Die große Bevormundung durch die Verhaltensökonomen

 Die große Bevormundung durch die Verhaltensökonomen

Eine Warnung vor der paternalistischen Gefahr.

Von Philip Plickert

http://blogs.faz.net/fazit/2012/03/16/die-grosse-bevormundung-310/

Aufklärung, so hieß es einmal, ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Benutze den Verstand, handle selbständig und eigenverantwortlich. Du brauchst keinen Vormund, der für dich denkt und dich lenkt. So lautete die Grundaussage der Aufklärung, auf der auch die moderne Ökonomie seit Adam Smith aufbaut. Die Verhaltensökonomik, die seit einigen Jahren schwer in Mode gekommen ist, kehrt dieses Paradigma um. Sie hält den Menschen ihre Unmündigkeit vor. Mit Experimenten weist sie nach, wie irrational und widersprüchlich wir handeln.

Daraus folgt eine paternalistische Agenda: Vater Staat solle die unmündigen Menschen – wie Kinder – vor den Folgen ihrer eigenen Unvernunft beschützen. Er soll sie sanft lenken, (be-)steuern und ihr Glück mehren. Die Verhaltensökonomik ist aber, so warnt der französische Ökonom Gilles Saint-Paul in seinem Buch “Die Tyrannei des Nutzens”, eine zunehmende Gefahr für die Freiheit geworden. Ins Extrem gedacht, könnte sie uns in eine von Wissenschaftlern geplante “Brave New World” des verordneten Glücks führen. “Aber nein!”, rufen die Verhaltensökonomen. “Das ist nicht unsere Absicht.” Mag sein, sagt Saint-Paul. Aber die Verhaltensökonomik ist eben eine schiefe Ebene, auf der man leicht abrutschen kann.

Die Ökonomen seit der Aufklärung gingen davon aus, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen grundsätzlich für sich selbst sorgen kann und nach bestem Wissen seine Geschäfte treibe. Solange ein Handel freiwillig zustande kommt, müsse es beiden Parteien nutzen, andernfalls hätten sie ihn nicht abgeschlossen. Staatliche Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen seien nur dann legitim, wenn eine Schädigung von Dritten verhindert werde, legte die von John Stuart Mill formulierte liberale Philosophie fest. Ansonsten solle der Staat sich heraushalten.

Zum Fundament der modernen Ökonomie gehört die Annahme der “offenbarten Präferenzen”: Durch seine Handlungen offenbart der Mensch, was seine Wünsche und Bedürfnisse sind. “Homo oeconomicus” agiert strikt rational. Er nutzt die verfügbaren Informationen, wägt ab und wählt aus der komplexen Fülle der Möglichkeiten jene aus, die seinen (subjektiven) Nutzen maximieren.

“Stimmt ja gar nicht!”, rufen da die Verhaltensökonomen. Tatsächlich ist die Annahme der “revealed preferences” eine empirisch unbewiesene These, wie auch Saint-Paul zugibt. Mittels vieler Experimente können Verhaltensökonomen und Psychologen belegen, dass Menschen aus Fleisch und Blut oftmals keineswegs ihren Nutzen maximieren. Oftmals bereuen wir schon nach kurzer Zeit unser Tun. Und gegen die These des “Homo oeconomicus” spricht auch, dass sich viele Menschen gute Vorsätze ausdenken und diese rational begründen, sie aber bald wieder brechen.

Schon in einfachen Entscheidungssituationen machen wir Menschen objektiv und systematisch “Fehler”. Wir leiden unter kognitiven Dissonanzen, lassen uns von irrelevanten Informationen blenden und können nicht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen. Wir sind zu kurzfristig orientiert, sorgen zu wenig fürs Alter vor, vernachlässigen die Konsequenzen unseres Handelns und sind bei Geschäften von Emotionen getrieben. Instinkte triumphieren über den Verstand. Das gilt in der Aktienbörse, wo Gier oder Verlustängste herrschen, ebenso wie im Supermarkt oder im Restaurant.

Was tun? Verhaltensökonomen wie Richard Thaler und Cass R. Sunstein wollen die Menschen durch staatliche Schubser (“Nudge”) in die richtige Richtung lenken. Durch cleveres Sozialdesign können die Bürger zum Beispiel dazu gebracht werden, mehr fürs Alter zu sparen: Jeder Arbeitnehmer, der nicht widerspricht, bekommt eine zusätzliche Rentenversicherung verpasst. Auch die Quote der Organspender kann drastisch erhöht werden, wenn die Frage nach der Teilnahme umgedreht wird: Man muss explizit seine Verweigerung kundtun, nicht die Bereitschaft zur Organspende. Dabei wird ein allgemeiner Konsens unterstellt, abweichendes Verhalten fällt unter Rechtfertigungsdruck.

Thaler und Sunstein sind die Vorreiter eines sanften Paternalismus, der nur das Beste für die Menschen und die Gesellschaft will. Verhaltensökonomen verweisen auf reale Probleme wie die grassierende Fettleibigkeit in Amerika, die zu explodierenden Kosten im Gesundheitssystem führt. Erst diese Woche forderten die Vereinten Nationen höhere Steuern auf Fette und Zucker, um die Nachfrage zu drosseln. Auch die hohen Abgaben auf Alkohol und Zigaretten werden damit begründet, dass dadurch negative externe Effekte des Konsums aufgefangen werden. Das kann man noch sanften Paternalismus nennen, denn durch “Sündensteuern” wird unerwünschter Konsum zwar verteuert, aber nicht verboten.

Weiter gehen manche Glücksforscher, die den Menschen insgesamt ein verfehltes Streben nach materiellem Reichtum unterstellen. Ein protziges Auto etwa stiftet seinem Besitzer keinen Zusatznutzen, wenn der Nachbar ein ebenso protziges Auto hat. Das allgemeine Streben nach Statuskonsumgütern führt sich selbst ad absurdum. Nicht Wirtschaftswachstum und Geld machten die Leute glücklich, sondern Zeit mit Freunden, der Familie und soziale Sicherheit, ergeben Umfragen. Und dennoch arbeiten die Leute viel und machen Überstunden, um viel Geld zu verdienen. Der Glücksforscher Richard Layard hat daraus das Plädoyer abgeleitet, dass sehr hohe Grenzsteuersätze den Menschen zu ihrem Glück verhelfen: weniger Arbeit, mehr Freizeit.

Sobald die Annahme der “offenbarten Präferenzen” wegbricht, ist die Türe offen für weitreichende Interventionen, mehr Steuern und sanften bis harten Paternalismus. Die Verhaltensökonomik ist für Politiker attraktiv, denn sie legt nahe, dass der Mensch nicht weiß, was er wirklich will. Er braucht einen Sozialvormund. Der Staat, beraten von Experten, schiebt die Menschen in die Richtung, in die sie gingen, wenn sie bei klarem Verstand wären. Schon die frühen Wohlfahrtsstaaten hatten paternalistische Züge. Die Armen sollten nicht nur durchgefüttert, sondern auch moralisch gebessert und erzogen werden. Das deklarierte Ziel war aber immer noch die Mündigkeit. Die Verhaltensökonomik kann nun vermeintlich zeigen, dass dieses Ziel unerreichbar ist. Ein toller Fortschritt.

https://i2.wp.com/press.princeton.edu/images/k9480.gifLiteratur:

Gilles Saint-Paul:

The Tyranny of Utility, Princeton University Press 2011.

http://press.princeton.edu/titles/9480.html

 

 

 

 

Fazit – das Wirtschaftsblog:

Ökonomen in Demut. Oder: Soll Vater Staat Brust-OPs verbieten?

24.01.2012, 21:02 Uhr  ·  Die Krise hat die Ökonomen beschämt. Auf einem Kongress sprachen sie oft von “neuem Denken”. Verhaltensökonomen misstrauen dem Homo oeconomicus und vertrauen stattdessen dem Staat. Der soll den irrenden Menschen einen Schubs zu vernünftigerem Verhalten geben. Andere Ökonomen warnten vor einem Zusammenbruch des Papiergeld-Systems. Von Philip Plickert

Die Konferenz “Ökonomie neu denken” in Frankfurt hat gestern und heute einige Perlen der Erkenntnis gebracht, manches Alte neu entdeckt und auch Kurioses ergeben.

Nach dem Vortag des Verhaltensökonomen Armin Falk (Universität Bonn) stand plötzlich eine FH-Professorin in einem roten Kostüm auf und ereiferte sich: Ihre 18 Jahre alten Studentinnen wollten alle eine Busen-Operation, “und sie kennen auch schon die Preise” – das sei doch ungeheuer. Ob man so was nicht verbieten sollte. Der “sanfte Paternalist” Falk war gar nicht abgeneigt.

Zuvor hatte er über die Forschung gesprochen, die das alte Bild vom rationalen “Homo oeconomicus” systematisch in Frage stellt. Menschen brechen Vorsätze, bereuen Handlungen, sind unsicher und machen Fehler, führte Falk (Foto: Universität Bonn) aus. Daraus folgt für ihn, dass der Staat als “sanfter Paternalist” die Menschen erziehen muss, oder zumindest einen leichten Schubs, einen “Nudge” (so hieß der Bestseller von Richard Thaler und Cass Sunstein), in die “richtige Richtung” gibt.

Das geht ganz einfach durch eine geänderte Fragestellung. Zum Beispiel nicht: “Wer will Organe spenden?” (opt in), sondern: “Wer will sie nicht spenden?” (opt out). So werden die Entscheidungen beeinflusst. In Deutschland, wo die Opt-In-Regel gilt, gibt es 12 Prozent Organspender, in Ländern mit Opt-Out-Regel wie Österreich, Belgien, Frankfurt und Ungarn sind es weit über 90 Prozent.

Michael Hüther (Foto: dpa), Direktor des IW, verteidigte auf dem Kongress von Stifterverband und Handelsblatt zwar zunächst den Idealtypus des freiheitsfähigen Menschen auf freien Märkten, doch stellte er sich dann nicht grundsätzlich gegen die Idee des “sanften Paternalismus” durch leichtes Schubsen, etwa bei betrieblichen oder privaten Rentensparplänen: Eine kleine Änderung der Fragestellung bewirkt wesentlich höhere Teilnahmequoten. Beim Thema Organspende zeigte der IW-Direktor gewisse Skrupel.

Darüber habe man in seinem Institut lange diskutiert, ob diese quasi verpflichtend gemacht werden solle. (Und in der Tat: Ist es so, dass meine Organe dem Staat oder der Allgemeinheit gehören, wenn ich nicht ausdrücklich dagegen protestiere? Sollten “Hirntote” einfach so “ausgeschlachtet” werden dürfen? Ich sträube mich gegen den Gedanken.)

Ein anderes, drastisches Beispiel für unvernünftiges menschliches Verhalten, das Falk gab, ist die Fettleibigkeitsepidemie in den Vereinigten Staaten (aber nicht nur dort): “Vor allem Kinder aus benachteiligten Schichten futtern den letzten Scheiß”, beklagte Falk. “Ich wäre für ein Verbot von Junk Food, aber das kann letztlich nur demokratisch entschieden werden.” Für Falk, der sich zur SPD bekennt, ist die “Hilfsbedürftigkeit des Menschen” manifest und Ausgangspunkt seiner Politikempfehlungen.

Hüther gab immerhin noch schwach zu bedenken, dass es aus liberaler Sicht auch die Freiheit des Menschen gebe, sich selbst zu schädigen. (Nach John Stuart Mills “no harm principle” sind nur solche staatliche Interventionen legitim, die eine Schädigung eines anderen verhindern; gegen Unvernunft – ist eine subjektive Kategorie – sollte der Staat nicht vorgehen.) Aber dann kommt das Problem der kollektiven Sozialsysteme, gab Hüther zu bedenken: Wenn Menschen durch ungesunde Ernährung viel zu fett werden, verursacht das Gesundheitskosten, die der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Mir stellte sich hier eine heikle Frage: Die Verhaltensökonomen zeigen, dass die Menschen im täglichen Leben, in Wirtschaftsfrage und besonders auf Finanzmärkten zuweilen irrational handeln. Viele Menschen haben eine (zu starke) Gegenwartsfixierung, lassen sich von Emotionen und Reizen leiten und beachten nicht die langfristigen Folgen ihres Tuns. Falk will das (durch demokratische Mehrheitsentscheidungen) unterbinden.

Aber warum sollte der Wähler anders als der Konsument sein, viel vernünftiger und rationaler? Studiert der durchschnittliche Bürger vor der Bundestagswahl die Parteiprogramme, rechnet er die Wahlversprechen der Parteien durch, sucht aktiv und gründlich nach Informationen, wägt sorgfältig ab? Wohl kaum. Die Wahlentscheidung ist bei vielen Menschen eine reine Bauchentscheidung. Sie lassen sich von geschickten politischen Kampagnen beeinflussen (wie die Konsumenten von suggestivem Marketing). Wenn wir die Konsumentensouveränität immer niedriger hängen und vom Bild des mündigen Bürgers abgehen, warum vertrauen wir dann seiner Weisheit als Wähler?

Die Verhaltensökonomik war nur einer von vier Themenblöcken der Konferenz. In einer Session diskutierten OECD-Statistiker Paul Schreyer, Stefan Bergheim vom Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt sowie Jörg Mayer-Ries vom Bundesumweltministerium über neue, breitere Maße zur Messung von Wohlstand und Wohlfahrt. Das BIP als zentralen Indikator lehnen viele Menschen ab, sagte Schreyer. Um dem Misstrauen in die Statistiken zu begegnen, hat die OECD den “Better Life Index” erfunden, der sowohl materielle als auch weichere Indikatoren kombiniert. Bergheim sieht als gesellschaftlichen Trend, dass sich die Präferenzen immer mehr vom BIP wegentwickeln. Das Easterlin-Paradox, wonach mehr Wohlstand nicht zu mehr Glück führte, lehnte er indes als „falsche Fährte” ab. Mayer-Ries sagte, eigentlich sei die Kritik am BIP ein alter Hut, weil die Diskussion schon seit den 70ern schwele, aber erst jetzt – mit der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission und der Enquete-Kommission des Bundestags – sei sie in der Politik angekommen.

Die Tücken der Politikberatung beleuchteten Philipp Legrain, Wirtschaftsberater von EU-Kommissionspräsident Barroso, und der Princeton-Professor Markus Brunnermeier. Der jugendliche Brite Legrain, einer der seltenen Euro-Freunde auf der Insel, warb für Eurobonds und wollte die EZB in der Rolle des “lender of last resort” für Regierungen, also als direkten Staatenfinanzierer, sehen. Wenn Deutschland nicht mehr zahle und seine Mitschuld an der Krise (durch zu viel Export, der mit Kredit finanziert wurde) einsehe, dann werde der Euro zerbrechen, drohte der Barroso-Berater. Brunnermeier, ein gebürtiger Bayer, beeindruckte zunächst durch sein Englisch mit schwer rollendem Rrr, das entfernt an Arnold Schwarzenegger erinnert. Er kontrastierte die eher informellen amerikanischen Politikberatungsrunden und den engen Kontakt des CEA mit Obama mit den etwas steifen deutschen Wissenschaftlichen Beiräten und dem Sachverständigenrat, der einmal im Jahr ein Gutachten abliefere, aber ansonsten nicht so dicht an der Politik dran sei.

Über weite Strecken dominierten kritische Beiträge zur “modernen Makroökonomik” die Konferenz.

Diane Coyle (Foto: privat) vom privaten britischen Beratungsinstitut Enlightenment Economics vertrat mit Verve und klugen Argumenten die Ansicht, die Wirtschaftskrise sei auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften. “Das Standard-Makrodenken kann die Krise nicht überleben, aber es wird auch kein Revival keynesianischen Makroökomomik der 70er geben”, meinte sie. Ein mögliches neues Paradigma liege eben noch im Nebel.

Die neoklassische Ökonomik mit der Annahme der rationalen Erwartungen sei völlig wirklichkeitsfremd, kritisierte Coyle (und brachte dazu den alte Witz mit den zwei Ökonomen, die auf der Straße einen Geldschein liegen sehen, ihn aber nicht aufheben, denn “wenn da wirklich ein Geldschein läge, hätte ihn schon jemand aufgehoben”).

Begrenzte Informationen und Unsicherheit führen dazu, dass Finanzmärkte nicht perfekt funktionieren. Zudem kritisierte Coyle, dass sich Ökonomen nicht um Ungleichheit scheren, sondern nur auf Effizienz hofften.

Die Krise sollte die Ökonomen demütig machen, forderte Coyle, sie sollten sich der inhärenten Problematik von Prognosen bewusster werden. In den Lehrplänen der Universitäten sieht sie “zu viel Makro”, zudem werde meist nur ein Modell gelehrt und der Kontext des Wirtschaftens – der politische, rechtliche und soziale Rahmen – weitgehend ignoriert. Den Studenten würden keine Kenntnisse über die Institutionen vermittelt, etwa über das Bankensystem. Und sie hätten wenig bis kein Wissen über Dogmengeschichte und Wirtschaftsgeschichte.

Die Klage über die Verdrängung und das Vergessen der Wirtschafts- und Dogmengeschichte führten auch andere, sehr deutlich Michael Hüther sowie Robert Johnson vom britischen keynesianischen Institute for New Economic Thinking. Auch ich sehe in der Geschichtsvergessenheit eine Hauptursache für den gefährlichen Überoptimismus, mit dem viele Ökonomen vor einigen Jahren von einer “Great Moderation” (großen Mäßigung) sprachen und Risiken ignorierten (Kommentar hier).

Kenneth Rogoff (Foto: Rainer Wohlfahrt), der frühere IWF-Chefvolkswirt und Autor des Bestsellers “This Time is Different” über Finanzkrisen aus acht Jahrhunderten, sprach explizit von einem “Rückkehr der Geschichte” durch die Krise. Dass sich nun die volkswirtschaftliche Lehre völlig ändern werde, erwartet er nicht. Aber sie sollte mehr Interesse für historische Fragen entwickeln. Die Illusion der “großen Mäßigung” konnte nur aufkommen, weil die Forscher die langfristigen Datenreihen und die regelmäßige Häufigkeit von Krisen ignorierten.

Auch Rogoff sparte nicht mir harscher Kritik an der gängigen Makroökonomik: Deren Modelle seien zwar elegant, aber auch “sehr, sehr nutzlos”, sagte Rogoff dem “Handelsblatt”. “Sie schienen anständig zu funktionieren, solange die Welt ziemlich ruhig war”, aber “als der große Schock kam, erwiesen sie sich als wertlos”. Nun sei die Zeit für mehr Experimente gekommen, für die Erforschung der Unvollkommenheit von (Finanz-)Märkten. Ein neues Paradigma werde aber nicht so schnell aufkommen, denn es sei leichter, das bestehende, neoklassische Paradigma zu attackieren, als ein neues zu entwickeln.

Zu den Highlights der Konferenz zählte der Vortrag von Thomas Mayer (Foto: Helmut Fricke). Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank feuerte eine Breitseite gegen die “conventional economics” (auch hier nachzulesen). Viele Ökonomen, die mit mathematisch-statistischen Modellen von Wahrscheinlichkeitsverteilungen für Risiken arbeiteten, seien einer “Kontrollillusion” erlegen. In der Wirtschaft und an Finanzmärkten gebe es aber nicht nur normalverteilte Risiken, sondern Knight’sche Unsicherheit. Die gängige Wirtschaftstheorie konnte die Finanzkrise nicht vorhersehen, könne sie nicht erklären und sie auch nicht überwinden helfen, “weil sie den Kreditzyklus nicht verstehen”, betonte Mayer.

Als Alternativen böten sich zwei Theorien: Hyman Minskys postkeynesianische Theorie sowie die monetäre Konjunkturtheorie der Österreicher von Mises und von Hayek. Mayer ließ deutliche Sympathie für die österreichische Konjunkturtheorie durchblicken, welche die Krise als Folge einer Aufblähung der Kredite durch zu viel billiges Geld erklärt. Er lehnt aber die Schlussfolgerung ab, die Fehlinvestitionen samt und sonders zu liquidieren. Dies könnte in eine Abwärtsspirale führen. Dennoch bleibt er skeptisch, ob der gewählte Weg, die Krise nach dem Platzen der Kreditblase mit noch mehr billigem (Zentralbank-)Geld zu überdecken, auf die Dauer gutgehen kann. Wenn es ganz schlecht ende, dann verlöre die Bevölkerung das Vertrauen in das “Fiat Money”-System der Zentralbanken, sagte Mayer düster. Wenn das passierte, dann wäre die Krise von 2008/2009 wohl nur ein laues Lüftchen.

 

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