Medizin – Daten & Informatikkonzerne

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Cybergeographie

Gesundheitsmarkt Medizin im Rausch der Daten

02.02.2013 ·  Ärzte und Patienten hoffen auf bessere Therapien, IT-Konzerne wie SAP und IBM auf glänzende Geschäfte. Ein Drittel aller Daten, die auf der Welt erhoben werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen.

Von Stephan Finsterbusch und Sebastian Balzter

egabyte? Gigabyte? Jürgen Eils schüttelt den Kopf. In solchen Größenordnungen denkt der Datenmanager des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg schon lange nicht mehr. Auf zwei Terabyte veranschlagt er die Datenmenge eines menschlichen Genoms, das sind 2000 Gigabyte. Auf ein Viertel davon lasse sich das Volumen mit ein paar Rechentricks herunterbrechen, sagt Eils, dann verfüge das Zentrum gegenwärtig über genug Speicherplatz für einige hundert Genome. „Aber wenn wir in Zukunft das Erbgut jedes Krebspatienten in Deutschland sequenzieren wollen, reden wir von ganz anderen Größenordnungen.“Der Behandlungsfortschritt, den sich Ärzte und Patienten von dieser Katalogisierung versprechen, könnte seine Grenzen allerdings schnell in der Kapazität von Rechnern und Festplatten finden. Rund um die Welt arbeiten IT-Konzerne deshalb mit Kliniken und Arzneimittelherstellern zusammen. Es geht unter anderem darum, Arzneimittel künftig zielgerichtet einzusetzen; viel zu viele Medikamente wirken nämlich nur dann, wenn die genetischen Voraussetzungen der Patienten dafür stimmen – was in der Krebstherapie mit herkömmlichen Methoden nur in einem von vier Fällen zutrifft (siehe Grafik). „Personalisierte Medizin“ heißt das Versprechen maßgeschneiderter Therapien auf der einen Seite, „Big Data“ das Stichwort auf der anderen. Computer werden leistungsfähiger, Software wird besser. Die Kompression, Speicherung, Pflege und Visualisierung ständig wachsender Datenmengen ist das Bindeglied.

Der deutsche Anbieter SAP AG peilt nach einigen umfang- und erfolgreichen Tests in Europa und Amerika für die kommenden Monate an, sein superschnelles Datenbanksystem Hana, mit dem binnen eines Wimpernschlags riesige Datenmengen erfasst und analysiert werden, auch auf eine Plattform für die Medizin zu stellen. Hasso Plattner, einer der Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, ist in dieser Woche eigens nach Kalifornien gereist, um in Palo Alto an einer Konferenz zum Thema teilzunehmen.

Die Medizin als eines der wichtigsten Geschäftsfelder

„Es gibt große Hoffnung von Fachleuten, dass wir mit unserer Technik die Entwicklung ein gutes Stück voranbringen können“, schildert er die Erwartungen der dort versammelten Fachleute. Plattner treibt zudem die Zusammenarbeit mit Medizinern und Wissenschaftlern der Stanford School of Medicine sowie dem Charité-Krankenhaus in Berlin voran. „Wir können mit Hana die Genom-Berechnungen um den Faktor 40, Ende dieses Jahres vielleicht sogar um den Faktor 60 beschleunigen“, sagt er.

Am DKFZ in Heidelberg soll ein anderes Schwergewicht der IT-Branche, der amerikanische Anbieter IBM, ähnliche Fortschritte bringen. Neue Methoden der Datenkompression könnten den Speicherbedarf für ein Genom um den Faktor 160 verringern, überschlägt Jürgen Eils. Es gehe darum, zuverlässig und schnell den Teil des Erbguts herauszufiltern, der für die Erkrankung relevant ist. Außerdem werde die Technik der Datenübertragung und des Datenabgleichs überarbeitet. „Zurzeit brauchen wir ein oder zwei Tage, um ein gesamtes Genom zu verarbeiten“, sagt Eils. „Wir erwarten eine Reduzierung auf mehrere Stunden.“ Plattner von SAP spricht sogar von Minuten. Mit einer eigens entwickelten technischen Plattform des superschnellen Datenbanksystems Hana will SAP in diesem Jahr noch an den Start gehen. „Vielleicht noch in der ersten Jahreshälfte“, sagt Plattner.

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Der amerikanische IT-Anbieter IBM steht dem nicht nach. Der alte Vorstandsvorsitzende Sam Palmisano hatte die Medizin schon vor einigen Jahren zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder ausgerufen, 300 Millionen Dollar investiert der Konzern im Jahr dafür. Ein Drittel aller Daten, die in Zukunft auf der Welt produziert werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen, überschlägt Manuela Müller-Gerndt, die in Deutschland für diese IBM-Sparte verantwortlich ist. Dass diese Daten, vom OP-Bericht über das Protokoll einer Arzneimittelstudie bis zum Röntgenbild, aus unterschiedlichen Quellen stammen und von sehr unterschiedlicher Qualität sind, macht ihre Zusammenführung zu einer besonderen Herausforderung.

Die komplette Sequenzierung jedes Neugeborenen

Das Vorzeigeprojekt des Konzerns ist der Einsatz des Supercomputersystems Watson zu medizinischen Zwecken. Das Computerprogramm stammt aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz und ist faktisch eine hochwertige semantische Suchmaschine. Sie könnte zum Rückgrat der medizinischen Forschung werden. Müller-Gerndt skizziert ein ehrgeiziges Ziel: „Am Ende soll eine Anwendung für den Tabletcomputer stehen, die jedem Arzt in Echtzeit mitteilt, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Therapie für einen bestimmten Patienten erfolgreich sein wird, wie hoch der Anteil von Fehldiagnosen durchschnittlich ist und wo der nächste Ansprechpartner für das jeweilige Spezialgebiet zu finden ist.“

Erschöpft sind die Ideen damit noch nicht. Ein Minilabor in Kreditkartengröße für minutenschnelle Bluttests, Geräte zur automatischen Aufzeichnung von Bewegungsprotokollen und Gehirnstrommessungen – die Liste ist lang. „Die Königsklasse ist die direkte Übertragung solcher Daten über das Smartphone und die damit verbundene Kommunikation mit dem Arzt“, sagt Sebastian Krolop von der Beratungsgesellschaft Accenture. Knapp zwei Drittel der deutschen Mediziner, habe eine Umfrage im vergangenen Jahr ergeben, stünden solchen Möglichkeiten positiv gegenüber. Die Patientenversorgung könnte nach ihrer Meinung verbessert, der Zugang zu Studiendaten erleichtert werden. Müller-Gerndt von IBM geht noch weiter. „Unsere Vision ist die komplette Sequenzierung jedes Neugeborenen“, sagt sie. Dass es dagegen Einwände von Datenschützern geben könnte, wischt die Managerin beiseite. Die Patienten werden in der Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten ihre Daten aus eigenem Antrieb zur Verfügung stellen, prognostiziert sie.

Wie SAP und IBM engagieren sich auch andere Größen der Computer- und Softwarebranche auf dem Feld der Medizin. Für den japanischen Elektronikhersteller Sony Corp etwa steht der Auf- und Ausbau einer Gesundheitssparte ganz oben auf der Agenda. „Das ist ein schnell wachsender Markt, und wir versprechen uns davon einige kräftige Impulse“, sagt Kazuo Hirai, der Vorstandsvorsitzende. Sony hat sich im vergangenen Herbst mit umgerechnet 450 Millionen Euro an Olympus beteiligt, dem größten Hersteller von Endoskopen in der Welt. Der Kamera- und Druckerhersteller Canon hat ebenfalls im Medizingeschäft zugekauft. Und Samsung aus Südkorea hat gerade Neuro-Logica übernommen, einen amerikanischen Anbieter von Scannern für die Computertomographie.

Den Pharmakonzernen erwachsen neue Wettbewerber

Als Vorbild für diese Entscheidungen mag die Strategie von einstmals großen Haushalts- und Unterhaltungselektronikherstellern wie Siemens aus Deutschland, General Electrics aus Amerika und Philips aus den Niederlanden gedient haben, die schon vor Jahren in die Medizintechnik investiert haben. Philips hat Anfang dieser Woche sogar bekanntgegeben, die Reste seines Geschäfts mit Konsumelektronik zu verkaufen und die Ressourcen verstärkt in die Medizinsparte zu lenken. „Wir sind hier ziemlich gut aufgestellt“, erläuterte der Vorstandsvorsitzende Frans van Houten den Schritt. „Denn wir denken in Lösungen, nicht einfach in Produktgruppen.“ Die Sparte machte im vergangenen Jahr rund 40 Prozent des Konzernumsatzes von knapp 25 Milliarden Euro aus.

So erwachsen auch den traditionellen Platzhirschen auf dem Gesundheitsmarkt, den Pharmakonzernen, neue Wettbewerber. „Unternehmen aus anderen Branchen könnten sie in den kommenden Jahren überrunden“, warnt Elia Napolitano von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Dazu zählt er neben den IT-Konzernen auch Medienunternehmen, Telekommunikationsanbieter und spezialisierte Gesundheitsdienstleister. Viele Arzneimittelhersteller haben darauf inzwischen jedoch reagiert. Der französische Konzern Sanofi hat zusammen mit einem amerikanischen Partner ein Blutzuckermessgerät entwickelt, das sich an das iPhone anschließen lässt; die Messwerte lassen sich mit einer App verwalten. Bayer hat ein vergleichbares Gerät für jugendliche Diabetiker zum Anschluss an eine Spielekonsole von Nintendo im Sortiment. Noch weiter geht Novartis aus der Schweiz: Der Konzern hat sich am kalifornischen Anbieter Proteus beteiligt, um eine „smart pill“ zu entwickeln, die Daten zur Überprüfung der Dosierung direkt aus dem Körper des Patienten senden soll. Was sich nach Science-Fiction anhört, ist keine Zukunftsmusik mehr. Die amerikanische Gesundheitsbehörde hat die digitale Tablette im vergangenen Sommer zugelassen.

Quelle: F.A.Z.

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