Eine schlimme Bescherung

Amazon erwirbt Goodreads Eine schlimme Bescherung

30.03.2013 ·  Amazon hat mit dem Kauf der Leserplattform Goodreads nun alle wichtigen Buchrezensionsforen im Internet unter Kontrolle. Und solche Informationen bedeuten heute alles.

Von Andreas Platthaus

as für ein Osterei, das Amazon sich da beschert hat. Der Buchhandelsriese aus Seattle übernimmt die in San Francisco angesiedelte Leserplattform goodreads.com, auf der derzeit sechzehn Millionen Buchliebhaber Listen ihrer Bibliotheken einstellen, vor allem aber Einschätzungen der von ihnen gelesenen Bücher abgeben. Die im Januar 2007 von dem Softwareentwickler Otis Chandler und seiner Frau Elizabeth gegründete Website gestattet den Mitgliedern freien Zugang zu allen eingestellten Listen und Kommentaren; zu diesen Mitgliedern zählen allein 30.000 private amerikanische Leseclubs.Dadurch stellt Goodreads eine immense Marktmacht dar, ohne selbst Bücher zu verkaufen. Aber es wäre ein leichtes gewesen, eine solche Funktion einzurichten oder Kaufinteressenten zu einem Konkurrenten von Amazon weiterzuleiten. Die auf Goodreads abgegebenen Empfehlungen pro Buch sind im Durchschnitt weitaus zahlreicher als bei Amazon, und sie gelten als unabhängiger, weil sie aus Leidenschaft für Bücher entstehen. „See what your friends are reading“, lautet der Wahlspruch der Plattform.

Auf dem Weg zum Monopol auf Leserbewertungen

Nun aber hat Amazon für eine noch unbekannte Summe Goodreads gekauft, was dessen Gründer Chandler in einer Mitteilung an die Mitglieder als blendende Nachricht verkauft: „Wir treten der Amazon-Familie bei.“ (Unter den bereits mehr als 1700 Kommentaren der neuen Familienmitglieder finden sich nach anfänglicher Begeisterung jedoch immer mehr skeptische Stimmen, die sich vor allem um die Unabhängigkeit der Goodreads-Bewertungen Sorgen machen.
Amazon hat zugesichert, die neue Tochter in San Francisco und auch unter der Regie des Ehepaars Chandler zu belassen.

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Tatsächlich nutzt die Neuerwerbung dem Konzern nur dann etwas, wenn der Nimbus von Goodreads erst einmal erhalten bleibt. Es ist aber auch klar, was das Ziel dieser Erwerbung ist: ein Monopol auf Leserbewertungen im Internet zu erzielen. Denn solche Buchrezensionen kosten den Konzern nichts, und sie werden immer wichtiger für den Absatz.

Von Goodreads kann künftig zum Kauf direkt auf Amazon verlinkt werden. Vorrangig aber verspricht sich der Konzern zusätzliche Kunden für seinen Kindle, der in hartem Wettbewerb mit anderen E-Book-Lesegeräten wie etwa dem iPad von Apple steht.
Zur „Amazon-Familie“ gehörte bereits die Plattform „Shelfari“, die als Austauschforum über private Bücherbestände genau wie Goodreads positioniert ist, und eine Minderheitenbeteiligung an der ähnlich aufgebauten Seite LibraryThing, die aber nur 1,5 Millionen registrierte Nutzer hat. Nun besitzt der Konzern alle wichtigen Netzplattformen dieser Art. Die Riesen im Netz werden immer größer.

 

Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

Wirtschaftskrise in Europa macht die Menschen krank

Gesundheit Wirtschaftskrise in Europa macht die Menschen krank

27.03.2013 ·  Die Zahl der Suizide in der EU ist einer Studie zufolge seit 2007 gestiegen. Schuld soll die Wirtschaftskrise sein, die vor allem Menschen in Griechenland, Spanien und Portugal krank macht.

Von Britta Beeger

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/gesundheit-wirtschaftskrise-in-europa-macht-die-menschen-krank-12130130.html

ie Wirtschaftskrise in Europa hat offenbar schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Betroffen seien vor allem Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal, die ihre Ausgaben für den Gesundheitssektor besonders stark gekürzt hätten, schreibt die britische Fachzeitschrift „Lancet“ in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie. Tiefe Haushaltseinschnitte der Krisenstaaten und die hohe Arbeitslosigkeit führten zu sinkenden Einkommen, weshalb weniger Menschen zum Arzt gingen oder sich Medikamente kauften. Im Zuge der Krise sei zudem die Zahl der Selbstmorde in der Europäischen Union seit 2007 wieder angestiegen, nachdem sie in den Vorjahren in vielen Ländern gesunken war.

Besonders dramatisch ist die Situation laut der Studie, an der unter anderem das Europäische Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik beteiligt ist in Griechenland. Laut Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums sei die Zahl der Selbstmorde in den ersten fünf Monaten des Jahres 2011 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent gestiegen. Die Budgets der Krankenhäuser seien um 40 Prozent verringert worden, es gebe Engpässe bei Personal und Medikamenten. Auch die Zahl der HIV-Infektionen unter Drogenabhängigen sei gestiegen, weil Programme zur Bereitstellung sauberer Nadeln für Drogenabhängige gestrichen wurden: von 10 bis 15 Neuinfektionen jährlich zwischen 2007 und 2010, auf 256 in 2011 und 314 in den ersten acht Monaten des Jahres 2012.

Die Zahl der Suizide in der Europäischen Union sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Die Autoren werfen der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der Europäischen Kommission vor, nicht auf die Gesundheitsgefahren hinzuweisen, die durch die von der EU vorangetriebene strikte Sparpolitik entstehen, obwohl sie rechtlich dazu verpflichtet wären. Sie habe sich stattdessen darauf beschränkt, „die Gesundheitsministerien zu beraten, wie sie ihr Budget kürzen können“. Auch die Gesundheitsministerien selbst seien „still geblieben“. Negative Effekte auf die Gesundheit seien jedoch nicht unvermeidbar, schreiben die Autoren. So sei Island als eines der ersten europäischen Länder von der Krise betroffen gewesen. Das Land wehrte sich gegen eine strikte Sparpolitik und investierte weiter in staatliche Dienste. Negative Auswirkungen auf die Gesundheit sind laut der Studie „kaum wahrnehmbar“.

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Das volle Ausmaß der Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gesundheit der EU-Bürger ist laut der Studie noch nicht abzusehen. Die vorhandenen Daten bildeten bisher nur die Effekte aus den ersten Jahren der Wirtschaftskrise ab. „In vielen Ländern hat sich die Wirtschaft aber bis heute noch nicht wieder erholt.“ Die Folgen der Einschnitte bei den Gesundheitsausgaben würden sich noch weit in die Zukunft erstrecken, das ganze Ausmaß könne erst in einigen Jahren festgestellt werden.

Quelle: F.A.Z.

Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Spieltheorie Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Zur Einführung: „Die Rolle der Spieltheorie in der Euro-Krise“ von Frank Schirrmacher

27.03.2013 ·  Automatisierte Finanzmärkte, Investmentbanken oder Hedgefonds benutzen spieltheoretische Modelle, um Entscheidungen bei der Euro-Krise zu treffen und Prognosen über Konflikte zwischen Euro-Staaten vorherzusagen. Politiker halten das für eine Reaktion des „Marktes“ und spielen das Spiel mit. Aber die Regeln sind dafür nie gedacht gewesen. Eine Warnung.

Von Ariel Rubinstein

Ariel Rubinstein Ariel Rubinstein

Ich habe mich nahezu mein ganzes Leben lang mit theoretischer Ökonomie und Spieltheorie beschäftigt. Ich möchte etwas Gutes tun für die Menschheit und insbesondere für die Menschen in Israel, dem Land, in dem ich geboren wurde und das meine Heimat ist. Ich möchte Einfluss nehmen und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Was liegt also näher, als mein berufliches Wissen zu nutzen, um der Welt Erleichterung zu verschaffen? Aber leider habe ich den Eindruck, dass das nicht geht.

Wahrscheinlich sollte ich wieder einmal mit der Frage beginnen: Was ist Spieltheorie? Der Name der Theorie ist sexy, aber in Wirklichkeit ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Begriffen und Modellen über rationales menschliches Verhalten in strategischen Situationen – das heißt in Situationen, in denen die Überlegungen eines rationalen Spielers von seinen Annahmen hinsichtlich des Verhaltens anderer Spieler abhängen. Der rationale Spieler muss sich in andere Spieler hineinversetzen, die ihrerseits vor derselben Aufgabe stehen. Genau diese Zirkularität macht die Spieltheorie kompliziert – und interessant. Die Spieltheorie versucht, den Begriff der Rationalität in einem Kontext mit Inhalt zu füllen, in dem unklar ist, was Rationalität bedeutet.

Hier eine typische Situation aus der Spieltheorie, man nennt sie das Versteckspiel: Ein grausamer Herrscher kann sich in einem von vier Schlössern verstecken, die an einem von West nach Ost fließenden Fluss liegen. Schloss 2 ist vergoldet, die übrigen drei sind weiß gestrichen. Der Suchende kann nur eines der Schlösser angreifen. Der rational handelnde Spieler, der sich verstecken muss, wird sich in dem Schloss verstecken, für das in seinen Augen die geringste Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Suchende es angreift. Der rational handelnde Sucher wird das Schloss angreifen, das der Gegenspieler in seinen Augen am ehesten als Versteck auswählt. Die Spieltheorie fragt nun: Wie gehen die beiden Spieler vor, wenn ihre Überlegungen mit der Annahme übereinstimmen sollen, ihr Gegenspieler handle rational? Die „Voraussage“ der Spieltheorie betreffs des Ergebnisses lautet, dass die Chance des Suchenden, den Versteckten zu finden, 1: 4 (25 Prozent) beträgt.

Eine nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten

Im Kern ist die Spieltheorie keine empirische Wissenschaft. Sie erforscht nicht, wie Menschen sich tatsächlich in strategischen Situationen verhalten. Es ist zweifelhaft, ob man überhaupt allgemeine Aussagen darüber treffen kann, wie Menschen sich in Situationen nach Art des Versteckspiels verhalten werden. Schließlich sind die Menschen sehr verschieden. Es gibt Versuchsergebnisse, wonach von Studenten, die das virtuelle Versteckspiel spielen, vierzig Prozent beider Spieler das weiße Schloss Nr. 3 in der Mitte auswählen, etwa 25 Prozent entscheiden sich für das goldene Schloss Nr. 2; und der Rest (35 Prozent) verteilt sich auf die an den beiden Enden gelegenen Schlösser 1 und 4. Bei diesen Versuchen hat der Suchende eine Chance von dreißig Prozent, den Versteckten zu finden – also eine signifikant höhere Chance als die von der Spieltheorie „vorausgesagte“ (25 Prozent). Man darf annehmen, dass ein Versuch mit Lesern dieser Zeitung zu ähnlichen Ergebnissen führte, aber die Zahlen würden sich ändern, sobald diese Ergebnisse den Lesern bekannt wären. Darin spiegelt sich natürlich ein zentrales Problem aller Sozialwissenschaften, wenn es um Voraussagen geht: Anders als Steine, Blume und Schmetterlinge hören und verstehen Menschen solche Voraussagen.

Die Spieltheorie ist in einer mathematischen Sprache geschrieben. Das hat gewisse Vorteile: Diese formalisierte Sprache verlangt Präzision, sie erlaubt die Ausschaltung irreführender Assoziationen und unterzieht Aussagen einer strengen Prüfung. Mich persönlich fasziniert die nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten in der Spieltheorie. Aber sie hat auch Nachteile: Die formalisierte Sprache begrenzt erheblich das Publikum, das sie wirklich versteht; die Ab-straktheit verwischt Faktoren, die im natürlichen Denken berücksichtigt würden; und der formale Charakter erzeugt die Illusion, dass die Theorie wissenschaftlich sei.

Als sei es wissenschaftliche Wahrheit

Die Spieltheorie fasziniert mich. Sie befasst sich mit den Wurzeln menschlichen Denkens in strategischen Situationen. Aber die Verwendung von Ausdrücken aus der natürlichen Sprache und der Einsatz scheinbar „wissenschaftlicher“ Instrumente verleiten auch dazu, sich an die Spieltheorie zu wenden, wenn es um die Beantwortung von Fragen folgender Art geht: Wie sollte ein Rechtssystem gestaltet werden? Sollte ein Staat über ein System atomarer Abschreckung verfügen? Welche Koalitionen sollten in einem parlamentarischen System eingegangen werden? Fast jedes Buch über die Spieltheorie beginnt mit dem Satz: „Die Spieltheorie ist bedeutsam für …“ – und es folgt eine endlose Liste von Gebieten wie der Nuklearstrategie, den Finanzmärkten, der Welt der Schmetterlinge und Blumen oder der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau. In der Tagespresse erscheinen häufig Artikel, die auf die Spieltheorie verweisen, wenn es um die Lösung aller möglichen Probleme der Welt geht. Aber obwohl ich nun seit fast vierzig Jahren auf diesem Gebiet arbeite, suche ich immer noch vergebens nach einer einzigen Anwendung der Spieltheorie in meinem alltäglichen Leben.

Manche Argumente für die Verwendung der Spieltheorie begnügen sich damit, Situationen aus dem realen Leben mit Etiketten zu versehen. So behaupten einige, die Krise der Eurozone gleiche dem sogenannten Gefangenendilemma, dem Feiglingsspiel oder dem Diner’s-Dilemma. Tatsächlich enthält die Krise Elemente, die an die dort beschriebenen Situationen erinnern. Aber solche Aussagen sind nicht tiefgründiger als die Behauptung, die Euro-Krise gleiche einer griechischen Tragödie. Während der Vergleich mit der griechischen Tragödie als emotionaler Ausdruck ansonsten nüchterner Intellektueller angesehen wird, gilt die Zuweisung eines Etiketts aus dem Vokabular der Spieltheorie aus irgendeinem Grund als wissenschaftliche Wahrheit.

Spieltheoretiker als strategische Berater?

In meinen Augen ist die Spieltheorie eine Ansammlung von Fabeln und Sprichwörtern. Die Implementierung eines Modells aus der Spieltheorie ist ebenso wahrscheinlich wie die Umsetzung einer Fabel. Eine gute Fabel versetzt uns in die Lage, eine Lebenssituation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und könnte dadurch irgendwann einmal vielleicht unser Handeln und Denken beeinflussen. Aber es wäre absurd, wenn man behaupten wollte, „Des Kaisers neue Kleider“ sagten Berlusconis Verhalten voraus.

Hinsichtlich der praktischen Bedeutung besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Spieltheorie und Logik. Es ist zweifelhaft, ob ein Logiker einem Richter helfen könnte, der versucht, die Wahrheit herauszufinden. Ich möchte jedenfalls nicht empfehlen, Richter durch Philosophen oder Mathematiker zu ersetzen. Und ebenso wenig würde ich einen Spieltheoretiker als Berater für strategische Fragen einstellen.

Ein weitaus größerer Nutzen

Die Suche nach der praktischen Bedeutung der Spieltheorie ergibt sich aus der Vorstellung, akademische Forschung und Lehre brächten der Gesellschaft einen direkten Nutzen ein. Diese Ansicht teile ich nicht. Forschungseinrichtungen, vor allem auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften, sind Teil eines kulturellen Gefüges. Kultur bemisst sich nicht nach ihrem Nutzen, sondern danach, wie interessant sie ist und welche Herausforderung sie darstellt. Ich glaube, die Spieltheorie ist Teil der Kultur, die zu klären versucht, wie wir denken. Dieses Ideal lässt sich in vielfältiger Weise verwirklichen – durch Literatur, durch Kunst, durch Hirnforschung und, ja, auch durch die Spieltheorie. Falls jemand darüber hinaus auch eine praktische Anwendung für die Spieltheorie fände, wäre das wunderbar. Ich meine, die Universität sollte „Gottes kleiner Acker“ sein, auf dem die Gesellschaft fördert, was interessant, reizvoll, ästhetisch und intellektuell anspruchsvoll ist, aber nicht notwendig einen direkten Nutzen einbringt.

Seit einem Jahrzehnt tragen Buch und Film „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ viel zur Popularität der Spieltheorie bei, obwohl sie nicht den Versuch machen, sie zu erklären. (Der Film erzählt die Geschichte von John Nash, nach dem der zentrale Begriff der Spieltheorie – Nash-Gleichgewicht – benannt ist.) Aber auf einem anderen Gebiet waren die Autorin Sylvia Nasar und der Regisseur Ron Howard durchaus erfolgreich: Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die schwierige Lage der psychisch Kranken und gaben all jenen Hoffnung, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben. Auf diese Weise verschafften sie der Spieltheorie einen weitaus größeren „Nutzen“, als irgendeines ihrer Modelle ihn vorzuweisen vermag.

Weitere Artikel

Erinnern Sie sich noch an den Titel dieses Artikels? Ich habe Sie ausgetrickst. Ich war mir nicht sicher, ob der Titel: „Die Spieltheorie kann die Probleme der Eurozone nicht lösen und das iranische Atomprogramm nicht aufhalten“, Sie veranlassen könnte, den Artikel zu lesen. Deshalb handelte ich strategisch und gab ihm einen irreführenden Titel. Die Idee dazu hatte ich aber nicht aus der Spieltheorie.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Ariel Rubinstein

Der 1951 in Jerusalem geborene Mathematiker und Ökonom ist einer der wichtigsten Spieltheoretiker. Er unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Tel Aviv und an der New York University. Bekannt wurde er in der Fachöffentlichkeit mit einem Modell über das Feilschen, das „Rubinstein bargaining model“.

Sein 1994 zusammen mit Martin Osborne verfasstes Buch „A Course in Game Theory“ ist ein Standardwerk. Er ist Mitglied der wichtigsten wissenschaftlichen Vereinigungen und Akademien seines Fachbereichs und erhielt zahlreiche bedeutende Preise, darunter den Israel-Preis im Jahre 2002. Er ist außerdem ein engagierter Intellektueller, der sich immer wieder in Zeitungsartikeln zu Fragen der israelischen Politik äußert.

… warum typisch deutsche Pedanterie für Ingenieure eine gute Eigenschaft ist.

Britische Innovationsmisere: “Deutsche Gründlichkeit ist wichtig”

Großbritannien hat einen Nobelpreis für Ingenieure ins Leben gerufen. Mitinitiator ist der ehemalige BP-Chef Lord John Browne. Im Interview erklärt er, warum vielen Briten die Lust am Tüfteln fehlt – und warum typisch deutsche Pedanterie für Ingenieure eine gute Eigenschaft ist.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/interview-mit-lord-browne-britannien-braucht-ingenieure-a-889758.html

 

SPIEGEL ONLINE: Die Royal Academy of Engineers hat zum ersten Mal den Queen-Elizabeth-Preis verliehen, eine Art Nobelpreis für Ingenieure. Damit wollen Sie den Ingenieursmangel in Großbritannien bekämpfen. Ist dies ein Zeichen des Umdenkens nach der Finanzkrise?

Browne: Wir brauchen mehr Ingenieure in Großbritannien, aber es gibt einen Mangel in fast allen Ländern. Es geht uns darum, Exzellenz zu fördern und den Nachwuchs zu inspirieren. Kinder brauchen Vorbilder. Der Preis ist in Großbritannien angesiedelt und trägt den Namen der Königin von England. Aber er ist ein Weltpreis, so wie die Nobelpreise in Schweden und Norwegen.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Ende des Finanzbooms 2007 wird in Großbritannien viel über den Umbau der Wirtschaft debattiert. Die Finanzbranche schrumpft, und es gibt das Gefühl, das Land habe seine Industrie zu schnell aufgegeben. Kommt jetzt wieder die Zeit der Ingenieure?

Browne: Es geht nicht darum, verschiedene Sektoren gegeneinander auszuspielen. Ingenieure können zusätzliches Wachstum schaffen, sei es in der Formel Eins in Oxfordshire oder in der Londoner Informatikszene. Das wollen wir unterstützen. Es wird jedoch keine schnelle Wende am Arbeitsmarkt geben: Es dauert sieben Jahre, bis ein Ingenieur ausgebildet ist.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr verlassen 90.000 Ingenieure die britischen Unis, gebraucht werden jedoch 100.000. Warum ist sind die Ingenieursfächer aus der Mode gekommen?

Browne: Es ist sehr schwierig, und man lernt es nicht in der Schule. Medizin ist zwar auch kein Schulfach, aber als Kind sieht man all diese Fernsehserien, in denen Ärzte die Helden sind. Es gibt keine Fernsehserien über Ingenieure. Die Schulabgänger wählen ein Fach, über das sie nichts wissen. Früher haben die Leute gefragt, wenn sie einen Ingenieur getroffen haben: “Gibt es noch etwas anderes, worüber Sie reden können?” Es war nicht sehr spannend. Das ändert sich langsam wieder. Die Leute finden neue Technologien faszinierend.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt immer, die besten Ingenieure kämen aus Deutschland. Warum?

Browne: Seit Bismarcks Zeiten werden Ingenieure als Teil der deutschen Gesellschaft geschätzt und respektiert. Ich bewundere das. Hier in Großbritannien hingegen wurde die Ingenieurskunst lange nicht angemessen gewürdigt. Aber das kann wieder werden.

SPIEGEL ONLINE: Hilft die deutsche Neigung zur Pedanterie?

Browne: Gründlichkeit ist sehr wichtig im Ingenieurwesen. Sie würden nicht in ein Flugzeug einsteigen wollen, in dem die Piloten sich darauf verlassen, dass alles läuft. Sie erwarten, dass sie vor dem Start pedantisch eine Checkliste abarbeiten und die Passagiere sicher ans Ziel bringen. Das Gleiche gilt für Ingenieure. Sie schaffen etwas Neues mit Hilfe von Chemie und Physik, aber am Ende kommt es darauf an, verlässlich zu liefern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind einer der Wirtschaftsberater der Cameron-Regierung. Erfinder wie James Dyson haben in der Vergangenheit geklagt, dass der Staat nicht genug für Industrie und Eigenproduktion tue. Hat er Recht?

Browne: Das ändert sich gerade. Natürlich gibt es Grenzen, was Regierungen tun können. Grundsätzlich ist die Marktwirtschaft der zentralen Planwirtschaft vorzuziehen. Aber die Tatsache, dass die Weltwirtschaft nicht mehr so automatisch wächst wie in früheren Dekaden, hat der Regierung gezeigt, dass sie aktiver sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Die ersten Gewinner des Queen-Elizabeth-Preises sind die Erfinder des Internets: Drei Amerikaner, ein Brite, ein Franzose. Wie könnte Europa die US-Dominanz in einem Fach wie Informatik brechen?

Browne: Es gibt viele großartige Ingenieure in Europa. Wir hatten mehrere in der engeren Auswahl, und ich sehe keinen Grund, warum einer von ihnen nicht im kommenden Jahr den Preis erhalten könnte.

Das Interview führte Carsten Volkery in London

Lord Browne: Warum gibt es eigentlich keine Fernsehserien über Ingenieure?

Lord Browne: Warum gibt es eigentlich keine Fernsehserien über Ingenieure?

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KONJUNKTUR Deutschland (Der Spiegel)

http://www.spiegel.de/wirtschaft/konjunktur-a-640631.html

Arbeitslosigkeit: Job-Statistik: Aktuelle Zahlen und Entwicklung seit 1948

Deutsche Börse live:  Parkett-Kamera: So steht der Dax

 

 

 

Wer ist der Anti-Euro-Professor Bernd Lucke?

“Alternative für Deutschland” Wer ist der Anti-Euro-Professor Bernd Lucke?

24.03.2013 ·  Bernd Lucke ist ein Professor für Volkswirtschaftslehre. Er will den Euro abschaffen – und so Europa retten. Und er ist kein Populist. Porträt eines Parteigründers.

Von Winand von Petersdorff

Bernd Lucke- Der Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg die Gründung einer Partei unter dem Namen Alternative für Deutschland.
Bernd Lucke, Professor und Parteigründer © Jens Gyarmaty
ie politische Karriere des ehrenwerten Verfassungsrechtlers und Professors aus Heidelberg, Paul Kirchhof, war beendet, nachdem ihn die Wahlkampfmaschine Gerhard Schröder einmal durchgenudelt hatte.Bernd Lucke ist ein Professor aus Hamburg und denkt im Moment, er hat noch eine politische Karriere vor sich. Da können ihn die Demoskopen nicht abschrecken, die haben schließlich schon ganz andere ins Nichts prophezeit. Und die politischen Gegner vermögen es schon gar nicht, den jungenhaften Mann mit seinen gut versteckten 50 Lenzen zu entmutigen.

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Lucke hat mit anderen Konservativen eine Partei gegründet, die den Euro abschaffen und die Demokratie stärken will. Sie heißt „Alternative für Deutschland“, und ihr Auftreten hat einen rechten Wirbel ausgelöst, eine Welle der Zustimmung, die die junge Organisation überfordert. Das gibt Lucke zu. Es ist natürlich schön, von einer solchen Welle getragen zu werden. Gleichzeitig ist die Ruhe erst einmal dahin. Er fühlt sich unter Daueranspannung, seine Mails schreibt er nachts um halb zwei.

Die neue Partei pflegt in ihrer Eurogegnerschaft eine Haltung, die sich gegen die im Bundestag vertretenen Parteien wendet, weniger gegen das Volk. Eine Provokation bleibt sie also, weshalb Edmund Stoiber, die alte CSU-Rampensau, und das ist jetzt höchst respektvoll gemeint, schon einmal vorgefühlt hat: Funktioniert die gute alte Professoren-Zerlegung eigentlich noch?

Professoren wirken arrogant, wenn sie reden

Das war in dieser Woche in Anne Wills Talkshow, als er Lucke mit den Worten „Schon wieder so ein Professor“ so schnell unterbrach, dass der eher kleine Mann aus Winsen an der Luhe sogar ein bisschen sauer wurde. Stoiber observierte nach seiner Verbalinjurie lauernd die Zuschauer, sein gesamtes durch ein langes Politiker-Dasein geschärftes Sensorium war auf Empfang gestellt: Hat die Frechheit gewirkt? Die Reaktion der Leute dürfte aus seiner Sicht enttäuschend lahm gewesen sein.

Supporters of the extreme-right Golden Dawn party hold Greek flags during a rally outside the German emapassy in Athens

In einem hat Bernd Lucke schon einmal Recht: Der Euro schafft es derzeit nicht, die europäische Freundschaft zu vertiefen

Aber mit seiner Spontan-Analyse hat Stoiber natürlich recht: Lucke ist in der Tat ein Professor. Das ist eine echte Gefahr im politischen Geschäft für den Professor selbst, zumindest eine Bürde auf dem Weg zum Wahlerfolg. Die liegt darin, dass Professoren zu denken neigen, es geht in der Politik um die Sache, was wirklich nur am Rande stimmt. Wegen dieser Vorstellung sagen die Professoren gerne wohl geordnet schöne klare Argumente auf. Vorm geistigen Auge sieht man die Spiegelstriche. Sie sind stets sehr überzeugt von dem, was sie sagen. Das hört man heraus. Und das wirkt arrogant. Dabei reden sie, wie sie reden, weil sie lange darüber nachgedacht haben. Das Brüten ist nämlich ihr Kerngeschäft.

Anders als Politiker tasten sich die Wissenschaftler nicht vor, ihren Reden ist kein Zweifel anzumerken, manchmal spürt man ihre Verwunderung, wenn ihnen jemand mit Argumenten zu kontern wagt, die im Seminar nicht satisfaktionsfähig wären, in der Wahlkampfarena jedoch freudige Zustimmung provozieren.

Wie schaffen die das?

Lucke hat dieses Professorale, was niemand verwundern muss. Die akademische Sozialisation kann man nirgendwo abgeben. Unter dem Eindruck der ersten Finanzkrise hatte Lucke ein „Plenum der Ökonomen“, eine Art elektronische Vollversammlung, ins Leben gerufen mit mehr als 300 VWL-Professoren. Das Plenum sprach sich im Februar 2011 mit sehr großer Mehrheit gegen eine Verlängerung des EU-Rettungsschirms aus. Keiner hat auf den geballten Sachverstand gehört. Lucke klingt fast ein bisschen empört, wenn er das erzählt. Vielleicht ist es auch bloß die Verwunderung des Gelehrten, wenn sich das Richtige nicht Bahn bricht.

Lucke ist ein waschechter Akademiker. Er hat mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes Volkswirtschaft, Philosophie und Neuere Geschichte in Bonn studiert, zwischendurch Ökonomie in Berkeley. Seit 1998 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Wachstum und Konjunktur. Er hat die Weltbank beraten, in Amerika als Gastprofessor und Forscher gearbeitet, bei der OECD Paper geschrieben.

Daheim wird der Mann auch nicht zwangsläufig mit durchschnittlicher Intelligenz behelligt. Denn seine Frau ist ebenfalls so ein akademisches Flugobjekt, das es über Eliteförderungen zur Promotion und bis hin zu Vertretungsprofessuren gebracht hat. Nebenbei wurden fünf Kinder versorgt, die temporären Umzüge zu Forschungsaufenthalten in Paris und Indiana gemanagt und darauf geachtet, dass die Brut brav zum Musikunterricht geht.

Es gibt ja so Familien, die gesellschaftliche Benchmarks aufstellen, die andere Familien dauerrätseln lassen: Wie machen die das? Wie schaffen die das? Und dann gründet eine solche Familie auch noch eine Partei zur Rettung Europas.

Lucke ist nicht harmlos

Bernd Lucke sagt zum Familiären nicht viel, außer dass seine 16 Jahre alte Tochter in Papas Partei Alternative für Deutschland eingetreten ist und darauf bestanden hat, die Mitgliedsbeiträge aus eigenem Geld aufzubringen. Einem seiner älteren Söhne gefällt die Parteigründung seines Vaters auch gut, verrät er auf seiner Facebook-Seite.

Lucke pflegt eine professoral-didaktische Rhetorik, mit der er ganz gut durch die ersten beiden Talkshows seines Lebens gekommen ist (Anne Will und Maybrit Illner). Er sagt selbst: „Ich hatte noch kein Medientraining, aber ich brauche wohl eines.“

Das Prätentiöse der Professoren-Zunft geht Lucke komplett ab. Er kommt in Windjacke, Pullover und Rucksack zum Treffpunkt gelaufen wie zum Familienausflug in den Zoo mit Fanta, Butterkeks und einer Thermoskanne Kaffee für die Erwachsenen. Das ist aber nur eine Phantasie, die ein wenig in die Irre führt. Denn harmlos ist Lucke nicht. Man spürt nicht nur seinen optimistischen Drive, sondern Selbstdisziplin, eine zarte Spitzbübigkeit und – Ehrgeiz. Jetzt will er in den Bundestag.

Was den Mann im Innersten treibt, weiß er höchstens selbst zu sagen. Doch ein paar Indizien unterstützen folgende These: Er sieht die deutsche Eurorettungspolitik als so gefährlich für künftige Generationen an, dass Schweigen verboten ist, zumal für Experten. Dafür ist der Konservative aus der CDU ausgetreten und setzt seinen Ruf aufs Spiel, inklusive seiner akademischen Reputation, für eine Partei, der Demoskopen bisher nur Splitterparteien-Resultate zubilligen.

Spezialwissen ist nicht per se schlecht im Amt

Manchmal schockt eine Maus einen Elefanten. Und, wer weiß, vielleicht schlägt die Stunde der Professoren in der Politik doch irgendwann. In den letzten Jahren der Eurorettung dürfte in der Bevölkerung nicht der Eindruck gewachsen sein, dass der ökonomische Sachverstand geradezu überschießt in der Bundesregierung.

Den Ökonomie-Professoren hatten die Politiker in vergangenen Jahren genussvoll vorgeworfen, die Finanzkrise nicht prophezeit zu haben, die Versager. Aber sehen es auch die Leute so? Die Verwerfungen, die die Eurozone gerade erlebt, haben die vielgescholtenen Volkswirte vorhergesehen. Sie haben sogar laut gewarnt. Nur auf sie hören wollte keiner. Jetzt sind viele der Experten bei der Alternative für Deutschland als Unterstützer vermerkt. „Wir sind die Partei mit der größten Dichte an Volkswirtschaftsprofessoren in Deutschland“, sagt Lucke.

Alle haben sich daran gewöhnt, dass Politiker als Generalisten alles können. Daraus muss ja nicht zwanghaft der Schluss gezogen werden, Spezialwissen sei per se schlecht im Amt. Als Gastforscher der OECD hat Lucke 2011 mit einem Kollegen einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Debt sustainability, illiquidity and insolvency.“ Es ist ein für Laien kaum zu verstehendes Papier, in dem es von mathematischen Formeln und Grafiken wimmelt. Aber im Kern geht es darum, wie verschuldet, solvent und liquide Griechenland ist oder eben gerade nicht. Lucke hat die Rettungsschirme akribisch analysiert und mit Kollegen alternative Ausstiegsszenarien aus dem Euro entwickelt. Die europäische Schicksalsfrage hat er besser durchdrungen als die meisten Bundestagsabgeordneten, die mit ihrem Halbwissen riesige Rettungspakete geschnürt haben.

Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller

Keiner weiß, was aus der „Alternative für Deutschland“ werden wird. Bekommt sie die Unterschriften zusammen, um überhaupt kandidieren zu dürfen (ein Promille der Wahlberechtigten eines Bundeslandes, höchstens jedoch 2000)? „Das schaffen wir“, glaubt Lucke. Aber gelingt es auch, die drei Millionen Euro zusammenzukratzen, die die Partei nach eigener Grobrechnung braucht für den Wahlkampf? Und schließlich die Frage: Wie gelingt es der Partei, die Etikettierung als antieuropäische Rechtspopulisten, die in grenzenloser Borniertheit den europäischen Frieden aufs Spiel setzen, zu vermeiden?

Der Lebensweg der Lucke-Familie spricht gegen solche Unterstellungen. Sie sind ziemlich herumgekommen, die Luckes. Bernd Lucke selbst sieht sich, das mag Rhetorik sein, als Kämpfer für den europäischen Frieden, der den Peripherieländern eine ökonomische Perspektive geben will.

In einem hat er schon einmal recht: Dass der Euro die Freundschaft der europäischen Völker vertieft hätte, so ist zurzeit schwer zu argumentieren angesichts der Hassparolen aus Griechenland, Italien und jetzt Zypern gegen die Bundeskanzlerin. Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller. Aber das war vor dem Euro.

Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“

Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ Was die Geschichte dieses Films uns lehrt

19.03.2013 ·  „Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“: Das ist der zentrale Satz des Films „Unsere Mütter, unsere Väter“. Europa hat daraus Lehren gezogen. Doch die Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden.

Von Martin Schulz

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Irgendetwas am Hochzeitsfoto meiner Eltern ist anders. Auf dem Bild zu sehen sind meine Mutter und mein Vater, kurz nachdem sie sich das Jawort gegeben haben. Es sind zwei Menschen, die sich füreinander entschieden haben und die ihren Weg von nun an gemeinsam gehen wollen. Und doch irritiert das Foto den Betrachter.Im Laufe unseres Lebens haben wir alle viele Hochzeitsfotos gesehen. Auf diesen Fotos erblickt man in den Augen des Brautpaars das Leuchten der Verliebten, diese hoffnungsvolle Erwartung auf ein neues, auf ein besseres Leben. Deshalb berühren uns Hochzeitsfotos so stark, weil sie in die Zukunft weisen. Das Foto meiner Eltern ist eher gedämpft. Denn in ihren Augen sieht man Skepsis. Ihre Mienen wollen nicht recht zu dem festlichen Anlass und dem feierlichen Rahmen passen. Sie ganz in Weiß und er in Uniform. Der Grund hierfür: Meine Eltern haben am 30.April 1940 geheiratet, nur wenige Tage später, Anfang Mai 1940, wurde mein Vater eingezogen.

Er wurde Soldat im Zweiten Weltkrieg, inmitten dieses Weltenbrands. Inmitten dieses furchtbaren Krieges, mit dem die Deutschen die Welt überzogen und der mit Auschwitz den Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation markiert. Damit wurde mein Vater, wie fast alle Männer seiner Generation, ein kleines Rädchen in der Tötungsmaschinerie, mit der auch die Wehrmacht den barbarischen Rassenwahn der Nationalsozialisten umsetzte.

„Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“, sagt in dem Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Friedhelm zu seinem großen Bruder, ehe sie gemeinsam als Wehrmachtssoldaten in den Krieg ziehen. Dieser Satz ist der Kernsatz in diesem bedrückenden Film, der mich aufgewühlt, ja, der mich verstört hat. Er zeigt die Geschichte fünf junger Menschen, die alle das Beste wollen. Junge Menschen, die Ideale haben, die aber alle im und durch den Krieg verändert werden.

Da ist der smarte Kriegsheld Wilhelm, der so fest glaubt an ein altes, soldatisches Ideal, das es so nie gegeben hat. Er wird zum Mörder, als er, dem furchtbaren Kommissarsbefehl folgend, einen Kriegsgefangenen erschießt und wissentlich das schon damals gültige humanitäre Völkerrecht bricht. Wilhelm funktioniert, weil er Befehlen folgt. Er befolgt sie, obschon er weiß, dass sein Handeln falsch, ja verbrecherisch ist. Da ist sein jüngerer Bruder Friedhelm, ein sensibler Schöngeist, der in sein spärliches Marschgepäck noch Bücher einpackt, auf die er auch an der Front nicht verzichten will. Er versucht sich lange der Kriegslogik zu entziehen, aber auch er mutiert schließlich zur perfekten Tötungsmaschine.

Da ist die karriereorientierte Greta, die ein Star werden will und von den Bühnen in Wien und Paris träumt. Sie geht einen Pakt mit dem Teufel ein, beginnt eine Affäre mit einem SS-Sturmbannführer. Zunächst um ihren jüdischen Freund Viktor zu retten, aber immer mehr, um als Sängerin zu Ruhm zu kommen. Sie verschließt die Augen vor dem Offensichtlichen, weil sie das schöne Leben in einer Welt will, in der man das schöne Leben nicht mehr erreichen kann, ohne dass man selbst Schuld auf sich lädt. Da ist Charlotte, die sich vor Liebe für Wilhelm verzehrt, sich aber nicht traut, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Weil auch sie etwas beitragen will, meldet sie sich freiwillig zum Dienst als Frontschwester. In erschreckender Naivität betet sie dort die dumpfe Nazi-Propaganda nach, und in ihrem Bestreben, alles richtig zu machen, verrät sie eine jüdische Ärztin, die ihr eine Freundin hätte werden können.

Mit Ausnahme von Viktor – der sich dem bewaffneten polnischen Widerstand anschließt und der schon vorher gegen seinen Vater aufbegehrt, weil dieser viel zu lange glaubt, er würde von der Judenverfolgung verschont, weil er im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte – werden alle in diesem Freundeskreis auf fatale Weise in Schuld verstrickt.

Sie werden zu Tätern, weil sie Dinge tun, die man nicht tun hätte müssen. Nur deshalb konnten Schoa und Krieg geschehen, weil Hunderttausende so oder anders mitgemacht haben, ohne dass sie selbst zu den Architekten der Zerstörung gehörten. Für uns Nachgeborene bleibt immer die belastende Frage, wie wir uns in vergleichbaren Situationen verhalten hätten. Zugleich sind diese Täter aber auch Opfer, die um ihr Überleben kämpfen und dabei in immer ausweglosere Situationen geraten, weil ihnen die Entschlossenheit zum Aufbegehren gegen die Unmenschlichkeit fehlt – und in den meisten Fällen auch die Möglichkeit hierzu.

Das ist das Aufwühlende an dem Film. Denn die jungen Menschen sind so normal und manchmal schrecklich unbedarft. Sie sind uns so nah in ihren Hoffnungen und Wünschen nach Liebe, Anerkennung und einem guten Leben. Der Film nähert sich der Frage „Wie war es möglich?“, indem er die subjektive Perspektive der Protagonisten einnimmt. Und gibt vielleicht gerade dadurch eine Antwort, wie es kein Geschichtsbuch je könnte.

Auf unserem Kontinent wurden nach dem Krieg mit der europäischen Zusammenarbeit die richtigen Konsequenzen gezogen. Wir haben die Strukturen verändert, aber die Menschen sind die gleichen geblieben. Die europäische Einigung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zieht die Lehre aus den Fehlern der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Nicht Versailler Vertrag, sondern Schuman-Plan lautet die Kurzformel dafür. Denn obschon wir Deutsche die Welt mit den abscheulichsten Verbrechen überzogen hatten, entschlossen sich unsere Nachbarn, uns eine weitere Chance zu geben, unser Land nicht auf die Knie zu zwingen, sondern uns die Hand zu reichen.

Wie verständlich erscheint rückblickend der Wunsch nach der Zerstörung Deutschlands, angesichts des Grauens der Jahre 1933 bis 1945. Ich erinnere mich gut, wie ich als Austauschschüler nach Frankreich kam und es dort noch erhebliche Ressentiments gegen Deutsche in den französischen Gastfamilien gab – aber nach ein paar Wochen trennten wir uns als Freunde und bildeten damit einen kleinen, aber immerhin einen Mosaikstein für das europäische Einigungswerk.

Jedoch, trotz aller Erfolge: Der Firnis der Zivilisation bleibt dünn. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die soziale Demokratie sind zivilisatorische Errungenschaften, die nicht zeitlos sind. In der Geschichte unseres Kontinents bilden sie eher die Ausnahme. In Westeuropa sind sie seit sechs Jahrzehnten verwirklicht – in Süd- und Osteuropa erst deutlich kürzer. Die Freiheit, die Demokratie, müssen jeden Tag aufs Neue erstritten werden.

Das geschieht nicht automatisch, ganz im Gegenteil, denn schon sind erste Risse in dem Firnis erkennbar: Das skandalöse Darstellen deutscher Politiker in NS-Uniformen in manchen ausländischen Boulevardzeitungen und auf den Plakaten zorniger Demonstranten, die auch gegen ein „Brüssel-Diktat“ anrennen; der arrogante Blick einiger in Deutschland auf die vermeintlich faulen Südländer, denen man „mal eine Lektion erteilen“ müsste, der verkennt, wie groß das Geschenk unserer Nachbarn war, als wir nach dem Zweiten Weltkrieg in die Völkerfamilie zurückkehren durften, und der übersieht, wie abhängig unser Land ökonomisch vom Miteinander in Europa ist; das Fordern einer „marktkonformen Demokratie“, die keine Parlamente und keine Bürgerbeteiligung mehr braucht, ja, sie als Standortnachteil abkanzelt; die Wiederentdeckung des „Anderen“, also die Renaissance des Trennenden, und nicht mehr die Suche nach dem Ausgleich – all das sind aktuelle Phänomene, die mir große Sorgen machen und die wir nicht unwidersprochen stehenlassen dürfen.

So ärgerlich vieles in Europa und an der europäischen Bürokratie ist, was dringend abgestellt werden muss: Dennoch bin ich dankbar, dass meine Generation ihren Kindern und Enkeln nicht mehr vom Krieg erzählen muss, so wie noch die Generation meiner Eltern. Deshalb kämpfe ich so vehement für das europäische Einigungswerk. Denn wenn wir die Strukturen zerstören, die die Dämonen von einst gebändigt haben, riskieren wir viel. Wir riskieren, zu Beginn des 21.Jahrhunderts die Fehler des frühen 20.Jahrhunderts zu wiederholen.

Martin Schulz (SPD), geboren 1955 im Landkreis Aachen, gelernter Buchhändler und ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Würselen, ist Präsident des Europäischen Parlaments. Als solcher hat er 2012 den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegengenommen. Im Rowohlt Verlag ist kürzlich sein Buch „Der gefesselte Riese. Europas letzte Chance“ erschienen.

Buchdeckel „Der gefesselte Riese“
rowohlt Rowohlt Berlin – 08.03.2013, 272 Seiten, 19,95
ISBN 978-3-87134-493-0

Noch nie war die Europäische Union so umstritten: Nach fünf Jahren Krise gilt sie vielen als Auslaufmodell, als Inbegriff ausufernder Bürokratie, als Wohlstandsgrab. Der Euro steht auf dem Spiel, deutsche Zeitungen lästern über die «Pleite-Griechen», während im Süden das Bild vom hässlichen Deutschen wiederauflebt. Erstmals besteht die reale Möglichkeit, dass das Projekt Europa scheitert. Aber welche Folgen hätte ein Ende des Euro oder gar der Union? Martin Schulz, der ebenso streitbare wie respektierte Präsident des Europaparlaments, zeichnet ein realistisches und daher umso beunruhigenderes Szenario: Der europäische Binnenmarkt könnte zerfallen, die Arbeitslosigkeit weiter steigen, Europas Staaten wären den USA oder Schwellenländern wie China hoffnungslos unterlegen, während von innen ein neuer Rechtspopulismus droht. Auf provokante Weise räumt Martin Schulz mit den Illusionen der Europaskeptiker auf – und plädiert für eine echte europäische Demokratie, ein starkes Europa, dessen soziale Gerechtigkeit weiterhin weltweit als Vorbild gelten kann. Nur wenn wir unsere Errungenschaften selbstbewusst verteidigen, können wir unseren Wohlstand sichern und unseren Kontinent vor der Bedeutungslosigkeit bewahren. Eine Streitschrift, die zugleich einen Ausweg aus der Krise weist.

http://www.rowohlt.de/buch/Martin_Schulz_Der_gefesselte_Riese.3025075.html