Kapitalismus – Diskurskritik

http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus

Diskurskritik: Und er triumphiert doch!

Seit Jahren ist kaum etwas populärer als die Kritik am Kapitalismus. Anmerkungen zu einem überreizten Diskurs.

Über Kritik kann der Kapitalist nur herzhaft lachen: Larry Hagman als J. R. Ewing aus "Dallas".

Über Kritik kann der Kapitalist nur herzhaft lachen: Larry Hagman als J. R. Ewing aus “Dallas”.

Auch wenn die Anti-Globalisierungsproteste, die Attac- und zuletzt die Occupy-Bewegung sanft eingeschlafen sind, blüht die intellektuelle Kapitalismuskritik. Wer vor vierzig Jahren etwas voreilig den »Spätkapitalismus« diagnostizierte, warnt heute vor »Postdemokratie« oder »marktkonformer Demokratie«. Die angebliche Allmacht »der Märkte« ist längst zur simpel gestrickten Fata Morgana unserer Zeit geworden. Interessanterweise glauben beide daran: die Apologeten an die heilsame totale Machtergreifung der Märkte, die Gegner an deren finstere totale Machtergreifung über die Menschen.

Dabei gehört zu den faszinierenden historischen Schauspielen, wie erfolgreich das kapitalistische Ordnungsmodell nach 2008 gerettet werden konnte. Wenn die große Weltwirtschaftskrise von 1929 den Vergleichsmaßstab bietet, so sei an damalige, von vielen gefeierte Reaktionen erinnert: Hitlers Führerstaat und Stalins gewaltsame Industrialisierung nach Plan. Roosevelts New Deal rettete zwar Amerika, allerdings wurde erst 1941 das Bruttosozialprodukt von 1929 überboten. Ganz anders heute: Milliardengewinne überall, das amerikanische Bruttoinlandsprodukt lag bereits 2011 wieder über dem von 2007, und soeben hat Barack Obama eine transatlantische Freihandelszone forciert. Selbst in schwer gebeutelten Ländern wie Spanien und Griechenland mit brutaler Arbeitslosigkeit wurde mitnichten die Systemfrage gestellt, Protestbewegungen blieben marginal. Bequeme Arroganz mag darin rätselhafte Apathie sehen. In Wahrheit spiegelt sich in der Ruhe womöglich ein tiefes Vertrauen in die Lösungskompetenz des Systems: Zu frisch ist dort die Erinnerung an die gewaltigen Fortschritte nach zuvor üblen Diktaturen.

Der Kapitalismus steckte eigentlich in einem anderen Kampf. Schließlich hatte am 11. September 2001 Osama bin Laden die beiden »Schwurfinger des Geldes« (Botho Strauss) und damit noch einmal die herrschende kapitalistische Moderne angegriffen. Das System jagte ihn und brachte ihn zehn Jahre später zur Strecke. Nur noch zwei Terroranschläge hatte Al-Kaida bis dahin zustande gebracht, in Madrid und London, der geplante Weltbürgerkrieg fiel aus. Beides, die Abwehr des Terrors und die Abwehr der Krise, ergibt jenen Doppeltriumph des Kapitalismus, dessen Zeuge wir gegenwärtig sind. Und es ist daher überfällig, den wohl meistverspotteten Denker der Gegenwart zu rehabilitieren. Francis Fukuyama hatte 1992 vom »Ende der Geschichte« gesprochen und damit gemeint, dass nach dem Untergang der Totalitarismen nur mehr die liberale Demokratie weltweit als konkurrenzloses Ordnungsmodell übrig geblieben sei. Zwanzig Jahre später bestätigt ihn unsere Epoche eindrucksvoll. Populismus und Kommunismus haben nicht erneut ihr Haupt gehoben. Selbst die Rede vom »asiatischen Modell« – autoritärer Kapitalismus ohne Demokratie – ist verstummt, seit der dramatische Systemwandel in China zaghafte Freiheiten nach sich zieht. Und CEOs sind heilfroh, dass sie die Demokratie haben, deren legitimierte Entscheidungen die Rechtssicherheit für Geschäfte erst schaffen – und daher auch mal systemrelevante Unternehmen retten können. Nirgendwo taucht mehr eine Alternative auf, das System ist momentan – horribile dictu – tatsächlich alternativlos.

Dass die Unerschütterlichkeit des derzeitigen Systems neokommunistische Denker von Alain Badiou bis Slavoj Žižek nicht erschüttern würde, war klar. Das Publikum genießt voller Angstlust die Sirenengesänge der Kritiker. Anderntags aber wird weiter in den Fonds der gemeingefährlichen Investmentbanker eingezahlt. Auch das ist Systemvertrauen.

Dabei kehren alte Kritikmuster wieder. So knüpft Frank Schirrmacher in seinem Buch Ego. Das Spiel des Lebens ideengeschichtlich an jene Manipulationsthesen an, die vor hundert Jahren viele Denker in der damals als extrem beschleunigt empfundenen Massengesellschaft erfanden. Damals entmündigte Henry Fords Fließband den Menschen, heute scheinen uns Computeralgorithmen zu beherrschen. Nun mag man sich von den Steuerungsfantasien von Wissenschaftlern, Entwicklern und Produktmanagern durchaus erschrecken lassen – dass eine komplexe Weltgesellschaft mit sieben Milliarden Köpfen algorithmisch kontrolliert werden kann, erscheint freilich als unwahrscheinlich.

Neben der munteren alten Tante Apokalypse wirkt ihre Schwester Nostalgie mindestens ebenso verführerisch. Glanzvolle Verfallsgeschichten lassen sich über die Ökonomie, über den guten Keynes und den bösen Hayek erzählen. Die gängige berichtet von den prächtigen Jahren nach 1945, als der westliche Staat noch steuern konnte, bis dann Hayeks Truppen seit den siebziger Jahren überall die Macht übernahmen, den Staat entmachteten und die Finanzmärkte so lange entfesselten, bis diese 2008 taumelten. Gewiss, die gesellschaftlichen Verwerfungen durch den finanzmarktgetriebenen, globalen Kapitalismus kann niemand leugnen, ebenso ihre sozialen Folgekosten. Doch simpler Plot und Fixierung auf die Negativbilanz verstellt das Verständnis für seine ungebrochene Akzeptanz.

Erfolg des Kapitalismus beruht auch auf dem Egoismus zum Nachteil anderer

Seit der Erfindung der Dampfmaschine hat der Kapitalismus die »größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst«, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe feststellte. 1960 lebten noch drei Milliarden Menschen auf der Welt, heute ernährt sie sieben Milliarden; betrug die durchschnittliche Lebenserwartung auf dem Planeten um 1950 noch 47 Jahre, stieg sie bis heute auf 68 Jahre. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte das kapitalistische System dann eine weitere technologische Revolution in Szene und mutierte zum »digitalen Kapitalismus«. Dieser hat ja nicht nur in kurzer Zeit für uns edle Weine und Schokoladen, veganes Essen, postmaterielle Daseinsformen und raschen Wissenszugang möglich gemacht. Weltweit enorm ausgeweitet haben sich durch ihn Lebenschancen und Teilhabe für seit Jahrtausenden Entrechtete, für Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte; selbst die »Idiotie des Landlebens« (Marx) verschwindet. Wer dagegen das scheinbare Glück von 1970 beschwört, dem sei Bernard Mandevilles Satz aus dessen Bienenfabel entgegengehalten: »Wer will, dass eine goldne Zeit / zurückkehrt / sollte nicht vergessen / man musste damals Eicheln fressen.«

Das Monster Finanzkapitalismus ist ein ständig randalierendes, aber immer wieder zähmbares Nutztier. Es verhalf der digitalen Revolution zum Durchbruch – iPhone und Investmentbanking sind insofern zwei Seiten einer Medaille. Erst durch die Möglichkeit, kurzfristig immense Investitionen zu bewegen, waren die gigantischen technologischen Schübe möglich. Zu leicht verliert die Kapitalismuskritik aus dem Auge, dass Ökonomie etwas mit Problemlösungsversuchen zu tun hat: So wie nach 1945 Keynesianismus die Antwort war auf die Notwendigkeit, stabile Ordnung zu etablieren gegen Inflations-, Revolutions- und Kriegsangst, so bot die marktliberale Öffnung Ende der siebziger Jahre eine Antwort auf erstarrte Strukturen, um der Innovationsdynamik gerecht zu werden. Neue Regeln und Institutionen sind heute die Antworten auf 2008.

Zum Projekt der kapitalistischen Moderne gehören ihre wiederkehrenden Krisen. Aber die Geschichte kann Zuversicht lehren, auch für den Kampf gegen die Schandflecken des Systems: Guantánamo, Favelas, Drogenkriege, versklavte Minenarbeiter mit Hungerlöhnen, die zur obszönen Reichtumsvermehrung von Aktionären beitragen, absurde Spekulationsgewinne und vieles mehr; hinzu kommen Klimawandel und dramatischer Ressourcenverbrauch. Doch so, wie die verelendeten Proletarier aus Manchester der Not entkamen, können auch diese Übel durch Interessenkämpfe und Innovation im wandlungsfähigen Kapitalismus allmählich verschwinden. Ein Blick nach Afrika, lange Kontinent des Grauens: In den siebziger und achtziger Jahren brachten ewige Bürgerkriege in Nigeria, Angola und Äthiopien mehrere Millionen Tote; hinzu kamen in Äthiopien und der Sahelzone mindestens anderthalb Millionen Hungertote – sträflich vergessener Horror, unvorstellbar in Zeiten schneller globaler humanitärer Hilfe.

Wie stark die kapitalistische Moderne auch ist, verschwinden wird die Kritik an ihr niemals. Sie erhellt den ewigen Schatten, der moralisch auf dem Ganzen liegt. Denn der Erfolg des Kapitalismus beruht bekanntlich nicht nur, aber eben auch auf dem Egoismus zum Nachteil anderer. Das abstoßende Antlitz des Systems, das zuletzt Rainald Goetz in seinem Roman Johann Holtrop präzise gezeichnet hat, wird auch künftig den antikapitalistischen Affekt befeuern–, so lange, bis vielleicht jene Gesetzmäßigkeit von Marx eintrifft, wonach die Produktivkräfte von den herrschenden Produktionsverhältnissen derart gehemmt werden, dass die Menschen diese Verhältnisse umstürzen und neue schaffen. Das dürfte noch eine Weile dauern.

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