Die Kanzlerin als Persönlichkeit Wer ist eigentlich diese Angela Merkel?

Die Kanzlerin als Persönlichkeit Wer ist eigentlich diese Angela Merkel?

07.05.2013 ·  Drei neue Bücher über die Bundeskanzlerin und ein seltener Auftritt als sie selbst: Voilà, die Wahlkampf-Saison ist eröffnet.

Von Julia Encke

Bundeskanzlerin Merkel im Gespräch mit Brigitte
s ging kein Vorhang auf, als am vergangenen Donnerstag im Berliner Maxim-Gorki-Theater die Vorstellung begann. Es wurde auch nicht dunkel im Saal, als die Akteure unten im Parkett vom rechten Seitengang aus den Raum betraten und über eine kleine Treppe die Bühne erreichten, auf der vor einer Leinwand drei Stühle standen und ein kleiner Monitor zu sehen war. Sonst nichts.„Frauen wählen!“, hieß das Stück des Abends. In der Hauptrolle: Angela Merkel als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Kostüm: türkisfarbenes Leinensakko, schwarze Hose und schwarze Wildlederstiefel. In den Nebenrollen: Brigitte Huber, Chefredakteurin der Zeitschrift „Brigitte“, als „Brigitte“-Chefredakteurin sowie Meike Dinklage, Chefreporterin des Magazins, als Chefreporterin, die sich rechts und links neben die Kanzlerin setzten.

Die Kanzlerin spielt mit

Ein projiziertes Bild über ihnen zeigte Merkel mit der für sie typischen Handhaltung: die aus beiden Daumen und Zeigefingern geformte Raute, kurze Spitze mit den Daumen nach oben, lange Spitze mit den Zeigefingern nach unten. „Merkelizer“ hat das mal jemand getauft. Musik lief keine. Auch kein Walkürenritt beim Betreten des Raums, was angesichts der Merkelschen Richard-Wagner-Leidenschaft immerhin lustig gewesen wäre. Es war ganz still. Der Wahlkampf zur Bundestagswahl im September hatte begonnen.

„Brigitte live“ heißt die Gesprächsreihe, in der die Frauenzeitschrift in verschiedenen deutschen Städten Politikerinnen wie Ursula von der Leyen, Andrea Nahles, Claudia Roth oder die Bundeskanzlerin befragt. Dass diese Gespräche in Theaterräumen stattfinden, passte gerade an diesem Abend so besonders gut, weil man tatsächlich den Eindruck hatte, in einem Stück über und mit Angela Merkel zu sitzen. In einer Komödie, in der die Bundeskanzlerin gut gelaunt, schlagfertig und mit lakonischem Witz sich selbst spielte. Aber auch in einem Lehrstück über Politik und Intimität.

Eine Frage zum Männergeschmack

Wer ist Angela Merkel wirklich? Was treibt diese Frau um, die uns seit acht Jahren regiert? Die als wirtschaftspolitische Hardlinerin der Eurokrise im europäischen Ausland gehasst, mit Hitler verglichen und als Vampir karikiert wird? Wie sieht es in ihrem Inneren aus? Das waren die Fragen, auf die die „Brigitte“ endlich Antworten wollte. „Persönlich, nah und unverfälscht“ werde sie fragen, kündigte in ihrem Eingangsmonolog Brigitte Huber an, schließlich sei die Person bei Wahlentscheidungen mindestens genauso wichtig wie das Parteiprogramm.

Und wie Angela Merkel bei dem Wort „persönlich“ die Augenbrauen hob und ihr verschmitztes Merkellächeln lächelte, ihr Strahlegrinsen, in das sie ihr Pokerface mit entwaffnender Plötzlichkeit verwandeln kann, das war an diesem Abend genauso vielsagend wie die Reaktion der Bundeskanzlerin auf die zum Thema Männer sehr unvermittelt gestellte Frage: „Was macht einen Mann für Sie attraktiv?“ Da fielen ihr augenblicklich die Mundwinkel herunter, der Mund blieb kurz offen stehen, als staunte sie ungläubig darüber, dass man ihr eine solche Frage tatsächlich gestellt hatte. „Die Augen“, antwortete sie nach kurzem Zögern ganz persönlich – und blieb doch so unpersönlich wie immer.

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In den Jahren ihrer Regierungszeit hat Angela Merkel das Bild, das wir von ihr als privater Person haben, so perfekt kontrolliert wie wohl keiner der deutschen Bundeskanzler vor ihr. Nie ist sie auf die Idee gekommen, Journalisten zu sich nach Hause einzuladen oder in der Uckermark für sie etwas zu kochen.

Was wir über Angela Merkel wissen, reduziert sich auf ein kleines Repertoire von Geschichten, die sie über ihre Pressesprecher und die Hauptstadtkorrespondenten der großen Zeitungen hat verbreiten lassen. Es sind sehr unterhaltsame Geschichten. Vor allem aber sind es, bis ins kleinste Detail durchkomponiert, immer dieselben, was denen, die nicht müde werden, sie weiterzuerzählen, aber ganz egal zu sein scheint. Wenn es ums Private geht, nimmt man alles, was man kriegen kann.

Eine Geschichte zum Thema Angst

Besonders gut lässt sich dies an drei Büchern beobachten, die gerade über Angela Merkel erschienen sind: „Die Zauder-Künstlerin“ heißt das eine, das Nikolaus Blome, Leiter des „Bild“Hauptstadtbüros, geschrieben hat. „Angela Merkel – Die Kanzlerin und ihre Welt“ dasjenige des Außenpolitik-Chefs der „Süddeutschen Zeitung“, Stefan Kornelius. „Das Phänomen Merkel“ ein drittes, in dem Judy Dempsey, Korrespondentin der „International Herald Tribune“, von außen auf das Land und die Kanzlerin blickt. Liest man sie hintereinander weg, stellt man einigermaßen irritiert fest: Wo die Frage im Raum steht, wer Angela Merkel „wirklich“ ist, erzählen sie haargenau dieselben Anekdoten.

„Wovor hat Merkel Angst?“, wird da zum Beispiel gefragt. Dann kommt todsicher die Geschichte mit dem Plüschhund. Im August 1995 sei Angela Merkel in der Nähe ihres Wochenendhauses in der Uckermark Fahrrad gefahren und von Bessi, dem Jagdhund des Nachbarn, angefallen und ins Knie gebissen worden.

Eine Kanzlerin mit Imitationstalent

Seither habe sie eine Hundephobie, was der russische Präsident Wladimir Putin zum Anlass genommen hat, ihr 2006, bei seinem Antrittsbesuch, in maliziöser Absicht einen Stoffhund zu schenken und ein Jahr später, in seiner Sommerresidenz in Sotschi, seinen schwarzen Labrador mit den Worten „Ich hoffe, der Hund erschreckt Sie nicht“ vor ihr Platz machen zu lassen. Eine hübsche Geschichte. Bei Blome steht sie, bei Kornelius steht sie, und Judy Dempsey erzählt sie auch.

Da ist die Anekdote, dass sie gerne einmal mit dem spanischen Nationaltrainer Vicente del Bosque essen gehen würde, dass sie eine besondere Gabe habe, ihre Politikerkollegen zu imitieren, zusammen mit Wolfgang Schäuble ins Kino gegangen sei, um ausgerechnet „Ziemlich beste Freunde“ zu sehen, jenen Film über den an den Rollstuhl gefesselten Manager und seinen unkonventionellen Pfleger.

Eine Frage des richtigen Abstands

Und es gibt die Schlafgeschichte, auf die im Maxim-Gorki-Theater auch die Chefredakteurin der „Brigitte“ zu sprechen kam: „Stimmt es, dass Sie mit drei Stunden Schlaf auskommen?“ Sie wolle sie nicht zurechtweisen oder kritisieren, antwortete Merkel. Aber die Geschichte gehe anders: „Kurzzeitig komme ich mit sehr wenig Schlaf aus. Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“ Bei Nikolaus Blome steht das genau so. Angela Merkel legt Wert auf korrekte Kolportage.

So erfuhr das Publikum im Maxim-Gorki-Theater von der Bundeskanzlerin ganz persönlich, was es längst über sie wusste oder ohne Weiteres hätte wissen können. Es kam ihr nahe und wurde zugleich auf Distanz gehalten. Das war der erste Akt des Wahlkampf-Stücks über Kontrolle und Privatheit. Im zweiten Akt zeigte sich Merkel dann als diejenige, die wir aus dem Fernsehen kennen, vom Rednerpult des Bundestags oder aus Interviews. Es ging um die Wirtschaftskrise, und sie blendete ihren Charme gleich aus, wirkte wieder hölzern, antwortete schablonenhaft. Von „Grundvertrauen“ und „Verantwortung“ hörte man sie reden und ertappte sich dabei, wie man automatisch abschaltete und Julia Jäkel, der Vorstandsvorsitzenden von Gruner + Jahr, die in der ersten Reihe in der Mitte saß, dabei zusah, wie sie Angela Merkel beim Reden zusah.

Das Zaudern als Tugend

“Die Aufgabe eines Bundeskanzlers ist es, die Richtung vorzugeben, Ideen einzubringen, Visionen zu entwerfen und strategisch zu denken, um das Land voranzubringen“, schreibt Judy Dempsey in ihrem Buch „Das Phänomen Merkel“. „Das sind sicherlich nicht Merkels Stärken. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es Merkel schon reicht, Kanzlerin zu bleiben.“ Was, fragt Dempsey, finden die Deutschen eigentlich an ihrer Kanzlerin und einer Politik, die dem Pragmatismus verpflichtet ist?

Jahrelang hat Angela Merkel, die „Zauderin“, sich anhören müssen, dass sie niemals ein Risiko eingehe, keine Richtung vorgebe, nur im Schwarm schwimme und sich erst festlege, wenn alle sich festgelegt hätten. Deshalb sei sie, so hat es Nikolaus Blome festgestellt, irgendwann in die Offensive gegangen, habe das Zaudern als Tugend verkauft und versucht, es zu ihrem Markenzeichen zu machen: „Seht her, ich tue mich schwer, weil ich es mir nicht leichtmache.“

Ein Gegenentwurf zur Instinktpolitik

Auf der Wahlkampfbühne des Theaters sah das an diesem Abend nicht anders aus: Wenn sie Entscheidungen treffen müsse, erzählte die Kanzlerin, würde sie sich die ganze Breite der Möglichkeiten vor Augen führen, sich Zeit nehmen und abwägen. Am Ende sprächen oft vierzig Prozent der Argumente dafür und sechzig Prozent dagegen. Da entscheide sie sich dann dagegen, und die Sache sei abgehakt. Da müsse sie dann auch nicht mehr hadern oder hinterher mit einem schlechten Gewissen herumlaufen.

Es ist dieses Abwägen, das sie zum Gegenentwurf aller Instinktpolitiker macht. Auch zum Gegenentwurf ihres Vorgängers Gerhard Schröder, der oft emotional entschied, mit Gespür für den richtigen Satz im richtigen Moment. Anstatt mit Instinkt regiert Angela Merkel mit Kontrolle. Das ist ihr Stil, mit dem sie in politischen Dingen ebenso auf Nummer sicher geht wie in privaten. Genau davon handelte das Stück des Abends.

Kontrollierte Unterhaltung

In der Vergangenheit hat es immer wieder Hauptstadtjournalisten gegeben, die das Privileg hatten, die Bundeskanzlerin in ganz kleinem Kreis zu erleben, und die dann, oft hemmungslos eitel, behaupteten, es gebe noch eine ganz andere Angela Merkel, die man in der Öffentlichkeit nicht kenne. Auch in den neuen Merkel-Büchern klingt das an: die witzige Gesprächspartnerin, trinkfest, mädchenhaft, kokett, deren blaue Augen „in Wirklichkeit viel strahlender“ seien als auf dem Bildschirm.

Am vergangenen Donnerstag hat Angela Merkel diese scheinbar persönliche Seite einem dankbaren Theaterpublikum öffentlich vorgeführt und alle extrem gut unterhalten. Die Kontrolle hat sie dabei keine Sekunde lang verloren, wofür man sie ohne Zweifel bewundern muss. Es mag eine Menge Menschen geben, die mit der Kontrolliertheit Angela Merkels Sicherheit und Stärke verbinden, Menschen, die sie wegen genau dieser Eigenschaften schätzen und wählen. Doch ist Kontrolle in der Politik nicht alles. Mit jedem Jahr, das die „Zauderin“ regiert, abwägend, risikofeindlich, pragmatisch und immerzu aus einem Feld der Unbestimmtheit heraus, wächst die Sehnsucht nach dem, was Angela Merkel so dramatisch fehlt: eine Politik mit Visionen.

Quelle: F.A.S.

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07.05.2013 ·  Nach allerlei Anpassungsmaßnahmen hoffen die Politiker in Dublin, allmählich die Krise überwunden zu haben. Deutschland und die Bundeskanzlerin habe man als hilfreich erlebt, heißt es dort.

Von Jochen Buchsteiner, Dublin

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