Doping – Wie man zum Schwein wird

Doping Wie man zum Schwein wird

03.08.2013 ·  Lüge, Betrug, Rücksichtslosigkeit: Erik Zabel ist ein Musterbeispiel für den Sportprofi, der nach einer überholten Moral leben soll. Mit dem Spielerischen am Sport sind auch die Maßstäbe verlorengegangen.

Von Volker Schürmann

Animal Farm - Aufstand der Tiere - o
Fairness gepredigt, Foulspiel praktiziert: Chefschwein Napoleon, aus dem Film Animal Farm /DDP image service
er über den Sport in dieser Welt sprechen, gar streiten will, kann nicht nur über den Sport reden. Es gab Zeiten, da galt Sport als Spiel. Bekanntlich gibt es zwei Sorten von Spielverderbern. Zum einen diejenigen, die nicht ernsthaft spielen und gar nicht gewinnen wollen. Die tun nur so, als ob sie spielen – dabei tun sie etwas anderes, zum Beispiel die ganze Zeit reden beim Spielen. Einige verbrämen das auch noch als Geselligkeit. Zum anderen diejenigen, die zu ernsthaft spielen und nur gewinnen wollen. Die tun nicht einmal so, als würden sie spielen. Einige verbrämen das auch noch als gesunde Härte.Als der Sport, frühneuzeitlich, noch ein Gentlemen-Vergnügen war, gab es wenig Spielverderber. Der nötige Ernst war gewahrt, denn man ließ gewinnen und wettete auf den Sieger. Aber zu ernst wurde es auch nicht, denn für den Ernstfall wählte man das Duell. Wer dagegen Sport trieb, der musste die Grazie wahren; es war verpönt, sich allzu sehr für den Sieg anzustrengen, gar vorbereitend zu trainieren, denn das dokumentierte, dass man das Preisgeld, nicht aber das Vergnügen suchte. Und das haben Gentlemen nicht nötig.

Jeder Fortschritt hat seinen Preis

Heute gibt es im öffentlich sichtbaren, nicht bloß privaten, Sport kaum noch die Spielverderber, die nicht ernsthaft gewinnen wollen oder müssen. Als es offiziell Amateure gab, mag das noch anders gewesen sein. Amateur im Leistungssport zu sein, muss man sich leisten können. Sport soll aber offen für alle sein, und deshalb haben solche feudalen Überreste des Gentlemen-Vergnügens heute zum Glück ausgespielt. Man lobt ihn nicht gerne, aber dass der Amateurparagraph unter der Ägide von Samaranch im olympischen Sport abgeschafft wurde, hat ersichtlich einen Anachronismus beseitigt.

Freilich, und so viel Dialektik der Aufklärung muss sein: Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Alles spricht sogar dafür, dass das damalige IOC an diesem Preis, nicht aber am historischen Fortschritt interessiert war. Seitdem jedenfalls kann im olympischen Sport ganz ungehemmt dem Erfolg gefrönt werden. Man darf getrost unterstellen, dass Samaranch, ein gestandener Franquist und demokratischen Anliegen gänzlich abhold, persönlich manch melancholische Phase durchgemacht hat, alte Adelszöpfe des Olympismus abschneiden zu müssen.

Aber was ist mit jenen Spielverderbern, die einstmals zu ernsthaft Sport trieben? Aller Anschein spricht dafür, dass der Sport kein Spiel mehr ist – und man ihn folglich nicht dadurch verdirbt, zu ernsthaft zu spielen, sondern dass man ihn dadurch verdirbt, ihn nicht so ernsthaft wie irgend möglich zu betreiben. Sport zu ernsthaft spielen zu können, das war gestern. Heute wird man daher gelegentlich auch zum Schweinsein genötigt, und es ist nur konsequent, dass es nunmehr Bereiche des Sports gibt, in denen man ein Schwein sein muss und sich dabei nicht erwischen lassen soll.

Sport ist kein Spiel mehr, sondern Geschäft

Dass der Sport kein Spiel mehr ist, sondern ein Geschäft geworden ist, wie wir so sagen, hat nicht als solches damit zu tun, dass mit ihm Geld verdient wird. Man schreibt ja auch nicht deshalb schon Kitsch, weil man mit seinem Roman Geld verdient. Dass man mit dem Sport Geld verdienen kann – das ist doch schön! Massenmedien wie das Geld sind vermutlich keine notwendigen Bedingungen, aber doch immerhin ganz ordentliche Voraussetzungen für einen Sport für alle. Wer da die Nase rümpft, zeigt nur, dass er sie zu hoch hält.

Dem Sport ist, allem Anschein nach, das Spielerische verloren gegangen. Und das ist nicht eine Frage des Geldes, sondern eine Frage seiner Organisationsform. Wie sich einige von uns sich noch erinnern mögen, sollten wir damals, als der Sport noch als Spiel galt, unterscheiden zwischen „Erfolg“ und „sportlich-fairem Erfolg“. Es ist ja keine Kunst, gegen einen von vornherein schwächeren Spieler zu gewinnen – deshalb ist die Regelung der Gewichtsklassen entstanden. Heute ist so etwas nur noch eine Hürde, die durch Ranhungern und Randopen genommen werden will.

Damals machte es, das Grundverständnis von Sport beim Wort genommen, keinen Lustgewinn, beim Marathon eine Abkürzung zu laufen und sich nicht erwischen zu lassen. Man wollte schließlich wissen, ob man besser ist als der Konkurrent – und das weiß man nur, wenn man auf eine bestimmte, nämlich sportliche Art gewinnt. Das weiß man nicht, wenn man bloß gewinnt, denn dann könnte man einfach das klügere Schwein gewesen sein. Heute zählt der Erfolg als solcher, und manche müssen höchstens noch ein paar Jahre zittern, ob ihnen das Armstrong-Schicksal droht.

Heute ist es nur süß, und eine eigene Marke, wenn Dortmunds Trainer Jürgen Klopp Stolz bekundet, dass seine Jungs mit so wenig gelben Karten durch eine Saison kommen. Im Wettkampf müssen die Raffinessen der Ferkel wohl grenzenlos sein – manchmal zieht man dann auch Fairness ins Kalkül. Dass dem Sport das Spielerische verloren gegangen ist, ist keine Frage der guten oder bösen Absichten der Beteiligten, sondern eben eine Frage seiner Organisationsform. Ein bestimmtes Verständnis von Sport zu praktizieren, ist ein kultureller Sachverhalt.

Das heißt zunächst nur: Man betreibt noch keinen Sport, nur weil man die Absicht hat, gegen einen Bus ein Wettrennen zu laufen. Die Nöte und Absichten, die Erik Zabel jetzt offen gelegt hat, zeigen exemplarisch, wie es im Sport zugeht. Aber sie belegen nicht, dass es Doping im Radsport deshalb gibt, weil viele Einzelne schändlicherweise (oder, so die anderen: verständlicherweise) die Absicht haben zu dopen. Denn immer ist es auch umgekehrt: Es gibt diese Absichten und Nöte, weil es Doping im Radsport gibt. Belässt man es bei diesem Zirkel, dann kann man nur die Einzelnen in Schutz nehmen: Was wir nicht brauchen, ist eine Moral für Helden.

Fairness ist irrelevant geworden

Zur heutigen Organisationsform des Sports gehört aber, dass solche Moral für Helden eingeklagt wird. Solange alle Beteiligten das Spiel spielen, dass das Schweinische im Sport lediglich eine Frage einzelner schwarzer Schafe ist, so lange können alle Beteiligten weiter ihr Schäfchen ins Trockene bringen. Gelegentlich braucht es Bauernopfer, reuige Sünder, Empörungsgesten, zunehmende Verrechtlichungen und anderweitige Glaubwürdigkeitsmaßnahmen. Letztendlich muss es nur funktionieren – womit man sein Geld verdient, ob mit Spiel oder mit Geschäft, ist letztlich herzlich egal.

Zur heutigen Organisationsform des Sports gehört auch, dass der Erfolg zählt, nicht aber die Art und Weise, wie er zustande kommt. Wer die Sportförderung nach der Anzahl der Medaillen steuert, dem ist offenkundig wurscht, wie diese Medaillen zustande kommen – das überlässt er der sogenannten Autonomie der Einzelverbände. Diese Irrelevanz von Fairness so offen, zudem in Geheimabsprachen mit Einzelverbänden, zu dokumentieren, war unklug. Jetzt muss man gegensteuern. Ein paar Augenblicke lang flackerten Diskussionen auf, wie die Maßnahmen anzupassen seien. Gab es ergiebige Diskussionen, warum der Staat welchen Sport wie fördern soll?

Wer will denn warum einen öffentlichen Sport als Geschäft?

Die Organisationsform des Sports zu diskutieren, wäre ein Ausstieg aus dem Hase-und-Igel-Spiel von individuellen Verantwortlichkeiten und Systemzwängen. Eine Diskussion der Organisationsform des Sports nimmt den Sport als Kulturgut in den Blick. Fraglich ist dann, welches Grundverständnis von Sport in welcher Organisationsform praktiziert und reproduziert wird, ganz diesseits der guten oder bösen Absichten der Individuen, die sich heldenhaft gegen die Systemzwänge durchsetzen oder alltäglich an solchen Zwängen scheitern.

Fraglich sind dann nicht primär die zu ergreifenden Maßnahmen für einen sauberen Sport – so, als sei schon klar, was denn ein sauberer Sport sei und dass wir alle so etwas wollten und freiwillig durch unsere Steuern mit finanzieren. Fällig ist dann die Rückfrage: Wer will denn warum einen öffentlichen Sport als Geschäft, egal ob dem das Spielerische verloren gegangen ist oder gerade weil ihm das Spielerische verloren gegangen ist?

Der geständige Doper Erik Zabel verliert gerade alle Jobs, die er im System des Radsports hatte. Das ist für ihn nicht lustig und für das System bezeichnend. Zur Situation gehört dazu, dass Zabel selbst ein Interesse haben musste, dass das System dicht hält. Dann wäre er mit seinem „Teilgeständnis“ von 2007 durchgekommen, und die Sache wäre verjährt. Schwamm drüber. Das ist mehr als ein Systemzwang, denn es ist ein handfestes Interesse an einer Organisationsform, die den Systemzwang aufrecht erhält.

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Unfälle sind dann als Unfälle zu behandeln – und das heißt auch: Wer selbst nicht dicht hält, ist draußen. Zabel wusste das, und er hat es, sei es stolz, sei es wehleidig, „trotzdem“ getan. Und wir? Wir stürzen uns auf den Fall Zabel!? So, wie wir uns schon vorher auf die vielen Fälle gestürzt haben – früher drüben, heute überall. Das Problem ist aber nicht der Einzelfall, sondern, so banal es klingt, das, wofür der Fall steht. Man muss da nicht gleich an Mafia-Strukturen und deren Schweigegelübde (Omertà) denken. Es reicht völlig, das ernst zu nehmen, was jemand wie Sepp Blatter, der Chef des Internationalen Fußball-Verbandes, auch dann noch mit geschwellter Brust verkündet, wenn niemand ihn fragt: Dass es sich bei den Sportorganisationen um die Organisationsform der Familie handelt.

Eine Familie ist wahrlich keine problemfreie Zone purer Harmonie, aber zu einer Familie gehört im Weltbild der real existierenden Sportwelt überzufällig oft, dass Probleme „zu Hause“ besprochen werden und nicht nach außen zu dringen haben. Für solche Familien gibt es keinen Schutz der Öffentlichkeit. Das hat Vorteile, weil man nicht offen legen, geschweige rechtfertigen muss, nach welchem Maßstab es dort zu Hause denn zugeht. Auch Gewalt in der Ehe ist dann „Privatsache“. Es spricht alles dafür, dass sich in der Heimlichkeit der so gehüteten Sportfamilie die Praxis des Sports als Geschäft penetrant reproduziert. Dann kann man dort nur zum Schwein werden.

Welchen Sport wollen wir?

Soll die Erinnerung an den öffentlichen Sport als Spiel nicht unrettbar zur nostalgischen Geste verkommen, dann muss die Sportfamilie ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Es muss dann darum gehen, den Maßstab dessen, wie es dort zugeht, zu diskutieren: Welchen Sport wollen wir denn? Nur zu konstatieren, wie es dort zugeht – und dabei fallweise resignativ, zynisch, missionarisch-entlarvend zu werden – bleibt gleichsam ein Freundschaftsdienst an bestehenden Familienstrukturen. Es gehört organisatorisch abgesichert, dass die Bälle zwischen Innenministerium und dem Deutschen Olympischen Sportbund über die Bande der Öffentlichkeit gespielt werden.

P.S.: Der Sport ist bloß eine Nebensache, ob eine schöne, sei dahingestellt. Das macht ihn nicht nebensächlich. Damals, als er noch als Spiel galt, war er die spielerische Inszenierung des Prinzips der Bürgerlichen Gesellschaft. Der moderne Olympismus war ein Ort der Vergewisserung, dass das Prinzip der Gleichfreiheit für alle seinen guten Sinn hat. Nur wenn nicht schon von Geburt an feststeht, wie und was jemand ist und ständisch zu sein hat, ermöglicht eigenes Tun soziale Mobilität, und nur durch aktive Herstellung gleicher Startbedingungen kann es dabei gerecht zugehen.

Der sportliche Wettkampf ist das Sinnbild dieses Versprechens. Nur wenn der Ausgang des Wettkampfs garantiert offen ist, dann kann tatsächlich die individuelle Leistung über Sieg und Niederlage entscheiden und morgen ist ein neuer Tag. Auch das war gestern. Ein Schelm, wer im Verlust des Spielerischen des Sports eine Parallele zur sozialen Schere entdecken will: TINA, diese seit Margret Thatcher so wirkmächtige Figur der Alternativlosigkeit – „There Is No Alternative!“ – kennt keine öffentliche Debatte politischer Maßstäbe.

Der Autor Professor Dr. Volker Schürmann ist Leiter der Abteilung Philosophie des Instituts für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Quelle: F.A.Z.

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