Studium: Ängste statt Sinnkrisen – Die Stärken der Stillen

Psychische Belastungen im Studium Ängste statt Sinnkrisen

29.04.2013 ·  Mehr Studenten als früher suchen wegen psychischer Probleme Beratungsstellen auf. Es sei viel Angst im System, glauben Fachleute. Eine neue Studie des Hochschul-Informationssystem bestätigt das.

Von Jan Grossarth

und ein Fünftel mehr Studenten suchen psychische Beratungsstellen auf als vor der Umstellung von den Diplom- auf die Bachelor- und Master-Studiengänge, heißt es an der FU Berlin. „Es ist viel Angst im System“, sagt der Psychologische Berater Hans-Werner Rückert.

Eine neue Studie des Hochschul-Informationssystems HIS in Hannover im Auftrag des Deutschen Studentenwerks hat das Ausmaß der Ängste unter 4087 Bachelor-Studenten an deutschen Hochschulen abgefragt: 59 Prozent gaben im Jahr 2011 an, in den vergangenen Wochen nervös und gestresst gewesen zu sein. 47 Prozent berichten von Erschöpfungs- und Überforderungsgefühlen, 44 Prozent von psychosomatischen Beschwerden, 42 Prozent von Ängsten. Knapp ein Drittel gab an, sich über finanzielle Knappheiten und die Vereinbarkeit des Studiums mit dem Nebenberuf zu sorgen.

Zukunfts- und Abstiegsängste unter Geisteswissenschaftlern

Während unter den Studenten von natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Fächern Ängste überwogen, dem Studium fachlich nicht gewachsen zu sein, berichteten angehende Geistes- und Sozialwissenschaftler zu einem weit größeren Teil von Zukunfts- und Abstiegsängsten. Dass diese Ängste zunehmen, dürfte daran liegen, dass die derzeitige Studentengeneration die erste oder höchstens die zweite ist, die nicht – wie zu Zeiten der Bildungsexpansion der siebziger Jahre – qua Studium eine Gewissheit hat, später ein Akademikereinkommen zu beziehen und finanziell mindestens so gut gestellt zu sein wie ihre Elterngeneration.

Die Abstiegsängste zeigen sich statistisch auch im Studierenden-Survey der Universität Konstanz. Unsichere Berufschancen haben laut der neuesten Erhebung (von 2007) ein Drittel der Kulturwissenschaftler und ein Viertel der Sozialwissenschaftler, während die Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaftler sich zu 44 oder 34 Prozent stark belastet fühlen aufgrund aktuellen Prüfungsstresses.

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Die Ängste könnten auch mit großen materiellen Erwartungen an ein Gelingen zusammenhängen: In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil der Studenten, die sich vom Abschluss ein hohes Einkommen versprechen, deutlich. Drei Viertel der Bachelor-Studenten gaben an, das Studium nützlich zu finden, weil es bessere Chancen auf eine interessante Arbeitsstelle eröffne. Eigene Ideen entwickeln zu können, nennt gut die Hälfte als Motiv fürs Studium.

Quelle: F.A.Z.

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(interaktives Bild)

Introvertierte im Beruf Die Stillen haben viel zu sagen

18.04.2013 ·  Berufliche Leistung zählt oft erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist: Während der Präsentation, beim Kantinen-Smalltalk, auf der Visitenkartenparty. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen. Und für die andere Hälfte?

Von Ursula Kals

ine Botschaft zieht sich leitmotivisch durch die Karriereratgeber: Ohne gescheite Selbstvermarktung gelingt kein beruflicher Aufstieg. Wir leben in einer auf Außenwirkung gepolten Arbeitswelt. Die Leistung zählt erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist, morgens bei der Präsentation, mittags beim Kantinen-Smalltalk mit dem Vorgesetzten, nachmittags beim Kundenkontakt und abends auf der Visitenkartenparty des Berufsverbands. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen, die sich mit ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis als Alphatier quasi artgerecht entfalten können. Ein Albtraum für die andere Hälfte der introvertierten Persönlichkeiten, die lieber konzentriert der Arbeit nachgeht, gute Ergebnisse abliefert, diese aber nicht ausführlich referieren mag und sich prompt das Etikett „Eigenbrötler“ einfängt.Manchmal möchten sie den toughen Kollegen zurufen: „Arbeitet ihr eigentlich etwas oder performt ihr nur?“, klagt eine Münchener Juristin, die sich zu den introvertierten Zeitgenossen zählt. Die 45 Jahre alte Arbeitsrechtlerin liebt ihre Arbeit als Angestellte einer Kanzlei: Sie sitzt allein im Büro, arbeitet sich akribisch durch Akten, ersinnt eine Strategie, die sie mit einem Kollegen bespricht und dann kurz und bündig vor dem Team referiert. Anders die meisten ihrer aufstiegsorientierten Kollegen. Die handelten nach dem Motto, dass noch nicht von jedem zu allem etwas gesagt worden ist, und verlören sich in Wiederholungen und rhetorischer Schaumschlägerei. „Diese exaltierte Dampfplauderei geht mir unsäglich auf die Nerven“, sagt die sportliche Frau im gedeckten Kostüm. Sie leidet darunter, als sachorientiert und bisweilen arrogant wahrgenommen zu werden. „So, als stamme ich von einem anderen Planeten.“

Introvertierte legen weniger Wert auf Belohnung

Dass sie Lob und Anerkennung weniger strahlend goutiert als ihre dominant auftretenden Kollegen, passt zu ihr. Introvertierte seien darauf programmiert, weniger Wert auf Belohnungen zu legen, hat der Psychologe Joseph Newman von der Universität Wisconsin herausgefunden. Sie sind eher uneitel, bremsen ihre Begeisterung aus, begegnen einem möglichen Gefühlsüberschwang eher mit Misstrauen. Das wiederum befremdet Menschen, die sich am liebsten selbst gerne auf die Schulter klopfen würden. „Introvertierte Menschen wirken stiller, auf manche Menschen wahrscheinlich auch reserviert und distanziert oder schüchtern, wobei introvertiert nicht mit schüchtern oder sozial ängstlich gleichzusetzen ist“, sagt die Berliner Psychologin Julia Paruch. Zwar drängt es Introvertierte nicht ins Scheinwerferlicht eines Rednerpults, aber ihnen bricht auch nicht wie etwa bei extrem Schüchternen der Angstschweiß aus. So eine Situation vor Publikum ist ritualisiert, Introvertierte stellen sich darauf ein, meist lieber, als dass sie sich auf einen großen Empfang zwingen, wo sie mit lauter Fremden konfrontiert werden. Entscheidend ist, die Angst zu akzeptieren.

„Die Evolution hat keinen der beiden Typen aussortiert, die Welt braucht beide. Diejenigen, die aus der Mammuthöhle preschen und jagen, und diejenigen, die warnen, Achtung, es ist neblig, da lauert der Säbelzahntiger“, sagt Sylvia Löhken, die über das Wirken stiller Menschen schon publiziert hat . „Bei Personalverantwortlichen war das schon immer ein Thema, aber das ist jetzt besser ausbuchstabiert.“ Die Sprachwissenschaftlerin aus Bonn ist keineswegs der Auffassung, dass stille Menschen für ein Leben in zweiter Reihe prädestiniert sind und regelmäßig übergangen werden. „Wir haben schließlich eine introvertierte Bundeskanzlerin, die einen ganz anderen Machtstil als ihr Vorgänger hat.“

Denn zurückhaltende Naturen bringen eine Menge Fähigkeiten mit, die Tüchtige auszeichnen. Zum Beispiel hören sie ausgezeichnet zu, eine Eigenschaft, die nicht nur im Kundenkontakt und in Verhandlungen immens wichtig ist. „Eine wertvolle Ressource insbesondere auch auf der Führungsebene“, betont die Psychologin Paruch. Konzentration, analytisches Denken, beharrliches Handeln zeichneten diese Menschen oft aus. „In vielerlei Hinsicht bergen ihre grundlegenden Eigenschaften ein großes Potential für nachhaltige und kreative Ergebnisse. Die Fähigkeit, sich über lange Zeiträume konzentriert und alleine einer Aufgabe oder Fragestellung zu widmen, ist in vielen Bereichen sehr wertvoll beziehungsweise notwendig“, sagt Paruch.

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Genauso klar ist aber auch: Introvertierte finden eher in der Revision, der Buchhaltung oder im Controlling einen guten Arbeitsplatz, viele zieht es in die Wissenschaft. Denn auch Forscher sind mit der Notwendigkeit konfrontiert, mit dem wahrgenommen zu werden, was sie zu bieten haben. Sylvia Löhken formuliert entscheidende Fragen auf dem Weg zum perfekten Biotop leiser Leute: „Wie nutze ich die Stärken, die mich selbst authentisch machen? Wie schaffe ich es mit meiner Persönlichkeit, sinnvolle Verbindungen zu anderen zu schaffen und meine Leistung sichtbar zu machen?“

Denn die Haltung, dass gute Arbeit zwangsläufig auch anderen auffallen muss, dient dem beruflichen Fortkommen tatsächlich nicht. Wohl aber zu überlegen, wie man es schafft, Netzwerke aufzubauen, in denen man sich wirklich wohl fühlt, also etwa gezielt einzelne Kollegen zu kontaktierten. Während extrovertierte Menschen Außenweltimpulse brauchen wie die Luft zum Atmen, unter vielen quirligen Kollegen aufblühen und gerne und oft Rückmeldungen einholen, ist das für Introvertierte belastend. „Sie sind leichter überstimuliert, reagieren sensibler auf Reize. Das lässt sich übrigens auch hirnphysiologisch nachweisen“, erklärt Löhken, die sich selbst auch als eher introvertiert bezeichnet.

Ein gutes Team braucht laute und leise Menschen

Doch ein gut funktionierendes Team braucht beide Typen, laute wie leise, die unabhängig von ihrer genetischen Prägung eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mitbringen. Das bedeutet holzschnittartig: Die Stillen benötigen mehr Rückzugsorte, die Lebhaften mehr Außenkontakte, um ihr Potential entfalten zu können.

Ein IT-Beratungsunternehmen hat das erkannt und die Konferenzen durch eine Kartenabfrage ritualisiert. Jeder soll einen Satz aufschreiben, wie er das konkrete Problem lösen möchte. „Das zwingt Extros zur Konzentration und Disziplin, und der Intro weiß, dass seine Meinung zählt“, erläutert Löhken. Später gibt es eine Rückmeldungsrunde, jeder kommt unabhängig von Status und Schnelligkeit zu Wort, das hat sich im Vergleich zum Brainstorming als effizienter herausgestellt. Davon ist die Münchener Kanzlei noch weit entfernt. Aber die Juristin hat Glück. Denn ihr Chef schätzt das Können der ruhigen Kollegin. „Er gönnt mir Auszeiten, auch von Routinekonferenzen.“ Wie viel Kraft in der Ruhe liegt, hat die amerikanische Juristin Susan Cain aufgeschrieben. „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ heißt ihr mit vielen Beispielen und Forschungsergebnissen angereicherter Band, in dem sie ausführt, weshalb es ohne Introvertierte weder eine Relativitätstheorie, Chopins Klavierstücke, Google oder aber auch „Harry Potter“ gäbe. Und möglicherweise auch keine Finanzkrise: Cain behauptet, diese hätte verhindert werden können, wenn introvertierte Controller nicht von extrovertierten Abenteurern als Bedenkenträger gedeckelt worden wären.

Zehn Stärken der Stillen

Karriereberaterin Sylvia Löhken erklärt, warum auch die ruhigen Vertreter im Team wichtig sind:

  1. Vorsicht: Introvertierte gehen behutsam vor, beobachten aufmerksam und denken vor dem Reden.
  2. Substanz: Sie schöpfen aus der eigenen Erfahrung, vermitteln Inhalte mit Tiefe.
  3. Konzentration: Sie bleiben intensiv und beständig bei der Sache.
  4. Zuhören: Sie filtern aus den Äußerungen des Gegenübers Informationen und Bedürfnisse.
  5. Ruhe: Sie sorgen für innere Ruhe als Basis für Konzentration.
  6. Analytisches Denken: Sie planen und strukturieren, sehen in komplexen Zusammenhängen die einzelnen Elemente und leiten daraus systematisch Informationen ab.
  7. Unabhängigkeit: Sie können allein sein, leben innerlich losgelöst von der Meinung anderer.
  8. Beharrlichkeit: Sie gehen geduldig und mit langem Atem einer Sache nach, um Ziele zu erreichen.
  9. Schreiben statt Reden: Sie kommunizieren lieber und leichter schriftlich als mündlich.
  10. Einfühlungsvermögen: Sie können sich in die Lage des Gegenübers versetzen, sind kompromissbereit.
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