Verarbeitung deutscher Geschichte… eine Filmempfehlung

DieZeit:

TV-Mehrteiler “Unsere Mütter, unsere Väter” Eine Lektion, die es im Fernsehen noch nicht gab

Der ZDF-Dreiteiler “Unsere Mütter, unsere Väter” gewährt dem Zuschauer kein Zurücklehnen und kein Happy-End. Er zeigt vielmehr, dass es im Krieg keine Helden gibt.

Auf Wiedersehen an Weihnachten! Was sich die fünf Freunde im Sommer 1941 in Berlin versprechen, wird nicht passieren: V.l.n.r.: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling), Viktor (Ludwig Trepte).

….

Dieser Film erteilt seine Lektion aus der Perspektive der jungen Leute, die in den Krieg geworfen werden, und er tut das in etlichen Szenen von der Front auch ganz wörtlich: indem er seine Protagonisten durch undurchdringliche Sümpfe schickt, durch Maisfelder, durch Wälder ohne Weg und Steg. Sie sehen buchstäblich nichts, die Soldaten, sie sind auf sich gestellt und müssen in jeder Sekunde mit einem Tod rechnen, der, wie die Mine im Sumpfwasser, womöglich schon unter ihren Füßen lauert. Das macht diesen Film so besonders, dass er dem Zuschauer keinen erhöhten Standpunkt bietet, kein Vorher-Wissen, wie es ausgehen wird, und schon gar keine Erwartung auf ein Happy-End. Im Film weiß keiner, was als Nächstes passiert. Woher auch!

Und das genau ist die Perspektive, die eine nun auch schon ältere Generation aus den Berichten ihrer Eltern kennt, aus knappen Bemerkungen, Lebensklugheiten, sei es von der Ostfront oder aus den Luftschutzkellern des Bombenkrieges. In dem Dreiteiler gewinnen diese Worte ihren visuellen Ausdruck, sie werden zu Bildern, die sich ins Gedächtnis einprägen werden, als Synonyme für “Krieg”. Das ist eine große Leistung, schauspielerisch und filmtechnisch sowieso. Das Wichtigste aber ist, dass wir, die Zuschauer, jetzt eine Sprache bekommen, in der wir sprechen können über das, was zumeist unaussprechlich schien; wir, die wir das unendliche Glück haben, damals nicht dabei gewesen zu sein.
Voller Artikel bei:

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-03/film-unsere-vaeter-unsere-muetter

“Unsere Mütter, unsere Väter” Protokoll einer Verrohung

Eindringlicher kann der Nazi-Schrecken nicht wirken: Der ZDF-Dreiteiler “Unsere Mütter, unsere Väter” aktualisiert Träume, Albträume – und Schuld.

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-03/unsere-muetter-unsere-vaeter

F.A.Z.

ZDF-Trilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ Charlotte, Greta, Friedhelm, Viktor, Wilhelm

20.03.2013 ·  An diesem Mittwoch läuft der letzte Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF. Der Dreiteiler macht Epoche – und versteht sich auf die Kunst, die Zuschauer bis zum bitteren Ende zu fesseln.

Von Michael Hanfeld

Unsere Mütter, unsere Väter

Das ist doch nicht neu. Könnte man sagen mit Blick auf die Stücke, die das Fernsehen über das „Dritte Reich“ im Laufe der Zeit produziert hat. Fiktionalisierungen und vor allem Dokumentationen sonder Zahl, gerade aus der Geschichtsfabrik von Guido Knopp im ZDF. Und doch hat all das mit dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ nichts zu tun. Die subjektive Perspektive von fünf jungen Leuten im Jahr 1941 hat die Geschichten im Fernsehen bislang nicht bestimmt. Und sie ist auch noch nicht so radikal dekliniert worden. Es ist das Gegenteil von statuarischem Fernsehen und hat nichts mehr mit den Kompromissen am Hut, die der gängigen Doktrin des deutschen Fernsehfilms entsprechen. Diese setzt auf Stars, auf klare Grenzen zwischen Gut und Böse, auf unbeschädigte Helden und in den zurückliegenden Jahren vor allem auf heldenhafte Frauenfiguren. Am besten auf solche, die selbst in der Trümmerwüste auch noch zwischen zwei Männern stehen und von Christine Neubauer, Maria Furtwängler oder Veronica Ferres gespielt werden können. Mit dem bricht „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Ein Akt der Emanzipation ist dies, für das ZDF ebenso wie für den Produzenten Nico Hofmann. Der verfolgte den Plan für „Unsere Mütter, unsere Väter“ seit zehn Jahren – das ist seine, das ist die Geschichte seiner Eltern – und fand dafür im Sender zwei wichtige Unterstützer: den jetzigen Intendanten und seinerzeitigen Programmdirektor Thomas Bellut und die Hauptredaktionsleiterin Heike Hempel. Mit Stefan Kolditz kam der richtige, querköpfige Drehbuchautor hinzu und mit Philipp Kadelbach ein junger Regisseur, der (im Verein mit dem Kameramann David Slama) in Sachen Bildgebung und Dramaturgie den Vergleich mit dem amerikanischen Fernsehen nicht zu scheuen braucht. Da gibt es nichts mehr von dem zarten Schmelz, für den der Sonntagabendfilm des ZDF für gewöhnlich steht, sondern es gibt Ambivalenz und Härte. Dass dies zum Auftakt am Sonntag – dem am härtesten umkämpften Fernsehabend der Woche – 7,22 Millionen Zuschauer interessiert hat, gibt Anlass zur Hoffnung und den Verantwortlichen in den Sendern vielleicht die Lehre mit auf den Weg, dass es so auch geht, wenn man nur will und die Richtigen damit beauftragt.

Der mörderische Wahnsinn

Fünf junge Menschen im Jahr 1941 sehen wir, deren Lebensläufe paradigmatisch angelegt, die aber alles andere denn als Thesenträger ausgestattet sind. Die von Katharina Schüttler dargestellte Sängerin Greta kann einem vielleicht noch am ehesten als Kunstfigur erscheinen, der von Ludwig Trepte gespielte Viktor hingegen mitnichten – er entkommt dem Transport ins Vernichtungslager, ist bei den polnischen Partisanen jedoch abermals von Antisemiten umringt. Die drei an der Front, die Krankenschwester Charlotte (Miriam Stein) und die beiden Soldaten Friedhelm (Tom Schilling) und Wilhelm (Volker Bruch) laden zwar zur Identifikation ein, aber auch so viel Schuld auf sich, dass man sich als Zuschauer permanent die Frage stellt, die sich der Regisseur Kadelbach aufgab: Darf ich zu diesen Figuren Nähe aufbauen? Sind sie unter den gegebenen Umständen immer noch in der Lage, moralisch zu handeln?

Die Krankenschwester Charlotte glüht anfangs vor jugendlich-ideologischem Eifer und verrät eine jüdische Ärztin. Der in sich gekehrte Friedhelm wird zum Henker und besinnt sich erst ganz zum Schluss eines anderen. Wilhelm, der als Leutnant seine Truppe noch in das sinnloseste Gefecht führt, erträgt den mörderischen Wahnsinn nicht länger und desertiert.

Wie geht es weiter?

In diesen Rollen wird dem großen Publikum eine junge Riege von Schauspielern nahegebracht, die gerne als „unverbraucht“ bezeichnet werden, was ihrer darstellerischen Leistung aber nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Sie spielen jenseits der eingeübten Posen, mit denen das auf Stars geeichte Mainstreamfernsehen sonst daherkommt. Jenseits davon spielen auch all die gestandenen Größen in Nebenrollen auf, für die stellvertretend nur Sylvester Groth in der Rolle des SS-Majors Hiemer genannt sei.

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Die Kunst der Dramaturgie von „Unsere Mütter, unsere Väter“ liegt derweil darin, diese Figuren nicht aus den Augen zu verlieren und ihre Geschichten nicht einfach zu addieren, sondern zu einem Ganzen zu fügen. Daran hat der Regisseur im Schnitt mit den Cuttern Bernd Schlegel und Tobias Haas ein ganzes Jahr lang gearbeitet. Sie haben aus hundertfünfzig Stunden Filmmaterial dreimal anderthalb Stunden destilliert und dafür gesorgt, dass man nach dem ersten und nach dem zweiten Teil, der am Montagabend lief, unbedingt wissen will, wie es mit Charlotte, Greta, Friedhelm, Viktor und Wilhelm weitergeht in den Jahren zwischen 1941 und 1945, in denen eine ganze Welt untergeht.

Der dritte und letzte Teil von Unsere Mütter, unsere Väter läuft an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF.

Spuren der Erinnerung – Leserdebatte zum Film

Anlässlich der ZDF-Trilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ haben wir unsere Leser gebeten, ihre eigenen Erlebnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit aufzuschreiben. Ein Kaleidoskop der Erinnerung.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/die-leserdebatte/

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http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/unsere-muetter-unsere-vaeter-im-zdf-die-geschichte-deutscher-albtraeume-12115192.html

„Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft in drei Teilen am Sonntag, 17. März, am Montag, 18. März, und am Mittwoch, 20. März, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF
Die Geschichte deutscher Albträume

15.03.2013 ·  Warten Sie nicht auf einen hohen Feiertag, versammeln Sie jetzt Ihre Familie: Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ beginnt am Sonntag und ist die letzte Chance, über die Generationen hinweg die Geschichte des Krieges zu erzählen.

Von Frank Schirrmacher

Unsere Mütter, unsere Väter

Man braucht sechs Augenpaare, um diesen Film zu sehen. Sechs Augenpaare, die nichts anderes wären als die Blicke dreier Generationen: Großeltern, Eltern, Kinder. Sie müssen gemeinsam sehen, was auf dem Bildschirm geschieht. Dann wird man vielleicht die Erfahrung machen, wie es ist, wenn Tote ins Leben zurückkehren.

Deshalb der unerbetene Rat an die Leser: Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern. Wo immer möglich, sollten Eltern den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ zusammen, mit ihren Kindern ansehen (freigegeben, trotz einiger sehr grausamer Szenen, ab 12 Jahren). Und dort, wo es die Familiendemographie erlaubt, zusammen mit den Kindern der Kinder. Warum sich solche Verabredungen für Silvester aufsparen? Es tickt eine ganz andere Uhr: In Europa geht gerade die Zeitgenossenschaft des Zweiten Weltkrieges zu Ende. Die Minuten und Sekunden verrinnen; bald ist keiner mehr da, der noch dabei war.

Die Geschichten, die bis Mitternacht nicht erzählt sind, werden nie mehr erzählt werden. Fragen, die einem viel zu spät einfallen, wenn niemand mehr da ist, sie zu beantworten. Wir befinden uns, was das kollektive Gedächtnis angeht, eine Minute vor Mitternacht. Nicht mehr lange, und alles wird nur noch Fotografie, Film oder Buch sein. Und ausgerechnet ein ZDF-Film soll da eine letzte Chance sein, die Uhr anzuhalten und zumindest eine Stunde dazuzugewinnen? Ja, das ist so. Die Reaktionen derjenigen, die ihn bisher gesehen haben, sprechen dafür.

Die Frage war: Was habt ihr nicht erzählen können?

„Opa erzählt wieder vom Krieg“: Das war immer eine Wilhelm-Busch-Version der wirklichen Verhältnisse, eher 1871 als 1945. Die Frage war immer eine ganz andere: Was war es, was ihr nicht habt erzählen können? Die Antwort darauf war nicht nur moralisch prekär. Sie war es auch grammatikalisch. Sätze brauchen ein Subjekt, Erzählungen brauchen Identifikationsfiguren. Was aber, wenn da nichts zum Identifizieren ist?

Die Deutschen haben mühsame Aus- und Umwege gesucht, um das Problem zu lösen. Sie haben Kinderfiguren in den Mittelpunkt ihrer Nachkriegsidentifikation gestellt, einen, der nicht mehr wächst und auch als Erwachsener Kind bleibt wie Oskar Matzerath, oder den Schulaufsatz in Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“, um nur die einflussreichsten Ich-Erzählungen zu nennen.

Lange Zeit wurde die Darstellung des erwachsenen Subjekts im Krieg an Klischee-Fabriken eines Konsalik ausgelagert, bis dann die Kinder von einst selbst Erwachsene, Eltern und schließlich Großeltern geworden waren. Da stehen wir heute. Und nun kommt ein ZDF-Dreiteiler und riskiert nichts weniger, als die Geschichte noch einmal neu zu erzählen. In der Tat: mit sehr jungen Menschen, alle zwischen 20 und 25 Jahre alt, als Protagonisten. Aber es sind junge Menschen, die unterdessen zu Eltern, Großeltern oder sogar Urgroßeltern geworden sind. Von dieser Verbindung in unsere Jetzt-Welt ist dieser Film nicht zu lösen.

Man wacht in einem Albtraum auf. Und wer noch Kontakt zu den letzten Überlebenden jener Generation hat, der weiß, dass das keine feuilletonistische Metapher ist. Am Tage funktionierten alle perfekt, schon fast unmittelbar nach Kriegsende, und die letzten Szenen des Films geben davon eine gute Vorstellung. Vielleicht also müsste man sich den Nächten zuwenden. Man müsste eine Geschichte schreiben, wer alles in den Jahrzehnten dieser erfolgsverwöhnten Bundesrepublik nachts in Albträumen aufwachte und wer einen ruhigen Schlaf hatte.

Der Film will es wissen: jetzt

Diese auffällige, fast manische Beschäftigung mit Träumen etwa in den „Spandauer Tagebüchern“ des Albert Speer, die immer wirken wie Geschichten, die man erzählen müsste und die mitten im Satz steckenbleiben, bis schließlich der ganze Mensch nur noch ein angefangener, steckengebliebener Satz ist, der nie ausspricht, was er sagen wollte.

Das ist das Stichwort dieses Films. Er will es jetzt wissen. Er will den Satz zu Ende sprechen. Verständlich, dass es da Befürchtungen gibt. Doch ehe man abwinkt, wie es jetzt manche tun, weil man es „nicht mehr hören kann“, oder andere, durchaus zu Recht, die „Hitler sells“ rufen: Nichts dergleichen liegt hier vor.

Fünf Freunde, die sich 1941 in Berlin treffen, darunter ein Jude, und die unsere Eltern oder Großeltern sein könnten, junge, sympathische Leute, ein wirklicher Nazi ist nicht unter ihnen. Und nun zeigt der Film, wie sich in nur vier Jahren Charakter, Person, Moral und Land fundamental verändern. „Verändern“ ist hier nur ein anderes Wort für den Prozess einer vollständigen Vernichtung.

Als Zuschauer befindet man sich bei den drei Teilen dieses Films in einer ständigen Suchbewegung: Immer will man sein „Vertrauen“ an einer Figur festmachen, sich mit ihr identifizieren und – das Wort ist keinesfalls zu pathetisch – eine Art von moralischer und sozialer Geborgenheit in einer intakten Persönlichkeit finden. Es ist genau das, was den Titel „Unsere Mütter, unsere Väter“ so überaus plausibel macht: Die Ursehnsucht nach demjenigen oder derjenigen, die einen nicht im Stich lassen. Aber die Sehnsucht, die der Film am Anfang befördert, entzieht er mit jeder Minute.

Die barbarische Kälte der Welt

Da ist, von Viktor, dem verfolgten Juden, abgesehen, niemand, der nicht an dem Prozess der moralischen Selbstzerstörung beteiligt wäre. Das ist, jenseits einiger Szenen, das Grausame dieses Werks: Es reproduziert die barbarische Kälte der Welt, die es beschreibt, indem es den Zuschauer in Illusionen wiegt, die es sogleich selbst zerstört. Eine umfängliche Literatur hat immer wieder die Charakteristika der Täter durchleuchtet, von den Einsatzgruppen bis zum politischen Personal des Dritten Reichs.

Was aber viel schwerer zu verstehen ist, das ist eine Figur, die als junge Krankenschwester sogar russischen Kriegsgefangenen beisteht und dennoch, in einem nachgerade unfassbar routinierten Prozess, die jüdische Mit-Krankenschwester denunziert. Eine Figur, die die Entmenschlichung des Krieges durchschaut, sich den Parolen entzieht und dennoch auf die Idee kommt, Kriegsgefangene zum selbstmörderischen Aufspüren von Minen einzusetzen.

Unmöglich, alle Details dieses Films zu beschreiben. Selten zuvor beispielsweise hat man so sehr verstanden, wie die Indoktrinationsmaschine des Nationalsozialismus funktionierte. Und eigentlich noch nie hat man so klar sehen können, dass auch die Feinde der Nazis nicht die Freunde ihrer Opfer sein mussten. Die – authentische – Geschichte des Juden Viktor, der unter Partisanen gerät, die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl machen, gehört zu den berührendsten Momenten dieses Films. Er zeigt, anders, als es unsere Hollywood-Phantasie uns einredet, dass die Opfer in Wahrheit vollständig allein und einsam waren: eine in humanistischer Empörung vereinte zivilisatorische Gegenwelt, wie sie Thomas Mann in seinen Radioansprachen beschworen hat, war in Wahrheit wie die Zivilisation eines anderen Planeten.

Eine neue Phase der Aufarbeitung

Dieser Film, den Nico Hofmann produziert und dessen vorzügliches Drehbuch Stefan Kolditz geschrieben hat, besitzt in seiner unbestreitbaren Wucht und Monstrosität die Chance, den letzten Zeitgenossen noch einmal inmitten ihrer Familie die Zunge zu lösen. Er leitet, das haben Vorabkritiken mit Recht hervorgehoben, eine neue Phase der filmisch-historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein.

Nico Hofmann, den mancher gerne für unernst hält, weil er auch unernste Stoffe produziert, ist selbst der Protagonist dieser neuen Phase. Er, Jahrgang 1959, der nun endgültig zu den ganz großen Produzenten des Landes gezählt werden muss, redet auch von seiner eigenen Mutter und seinem eigenen Vater, und man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, dass er die siebenjährige Arbeit an diesem Film auch deshalb auf sich nahm, um mit seinen Eltern ein letztes Mal ins Gespräch zu kommen.

Die Ernsthaftigkeit, die Detailtreue, die Kompromisslosigkeit, mit denen er es tat, sind bewundernswert und haben das Zeug dazu, die Seele des Landes anzurühren. Wer wäre man selbst in diesem Film gewesen? Wer wäre man geworden, wenn man 1941 zwanzig Jahre alt gewesen wäre? Das sind die zukunftsweisenden und am Ende unabweisbaren Fragen, die Nico Hofmanns großes Werk im Zuschauer zurücklässt.

Eine Ahnung von der Brutalität der Wahrheit

Und wenn wir schon bei unerbetenen Ratschlägen sind: Ein weiterer, ungleich profanerer wäre, bei der populären Gebührendebatte und der Diskussion über die Zukunft öffentlich-rechtlicher Systeme pragmatischer zu argumentieren. Dass das ZDF unter dem Intendanten Bellut das Risiko dieses Films einging – allein die Brutalität wird Debatten hervorrufen, wenn man vergisst, dass die Brutalität des Films nur eine Ahnung der Brutalität der Wahrheit ist -, verdient nicht nur großen Respekt. Es zeigt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen vermag und wozu es da ist – und umgekehrt, wozu wir da wären: den Beteiligten den Mut zu machen, dass sich solche Risiken lohnen können.

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Ein Land, das sich über einem neuen „Tatort“ mit Til Schweiger spaltet und darüber tagelang öffentlich diskutiert, wird, so ist zu hoffen, die Chance, ja, das Geschenk einer Selbsterkundung, die dieser Dreiteiler darstellt, annehmen. Es wird vielleicht weniger laut und auch nicht in digitaler Echtzeit geschehen; es wird hoffentlich in den Familien und mit Freunden diskutiert, vielleicht auch nur so wie in der Redaktion dieser Zeitung geschehen, dass sehr junge Leute ihre Eltern nach den längst verstorbenen Großeltern fragen.

Familiengeschichten sind Produktionsstätten von Identitäten; man lernt vom Scheitern und Versagen mehr als von den Erfolgsgeschichten der Wirtschaftswundergeneration. In einem Europa, das jetzt zu vergessen beginnt, was es einst war, sind solche Familiengeschichten auch der Kern der europäischen Idee – und sei es nur, dass man begreift: Das alles liegt erst eine Generation zurück.

Wir haben die Chance zu begreifen

Man schaue diesen Film. Man kritisiere ihn (oder den Rezensenten), man tadele, seine Ausführung, die (großartigen und völlig unverbrauchten) Schauspieler, aber man schaue ihn wenigstens an. Es ist nicht nur ein Film, es ist eine soziale Plattform. Man muss zumindest eine Ahnung davon haben, welche Träume in den Nächten dieser reichen Republik geträumt wurden, welche Schuld verarbeitet oder ignoriert wurde und wie sie das verwandelten, was wir am hellen Tag erlebten: die Generation der Politiker, die noch wusste, was ein Krieg war, und all der anderen, die wussten nicht nur, wozu Menschen, sondern auch, wozu sie selbst fähig waren.

Dieses Bewusstsein schwindet, und dieser Film hält es wach. In ihrem Werk „Das Leiden anderer betrachten“ hatte Susan Sontag geschrieben: „Die Toten interessieren sich nicht im geringsten für die Lebenden. Wir begreifen nicht. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie das war. Wir können uns nicht vorstellen, wie furchtbar, wie erschreckend der Krieg ist; und wie normal er wird. Können es nicht verstehen und können es uns nicht vorstellen.“

Das ist aus der Perspektive der Toten gesprochen. Aber solange es noch Lebende gibt, haben wir die Chance zu begreifen. „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot“, lautet die berühmte Zeile von Gottfried Benn. Nico Hofmann und das ZDF geben uns dazu jetzt die Chance.

 

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