Wer ist der Anti-Euro-Professor Bernd Lucke?

“Alternative für Deutschland” Wer ist der Anti-Euro-Professor Bernd Lucke?

24.03.2013 ·  Bernd Lucke ist ein Professor für Volkswirtschaftslehre. Er will den Euro abschaffen – und so Europa retten. Und er ist kein Populist. Porträt eines Parteigründers.

Von Winand von Petersdorff

Bernd Lucke- Der Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg die Gründung einer Partei unter dem Namen Alternative für Deutschland.
Bernd Lucke, Professor und Parteigründer © Jens Gyarmaty
ie politische Karriere des ehrenwerten Verfassungsrechtlers und Professors aus Heidelberg, Paul Kirchhof, war beendet, nachdem ihn die Wahlkampfmaschine Gerhard Schröder einmal durchgenudelt hatte.Bernd Lucke ist ein Professor aus Hamburg und denkt im Moment, er hat noch eine politische Karriere vor sich. Da können ihn die Demoskopen nicht abschrecken, die haben schließlich schon ganz andere ins Nichts prophezeit. Und die politischen Gegner vermögen es schon gar nicht, den jungenhaften Mann mit seinen gut versteckten 50 Lenzen zu entmutigen.

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Lucke hat mit anderen Konservativen eine Partei gegründet, die den Euro abschaffen und die Demokratie stärken will. Sie heißt „Alternative für Deutschland“, und ihr Auftreten hat einen rechten Wirbel ausgelöst, eine Welle der Zustimmung, die die junge Organisation überfordert. Das gibt Lucke zu. Es ist natürlich schön, von einer solchen Welle getragen zu werden. Gleichzeitig ist die Ruhe erst einmal dahin. Er fühlt sich unter Daueranspannung, seine Mails schreibt er nachts um halb zwei.

Die neue Partei pflegt in ihrer Eurogegnerschaft eine Haltung, die sich gegen die im Bundestag vertretenen Parteien wendet, weniger gegen das Volk. Eine Provokation bleibt sie also, weshalb Edmund Stoiber, die alte CSU-Rampensau, und das ist jetzt höchst respektvoll gemeint, schon einmal vorgefühlt hat: Funktioniert die gute alte Professoren-Zerlegung eigentlich noch?

Professoren wirken arrogant, wenn sie reden

Das war in dieser Woche in Anne Wills Talkshow, als er Lucke mit den Worten „Schon wieder so ein Professor“ so schnell unterbrach, dass der eher kleine Mann aus Winsen an der Luhe sogar ein bisschen sauer wurde. Stoiber observierte nach seiner Verbalinjurie lauernd die Zuschauer, sein gesamtes durch ein langes Politiker-Dasein geschärftes Sensorium war auf Empfang gestellt: Hat die Frechheit gewirkt? Die Reaktion der Leute dürfte aus seiner Sicht enttäuschend lahm gewesen sein.

Supporters of the extreme-right Golden Dawn party hold Greek flags during a rally outside the German emapassy in Athens

In einem hat Bernd Lucke schon einmal Recht: Der Euro schafft es derzeit nicht, die europäische Freundschaft zu vertiefen

Aber mit seiner Spontan-Analyse hat Stoiber natürlich recht: Lucke ist in der Tat ein Professor. Das ist eine echte Gefahr im politischen Geschäft für den Professor selbst, zumindest eine Bürde auf dem Weg zum Wahlerfolg. Die liegt darin, dass Professoren zu denken neigen, es geht in der Politik um die Sache, was wirklich nur am Rande stimmt. Wegen dieser Vorstellung sagen die Professoren gerne wohl geordnet schöne klare Argumente auf. Vorm geistigen Auge sieht man die Spiegelstriche. Sie sind stets sehr überzeugt von dem, was sie sagen. Das hört man heraus. Und das wirkt arrogant. Dabei reden sie, wie sie reden, weil sie lange darüber nachgedacht haben. Das Brüten ist nämlich ihr Kerngeschäft.

Anders als Politiker tasten sich die Wissenschaftler nicht vor, ihren Reden ist kein Zweifel anzumerken, manchmal spürt man ihre Verwunderung, wenn ihnen jemand mit Argumenten zu kontern wagt, die im Seminar nicht satisfaktionsfähig wären, in der Wahlkampfarena jedoch freudige Zustimmung provozieren.

Wie schaffen die das?

Lucke hat dieses Professorale, was niemand verwundern muss. Die akademische Sozialisation kann man nirgendwo abgeben. Unter dem Eindruck der ersten Finanzkrise hatte Lucke ein „Plenum der Ökonomen“, eine Art elektronische Vollversammlung, ins Leben gerufen mit mehr als 300 VWL-Professoren. Das Plenum sprach sich im Februar 2011 mit sehr großer Mehrheit gegen eine Verlängerung des EU-Rettungsschirms aus. Keiner hat auf den geballten Sachverstand gehört. Lucke klingt fast ein bisschen empört, wenn er das erzählt. Vielleicht ist es auch bloß die Verwunderung des Gelehrten, wenn sich das Richtige nicht Bahn bricht.

Lucke ist ein waschechter Akademiker. Er hat mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes Volkswirtschaft, Philosophie und Neuere Geschichte in Bonn studiert, zwischendurch Ökonomie in Berkeley. Seit 1998 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Wachstum und Konjunktur. Er hat die Weltbank beraten, in Amerika als Gastprofessor und Forscher gearbeitet, bei der OECD Paper geschrieben.

Daheim wird der Mann auch nicht zwangsläufig mit durchschnittlicher Intelligenz behelligt. Denn seine Frau ist ebenfalls so ein akademisches Flugobjekt, das es über Eliteförderungen zur Promotion und bis hin zu Vertretungsprofessuren gebracht hat. Nebenbei wurden fünf Kinder versorgt, die temporären Umzüge zu Forschungsaufenthalten in Paris und Indiana gemanagt und darauf geachtet, dass die Brut brav zum Musikunterricht geht.

Es gibt ja so Familien, die gesellschaftliche Benchmarks aufstellen, die andere Familien dauerrätseln lassen: Wie machen die das? Wie schaffen die das? Und dann gründet eine solche Familie auch noch eine Partei zur Rettung Europas.

Lucke ist nicht harmlos

Bernd Lucke sagt zum Familiären nicht viel, außer dass seine 16 Jahre alte Tochter in Papas Partei Alternative für Deutschland eingetreten ist und darauf bestanden hat, die Mitgliedsbeiträge aus eigenem Geld aufzubringen. Einem seiner älteren Söhne gefällt die Parteigründung seines Vaters auch gut, verrät er auf seiner Facebook-Seite.

Lucke pflegt eine professoral-didaktische Rhetorik, mit der er ganz gut durch die ersten beiden Talkshows seines Lebens gekommen ist (Anne Will und Maybrit Illner). Er sagt selbst: „Ich hatte noch kein Medientraining, aber ich brauche wohl eines.“

Das Prätentiöse der Professoren-Zunft geht Lucke komplett ab. Er kommt in Windjacke, Pullover und Rucksack zum Treffpunkt gelaufen wie zum Familienausflug in den Zoo mit Fanta, Butterkeks und einer Thermoskanne Kaffee für die Erwachsenen. Das ist aber nur eine Phantasie, die ein wenig in die Irre führt. Denn harmlos ist Lucke nicht. Man spürt nicht nur seinen optimistischen Drive, sondern Selbstdisziplin, eine zarte Spitzbübigkeit und – Ehrgeiz. Jetzt will er in den Bundestag.

Was den Mann im Innersten treibt, weiß er höchstens selbst zu sagen. Doch ein paar Indizien unterstützen folgende These: Er sieht die deutsche Eurorettungspolitik als so gefährlich für künftige Generationen an, dass Schweigen verboten ist, zumal für Experten. Dafür ist der Konservative aus der CDU ausgetreten und setzt seinen Ruf aufs Spiel, inklusive seiner akademischen Reputation, für eine Partei, der Demoskopen bisher nur Splitterparteien-Resultate zubilligen.

Spezialwissen ist nicht per se schlecht im Amt

Manchmal schockt eine Maus einen Elefanten. Und, wer weiß, vielleicht schlägt die Stunde der Professoren in der Politik doch irgendwann. In den letzten Jahren der Eurorettung dürfte in der Bevölkerung nicht der Eindruck gewachsen sein, dass der ökonomische Sachverstand geradezu überschießt in der Bundesregierung.

Den Ökonomie-Professoren hatten die Politiker in vergangenen Jahren genussvoll vorgeworfen, die Finanzkrise nicht prophezeit zu haben, die Versager. Aber sehen es auch die Leute so? Die Verwerfungen, die die Eurozone gerade erlebt, haben die vielgescholtenen Volkswirte vorhergesehen. Sie haben sogar laut gewarnt. Nur auf sie hören wollte keiner. Jetzt sind viele der Experten bei der Alternative für Deutschland als Unterstützer vermerkt. „Wir sind die Partei mit der größten Dichte an Volkswirtschaftsprofessoren in Deutschland“, sagt Lucke.

Alle haben sich daran gewöhnt, dass Politiker als Generalisten alles können. Daraus muss ja nicht zwanghaft der Schluss gezogen werden, Spezialwissen sei per se schlecht im Amt. Als Gastforscher der OECD hat Lucke 2011 mit einem Kollegen einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Debt sustainability, illiquidity and insolvency.“ Es ist ein für Laien kaum zu verstehendes Papier, in dem es von mathematischen Formeln und Grafiken wimmelt. Aber im Kern geht es darum, wie verschuldet, solvent und liquide Griechenland ist oder eben gerade nicht. Lucke hat die Rettungsschirme akribisch analysiert und mit Kollegen alternative Ausstiegsszenarien aus dem Euro entwickelt. Die europäische Schicksalsfrage hat er besser durchdrungen als die meisten Bundestagsabgeordneten, die mit ihrem Halbwissen riesige Rettungspakete geschnürt haben.

Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller

Keiner weiß, was aus der „Alternative für Deutschland“ werden wird. Bekommt sie die Unterschriften zusammen, um überhaupt kandidieren zu dürfen (ein Promille der Wahlberechtigten eines Bundeslandes, höchstens jedoch 2000)? „Das schaffen wir“, glaubt Lucke. Aber gelingt es auch, die drei Millionen Euro zusammenzukratzen, die die Partei nach eigener Grobrechnung braucht für den Wahlkampf? Und schließlich die Frage: Wie gelingt es der Partei, die Etikettierung als antieuropäische Rechtspopulisten, die in grenzenloser Borniertheit den europäischen Frieden aufs Spiel setzen, zu vermeiden?

Der Lebensweg der Lucke-Familie spricht gegen solche Unterstellungen. Sie sind ziemlich herumgekommen, die Luckes. Bernd Lucke selbst sieht sich, das mag Rhetorik sein, als Kämpfer für den europäischen Frieden, der den Peripherieländern eine ökonomische Perspektive geben will.

In einem hat er schon einmal recht: Dass der Euro die Freundschaft der europäischen Völker vertieft hätte, so ist zurzeit schwer zu argumentieren angesichts der Hassparolen aus Griechenland, Italien und jetzt Zypern gegen die Bundeskanzlerin. Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller. Aber das war vor dem Euro.

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