Was heißt Scheitern heute?

Katja Kraus Was heißt Scheitern heute?

02.04.2013 ·  Wenn es so aussieht, als sei alles umsonst gewesen: Katja Kraus, einst Managerin beim HSV, hat ein Buch über prominente Abstiege und Leute geschrieben, die von der Erfolgsspur abgekommen sind.

Von Melanie Mühl

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Katja Kraus hat Macht verloren. Unglücklich ist sie darüber nicht gewordenDieses Buch ist ein Schlüsseltext. Es handelt von Macht und Machtverlust, von Erfolg und Scheitern, von Intrigen, Verrat und monströsen Verletzungen. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen tief gefallen sind. Vor allem aber geht es um die fatalen Auswirkungen unserer beschleunigten Medienwelt, in der das erbarmungslose Verurteilen zu einem ganz normalen Vorgang geworden ist, und die Frage, inwieweit wir überhaupt noch die Autoren unserer eigenen Biographie sind. Jeder Tag ist ein Schicksalstag. Ein Haben-Konto, auf dem die Erfolge als Polster für schlechte Zeiten verbucht werden können, existiert nicht.

Anders formuliert: Lebensleistungen zählen nichts mehr. Karrieren werden von ihrem Ende her beurteilt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt in der Regel die negative Schlagzeile, die den Moment des Falls festhält, sei es nun den eines Politikers, Managers oder Sportlers. Man muss sich nur kurz überlegen, was wir mit folgenden Namen assoziieren: Ron Sommer. Annette Schavan. Hartmut Mehdorn. Nichts Gutes, so viel steht fest.

Kraus verlor selbst Job und Macht

Das Buch heißt „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ und erschien vor kurzem im Fischer Verlag. Katja Kraus, zweiundvierzig Jahre alt, hat es geschrieben. Es erzählt nur auf den ersten Blick von einzelnen Biographien. In Wahrheit beschreibt Katja Kraus den Zustand einer Gesellschaft, in der Schicksalsfragen immer noch anhand von Heldengeschichten verhandelt werden. Nach dieser Logik gibt es immer einen Schuldigen, und wir alle kennen dessen Namen ganz genau. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Wasserhahn der Bielefelder Bahnhofstoilette tropft, ist es Hartmut Mehdorn, und wenn die Telekom-Aktie fällt, ist es immer noch irgendwie Ron Sommer.

Katja Kraus war selbst einmal mächtig. Sie war Fußballnationalspielerin, sie war bei der Frankfurter Eintracht beschäftigt und bei der Vermarktungsagentur Sportfive. Zuletzt saß sie acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger Sportvereins, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann, 2011, verlor sie ihren Job. Und ihre Macht.

Die wahre Geschichte des Ron Sommer

Ein Café in Hamburg. Man hatte sich Katja Kraus anders vorgestellt: hart, mit angestrengtem Zug um den Mund und einer in Falten liegenden Stirn. Männlicher. Weniger zart. Lauter. Als müsse eine Frau automatisch wie das personifizierte Klischee auftreten, um in einem Fußballverein nicht unterzugehen. Katja Kraus hat schulterlanges braunes Haar und helle Augen. Sie trägt Jeans zum Blazer. Ihre Sprache ist klar und analytisch. Sie sagt: „Es war mir wichtig, den Begriff des Scheiterns neu zu diskutieren. Wir sind irrsinnig schnell darin geworden, zu urteilen, Menschen ihre Kompetenz abzusprechen, ohne darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie überhaupt erst in die exponierte Position gebracht haben. Die Härte, mit der das geschieht, und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der persönlichen Integrität sind erschreckend.“ Die Härte, von der Katja Kraus spricht, traf auch ihre Gesprächspartner. Ron Sommer ebenso wie Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Maria Jepsen, Hera Lind, Sven Hannawald, Björn Engholm oder Andrea Ypsilanti, um nur einige zu nennen. Nicht allen brach diese Härte das Genick, aber manchen.

Ron Sommer gehört nicht dazu, in der öffentlichen Wahrnehmung gilt er trotzdem als Verlierer. Die verarmte Großmutter ist zum Symbol seines Abstiegs geworden. Doch die wahre Geschichte geht anders: Ron Sommer baute erfolgreich eine Behörde in ein Kommunikationsunternehmen um und führte die Telekom AG schließlich an die Börse. Der „Popstar der Wirtschaft“ wurde als Volksheld gefeiert. Ron Sommer avancierte zum Analystenliebling. Dummerweise drehte irgendwann der Aktienmarkt durch und brach zusammen. „Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist, weder die Steigerung auf 200 Mark noch den Fall auf acht Euro. Die enorme Dynamik rund um die T-Aktie war in beide Richtungen falsch“, zitiert ihn Katja Kraus in ihrem Buch.

Nur kritische Fragen

Wenn Ron Sommer heute den Telekom-Jingle hört, denkt er immer noch, das Unternehmen sei doch sein Baby. Vielleicht liegt das daran, dass er bis heute kein neues Baby gefunden hat. Nach der Aktienkatastrophe rissen sich die Personalberater nicht eben um Ron Sommer, im Gegenteil. „Den Aufsichtsräten fehlte der Mut, die öffentliche Verurteilung von Ron Sommer zu ignorieren“, sagt Katja Kraus. Also managte er eben den Umbau seines Hauses und ist inzwischen für einen indischen sowie einen russischen Großkonzern tätig. „Er hätte der deutschen Wirtschaft sicher noch einiges geben können.“ Ron Sommers entscheidender Fehler war, dass er das Spiel ständiger Neuinszenierung nicht mitgespielt hat. Er ignorierte die Codes unserer Mediengesellschaft.

Es wäre falsch zu glauben, Katja Kraus agierte als williges Sprachrohr ihrer Protagonisten. Sie stellt nur kritische Fragen. Auch danach, wie hoch der Preis der Selbstoptimierung tatsächlich ist. Sven Hannawald bezahlte für den Titel bester deutscher Skispringer aller Zeiten mit seiner Gesundheit. Er hungerte seinen Körper auf ein absurdes Gewicht herunter, damit er noch besser in der Luft lag. Irgendwann fühlte er sich nur noch taub an. Sein Werkzeug funktionierte nicht mehr. Burnout. Heute ist der Name Sven Hannawald untrennbar mit diesem Begriff verbunden. Hannawald selbst will das nicht wahrhaben.

Die Gefahren permanenter Beurteilung

Für Menschen in vielbeachteten Positionen, schreibt Kraus, seien die Momente des Erfolgs häufig die der Erleichterung. „Im Bewusstsein der Kausalitäten des Misserfolgs liegt die Freude vor allem in dessen Vermeidung. Darin, dass der Erfolg einen Pulsschlag lang Spielraum verschafft, Luftholen ermöglicht, vor der nächsten Herausforderung.“ Ron Sommer dachte jeden Morgen unter der Dusche: „Wo geht die nächste Bombe hoch?“

Das Gefährliche an der permanenten Beurteilung ist, dass sie den, der ihr ausgesetzt ist, zwangsläufig in einen Getriebenen verwandelt: Entscheidungsprozesse werden oft abgekürzt und Haltungen über Bord geworfen, um Ergebnisse vorzuweisen. Wer soll eigentlich noch Verantwortung übernehmen, wenn die, die einem das Etikett des Scheiterns verpassen wollen, doch bereits auf der Lauer liegen?

Man könnte meinen, die Tatsache, dass jeder von uns unter beruflichen und privaten Verletzungen leidet, zu mehr Milde im Umgang mit anderen führt. Dass das eine ziemlich naive Vorstellung ist, wurde einem wieder bewusst, als die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan wegen ihrer Doktorarbeit ins Visier geriet. „Die Art und Weise, wie Annette Schavan nach ihrem Rücktritt diskreditiert wurde, hat mich erschüttert. Es wurde in der gesamten Debatte nicht darüber gesprochen, wie sie ihr Amt ausgefüllt hat. Es gibt keine Differenziertheit in der Bewertung“, sagt Katja Kraus. Vielleicht liege in dieser Unbarmherzigkeit, in dieser Häme ja auch eine Linderung des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Die Suche nach Trost im Elend der anderen funktioniert nach wie vor gut.

Falschmeldungen über Hera Lind

Auch die Bestsellerautorin Hera Lind durfte keine Sekunde lang mit Milde rechnen, als sie ihren Mann für eine neue Liebe verließ. Was millionenfach geschieht, wenn sich Beziehungen leergelaufen haben, interpretierte die Masse bei Hera Lind als unverzeihlichen Akt der Kälte einer egoistischen Frau. Sie gehe über Leichen, hieß es. Aus dem „Superweib“ wurde die Rabenmutter der Nation. „Verstanden hat sie diesen Einschnitt bis heute nicht“, schreibt Katja Kraus. Die Behauptungen, Hera Lind habe die vier Kinder bei ihrem Ex-Partner zurückgelassen, um sich ohne lästigen Ballast ins neue Glück zu stürzen, waren Falschmeldungen.

Diese Falschmeldungen führten nicht nur dazu, dass etliche Leserinnen Hera Lind ihre Anhängerschaft aufkündigten, sie führten auch dazu, dass ihr neuer Mann seinen Posten auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff verlor. Das Publikum sei zu konservativ für solch öffentliche Liebeleien. „Der Hotelmanager blieb sechs Jahre ohne Job, bis er bei einem Arbeitgeber fern der deutschen Yellow-Press-Magazine eine Anstellung fand. Inzwischen verbringt er acht Monate des Jahres bei dieser Reederei in den Vereinigten Staaten. Nur vier Monate ist er zu Hause bei seiner Familie.“

Leben im Zuschauerraum

Das Porträt über Hera Lind gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. Es legt auf knappem Raum die Tragik dieser öffentlichen Figur bloß. Stets scheint das Kind in Hera Lind durch, das endlich von der Mutter gelobt, also geliebt werden möchte und dabei gegen eine Wand nach der nächsten läuft. Dass der Wunsch nach Anerkennung bei Hera Lind mit dem qualvollen Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht, dass sie nicht abschütteln kann, verleiht ihrem Erfolg in den eigenen Augen etwas Unwirkliches. Als sei nicht sie es, die auf der Rolltreppe der Buchhandlung steht und an jenen kunstvoll gestapelten Büchern vorbeifährt, auf denen ihr Name steht. Katja Kraus sagt: „Erfolg multipliziert sich oft auf so rasante Weise, dass der Erfolgreiche oft selbst zum außenstehenden Beobachter des eigenen Aufstiegs wird. Die Weggefährten des Misserfolgs hingegen sind in jedem Augenblick sichtbar.“ Im Frühjahr 2006 schrieb die „Bunte“: „Hera Lind: Die deutsche Erfolgsschriftstellerin machte Millionenverluste mit Ost-Immobilien. Jetzt muss sie sogar ihre Traumvilla verkaufen.“ Mittlerweile lebt Hera Lind in Salzburg. Pro Jahr veröffentlicht sie zwei Bücher.

Am Ende hatte Katja Kraus Glück. Zumindest in Hinblick auf die mediale Notenvergabe. Ihre Karriere wurde weder disqualifiziert, noch wurde sie persönlich attackiert, weshalb Katja Kraus anders als viele ihrer Gesprächspartner nie das Gefühl der Makelhaftigkeit beschlich. „Wer publikumswirksam entlassen worden ist und sich dadurch makelhaft fühlt, reflektiert lange in den Gesichtern anderer Menschen, ganz gleich, ob diese ihn und die Geschichte kennen oder nicht. Das erschwert oft den Prozess der Verarbeitung.“ Der Politikerin Andrea Ypsilanti ergeht es so. Bei ihr ist das Suchen im Gesicht des Gegenübers zur Manie geworden. Als klar war, dass sie, verraten von vier Abtrünnigen ihrer Partei, nicht Ministerpräsidentin des Landes Hessen werden würde, sagte ihr damals zwölfjähriger Sohn: „Jetzt war alles umsonst.“ Er meinte damit nicht die ständige Abwesenheit der Mutter, er meinte die erlittenen Verunglimpfungen.

Weitere Artikel

Liest man die Passagen über Andrea Ypsilanti, tauchen immer wieder Wörter wie „wäre“, „hätte“ oder „im Nachhinein“ auf. Dabei war Andrea Ypsilanti längst raus aus dem Spiel. Sie saß jetzt im Zuschauerraum. Dass sie irgendwann keine Chance mehr hatte, Einfluss auf das öffentliche Bild ihrer Person zu nehmen, hat sie bis heute nicht verstanden. Das heißt nicht, dass der Selbstzweifel aus der Welt geräumt werden soll. Es heißt nur, dass das Selbst eine weniger tragende Rolle spielt, als wir glauben. Das gilt nicht nur für das Scheitern. Es gilt auch für den Erfolg. Katja Kraus erinnert uns daran.

Quelle: F.A.Z.

DER SPIEGEL:
Erste Hilfe Karriere So macht Scheitern erst richtig Spaß

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-787153.html

DIE ZEIT :
Misserfolge”Wer nie scheitert, dem fehlen Leitplanken”

Wie man Scheitern als Chance wahrnimmt: Der Psychologe Thomas Frey erklärt, wie aus persönlichen Niederlagen große Erfolge werden können

http://www.zeit.de/karriere/2009-11/scheitern-lernen

Bücher zur Kunst des Jonglierens zwischen  Führung, Leistung und Komplexitaet:

Fredmund Malik 2013 : Strategie – Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt, Campus, 42, —

http://www.campus.de/business/management-und-unternehmensfuehrung/Strategie.100064.html

https://i0.wp.com/www.campus.de/cover_300dpi/9783593397665.jpg 

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