Social Media – Absagen

F.A.Z. online: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-pirat-springt-ab-twitter-ist-fuer-mich-gestorben-12086207.html

Ein Pirat springt ab Twitter ist für mich gestorben

19.02.2013 ·  Das Gezwitscher bringt nichts: Es kostet Zeit und Nerven, steigert aber kaum die Wirkung in der Öffentlichkeit. Hierin sind die klassischen Medien unübertroffen.

Von Christopher Lauer

Piraten Parteitag
ch facebooke, ich google plusse, ich podcaste, ich twittere, und neuerdings bin ich sogar auf ADN (App dot net). ADN ist so etwas wie Twitter, nur dass man dafür 36 Euro im Jahr bezahlen muss. All diese Aktivitäten auf sozialen Medien betreibe ich, weil ich als Volksvertreter erreichbar sein will. Insbesondere twittere ich, weil es auch viele Journalisten tun. Die Direktnachricht auf Twitter dürfte gerade bei jüngeren Journalisten und Politikern die SMS abgelöst haben.Soziale Medien sind ein Versprechen: dauerhafte Verfüg- und Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit, ein potentiell unendlich großes Publikum zu erreichen. Mittlerweile habe ich auf Twitter 22.500 Follower, was man beachtlich finden kann. Oder auch nicht. Der hauseigene Analysedienst Twitter Analytics brachte mich auf die Frage, ob Twitter überhaupt etwas bringt. Twitter Analytics zeigt mir an, wie oft ein Link, den ich verbreite, geklickt wird. Ernüchternde Erkenntnis: Mir mögen zwar 22.500 Menschen folgen, aber im besten Fall klicken 2.000 auf einen Link, den ich verbreite. Im Durchschnitt irgendetwas um die 500. Große Tageszeitungen haben eine Auflage von mehr als 350.000 Exemplaren. Selbst bei der konservativsten Rechnung, dass nur ein Prozent der Leser überhaupt bis hierhin gekommen ist und diesen Gastbeitrag liest, wären das noch immer mehr, als auf meine Links auf Twitter klicken. Wenn ich in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sitze, erreiche ich sogar ein Millionenpublikum.

Wer profitiert von dieser permanenten Nabelschau?

Dafür kostet mich Twitter Zeit. Jeden Tag geht, seit Mitte 2009 grob gerechnet, mindestens eine Stunde dafür drauf. Das sind 166 Acht-Stunden-Arbeitstage seit 2009, die ich nur mit Twitter verbracht habe. Wenn jeder meiner 60.000 Tweets die Maximallänge gehabt hätte, käme ich auf ungefähr 800 Gastbeiträge zu je rund 10.000 Zeichen; das sind mehr als zwei Zeitungsspalten.

Dafür kostet mich Twitter Nerven. Jeden Tag aufstehen und mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung lesen. Seit ich Abgeordneter bin, habe ich mehr als 500 Personen auf Twitter geblockt, das heißt, diese können mir nicht mehr folgen, und wenn sie mir schreiben, sehe ich es nicht. Man stelle sich vor, ich hätte in einem Jahr 500 einstweilige Verfügungen erwirken müssen, die es Menschen untersagt, sich mir zu nähern oder mit mir zu kommunizieren. Dafür entsteht sozialer Stress. Menschen twittern über ihre Depressionen, sie twittern im Affekt Unkluges, Dinge, die ich nicht lesen möchte. Wenn ich diese Menschen abkoppele, muss ich mich dafür ihnen gegenüber rechtfertigen. Jetzt wird ein Social-Media-Experte dazwischenrufen: „Aber du kannst sie doch für einen Zeitraum X stumm stellen!“ Ja, sage ich, aber will ich das? Warum soll ich als Empfänger auf einmal eine Filterleistung vollbringen, die ich mir eigentlich vom Absender wünsche? Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?

Mediales Dauerrauschen

Darüber hinaus zerfasert Twitter meine Kommunikation. Journalisten stellen mir Anfragen in einer privaten Nachricht auf Twitter. Ein Statement hierzu, wie ich dieses und jenes einschätze. Es würde auch in eine SMS oder E-Mail passen, aber Twitter bietet sich halt an, denn es suggeriert meine dauerhafte Verfügbarkeit. Dabei sind einzig und allein Tweets Kalorien für die mediale Fressmaschine. Sie sind der heilige Gral des Verlautbarungsjournalismus, denn es gibt nicht einmal mehr einen Kontext, aus dem sie gerissen werden müssen, sie hatten von Anfang an keinen. So füllen seit dem Erfolg der Piraten-Partei Schlagzeilen wie „XY hat dieses und jenes getwittert“ den Boulevard.

Wo aber sind die behaupteten Vorteile der Online-Kommunikation angesichts solcher medialer Kollateralschäden? Vom Vertrauensverlust, der durch eine salopp formulierte Unflätigkeit auf Twitter entsteht, gar nicht zu sprechen. Und weiß ich, Stichwort Brüderle, ob nicht in drei Jahren irgendein Tweet rausgekramt wird, den ich 2010 möglicherweise im betrunkenen Zustand veröffentlicht habe? Kann ich sagen, wie prüde die Gesellschaft im Jahr 2020 sein wird und in welchem Lichte meine Tweets von 2012 dann betrachtet werden?

Überhaupt: In was für ein Menschen- und Gesellschaftsbild lasse ich mich durch die Nutzung von Twitter eigentlich pressen? Ist es ein Wert, unbedarft jeden Gedanken, der vermeintlich in 140 Zeichen passt, in die Welt zu blasen? Soll jeder immer alles kommentieren? Möchten wir eine Diskussions- und Aufmerksamkeitskultur des Rauschens, das nur durch besonders laute und plakative Themen unterbrochen wird? War das nicht lange Zeit die Kritik an den klassischen Medien?

Anfragen bitte per E-Mail

In seiner Einfachheit bedient Twitter sicher ganz grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Freundschaft, Anerkennung und Lob, den Wunsch, bekannt zu sein, gehört zu werden. Diese Bedürfnisse sind kein Selbstzweck, verkommen auf Twitter aber dazu. Was bliebe mir denn von meiner gefühlten sozial-medialen Macht übrig, wenn morgen jemand bei Twitter den Stecker zöge, der ganze Dienst und all seine Informationen weg wären? Nichts.

Am Ende summieren sich bei mir verlorene Zeit und Nerven, sozialer Stress und zerfaserte Kommunikation sowie mediale Super-GAUs zu verlorener Produktivität. Nicht ich bestimme meinen Alltag, mein Alltag wird von Twitter zumindest mitbestimmt. Dem gegenüber steht für mich ein Mehrwert, der genau zu messen und äußerst beschränkt ist. Selbst wenn mir alle deutschsprachigen Twitternutzer folgen würden, dann stünden 800.000 Follower gegen die 27 Millionen eines Barack Obama oder 34 Millionen eines Justin Bieber.

Die Frage, ob ich Twitter weiter nutzen möchte, habe ich für mich beantwortet. Die entsprechende App wurde von meinem Smartphone verbannt. Ganz löschen werde ich den Account nicht; zum Verbreiten von Links auf meinen Blog reicht er noch. Aber als Kommunikationsmedium ist Twitter für mich gestorben. Wer etwas von mir möchte, der möge mir ganz klassisch eine E-Mail schreiben.

Christopher Lauer ist innen- und kulturpolitischer Sprecher sowie Vorsitzender der Piraten-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Weitere Artikel

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Die Twitterkönigin

http://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/die-twitterkoenigin-12085067.html

18.02.2013 ·  Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner kommuniziert am liebsten ohne lästige Journalisten. Pressekonferenzen hat sie abgeschafft. Tweets und Fernsehauftritte liegen ihr weit mehr.

BUENOS AIRES, 18. Februar

Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner pflegt ihre Entscheidungen nach einem strengen Ritual zu verkünden, bei dem sie vor Ministern und deren Gefolge, hohen Beamten und Mitgliedern regierungsfreundlicher Organisationen wie eine Königin vor ihrem Hofstaat auftritt. Fast immer müssen diese Monologe in einer cadena, der Zusammenschaltung sämtlicher Rundfunk- und Fernsehkanäle, übertragen werden. Das ist vom Gesetz zwar nur für Katastrophenfälle vorgesehen, doch die Präsidentin hält bisweilen selbst die Eröffnung einer Straße für so staatstragend, dass sie deshalb die cadena bemüht. Im vergangenen Jahr hat sie auf diese Weise 22 Mal die Sender zusammenschalten lassen. Einmal hatte sie selbst Gefolgsleute verärgert, als sie eine derartige „Schalte“ zur argentinischen Primetime um 22 Uhr ansetzte.

In jüngster Zeit muss die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bemerkt haben, dass das Ritual an PR-Wirkung eingebüßt hat. Sie hat sich deshalb wieder einer weit einfacheren Methode besonnen, sich der Außenwelt mitzuteilen, und das zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtstunde. Sie begann wieder zu twittern. Auch früher hatte sie schon zu diesem Kommunikationsmittel gegriffen, doch nun hat sie die Anwendung perfektioniert. Ihre Fernsehauftritte und die Twitterei erfüllen für sie die gleiche Aufgabe. Sie bringen ihre Botschaften direkt zu den Empfängern, ohne Journalisten als lästige Frager und Zwischenwirte. Oder wie sie es einmal formulierte: Sie will ihre Landsleute „wissen lassen, was die Medien verbergen“. Pressekonferenzen hat schon ihr verstorbener Gatte und Vorgänger Néstor Kirchner während seiner Regierungszeit (2003 bis 2007) abgeschafft.

Manchmal völlig enthemmt

Frau Kirchners 140-Zeichen-Nachrichten enthalten nicht nur Informationen über ihre Entscheidungen wie die Tweets anderer Staats- oder Regierungschefs, welche die sozialen Netzwerke benutzen, um ihre Politik zu erläutern. Sie vermischt bewusst Politik- und Alltagssphäre, vermutlich um etwas bürgernäher zu erscheinen als bei ihren feudalen Selbstinszenierungen während der cadenas. Dabei schreckt sie auch vor Banalitäten nicht zurück. „Traditionelle arabische Wärme und Gastfreundschaft bei der Ankunft“, twitterte sie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf ihrer jüngsten Welttournee. Aus Vietnam berichtete sie „live“ über ihre Abenteuer in den Tunneln des Vietkong.

Im Januar hat Cristina Kirchner 257 Tweets geschrieben, durchschnittlich acht an einem Tag, manchmal aber auch, völlig enthemmt, gleich zwei Dutzend innerhalb einer halben Stunde. Das Echo auf die Messages von @CFKArgentina war stets erstaunlich groß. Mit fast 400 000 Kommentaren war sie im ersten Monat des Jahres bei Twitter die am meisten zitierte politische Figur in Argentinien. Sie hat 1,5 Millionen Followers, zum großen Teil Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 30 Jahren. Frauen sind mit einem Anteil von 42 Prozent der Cristina-Fans in der Minderzahl. Das erstaunt, weil sich Frau Kirchner immer wieder gern als Anwältin ihres Geschlechts in Szene setzt.

Mit Vorliebe verschießt Cristina Kirchner ihre Tweets als Giftpfeile gegen ihre politischen Gegner und Kritiker. In dem Zwitterreich zwischen Information und Polemik, in dem sich kürzlich die Twitterschlacht um die von ihrer Regierung mit Iran abgeschlossene umstrittene Vereinbarung zur vorgeblichen Aufklärung des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum „Amia“ 1994 in Buenos Aires zutrug, zielte sie auf den „Amia“-Präsidenten Guillermo Borger. Er hatte die Befürchtung ausgesprochen, dass die Vereinbarung ein weiteres Attentat provozieren könnte. „Wer sollen der geistige Urheber und der Täter sein?“, twitterte Frau Kirchner erregt in Großbuchstaben, und danach ging es Schlag auf Schlag. „Klar, dass es nie die Unterzeichnerländer sein können. Sollen es die sein, die sich der Übereinkunft widersetzen? Länder, Personen, Geheimdienste? Wer?“ fragte sie, lenkte damit den Verdacht unausgesprochen auf jüdische Institutionen und Israel und äußerte den Verdacht, dass sie selbst Opfer werden könne: „Aber außerdem, wer soll es sein …, oder sind wir das Ziel?“ Schließlich drängte sie Borger zu sagen, wen er verdächtige: „Ich glaube, dass das argentinische Volk allgemein und die Justiz im Besonderen es verdienen zu erfahren, wen Guillermo Borger, der Amia-Präsident, gemeint hat“, twitterte sie. Borger ließ die Twitterpfeile an sich abprallen und schoss nicht zurück. Er erläuterte lediglich, ohne Twitter, dass er ganz allgemein von der Gefahr eines neuerlichen Anschlags gesprochen habe.

Der Kultslogan: Obvñzfhnhxds

Die liebste Zielscheibe von Frau Kirchner ist der Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri. Ihn titulierte sie in ihrem jüngsten Twittergewitter als „Baumbeschneider“, weil er für den Bau einer Express-Omnibuslinie Bäume fällen ließ. Manchmal lässt sie sich auch von treuen Gefolgsleuten Feuerschutz geben. In diesem Fall ließ sie Macri von ihrem früheren Kabinettschef Alberto Fernández als den „Verrückten mit der Motorsäge“ angiften. Sie verschwieg aber, dass ihre Regierung für die Anlage eines Technologieparks sehr viel mehr Bäume hatte umlegen lassen.

Was Frau Kirchner mit ihrer Twitterei bewirken will, wird deutlich, wenn man die Botschaften auf ihre sprachliche Form untersucht, wie es die Tageszeitung „La Nación“ getan hat. Sie ließ Linguisten zu Wort kommen, die bemerkt haben, dass sich Frau Kirchner bemüht, mit Modewörtern aus der Jugendsprache und – vollends ungewöhnlich – mit englischen Ausdrücken jugendlich und spontan zu erscheinen. Tatsächlich wimmelt es in ihren Tweets von Floskeln wie „very good“, „my god!“, „too much“, „sorry“. Bisweilen verwechselt sie auch „always“ mit „of course“, doch es entsteht generell der Eindruck, dass sie spontan und flott twittert. Dabei ist allerdings nicht klar, ob sie tatsächlich selbst die 140-Zeichen-Texte tippt oder nicht doch Helfer hat, die das, selbstverständlich unter ihrer Kontrolle, für sie besorgen. Ihre Absicht, ein junges Publikum zu erreichen, passt auf jeden Fall zu dem von ihr gepflegten Verjüngungs- und Jugendlichkeitskult.

Der Twitterkönigin Cristina Kirchner ist bislang freilich nicht gelungen, was der argentinische Oppositionspolitiker Hermes Binner kürzlich auf Anhieb geschafft hat: Mit einer einzigen Kürzestnachricht einen trending topic in Argentinien zu produzieren und weltweit an dritter Stelle der am meisten gelesenen Tweets zu landen. „Obvñzfhnhxds“ hatte er in die Twitterwelt hinausposaunt. Unfreiwillig, wie er später bekannte. Der technisch wenig versierte Politiker hatte sein Smartphone in die Tasche gesteckt, und es hatte von selbst zu twittern begonnen. Die dadaistische Buchstabenfolge ist prompt zu einem Kultslogan in Argentinien geworden. JOSEF OEHRLEIN

Quelle: F.A.Z.

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