Fachkräfteprojekt in Bayern: Unser Dorf soll spanisch werden

DER SPIEGEL :

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spanier-in-wunsiedel-zwei-buergermeister-rufen-experiment-ins-leben-a-895706.html

Fachkräfteprojekt in Bayern: Unser Dorf soll spanisch werden

Von David Böcking und Yasmin El-Sharif, Wunsiedel

Die CSU-regierte Kleinstadt Wunsiedel in Oberfranken warb im Kampf gegen den Fachkräftemangel gezielt Spanier an, die Umsiedlung wurde genau geplant. Doch manchen Einheimischen ist das Projekt ein Dorn im Auge, vieles ging schief – trotzdem will der Ort weitermachen.

In der Gemeinschaftsküche riecht es gut. David Caceres Gomez hat sich Essen gekocht, Paprika mit Hühnchen. Der junge Spanier isst hastig, seine Ärmel sind voller Farbkleckse. Gleich beginnt die Nachmittagsschicht in einem Malerbetrieb. Ab nächster Woche aber ist der ausgebildete Jurist wieder auf Arbeitssuche.

 

Als Roland Schöffel das hört, macht er David ein Angebot: Er wolle Häuser renovieren, könnte jemanden zum Streichen gebrauchen und zum Tapezieren. Der 25-Jährige gibt ein freundliches “Uff” von sich, im Tapezieren habe er wenig Erfahrung. Aber er werde sich melden. Dann muss David los. “Ich habe nicht viel Zeit”, sagt er. Es klingt fröhlich – und ziemlich deutsch.

In Wunsiedel, einer Kleinstadt im oberfränkischen Fichtelgebirge, läuft seit vergangenem Jahr ein beachtliches Experiment: Auf der Suche nach Fachkräften hat der zweite Bürgermeister Roland Schöffel gemeinsam mit heimischen Unternehmen rund ein Dutzend Spanier aus Padrón angeworben, einer Kleinstadt in Galizien. Dass die Jobkrise in Südeuropa gut zum eigenen Fachkräftemangel passt, haben auch andere Städte erkannt. Selten aber wurde die Umsiedlung so umfassend geplant wie in Wunsiedel.

“Mit sechs Millionen Arbeitslosen kann Spanien nicht funktionieren”

Die Gemeinde hat eigens ein Haus im Zentrum der Stadt gekauft und hergerichtet, wo die neuen Bürger für 170 Euro im Monat ein Zimmer bekommen. David wohnt erst seit kurzem hier, andere Spanier sind bereits in eigene Wohnungen gezogen. Einer von ihnen ist Rui Meireles Arregui, den man auf einer Baustelle in Wunsiedel trifft. Der Elektriker gehörte zur ersten Gruppe, die im September vergangenen Jahres kam. Als Rui und sein Bruder von dem Angebot aus Wunsiedel hörten, zögerten sie keine Minute. Ihr Familienbetrieb war in der Krise pleitegegangen, neue Arbeit nicht in Sicht. “Mit sechs Millionen Arbeitslosen kann Spanien nicht funktionieren”, sagt Rui.

Er könne sich gut vorstellen, länger zu bleiben, sagt der 35-Jährige. Sein Deutsch ist noch holprig, doch für die Verständigung bei der Arbeit genügt es. Er kennt die wichtigsten Ansagen und hat sich daran gewöhnt, bestimmte Kabel anders zu verlegen. “Ich bin sehr zufrieden”, sagt Rui. Sein Bruder ist zwar bereits in die Heimat zurückgekehrt – aus Sehnsucht nach der Freundin. Dafür leben mittlerweile auch Ruis Eltern in Wunsiedel.

Doch der “Wunsiedler Weg”, wie Schöffel die Aktion getauft hat, ist nicht ohne Stolpersteine. Viele Fichtelgebirgler wollten nicht einsehen, dass die Stadt bei einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent Ausländer anwirbt. Schöffel und der erste Bürgermeister Karl-Willi Beck mussten viel erklären: Dass sich die Altersstruktur in der Region gerade dramatisch änderte und Wunsiedel “demografisch gekeult” werde, wie Schöffel es ausdrückt. Und dass die Neubürger nur Jobs bekämen, die kein Wunsiedler will. Niemals dürfe ein Einheimischer erleben, dass ein Spanier ihm die Stelle wegnehme, sagt Beck.

Enttäuschungen erlebte auch Bernd Birke, der Chef von Rui und drei weiteren Spaniern. Vor gut einem Jahr gehörte der Elektrounternehmer zu einer kleinen Delegation, die nach Spanien flog. Am Flughafen inspizierte Birke gleich die Qualität der Elektroinstallationen – und war zufrieden. Für ihr Programm warben die Wunsiedler dann in einer vollbesetzten Gemeindehalle, es gab mehr als 600 Bewerbungen. Ein Ingenieur wollte sofort mitkommen – er nehme jede Arbeit an. “Da treibt’s dir schon die Tränen in die Augen”, sagt Birke. Allerdings verließ er sich auf eine Zusage der galizischen Regierung, den Auswanderern vorab Deutschkurse zu finanzieren. Es blieb beim Versprechen. “Die Deutschkenntnisse waren gleich Null.”

Ein weiter Rückschlag kam, als drei Spanierinnen ihre Arbeit in einem Hotel schon nach wenigen Monaten wieder verloren. Als im März dann auch noch der größte Wunsiedler Autohändler pleiteging, bei dem vier Spanier gearbeitet hatten, sahen viele das Projekt vor dem Aus.

“Ich hab nix dagegen, wenn auf unserem Marktplatz ein Stierkampf stattfindet”

Dass es weitergeht, dürfte an den Bürgermeistern liegen. Dabei gehören sie Parteien an, die nicht als besonders zuwanderungsfreundlich bekannt sind. Beck ist Mitglied der CSU, ein wuchtiger Mann mit Backenbart und Nadelstreifenanzug. Als Kind sprach Beck schlesisch, weil er von Flüchtlingen mitaufgezogen wurde. In seinem Amtszimmer weist ihn eine Urkunde als “Ehrenspätaussiedler” aus.

Schöffel war früher Lehrer und ist Mitglied der Freien Wähler. Deren Chef Hubert Aiwanger wütet gegen den Euro-Rettungsfonds und fordert Spaniens Austritt aus der Währungsunion. Schöffel dagegen betreibt mit seiner Frau die Weinhandlung Fronkreisch und sagt, er sei Europäer. “Ich hab nix dagegen, wenn auf unserem Marktplatz ein Stierkampf stattfindet.”

Wegen ihren persönlichen Erfahrungen scheint Europa für beide Männer noch immer eher ein Versprechen als eine Bedrohung zu sein. Solche Weltoffenheit kann ihre Heimatstadt gut gebrauchen: Immer wieder geriet sie mit Neonazi-Aufmärschen in die Schlagzeilen, weil sich hier bis 2011 das Grab von Rudolf Hess befand.

An der Renovierung des Hauses für die Neubürger waren die Bürgermeister persönlich beteiligt. Den Spaniern wurden Namensschilder für die Zimmertüren gebastelt und Blumengirlanden an die Wände gemalt. Sogar landschaftlich habe man sich um Integration bemüht, erzählt Unternehmer Birke: Mit Galizien sei absichtlich eine Region gewählt worden, deren Topografie sich nicht allzu sehr vom Fichtelgebirge unterscheidet.

Vorbilder hätten sie keine gehabt, betonen die Organisatoren. Denn auch wenn Kanzlerin Merkel schon Anfang 2011 um spanische Fachkräfte warb: An konkreten Hilfen fehlt es noch. So müsse es eigentlich einen sechsmonatigen Intensivsprachkurs geben, findet Bürgermeister Beck, bezahlt vom Bund. Derzeit werden die Zuwanderer von staatlichen Lehrern unterrichtet, die selbst kein Spanisch sprechen.

“Oh Gott, das haben deine Eltern auch durchgemacht!”

Im Vergleich zu früheren Zeiten aber werden die Zuwanderer in Wunsiedel gut unterstützt, weiß Lidia Hüttel zu berichten. Ihre Eltern kamen schon in den sechziger Jahren aus Padrón nach Bayern. Als der Bus mit den Spaniern eintraf, stand Hüttel mit Herzklopfen bereit und dachte: “Oh Gott, das haben deine Eltern auch durchgemacht!”

Zwei Schützlinge hat sich Hüttel ausgesucht, den Elektriker Rui und die 42-jährige Carmen Gens Martinez. An einem Freitagabend sitzen sie mit anderen Spaniern beim Stammtisch im Lokal Goldener Löwe. Es herrscht spanische Lebendigkeit, doch die Gesprächsthemen sind ernst. Carmen etwa gehört zu jenen Frauen, die ihren Job im Hotel schon wieder verloren haben – dabei hat sie 24 Jahre in der Schweiz gelebt und spricht fließend Deutsch. Seit Monaten schreibt Carmen nun Bewerbungen – bislang ohne Erfolg. Ihr Partner – ein Ingenieur – ist in die Heimat zurückgekehrt, weil auch er nichts gefunden hat. In Spanien kann er immerhin noch einige Monate Arbeitslosengeld beziehen. Carmens zwei Kinder sind mit ihr in Wunsiedel geblieben und besuchen dort die Schule.

Niedriglohnland Deutschland?

Antonio Sanchez hatte mehr Glück. Er gehörte zu jenen Spaniern, die im Autohaus arbeiteten, das inzwischen pleite ist. Seit März hat er eine neue Anstellung: Der 46-Jährige baut jetzt Karosserien für Luxusautos. “Ich habe es jetzt noch besser getroffen”, findet er. Sein Gehalt sei okay, allerdings nicht bedeutend höher als in Spanien. “Aber: Hauptsache Arbeit”, ergänzt er schnell. Eine andere Teilnehmerin des Stammtisches zeigt sich ernüchtert: Sie hätte nicht erwartet, dass auch in Deutschland Niedriglöhne, Überstunden und unsichere Arbeitsverhältnisse so verbreitet seien.

Elektrounternehmer Birke immerhin hat seinen vier spanischen Mitarbeitern schon bei der Weihnachtsfeier zugesagt, sie nach der Probezeit zu übernehmen. Zusätzlich hat der Personalchef des Unternehmens kürzlich einen Spanischkurs begonnen. Birke lächelt. “Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir noch länger mit Spanien zu tun haben.”

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Studium: Ängste statt Sinnkrisen – Die Stärken der Stillen

Psychische Belastungen im Studium Ängste statt Sinnkrisen

29.04.2013 ·  Mehr Studenten als früher suchen wegen psychischer Probleme Beratungsstellen auf. Es sei viel Angst im System, glauben Fachleute. Eine neue Studie des Hochschul-Informationssystem bestätigt das.

Von Jan Grossarth

und ein Fünftel mehr Studenten suchen psychische Beratungsstellen auf als vor der Umstellung von den Diplom- auf die Bachelor- und Master-Studiengänge, heißt es an der FU Berlin. „Es ist viel Angst im System“, sagt der Psychologische Berater Hans-Werner Rückert.

Eine neue Studie des Hochschul-Informationssystems HIS in Hannover im Auftrag des Deutschen Studentenwerks hat das Ausmaß der Ängste unter 4087 Bachelor-Studenten an deutschen Hochschulen abgefragt: 59 Prozent gaben im Jahr 2011 an, in den vergangenen Wochen nervös und gestresst gewesen zu sein. 47 Prozent berichten von Erschöpfungs- und Überforderungsgefühlen, 44 Prozent von psychosomatischen Beschwerden, 42 Prozent von Ängsten. Knapp ein Drittel gab an, sich über finanzielle Knappheiten und die Vereinbarkeit des Studiums mit dem Nebenberuf zu sorgen.

Zukunfts- und Abstiegsängste unter Geisteswissenschaftlern

Während unter den Studenten von natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Fächern Ängste überwogen, dem Studium fachlich nicht gewachsen zu sein, berichteten angehende Geistes- und Sozialwissenschaftler zu einem weit größeren Teil von Zukunfts- und Abstiegsängsten. Dass diese Ängste zunehmen, dürfte daran liegen, dass die derzeitige Studentengeneration die erste oder höchstens die zweite ist, die nicht – wie zu Zeiten der Bildungsexpansion der siebziger Jahre – qua Studium eine Gewissheit hat, später ein Akademikereinkommen zu beziehen und finanziell mindestens so gut gestellt zu sein wie ihre Elterngeneration.

Die Abstiegsängste zeigen sich statistisch auch im Studierenden-Survey der Universität Konstanz. Unsichere Berufschancen haben laut der neuesten Erhebung (von 2007) ein Drittel der Kulturwissenschaftler und ein Viertel der Sozialwissenschaftler, während die Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaftler sich zu 44 oder 34 Prozent stark belastet fühlen aufgrund aktuellen Prüfungsstresses.

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Die Ängste könnten auch mit großen materiellen Erwartungen an ein Gelingen zusammenhängen: In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil der Studenten, die sich vom Abschluss ein hohes Einkommen versprechen, deutlich. Drei Viertel der Bachelor-Studenten gaben an, das Studium nützlich zu finden, weil es bessere Chancen auf eine interessante Arbeitsstelle eröffne. Eigene Ideen entwickeln zu können, nennt gut die Hälfte als Motiv fürs Studium.

Quelle: F.A.Z.

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(interaktives Bild)

Introvertierte im Beruf Die Stillen haben viel zu sagen

18.04.2013 ·  Berufliche Leistung zählt oft erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist: Während der Präsentation, beim Kantinen-Smalltalk, auf der Visitenkartenparty. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen. Und für die andere Hälfte?

Von Ursula Kals

ine Botschaft zieht sich leitmotivisch durch die Karriereratgeber: Ohne gescheite Selbstvermarktung gelingt kein beruflicher Aufstieg. Wir leben in einer auf Außenwirkung gepolten Arbeitswelt. Die Leistung zählt erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist, morgens bei der Präsentation, mittags beim Kantinen-Smalltalk mit dem Vorgesetzten, nachmittags beim Kundenkontakt und abends auf der Visitenkartenparty des Berufsverbands. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen, die sich mit ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis als Alphatier quasi artgerecht entfalten können. Ein Albtraum für die andere Hälfte der introvertierten Persönlichkeiten, die lieber konzentriert der Arbeit nachgeht, gute Ergebnisse abliefert, diese aber nicht ausführlich referieren mag und sich prompt das Etikett „Eigenbrötler“ einfängt.Manchmal möchten sie den toughen Kollegen zurufen: „Arbeitet ihr eigentlich etwas oder performt ihr nur?“, klagt eine Münchener Juristin, die sich zu den introvertierten Zeitgenossen zählt. Die 45 Jahre alte Arbeitsrechtlerin liebt ihre Arbeit als Angestellte einer Kanzlei: Sie sitzt allein im Büro, arbeitet sich akribisch durch Akten, ersinnt eine Strategie, die sie mit einem Kollegen bespricht und dann kurz und bündig vor dem Team referiert. Anders die meisten ihrer aufstiegsorientierten Kollegen. Die handelten nach dem Motto, dass noch nicht von jedem zu allem etwas gesagt worden ist, und verlören sich in Wiederholungen und rhetorischer Schaumschlägerei. „Diese exaltierte Dampfplauderei geht mir unsäglich auf die Nerven“, sagt die sportliche Frau im gedeckten Kostüm. Sie leidet darunter, als sachorientiert und bisweilen arrogant wahrgenommen zu werden. „So, als stamme ich von einem anderen Planeten.“

Introvertierte legen weniger Wert auf Belohnung

Dass sie Lob und Anerkennung weniger strahlend goutiert als ihre dominant auftretenden Kollegen, passt zu ihr. Introvertierte seien darauf programmiert, weniger Wert auf Belohnungen zu legen, hat der Psychologe Joseph Newman von der Universität Wisconsin herausgefunden. Sie sind eher uneitel, bremsen ihre Begeisterung aus, begegnen einem möglichen Gefühlsüberschwang eher mit Misstrauen. Das wiederum befremdet Menschen, die sich am liebsten selbst gerne auf die Schulter klopfen würden. „Introvertierte Menschen wirken stiller, auf manche Menschen wahrscheinlich auch reserviert und distanziert oder schüchtern, wobei introvertiert nicht mit schüchtern oder sozial ängstlich gleichzusetzen ist“, sagt die Berliner Psychologin Julia Paruch. Zwar drängt es Introvertierte nicht ins Scheinwerferlicht eines Rednerpults, aber ihnen bricht auch nicht wie etwa bei extrem Schüchternen der Angstschweiß aus. So eine Situation vor Publikum ist ritualisiert, Introvertierte stellen sich darauf ein, meist lieber, als dass sie sich auf einen großen Empfang zwingen, wo sie mit lauter Fremden konfrontiert werden. Entscheidend ist, die Angst zu akzeptieren.

„Die Evolution hat keinen der beiden Typen aussortiert, die Welt braucht beide. Diejenigen, die aus der Mammuthöhle preschen und jagen, und diejenigen, die warnen, Achtung, es ist neblig, da lauert der Säbelzahntiger“, sagt Sylvia Löhken, die über das Wirken stiller Menschen schon publiziert hat . „Bei Personalverantwortlichen war das schon immer ein Thema, aber das ist jetzt besser ausbuchstabiert.“ Die Sprachwissenschaftlerin aus Bonn ist keineswegs der Auffassung, dass stille Menschen für ein Leben in zweiter Reihe prädestiniert sind und regelmäßig übergangen werden. „Wir haben schließlich eine introvertierte Bundeskanzlerin, die einen ganz anderen Machtstil als ihr Vorgänger hat.“

Denn zurückhaltende Naturen bringen eine Menge Fähigkeiten mit, die Tüchtige auszeichnen. Zum Beispiel hören sie ausgezeichnet zu, eine Eigenschaft, die nicht nur im Kundenkontakt und in Verhandlungen immens wichtig ist. „Eine wertvolle Ressource insbesondere auch auf der Führungsebene“, betont die Psychologin Paruch. Konzentration, analytisches Denken, beharrliches Handeln zeichneten diese Menschen oft aus. „In vielerlei Hinsicht bergen ihre grundlegenden Eigenschaften ein großes Potential für nachhaltige und kreative Ergebnisse. Die Fähigkeit, sich über lange Zeiträume konzentriert und alleine einer Aufgabe oder Fragestellung zu widmen, ist in vielen Bereichen sehr wertvoll beziehungsweise notwendig“, sagt Paruch.

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Genauso klar ist aber auch: Introvertierte finden eher in der Revision, der Buchhaltung oder im Controlling einen guten Arbeitsplatz, viele zieht es in die Wissenschaft. Denn auch Forscher sind mit der Notwendigkeit konfrontiert, mit dem wahrgenommen zu werden, was sie zu bieten haben. Sylvia Löhken formuliert entscheidende Fragen auf dem Weg zum perfekten Biotop leiser Leute: „Wie nutze ich die Stärken, die mich selbst authentisch machen? Wie schaffe ich es mit meiner Persönlichkeit, sinnvolle Verbindungen zu anderen zu schaffen und meine Leistung sichtbar zu machen?“

Denn die Haltung, dass gute Arbeit zwangsläufig auch anderen auffallen muss, dient dem beruflichen Fortkommen tatsächlich nicht. Wohl aber zu überlegen, wie man es schafft, Netzwerke aufzubauen, in denen man sich wirklich wohl fühlt, also etwa gezielt einzelne Kollegen zu kontaktierten. Während extrovertierte Menschen Außenweltimpulse brauchen wie die Luft zum Atmen, unter vielen quirligen Kollegen aufblühen und gerne und oft Rückmeldungen einholen, ist das für Introvertierte belastend. „Sie sind leichter überstimuliert, reagieren sensibler auf Reize. Das lässt sich übrigens auch hirnphysiologisch nachweisen“, erklärt Löhken, die sich selbst auch als eher introvertiert bezeichnet.

Ein gutes Team braucht laute und leise Menschen

Doch ein gut funktionierendes Team braucht beide Typen, laute wie leise, die unabhängig von ihrer genetischen Prägung eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mitbringen. Das bedeutet holzschnittartig: Die Stillen benötigen mehr Rückzugsorte, die Lebhaften mehr Außenkontakte, um ihr Potential entfalten zu können.

Ein IT-Beratungsunternehmen hat das erkannt und die Konferenzen durch eine Kartenabfrage ritualisiert. Jeder soll einen Satz aufschreiben, wie er das konkrete Problem lösen möchte. „Das zwingt Extros zur Konzentration und Disziplin, und der Intro weiß, dass seine Meinung zählt“, erläutert Löhken. Später gibt es eine Rückmeldungsrunde, jeder kommt unabhängig von Status und Schnelligkeit zu Wort, das hat sich im Vergleich zum Brainstorming als effizienter herausgestellt. Davon ist die Münchener Kanzlei noch weit entfernt. Aber die Juristin hat Glück. Denn ihr Chef schätzt das Können der ruhigen Kollegin. „Er gönnt mir Auszeiten, auch von Routinekonferenzen.“ Wie viel Kraft in der Ruhe liegt, hat die amerikanische Juristin Susan Cain aufgeschrieben. „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ heißt ihr mit vielen Beispielen und Forschungsergebnissen angereicherter Band, in dem sie ausführt, weshalb es ohne Introvertierte weder eine Relativitätstheorie, Chopins Klavierstücke, Google oder aber auch „Harry Potter“ gäbe. Und möglicherweise auch keine Finanzkrise: Cain behauptet, diese hätte verhindert werden können, wenn introvertierte Controller nicht von extrovertierten Abenteurern als Bedenkenträger gedeckelt worden wären.

Zehn Stärken der Stillen

Karriereberaterin Sylvia Löhken erklärt, warum auch die ruhigen Vertreter im Team wichtig sind:

  1. Vorsicht: Introvertierte gehen behutsam vor, beobachten aufmerksam und denken vor dem Reden.
  2. Substanz: Sie schöpfen aus der eigenen Erfahrung, vermitteln Inhalte mit Tiefe.
  3. Konzentration: Sie bleiben intensiv und beständig bei der Sache.
  4. Zuhören: Sie filtern aus den Äußerungen des Gegenübers Informationen und Bedürfnisse.
  5. Ruhe: Sie sorgen für innere Ruhe als Basis für Konzentration.
  6. Analytisches Denken: Sie planen und strukturieren, sehen in komplexen Zusammenhängen die einzelnen Elemente und leiten daraus systematisch Informationen ab.
  7. Unabhängigkeit: Sie können allein sein, leben innerlich losgelöst von der Meinung anderer.
  8. Beharrlichkeit: Sie gehen geduldig und mit langem Atem einer Sache nach, um Ziele zu erreichen.
  9. Schreiben statt Reden: Sie kommunizieren lieber und leichter schriftlich als mündlich.
  10. Einfühlungsvermögen: Sie können sich in die Lage des Gegenübers versetzen, sind kompromissbereit.

DDR-Fotografie So sah es im Osten aus

DDR-Fotografie -So sah es im Osten aus

Fotostrecke in Die Zeit:

Trist und doch schön: Der Fotograf Harald Hauswald hat die letzten Jahre der DDR mit der Kamera festgehalten. Wir zeigen einige seiner Fotos aus den Jahren 1986 bis 1990.

http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2013-04/fs-harald-hauswald-ferner-osten-lehmstedt

Daten-Drosselung EU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Daten-DrosselungEU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Die EU will bei der Einführung einer Datenvolumengrenze der Telekom nicht einschreiten. Aber die Kunden sollten sich wehren, empfiehlt Wettbewerbskommissarin Kroes.

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-04/telekom-kroes-datendrosselung

Ein Fall für die EU-Kommission ist die geplante Beschränkung bei Internet-Flatrates der Deutschen Telekom nicht. Das sagte EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes der Bild. Vielmehr sollten nun die Kunden “mit den Füßen abstimmen”. Wenn ein Unternehmen höhere Preise für höhere Datenmengen durchsetzen wolle, sei das normal, sagte Kroes. “Die EU wird deswegen nicht eingreifen” – aber die Kunden könnten es tun.

Kroes reagierte damit auf die jüngste Ankündigung der Telekom, die Geschwindigkeit von Internetpauschaltarifen zu drosseln, wenn eine bestimmte Datenmenge verbraucht wurde.

Die Bundesregierung brachte indessen ein Eingreifen des Bundeskartellamts ins Spiel. “Sollte sich herausstellen, dass die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt, muss das Kartellamt einschreiten”, sagte Verbraucherministerin Ilse Aigner der Bild.  Eine Beobachtung des Falls durch das Kartellamt hatte auch der Ökonom Justus Haucaup gefordert.

Aigner spricht von “Rohrkrepierer”

Außerdem müsse die Bundesnetzagentur einschreiten, falls zu erkennen sei, dass die neuen Tarife eine Gefahr für die Netzneutralität darstellten, sagte Aigner. “Anscheinend steht die Telekom auf der Leitung – sonst würde sie erkennen, dass ihr neues Geschäftsmodell ein klassischer Rohrkrepierer zu werden droht.”

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte die Telekom am Donnerstag dazu aufgefordert dafür zu sorgen, dass Nutzer auch nach Einführung der Datenvolumengrenze zu allen Angeboten im Internet gleich schnellen Zugang haben. Die Netzneutralität müsse gewährleistet bleiben. In einem Brief an Telekom-Chef René Obermann hatte er sich besorgt gezeigt über die angekündigten Änderungen in den Tarifstrukturen für die Internetnutzung.

Die Telekom verteidigte ihre Pläne. Der Konzern teile die Ziele der Bundesregierung zur Netzneutralität “voll”, erklärte ein Konzernsprecher. Die Datenvolumengrenze ziele auf Kunden, die sich besonders viel aus dem Internet herunterladen und dadurch die Netze entsprechend stark belasteten. “Die Alternative wäre gewesen, die Preise pauschal für alle Kunden zu erhöhen”, sagte der Konzernsprecher. Die Begrenzung soll nur für neue Verträge gelten, die ab dem 2. Mai abgeschlossen werden. Altverträge sollen unberührt bleiben.

 

Netzneutralität – Verstaatlicht die Telekom

Die Telekom will ihre Flatrates drosseln. Doch ist Zugang zum Internet längst eine Art Grundrecht. Was also können, was sollten wir tun, fragt Kai Biermann

http://www.zeit.de/digital/internet/2013-04/netzneutralitaet-telekom-drossel

Daten-Drosselung – “Das Kartellamt sollte den Telekom-Fall prüfen”

Wird die Telekom zu mächtig, wenn sie das Tempo im Netz bestimmt? Der Ökonom Justus Haucaup sagt: Die Wettbewerbshüter sollten den Konzern genau beobachten

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/haucap-telekom-datendrosselung

Trotz Rezession zuhause: Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

Trotz Rezession zuhause Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

To match Insight BANKS-COSTS/ASIA

26.04.2013 ·  Das Geldhaus BBVA machte im ersten Vierteljahr 1,7 Milliarden Euro Gewinn. Allerdings läuft das Geschäft zuhause in Spanien wegen der Rezession schlechter – dafür in Mexiko umso besser.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/trotz-rezession-zuhause-beide-spanischen-grossbanken-erzielen-milliardengewinn-12163143.html

ie spanische Großbank BBVA hat den Branchenprimus Santander zu Jahresbeginn abgehängt. Die zweitgrößte Bank der Landes teilte am Freitag mit, dank Sondererlösen aus Verkäufen in Lateinamerika den Nettogewinn um fast drei Viertel auf 1,73 Milliarden Euro gesteigert zu haben.

Anders als Santander verdiente BBVA auch im klassischen Kreditgeschäft mehr Geld, das in Spanien wegen der andauernden Rezession und der Rekordarbeitslosigkeit eigentlich sehr schwierig ist: Der Zinsüberschuss erhöhte sich im ersten Quartal 2013 um knapp ein Prozent. Hier halfen gute Zahlen aus Mexiko, dem wichtigsten BBVA-Markt auf dem amerikanischen Kontinent. In Spanien lief das Geschäft dagegen deutlich schlechter.

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Die größte spanische Bank Santander meldete am Donnerstag zwar einen Gewinn von immerhin 1,2 Milliarden Euro für das erste Jahresviertel – verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum war das aber ein Rückgang um rund 26 Prozent. Die größte Bank der Währungsunion kämpft mit Problemen in Brasilien und Großbritannien. Außerdem steigt – wie bei vielen anderen spanischen Banken auch – der Anteil der faulen Kredite an ihrem Gesamtportfolio. Die meisten spanischen Institute konnten sich zuletzt aber zumindest in der Gewinnzone halten.

Quelle: FAZ.NET/Reuters

Geldpolitik Die Schere im Süden

25.04.2013 ·  Der negative Realzins vernichtet das Kapital der Sparer. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Doch nur mit niedrigen Zinsen komme Südeuropa aus der Krise, sagen viele. Stimmt das?

Von Holger Steltzner

Die Europäische Zentralbank steckt in der Zwickmühle. Da hat Bundeskanzlerin Merkel recht. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Denn der negative Realzins vernichtet Kapital. Die Entschuldung von hochverschuldeten Eurostaaten erleben Millionen Sparer als „kalte Enteignung“, da die Zinsen Monat für Monat geringer sind als die Inflation, wie Sparkassenpräsident Fahrenschon feststellte. Wie will man da für eine auskömmliche Rente ansparen? Dabei wären höhere Rücklagen fürs Alter dringend nötig, denn neben den Vermögen sind auch die Rentenansprüche in Deutschland nicht so hoch, wie von Frau Merkel vermutet. In Tat und Wahrheit liegen heimische Renten im europäischen Vergleich ebenfalls unter dem Durchschnitt.Für andere Länder müsste die EZB eigentlich noch mehr tun, sagte Frau Merkel auf dem Sparkassentag. Warum? Alle Geldschleusen sind offen, Banken und Märkte mit Liquidität überflutet. Mehr kann die Zentralbank nicht tun; sie kann Unternehmen ja nicht zwingen, zu investieren. Glaubt jemand daran, dass noch eine kleine Leitzinssenkung von 0,75 auf 0,5 Prozent den Aufschwung nach Südeuropa bringen wird? Es wäre mit Blick auf die Forderung mancher Krisenstaaten nach Finanzierung durch die EZB besser, die Bundesregierung bliebe ihrer Linie treu, die Geldpolitik der EZB nicht zu kommentieren.Die unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen in den Eurostaaten sind nicht die Ursache der Krise, sondern ihr Symptom. Darin drückt sich die Spaltung der Währungsunion aus, in einen wachsenden Norden und einen schrumpfenden Süden. Länder wie Deutschland sind wettbewerbsfähig und kostengünstig. In anderen sind die Lohnkosten zu hoch und die Produktivität zu niedrig. Seit dem Start der Währungsunion entwickeln sich Defizit- und Überschussländer wirtschaftlich immer weiter auseinander. Im Vergleich zu Deutschland stiegen in Frankreich die Löhne doppelt so stark, in Italien blieb obendrein die Produktivität fast stehen. Als Folge dieser Politik kommt es zu den traurigen Arbeitslosenrekorden im Süden. Die Lösung kann nicht sein, dass nun gesunde Länder mehr ausgeben. Die Schere zwischen Lohn und Produktivität muss dort geschlossen werden, wo Strukturreformen ausgeblieben und Kosten aus dem Ruder gelaufen sind.

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DIE ZEIT:

Euro-RettungBundesbank stellt Geldpolitik der EZB infrage

Offiziell äußert sich Bundesbank-Präsident Weidmann diplomatisch zu Europas Krisenpolitik. In einem internen Papier jedoch geht seine Bank mit der EZB hart ins Gericht

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/bundesbank-ezb-kritik-euro-rettung

OECD-Studie Deutsche Rentner bekommen weniger als andere

OECD-Studie Deutsche Rentner bekommen weniger als andere

25.04.2013 ·  Deutsche erhalten im Vergleich zu ihrem Gehalt eine vergleichsweise geringe Rente. Außerdem müssen Bundesbürger länger arbeiten als andere Europäer.

Von Kerstin Schwenn

erzerrt“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ergebnisse der jüngsten Vermögensstatistik der Europäischen Zentralbank (EZB) genannt. Nach deren Rechnung liegen die deutschen Haushalte gemessen an ihrem Vermögen in Europa auf einem hinteren Platz. Ihre Skepsis begründet die Kanzlerin damit, dass die hohen Rentenansprüche der Deutschen in der EZB-Statistik nicht berücksichtigt seien. Mit dieser Einschätzung ist sie jedoch in die Kritik geraten. Ansprüche seien noch lange kein Vermögen, weil diese Ansprüche immer wieder an die rechtlichen und tatsächlichen Umstände angepasst würden, bemängeln die Kritiker.Überdies zahlten auch andere Länder ihren Bürgern Renten – und zwar offenkundig oft bessere als in Deutschland. Dies lässt sich zumindest aus einer vergleichenden Studie der Wirtschaftsorganisation OECD („Pensions at a Glance“) ableiten, die vor allem auf Daten aus dem Jahr 2010 beruht. Demnach liegt der Wert der Rentenansprüche in Deutschland – ungeachtet der Schwierigkeit, nationale Alterssicherungssysteme zu vergleichen – unter dem Durchschnitt aller OECD-Länder, was Renteneintrittsalter, Rentenbezugsdauer und Rentenhöhe angeht.

Ein wichtiges Kriterium für die Bemessung des Werts von Rentenansprüchen ist die sogenannte Ersatzquote. Dabei handelt es sich um den Anteil, den die Altersrente im Verhältnis zum Einkommen in der Erwerbsphase erreicht. In Spanien liegt die Netto-Ersatzquote für einen männlichen Durchschnittsverdiener, der mit 65 Jahren in Ruhestand geht, nach der OECD-Tabelle bei gut 84 Prozent, in Italien bei gut 76 Prozent, in Griechenland sogar bei mehr als 110 Prozent.

Deutschland liegt auf den hintersten Plätzen

Das heißt: Ein Grieche bezieht mehr Rente, als er im Schnitt an Einkommen verdiente. Hier wirkt sich auch die Art der Rentenberechnung aus. Während nach der deutschen Rentenformel das ganze Arbeitsleben die Rentenhöhe beeinflusst, sind es in Griechenland nur die Verdienste in den letzten fünf Jahren, in Spanien die in den letzten 15 Jahren vor dem Ruhestand. Diese sind meist höher als in frühen Berufsjahren.

Die Ersatzquoten der Südländer übersteigen den OECD-Durchschnittswert von 69 Prozent deutlich. Unter dem Schnitt liegt dagegen Frankreich mit gut 60 Prozent. Für Deutschland weist die Statistik eine Netto-Ersatzquote von knapp 58 Prozent aus. Damit liegt Deutschland (vor Schweden, Großbritannien und Irland) auf den hinteren Plätzen in der Rangliste. Angesichts der den Rentenanstieg dämpfenden Faktoren in der Rentenformel wird die Ersatzquote hierzulande weiter sinken. Zypern ist nicht berücksichtigt, weil es nicht der OECD angehört.

In Deutschland arbeitet ein Arbeitnehmer außerdem durchschnittlich länger als viele andere Europäer, bevor er in den Ruhestand geht. Nach Zahlen von Eurostat – auch diese aus dem Jahr 2010 – dauert ein Arbeitsleben in der EU durchschnittlich 34,5 Jahre. Die Schweden arbeiten mit 40,1 Jahren am längsten, die Ungarn mit 29,3 Jahren am kürzesten. Der Wert für Deutschland lag 2010 bei 36,8 Jahren, also mehr als zwei Jahre über dem Durchschnitt. Nach vorläufigen Zahlen für 2011 stieg die Lebensarbeitsdauer in Deutschland im Schnitt auf 37,4 Jahre. In Spanien wurden 34,5 Jahre bis zur Rente gearbeitet, in Frankreich 34,3 Jahre, in Griechenland 32,1 Jahre und in Italien 29,7 Jahre.

Um eine volle Rente ohne Abschläge zu beziehen, müssen die Europäer unterschiedlich lange arbeiten. In Frankreich müssen 41 Arbeitsjahre geleistet werden, in Griechenland und Spanien reichten bisher 35 Jahre, in Italien 40 Jahre. In Deutschland sind indes 45 Jahre gefordert. Dabei soll es in Deutschland selbst dann bleiben, wenn im Jahr 2029 das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren erreicht ist.

Wie unterschiedlich die Höhe der Nettorenten in den verschiedenen Ländern ist, hat die Europäische Kommission im Jahr 2009 berechnet. Für eine bessere Vergleichbarkeit wurde dazu das gesetzliche Renteneintrittsalter in allen Ländern auf 65 Jahre gesetzt. Die Berechnung zeigte: Überall beeinflusst ein zwei Jahre früheres oder späteres Verlassen des Arbeitsmarktes den Rentenanspruch. Dabei fallen die Ab- und Zuschläge aber sehr unterschiedlich aus. Erwerbstätige in Dänemark und Luxemburg können ihre Renten kaum steigern, wenn sie statt mit 65Jahren erst zwei Jahre später in Rente gehen.

Im Gegensatz dazu steigen beim späteren Renteneintritt mit 67 Jahren die Renten in der Slowakei und in Portugal deutlich: um 10 und 12 Prozent. Wegen der Unterfinanzierung ihrer Rentensysteme haben einige Länder – darunter Deutschland – das gesetzliche Rentenalter schon heraufgesetzt. In Spanien steigt die Altersgrenze bis zum Jahr 2027 schrittweise auf 67 Jahre, in Irland bis 2028 auf 68 Jahre, in Italien bis 2018 auf 66 Jahre. In Frankreich hat Präsident François Hollande indes die geplante Aufstockung des Renteneintrittsalters revidiert, es bleibt wie bislang bei 62 Jahren.

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Der tatsächliche Rentenbeginn liegt in allen Ländern hingegen deutlich früher. Während in Deutschland derzeit noch 59,9 Prozent der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren arbeiten, sind es in Frankreich nur 41,5 Prozent. In Griechenland und Italien liegt der Anteil der Älteren auf dem Arbeitsmarkt mit unter 40 Prozent noch niedriger. Entsprechend niedrig ist dort das tatsächliche Renteneintrittsalter. In Frankreich lag es 2010 im Durchschnitt unter 60 Jahren, in Deutschland dagegen bei 63,5 Jahren – mit steigender Tendenz. Die OECD erwartet aber gerade in Italien und Spanien eine starke Zunahme der Beschäftigung Älterer.

Da andere Europäer früher in Rente gehen als Deutsche, haben sie oft auch länger etwas von ihren Altersbezügen. Zum Teil wirkt sich hier auch noch eine regional höhere Lebenserwartung aus. Die OECD vermerkt in ihrer Untersuchung signifikant höhere Rentenbezugszeiten unter anderem in Frankreich, Italien und Griechenland. Männliche Franzosen beziehen im Schnitt 21,7 Jahre Rente, Italiener 22,8 Jahre, Griechen sogar 24 Jahre, aber Deutsche nur 17 Jahre. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 18,5 Jahren. Französinnen leben im Schnitt 26,5 Jahre im Ruhestand, Italienerinnen 27,4 Jahre, Griechinnen 27,1 Jahre und Frauen in Deutschland 20,7 Jahre. Der OECD-Durchschnitt für die Frauen lag bei 23,3 Jahren.

Die überdurchschnittlich gute Versorgung der Rentner in vielen EU-Staaten hat allerdings eine unübersehbare Kehrseite: Die Systeme sind nicht nachhaltig finanziert, so stehen nach Einschätzung der OECD in Frankreich und Italien (wo schon 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Renten fließen) drastische Rentenreformen an, etwa zur Heraufsetzung der Altersgrenze oder zur zusätzlichen privaten Vorsorge. In einigen Ländern, die unter den Euro-Rettungsschirm schlüpften, sind jüngst auch schon erste Reformschritte beschlossen worden.

Quelle: F.A.Z.

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-01/hochschulwatch-internetportal-wirtschaft

hochschulwatch

Welche Verbindungen gibt es zwischen Wirtschaft und Wissenschaft? Ein neues Internetportal will das herausfinden.

Eine neue Internetseite will Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft öffentlich machen. Auf Hochschulwatch.de sollen Professoren, Dozenten und Studenten über  Beispiele berichten, die ihnen fragwürdig erscheinen. Nutzer können eigene Texte schreiben und Dokumente hochladen.

Initiiert wurde die Seite von der Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland, dem Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS) und der Tageszeitung taz. Die taz prüft Einträge, bevor sie öffentlich gemacht werden. “Wir haben die Sorge, dass (…) Wirtschaftsinteressen immer mehr Einfluss nehmen auf das, was an den Hochschulen im Bereich von Lehre und Forschung stattfindet”, sagte die Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Edda Müller, bei der Vorstellung des Projekts.

Müller kritisiert, Kooperationsverträge zwischen Unternehmen und Universitäten müssten nicht veröffentlicht werden. Daher sei unklar, ob die Hochschulen den Unternehmen für ihr Geld Gegenleistungen einräumten. Sie befürchtet, Unternehmen könnten die Auswahl von Professoren oder die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen beeinflussen. “Der Zweck heiligt nicht die Mittel, Universitäten sind keine Werbeflächen”, sagt sie.

Studenten bemängeln zunehmende Zahl von Werbeflächen

Unternehmen entdeckten Hochschulen zunehmend als Markt, sagt auch Student Erik Marquardt, Vorstand des FZS. “Man kommt sozusagen gar nicht mehr zur Mensa, ohne auch mindestens ein Angebot für ein neues Sparkonto oder einen Handyvertrag zu bekommen.”

Als Beispiel für fragwürdigen Wirtschaftseinfluss nennt Hochschulwatch eine Stiftungsprofessur für Energiewirtschaft der Universität Köln, die von den Energiekonzernen EnBW, Vattenfall, RWE und E.on bezahlt werde. Die Hochschule reagiert gelassen auf den Start der Internetseite: “Wir finden gut, was Transparenz schafft. Auch wenn die Schlüsse des Portals andere sind als unsere”, sagte ein Sprecher Universität Köln auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Rechtliche Folgen befürchte die Universität nicht. Weiter erwähnt Hochschulwatch das Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Universität Berlin, das von Google mitfinanziert wird. Eine Sprecherin der Universität teilte mit: “Wissenschaftliche Kooperationsprojekte mit privaten Unternehmen und Verbänden unterliegen immer der Maßgabe des Präsidiums, damit die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre und die Autonomie der Universität gewahrt wird.”

Auf der Webseite sind über 400 Hochschulen aufgelistet. Das Projekt ist auf ein Jahr begrenzt. Transparency International Deutschland will die Hinweise im Anschluss auswerten.

Hinweis: Der Text wurde im Nachhinein um ein Statement der Humboldt-Universität Berlin ergänzt. Die Redaktion.

http://www.lobbycontrol.de/2013/01/hochschulwatch-neues-portal-will-fragwurdige-verbindungen-von-wirtschaft-und-wissenschaft-aufdecken/

LobbyControl Hochschulwatch:

Neues Portal will Verbindungen von

Wirtschaft und Wissenschaft aufdecken

Seit 2008 gibt es eine Kooperation zwischen der Universität Köln und dem Pharmakonzern Bayer. Wie diese Zusammenarbeit im Detail aussieht, ist jedoch unbekannt, da der Kooperationsvertrag geheim ist. Die Frage nach möglicher Einflussnahme durch Bayer kann somit nicht beantwortet werden. Eine Klage zur Offenlegung des Vertrags wurde Ende 2012 in erster Instanz abgelehnt. Der Kläger, der Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren, hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt.

Kooperationsverträge wie diese sind bei weitem kein Einzelfall. Drittmittel aus der Privatwirtschaft haben in den letzten Jahren für Universitäten an Bedeutung gewonnen. Das neue Internetportal Hochschulwatch hat sich daher zum Ziel gesetzt, Beispiele für fragwürdige Einflussnahme an Universitäten und Fachhochschulen zu sammeln. So soll ein Nachschlagewerk über die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft entstehen. Für jede Hochschule gibt es einen Wiki-Eintrag. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, ihr Wissen über Kooperationen dem Portal hinzuzufügen.

Das von Taz, dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) und Transparency International (TI) gegründete Portal reagiert damit auf die zunehmende Ökonomisierung der Bildung. Besonders die Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen sind dabei sehr intransparent. Veröffentlichungspflichten gibt es nicht. Dabei haben Lobbyisten Schulen und Hochschulen längst als Handlungsfeld für ihre erweiterte Lobbyarbeit entdeckt. Forschung und Lehre werden zunehmend mit dem Ziel beeinflusst, möglichst tiefgreifend und somit nachhaltig einzelne Sichtweisen in der Gesellschaft zu verankern. Mehr Transparenz ist daher dringend nötig. Wir sind gespannt, was für Fälle fragwürdiger Einflussnahme Hochschulwatch in diesem Jahr ans Licht holen wird.

Weitere Informationen: www.hochschulwatch.de

transparency.de :
http://transparency.de/index.php?id=1434&tx_ttnews%5Btt_news%5D=12699&cHash=ca82d06143a0e7f128a2bdec89dcb966