Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

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