Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

11.02.2013 ·  Der Kapitalismus, in dem wir leben, hält immer noch daran fest, unser Verlangen zu kontrollieren. Deshalb wird er untergehen, wenn er sich nicht ändert, sagt die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/protokoll-einer-zukunftsvision-das-system-versagt-12057446.html

Für Shoshana Zuboff beginnt Ökonomie in unserem Verlangen, das Leben so zu führen, wie wir es uns wünschen. In „Information Civilization“, dem Buch, an dem sie gerade schreibt, will sie ausführen, wie ein sozialer Entwurf auszusehen hat, der nicht mehr auf Massenproduktion und Massenkonsum zugeschnitten ist, sondern auf die dezentralisierte Welt des Individuums. „In the Age of the Smart Machine“, 1988 erschienen, hieß ihr erstes vielgerühmtes Buch, in dem sie die technologisch geprägten Umwälzungen durch den Computer voraussagte. „The Support Economy“ wirft vierzehn Jahre später ein frühes Licht auf die Krise unseres Wirtschaftssystems.

Nach dem Philosophiestudium an der University of Chicago und der Promotion in Sozialpsychologie an der Harvard University hat Zuboff als eine der ersten Frauen ab 1981 an der Harvard Business School gelehrt und lebt seit ihrer Emeritierung in einem Landhaus in Maine. Von dort kommt sie regelmäßig nach Boston oder, genauer gesagt, nach Cambridge, wo ich sie in ihrem zweiten Zuhause, einem Hotel nahe dem Harvard Square, getroffen habe. Sie hatte mich gewarnt: „Ich bin eine langsame Denkerin.“ Aber sie hatte nichts von der ansteckenden Begeisterung gesagt, mit der sie ihre Argumente und Ideen entwickelt und in immer wieder neuen, überraschenden Bildern, Beziehungen und Zusammenhängen auf ihre Zuverlässigkeit testet.

Al Gore berichtet in seinem neuen Buch mit dem ahnungsvollen Titel „The Future“ von einer neuen Zwei-Milliarden-Dollar-Anlage, die derzeit von der National Security Agency in Utah gebaut werde und künftig in der Lage sei, jedes Telefongespräch, jede E-Mail, jede SMS, jede Google-Suche und überhaupt jede elektronische Kommunikation, ob verschlüsselt oder nicht, zwischen amerikanischen Bürgern zu überwachen und bis in alle Ewigkeit zu archivieren. Muss es einem da nicht kalt über den Rücken laufen?

Shoshana Zuboff:

Nach der Veröffentlichung meines Buches „In the Age of the Smart Machine“ habe ich „Zuboffs drei Gesetze“ erklärt.

Zuboffs erstes Gesetz lautet: Alles, was digitalisiert und in Information verwandelt werden kann, wird digitalisiert und in Information verwandelt.

Zuboffs zweites Gesetz: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.

Zuboffs drittes Gesetz: Jede Technologie, die zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert werden kann, wird, was immer auch ihr ursprünglicher Zweck war, zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert. Das beschriebene Projekt bestätigt nur Zuboffs drittes Gesetz.

Neuer sozialer Entwurf

Aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen und auf ein Buch zu sprechen kommen, an dem ich gerade arbeite: „Information Civilization“. Die aufkommende globale Zivilisation bedarf eines grundsätzlich neuen sozialen Entwurfs. Was ungeheuer aufregend ist. Denn unsere institutionellen Vereinbarungen müssen komplett neu gedacht werden: die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung, auch Dinge wie unsere eigene Transparenz.

Der Überwachungsimpuls hat aber unser tägliches Leben längst kolonisiert. Die Überwachung ist subtil und verdeckt; sie ist eingebettet in Dinge, auf die wir tagein, tagaus angewiesen sind. Nur Experten, nur Informationswissenschaftler und Hacker begreifen noch, wie weit das alles fortgeschritten ist. Wir als Gesellschaft verstehen das nicht mehr.

Ohne Regeln

Die Infrastruktur für die Regelung der neuen Informationswege ist bis jetzt nur in kleinen Teilen vorhanden. Es gibt kein übergreifendes Konzept. Uns dämmert erst langsam, dass Einrichtungen, denen wir unser Vertrauen geschenkt und die wir als unsere Freunde angesehen haben, Facebook zum Beispiel oder Google, nicht nach einer neuen Logik handeln, sondern nach der altbekannten, die unseren Interessen zuwiderläuft.

Welche Richtung die Informationstechnologie einschlägt, kommt darauf an, wie einige gesellschaftliche und ökonomische Kernfragen beantwortet werden. Zurzeit geschieht das ohne Regeln und Gesetze. Die Praxis trifft jetzt die Entscheidungen. Etwas geschieht, weil Facebook, weil Google, weil die Regierung der Vereinigten Staates es so wollen. Der rechtliche Rahmen fehlt.

Ich bin trotzdem keine Pessimistin, keine Apokalyptikerin. Lassen Sie mich ein paar Umwege gehen, um das zu begründen. Meine ökonomische Analyse, wie ich es auch in meinem Buch „The Support Economy“ deutlich gemacht habe, ist nicht die eines Ökonomen. Ich gehe von der Phänomenologie des menschlichen Verlangens aus. Die Ökonomie geht aus der Gesellschaft hervor, die Gesellschaft aus der Geschichte. Gesellschaft ist die Chronik der Evolution menschlicher Komplexität, aus der wiederum menschliches Verlangen erwächst.

Psychologisches Individuum

Ökonomie beginnt mit diesem Verlangen. In der modernen Gesellschaft offenbart Verlangen sich im Konsum. Wie Wedgwood im 18. Jahrhundert verstanden hatte, dass es auf einmal neureiche Familien gab, die Porzellan wie im königlichen Haushalt wollten, gab es in Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts Pioniere, die Farmer und Krämer mit Waren versorgten, die sich vorher nur eine Elite leisten konnte. Voraussetzung dafür, das Konsumverlangen zu erfüllen, war ein erschwinglicher Preis. Henry Ford war einer der Ersten, die all die Teilchen des Puzzles zusammensetzten, bis Alfred Sloan bei General Motors die Sache noch weiter entwickelte: So wurde das 20. Jahrhundert zum Massenzeitalter.

Der ungeheure Erfolg des Modells der Massenproduktion und seines Wohlstandswachstums formte die Gesellschaft um; sie wurde komplexer als je zuvor. Und das führte zu größerer Komplexität im Verlangen, in der Arbeitsteilung und schließlich in der menschlichen Erfahrung. Trotz aller Kriege und Gewalttaten ist für mich das dramatischste Produkt des 20. Jahrhunderts jenes Wesen, das ich als psychologisches Individuum bezeichne.

Es ist unsere Last und unser Segen am Ende des Jahrhunderts, dass wir aus dem vertrauten Umfeld vertrieben wurden und auf die Frage nach unserer Identität nicht länger antworten können: Ich bin meines Vaters Sohn, ich bin meiner Mutter Tochter. Jeder von uns trägt die Last, eine eigene Antwort zu finden. Wir müssen uns allein erarbeiten, wer wir sind. So weit die Last.

Neues Bewusstsein

Der Segen besteht darin, dass jeder sich als einzigartig versteht und deshalb einen legitimen Anspruch auf Respekt vor seiner Einzigartigkeit hat. Der Respekt vor dem Individuum aber ist die Antriebskraft für die enorme Ausweitung der Menschenrechtsgesetzgebung, die sich jetzt im 21. Jahrhundert fortsetzt. Ging es früher um Religion, freie Meinungsäußerung und Wahlrecht, wird nun in jedem Bereich unseres Lebens Anspruch auf Rechte erhoben. Von Geschlecht und Sexualität bis zu physischen Fähigkeiten und zum Alter ist kein persönlicher Bereich von diesen Ansprüchen ausgenommen. Ich betrachte das als Aufblühen, als fast unbegreiflich positives Signal von Menschlichkeit. Wir halten uns für wert, in Würde zu leben.

Die Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle, scheint mit Ökonomie nichts zu tun zu haben, aber ich mache sie als Kontext geltend, in dem Ökonomie sich entwickelt. Lassen Sie es mich erklären: Wir haben ein institutionelles System aufgebaut, das perfekt auf die Erfordernisse der Massenproduktion und des Massenkonsums zugeschnitten ist und weit über die entsprechenden Firmen und Dienstleister hinausreicht. Die Logik der Massenproduktion wurde zur Grundlage unseres Erziehungssystems, unserer Krankenversorgung, aller Sphären unserer Gesellschaft. Seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kommt es aber zu einer immer heftigeren Kollision zwischen dem neuen Bewusstsein, das ich psychologische Selbstbestimmung nenne, und einem Wirtschaftssystem, das auf große Handelsvolumen, geringe Produktkosten und Standardisierung angelegt ist, eigentlich nicht anders als zu Zeiten von Henry Ford.

Zyklus der Akkumulation

Das alte Geschäftsmodell trifft nun auf eine Gesellschaft, die mehr und mehr vom neuen Individuum geprägt wird, das etwas ganz anderes will. Es ist leicht, an einen Toaster oder ein Auto zu kommen. Die Kosten für diese Waren sind gesunken. Warum? Zum Teil, weil sie für uns nicht mehr den Wert haben, den sie einmal hatten. Wir zahlen für Verbrauchsgüter nur, wie viel wir wollen. Wir wollen jetzt aber die Ressourcen, die es uns erlauben, unser Leben effektiv zu leben, oder anders gesagt: Zugang zu den materiellen und immateriellen Ressourcen zu haben, die wir brauchen, so zu leben, wie wir leben wollen. Solche Ressourcen werden aber kaum angeboten. Daher die Kollision.

Unser System befindet sich im Niedergang, und dieser Niedergang stellt den Endteil eines Zyklus der Akkumulation dar. Die fundamentale Natur des ökonomischen Werts ist im Wandel begriffen: Früher mussten Waren einen inneren Wert an sich haben, um auf dem Markt verkauft zu werden. Stattdessen ist der Wert jetzt latent in der Erfahrung jedes Individuums vorhanden und kann nur realisiert werden, wenn das Verlangen des Individuums erkannt und erfüllt wird.

Diese unterschiedlichen Werte bedürfen total unterschiedlicher Mechanismen, ökonomischer Kalkulationen und technischer und sozialer Systeme, um verwirklicht zu werden. Je hartnäckiger wir versuchen, die alten Prozesse im neuen Kontext beizubehalten, desto größere Reibungen entstehen, desto mehr an Wert bleibt unrealisiert.

Innovation, Mutation

In jedem Zyklus ist Akkumulation erfolgreich, wenn sie im Einklang mit dem Bedarf ist. Verloren geht der Einklang, wenn die alte Version des Kapitalismus sich weniger und weniger am neuen Verbraucher orientiert. Die bestehenden Einrichtungen aber sind nur in der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Sie vermögen sich nicht zu transformieren, weil sie in ihrer alten Logik gefangen sind.

Das beste Beispiel ist die Autoindustrie vor Henry Ford. Autos waren Luxusgegenstände, deren Hersteller sich gegenseitig mit immer teureren und luxuriöseren Wagen übertreffen wollten. Sie haben nicht die neue Welt gesehen, in der Normalbürger auch gern Autos gehabt hätten, aber sie sich nicht leisten konnten. Henry Ford, ein Outsider, der nichts mit der Industrie zu tun hatte, musste kommen, um mit den alten Vorgängen zu brechen und die Elemente einer vollständig neuen Logik zusammenzufügen. Niemand hatte zuvor die Idee, mehr zu produzieren, um etwas billiger anbieten zu können.

Ein System im Niedergang neigt nun dazu, den Niedergang mit Innovationen, mit kleinen Veränderungen hier und dort aufzuhalten. Seine Führungskräfte gehen nicht anders vor als die Astronomen, die im Zeitalter des Kopernikus wussten, dass die Daten nicht mehr die Theorie stützten, und daraufhin ihre Theorie zu erneuern suchten, um sie wieder mit den Daten in Übereinstimmung zu bringen, auch wenn sie dazu die verrücktesten Dinge erfinden mussten. Es hat bekanntlich nicht funktioniert. Wird nur noch von Innovation geredet, ist das ein sicheres Zeichen für den Niedergang. Und heute redet jeder von Innovation. Warum sieht es dann so düster aus? Innovation reicht nicht. Es muss zur Mutation kommen.

Dezentralisierte Wertschöpfung

Die biologische Metapher der Mutation ist durchaus angebracht, denn es geht hier um evolutionäre Prozesse. Es gibt gegenwärtig viele Mutationen, und einige davon sind sogar von Dauer, weil sie in die neue Umgebung passen, also in die Umgebung, die menschliches Verlangen in den Mittelpunkt stellt. Innovation hingegen dient lediglich dazu, ein System reparieren zu wollen, das seine Nützlichkeit überlebt hat. Systeme haben nun einmal eine begrenzte Reichweite. Das System des Managerkapitalismus mit seiner konzentrierten Organisation, hierarchischen Kontrolle und Ausrichtung auf den Massenkonsum ist an seine adaptiven Grenzen gestoßen. Innovation hält es bloß künstlich am Leben.

Wir sind am Ende des zyklischen Bogens angelangt, den der Managerkapitalismus durchs 20. Jahrhundert gespannt hat, und beginnen allmählich, Mutationen in organisatorischen Mischformen zu sehen, in Hybriden. Zudem macht sich das Ende des Akkumulationszyklus, wie es immer in der Geschichte des Kapitalismus geschehen ist, in einer Phase der Finanzialisierung bemerkbar. Das bedeutet, der Kommerzapparat ist ermattet, zieht sich von Güterproduktion und Handel zurück und benutzt das angehäufte Kapital als Basis, um mit finanziellen Instrumenten Profit zu erwirtschaften. Die Folge ist eine Kontraktion, in der Firmen finanziell gesund sind, dank Gewinnen durch finanzielle Transaktionen, aber der Wohlstand der Gesellschaft abnimmt. Soziales Chaos ist unvermeidbar.

Jetzt aber sind wir auf dem Weg in eine Welt der dezentralisierten Wertschöpfung, des distributed capitalism. Das ist keine technologische Metapher. Die Dezentralisierung geht von den Individuen aus, die nunmehr die Quelle ökonomischer Werte sind. Individuen sind aber nicht innerhalb einer Organisation zu finden, sie treten nicht in konzentrierter Form auf, sie verteilen sich über ihre dezentralisierten Lebensräume. Folglich muss sich auch der Handel dezentralisieren, um in diesen Lebensräumen Wirkung zu zeigen. Heute haben wir erstmals eine technologische Infrastruktur, die ebenso dezentralisiert ist.

Hybridformen

Nehmen wir den iPod. Was hat Steve Jobs da getan? Ich glaube, er hat es selbst nicht gewusst, und darum kann er nicht in einem Atemzug mit Henry Ford genannt werden. Ford war sich sehr bewusst, was er getan hatte. Er hat die Massenproduktionslogik erfunden und war ihr Missionar. Er wollte damit die Welt beglücken. Er verstand, dass Massenkonsum zur Massenproduktion führte. Wie ist das nun mit dem iPod? Schauen Sie sich den Niedergang der Musikindustrie an. Niemand will mehr Geld für CDs ausgeben. Warum nicht? Weil ich nicht die Songs will, die du für mich ausgesucht hast. Ich will die Songs, die mir gefallen, und mit der digitalen Infrastruktur, die mir erlaubt, Songs herunterzuladen und mit anderen zu teilen, gibt es für mich keinen Grund mehr, ein materielles Paket zu kaufen.

Ich als Individuum will meine Musik in meinem Raum hören. Die Musikindustrie hat sich derweil in ihrem Organisationsraum verkrochen. Da kommt plötzlich dieses Computerunternehmen, das nichts mit der Musikindustrie zu tun hat und sie nicht verbessern, nicht erneuern will. Es setzt einfach sein technologisches Knowhow ein und denkt sich völlig neu aus, wie Leute erschwinglich mit Musik zu versorgen sind. Das Geschäft geht draußen vom Nutzer aus, nicht drinnen von der Firma. Eine Inversion der Geschäftsperspektive findet statt. Das meine ich, wenn ich von einer neuen Basis für eine neue ökonomische Logik spreche. Ein verborgener ökonomischer Wert wird als individueller Wert im individuellen Raum realisiert. War das bei Apple eine vollständige Mutation? Nein. Viele Aspekte der Firma sind noch in der alten Logik verfangen. Apple ist ein Hybrid. Der iPod aber hat den Pfad zu einem neuen Zyklus einer neuen Form des Kapitalismus eröffnet.

Auch Google sieht in mancherlei Hinsicht wie eine Mutation aus, ist aber gleichfalls nur ein Hybrid. Woran das zu erkennen ist? Hybride wie Google lassen es zu, dass neue Formen von der alten Logik kolonisiert und infiltriert werden. Wenn Facebook zum Beispiel auf Profit aus ist, fragt es sich dann, wer der Nutzer ist, wonach er verlangt und wie das Unternehmen ihm helfen, wie es mit seinen Interessen gleichziehen kann? Es könnte sich als Plattform für Bildung, für die Krankenversorgung und viele andere Dinge empfehlen, durch die sich unsere Lebensqualität steigern ließe. Und wofür wir bereit wären, etwas zu zahlen. Facebook tut das jedoch nicht. Die Firma verschafft sich Geld nach dem alten Modell, nämlich durch Anzeigen.

Individuelles Vertrauen

Facebook schien einmal uns zu gehören. Es war unser Raum. Jetzt verstößt Facebook immer wieder gegen die ökonomische Logik des individuellen Raums, widersetzt sich unseren Interessen und zerstört unser Vertrauen. Google verhält sich nicht anders. Der Machtwille der Firma ist sichtbar geworden, auch ihre Manipulation von Algorithmen und ihre Bereitschaft zur Überwachung. Wir fühlen uns bloßgestellt, allein schon durch eine Google-Suche. Meine beiden Kinder haben Facebook innig geliebt. Heute rühren sie es nicht mehr an. Facebook, das ist für sie jetzt: die da. Und nicht mehr: wir.

Noch einmal: Ökonomischer Wert ist in jedem Individuum verborgen. Ich bin bereit, für Dinge zu zahlen, die mir helfen, ein effektives Leben zu führen. Um zu verstehen, wonach ich verlange, musst du in meinen Raum kommen, und ich muss dir deshalb vertrauen können. Wenn du meinen Raum missbrauchst, schalte ich dich ab. Dieses Verlangen und meine Bereitschaft, dafür zu zahlen, dass mein Verlangen erfüllt wird, eröffnen den nächsten großen Horizont des ökonomischen Wertes. Eine ganz neue, noch nicht kartographierte Landschaft tut sich da auf.

Der Ort des ökonomischen Werts hat sich ins Verlangen des Individuums verlagert. Wären Facebook oder Google oder Apple sich ihrer Rolle als historische Kraft bewusst, würde keiner von ihnen gegen das Interesse seiner Nutzer handeln. Denn sie wüssten, dass sie so auch künftigen Profit verringerten. In jedem Augenblick, in dem sie das Vertrauen des Individuums enttäuschen, geht ihnen Geld verloren. Ist das deutlich genug gesagt?

Protokolliert von Jordan Mejias

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Film: Goethe, der Popliterat

Film Goethe, der Popliterat

Philipp Stölzls “Goethe!” zeigt den Dichter in seiner Sturm-und-Drang-Phase. Der Film rockt zwar nicht, aber er swingt sehr schön, findet Inge Kutter.

http://www.zeit.de/kultur/film/2010-10/goethe-film

Johann Wolfgang von Goethe – sein Denkmal in Weimar

Seit Jahren wird ein toter Dichter nach dem anderen auf die Leinwand gezerrt und den Popcorntütenraschlern im Kinosaal zur Unterhaltung vorgeworfen. Wir hatten schon: Shakespeare, Schiller, Oscar Wilde, John Keats und Jane Austen. Die Zutaten sind immer dieselben: ein bewegtes Leben und eine weiße Perücke. Was herauskommt, ist oft eher lauwarm. Daher befürchtet man schon das Schlimmste, noch ohne Goethe!, den neuen Film über den Dichter, überhaupt gesehen zu haben.

Im Mittelpunkt steht der junge Goethe, der spätpubertierende Stürmer und Dränger. Gerade ist er in Frankfurt durch die Juristenprüfung gefallen, der Vater hat ihn für seine brotlose Dichterei gemaßregelt und zum Praktikum an das Reichskammergericht in Wetzlar verbannt. Dort soll er zwischen staubtrockenen Aktenstapeln einen ebensolchen Beruf erlernen. Doch anstatt sich dem Studium von Paragraphen zu widmen, verliebt er sich.

Natürlich muss es um Liebe gehen, denn darum geht es in solchen Filmen ja immer – ob Shakespeare seine Viola kriegt oder Schiller seine Katharina. Wie die Damen im echten Leben geheißen haben und ob es sie überhaupt gab, ist Nebensache. Goethe! immerhin folgt der Biografie: Charlotte Buff, die Verlobte von Goethes Kollegen Kestner, existierte, und tatsächlich inspirierte die unglückliche Leidenschaft zu ihr (unter anderem) Die Leiden des jungen Werther.

Dass Johann W. ihr allerdings in taufeuchten Blumenwiesen seine Sesenheimer Lieder rezitierte, ist eher unwahrscheinlich: “Ich sah dich und die milde Freude / floss aus dem süßen Blick auf mich”, hatte Goethe bereits für ihre Vorgängerin Friederike Brion geschrieben. Aber griffige Zitate aus dem Werk, die der Bildungsbürger wiedererkennen kann, sind in solchen Filmen nun mal ein Muss. In Shakespeare in Love etwa seufzt Viola “Es war die Eule und nicht der Hahn” – eine Reminiszenz an den bekanntesten Vers aus Romeo und Julia.

Wie seine Vorgänger hat auch der Goethe!-Regisseur Philipp Stölzl nahezu alles aufgefahren, was das 18. Jahrhundert an Requisite zu bieten hat: Lederhosen und Leinenhemden, Heuwagen und Burgtürme, graues Pflaster und weiße Hausgänse. Dazu viel Schweiß, Tränen und Tintenflecke. Fröhliche Streicherklänge begleiten die Kutsche nach Wetzlar, über sanfte grüne Hügel und durch spritzende Pfützen.

Doch irgendwie beginnt das alles, Spaß zu machen. Vielleicht, weil die weichgezeichneten Bilder in ihrer Komposition an die Gemälde Caspar David Friedrichs erinnern. Die Landschaft wird zur Kulisse, wenn Johann und Lotte einander wie auf einer Bühne mitten im Feld entgegenfahren. Auch die Sprache hat Stölzl entstaubt. Man hört eine sehr lebendige Mischung aus alten Phrasen und modernem Alltagsdeutsch, die den Film zeitgemäß klingen lässt, ohne ihm seinen Anstrich von Patina zu nehmen.

Miriam Stein, die Neuentdeckung dieses Herbstes, spielt die wilde Lotte mit einer Bodenständigkeit und Frische, die den alten Stoff lebendig macht. Und als Alexander Fehling, der immer auch ein wenig über sich selbst zu grinsen scheint, am Ende die Werther-Exemplare von seinem Kutschendach herab signiert, erinnert sein Auftritt an den eines Benjamin von Stuckrad-Barre. Was war Werther auch anderes als Popliteratur? Durch die Leichtigkeit, mit der der Film seine Geschichte erzählt, kommt er dem übermütigen Jungpoeten auf jeden Fall näher als durch akkurate Werktreue.

Goethe! besitzt zwar nicht die Kraft der Opulenz wie Milos Formans Amadeus, dazu sind Bilder und Figuren zu wenig überzeichnet. Aber er besitzt genügend Selbstironie. Er rockt nicht. Aber er swingt sehr schön.

New York Times Review :

A Titan of Romanticism at Work and at Play

http://movies.nytimes.com/2011/11/04/movies/young-goethe-in-love-review.html?_r=0

 http://wwws.warnerbros.de/goethe/

 

RyanairHauptsache, billig

Der Erfolg der Fluggesellschaft Ryanair gründet auf Effizienz und auf Ausbeutung. Jetzt gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.

Der Mann, der Europas Reisenden den Billigflug bescherte, ist selbst am liebsten zu Hause auf einem Bauernhof bei seinen vier Kindern. Um abends schneller heimzukommen, hat er eine Taxilizenz erworben. So darf er die Busspur nutzen. Das spart 20 Minuten auf den 100 Kilometern vom Flughafen Dublin zu seinem schlossähnlichen Anwesen Gigginstown. Ryanair-Chef Michael O’Leary genießt die ländliche Idylle.

Die mehr als 8.000 Mitarbeiter seiner Airline leben nicht nur weitaus weniger luxuriös. An manchen Tagen wird das Leben für sie bei Ryanair regelrecht zur Hölle. Etwa am 4. Juli. Um 12 Uhr versammeln sich in der Ryanair-Basis in Weeze am Niederrhein zwei Dutzend Piloten. Ihr Arbeitgeber hat eine Personalversammlung einberufen, die Einladung kam 24 Stunden zuvor per Intranet.

Der aus Dublin gesandte Manager kommt laut Schilderungen von Teilnehmern schnell zum Punkt: Für den Winter plane Ryanair mit 40 Piloten weniger am Standort. Für die Beschäftigten gebe es drei Optionen: unbezahlten Urlaub, Teilzeitarbeit, Standortwechsel. Wer sich nicht binnen einer Woche entscheide, werde gefeuert oder “überflüssig” gemacht. Memos oder andere Dokumente gebe es nicht zu der Sache. Die Neuigkeiten sollten sich mündlich verbreiten. Ryanair bestätigt, dass es eine Personalversammlung gab, äußert sich aber nicht zu Details.

Früher war O’Leary der Steuerberater des Airline-Gründers Tony Ryan

Ryanair steckt nicht in einer Krise, im Gegenteil. Im Geschäftsjahr bis Ende März verdiente das Unternehmen so viel Geld wie keine andere europäische Fluglinie. Der Gewinn nach Steuern betrug 569 Millionen Euro, der Umsatz knapp fünf Milliarden. Die Aktionäre sollen nun eine Milliarde Euro bekommen – in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen.

Es scheint, als sorgten sich nur andere um ihre Zukunft. Lufthansa oder Air France etwa, die Milliarden einsparen müssen. Ausgerechnet in Paris hat Ryanair 175 neue Boeing-Flugzeuge bestellt. Während die Passagierzahlen von Air Berlin schrumpfen, will Ryanair 2013 rund neun Millionen Passagiere in Deutschland transportieren, 80 Millionen in ganz Europa, mehr als jede andere Fluggesellschaft, und das mit einem stabilen Wachstum von drei Prozent.

Seit 20 Jahren steht O’Leary an der Spitze von Ryanair. Der inzwischen verstorbene Unternehmensgründer Tony Ryan förderte den Mann, der einmal sein Steuerberater und Vermögensverwalter gewesen war, und machte ihn zum Chef der Airline. Früher orientierte sich Ryanair an Aer Lingus und British Airways. “Es ging darum, möglichst hohe Preise zu verlangen”, sagt O’Leary heute.

Erst als Ryanair konsequent auf günstige Tarife setzte, kam der Erfolg, von dem besonders der Chef selbst profitiert. O’Leary gehören rund vier Prozent der Aktien, sein Vermögen beträgt heute mehr als 350 Millionen Euro. Ein Flugbegleiter verdient in seinem Unternehmen dagegen in manchen Wintermonaten nicht mehr als 900 Euro.

Bislang hat O’Leary mit geschicktem Marketing ein Unternehmensbild geschaffen, wonach Ryanair dank schneller Betriebsabläufe und einem Flugbetrieb abseits der großen, teuren Drehkreuze zur größten Fluggesellschaft Europas aufgestiegen sei. Tatsächlich sind die Erfolge von Ryanair aber auch das Ergebnis einer gnadenlosen Sparpolitik zulasten von Mitarbeitern und Steuerzahlern.

Nun gerät dieses Geschäftsmodell in Gefahr. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte setzen sich die Mitarbeiter zur Wehr und organisieren sich. Die Pilotengewerkschaften sind zuversichtlich, dass sich Flugkapitäne und -offiziere nun zusammentun und für weniger Arbeit und höhere Löhne streiken werden. Beim Kabinenpersonal ist die Stimmung ohnehin am Boden. Viele Mitarbeiter müssen höhere Sozialabgaben zahlen, weil neue europäische Regeln für Kabinenpersonal in Kraft traten. In Frankreich laufen deshalb Prozesse.

Hinzu kommt, dass die Zukunft der Regionalflughäfen, die für den Erfolg des Billigfliegers wichtig sind, ungewiss ist. Gerade haben die Brüsseler Wettbewerbshüter schärfere Vorgaben für Staatshilfen an diesen Flughäfen vorgestellt. Viele wären ohne Subventionen nicht überlebensfähig. Von Ryanair allein können sie kaum leben. Ryanair wiederum wird ohne subventionierte Flughäfen seine Kampfpreise kaum halten können. Indirekt kommen die Steuersubventionen also der Fluggesellschaft zugute.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator

Die größere Gefahr droht Michael O’Leary derzeit allerdings von dem gewachsenen Unmut der Mitarbeiter. Der könnte sich bald schon Bahn brechen. Im Tagungshotel Klostergarten in Kevelaer nahe Weeze trafen sich vorvergangene Woche 25 Piloten. Sie wollen etwas unternehmen gegen den unbezahlten Urlaub, die Teilzeitarbeit, den Standortwechsel, den das Management Anfang Juli erzwingen wollte. Die Ryanair Pilot Group (RPG), eine Initiative europäischer Pilotengewerkschaften, hat Berater geschickt. “Ich habe nichts mehr zu verlieren, ich will die Gewerkschaft”, sagt ein junger Pilot in Weeze.

Die RPG hat vor zwei Wochen ihren ersten Interimsrat gewählt. Nach Angaben der Organisation sind bereits mehr als 50 Prozent der rund 3500 Ryanair-Piloten Mitglied. Evert van Zwol, Vorsitzender des vorläufigen Führungsgremiums der RPG, sagt: “Unter den Piloten herrscht großer Enthusiasmus.” Konflikten mit Ryanair will er nicht aus dem Weg gehen: “Sollte das Management die RPG nicht als Verhandlungspartner akzeptieren, werden wir reagieren. Am Ende auch mit Streiks.”

Die Ryanair Pilot Group – eine Gewerkschaft für Ryanair? Für Michael O’Leary unvorstellbar. In einem Interview mit der ZEIT Ende Mai sagte er gar: “Die RPG existiert nicht.” Der Unternehmenschef hält ganz generell nichts von Gewerkschaften, weil “sie sich dem Wandel verweigern, selbst wenn der notwendig ist”, wie er meint.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator. Er selbst sieht sich eher als Menschheitsbeglücker. “Wir haben das Fliegen demokratisiert”, sagt er. Heute stiegen nicht mehr nur die Reichen ins Flugzeug, sondern auch die Schuhputzer aus dem Flughafenterminal. “Sie können sicher und pünktlich für 30, 40 Euro durch Europa fliegen und müssen nicht mehr 300 Euro zahlen”, sagt er.

Tatsächlich haben günstige Ticketpreise die Welt etwas verändert. Fernbeziehungen zwischen Rom und Köln sind einfacher geworden. Der Junggesellenabschied findet nicht mehr in der Nachbarkneipe, sondern auf Mallorca statt. Die eigene Ferienwohnung suchen sich Beamte nicht mehr nur an der Ostsee, sondern in ganz Europa.

Intern geht es deutlich weniger demokratisch zu. Für ein Gespräch mit der ZEIT in Dublin lässt der Ryanair-Chef fast die komplette Vorstandsspitze antreten. Einen einfachen Mitarbeiter in der Zentrale zu sprechen, das geht dagegen nicht. Wenn einer spreche, dann Mol, heißt es aus der Pressestelle. Mol, so nennen sie Michael O’Leary.

Der 52-Jährige, der als Kind eine Jesuitenschule besucht hat, erregt gerne Aufmerksamkeit, wenn es dem Unternehmen nützt. Einst kündigte er freie blow jobs in der Businessclass an, sollte sein Unternehmen einmal Langstreckenflüge anbieten. Spricht er über Konkurrenten, fällt häufig der Ausdruck fuck. Kein Gag ist O’Leary zu dämlich, solange er Ryanair ins Gespräch bringt. Immer wieder kolportiert er Geschichten über Toilettengebühren im Flugzeug und Zuschläge für Dicke.

Viele der Piloten arbeiten offiziell als Selbstständige

Um Aktionäre und Analysten zu ködern, setzt er gerne große Zahlen in die Welt. “Wir werden die Passagierzahlen in den nächsten Jahren auf 100 Millionen erhöhen”, kündigte er Ende Mai an. Drei Wochen später versprach er den Investoren sogar 110 Millionen. Für Fotos legt O’Leary sofort den Arm um jeden Gesprächspartner. Dabei hat dieser Mann, der gerne in Turnschuhen, Bluejeans und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln auftritt, wenig Freunde in seinem Job. Weder in der Branche noch in der Politik. Und schon gar nicht bei den Mitarbeitern.

“O’Leary ordnet der Rendite alles unter”, sagt der in Weeze stationierte Pilot Lars Christensen. Die Beschäftigten und ihre Familien müssten darunter leiden. Der junge Mann mit nordeuropäischen Wurzeln will nicht mit seinem wirklichen Namen in der Zeitung stehen. Er fürchte die umgehende Entlassung.

Christensen schildert, wie die Ausbeutung im Unternehmen funktioniert. Er ist nicht bei Ryanair angestellt, sondern über die Agentur Brookfield Aviation vermittelt. Ein Leiharbeiter, der kaum Rechte hat. Auch Brookfield Aviation hat ihn nicht eingestellt. Vielmehr wurde von ihm erwartet, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Dazu wurden ihm drei Steuerberater empfohlen, die mit Brookfield kooperieren. Nun ist er selbstständiger Unternehmer in Irland. Zum Schein hat er eine Sekretärin, Angestellte und weiteres Personal. Er hat diese Menschen aber nie gesehen. Alles was er tut, ist fliegen.

“Ich kann mir kaum vorstellen, dass das legal sein soll”, sagt Christensen. Womöglich hat er recht. In Koblenz ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits wegen Scheinselbstständigkeit gegen Piloten. Entsprechende Verfahren gegen Ryanair wurden allerdings eingestellt. Die Fluggesellschaft kommentiert dies nicht. Brookfield Aviation mag sich auch nicht näher äußern, sondern teilt nur mit, dass die Verträge geltendem EU-Recht entsprächen.

An den anderen der mehr als 50 Ryanair-Basen in Europa läuft es so oder ähnlich. Da gibt es zum Beispiel Karl Lewandowski. Der Pilot ist Mitte 30 und seit fünf Jahren direkt von Ryanair angestellt. Lewandowskis Eltern haben für ihren Sohn einen Kredit aufgenommen, damit der die Ausbildungskosten von 80.000 Euro bezahlen konnte. Er selbst zahlt heute für die Uniform, die Hemden und an Bord – wie jeder Passagier – drei Euro für den Kaffee.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld

Auch Lewandowski heißt in Wirklichkeit anders, auch er hat Angst vor Mol. Den nennt er ein “Genie ohne menschliche Gefühle”.

Der junge Pilot klagt über die Ungewissheit, die seinen Alltag prägt. Mit jedem Flugplan droht ihm ein Umzug zu einer anderen Basis. Über die Zahl seiner Flugstunden bestimmt das Management, dessen Willkür er sich ausgeliefert fühlt. Nur die Hälfte seines Gehalts ist fix. Vor jedem Flug arbeitet Lewandowski 15 bis 30 Minuten ohne Bezahlung, weil er früher kommt, als der Plan vorsieht. “Anders ist es aber nicht zu schaffen”, erklärt er, “denn in dieser Zeit muss ich Wetter und Flugplan analysieren, Informationen über das Verkehrsaufkommen sammeln und am Ende die Entscheidung treffen, wie viel Kerosin ich tanke.”

Der Druck auf die Piloten ist enorm. Auf das Kerosin entfällt die Hälfte der Kosten des Flugbetriebs – und O’Leary hasst Kosten. Damit die Piloten möglichst wenig Treibstoff an Bord haben, veröffentlicht Ryanair Tabellen, welche Piloten wenig verbrauchen und welche viel. Der Chefpilot von Ryanair schrieb 2010 eine E-Mail an die Piloten, die der ZEIT vorliegt. Darin heißt es: “Der Zweck der Tabelle ist, den Fokus auf unseren größten Kostenblock, das Kerosin, beizubehalten.”

“Wenn Ryanair uns nicht anerkennt, bummeln wir auf der Piste”

Ryanair hält sich dabei an die gesetzlichen Vorgaben. Jeder Pilot hat stets so viel Kerosin an Bord, dass der Sprit mindestens für eine halbe Stunde extra in der Luft reicht. Aber wehe, es passiert Unvorhergesehenes: Vergangenen Sommer mussten gleich drei Maschinen nach einem Unwetter in Spanien notlanden. “Bei schwierigen Wetterverhältnissen nimmt die Lufthansa sicher noch zwei Tonnen extra mit. Wir höchstens die Hälfte. Die Piloten fürchten sich, noch mehr zu tanken”, sagt Lewandowski. Immer wieder kam es zu Notlandungen, weil der Sprit nicht ausreichte.

O’Leary verteidigt die Verbrauchstabellen: “Wir wollen unsere Piloten dazu anhalten, eher langsam als schnell zu fliegen, denn das ist sicherer.” Erfahrene Piloten und Sicherheitsexperten halten diese Behauptung für “an den Haaren herbeigezogen”. Der Ryanair-Chef weist auch andere Vorwürfe von sich: “Wenn Piloten am Ende der Tabelle stehen, dann bekommen sie keine Verwarnungen.”

Lewandowski hingegen berichtet, dass Kollegen einen Brief bekamen, der “dann auch in der Personalakte landete”. Wem das öfter passiere, der habe keine Chancen, in der Hierarchie nach oben zu kommen. Es seien auch schon Kollegen zum Rapport nach Irland zitiert worden. Ryanair streitet all dies ab.

Unter den rund 3.500 Piloten sind die ersten und zweiten Offiziere fast komplett über Agenturen wie Brookfield angestellt. Sie erhalten nur eine variable Vergütung und kein Fixgehalt. Nur die Kapitäne haben in der Mehrzahl direkt mit Ryanair Arbeitsverträge geschlossen.

Vor wenigen Wochen ist Lewandowski in ein Hotel gefahren und hat sich mit Kollegen getroffen. “Wir werden uns organisieren”, sagt er. “Und wenn Ryanair uns nicht anerkennt, dann fliegen wir langsamer, wir bummeln auf der Piste, und am Ende werden wir streiken.”

Sollte es dazu kommen, kann O’Leary nicht weiter wirtschaften wie bisher. Personalchef Edward Wilson räumt offen ein: “Wenn die gleichen Arbeitsbedingungen, die unsere Wettbewerber mit Gewerkschaften ausgehandelt haben, auf uns übertragen würden, würde unser Geschäftsmodell nicht mehr funktionieren.” Bislang brüstet sich Ryanair damit, 80 Prozent weniger Personalkosten zu haben als easyJet. Die Personalkosten von Air Berlin sind – auf den Passagier bezogen – dreimal höher.

Jakob Schneider sorgt mit seinem Arbeitsvertrag dafür, dass dies so bleibt. Er ist ein hagerer Typ aus Osteuropa, keine 30 Jahre alt und Flugbegleiter an einem deutschen Standort von Ryanair. Seit Kurzem muss Schneider viel höhere Sozialabgaben zahlen, weil er wegen neuer gesetzlicher Regelungen dem deutschen Sozialversicherungsrecht unterliegt: “Mein Nettogehalt in guten Monaten ist von 2.000 Euro auf 1.500 Euro gesunken.” Er lässt sich nun von einem Anwalt beraten.

In anderen Ländern laufen bereits Verfahren gegen Ryanair. In Frankreich forderten Staatsanwälte die Konfiszierung von vier Flugzeugen, da Ryanair keine Sozialabgaben gezahlt hatte, in Norwegen klagten Flugbegleiter gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Schneider (auch er will anonym bleiben) zeigt einen Arbeitsvertrag mit Crewlink. Über diese irische Agentur sind Tausende Ryanair-Flugbegleiter angestellt. Für die Ausbildung hat Schneider rund 3.000 Euro gezahlt. Zum Dank bekam er einen Knebelvertrag. Von heute auf morgen könnte Schneider von Bremen nach Dublin oder Charleroi versetzt werden. Ryanair kann ihn in einen unbezahlten Urlaub schicken – und macht davon in jedem Winter Gebrauch. “Es kam schon vor, dass ich 900 Euro im Monat verdient habe”, sagt Schneider. Bezahlt wird auch er vor allem variabel und nur für die Flugzeit.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld. Sollten die Passagiere trotz Kontrollen zu viele Gepäckstücke mit an Bord haben, kommt kaum ein Flugbegleiter auf die Idee, diese wieder ausladen zu lassen. Es wäre zwar sicherer, aber “es kostet Zeit”, sagt Schneider.

Wilde Heimat Deutschland Nur gucken, nie anfassen!

SZ Juli 2013 11:02

Wilde Heimat Deutschland Nur gucken, nie anfassen!

Ein sechs Wochen altes Robbenbaby in der Seehundstation Friedrichskoog an der Nordsee.

Im Frühsommer werden viele junge Robben im Wattenmeer angeschwemmt. Hier zeigt sich, wie rau die Nordsee sein kann. Unterwegs mit einem Seehundjäger, der Heuler retten will – aber nicht alle.

Von Charlotte Frank

Weit wie der Himmel liegt das Watt vor dem Leuchtturm von Westerhever, weit und wie der Himmel nur von der Nordsee begrenzt, die am Horizont in der Junisonne schimmert. Westerheversand sieht an Tagen wie diesen aus wie ein nicht enden wollender Inselstrand, so lang und gedehnt hebt sich die Sandbank aus dem Watt vor der Halbinsel Eiderstedt.

Irgendwo hier muss er liegen.

Aber irgendwo hier in der Weite, das kann überall sein. Karl-Heinz Hildebrandt sucht mit seinem Fernglas die Südspitze der Sandbank ab, gleitet über loses Strandgut, über zerrupfte Fischernetze und Treibholz, das in märchenhaften Verrenkungen aus dem Boden ragt. Zuletzt lässt er den Blick durch die Brandung wandern. “Vielleicht hat die Flut ihn schon mitgenommen”, sagt er.

Vielleicht kämpft er gerade mit letzter Kraft gegen die Strömung. Vielleicht wird er auf See sterben. “Das ist dann eben die Natur”, sagt Hildebrandt und steckt das Fernglas wieder ein.

Die Natur im Wattenmeer ist rau und rücksichtslos. Selbst zu denen, die in ihm leben. Deshalb ist Karl-Heinz Hildebrandt an diesem Morgen Ende Juni unterwegs, mitten in der Heulersaison. Niemals sonst im Jahr kegelt das Meer so viele verlorene Seehundjunge an die Küsten der Nordsee wie zu dieser Zeit. Niemals sonst hat Karl-Heinz Hildebrandt so viel zu tun.

Er ist Seehundjäger, verantwortlich für den Schutz der Tiere auf und vor der Halbinsel Eiderstedt. Eine Art Cowboy im Watt. Im wildesten, artenreichsten Naturraum, den es in Deutschland gibt. Nur im Regenwald leben noch mehr Arten zusammen.

Aber Wildnis stellt man sich anders vor, voller Tiergebrüll und wuchernder Pflanzen und Widrigkeiten im Weg. Nicht so wie hier, wie ein sonniges Inselufer, an dem das einzige Geräusch das Heulen des Windes ist und mal das Knacken eines Krebspanzers unter den Füßen oder ein Blubbern aus dem Sand. “Theodor Storm hat mal was Schönes über dieses Geräusch geschrieben”, sagt Karl-Heinz Hildebrandt, als es unter seinen Schritten leise gurgelt, aber was genau, fällt ihm in diesem Moment nicht ein.

“Ich höre des gärenden Schlammes geheimnisvollen Ton/ einsames Vogelrufen, so war es immer schon”, geht der Reim von Storm, aus dem Gedicht “Meeresstrand”. Darin ist auch viel von Möwen und Dämmerung und Abendschein über feuchten Watten die Rede, und alles klingt so friedlich und schön, wie sich die Menschen diese Landschaft an einem sommerlichen Sonnentag wie diesem, noch dazu bei Niedrigwasser, gerne vorstellen.

Aber der Schein trügt. Selten wird das so deutlich wie an jenen Sonnentagen im Juni, an denen das Meer den Seehunden ihre Jungen raubt und am Strand wieder ausspuckt. Selten hält das Wattenmeer dem Menschen seine Wildheit so schonungslos vor Augen wie in der Heulersaison.

Karl-Heinz Hildebrandt geht weiter, zwischen den Zehen drückt sich der warme Boden hindurch, als laufe man barfuß durch Kuchenteig. Tatsächlich wühlen die Füße gerade eine kaum vorstellbare Bevölkerungsdichte auf: Unter einem Quadratmeter Watt leben bis zu zwei Millionen Organismen. Etwa 250 von ihnen kommen nur hier vor, man findet sie in keinem anderen Gebiet der Welt.

Junge Kegelrobbe auf Helgoland

Das Wattenmeer steckt voller Auszeichnungen und Rekorde, es ist Weltnaturerbe und Biosphärenreservat, und es ist das vogelreichste Gebiet Europas. Allein sein schleswig-holsteinischer Teil wird im Frühjahr und Spätsommer von mehr als zwei Millionen Vögeln bevölkert. Insgesamt leben im Ökosystem Wattenmeer 10.000 verschiedene Arten – vom einzelligen Kleinstorganismus bis zur Kegelrobbe, dem größten Raubtier Deutschlands. Gleich darauf folgt der Seehund.

Plötzlich bleibt Hildebrandt stehen. “Da haben wir ihn ja”, sagt er. In der Ferne ist nur ein sandfarbener, regungsloser Knubbel zu erkennen. Könnte auch ein toter Ast sein. Der Seehundjäger geht in die Knie, stößt ein Bellen aus. Der tote Ast bewegt sich. Davor flitzt ein aufgeschreckter Wattläufer mit einem empörten Schrei davon.

Es wäre peinlich, vor einem wie Karl-Heinz Hildebrandt jetzt loszuquietschen. Einem, der zwar die Sprache der Seehunde verstehen kann, aber nicht die Stadtmenschen und ihre Hysterie, sobald sie einen Heuler sehen. Es werden von Jahr zu Jahr mehr – weil auch der Seehundbestand in der Nordsee von Jahr zu Jahr wächst.

Seit 1974 werden die Tiere in Schleswig-Holstein nicht mehr bejagt, damals gab es dort nur noch 1500 von ihnen – und von damals kommt auch der Name, “Seehundjäger”, der klingt, als würden Männer mit angeschlagener Flinte durchs Watt pirschen und Seehunde schießen.

Das Gegenteil ist der Fall: Auch aufgrund der ehrenamtlichen Arbeit der 27 Jäger leben heute 12.000 Seehunde im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer – trotz zweier Staupe-Epidemien in den Jahren 1988 und 2002. Im gesamten Watt zwischen Dänemark und den Niederlanden wird der Bestand auf 38.500 Tiere geschätzt. Im Mai und Juni gebären sie ihre Jungen.

“Wir erklären jedes Jahr wieder, dass Touristen Abstand halten, ihre Hunde anleinen und die Heuler nicht anfassen sollen”, sagt Karl-Heinz Hildebrandt. Die Nationalparkverwaltung ruft dazu auf, die Heuler zurückzulassen und auf dem Festland einen Seehundjäger oder Mitarbeiter des Nationalparks zu informieren. Trotzdem, sagt Hildebrandt, bringen sich Gäste immer wieder in Gefahr, weil sie trotz auflaufenden Wassers glauben, bei dem Tier bleiben zu müssen.

Er musste schon oft ausrücken, um vermeintliche Heuler-Retter zu retten: Menschen, die schon von der Flut eingeschlossen waren oder im dichten Nebel bei einem Tier ausharrten. “Es ist viel zu verführerisch, überall mal Ei zu machen”, sagt Hildebrandt.

Es ist dann wirklich verführerisch: Der Heuler liegt auf dem Rücken, die Vorderflossen nach links und rechts gestreckt, als würde er sich sonnen. Auf den Ruf des Seehundjägers hin hebt er den Kopf, der voller Sand ist, und öffnet verschlafen die Augen, tiefschwarz und kugelrund und so groß, dass der Stadtmensch natürlich sofort wild entschlossen zur Rettung des hilflosen, flauschigen Wesens schreiten will.

Karl-Heinz Hildebrandt bleibt ruhig. “Wir nehmen nur Tiere mit, die überlebensfähig sind”, sagt er. Selbst dieser Eingriff in die Natur ist für ihn nicht unproblematisch.

“Eigentlich sollte sich die Seehundpopulation im Ökosystem des Nationalparks selbst regeln”, sagt er. Hauptberuflich ist Hildebrandt Nationalpark-Ranger, Naturschützer also, in einem Gebiet, in dem die Natur sich selbst überlassen sein sollte. Im Nationalpark Wattenmeer gehen sie also einen Mittelweg zwischen Naturschutz und Tierschutz: Nur gesunde Heuler werden aufgepäppelt, schwerkranke oder zu schwache Jungen werden nicht in die Seehundstation nach Friedrichskoog gebracht. “In der Natur gibt es ja auch keine Spritzen und Pflaster”, sagt Hildebrandt.

In der Natur stoßen Mütter ihr Junges ab, wenn es bei der Geburt nicht überlebensfähig ist. Die verlassenen Tiere werden dann von der Flut an Land getragen. Es kommt auch vor, dass Muttertiere bei der Geburt sterben, sodass die Jungen alleine durchs Wasser treiben.

Besonders viele Heuler gibt es nach Stürmen oder hohen Fluten, wenn die Seehundbänke überschwemmt werden und das Meer die Jungen mitreißt. Oder wenn die Strömungen so stark werden, dass das Seehundjunge vom Muttertier getrennt wird. Die Heuler, die sich allein von Milch ernähren, können nur wenige Tage überleben.

Natürlich hat sich der Heuler vor Hildebrandt im Watt nicht gesonnt. Er liegt einfach vollkommen entkräftet da – aber, das erkennt Hildebrandt aus der Entfernung, noch in einem gesunden Zustand, nicht zu stark abgemagert. Der Seehundjäger stellt die Plastikkiste ab, die er auf seinen Zügen durchs Watt immer dabei hat, und pirscht sich an das Tier heran.

Mit Brummstimme spricht er auf den Heuler ein. Der robbt erst auf Hildebrandt zu – aber als der ihn hochheben will, aalt er sich und schnappt. Hildebrandt zuckt nicht einmal, sondern beginnt in aller Ruhe, das Zahnfleisch des Heulers zu untersuchen, die Augen, die Krallen, das Geschlecht. “Aha, Du bist ein kleines Mädchen”, sagt er.

Am Zustand des Nabels sieht er, dass das Mädchen eine Woche alt sein muss. Er misst es mit dem Zollstock: 81 Zentimeter. Das ist in Ordnung. Er kann das Tier mitnehmen.

Eine Wattwanderung von mehr als einer Stunde liegt vor Karl-Heinz Hildebrandt, von hinten wälzt sich die Flut auf die Sandbank, von den Seiten drückt sich das Wasser in die Priele. Die Landschaft verändert sich von Minute zu Minute, das Wasser verwischt die Fußspuren im Sand, der Rückweg verschwimmt.

“Wir müssen nicht laufen”, sagt Karl-Heinz Hildebrandt nur. Er geht in zielsicherer Schlangenlinie um die Strömungen herum auf die Salzwiesen zu. Auf einmal bückt er sich, er hat eine Europäische Auster entdeckt, schwarz wie Kohle liegt sie im Watt. “Das ist etwas Besonderes”, sagt er, die Europäische Auster sei lange ausgestorben. Das Tier, von dem die Schale in seiner Hand stammt, müsse vor hundert Jahren gelebt haben.

Hildebrandt hat es nicht eilig, er sammelt noch einen glatten Schäferstock ein, für seinen Nachbarn, schwingt ihn beim Gehen entspannt wie einen Wanderstab.

Vor ihm an Land reckt sich der Leuchtturm von Westerhever ins Blaue. Am Himmel stehen Schäfchenwolken, klein und so kurz, als hätte jemand Papierschnipsel in die Luft geworfen. In der Plastikbox schnauft und tobt der kleine Seehund.

Er kommt jetzt nach Friedrichskoog, in die Seehundstation, wo er gepflegt und aufgezogen wird. Er wird dann, so bald es geht, wieder ausgewildert. Er wird leben.

Informationen

Anfahrt: Mit der Bahn ab Hamburg-Altona nach Husum, von dort mit dem Bus (Linie 1073) bis Westerhever Leuchtturm. Mit dem Auto über die A23 bis Tönning, weiter auf B202.

Information: Nationalpark-Seminarhaus im Leuchtturm Westerhever: www.schutzstation-wattenmeer.de/unsere-stationen/westerhever oder Nationalparkzentrum Multimar Wattforum, Dithmarscher Str. 6a, 25832 Tönning; www.multimar-wattforum.de; Öffnungszeiten April bis Oktober täglich 9 bis 18 Uhr. Eintritt: Erwachsene 9 Euro, Kinder 6 Euro.

Seehunde aus der Nähe: Seehundstation Friedrichskoog, an der Seeschleuse 4, 25718 Friedrichskoog; www.seehundstation-friedrichskoog.de. Heulerfütterung täglich 9, 12.30 und 16.30 Uhr. Eintritt Erwachsene 13,20 Euro, Kinder 8,80 Euro.

Fahrten zu den Seehundbänken: mit den Nationalparkpartnern Reederei Rahder ab Büsum (www.rahder.de) oder Adler-Schiffe ab Nordstrand oder Tönning (www.adler-schiffe.de).

BuchauszugRauchen und der Terror der Tugend

Buchauszug: Rauchen und der Terror der Tugend

In diesen Tagen ist “Glänzende Zeiten” erschienen, das neue Buch des ZEIT-Redakteurs Adam Soboczynski. Eine ironische Betrachtung unserer Welt in 29 Kapiteln. Ein Auszug

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-10/adam-soboczynski-auszug

Adam Soboczynski, geboren 1975 im polnischen Torun, ist Feuilletonredakteur der ZEIT

Der Autor

Adam Soboczynski, geboren 1975 im polnischen Torun, ist Feuilletonredakteur der ZEIT. Im Jahr 2007 erschien sein Buch Polski Tango, 2008 sein Erzählband Die schonende Abwehr verliebter Frauen, oder: Die Kunst der Verstellung. Er lebt in Berlin.

Die Anzahl der Lokale, die ich ab und an aufsuche, ist zusammengeschrumpft auf ein paar ganz wenige, in denen man noch trinken und rauchen darf. Natürlich gibt es Bars, in denen man nur trinken darf und die einigermaßen gut besucht sind, nur geht man schon der Besucher wegen nicht dorthin, die, wie jeder weiß, von unglaublicher Langeweile und behäbiger Gewöhnlichkeit sind. Und natürlich verderben dort die Kinder, die neuerdings überall hin mitgebracht werden, da sie sich in derartigen Etablissements langweilen und herumzetern, die Stimmung.

Niemals würde man ja in Anwesenheit von Kindern einen Annäherungsversuch an eine Frau wagen, weil Kinder ja so unschuldig sind und gleich komisch und neugierig gucken und einen anstupsen. Und oft habe ich schon gedacht, dass die Paare, die mit Kindern immer in Cafés und in Bars herumsitzen, ihre Kinder eigentlich nur mitnehmen, um zu verhindern, dass andere Leute einander rauchend näherkommen, da sie selbst, erloschener Leidenschaft wegen, es den Leuten, die ohne Kinder da sind, einfach nicht gönnen, dass die einander sich näherkommen, weshalb sie jede Bar, die früher immer Ort der dunklen Geheimnisse, der schlüpfrigen Anbandelei und abwegigsten Frivolitäten gewesen ist, zum Kinderspielplatz verwandeln.

Überall hin werden ja heute die Kinder mitgebracht. Nicht so sehr, wie jeder weiß, weil die Eltern notgedrungen, mangels eines Babysitters, sie überall hin mitnehmen müssten, sondern weil sie, die man nur bemitleiden kann, stolz herumgezeigt werden sollen, Trophäen des gesunden Volkskörpers, die den kinderlosen Flaneur des lendenschwachen Sozialschmarotzertums bezichtigen. Mit größtmöglicher Umständlichkeit und Unachtsamkeit drängeln sich die Mütter und Väter heute mit ihren Kinderwagen in die Tram, entschleunigen so die Großstadt, enterotisieren sie durch das Geschrei ihres allen immerzu dreist präsentierten Nachwuchses, der sich ja gar nicht wehren kann gegen sein beständiges Ausstellen, Präsentieren und Vorführen.

In den wenigen Bars, in denen man noch rauchen und trinken darf, spricht man häufig, da sie ja so selten geworden sind, darüber, welch ein Vergnügen es ist, dass es noch Bars gibt, in denen man noch trinken und rauchen darf, gerade weil man weiß, dass man bald auch noch um dieses Vergnügen gebracht werden wird. Weil es ja den Leuten nicht reicht, dass es nur noch wenige Kneipen gibt, in denen man trinken und rauchen darf, nein, sie sollen ganz weg! Es muss ja immer gleich kurzer Prozess gemacht werden.

So sprachen auch der Freund, der erfolgreich etwas mit Kultur macht, und ich, als wir noch zu sehr später Stunde ein Lokal aufgesucht hatten, in dem man noch rauchen und trinken darf, und dass, nachdem wir bei mir bereits zwei ungute Flaschen Wein aus Südfrankreich getrunken hatten, erst einmal darüber, wie gut es doch ist, jetzt noch ein Lokal gefunden zu haben, in dem man noch rauchen und trinken darf.

Ich erzählte, obgleich ich vage wusste, dass ich ihm diese Geschichte schon mindestens einmal erzählt hatte, davon, dass ich vor einigen Jahren, als ich nach einem zweisemestrigen Studienaufenthalt in Amerika, der mir als entsetzlich, im Mindesten aber als völlig überflüssig erinnerlich ist, zurückgekehrt war, mir am Flughafen eine Flasche Bier kaufte, den IC bestieg, der in einem unterirdischen Trakt des Bahnhofs abfuhr, dass ich mich gleich in ein Raucherabteil setzte, mir eine Zigarette anzündete und schon kurz darauf dumpf, da mir die Zeitverschiebung zusetzte, hinaus auf eine unaufgeregte Landschaft mit sanften Hügeln schaute.

Dass man tatsächlich mit einer Flasche Bier rauchend im Zug sitzen konnte, sagte ich, ohne von den anderen Fahrgästen sogleich als verrohtes Subjekt wahrgenommen zu werden, sondern, im Gegenteil, als ein ganz gewöhnliches und zivilisiertes, schien mir zutiefst menschenfreundlich, etwas, das ich in dem Land, aus dem ich endlich entkommen war, schmerzlich vermisst hatte. Heute, sagte ich, würde ich niemals mit einer Flasche Bier das Abteil betreten, sogleich würde man nämlich als verrohtes Subjekt aufgefasst werden.

Es hatte mir in Amerika nie eingeleuchtet, sagte ich, nachdem wir endlich – wir saßen an der Bar – das Bier von einer etwas unbeholfen zapfenden jungen Frau hingestellt bekamen, dass die Parks um sieben Uhr abends verriegelt wurden, dass man in den Bars nicht rauchen durfte, dass man auf Straßen keinen Alkohol trank, dass man seine Volljährigkeit ausweisen musste, um ein Lokal zu betreten, dass es verpönt war, sich zu Fuß fortzubewegen, dass es also keine städtische Kultur mit Passanten gab, dass keine Züge fuhren, die weit voneinander entfernte Städte miteinander verbanden, dass die Schilder der wenigen öffentlichen Strände ungeheure Verbote anzeigten: kein Lagerfeuer, keine Glasflaschen, angemessene Kleidung, kein Rumhängen (“loitering”), und natürlich auch hier: weder Rauchen noch Trinken!

Europa, sagte ich, während wir auch schon, glaube ich, das zweite Bier bestellten, unterschied sich noch vor wenigen Jahren von Amerika darin, dass es die Angst vor dem Individuum mit seinen verlotterten Sitten und Süchten nicht kannte, dass es recht großzügig verfuhr mit unseren Fehlbarkeiten und Schwächen, dass es darauf setzte, dass sich das Alltagsverhalten erwachsener Menschen im Großen und Ganzen selbst regelt.

Woher nur stammt nun das entflammte Misstrauen, das uns seit einiger Zeit auch hier entgegenschlägt?, fragte ich den Freund. Und antwortete gleich selbst: Weil die Politiker begriffen haben, dass sie der Mehrheit schmeicheln können, wenn sie derart vormodernes Verhalten wie Rauchen und Trinken mit dem Terror der Tugend angehen. Der Staat, sagte ich, ohnmächtig wie er ist, da sein Einfluss mit der Globalisierung herabsinkt, trumpft als Sittenwächter auf. Er darf auf Applaus hoffen, wo er an den niederen Instinkten des Volkes rührt, auf diesem Feld erstrahlt er noch einmal wundersam tatkräftig.

Die verkommenen Eckkneipen des Arbeiters, sagte ich zu dem Freund, die von den zugezogenen Süddeutschen im Prenzlauer Berg als letzte Oasen der Ruhestörung und Versoffenheit argwöhnisch beäugt werden, braucht man nicht zu verbieten. Es reicht, ein Rauchverbot zu erlassen, das den Gepflogenheiten der sich am Schnaps tröstenden Schicht grob zuwiderläuft. Lustbarkeiten, die man sich selbst verkneift, um am nächsten Morgen ausgeschlafen und frisch rasiert im Architekturbüro zu erscheinen, gönnt man dem faulen Gesindel, das eh nur Steuergelder abgreift, gar nicht gerne, sagte ich. Wie man dem Kinderlosen nicht gönnt, dass er in Bars und Cafés noch das Abenteuer sucht und er das Bewundern fremder Leute Familienglück nicht als Gipfel seiner Freizeitgestaltung begrüßt. Alles, ja, man muss es so drastisch sagen, sagte ich, wirklich alles, was im Namen von Volksgesundheit und Umwelt als derzeit im Alltagsverhalten wünschenswert propagiert wird, fördert das Ressentiment und die Unterdrückung der Minderheit durch die Mehrheit. Ich habe kürzlich erst gehört, dass, glaube ich, die Schweden ein europaweites Verbot der Prostitution durchsetzen wollen. Es ist entsetzlich.

Verboten werden in manchen Bundesländern, wie ich las, schon der Verkauf von Alkohol an Tankstellen, verboten werden die Außengastronomie am frühen Abend und das Rauchen sogar draußen, auf dem Spielplatz etwa, was den großen Vorzug hat, vermute ich, sagte ich, dass die sonnenbankgebräunte Unterschichtenmutter mit ihren feisten Töchtern und Söhnen ihm lieber fernbleiben. Wie auch der kettenrauchende alleinerziehende Vater intellektueller Prägung nunmehr seinen Balkon vorziehen dürfte. Wie überhaupt die Unterschicht mit dem Intellektuellen die Laster teilt. Der Blick ist gerichtet auf die Dicken, die man dünn haben will, die Untüchtigen, die man tüchtig haben will, die Lesenden, denen man nützliche Arbeit an den Hals wünscht. Der untüchtige Hausmeister wird heute in gleichem Ausmaß verachtet wie der einsame Leser, dessen genussvolle Muße jedem Gehetzten als Affront entgegenschlagen muss.

Von besonderer Niedertracht, sagte ich dem Freund, sind die Statistiken, die man überall in der Zeitung oder im Netz über den volkswirtschaftlichen Schaden des Rauchens lesen kann. Schon die Zigarettenpausen, die der Arbeitszeit abgetrotzt werden, machen einen Schaden von soundso vielen Hunderten Millionen aus. Mit gleichem Recht aber, sagte ich, müsste man gegen jene Sekretärinnen vorgehen, die sich im Stundentakt das Make-up auffrischen und so immerzu ihre Arbeit unterbrechen, gegen die blasenschwachen Ministerialbeamten und gegen Ärzte, die sich zu oft in der Nase popeln, gegen diejenigen, die heimlich private E-Mails schreiben, und gegen die Verträumten, die zu oft aus dem Fenster schauen, ach, gegen alle.

Das “gegen alle” war dann doch etwas zu laut daher gesagt, die Bedienung rollte die Augen, der Freund klopfte mir scherzhaft auf die Schulter, wies freundlich, aber entschieden zum Ausgang, und ich sagte nur noch, als wir wieder hinaustrauten auf die Straße, die sich bereits im mahnenden Dämmerlicht abzeichnete, und ich mich gähnend streckte, dass jeder Nichtraucher eh nur ein Übergewichtiger mehr sei, gegen den man auch schon wieder etwas haben könne.

Aus:

Adam Soboczynski
“Glänzende Zeiten. Fast ein Roman.”,

Aufbau Verlag,
Berlin 2010,
224 Seiten,
18,95 Euro

Adam Soboczynski liest aus seinem neuen Roman: http://www.zeit.de/video/2010-10/626947888001

Robert Pfaller”Genuss ist politisch”

Robert Pfaller“Genuss ist politisch”

http://www.zeit.de/campus/2012/06/robert-pfaller-philosophie-genuss

Robert Pfaller

Der Philosophieprofessor Robert Pfaller, 50, gilt als klügster Gegner des Rauchverbots – dabei greift er selbst kaum zur Zigarette. Sein Essay »Wofür es sich zu leben lohnt« erschien gerade als Taschenbuch (Fischer, 2012)

Der Philosoph Robert Pfaller

Der Philosoph Robert Pfaller verteidigt die Unvernunft. Das Leben sei nur dann lebenswert, sagt er, wenn wir miteinander feiern, trinken und schlafen.

ZEIT Campus: Herr Pfaller, wann haben Sie das letzte Mal eine kindische Dummheit begangen?

Robert Pfaller: Oh, erst vor Kurzem. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, welche.

ZEIT Campus: Nicht? Dabei schreiben Sie, man müsse sich kindische Dummheiten gönnen, sonst sei das Leben nicht lebenswert.

Pfaller: Bezeichnenderweise kann man anderen Leuten heute aber nichts mehr vorbildhaft vorleben – auch nicht als Philosoph. Früher war das anders: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zum Beispiel führten in den 1950er Jahren eine offene Beziehung. Das passte zu ihrer Philosophie, wich von den Moralvorstellungen ab – und hatte eine Vorbildfunktion, die etwas in der Gesellschaft veränderte. Heute ist das nicht mehr möglich. Wer heute abweicht, wird nur als Freak wahrgenommen. Die anderen nehmen sich kein Beispiel, sondern zeigen bloß mit dem Finger auf ihn.

ZEIT Campus: Heute ist aber auch viel mehr erlaubt als in den 1950ern!

Pfaller: Da sollten wir uns nicht täuschen. Wir dürfen heute nicht viel mehr. Der Unterschied ist, dass wir uns mit immer besseren Argumenten selbst verbieten, was uns früher von anderen Menschen verboten worden wäre.

ZEIT Campus: Das müssen Sie bitte erklären.

Pfaller: Frauen und Männer sind heute mindestens genauso sexfeindlich und scheu wie in den 1950ern. Nur die Gründe sind andere. Damals fürchtete man den Verlust des öffentlichen Ansehens und die gesellschaftlichen Tabus. Heute sind die Motive Emanzipiertheit und Respekt vor der Emanzipation. Was früher als höflicher und charmanter Umgang galt, lehnen wir ab, weil wir solche sozialen und kulturellen Gebote als »normierend« empfinden. Wir fürchten um die Selbstbestimmung und unsere angeblich so verletzliche Identität.

ZEIT Campus: Ist doch gut: Jeder kann sein, wie er will.

Pfaller: Auffällig ist nur, dass die wenigsten dabei glücklich sind. Psychoanalytisch ist das erklärbar: In jedem Begehren, das wir haben, steckt auch das Begehren der anderen. Jede Mode, die uns gefällt, gefällt uns, weil sie anderen gefällt – und weil wir hoffen, anderen darin zu gefallen. Wenn wir das für Fremdbestimmung halten und ablehnen, dann rebellieren wir aber nicht gegen einschränkende Normen, sondern gegen unsere Geselligkeit. Gegen gesellschaftliche Ideale, die uns helfen, keine miesen Spaßverderber zu sein. Gesellschaftliche Ideale, die für unser Glück notwendig sind.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Pfaller: Wenn wir Fußball spielen, mag es frustrierend sein, sich mit einem Zinedine Zidane zu vergleichen, aber es spornt auch an und führt zu Glücksmomenten, wenn uns etwas Kleines gelingt. Wenn mir aber gesagt wird: »Hier ist ein Ball, spielen Sie doch so, wie Sie wollen«, dann weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich glaube, dass das Unglück vieler Menschen auch daher kommt, dass uns die Idealvorstellungen fehlen.

ZEIT Campus: Und warum sind Ihnen neben den Vorbildern die kindischen Dummheiten so wichtig?

Pfaller: Während uns die sozialen Ideale abhandengekommen sind, beherrscht uns heute das viel perfidere, im »Ich« verankerte Ideal der Vernunft. Wir erleben nicht mehr den äußeren Druck, uns auf irgendeine Weise akzeptabel zu verhalten, sondern den inneren Druck, immer vernünftig zu sein. Das heißt: möglichst effizient zu handeln, uns permanent selbst zu optimieren und alles zu vermeiden, was zwar lustvoll, aber scheinbar schlecht für uns ist. Deshalb trinken wir Bier ohne Alkohol, essen Margarine ohne Fett und haben im Internet Sex ohne Körperkontakt.

ZEIT Campus: Was spricht dagegen?

Pfaller: Immer nur vernünftig zu sein ist kein Kennzeichen davon, dass man tatsächlich vernünftig ist. Man verhält sich dann nicht erwachsen, sondern schrecklich altklug. Altkluge Kinder sagen: »Ich werde nie Alkohol trinken! Ich werde nie meine Zeit mit Mädchen verschwenden!« Sie verstehen nicht, warum Erwachsene scherzen, sich berauschen oder sich verlieben, also unvernünftige Dinge tun.

ZEIT Campus: Und warum tun Erwachsene das?

Pfaller: Wer nur vernünftig ist, funktioniert wie eine Maschine. Das ist nicht lebenswert. Wir arbeiten dann ständig dafür, unser Leben zu finanzieren und zu verlängern. Aber wir fragen uns nicht, wofür wir überhaupt am Leben sind. Erst wenn wir unvernünftige Dinge tun, tanzen, trinken oder uns verlieben, haben wir das Gefühl, dass es sich zu leben lohnt.

ZEIT Campus: Woran liegt das?

Pfaller: Nur wenn wir ein bisschen verschwenderisch mit dem Leben umgehen, verhalten wir uns wirklich souverän und frei, weil das Leben dann nicht mehr Mittel zum Zweck ist. Alles, was uns Genuss verschafft, hat deshalb ein zwiespältiges und unvernünftiges Element. Alkohol ist ungesund, Sex ist unappetitlich, und Musikhören ist Zeitverschwendung.

ZEIT Campus: Wir genießen nur das, was uns schadet?

Pfaller: Ja, und deshalb können wir Alkohol, Sex und selbst den Müßiggang des Musikhörens nur in bestimmten Momenten, gemeinsam mit anderen, genießen. Allein ein Glas Sekt zu trinken macht keinen Spaß. Dafür schmeckt es umso besser, wenn jemand sagt: »Wir lassen jetzt die Arbeit ruhen und stoßen an, denn die Kollegin hat Geburtstag!« Es ist die besondere Kraft der Kultur, dass sie uns aus unserem vernünftigen, aber unsouveränen Alltagsverhalten herausreißen kann. Sie erlaubt uns, ab und zu unvernünftig zu sein und mit anderen Menschen das Leben zu genießen.

ZEIT Campus: Mal ehrlich: Beschäftigen Sie sich nicht mit philosophischen Luxusproblemen?

Pfaller: Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck unserer Luxusgesellschaft, dass wir glauben, uns mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigten zu müssen. Wenn sich unterdrückte Menschen zu Revolutionen erheben, geht es ihnen niemals nur um den Kampf gegen Hunger oder Armut, sondern immer auch um Glück und Würde. Diese Revolutionäre fordern ein Leben, für das es sich zu leben lohnt. Diese Forderung ist in den reichsten Gesellschaften der Welt abhandengekommen.

ZEIT Campus: Die EU bricht auseinander, der Klimawandel ist kaum noch zu stoppen, und Sie sagen: »Leute, genießt euer Glas Sekt«?

Pfaller: Die Genussfrage ist aus meiner Sicht eine politische Frage. Früher gab es einen öffentlichen Raum, der von gemeinsamen Idealen geprägt war. Man trug in der Öffentlichkeit feinere Kleider und benahm sich höflicher als zu Hause. Wenn andere rauchen wollten, dann ließ man das zu, denn das galt als elegant. Weil es diese geteilten Vorstellungen von Eleganz nicht mehr gibt und jeder die Qualität von Öffentlichkeit mit seinen privaten Maßstäben misst, sind wir heute schnell dabei, alles zu verbieten, was uns stört: Auf manchen öffentlichen Plätzen darf kein Alkohol mehr getrunken werden, in Bars und Restaurants gilt das Rauchverbot.

ZEIT Campus: Aber es ist doch auch unhöflich, anderen Rauch ins Gesicht zu blasen.

Pfaller: Während uns das Rauchverbot als Fortschritt verkauft wird, finden enorme politische Beraubungen statt. Sie haben heute vielerorts keinen Anspruch mehr auf öffentlich finanzierte Hochschulbildung, auf soziale Sicherheit oder auf eine verlässliche Altersvorsorge – geschweige denn auf Würde, Eleganz und Genuss. Das müssen Sie alles privat für sich regeln. Die Öffentlichkeit wird zu einer Sphäre von Verboten und von Verzicht.

ZEIT Campus: Man könnte auch sagen, dass es ein Zeichen von Souveränität und Freiheit ist, Alkohol und Zigaretten abzulehnen.

Pfaller: Dann stellt sich die Frage, wo wir Freiheit verorten. Bin ich da frei, wo ich auf meine kleine, einsame Privatexistenz reduziert bin und mir nicht zugetraut wird, über meine Befindlichkeiten hinauszuwachsen? Oder ist Freiheit das, was meine gesellschaftliche, politische und öffentliche Existenz ausmacht? Ich denke, Freiheit liegt in der Öffentlichkeit, in der Existenz als politischer Bürger gemeinsam mit anderen. Wenn jeder nur seine Eigeninteressen verfolgt, ist das keine Befreiung, sondern Entpolitisierung und Entsolidarisierung.

ZEIT Campus: Erst dadurch, dass wir genießen, werden wir zu politischen Bürgern?

Pfaller: Umgekehrt: Wir müssen politische Bürger werden, um genießen zu können. Wir müssen uns öffentliche Räume zurückerobern, um glücksfähig zu werden. Dabei müssen wir uns gegen eine Regierung wehren, die die Bankenaufsicht vernachlässigt und stattdessen das Rauchen verbietet – und auch dagegen, dass uns Ideen als befreiend oder solidarisch vorkommen, die es gar nicht sind.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit konkret?

Pfaller: Etwa die Idee der Vielfalt, oder diversity, die in Wahrheit immer eine Vielfalt von einfältigen Identitäten und homogenen Communitys ist. Statt von Community, also Gemeinschaft, sollten wir von Gesellschaft sprechen.

ZEIT Campus: Was ist falsch an der Community?

Pfaller: Niemand ist nur Frau, nur Muslim oder nur Bondage-Fan. Alle können auch etwas anderes, Öffentliches sein. Wir brauchen öffentliche Räume, in denen man uns zutraut, von unseren privaten Eigenschaften abzusehen und mit Menschen solidarisch zu sein, mit denen wir keine privaten Interessen teilen. Das allein macht schon ziemlich glücklich.

ZEIT Campus: Genießen Sie mehr oder weniger, seit Sie beruflich über dieses Thema nachdenken?

Pfaller: Das Nachdenken über Glück und Genuss kann ein wichtiger Teil des Glücks sein. Und das genieße ich sehr.

 

Liebe als Notfall

Robert Pfallers kleiner Katalog der narzisstischen Weltdeutung und des Jammerns

Wenige haben die Begabung, sich in ihr eigenes Spiegelbild zu verlieben. Der Narziss von heute schaut sich ununterbrochen an, und es kommt keine Liebe auf. Um sich endgültig zu mögen, benötigt er noch dieses und dann jenes, sei es Materielles oder Geistiges wie Ansichten, Ansehen oder Einfälle. Es hört aber nie auf, er ist, was jede Art von Liebe betrifft, ein dauernder Notfall. In der Not bleibt Selbstbespiegelung sein Metier, seine Sucht.

Natürlich arbeitet er schwer an sich. »Narziss«, heißt es bei Ronald D. Laing, »verliebte sich in sein Bild, indem er es für einen anderen hielt.« Das ist überhaupt die fatale, ihm gemäße Täuschung. Wofür er sich auch begeistert, die Kunst, die Politik, es ist trotz aller Anstrengung immer nur er selbst gewesen, den er wirklich gesehen hat. Aber der Arme findet stets Kritiker, die ausgerechnet ihm den Spiegel vorhalten, und darin sieht er so gar nicht liebenswert aus, sondern manchmal sogar wie die Kulturschande in Person.

Auch darüber habe ich viel aus dem Buch gelernt: Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft (Symptome der Gegenwartskultur; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 334 S., 12,95 €). Pfaller stellt polemisch einen kleinen Katalog der narzisstischen Weltdeutung auf: »Ein Subjekt ist etwas Besseres als ein Objekt; das Angeeignete ist besser als das Entfremdete; das Authentische besser als das Kunstvolle; das Selbstgestaltete besser als das Vorgefundene; das Konstruierte besser als das Gegebene; das Immaterielle besser als das Materielle; die Freiheit besser als das Glück.« Vor allem entfaltet der Narzissmus sein schändliches Wirken, indem er das Eigene über alles Allgemeine stellt und es am Ende so aussehen lässt, dass das Eigene gut und gern als Allgemeines auftreten kann.

Die Freiheit, die der Narzissmus meint, ist paradox: Sie geriert sich in ihrem Begehren nach Gleichheit mit sich selbst als Freiheit von Macht; sie ist verknallt in die Ohnmacht. Die Welt ist ja schlecht, und alle, die ihr was entreißen wollen, machen sich schmutzig. Rein bleibt nur, wer sich die Welt vom Leibe hält. Es ist, wie gemacht für Zeiten wie diese, die Stimmung »selbstgefälliger Verzweiflung«. Man hat einen Knacks und geht von Talkshow zu Talkshow, um zufrieden zu berichten, dass man einen hat. Und, ach, man sieht, »wie kritische Vernunft zu einem Unternehmen der selbstmitleidigen Selbstbeschränkung geraten ist«.

Der Philosoph Pfaller zeigt, dass zu dieser postmodernen Ethik der Beschwerde und des Jammerns eine korrekte Vernunft passt, der alles Abweichende, alles »Heilige«, aller Glamour, aller Charme schmutzig vorkommt. Sie setzt nur auf das Vertraute. An der Sexualität interessiert sie nicht die Ekstase, sondern die Depression, an der Kriminalität nicht ihre bedeutungsvolle Vielseitigkeit, sondern, siehe CSI, die naturwissenschaftlich-geradlinige Ermittlung der Täter. Das alles macht die Welt ärmer, am Ende will man gar kein Narziss mehr sein.

Reine Raffgier

Einige Banken verlangen dreimal so viel Dispo-Zinsen wie faire Institute. Die Begründung dafür ist oft abenteuerlich.

 

Geschenke verteilen Banken selten. Die Sparda-Bank Hamburg hat es im vergangenen Jahr getan. Sie schenkte ihren Kunden niedrige Dispo-Zinsen zur “Volljährigkeit”. So nennt Abteilungsdirektor Dieter Miloschik das Jahr, in dem die Sparda-Bank zum achtzehnten Mal hintereinander bei einer Umfrage unter ihren Kunden gut abgeschnitten hat: “Darüber haben wir uns so gefreut, dass wir als Dankeschön den Dispo-Zins um 1,8 Punkte gesenkt haben.” Der liegt jetzt bei 9,65 Prozent – das ist für eine deutsche Bank sensationell günstig. Es geht also mit dem kleinen Dispo-Zins. Man muss nur wollen.

Die allermeisten Banken, Sparkassen und Volksbanken wollen aber nicht. Bis heute halten sie – trotz historisch tief gesunkener Leitzinsen – an sehr hohen Dispo-Zinsen fest. Oft sind die sogar so hoch, dass Verbraucherschützer und Juristen sagen: Das ist Abzocke! Außerdem entziehen sich viele Institute einem Vergleich, indem sie nur ihren Kunden die Konditionen nennen. Bundesweite Transparenz? Existiert nicht. Deshalb baten wir vor wenigen Wochen in einer großen Umfrage unsere Leser, uns ihre Dispo-Zinssätze zu nennen.

Viele Tausend Leser haben sich daran beteiligt und geholfen, neue und oft empörende Einblicke in die deutsche Bankenwelt zu gewinnen. Den Daten unserer Leser zufolge liegt der Strafzins für die Kontoüberziehung im Schnitt bei 12 Prozent und damit weit über den neun Prozent, die der Bundesgerichtshof in seiner ständigen Rechtsprechung als gerechtfertigt ansieht. Drei von vier Geldinstituten, über die unsere Leser berichtet haben, liegen über diesem Satz.

Die ganz großen Abkassierer sind ausgerechnet die Kleinsten: Die regionalen Volksbanken und Sparkassen nutzen ihre Vormachtstellung auf dem Land aus. Unsere Leserdaten zeigen, dass vor allem die Volksbanken überdurchschnittlich oft hohe Überziehungszinsen verlangen. In Sachsen-Anhalt liegt ihr Mittelwert bei 13,6 Prozent. Nur die Sparda-Banken bilden oft eine lobenswerte Ausnahme innerhalb der Volksbanken-Gruppe. Ein Mitarbeiter der Sparda-Bank Hamburg sagt: “Gehen Sie mal davon aus, dass die Grundkosten bei allen identisch sind.” Das heißt aber: Wenn Institute wie die PSD-Banken mit 7,0 bis 7,5 Prozent hinkommen, müssten es andere auch können. Ein Vorstand einer Volksbank in Süddeutschland gibt zu: “Ob Sie als Bank einen Zins von 10,25 oder 9,75 verlangen, ist relativ egal.” Die entscheidende Frage lautet bloß: Wie viel Marge hätte die Bank denn gern?

18,45 Prozent, so viel knöpft die Sparkasse Attendorn im Sauerland ihren Kunden für die geduldete Kontoüberziehung ab und ist damit einer der Spitzenreiter. “Ganz pauschal, das ist auch nicht verhandelbar”, gibt sich die Sparkasse hart. Sie selbst findet das nicht so dramatisch: “Das tut ja keinem weh, wenn auf diese Weise mal ein paar Tage überbrückt werden müssen.” Mancher Kunde, der in den Miesen ist, wird das anders sehen.

Auffällig ist auch, wie kräftig die Großbanken hinlangen: Die Targobank, bis 2008 als Citibank bekannt, führt in dieser Gruppe die Liste unserer Leser an. Wer bei der Targobank mit maximal 100 Euro in den Miesen ist, zahlt zwar gar keine Dispo-Zinsen, darüber hinaus wird es aber richtig teuer. Dann verlangt sie für das sogenannte Komfort-Konto jährlich 13,99 Prozent und dazu eine monatliche Zusatzgebühr von 4,95 Euro, wenn man den Dispo überschreitet. Direkt dahinter folgt die Deutsche Bank mit 12,25 Prozent und einer Strafgebühr von 6,90 Euro pro Quartal für Dispo-Überzieher. Auch die Postbank langt kräftig zu mit 12,3 Prozent. Für solche Höhen haben Juristen ein Wort: Wucher. Die Großbanken entgegnen: “Wer so etwas sagt, hat keine Ahnung. Viel teurer als der Marktschnitt sind wir auch nicht.” Nur namentlich zitiert werden will damit niemand. Aus den Daten wird deutlich: Es scheint reine Willkür zu sein, wie kräftig einzelne Institute zulangen.

Die Begründungen dafür sind abenteuerlich. “Wir sind eben eine Premiumbank – nicht nur bei der Beratung, manchmal auch im Preis”, sagt der Mitarbeiter einer Großbank. Eine Kollegin von der Konkurrenz zeigt genauso wenig Unrechtsbewusstsein: “Wir müssen eben zusehen, dass wir auch Geld verdienen.”

Wo es offizielle Erklärungen gibt, wirken diese wie Nebelkerzen. “Die Höhe orientiert sich an Ihren regelmäßigen Gehaltseingängen”, steht beispielsweise in den Konditionen der Sparkasse Münsterland Ost. “Die Zinssätze gelten bundesweit einheitlich”, heißt es bei der Postbank. Wieder andere Banken erklären, der Dispo-Zinssatz “ergibt sich aus dem Preisaushang, sofern keine abweichende Vereinbarung getroffen wurde”. Bei denen ist der Preis also Verhandlungssache.

Und die Commerzbank senkte den Dispo-Zins zuletzt auf 11,9 Prozent – aber nur für Neukunden. Altkunden zahlen mehr. Sie werden also für ihre Treue bestraft.

Dabei müssen laut einer EU-Verbraucherkreditrichtlinie die Dispo-Zinsen seit 2011 zwingend an einen Referenzzins gekoppelt sein, und an diese Richtlinie müssen sich auch deutsche Banken halten. Einige von ihnen nehmen den Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB). Viele Institute wählen auch den Drei-Monats-Euribor, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Trotzdem finden sie Wege, weiter nach Gutdünken zu handeln. “Das heißt aber nicht, dass auch der Dispo-Zins sinkt, wenn der Euribor sinkt”, erklärt ein Banksprecher. Es gebe lediglich “die Möglichkeit, den Preis unter bestimmten Bedingungen anzupassen, wenn der Referenzzins an einem bestimmten Stichtag nennenswert unter einen Durchschnittswert fällt”. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Großbank UniCredit: Der Drei-Monats-Euribor lag im Juni 2011 bei 1,3 Prozent, fiel ein Jahr später auf 0,66 Prozent und liegt heute bei 0,2 Prozent. UniCredit hob in denselben Monaten erst die Dispo-Zinsen von 12,26 Prozent auf 12,54 und senkte sie Ende des vergangenen Jahres auf 11,15 Prozent ab.

Theoretisch können sich Verbraucher natürlich ihre Bank aussuchen – und damit den Dispo. In der Praxis haben sie vor allem auf dem Land kaum eine Wahl, denn beim Zins orientieren sich gerade regionale Institute an der Konkurrenz vor Ort, räumen Volksbank-Vertreter ein. Es ist ein ähnliches Prinzip wie im Tankstellengeschäft.

Die Zinssätze der Konkurrenz seien doch kein Geheimnis, behauptet dagegen ein Privatbanker: “Die kann man doch easy nachgucken im Internet oder in der Filiale.” Banker vielleicht. Aber Kunden nicht unbedingt. Denn man mag die Konditionen der Großbanken mit denen der unschlagbar günstigen Direktbanken vergleichen können. Aber für die meisten Volksbanken und Sparkassen, deren Zinssätze im Zuge dieser Recherche überprüft wurden, ist Transparenz ein Fremdwort.

Der Volksbanken-Verband empfahl zwar nach dem Aufruf in der ZEIT und bei ZEIT ONLINE vor wenigen Wochen seinen 12.000 Zweigstellen, sie sollten doch die Höhe ihrer Zinsen im Internet veröffentlichen. Schließlich sei “Transparenz gegenüber den Kunden ein hohes Gut”, und “eine Internetveröffentlichung der Dispositionskreditzinsen dient der weiteren Festigung dieser besonderen Kunde-Bank-Beziehung”. Einige Volksbanken folgten diesem Aufruf sogar. Bei unserer Nachrecherche fanden wir plötzlich Preisaushänge im Netz, die Tage zuvor nicht dort gewesen waren.

Doch die meisten Filialen nehmen Transparenz immer noch nicht ernst. Auf vielen Internetseiten sucht man Angaben zur Zinshöhe weiterhin vergeblich, obwohl Volksbanken und Sparkassen das Layout ihrer Internetseiten standardisiert haben.

Gerade bei den Volksbanken geht es drunter und drüber: Mal findet man den Dispo-Zins unter dem Stichwort “Kontomodell”, mal zufällig unter “Kredite”. Einige Institute sind ganz findig und schreiben in ihrem Internetauftritt zwar: “Auf dieser Seite finden Sie unseren Preisaushang”, doch dann folgt entweder gar nichts – oder ein Link, und der führt zu einer Fehlermeldung (“Diese Seite konnte nicht geöffnet werden”) oder zu einem Preis-Leistungs-Verzeichnis, in dem akribisch viele Kosten für die Kontoführung aufgelistet sind – bloß nicht der Dispo-Zins. Stattdessen liest man Sätze wie: “Für Inanspruchnahmen des Kontos, die nicht durch ein Guthaben oder einen eingeräumten Kreditrahmen gedeckt sind (Kontoüberziehungen), sind die vertraglich vereinbarten Überziehungszinsen zu zahlen. Ist im Vertrag eine Vereinbarung nicht getroffen, sind die im Preisaushang aufgeführten Überziehungszinsen zu zahlen.” Genau, der Preisaushang – wo war der noch gleich?

Ein Volksbank-Chef erzählt sogar, er habe ihn wieder aus dem Internet entfernt, nachdem kritische Verbraucherschützer nach Details gefragt hätten. Jetzt habe man “technische Probleme”, ihn wieder ins Netz zu stellen – seltsam, schon seit mehr als einem halben Jahr. Andere Bankmitarbeiter behaupten lapidar, “der Preisaushang muss da schon irgendwo sein auf unserer Seite, aber ich habe ihn selbst noch nicht gefunden. Zwingend ausweisen müssen wir ihn ja auch nicht.”

Banker wissen genau, wie heikel ihre Dispo-Zinsen sind. Im Zuge der Recherche ereigneten sich denn auch die seltsamsten Dinge, wenn man sie darauf ansprach: Bei einer Bank waren angeblich alle Mitarbeiter einer Geschäftsstelle nachmittags um 15 Uhr ausgeflogen. In einer anderen nahmen sie keine Anrufe entgegen. Die Sparkasse Odenwaldkreis schickte nach einem fünfminütigen telefonischen Pingpongspiel zwischen Kundenberater und Servicemitarbeiterin die hauseigene Juristin vor. Die dementierte dann den Zinssatz, den unsere Leser gemeldet hatten (19 Prozent), wollte aber partout nicht den tatsächlichen Zinssatz nennen.

Eine Mitarbeiterin der Mendener Bank hinterließ auf dem Anrufbeantworter die Nachricht, man nehme keine Stellung zum Zinssatz, den die Leser gemeldet haben, und überhaupt könne man “sich weitere Anrufe deresgleichen auch sparen”. Ein Kundenberater sagte: “Schreiben Sie uns doch einen Brief”, und behauptete dreist: “Eine Mailadresse haben unsere Mitarbeiter nicht. Es gibt auch keine Sammelmail für die Geschäftsstelle” – obwohl die auf der Bankwebsite steht.

Bei der Volksbank Köthen antwortet ein Mitarbeiter barsch, man teile den Zinssatz nur Kunden nach Nennung der Kontonummer mit – und ohnehin nur im Vieraugengespräch in der Filiale.

Es geht aber auch besser: Knapp zehn Prozent der Banken erheben nach Angaben unserer Leser nur einen Zinssatz im einstelligen Bereich. Auffällig oft sind es christliche und soziale Institute wie die ethisch-ökologische GLS Bank. Auch die Evangelische Darlehensgenossenschaft (5,51 Prozent) und die Bank für Kirche und Caritas (6,22 Prozent) verlangen eher niedrige Dispo-Zinsen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich weniger an Gewinnmargen orientieren, sondern an der Bibel. Die kennt nämlich das Wucherverbot.

Banken – Immer Ärger mit dem Dispo

http://www.zeit.de/2013/25/dispo-zinsen-leser-debatte

Wie ein ZEIT-Artikel zu Überziehungszinsen Tausende Leser zu Kollaborateuren werden ließ

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