten Konjunktureinbruch in der Nachkriegsgeschichte führte. Das Bruttoinlandsprodukt ging 2009 um fünf Prozent zurück. Viele Unternehmen mussten in dieser Zeit noch größere Umsatzeinbußen verkraften.

Stimmungslage gänzlich anders als 2009

Zwar wurde die Bevölkerung damals durch die gemeinsamen Anstrengungen von Wirtschaft und Politik weitgehend vor den Folgen der Krise bewahrt. Anfang 2009 war jedoch noch völlig unsicher, wie sich die Situation weiterentwickeln und wie lange die Krise dauern würde. Dies prägte die Stimmungslage. 64 Prozent glaubten damals, dass die nächsten Monate von einem gravierenden wirtschaftlichen Abschwung gekennzeichnet sein würden, jeder fünfte Erwerbstätige fürchtete zu diesem Zeitpunkt um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes. Nur jeder Dritte war damals für die nächsten zwölf Monate hoffnungsvoll gestimmt.

Heute ist die Stimmungslage gänzlich anders. Die meisten sehen den nächsten zwölf Monaten optimistisch entgegen. In Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung befürchten lediglich 26 Prozent einen Abschwung, die große Mehrheit erwartet eine stabile oder positive Entwicklung. Der Anteil der Erwerbstätigen, die an der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes zweifeln, ist heute etwa halb so groß wie Anfang 2009.

342.000 Arbeitslose weniger

Die Bilanz dieser Legislaturperiode ist eindrucksvoll. Die Arbeitslosenquote ging seit Anfang 2009 von 8,3 auf 7,4 Prozent zurück; in absoluten Zahlen sind das rund 342.000 Arbeitslose weniger. Noch deutlicher zeigt sich die robuste Verfassung des Arbeitsmarktes in der Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten; ihre Zahl nahm seit 2009 um knapp 1,5 Millionen zu, darunter nur rund 350.000 geringfügig Beschäftigte.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die höheren Lohnabschlüsse haben dazu geführt, dass sich signifikant mehr Bürger als Wohlstandsgewinner sehen denn als Wohlstandsverlierer. 2009 meinten dagegen mehr Bürger, dass es ihnen schlechter gehe als fünf Jahre zuvor. Die Krise in der Eurozone, die vor allem die südeuropäischen Länder hart getroffen hat, ist für die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung eine virtuelle, medienvermittelte Krise geblieben.

Dies wird nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Politik gutgeschrieben. Insbesondere die Kanzlerin geht stärker in diese Wahl als 2009. Schon damals bewerteten 47 Prozent der Bürger Angela Merkel als starke Kanzlerin, heute sind es 61 Prozent. Lediglich 13 Prozent glauben, dass der Herausforderer die derzeitigen Probleme und Aufgaben besser bewältigen würde. Von den Anhängern der SPD ist nur jeder Dritte überzeugt, dass er den derzeitigen Herausforderungen besser gewachsen wäre als Angela Merkel. Auch 45 Prozent der SPD-Anhänger und sogar 54 Prozent der Grünen-Anhänger sehen Angela Merkel als starke Kanzlerin.

Angela Merkel weitaus beliebter als Peer Steinbrück

Der Abstand zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer ist in den vergangenen Monaten gewachsen und größer als zum selben Zeitpunkt 2009. Zurzeit ziehen 50 Prozent Angela Merkel als Kanzlerin vor, 23 Prozent Peer Steinbrück, während sich 27 Prozent der Stimme enthalten. Diese Enthaltungen gehen in bemerkenswertem Umfang auch auf die der SPD zurück. Während 86 Prozent der Unionsanhänger für Angela Merkel votieren, erreicht Peer Steinbrück bei SPD-Anhängern 52 Prozent; 15 Prozent von ihnen ziehen Angela Merkel vor, 33 Prozent enthalten sich. Die Kontroversen um die Nebeneinkünfte des Herausforderers haben gerade unter SPD-Anhängern zu Verunsicherung geführt und ihm nachhaltig geschadet. Im November 2012 waren seine Popularitätswerte noch eindrucksvoll. Damals hatten 46 Prozent der Bürger von Steinbrück eine gute Meinung, nur 27 Prozent eine negative. Heute überwiegen negative Urteile gegenüber positiven im Verhältnis 2:1.

Für jeden Herausforderer wäre es jedoch schwer, in der derzeitigen Situation zu punkten. Ein erfolgreicher Wahlkampf aus der Opposition heraus setzt entweder verbreitete Unzufriedenheit und Ängste vor schmerzhaften Reformen durch die Regierungsparteien voraus oder eine mitreißende Vision für die weitere Entwicklung des Landes. In den vergangenen Jahren ist die Unzufriedenheit der Bürger jedoch gesunken – nicht nur in Bezug auf die wirtschaftliche Lage und Perspektiven, sondern auch in Bezug auf die steuerliche Belastung, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems oder die innere Sicherheit. Die überwältigende Mehrheit befürchtet auch nicht, dass in absehbarer Zeit schmerzhafte Reformen anstehen könnten. Und mitreißende Visionen, die den Wunsch nach einem Wechsel stimulieren könnten, sind nicht zu entdecken.

Nur 35 Prozent wünschen sich einen Regierungswechsel

Entsprechend gering ist das Bedürfnis der Bürger nach einem Wechsel. Lediglich 35 Prozent wünschen sich im Herbst einen Regierungswechsel; 2009 waren es 47 Prozent, 2005 46 Prozent. Dies ist jedoch kein überzeugtes Plädoyer für eine völlig unveränderte Konstellation nach der nächsten Bundestagswahl. Die Sympathien für den Fortbestand der derzeitigen Koalition sind bemerkenswert gering. Nur 19 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition gut wäre. 33 Prozent votieren für eine große Koalition, 27 Prozent für ein rot-grünes Bündnis, 14 Prozent für eine schwarz-grüne Koalition.

Selbst Anhänger der Unionsparteien ziehen eine große Koalition dem Fortbestand von Schwarz-Gelb vor: 49 Prozent der Anhänger der CDU/CSU sind überzeugt, dass eine große Koalition für das Land gut wäre, 39 Prozent favorisieren die Fortsetzung der derzeitigen Koalition. Die Anhänger der SPD können sich weitaus weniger für eine Neuauflage der großen Koalition erwärmen als die Anhänger der CDU/CSU. Die Wunschkoalition der SPD-Anhänger ist klar Rot-Grün, während nur 27 Prozent überzeugt sind, dass eine große Koalition dem Land guttäte.

Über die gesamte Legislaturperiode hinweg wurde die Koalition von der großen Mehrheit als uneinig wahrgenommen. Dies führte in Verbindung mit der Schwächung der FDP dazu, dass von dieser Koalition heute eine deutlich geringere Anziehungskraft ausgeht als vor der Wahl 2009. So ist die Ausgangslage von der eigentümlichen Konstellation gekennzeichnet, dass die Bürger heute im Durchschnitt zufriedener sind als vor vier Jahren, deswegen auch nicht auf einen Regierungswechsel aus sind, gleichzeitig aber weniger dazu tendieren, Schwarz-Gelb eine Mehrheit zu verschaffen, als das Anfang 2009 der Fall war. Im Februar 2009 erreichten die Unionsparteien zusammen mit der FDP bei den Zweitstimmenwahlabsichten rund 50 Prozent, aktuell 45 Prozent. Damit ist die Mehrheit für Schwarz-Gelb jedoch keineswegs außer Reichweite; die Chancen für den Fortbestand der Koalition haben sich verbessert.

Die Linke ist nur noch Ostpartei

Dies hat auch mit der anhaltenden Schwäche der SPD und der rückläufigen Unterstützung für die Linke zu tun. Die Unterstützung für die Linke ist binnen vier Jahren von 11 auf 6,5 Prozent gesunken. Sie hat sich zur Ostpartei zurückentwickelt, verliert aber auch dort an Unterstützung. Besonders bemerkenswert ist jedoch die Entwicklung der SPD. Ihre Potentiale sind heute größer als 2009. Damals konnten sich nur 29 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen, für die SPD zu stimmen, aktuell 39 Prozent. Die konkreten Wahlabsichten zugunsten der SPD haben jedoch gegenüber Februar 2009 nur um zwei Prozentpunkte zugelegt. Zurzeit erreicht die SPD bei den Zweitstimmenwahlabsichten 27 Prozent. Damit schöpft sie ihr Potential weitaus schlechter aus als die CDU. Bei den Unionsparteien beträgt die Differenz zwischen Potential und konkreten Wahlabsichten lediglich vier, bei der SPD 12 Prozentpunkte.

Bei den Grünen ist dagegen eine andere Entwicklung zu beobachten. Für sie war immer typisch, dass sie ihre Potentiale nur begrenzt ausschöpfen. Sie genossen immer mehr Sympathien, als sie am Wahltag in Stimmen umsetzen konnten. 2009 konnten sich 22 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen, die Grünen zu wählen, nur rund die Hälfte bekundete damals jedoch die dezidierte Absicht, dies auch zu tun. Heute ist das Potential der Grünen nur wenig größer als 2009, während sich die konkreten Wahlabsichten um vier Prozentpunkte erhöht haben. Damit haben die Grünen die Chance, ihr Potential bei der nächsten Bundestagswahl weitaus besser auszuschöpfen als 2009.

FDP bei aktuell sechs Prozent

Das Potential der FDP hat sich erdrutschartig verringert. Vor vier Jahren konnte sich ein Fünftel der Wahlberechtigten vorstellen, die FDP zu wählen, aktuell sechs Prozent. Die konkreten Wahlabsichten sind jedoch volatil. Mehrere Landtagswahlen haben gezeigt, dass sich die FDP von ihren zurzeit niedrigen Sympathiewerten abkoppeln und Ergebnisse erzielen kann, die höher liegen als der Anteil der Wähler, die ursprünglich die Wahl der FDP überhaupt erwogen haben.

Der Ausgang der Bundestagswahl ist damit unsicherer als 2009. Es gibt bisher auch kein Thema, das die Wahl entscheidend prägen könnte. Die Bürger haben zwar klare Vorstellungen, worum sich die nächste Bundesregierung besonders kümmern sollte: Eindämmung der Energiepreisentwicklung, Renten, Eingrenzung der Risiken für Deutschland, die aus der Euro-Krise erwachsen, Mindestlöhne, Abbau der Staatsverschuldung und gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Am Ende der politischen Agenda der Bürger stehen Themen, von denen sich die Oppositionsparteien Schubkraft erhoffen: eine Frauenquote, höhere Spitzensteuersätze, die Wiedereinsetzung der Vermögensteuer. Die politischen Prioritäten arbeiten zurzeit für die Unionsparteien, deutlich weniger für die SPD. Trotz allem ist diese Wahl alles andere als entschieden.

Weitere Artikel

 

Social Media – Absagen

F.A.Z. online: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-pirat-springt-ab-twitter-ist-fuer-mich-gestorben-12086207.html

Ein Pirat springt ab Twitter ist für mich gestorben

19.02.2013 ·  Das Gezwitscher bringt nichts: Es kostet Zeit und Nerven, steigert aber kaum die Wirkung in der Öffentlichkeit. Hierin sind die klassischen Medien unübertroffen.

Von Christopher Lauer

Piraten Parteitag
ch facebooke, ich google plusse, ich podcaste, ich twittere, und neuerdings bin ich sogar auf ADN (App dot net). ADN ist so etwas wie Twitter, nur dass man dafür 36 Euro im Jahr bezahlen muss. All diese Aktivitäten auf sozialen Medien betreibe ich, weil ich als Volksvertreter erreichbar sein will. Insbesondere twittere ich, weil es auch viele Journalisten tun. Die Direktnachricht auf Twitter dürfte gerade bei jüngeren Journalisten und Politikern die SMS abgelöst haben.Soziale Medien sind ein Versprechen: dauerhafte Verfüg- und Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit, ein potentiell unendlich großes Publikum zu erreichen. Mittlerweile habe ich auf Twitter 22.500 Follower, was man beachtlich finden kann. Oder auch nicht. Der hauseigene Analysedienst Twitter Analytics brachte mich auf die Frage, ob Twitter überhaupt etwas bringt. Twitter Analytics zeigt mir an, wie oft ein Link, den ich verbreite, geklickt wird. Ernüchternde Erkenntnis: Mir mögen zwar 22.500 Menschen folgen, aber im besten Fall klicken 2.000 auf einen Link, den ich verbreite. Im Durchschnitt irgendetwas um die 500. Große Tageszeitungen haben eine Auflage von mehr als 350.000 Exemplaren. Selbst bei der konservativsten Rechnung, dass nur ein Prozent der Leser überhaupt bis hierhin gekommen ist und diesen Gastbeitrag liest, wären das noch immer mehr, als auf meine Links auf Twitter klicken. Wenn ich in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sitze, erreiche ich sogar ein Millionenpublikum.

Wer profitiert von dieser permanenten Nabelschau?

Dafür kostet mich Twitter Zeit. Jeden Tag geht, seit Mitte 2009 grob gerechnet, mindestens eine Stunde dafür drauf. Das sind 166 Acht-Stunden-Arbeitstage seit 2009, die ich nur mit Twitter verbracht habe. Wenn jeder meiner 60.000 Tweets die Maximallänge gehabt hätte, käme ich auf ungefähr 800 Gastbeiträge zu je rund 10.000 Zeichen; das sind mehr als zwei Zeitungsspalten.

Dafür kostet mich Twitter Nerven. Jeden Tag aufstehen und mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung lesen. Seit ich Abgeordneter bin, habe ich mehr als 500 Personen auf Twitter geblockt, das heißt, diese können mir nicht mehr folgen, und wenn sie mir schreiben, sehe ich es nicht. Man stelle sich vor, ich hätte in einem Jahr 500 einstweilige Verfügungen erwirken müssen, die es Menschen untersagt, sich mir zu nähern oder mit mir zu kommunizieren. Dafür entsteht sozialer Stress. Menschen twittern über ihre Depressionen, sie twittern im Affekt Unkluges, Dinge, die ich nicht lesen möchte. Wenn ich diese Menschen abkoppele, muss ich mich dafür ihnen gegenüber rechtfertigen. Jetzt wird ein Social-Media-Experte dazwischenrufen: „Aber du kannst sie doch für einen Zeitraum X stumm stellen!“ Ja, sage ich, aber will ich das? Warum soll ich als Empfänger auf einmal eine Filterleistung vollbringen, die ich mir eigentlich vom Absender wünsche? Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?

Mediales Dauerrauschen

Darüber hinaus zerfasert Twitter meine Kommunikation. Journalisten stellen mir Anfragen in einer privaten Nachricht auf Twitter. Ein Statement hierzu, wie ich dieses und jenes einschätze. Es würde auch in eine SMS oder E-Mail passen, aber Twitter bietet sich halt an, denn es suggeriert meine dauerhafte Verfügbarkeit. Dabei sind einzig und allein Tweets Kalorien für die mediale Fressmaschine. Sie sind der heilige Gral des Verlautbarungsjournalismus, denn es gibt nicht einmal mehr einen Kontext, aus dem sie gerissen werden müssen, sie hatten von Anfang an keinen. So füllen seit dem Erfolg der Piraten-Partei Schlagzeilen wie „XY hat dieses und jenes getwittert“ den Boulevard.

Wo aber sind die behaupteten Vorteile der Online-Kommunikation angesichts solcher medialer Kollateralschäden? Vom Vertrauensverlust, der durch eine salopp formulierte Unflätigkeit auf Twitter entsteht, gar nicht zu sprechen. Und weiß ich, Stichwort Brüderle, ob nicht in drei Jahren irgendein Tweet rausgekramt wird, den ich 2010 möglicherweise im betrunkenen Zustand veröffentlicht habe? Kann ich sagen, wie prüde die Gesellschaft im Jahr 2020 sein wird und in welchem Lichte meine Tweets von 2012 dann betrachtet werden?

Überhaupt: In was für ein Menschen- und Gesellschaftsbild lasse ich mich durch die Nutzung von Twitter eigentlich pressen? Ist es ein Wert, unbedarft jeden Gedanken, der vermeintlich in 140 Zeichen passt, in die Welt zu blasen? Soll jeder immer alles kommentieren? Möchten wir eine Diskussions- und Aufmerksamkeitskultur des Rauschens, das nur durch besonders laute und plakative Themen unterbrochen wird? War das nicht lange Zeit die Kritik an den klassischen Medien?

Anfragen bitte per E-Mail

In seiner Einfachheit bedient Twitter sicher ganz grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Freundschaft, Anerkennung und Lob, den Wunsch, bekannt zu sein, gehört zu werden. Diese Bedürfnisse sind kein Selbstzweck, verkommen auf Twitter aber dazu. Was bliebe mir denn von meiner gefühlten sozial-medialen Macht übrig, wenn morgen jemand bei Twitter den Stecker zöge, der ganze Dienst und all seine Informationen weg wären? Nichts.

Am Ende summieren sich bei mir verlorene Zeit und Nerven, sozialer Stress und zerfaserte Kommunikation sowie mediale Super-GAUs zu verlorener Produktivität. Nicht ich bestimme meinen Alltag, mein Alltag wird von Twitter zumindest mitbestimmt. Dem gegenüber steht für mich ein Mehrwert, der genau zu messen und äußerst beschränkt ist. Selbst wenn mir alle deutschsprachigen Twitternutzer folgen würden, dann stünden 800.000 Follower gegen die 27 Millionen eines Barack Obama oder 34 Millionen eines Justin Bieber.

Die Frage, ob ich Twitter weiter nutzen möchte, habe ich für mich beantwortet. Die entsprechende App wurde von meinem Smartphone verbannt. Ganz löschen werde ich den Account nicht; zum Verbreiten von Links auf meinen Blog reicht er noch. Aber als Kommunikationsmedium ist Twitter für mich gestorben. Wer etwas von mir möchte, der möge mir ganz klassisch eine E-Mail schreiben.

Christopher Lauer ist innen- und kulturpolitischer Sprecher sowie Vorsitzender der Piraten-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Weitere Artikel

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Die Twitterkönigin

http://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/die-twitterkoenigin-12085067.html

18.02.2013 ·  Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner kommuniziert am liebsten ohne lästige Journalisten. Pressekonferenzen hat sie abgeschafft. Tweets und Fernsehauftritte liegen ihr weit mehr.

BUENOS AIRES, 18. Februar

Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner pflegt ihre Entscheidungen nach einem strengen Ritual zu verkünden, bei dem sie vor Ministern und deren Gefolge, hohen Beamten und Mitgliedern regierungsfreundlicher Organisationen wie eine Königin vor ihrem Hofstaat auftritt. Fast immer müssen diese Monologe in einer cadena, der Zusammenschaltung sämtlicher Rundfunk- und Fernsehkanäle, übertragen werden. Das ist vom Gesetz zwar nur für Katastrophenfälle vorgesehen, doch die Präsidentin hält bisweilen selbst die Eröffnung einer Straße für so staatstragend, dass sie deshalb die cadena bemüht. Im vergangenen Jahr hat sie auf diese Weise 22 Mal die Sender zusammenschalten lassen. Einmal hatte sie selbst Gefolgsleute verärgert, als sie eine derartige „Schalte“ zur argentinischen Primetime um 22 Uhr ansetzte.

In jüngster Zeit muss die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bemerkt haben, dass das Ritual an PR-Wirkung eingebüßt hat. Sie hat sich deshalb wieder einer weit einfacheren Methode besonnen, sich der Außenwelt mitzuteilen, und das zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtstunde. Sie begann wieder zu twittern. Auch früher hatte sie schon zu diesem Kommunikationsmittel gegriffen, doch nun hat sie die Anwendung perfektioniert. Ihre Fernsehauftritte und die Twitterei erfüllen für sie die gleiche Aufgabe. Sie bringen ihre Botschaften direkt zu den Empfängern, ohne Journalisten als lästige Frager und Zwischenwirte. Oder wie sie es einmal formulierte: Sie will ihre Landsleute „wissen lassen, was die Medien verbergen“. Pressekonferenzen hat schon ihr verstorbener Gatte und Vorgänger Néstor Kirchner während seiner Regierungszeit (2003 bis 2007) abgeschafft.

Manchmal völlig enthemmt

Frau Kirchners 140-Zeichen-Nachrichten enthalten nicht nur Informationen über ihre Entscheidungen wie die Tweets anderer Staats- oder Regierungschefs, welche die sozialen Netzwerke benutzen, um ihre Politik zu erläutern. Sie vermischt bewusst Politik- und Alltagssphäre, vermutlich um etwas bürgernäher zu erscheinen als bei ihren feudalen Selbstinszenierungen während der cadenas. Dabei schreckt sie auch vor Banalitäten nicht zurück. „Traditionelle arabische Wärme und Gastfreundschaft bei der Ankunft“, twitterte sie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf ihrer jüngsten Welttournee. Aus Vietnam berichtete sie „live“ über ihre Abenteuer in den Tunneln des Vietkong.

Im Januar hat Cristina Kirchner 257 Tweets geschrieben, durchschnittlich acht an einem Tag, manchmal aber auch, völlig enthemmt, gleich zwei Dutzend innerhalb einer halben Stunde. Das Echo auf die Messages von @CFKArgentina war stets erstaunlich groß. Mit fast 400 000 Kommentaren war sie im ersten Monat des Jahres bei Twitter die am meisten zitierte politische Figur in Argentinien. Sie hat 1,5 Millionen Followers, zum großen Teil Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 30 Jahren. Frauen sind mit einem Anteil von 42 Prozent der Cristina-Fans in der Minderzahl. Das erstaunt, weil sich Frau Kirchner immer wieder gern als Anwältin ihres Geschlechts in Szene setzt.

Mit Vorliebe verschießt Cristina Kirchner ihre Tweets als Giftpfeile gegen ihre politischen Gegner und Kritiker. In dem Zwitterreich zwischen Information und Polemik, in dem sich kürzlich die Twitterschlacht um die von ihrer Regierung mit Iran abgeschlossene umstrittene Vereinbarung zur vorgeblichen Aufklärung des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum „Amia“ 1994 in Buenos Aires zutrug, zielte sie auf den „Amia“-Präsidenten Guillermo Borger. Er hatte die Befürchtung ausgesprochen, dass die Vereinbarung ein weiteres Attentat provozieren könnte. „Wer sollen der geistige Urheber und der Täter sein?“, twitterte Frau Kirchner erregt in Großbuchstaben, und danach ging es Schlag auf Schlag. „Klar, dass es nie die Unterzeichnerländer sein können. Sollen es die sein, die sich der Übereinkunft widersetzen? Länder, Personen, Geheimdienste? Wer?“ fragte sie, lenkte damit den Verdacht unausgesprochen auf jüdische Institutionen und Israel und äußerte den Verdacht, dass sie selbst Opfer werden könne: „Aber außerdem, wer soll es sein …, oder sind wir das Ziel?“ Schließlich drängte sie Borger zu sagen, wen er verdächtige: „Ich glaube, dass das argentinische Volk allgemein und die Justiz im Besonderen es verdienen zu erfahren, wen Guillermo Borger, der Amia-Präsident, gemeint hat“, twitterte sie. Borger ließ die Twitterpfeile an sich abprallen und schoss nicht zurück. Er erläuterte lediglich, ohne Twitter, dass er ganz allgemein von der Gefahr eines neuerlichen Anschlags gesprochen habe.

Der Kultslogan: Obvñzfhnhxds

Die liebste Zielscheibe von Frau Kirchner ist der Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri. Ihn titulierte sie in ihrem jüngsten Twittergewitter als „Baumbeschneider“, weil er für den Bau einer Express-Omnibuslinie Bäume fällen ließ. Manchmal lässt sie sich auch von treuen Gefolgsleuten Feuerschutz geben. In diesem Fall ließ sie Macri von ihrem früheren Kabinettschef Alberto Fernández als den „Verrückten mit der Motorsäge“ angiften. Sie verschwieg aber, dass ihre Regierung für die Anlage eines Technologieparks sehr viel mehr Bäume hatte umlegen lassen.

Was Frau Kirchner mit ihrer Twitterei bewirken will, wird deutlich, wenn man die Botschaften auf ihre sprachliche Form untersucht, wie es die Tageszeitung „La Nación“ getan hat. Sie ließ Linguisten zu Wort kommen, die bemerkt haben, dass sich Frau Kirchner bemüht, mit Modewörtern aus der Jugendsprache und – vollends ungewöhnlich – mit englischen Ausdrücken jugendlich und spontan zu erscheinen. Tatsächlich wimmelt es in ihren Tweets von Floskeln wie „very good“, „my god!“, „too much“, „sorry“. Bisweilen verwechselt sie auch „always“ mit „of course“, doch es entsteht generell der Eindruck, dass sie spontan und flott twittert. Dabei ist allerdings nicht klar, ob sie tatsächlich selbst die 140-Zeichen-Texte tippt oder nicht doch Helfer hat, die das, selbstverständlich unter ihrer Kontrolle, für sie besorgen. Ihre Absicht, ein junges Publikum zu erreichen, passt auf jeden Fall zu dem von ihr gepflegten Verjüngungs- und Jugendlichkeitskult.

Der Twitterkönigin Cristina Kirchner ist bislang freilich nicht gelungen, was der argentinische Oppositionspolitiker Hermes Binner kürzlich auf Anhieb geschafft hat: Mit einer einzigen Kürzestnachricht einen trending topic in Argentinien zu produzieren und weltweit an dritter Stelle der am meisten gelesenen Tweets zu landen. „Obvñzfhnhxds“ hatte er in die Twitterwelt hinausposaunt. Unfreiwillig, wie er später bekannte. Der technisch wenig versierte Politiker hatte sein Smartphone in die Tasche gesteckt, und es hatte von selbst zu twittern begonnen. Die dadaistische Buchstabenfolge ist prompt zu einem Kultslogan in Argentinien geworden. JOSEF OEHRLEIN

Quelle: F.A.Z.

“Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge”

Dan Ariely: “Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge”, Droemer Verlag, München 2012, 320 Seiten

 Rezension Deutschlandradio Kultur (online emission)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1931795/

Gelegenheit macht Diebe - zumindest in der Finanzkrise geschehen. (Bild: picture alliance / dpa)

Gelegenheit macht Diebe – zumindest in der Finanzkrise geschehen. (Bild: picture alliance / dpa)

Der Mensch ist von irrationalen Gefühlen getrieben: einerseits egoistisch, andererseits will man auch als ehrlich gelten. Verhaltensforscher Dan Ariely hat untersucht, wann Menschen schummeln und warum sie wann ehrlich sind. Verblüffend.

Gelegenheit macht Diebe?! Wenn man – wie Dan Ariely – auf die Finanz- und Bankenkrise blickt, hat man den Eindruck, die Volksweisheit stimmt. Aber sind wir Menschen tatsächlich immer und überall auf unseren Vorteil bedacht? Auf Fragen wie diese sucht der Verhaltensökonom in “Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge” Antworten. Und er findet sie. Geschrieben in einer unterhaltsamen Mischung aus Experimenten, Anekdoten und Beispielen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, stets verbunden mit einem Nachdenken über die möglichen gesellschaftspolitischen Folgen, ist ein ebenso kluges wie lehrreiches Buch entstanden.

Ariely stellt sich gegen die klassischen Sicht der Wirtschaftswissenschaften, die davon ausgeht, dass menschliches Verhalten allein durch eine rationale Kosten-Nutzen-Analyse bestimmt wird – jeder nimmt, soviel er kann, und je höher die Strafe, desto geringer der Betrug. Stattdessen sieht Ariely zwei widerstreitende Kräfte am Werk: Man versucht zwar immer möglichst viel für sich selbst herauszuholen, doch gleichzeitig möchte man auch dem Bild eines ehrlichen Menschen entsprechen. Der Mensch ist also immer auch von irrationalen Kräften getrieben. Eine These, die auch vom Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman vertreten wird.

Dan Arielys große Stärke sind seine ebenso einfachen wie lebensnahen Experimente, deren vergnügliche Schilderungen zu den Highlights seiner Bücher gehören. So lässt er eine Gruppe von Studenten simple Aufgaben lösen, jede richtige Lösung wird vergütet. Eine Gruppe muss das Blatt abgeben, eine andere darf es vernichten und soll nur angeben, wie viele Aufgaben bewältigt wurden. Verglichen mit der ersten Gruppe waren die auf Treu und Glauben abgegebenen Werte der zweiten Gruppe zwar höher als die der ersten, aber nicht all zu viel. Dieser “Schummelfaktor” widerlegt die These vom maximalen Eigennutz und ist laut Ariely ein Indiz dafür, dass meistens genauso viel betrogen wird, wie es mit einem Selbstbild als ehrlicher Mensch noch in Einklang zu bringen ist.

Darüber hinaus untersucht er, welche Faktoren Unehrlichkeit begünstigen, darunter fallen Erschöpfung, Interessenskonflikte oder altruistische Motive. Zudem fällt es leichter zu betrügen, wenn andere es auch tun und wenn unehrliches Verhalten kulturell nicht sanktioniert wird.

Doch was lässt Menschen ehrlich bleiben? Auch das hat Dan Ariely erforscht, mit verblüffenden Ergebnissen. Die Höhe einer möglichen Strafe hat kaum Auswirkungen auf das Betrügen, dafür hilft es, den Menschen bei seiner Ehre zu packen. Das Leisten einer Unterschrift vor dem Anfang der Aufgabe senkte die Unehrlichkeit deutlich; ebenso wirksam sind moralische Gedächtnisstützen oder eine neutrale Beaufsichtigung.

Dan Ariely gehört zu den wichtigsten und interessantesten Wissenschaftlern unserer Tage, und versteht es immer wieder, seine Leser zu begeistern. Klug und selbstironisch geschrieben ist auch sein drittes Buch ein brillantes Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit unserer unvernünftigen Natur.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Dan Ariely: Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge. Wie wir andere täuschen und uns selbst am meisten
Droemer Verlag, München, Oktober 2012
320 Seiten, 19,99 Euro

Dan ArielyDan Ariely: http://danariely.com/

Portrait & links zu seinen online Vortraegen (auf Englisch in TED )

http://www.ted.com/speakers/dan_ariely.html

Dan Ariely habla sobre

– nuestro código moral defectuoso (On our buggy moral code) subtitulado en español :
http://www.ted.com/talks/dan_ariely_on_our_buggy_moral_code.html

– Dan Ariely asks, Are we in control of our own decisions?:
http://www.ted.com/talks/dan_ariely_asks_are_we_in_control_of_our_own_decisions.html

 

Interkulturelle Kulinaria

Pferdeflesichdebatte und Singles als Konsumenten:

FAZ http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/genuss/gastronomie-vom-pferd-12083362.html

Gastronomie Vom Pferd

16.02.2013 ·  Ob Fohlencarpaccio oder Haflingerschnitzel – Italiener und Franzosen feiern Pferdefleisch als Delikatesse. Deutschen kommt es nicht auf den Teller. Das hat historische Gründe.

Von Peter Peter

Alles Glück dieser Erde - zu bestellen in einem Restaurant in Paris.
taliener tauschen sich gern darüber aus, dass die Lasagne der Großmama immer deswegen besonders gut schmeckte, weil sie außer Gehacktem vom Rind auch Pferdefleisch beimengte. Würden die Italiener sich zu Tiefkühlpasta herablassen, wären sicherlich viele bereit, für ein Gericht mit Pferdehaschee mehr zu zahlen als für hormonbelastetes EU-Rinderhack. Freilich hätten sie dabei die lokalen Herden im Kopf, die auf Almweiden der Voralpen grasen und eine der gesündesten, fettärmsten und naturbelassensten Fleischsorten überhaupt liefern. Ideal für Salami, die längst teurer ist als vom Schwein, für Pastrami, die in Venedigs Weinstuben beliebt ist, oder gar ein zartes Fohlencarpaccio, wie es in den schicksten Restaurants des Tessins serviert wird.In Deutschland aber kommt es zum Skandal. Auch die Briten, selbst Franzosen schäumen. Das ist berechtigt, denn keiner scheint zu wissen, wo das Pferdehack herkommt. Welche verschlungenen Wege durch welche Länder es wie lange genommen hat. Ob es von gedopten Reitpferden stammt, die illegal als Billigfleisch exportiert wurden. Ob es gesundheitsschädlich ist.Empörender als die reale Gefahr empfinden viele jedoch den kulturellen clash. Dass man ihnen Fleisch untergejubelt hat, vor dessen Genuss sie aus tiefeingewurzelten Motiven zurückschaudern, das sie freiwillig nicht essen würden. Pferdefleisch unterliegt einem tausendjährigen Tabu. Die Germanen praktizierten noch rituelle Rossopfer mit anschließendem Pferdeschmaus in der Hoffnung, sich schamanisch die Stärke des Tiers einzuverleiben. Die Kirche hat diesen Brauch schärfstens geächtet. Papst Gregor III. (731-741) forderte den Germanenapostel Bonifatius dringend auf, einzuschreiten. Die Folge: In Deutschland wird der Handel mit Pferdefleisch erst 1841 freigegeben. Wer in der Gastronomie Pferdegerichte servieren wollte, musste bis 1973 eine Sondergenehmigung beantragen. Bis heute sind die wenigen Pferdemetzger in separierten Geschäften vom Rest des Schlachterhandwerks abgesondert – ein Nachhall mittelalterlicher Zunftordnungen.

„Praktische Anleitung zur Bereitung des Rossfleisches“

Natürlich wurde auch früher von Hungrigen Pferdefleisch gegessen, aber man musste heimlich schlachten, es wurde polizeilich geahndet. Pferde essen, das bedeutete Elend, Not, Erinnerungen von fliehenden Heimatvertriebenen oder Stalingradüberlebenden, die verendete Tiere als Nahrung zerschnitten und den süßlichen Geschmack lebenslang nicht loswurden.

Das zähe Fleisch der abgearbeiteten Zugtiere galt als Essen von der Freibank, wo man minderwertiges Fleisch verkaufte, als Abdeckerkost. Historische Rezepte reagierten darauf, indem sie die flachsigen Stücke wie beim rheinischen Sauerbraten in Essig marinierten oder wie Veroneser pastisada stundenlang kochten. Oder durch den Fleischwolf drehten und zu einstigen Proletarierhappen verarbeiteten wie Berliner Pferdeknacker oder Wiener Pferdeleberkäse.

Immerhin: Deutschlands berühmteste Köchin, die Westfälin Henriette Davidis, warf schon 1848 eine „Praktische Anleitung zur Bereitung des Rossfleisches“ auf den Markt, um das Billigfleisch armen Familien schmackhaft zu machen.

Doch mehr noch schreckt uns der emotionale Faktor. Wir kennen kaum noch Pferde als Ackergäule oder Zugrösser, sondern fast nur als Reittiere, denen wir Namen geben, mit denen wir engen Körperkontakt haben, die wir streicheln und mit Zucker füttern. Pferde sind unsere größten „Haustiere“, wir haben sie lieb. Das Gros unserer Gesellschaft der verkappten Vegetarier, die nicht daran erinnert sein wollen, dass Fleisch von Tieren stammt, und deswegen Hamburger, Chickennuggets und Tiefkühllasagne einer selbstgekochten Fleischbrühe aus Rinderknochen vorziehen, ekelt sich besonders vor gemordeten Pferden.

Fortgeschrittener Tierschutz ist hierzulande breiter Konsens, bei Rössern sind wir wacher als bei Käfighühnern. Ärmere Bevölkerungsgruppen in Osteuropa oder im Mittelmeerraum mit ihrem bäuerlichen background sind da traditionell nicht so zartbesaitet. Sie empfinden es als Luxus, Tiere nicht als Nutztiere zu halten und essbares Fleisch verkommen zu lassen.

Was wird aus all den Renn- und Reitpferden, wenn sie alt sind?

Auch in der arabischen Beduinenkultur, in der man etwa affektive Gedichte auf Lieblingskamele verfasst, wird es als netter Zug des Schicksals empfunden, dass die Tiere später verzehrt werden. Und dann existieren noch die kulinarisch neugierigen und zugleich wertkonservativen Gesellschaften, wie in weiten Teilen Frankreichs oder Süditaliens. In Apulien oder Lyon gibt es praktisch keine verpönten Speisen, weil das komplette Kaleidoskop historischer Speisetraditionen einschließlich der Schroffheiten von Schlachtfesten einfach fortlebt. Innereien, Nieren und Lammzungen werden so selbstverständlich verzehrt wie cavallo oder cheval.

Wir hingegen plädieren aufgrund unserer emotionalen und ethischen Sozialisation dafür, Pferde nicht zu essen. Schön und konsequent wäre es dann auch, dass die Tiere, wenn sie zum Sport nicht mehr brauchbar sind, das Gnadenbrot erhalten und nicht Richtung unbekannt (keiner will so recht wissen, wohin) abgeschoben werden, um dann als Hackfleisch in der Lasagne wiederaufzutauchen? Was wird eigentlich aus all den Renn- und Reitpferden, wenn sie alt sind? Das sind Fragen, die sich aktuell stellen.

Der Skandal um das Pferdefleisch dürfte angesichts unseres kulinarisch gespaltenen Zeitgeists zwei gegensätzliche Folgen haben. Wie im Ausland könnten experimentierfreudige Gourmets angesichts gerade populär werdender Edelsteakgrills entdecken, dass das weitgehend cholesterinfreie Pferdefleisch eine wohlschmeckende und bekömmliche Bereicherung des Speisezettels ist – längst gibt es in den Salzburger oder Südtiroler Alpen Züchter, die zartes Pferdefleisch und Haflingerschnitzel in Bioqualität anbieten.

Andererseits wird der Skandal verständlicherweise den latenten Fleischekel verstärken. Schließlich gibt es exzellente Rezepte für Zucchini- oder Spargellasagne, die man sogar selbst machen könnte. Das gilt auch für diejenigen, die Lasagne mit Hackfleisch nicht missen möchten. Wer das einfach beim Fleischer seines Vertrauens kauft, kann selbst entscheiden, ob er hundertprozentiges Rindfleisch oder doch einmal das Rezept der nonna aus Verona ausprobieren will. Falls er einen der letzten Pferdefleischmetzger in Deutschland findet.

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http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/singles-moehren-im-kilopack-12083003.html

Singles – Möhren im Kilopack

16.02.2013 ·  Alle haben heutzutage ihre Lobby: Frauen. Väter. Kinder. Alleinerziehende. Senioren. Homosexuelle. Aber Singles? Ein junger Unternehmer will nun eine Interessenvertretung etablieren.

Von Julia Schaaf

Lukas Brosseder -  Der Geschäftsführer der Online-Partnerschaftsbörse eDarling gründet diese Woche die erste Interessenvertretung für Singles und die Online-Plattform www.single-initiative.de.
Single allein zu Haus: Lukas Brosseder fühlt sich als „Melkkuh“
um Beispiel Müsli. Lukas Brosseder isst zum Frühstück am liebsten Müsli, eine Mischung, die kleine Fruchtstücke enthält. Wenn aber die Vorratspackung wochenlang in seiner Küche herumsteht, schmeckt es ihm irgendwann nicht mehr. Die Fruchtstückchen würden schal, sagt Brosseder. Deshalb bevorzugt er kleinere, im Verhältnis teurere Schachteln.Oder Waschpulver. Bevor Brosseder allein ein Familienpaket Waschmittel verbraucht, ist das Pulver verklumpt, weil es Feuchtigkeit zieht. Also weicht er auf Kleinverpackungen aus, die im Endeffekt teurer sind.Nicht, dass Lukas Brosseder deswegen leiden würde. Als erfolgreicher Start-Up-Unternehmer verkörpert der Einunddreißigjährige das Klischeebild vom Single. Und diese Sorte alleinlebender, alleinstehender Menschen verkraftet ein mäßig überteuertes Dasein ganz gut. Wer sich für eine Person eine 110-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg leisten kann, braucht nicht am Müsli sparen. „Mir muss man nicht helfen“, sagt Brosseder denn auch.

„Den Single kann man ausnehmen“

Trotzdem fragt er, aus Prinzip: Wie kann es sein, dass Ein-Zimmer-Wohnungen prozentual so viel teurer sind als größere Mietflächen? Und was ist mit der neuen Rundfunkgebühr, die als Haushaltspauschale erhoben wird? Warum soll eine Rentnerin für ihr Transistorradio denselben Betrag zahlen wie das kinderlose Pärchen in den Dreißigern, das zwei lukrative Jobs, aber zusätzlich zu Küchenradio und Fernseher zwei Autos, zwei Laptops, zwei Smartphones und zwei iPads besitzt?

„Das ist ungerecht“, sagt Brosseder. Als Geschäftsführer einer Agentur für Online-Dating hat er seit vier Jahren ständig mit Singles zu tun. Er glaubt, dass der fehlende Partner für seine Kunden zwar der größte, aber bei weitem nicht der einzige Kummer sei. Vom Einzelzimmerzuschlag im Hotel über die Hausratversicherung bis hin zu den Betriebskosten im Mietshaus würden Alleinstehende benachteiligt, sagt der gebürtige Münchner, der BWL studiert hat: „Man wird als Melkkuh gesehen: Den Single kann man ausnehmen.“ Dabei seien mitnichten alle Betroffenen jung-dynamische Karrieristen. Für den Studenten, für den Hartz-IV-Empfänger, für die Siebzigjährige mit schmaler Rente läpperten sich die Zusatzkosten zur Bürde.

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Ausgerechnet zum Valentinstag hat Brosseder deshalb die Homepage „single-initiative.de“ ins Netz gestellt. Der Unternehmer, der sich seit der Trennung von seiner Freundin im April selbst damit herumschlägt, wie es ist, alleine essen zu gehen, will eine erste Interessenvertretung für Singles etablieren.

Alle haben heutzutage ihre Lobby: Frauen. Väter. Kinder. Alleinerziehende. Studenten. Senioren. Homosexuelle. Behinderte. Aber Singles? „Das ist ein ganz großer Teil der Bevölkerung, der eigentlich keine Stimme hat“, sagt Brosseder. Seine erste Kampagne gilt der Rundfunkgebühr. Wenn Brosseder genügend Unterstützer findet, will er mit einer Petition an die Politik herantreten.

15,9 Millionen Menschen in Deutschland leben allein. Das ist jeder Fünfte, und die Zahl ist seit 1991 um vierzig Prozent gestiegen. Allerdings zählt das Statistische Bundesamt nur Einpersonenhaushalte; der Beziehungsstatus wird – jenseits der unzulänglichen Kategorien ledig, verheiratet, geschieden – nicht erfasst. Um also zu ermitteln, wie viele Singles im engeren Sinne es gibt, alleinlebend und partnerlos, arbeitet der Soziologe Stefan Hradil mit einer Überschlagsrechnung. Erfahrungsgemäß sei ein Drittel der Alleinlebenden fest liiert, sagt der emeritierte Professor aus Mainz, der in den Neunzigern eine der wenigen ernsthaften Single-Studien erstellt hat. Außerdem müsste man die ältesten und jüngsten „Singles“ aus der Bilanz herausnehmen, weil weder für den Achtzehnjährigen noch für die Witwe mit 85 eine andere Lebensform üblich sei. Blieben also, über den Daumen gepeilt, gut sieben Millionen Singles – Tendenz steigend. Vor allem im mittleren Lebensalter, so Hradil, wachse die Quote scheidungsbedingt stark an.

Bisher kein eigenes Sprachrohr

Nun planen die wenigsten Singles, langfristig allein zu bleiben. „Auch ich stelle mir das Leben in einer Partnerschaft schöner vor“, sagt Brosseder und erzählt, wie er im Urlaub mit befreundeten Familien abends plötzlich alleine an der Bar saß. Und dass die Kumpel aus der Studienzeit nur noch im Doppelpack zu haben sind.

Wenn aber die meisten Singles sich von ihrem Status distanzieren in der Hoffnung, schon bald nicht mehr dazuzugehören, wenn die Zusammensetzung dieser unfreiwilligen Gemeinschaft tatsächlich ständig wechselt, steht es schlecht um die Bereitschaft, sich für die gemeinsame Sache zu engagieren. So jedenfalls erklärt sich Brosseder, dass eine gesellschaftlich relevante Gruppe wie die Singles bisher kein eigenes Sprachrohr hat. Single-Reisen, Single-Partys, Single-Börsen: Schon die Verwendung des Etiketts lebt von der Verheißung, eine leidige Lage schnellstmöglich zu überwinden.

Peggy Kuwan ist nicht auf der Suche. Sie ist 35 Jahre alt und selbständig als Coach für Künstler und Kulturschaffende tätig. Die Fingernägel trägt sie modisch kurz gefeilt und paprikarot lackiert. Wenn sie davon spricht, wie sehr sie es genießt, „auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen“ zu müssen, sitzt sie sehr aufrecht. „Ich habe ein tolles Leben und einen tollen Beruf. Ich bin glücklich, so wie ich bin“, sagt Kuwan. Die finanziellen Zumutungen des Single-Daseins sind für sie kein Thema. Möhren kauft sie einzeln beim Gemüsehändler, nicht beim Discounter im Kilopack.

Wenn es aber um die gesellschaftliche Wahrnehmung ihrer Lebenssituation geht, verdreht sie die Augen und sagt: „Das nervt.“ Als habe sie sich nicht bewusst für dieses Modell entschieden! Als brauche sie nicht unabhängig von ihrem Beziehungsstatus jede Menge Zeit und Raum für sich allein! „Diese Idee, dass ich als Mensch nur vollständig bin mit ’nem Partner – das geht mir gewaltig auf den Zeiger“, sagt Kuwan.

Wenn nun ihr größter Ärger dem Finanzamt gilt, liegt auch das vor allem an einem Mangel an Anerkennung. Immer Steuerklasse 1, immer Maximalsatz. „Ich zahle das Dreifache von dem, was eine Familie zahlt“, sagt Kuwan. „Das fühlt sich wie eine Bestrafung an.“ Als stünde auf jedem Bescheid: Sorry, falsches Lebensmodell – zahlen, bitte.

Wer allein ist, muss sich rechtfertigen

„Die Leitfiguren in unserer Gesellschaft haben sich deutlich in Richtung Familie verschoben“, stellt auch Professor Hradil fest und illustriert seine These mit Beispielen aus der Werbung. Bis Mitte der Neunziger habe es viele Spots gegeben, in denen sich Alleinlebende über die Brüstung ihrer Dachterrasse lehnten, um glücklich auf ihr offenes Cabrio herabzublicken. Heute hingegen dominiere die junge Mutter mit Baby und dem strahlenden Vater an ihrer Seite.

Hradil sagt: „Das Single-Dasein ist weitgehend akzeptiert. Das heißt aber nicht, dass es selbstverständlich ist.“ Wer allein sei, müsse sich rechtfertigen, während der Rest der Welt diese Lebensform bewerte. Dabei mischten sich positive und negative Urteile in dem Maße, wie Hoffnungen und Ängste, wie die Sehnsucht nach Autonomie und die Furcht vor Einsamkeit auf Singles projiziert würden. Die Debatte um die demographische Entwicklung in Deutschland indessen habe dazu geführt, dass kritische Stimmen lauter würden: Nicht nur der mitleidige Blick auf den Single als defizitäres Wesen nehme zu. Mehr oder weniger unterschwellig werde Singles auch Egoismus unterstellt, weshalb sie für das Scheitern des Generationenvertrags mit verantwortlich gemacht würden.

Nun kippt man ein Gesellschaftsbild nicht kurzfristig mit Petitionen, geschweige denn mit einer Homepage. Das ist auch Lukas Brosseder klar. Perspektivisch jedoch zielt seine Single-Initiative sehr wohl auf eine Veränderung im Bewusstsein. Fürs Erste will er die Plattform aus den Ressourcen seiner Dating-Agentur betreuen. Mittelfristig denkt er an die Gründung eines Vereins. Und falls er wieder eine Freundin findet? Brosseder lächelt. „Ich gehe davon aus, dass ich das weiterbetreiben kann und möchte“, sagt er.

Einschüchterung als Arbeitsmethode

Frühkritik: Leiharbeiter bei Amazon Made in China

14.02.2013 ·  Die ARD hat eine berührende Reportage über die Leiharbeiter beim Internetriesen Amazon gezeigt. Das Geschäftsmodell beruht auf Einschüchterung und Misstrauen.

Von Frank Lübberding

Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
as passiert, wenn in einem System alle Nachteile haben und nur einer profitiert? Sollte man es dabei belassen oder es ändern? Sollte es vor allem derjenige ändern, der die Regeln bestimmt und trotzdem zu den Verlierern gehört? Diese Fragen scheinen einfach zu beantworten. Warum ist es dann aber möglich, dass wir am Beispiel Amazon einen Konzern haben, der als Einziger einen Nutzen aus den geltenden Regeln zieht und trotzdem niemand etwas ändert? Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD auch nicht geklärt werden. Das lag aber nicht an der Weigerung des Unternehmens, Fragen zu beantworten – diese müssten in diesem Fall gar nicht erst gestellt werden. Dafür wurde in der Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ deutlich, wie es hinter den Fassaden dieses Internet-Riesen aussieht. Mit einem Umsatz von 6,5 Milliarden Euro kontrolliert er mindestens 20 Prozent des deutschen Online-Handels und in gleicher Größenordnung den Buchmarkt.Volkswirtschaftlich gesehen ist es völlig gleichgültig, wo jemand seine Bücher oder Schuhe bestellt. Am Ende muss sich immer ein Käufer finden, der diese Produkte bestellt. Aus den Erlösen werden die Löhne, die Sozialversicherungsabgaben und die Steuern bezahlt. Der Rest ist der Gewinn des Unternehmens. In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.

Einschüchterung als Geschäftsmodell

Die beiden Filmautoren, Diana Löbl und Peter Onneken, schilderten akribisch, wie Einschüchterung bei Amazon als Geschäftsmodell funktioniert. Das Unternehmen betreibt in Deutschland sieben Distributionszentren, in denen vor allem Leiharbeitnehmer beschäftigt werden. Die Einschüchterungskette beginnt schon bei deren Anwerbung im europäischen Ausland. Statt eines versprochenen Beschäftigungsverhältnisse bei Amazon kommt kurz vor Vertragsbeginn eine Leiharbeitsfirma namens „Trenkwalder Personaldienste GmbH“ ins Spiel. „Bei Trenkwalder steht der Mensch im Mittelpunkt – das ist der Kern einer vertrauensvollen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Kunden“, so formuliert es das Unternehmen auf seiner Firmenhomepage. Was das heißt? Sie bieten der spanischen Kunstlehrerin Silvina einen Arbeitsvertrag an – mit reduzierten Konditionen. Untergebracht werden die Mitarbeiter etwa für das Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld in einem insolventen Freizeitpark. Dafür verantwortlich ist die CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG. Immerhin kann sich einer darüber freuen: Laut einem Bericht der Hersfelder Zeitung vom 15.12.2012 freute sich der Insolvenzverwalter des Freizeitparks über die „tolle Geschichte“ und die „dringend benötigte Liquidität“.

Was die „tolle Geschichte“ für die Leiharbeiter bedeutet, erzählen die Autoren in atmosphärisch dichten Bildern. Sie hatten das, was guter Journalismus braucht: Zeit. Sie mieteten sich ebenfalls in dem Freizeitpark ein und es gelang ihnen, die Wirklichkeit europäischer „Wanderarbeiter“ zu skizzieren. Ein Begriff, der ansonsten für chinesische Verhältnisse benutzt wird. In der Struktur unterscheiden diese sich aber nicht vom Amazon-Geschäftsmodell. Was in China die armen Landprovinzen sind, ist in der EU Süd- und Osteuropa. Von der Unterbringung über den Bustransfer bis zur Überwachung durch die Sicherheitsfirma werden tausende Mitarbeiter zu bloßen Objekten degradiert. Sie werden nur für ein Ziel gebraucht: Den Geschäftserfolg von Amazon sicherzustellen.

„Eine Kleinigkeit in dieser Maschine“

Diese Wanderarbeiter sind keine klassischen Arbeitnehmer, wie es in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft formuliert wird, mit Rechten und Pflichten. Sie werden zu einer „Kleinigkeit in dieser Maschine“, so drückte es die Kunstlehrerin aus Spanien aus. H.E.S.S sei allgegenwärtig – und die Einschüchterung funktioniert in der Weise, wie es einer ihrer Mitarbeiter formulierte: „Das ist unser Haus. Das sind unsere Regeln. Ihr müsst das machen, was wir sagen.“ Das geht, gut dokumentiert, bis zur Verletzung der Privatsphäre. Wer sich wehrt, muss mit Entlassung rechnen. Ein Verdi-Funktionär schilderte die Folgen dieser Einschüchterungskultur und des institutionalisierten Misstrauens: „Sie“, die Wanderarbeiter, „sagen gar nichts, fressen den Frust in sich hinein.“ Sie brauchen das Geld und hoffen auf eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Diese Hoffnung ist trügerisch und endete bei Silvina mit der Entlassung kurz vor Weihnachten.

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„Ich bin nicht für diese Sklavenarbeit“, so formulierte es einer der Fahrer, die jeden Tag den Bustransfer erledigen. Nur ist er selber eine bloße Kleinigkeit in dieser Amazon-Maschine. Der Konzern ist der größte Profiteur, seine Handlanger heißen Trenkwalder,  CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG und H.E.S.S. Amazon ist bekannt für seine kreative Buchhaltung und weist für sein Deutschland-Geschäft Verluste aus. Das schadet nicht nur dem deutschen Staat, sondern allen Wettbewerbern, die sich gegenüber ihren Mitarbeitern fair verhalten.

Diese Maschine hat die Politik gebaut

Volkswirtschaftlich bringt das keinen Nutzen: Man kann seine Bücher beim örtlichen Buchhändler kaufen. Nur hat nicht Amazon diese Maschine gebaut, sondern die deutsche Politik. Sie erst hat den chinesischen Wanderarbeiter in Deutschland möglich gemacht. Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD nicht geklärt werden. Die Frage ist aber auch überflüssig geworden. Die Politik kann es nämlich wieder ändern – und schon heute damit anfangen.

„Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ lief am Mittwoch um 22:45 Uhr und ist in der Mediathek der ARD zu sehen.