Ruhe. Ein beunruhigendes Gefühl

28.09.2013 ·  Die Wahl ist vorbei. Und bald alles. Man könnte jetzt Pilze sammeln wie Peter Handke oder ein Pils aufs Ende trinken wie Stephen Emmott. Ein herbstlicher Essay über die innere Lage im Land.

Von Eberhard Rathgeb

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Bei der Wahl am 22. September sind dreißig Prozent der Deutschen lieber im Wald geblieben, statt sich für eine Partei zu entscheiden. Das war ein Fehler. Oder ist ohnehin schon alles egal?
ielleicht ist Peter Handke fein raus, er ist Dichter, ein unglaublich guter, ein Eigenbrötler, wie sollte das anders sein, sehr klug und sehr empfindsam und in seiner Welt lebend. In Interviews macht er einen völlig souveränen und gerade wegen seiner Eigenarten einen ungemein sympathischen Eindruck, ein falsches Wort, zum Beispiel „produktiv“ in Verbindung mit dem Schreiben, und er wirft dich, zu Recht, aus seinem Haus, er nimmt keine falschen Rücksichten, im Sinne von: der ist halt ein mittlerer Depp, lass ihn weiterreden.Wenn alle so wären wie er, würde es mit dem Zusammenleben etwas schwierig werden, zuerst, dann wäre es aber gut. Die allgemeine Heiterkeit kommt ja auch daher, dass den Leuten vieles egal ist, gerade dann, wenn dahergeredet wird. Echte Dichter suchen, nach Worten, Erhellungen, Melodien. Wir anderen suchen auch ständig was, so einfache Dinge wie Glück, Geld und Liebe.

Jeder Satz ist ein Gang in eine Kirche der Wörter

Handke sammelt selber Pilze, er ist ein Pilzkenner, hat er einmal gesagt, und jetzt hat er einen Versuch über den Pilznarren geschrieben, vielleicht ist das ein Märchen, vielleicht auch eine Spiegelgeschichte, über sich als Sprachnarren, als einen Suchenden, der sich verrennen kann. Mag das jeder für sich selbst herausfinden, das Lesen eines Handke-Versuchs ist immer ein schönes erkundendes Erlebnis, und wenn einer auf Anhieb nichts herausfindet, vielleicht dann ein andermal.

Handke (Jahrgang 1942) lebt in Chaville bei Paris. Es gibt ein Foto, da sieht man die Hände des Dichters beim Pilzeputzen. Von dem Bild geht eine unheimliche Ruhe aus, fast sehen die Hände so aus, als würde der Dichter beten, und so ist das ja bei Handke, was und wie er schreibt, ist eine Art Sprachgebet, jeder Satz ein Gang in eine romanische Kirche der Wörter, wo du ganz allein mit den einfachen Dingen bist, aus denen im besten Fall das Leben sich zusammensetzt.

Wie hier bei ihm muss das Fühlen und Sinnen bei den Franziskanern gewesen sein, die von der Armut begeistert waren, der etablierten katholischen Kirche den Rücken kehrten und in die Wälder gingen, um dort ihr Ding zu machen. Wenn die Gegenwart so wäre wie ein versonnener und versponnener Satz von Handke, wär’s gut um die Gegenwart bestellt. In dem Glauben kannst du dahinleben, und eine lange Zeit ging das vielleicht auch.

Die einen wählten, die anderen blieben im Wald

Dann kam der 22.September, und wir alle sollten unsere Lieblingsregierung wählen, aber eine ganze Reihe von Leuten sagte, das machen wir nicht, wir bleiben im Wald, und die Leute kriegten darauf eins auf die Mütze, weil Demokraten anständige Leute sind und anständige Leute wählen gehen sollen, wenn ihnen die Wahl eingeräumt wird.

Am Sonntag haben rund siebzig Prozent der Deutschen gewählt, rund dreißig Prozent, die größte Gruppe bei der Wahl, wählten nicht. Das Ergebnis sieht so aus: Gewinner ist die CDU/CSU, dann kommen die Nichtwähler, dann die SPD, dann die Linken, die Grünen und der Rest. Wenn hinter den vielen Nichtwählern ein gemeinsamer politischer Wille stecken würde, könnten sie jetzt sagen: Gar nicht schlecht gelaufen für uns. Die einen verweigern die Wahl, die anderen vergessen über dem Pilzesammeln ihre bürgerlichen Karrieren. Genau das ist dem Pilznarren bei Handke geschehen.

Einer der prominentesten Nichtwähler vor der Wahl war der Soziologe Harald Welzer, der in einem „Spiegel“-Artikel erklärt hatte, dass er dieses Mal nicht wählen gehen werde, weil die Probleme der Zukunft, Klimawandel und so, von den Parteien ignoriert würden. Er wollte ihnen einen Denkzettel verpassen, im Sinne von: Wacht endlich auf. Ihr könnt nicht so weitermachen wie bisher, seht her, euch wählen immer weniger.

Dann ging er aber doch wählen, entweder weil die Probleme der Zukunft doch nicht von den Parteien ignoriert werden, oder weil Zukunft und Gegenwart doch zwei Paar Stiefel sind und sich die eine nicht mit der anderen verrechnen lässt, oder weil ihn das demokratische Gewissen drückte. Immerhin hatte die „Bild“-Zeitung zum Wahlsonntag eine Extraausgabe in die deutschen Haushalte verschickt mit der Aufforderung, zur Wahl zu gehen. Kommt aus den Wäldern raus, Leute. Denkt an euer Land. Es geht auch um euch!

Das Leben wird schon irgendwie werden. Falsch!

Nach 18 Uhr war mit der Wahl Schluss, der Demokratie war wieder Genüge getan, und jeder Wähler vor dem Fernseher musste von dem Gefühl beseelt gewesen sein, sein Bestes nicht nur, wie immer, für sich und seine Familie und seine Arbeit, sondern auch einmal wieder für Deutschland getan zu haben. Die Mehrheit will die Kanzlerin. Als das klar war, zogen sich die Leute wieder zurück in die Wälder und setzten dort ihre Suche nach Geld, Glück und Liebe fort. Okay, denkst du, so war es und so wird es bleiben, das Leben wird irgendwie schon werden.

Werden! Das ist das Zauberwort, das Ruhekissen: Es wird schon werden.

Und dann schlägst du am Montag nach der Wahl das Buch von Stephen Emmott (Jahrgang 1960) auf, und du fühlst dich von der ersten Seite an komisch, und dann könntest du kirre werden, weil die Gegenwart und das Vertrauen mit einem Mal weg vom Tisch sind, und auch die Zukunft, und das ganze schöne Wahlsonntagsgefühl ist futsch, und du magst dich nur noch zu Handke flüchten, in die Poesie, und dich auf den Wiesen des dichterischen Eigensinns ausstrecken und in die Wipfel der Bäume und in den Himmel schauen und denken: Ich bin woanders, noch ist Zeit für wunderliche Begehungen und wunderbare Begegnungen, sieh doch, dort, ein Steinpilz.

Die Kanzlerin müsste jetzt anfangen zu beten

Stephan Emmott kann nichts dafür. Er ist halt wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors in Cambridge und verantwortlich für top Forschungsprojekte auf dem Gebiet der rechnergestützten Naturwissenschaften und gleichzeitig auch Professor in diesem Fach in Oxford, was will man mehr, und hat nur aufgeschrieben, was er über unsere Zukunft, nicht nur die deutsche, die europäische, sondern die Zukunft der Welt weiß und sagen kann, Klimaerwärmung, Bevölkerungsexplosion, landverschlingende Nahrungsmittelproduktion, versiegende Wasserreserven und so weiter die Horrorgeisterbahn runter. Die zielorientierten Handrauten der Kanzlerin müssten sich darüber zu in Gotterbarmunser gefalteten Händen schließen.

Emmotts Buch über unsere Zukunft ist schmal, wie Handkes Versuche über die Jukebox, den geglückten Tag, die Müdigkeit, den Stillen Ort und eben den Pilznarren, er braucht nur ganz wenige Worte, und dein Leben sieht anders aus, und du denkst, die Bundestagswahl war so etwas wie eine politische Gegenwartsbeschwörung: dass es weitergehen wird, dass wir auch in den nächsten vier Jahren in Ruhe im Wald nach Glück, Geld und Liebe suchen können. Was lag nicht alles Mögliche am 22.September in unserer Hand, Rentenalter, Mindestlöhne, Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, Europa – und nun?

Hört her: Wir blasen uns selbst das Licht aus!

Wir sind nicht zu retten, sagt Emmott. Er zuckt nicht einmal mit der Wimper. Wir müssen uns nichts vormachen, die Zukunft ist schwarz und vorbei, weil keiner, keine Regierung und kein Wahlvolk, etwas wirklich Entscheidendes gegen den drohenden Kollaps unternimmt. Hochgerechnet, ausgerechnet, zu Ende gerechnet. Schluss. Das war’s.

Liebe Leute im Wald, hört her: Wir blasen uns selbst das Licht aus. Die Sache ist mehr oder weniger gelaufen, wenn nicht alles ganz anders wird. Da helfen die vier lauten Parteien vom Sonntag nicht. Und du denkst in Panik: Wenn du nur die Ruhe vom Handke hättest, die dichterische Größe, die franziskanische Seligkeit, die Liebe zum Gott der kleinen Dinge. Hast du nicht. Du rennst in den Supermarkt, kaufst dir eine Packung Champignons, meinetwegen auch Bio, und legst die Dinger vor dir auf dem Tisch aus – es hilft dir nicht. Keine Ahnung, wie der Handke das hinkriegt.

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Der einzige winzige Witz bei der Sache ist, dass die beiden Bücher bei Suhrkamp erschienen sind, im selben Programm, wie die zwei Seiten einer Welt. Vor dir hängen noch die jetzt völlig unsinnig gewordenen Wahlplakate, und in dir wächst dieses verdammte Gefühl, dass die beiden, Emmott und Handke, recht haben und du als Sonntagsdemokrat überhaupt nicht weißt, was zu tun ist, und da ist auch keiner, auch keine Merkel, liebe Mehrheit, der allen sagen würde, geht Pilze sammeln, Leute, ihr müsst euer Leben radikal ändern, und zwar sofort, und nicht nur die Regierungskoalitionen. Ihr macht euch was vor!

Stille. Totalausfall der Wahrnehmung. Als hätte keiner was gesagt. Den Kopf im Gebüsch, im Laub. Es riecht nach Erde. Der liebliche Herbst. Wie das Jahr vergeht. Ach, so schlimm wird es nicht kommen.

Der 22. September ist, mit diesen beiden Büchern in der Hand, ein ganz dunkles Zeichen gewesen. Das Gute wollen und das Übliche tun.

Darauf ein letztes Pils.

-?

-Ja, Sie haben richtig verstanden, Stephen Emmott meint: Wir sind am Arsch.

Peter Handke: „Versuch über den Pilznarren“. 217 Seiten, 18,95 Euro. – Stephen Emmott: „Zehn Milliarden“. Übersetzt von Anke Caroline Burger. 206 Seiten, 14,95 Euro. Beide Titel sind im Suhrkamp-Verlag erschienen.

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Im Land der schwarzen SPD

Wer auf Leistung, Selbstbestimmung, Verantwortlichkeit setzt, ist nach dieser Wahl politisch heimatlos. Von Jan Roß

29. September 2013  10:44 Uhr

http://www.zeit.de/2013/40/buergerlichkeit-fdp-cdu-spd/komplettansicht

Für die bürgerliche Politik in Deutschland ist der triumphale Wahlerfolg der bürgerlichen Politikerin Angela Merkel paradoxerweise ein harter Schlag. Es ist nicht leicht zu sagen, was das im politischen Sinne überhaupt heißt: “bürgerlich”; es ist ein schillernder, missbrauchsgefährdeter Begriff. Versuchsweise könnte man zwei Punkte nennen. Einmal eine Vorliebe für individuelle Leistung, für Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung, für die Rechte und Freiheiten des Einzelnen. Zum anderen den Respekt vor Institutionen und gewachsenen Lebensformen. Das Erste ist das liberale Element der Bürgerlichkeit, das Zweite das konservative.

In der deutschen politischen Landschaft, wie sie sich nach der Bundestagswahl 2013 darstellt, droht diese Bürgerlichkeit heimatlos zu werden. Die siegreiche CDU/CSU ist eine stark sozialdemokratisierte und angegrünte Partei. Klassische konservative Themen (wie die Verteidigung des Gymnasiums) oder liberale Positionen (etwa dass nicht der Staat über Einkünfte oder über die Geschlechterverhältnisse in Unternehmensführungen zu entscheiden hat) sind in der Union nicht mehr selbstverständlich, vielleicht sogar nicht länger mehrheitsfähig. Gut möglich, dass das alles notwendige Modernisierung und der unvermeidliche Preis des Merkel-Erfolgs ist; auf jeden Fall bedeutet es eine Entbürgerlichung.

Wird jetzt auch noch die FDP staatstreu?

Zersplittert und ohnmächtig finden sich Bruchstücke dieser Bürgerlichkeit dafür bei den außerparlamentarischen Oppositionskräften FDP und Alternative für Deutschland (AfD) wieder. Die FDP, was immer man sonst von ihr halten mag, hat den Schutz der Bürgerrechte und die Kontrolle der staatlichen Macht nie ganz als Markenzeichen preisgegeben. Vor allem aber lässt sie sich noch immer einigermaßen klar als Partei des Marktliberalismus identifizieren. Seit der Finanzkrise ist allerdings deutlicher denn je, was für eine krasse Außenseiterrolle das in Deutschland mit sich bringt. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die FDP beim Versuch ihrer Neuerfindung nach der Wahlkatastrophe gerade in puncto Marktglauben und Staatskritik Kompromisse machen wird – aus Angst vor dem Vorwurf der “sozialen Kälte”. Soziale Wärme freilich gibt es in der Rhetorik und Programmatik deutscher Parteien mehr als genug.

In der AfD ist das Bürgerliche sowohl als kultureller Typus (die Professoren und Edelpublizisten im Führungspersonal) als auch im Sinne der Hausvatersorge um den Besitz (Vorsicht, Schuldenunion!) unverkennbar. Allerdings kann noch niemand sagen, ob sich nicht am Ende aus der liberalkonservativen Euro-Skepsis der AfD ein hässliches Generalressentiment gegen den Zeitgeist schlechthin herausentwickeln wird. Eine Art Breitbandwut über ungeliebte Gegenwartsphänomene wie Geldentwertung, Feminismus und Masseneinwanderung. Das wäre für die “Alternative” das Ende der Bürgerlichkeit. Eine bürgerliche Protest-, Frust- oder Aggressionspartei kann es nicht geben. Zur Bürgerlichkeit gehört, da darf man für einen Augenblick zum Bürgertumsgipfel Goethe hinaufblinzeln, ein gewisses Weltbehagen, eine Stimmung von Optimismus und Lebensfreundlichkeit, das Grundgefühl, dass man das Schicksal in die Hand nehmen, bewältigen und zum Guten lenken kann.

Nun kann man mit Bürgerlichkeit pur in einer Demokratie keine Wahlen gewinnen und insgesamt keine aussichtsreiche Politik betreiben. CDU und CSU haben das immer gewusst und nie irgendwelche ideologischen oder kulturellen Reinheitsbedürfnisse befriedigt. Konrad Adenauer, der Gründervater der Union und der Bundesrepublik, hat als Kanzler geradezu gewohnheitsmäßig schuldentreibende Massenwohltaten verteilt, die seinem ordnungspolitisch strengen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ein Gräuel waren. Helmut Kohl verspürte für die heiligsten Güter der Wertkonservativen wie der Marktliberalen gleichermaßen wenig Leidenschaft; er konnte mit einem laxen Abtreibungsrecht ebenso gut leben (und vor allem regieren) wie mit einem Arbeitsminister Norbert Blüm, der eigentlich ein Sozialdemokrat war, nur eben einer, der in die Kirche ging.

Die öfters beklagte Profillosigkeit der heutigen CDU ist insofern gerade keine Merkelsche Schöpfung, sondern in den politischen Genen der Partei schon angelegt, ihr uraltes, permanentes Erfolgsrezept. Es passt perfekt zu einer Gegenwart, in der das Bürgertum als kompakte soziale Realität, als Synthese von Bildung und Besitz, sich weitgehend aufgelöst hat. Der wohlhabende niedergelassene Arzt, der im Kreise seiner Familie abends Hausmusik macht, kommt einem instinktiv wie eine anachronistische Kunstfigur vor – heute ist er wahrscheinlich geschieden, oder die Praxis gehört seiner Frau, oder seine Kinder spielen kein Instrument mehr. Keine Sehnsucht nach “neuer Bürgerlichkeit”, die seit Jahren unter gut verdienenden jungen Paaren umgeht, wird solche letztlich aus dem 19. Jahrhundert stammenden Lebensformen wiederherstellen, und ein parteimäßiges “bürgerliches Lager” entspricht ihnen erst recht nicht mehr.

Trotzdem ist die Krise bürgerlicher Politik, wie sie sich im Ergebnis der Wahl vom vergangenen Sonntag zeigt, ein dramatischer Vorgang. Es wird im künftigen Bundestag keine Partei mehr geben, die dem neuen deutschen Grundstrom einer wesentlich staatsgetriebenen ökosozialen Fortschrittlichkeit entgegenschwimmt. Das bedeutet einen erheblichen Linksruck, weniger übellaunig gesprochen: eine Vereinheitlichung und Verlangweilung der deutschen Politik. Und wenn man nur die Union betrachtet: Sie ist traditionell nicht auf viel Ideologie angewiesen, aber ob sie sich weltanschaulich ganz entleeren kann, unter Auslagerung des Wirtschaftsliberalismus an eine sektenhaft gewordene FDP und des Konservativismus an ein paar knorrige Nobelsenioren bei der AfD – das ist nicht gewiss. Womöglich sackt auch das ganze imposante Gebäude des Merkelismus irgendwann in den Hohlraum zusammen, über dem es errichtet ist.

Was man herkömmlicherweise, vor Jahrzehnten, unter bürgerlicher Politik verstand, war keine erfreuliche Sache; es war im Grunde die Politik einer herrschenden Klasse. Der Sozialdemokrat, Justizminister und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann hat diese Art Bürgerlichkeit einmal bitter und höhnisch auf ein Dreipunkteprogramm gebracht: Viel Geld verdienen – Soldaten, die es verteidigen – Kirchen, die beides segnen. Stattdessen haben wir jetzt in allem so ziemlich das Gegenteil: ein Deutschland, in dem das Geldverdienen unter Gierverdacht steht, die Armee am besten nie eingesetzt werden soll und in den Kirchen gegen den Sozialabbau gepredigt wird. Es ist sicher besser so. Ganz gut ist es vielleicht auch nicht.

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Engländer – I hear what you say, aber ich versteh dich nicht

Engländer I hear what you say, aber ich versteh dich nicht

26.09.2013 ·  Engländer sind nicht immer ganz einfach zu verstehen. Wenn sie etwas „nice“ finden, ist es ziemlich belanglos. Wer soll sich da zurechtfinden?

Von Jochen Buchsteiner, London

Alle Welt spricht heute Englisch – aber wer versteht eigentlich die Engländer? Fast jeder, der im Königreich zu tun hat, hört Sätze, deren Wörter er kennt, aber deren Bedeutung er missversteht. Der Engländer sagt „I would suggest a walk“, und der Ausländer glaubt, er hätte es mit einem unverbindlichen Vorschlag (suggestion) zu tun, der auch noch durch einen Konjunktiv (would) abgeschwächt ist. Doch in Wahrheit ist gemeint: „Wir machen jetzt einen Spaziergang, und du brauchst verdammt gute Gründe, wenn du dagegen bist.“Englisch ist eine wunderbare Art der Verständigung unter denen, die es als Zweitsprache verwenden. Doch sobald ein Engländer ins Spiel kommt, türmen sich Fehlschlüsse und Irrtümer. Auf entsprechend große Resonanz stößt daher eine „Übersetzungstabelle“, die seit einiger Zeit im Internet zirkuliert. Sie greift gängige englische Redewendungen auf und erklärt, wie sie von Ausländern aufgefasst werden – und wie sie von Briten gemeint sind. Zum Vorschein kommt eine Sprache, die eigene Gesetze und Befindlichkeiten widerspiegelt und oft nur mit der Logik der Verstärkung und der Paradoxie zu begreifen ist.Wenn der Brite „I almost agree“ sagt, gewinnt sein ausländischer Gesprächspartner den Eindruck, als trennten beide nur Millimeter von einer gemeinsamen Position. Die wahre Übersetzung lautet aber: „Ich bin komplett anderer Meinung.“ Dissens drückt sich auch in der hinhaltenden Affirmation „I hear what you say“ aus. Die Tabelle übersetzt den Satz mit: „Ich sehe das anders und möchte das Thema wechseln.“ Maximale Ablehnung verpacken die Briten in die freundliche Frage: „Could we consider some other options?“ – „Könnten wir auch über ein paar andere Möglichkeiten nachdenken?“

Die Briten verzichten auf das Rechthaben

Jeder, der mit Briten zu tun hat, ist gut beraten, ihre sprachlichen Codes zu verstehen. Formuliert der Ausländer eine gewagte These und hört daraufhin ein „very interesting“, sollte er sich nicht darüber freuen, dass sein Gesprächspartner das Argument „sehr interessant“ findet. Die korrekte Übersetzung lautet vielmehr: „Das ist eindeutig Unfug.“ Sprachliche Vorbereitung empfiehlt sich insbesondere für jene, die ins Arbeitsleben eintauchen. Wer mit Eigeninitiative glänzen will und von seinem Chef „This is a very brave proposal!“ zu hören bekommt, darf sich nicht geschmeichelt fühlen. Der Chef hat keineswegs die kühne Gedankenführung seines Untergebenen gewürdigt, sondern auf respektvolle Weise gesagt: „Sie haben eine Meise!“

Wagt sich der ausländische Mitarbeiter mit seinem nächsten, leicht verbesserten Papier hervor und hört nach der Lektüre die Worte: „I only have a few minor comments“ („Ich habe nur ein paar kleine Anmerkungen“), dann sind dem Chef mehr als zwei, drei Tippfehler aufgefallen. Entschlüsselt bedeutet der Satz: „Das müssen Sie komplett neu schreiben.“ Der Zusammengestutzte sollte sich übrigens nie beim „Chef“ beklagen (diesen Titel tragen in England nur Köche), sondern, wenn überhaupt, bei seinem „Boss“.

Jeder, der schon einmal auf der Insel zu Besuch war, kennt die Neigung der Briten, sich für alles zu entschuldigen – selbst wenn sie gar nicht schuld sind. Das heißt mitnichten, dass den Briten der Sinn dafür fehlt, wer sich bei einem Zusammenprall auf dem Bürgersteig korrekt und wer sich fehlerhaft verhalten hat. Sie verzichten aber, anders als die Deutschen, auf das Rechthaben, sofern sie dadurch dem anderen – und auch sich selbst – einen peinlichen Moment ersparen. Dieses höchst zivilisatorische Benehmen spiegelt sich in der Redewendung „I am sure it is my fault“ wider, die in der kultursensiblen Übersetzung das glatte Gegenteil bedeutet: „Das ist nun wirklich Ihr Fehler!“

Der Verfasser der Tabelle ist unbekannt

Die Anthropologin Kate Fox, die vor einigen Jahren in „Watching the English“ ihr Wissenschafts-Instrumentarium am eigenen Volk ausprobiert hat, erklärt die Eigenarten der englischen Konversation mit einer „sozialen Gehemmtheit“. Diese gelte es mit Hilfe moderierender Sprachfiguren zu überwinden, die jegliche Verletzung vermeiden. Jede Form des Missfallens wird daher über Bande gespielt. Missfällt ein Film oder ein Konzert, fällt in der Regel ein „quite good“ – was mitnichten „ziemlich gut“ bedeutet, sondern „ein bisschen enttäuschend“. Missfällt gar der Gesprächspartner selbst, bekunden ihm die Briten die scheinbar höchste Anerkennung: „With the greatest respect…“ Gemeint ist, laut Übersetzungstabelle: „In meinen Augen sind Sie ein Idiot.“

Die Tabelle, deren Verfasser unbekannt ist, erhält Zuspruch aus aller Welt. Der „Daily Telegraph“, der die Tabelle vor kurzem seinen Lesern vorstellte, vermutet, dass sie von einem niederländischen Unternehmen stammt, das seinen Angestellten die sprachliche Orientierung im Vereinigten Königreich erleichtern wollte. Offenbar erwartete das Unternehmen nicht, dass seine Gastarbeiter in den Genuss einer traditionellen englischen Landpartie kommen würden. Denn in der Übersetzungstabelle fehlt ein wichtiger Hinweis für jene, die über das Wochenende in ein Landhaus eingeladen werden. Fordert sie der englische Gastgeber am Samstag freundlich auf: „You must stay for lunch tomorrow!“, dann meint er etwas anderes: „Nach dem Mittagessen packen Sie bitte Ihre Koffer, denn zum Abendessen wollen wir wieder alleine sein.“

Translation table explaining the truth behind British politeness becomes internet hit

The British trait of being too polite to speak one’s mind has led to a table translating numerous hollow English phrases becoming an internet hit.

http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/howaboutthat/10280244/Translation-table-explaining-the-truth-behind-British-politeness-becomes-internet-hit.html

WHAT THE BRITISH SAY WHAT THE BRITISH MEAN WHAT FOREIGNERS UNDERSTAND
I hear what you say I disagree and do not want to discuss it further He accepts my point of view
With the greatest respect You are an idiot He is listening to me
That’s not bad That’s good That’s poor
That is a very brave proposal You are insane He thinks I have courage
Quite good A bit disappointing Quite good
I would suggest Do it or be prepared to justify yourself Think about the idea, but do what you like
Oh, incidentally/ by the way The primary purpose of our discussion is That is not very important
I was a bit disappointed that I am annoyed that It doesn’t really matter
Very interesting That is clearly nonsense They are impressed
I’ll bear it in mind I’ve forgotten it already They will probably do it
I’m sure it’s my fault It’s your fault Why do they think it was their fault?
You must come for dinner It’s not an invitation, I’m just being polite I will get an invitation soon
I almost agree I don’t agree at all He’s not far from agreement
I only have a few minor comments Please rewrite completely He has found a few typos
Could we consider some other options I don’t like your idea They have not yet decided

Wahlergebnisse 2013

https://i0.wp.com/www.spiegel.de/images/image-547847-custom-grcg.jpg

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013-wahlergebnis-grafik-bundestag-wahlkreis-a-923496.html

 

http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/ergebnisse/bundesergebnisse/grafik_sitze_99.html

Wahlbeteiligung : 71, 5 %

So wird gewählt

61,8 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, den 18. Deutschen Bundestag zu wählen. Darunter waren drei Millionen Erstwähler. 4451 Kandidaten stellten sich zur Wahl, rund 900 mehr als bei der Bundestagswahl 2009. 30 Parteien traten mit Landeslisten an, 4 weitere nur mit Kreiswahlvorschlägen.

Mit der Erststimme werden die Direktkandidaten in den 299 Wahlkreisen gewählt, die einfache Mehrheit genügt dabei. Mit der Zweitstimme entscheiden die Wähler über Erfolg oder Misserfolg der Parteien. Denn nach der Zahl dieser Stimmen wird die Zahl der Sitze im Parlament bemessen – vorausgesetzt, die Partei überspringt die Fünfprozenthürde oder erhält mindestens drei Direktmandate. Hinzu können Überhang- und Ausgleichsmandate kommen, wenn eine oder mehrere Parteien mehr Direktmandate erreichen, als ihnen nach dem Zweitstimmenverhältnis zustehen.

Nur noch fünf Parteien im Bundestag

Für die 18. Legislaturperiode sind nur noch fünf Parteien im Bundestag vertreten und nicht mehr sechs, wie nach den Bundestagswahlen 2005 und 2009. Mit insgesamt 4,8 Prozent der Zweitstimmen scheiterte die FDP bei der gestrigen Wahl an der Fünfprozenthürde.

Es ist das erste Mal, dass ein Deutscher Bundestag ohne die Liberalen zusammentritt. Keine andere Partei war in der Geschichte der Bundesrepublik öfter an Regierungen beteiligt.

Ein Ergebnis in ähnlicher Höhe erzielte die “Alternative für Deutschland” (AfD). Die junge Partei, die das erste Mal überhaupt bei einer Wahl antrat, erreichte 4,7 Prozent der Stimmen und damit beinahe so viel wie die FDP.

Weit hinter ihren Erwartungen blieben hingegen die Piraten, die 2,2 Prozent der Zweitstimmen erhielten.

Wer in den kommenden vier Jahren die Bundesregierung stellt ist noch unklar. Da die SPD eine Zusammenarbeit mit der Linken ablehnt, gilt als wahrscheinlich, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt. Ihre Partei hat mit großem Abstand die meisten Stimmen erhalten und gegenüber der Wahl 2009 beinahe acht Prozent hinzugewonnen. Zwischenzeitlich erreichten die Unionsparteien in den Hochrechnungen sogar eine absolute Mehrheit der Sitze im Deutschen Bundestag. Dass CDU und CSU mit 41,5 Prozent nun beinahe mehr als die Hälfte der Mandate im Parlament erhalten ist möglich, durch die ungewöhnlich hohe Zahl an Stimmen für kleine Parteien: Sowohl FDP als auch AfD scheiterten nur knapp an der Fünfprozenthürde. Zudem votierten 6,2 Prozent der Wähler für Parteien, die ebenfalls nicht den Einzug in das Parlament schafften. Insgesamt 15,7 Prozent der Stimmen werden daher bei der Verteilung der Sitze nicht berücksichtigt und prozentual auf die im 18. Deutschen Bundestag vertretenen Parteien verteilt. Zum Vergleich: 2009 wählten nur 6 Prozent Parteien, die die Fünfprozenthürde nicht überwinden konnten.

Gewinne und Verluste

Wie die CDU/CSU, konnten auch die Sozialdemokraten Stimmen hinzugewinnen, jedoch in deutlich geringerem Umfang als die Union: Die SPD gewann 2,7 Prozent hinzu, verglichen mit dem Ergebnis von 2009 (23 Prozent). Stimmen einbüßen mussten die Grünen und die Linken. Die Grünen verloren 2,3 Prozent, verglichen mit ihrem Zweitstimmenanteil von 2009 (10,7 Prozent). Die Linke verlor sogar 3,3 Prozent (11,9 Prozent), ist damit jedoch nun drittstärkste Kraft im Parlament.

Leicht zurück gegangen ist der Anteil der ungültigen Zweitstimmen von 1,4 (2009) auf 1,3 Prozent.

Der Bundestag wächst auf 630 Sitze

Deutschland ist für die Wahl zum Deutschen Bundestag in 299 Wahlkreise aufgeteilt. Der Bundestag besteht daher aus 598 Sitzen. Hinzu kommen mögliche Überhangmandate und, seit der Änderung des Wahlgesetzes in diesem Jahr, entsprechende Ausgleichmandate. Nach dem vorläufigen Endergebnis des Bundeswahlleiters wird der 18. Bundestag daher insgesamt aus 630 Abgeordneten (2009: 622 MdB) bestehen. Hätte die Union nicht so deutlich an Stimmen gewonnen, hätte der Bundestag durch das neue Berechnungsverfahren noch deutlich stärker wachsen können.

Für eine absolute Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestags sind also 316 Stimmen notwendig. CDU und CSU kommen auf insgesamt 311 Sitze, die SPD auf 192, die Linke auf 64 und die Grünen auf 63 Sitze.

Rechnerisch sind vier Konstellationen denkbar, über eine eigene Mehrheit verfügt keine Partei. Auch die von SPD und Grünen angestrebte gemeinsame Regierung ist nicht ohne die Unterstützung einer weiteren Partei möglich. Neben einer großen Koalition aus Unionsparteien und Sozialdemokraten ist rechnerisch außerdem ein Bündnis von SPD, Linken und Grünen möglich. Eine ausreichende Mehrheit hätte auch eine Koalition von CDU/CSU und Grünen. Rechnerisch möglich ist außerdem auch ein Bündnis von Unionsparteien und der Linken. Einige der genannten Konstellationen sind jedoch bereits im Wahlkampf von den Parteien ausgeschlossen worden.

Mehr Informationen unter:

http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/ergebnisse/bundesergebnisse/index.html

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/169417/bundestagswahl-2013 (Bundeszentrale für politische Bildung)

http://www.heute.de/Merkel-braucht-neuen-Partner-29863712.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013-wahlergebnis-grafik-bundestag-wahlkreis-a-923496.html

http://www.spiegel.de/flash/flash-22868.html

Gefühlt zu wenig – In der Knappheitsfalle

21.09.2013 ·  Egal wie reich wir sind: Das Geld ist knapp. Egal wie viel Zeit wir haben: Es reicht nicht. Ständig glauben wir, dass wir weniger haben, als wir brauchen. Woher kommt all der Stress?

Von Lena Schipper

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/gefuehlt-zu-wenig-in-der-knappheitsfalle-12584239.html

err Müller hat ein Problem. Das Konto seiner Kreditkarte ist überzogen, er ist mit einem Haufen Rechnungen im Rückstand, und von seinem Gehalt ist schon um die Monatsmitte herum regelmäßig nichts mehr übrig. Die Zinsen für alte Schulden werden dafür immer höher, und nächsten Monat muss er auch noch die erste Rate für einen neuen DVD-Player aufbringen, weil er auf ein Lockangebot eingegangen ist. Er fühlt sich schlecht, weil seine Freunde in der Eckkneipe ihm das Bier bezahlen, und fürchtet sich, wenn das Telefon klingelt.

Denn am anderen Ende ist wahrscheinlich das Inkassounternehmen. Die Freunde raten ihm zu sparen. Herr Müller ist fest entschlossen. Doch dann hat seine Tochter Geburtstag – und ein teures Geschenk zieht ihn wieder in den Kreislauf aus Schulden und unbezahlten Rechnungen. Auch wenn die Privatinsolvenzen in Deutschland tendenziell zunehmen, versinken wir nicht alle im Schuldensumpf. Doch ein kleiner Herr Müller steckt in jedem von uns. Das Gefühl, dass das Geld nie reicht, kennen die meisten Menschen. Und der Versuchung, im Sonderangebot doch noch das neue Paar Schuhe oder das Geschenk für die Freundin zu kaufen, obwohl das Konto eigentlich im Minus ist, können wir auch nicht immer widerstehen.

Sind wir Menschen alle leicht verführbare, charakterschwache Verschwendernaturen, die sich einfach öfter einmal am Riemen reißen sollten? Sendhil Mullainathan, Ökonom aus Harvard, und Eldar Shafir, Psychologe aus Princeton, meinen: nein. In ihrem Buch „Knappheit“ erklären die Forscher, was das Gefühl, zu wenig zu haben, in uns anrichtet. Herr Müller ist so sehr damit beschäftigt, dass ihm das Geld fehlt, dass er in seinem Kopf keinen Platz mehr für andere Gedanken hat, die ihm helfen könnten, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Weniger, als man meint zu brauchen“

Natürlich hätte ein bisschen mehr Selbstdisziplin auch Herrn Müller geholfen, seine Probleme zu vermeiden. Doch einmal in der Schuldenfalle, kommt er in einen Teufelskreis. Die Forscher nennen das „die Logik der Knappheit“. Und dieser Logik ist leider nur schwer zu entkommen. Nach dem psychologischen Verständnis von Mullainathan und Shafir ist Knappheit das Gefühl, „weniger von etwas zu haben, als man meint zu brauchen“. Das unterscheidet ihre Definition von der klassischen materiellen Knappheit, die schlicht besagt, dass Güter nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Das Problem, diese Güter effizient zu verteilen, bildet die Grundlage der Wirtschaftswissenschaft. Doch Mullainathan und Shafir kommt es nicht nur darauf an, was uns fehlt. Wichtig ist vor allem, wie wir Knappheit wahrnehmen und auf sie reagieren: vor einem langen Arbeitstag mit wenigen Terminen und einer langen Liste an Aufgaben fühlen wir uns weniger unter Zeitdruck als an einem Tag mit vielen Terminen, währenddessen wir nur ein wichtiges Projekt fertigmachen müssen – obwohl die Arbeitsbelastung objektiv die gleiche ist.

Nur im zweiten Fall kann uns das Gefühl, dass die Zeit knapp ist, völlig in Beschlag nehmen: „Das Denken richtet sich automatisch und unwiderstehlich auf die unerfüllten Bedürfnisse“, schreiben die Forscher. Wir beschäftigen uns dann ausschließlich mit der Sache, die wir als knapp empfinden. Das kann Vorteile haben: Menschen, denen wie Herrn Müller das Geld fehlt, haben eine viel klarere Vorstellung davon, wie viel etwas wert ist, und verhalten sich deshalb rationaler als der Durchschnitt.

Gefühl kann nützlich sein

In den klassischen Experimenten der Verhaltensökonomie schneiden sie viel besser ab, weil sie zum Beispiel den Wert einer Ersparnis nicht vom Preis des gekauften Gegenstands abhängig machen: um an einer 1000-Euro-Waschmaschine 10 Euro zu sparen, würden sie anders als die meisten Menschen denselben Umweg auf sich nehmen wie für einen 100-Euro-Fernseher. Das ist rational: Denn beide Male geht es um eine Ersparnis von 10 Euro. Auch in anderen Fällen ist das Gefühl der Knappheit nützlich: Wenn ein wichtiger Abgabetermin naht, konzentrieren wir uns besser auf die vielen Aufgaben, die wir noch zu bewältigen haben, und arbeiten dadurch effizienter.

Doch es hat auch Nachteile, nur auf das fixiert zu sein, was uns zu fehlen scheint. Denn wir neigen in solchen Fällen zu Verhalten, das die Knappheit noch verschärft: „Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter“, sagen die Forscher. Wenn wir uns nur auf eine einzige Sache fixieren, verlieren wir die Fähigkeit, über andere wichtige Dinge nachzudenken.

Psychologen nennen diese Einschränkung der intellektuellen Fähigkeiten den „Tunnelblick“: Weil Herr Müller ständig über die nächste unbezahlte Rechnung nachdenkt, ist er nicht mehr in der Lage, andere Ausgaben langfristig zu planen, der Versuchung eines Sonderangebots zu widerstehen oder seiner Tochter statt des teuren Geschenks etwas Günstigeres zu kaufen.

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Wenn jemand auf Diät ist, denkt er andauernd ans Essen. Teilnehmer einer Studie, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Auswirkungen von Hunger erforschte, begannen Kochbücher zu horten oder entwickelten Wahnvorstellungen von einem eigenen Restaurant. Im Kino erinnerten sie sich vor allem an die Momente, in denen im Film gegessen wurde – sahen sie eine Liebesszene, ließ sie das völlig kalt. Und einsame Menschen fühlen sich in ihrem Alltag schnell von glücklichen Paaren und Freunden umzingelt.

Die Folgen sind in allen Fällen ähnlich: Sind wir einmal in einer Situation des Mangels, kommen wir so schnell nicht mehr heraus. Herrn Müllers Unfähigkeit, langfristig zu planen und alltäglichen Versuchungen zu widerstehen, verschärft sein Schuldenproblem. In solchen und ähnlichen Situationen kommen Leute häufig auf den Gedanken, Versicherungen zu kündigen, die sie vermeintlich nicht so dringend brauchen, um die Beiträge zu sparen. Die meisten von uns haben auch schon einmal das Sparkonto angezapft, um überraschend eintreffende Rechnungen zu bezahlen. Kurzfristig mag das rational sein.

Doch passiert dann etwas Unvorhergesehenes, ist der Schaden umso größer und die Knappheit hinterher noch weit verheerender. Auch der Diätplan ist umso schwerer einzuhalten, je mehr man dabei ans Essen denken muss. Und die gefühlte „Umzingelung“ durch glückliche Menschen lähmt das Verhalten einsamer Leute so sehr, dass sich ihre soziale Isolation noch verschärft.Es ist nicht leicht, den Auswirkungen des Tunnelblicks zu entkommen, doch es geht: Wir müssen uns selbst überlisten, um die Sorge über die Knappheit daran zu hindern, allzu viel Platz in unserem Kopf einzunehmen. So schaffen wir wieder Raum für andere wichtige Dinge.

Gewusst wie: So entkommen sie der Knappheitsfalle

1. Reserven schaffen

Egal ob Geld, Zeit oder Kalorien: legen Sie sich einen Vorrat zu. Wer Reserven hat, ist weniger unter Druck und nimmt den Gedanken an Knappheit ihre Durchschlagskraft. Das schafft Platz im Kopf für andere Dinge.

2. Zur richtigen Zeit entscheiden

Seien Sie sich bewusst, dass die Knappheit an Ihren geistigen Fähigkeiten nagt. Wichtige Entscheidungen sollten Sie nur dann treffen, wenn Sie sicher sind, dass Ihnen gerade nicht der Tunnelblick die Sicht einschränkt.

3. Automatisieren

Erteilen Sie Einzugsermächtigungen für wichtige Rechnungen, und richten Sie einen Dauerauftrag auf Ihr Sparkonto ein. Dann kommen Sie auch in Zeiten, wo das Geld knapp ist, nicht so leicht in Versuchung, Zahlungen aufzuschieben oder Sparziele zu ignorieren.

4. Positive Effekte ausnutzen

Um die guten Seiten des Knappheitsgefühls zu nutzen, setzen Sie sich realistische Ziele, denken Sie sich wirksame Sanktionen aus, und delegieren Sie die Durchsetzung an andere: Wenn Sie eine Deadline verpassen, müssen Sie einem Freund ein teures Essen ausgeben.

Sendhil Mullainathan/ Eldar Shafir: Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus-Verlag 2013.

Angela Merkel Alles bleibt anders

Krisen kann sie bewältigen, eine Strategie hat sie nicht: Warum Merkels Macht-Methode an ihr Ende kommt – egal, mit wem sie weiterregiert Von 20. September 2013

Ein Wahlplakat von Angela Merkel - von Unbekannten mit Folie verändert

Ein Wahlplakat von Angela Merkel – von Unbekannten mit Folie verändert  |  © Kay Nietfeld/dpa

Jetzt, da alle Welt davon ausgeht, dass Angela Merkel Kanzlerin bleiben wird – sei es mit gelben, roten oder grünen Partnern –, drängt sich die Frage auf: Was hat diese Frau dem Land bisher gebracht?

Und aus aktuellem Anlass: Was kann sie dieser Republik bringen in den nächsten Jahren – seien es vier oder (bei einem vorzeitigen Rückzug) zwei.

Viele Bürger denken, sie wählten Kontinuität, wenn sie für Merkel stimmen. Doch das trifft nicht zu. Man merkt es auch jetzt schon, an ihrem zusammenbrechenden Wahlkampf oder an ihrer Orientierungslosigkeit in der Syrien-Frage.

Was die Kanzlerin tun kann oder tun will (und hoffentlich gibt es zwischen Wollen und Können bei ihr noch einen Unterschied), hängt von der Konstellation ab, in der sie jeweils regiert. Und schon da ist heute erkennbar: Schwarz-Rot wird nicht mehr so werden, wie Schwarz-Rot einst war. Für Schwarz-Gelb gilt das ganz ähnlich. Und eine Koalition mit den Grünen würde sie vor ganz neue Aufgaben stellen (siehe Seite 3).

Emanzipiert von rücksichtslosen Strategie-Spielen

Was macht das schon, könnte man einwenden, die Koalitionen wechseln, die Kanzlerin bleibt. Und damit auch ihr Charakter, den wir Bürger inzwischen ganz gut kennen, ihre Methode, die uns fast schon selbst in Fleisch und Blut übergegangen ist: Vielleicht immer etwas zu wenig Streusel, also kaum Rhetorik, wenig Wärme, null Pathos und ein absolutes Minimum an Programmatik – aber auch daran haben wir uns ja gewöhnt. Warum also nicht einfach “same procedure as in the last eight years”?

Weil im Falle ihrer Wiederwahl wenig so bleiben wird, wie es jetzt ist, vor allem eines nicht: sie. Sie wird die Gleiche sein, aber anders – “same same, but different”. Merkels wichtigste Wahlslogans sind: “Sie kennen mich” und “Wir werden das prüfen”. Sie signalisieren ein Versprechen auf Kontinuität, das die Kanzlerin nicht wird halten können.

Lassen Sie uns an dieser Stelle deshalb auch etwas prüfen: Was ist das Spezifische an der Merkelschen Politik? Und kann sie tatsächlich – etwa in den beiden großen E-Fragen Energie und Europa – so weitermachen wie bisher?

Diese Kanzlerin hat die Republik weder mit bestimmten Reformen noch mit einer weitblickenden Strategie geprägt. Womit sie das Land wirklich verändert hat – jetzt schon ihr historisches Verdienst –, das ist ihre Methode, ihr Stil, ihr Habitus, ihre Art, politische Macht auszuüben. Angela Merkel hat den Machiavellismus umgeschrieben. Sie hat, als erste Frau im höchsten Amt, Macht im postautoritären Deutschland neu definiert. Damit hat sie das Land modernisiert, sie hat in der Politik etwas durchgekämpft, was auch in anderen Teilen der Gesellschaft begonnen hatte – die Emanzipation vom Machiavellismus, also von den rücksichtslosen Strategiespielen mit allen Mitteln: Rache, Vernichtung, Demütigung, Selbsterhöhung.

Merkels Methode lautet, auf eine Formel gebracht: modesty and moderation, Macht durch Bescheidenheit und Moderation. Darum muss die wichtigste Frage an eine dritte Amtszeit sein: Hat sich diese Methode nicht bereits überlebt?

Wer genauer herausfinden möchte, was es mit der “Methode Merkel” auf sich hat, dem fällt zunächst auf, dass sie sich nicht in allem vom Regierungsstil ihrer Vorgänger unterscheidet. Verschwiegenheit ist auch bei ihr essenziell: Keiner von denen, die Auskunft geben können, will sich namentlich zitieren lassen. Weder die ehemaligen noch die aktuellen Nahesteher, und schon gar nicht die kundigen Kritiker Merkelscher Politik. Und so handelt es sich bei der folgenden Bestandsaufnahme um ein namenloses Frage-und-Antwort-Spiel, ein Kondensat aus vielen Stimmen – ohne Originalzitat.

Ist Merkels Methode die Methode einer Physikerin? Nein, das ist ein Mythos, Merkel ist seit einem Vierteljahrhundert keine Physikerin mehr, ohnedies funktioniert die Physik nach ganz anderen Gesetzen als die Politik. Es sei denn, man betrachtet Politik als eine Art Machtphysik, doch wer das tut, versteht weder die Politik noch Angela Merkel, ja nicht einmal die Macht selbst, weil die eben nie als reine Substanz vorkommt. Schon gar nicht in der Demokratie. Das Leben ist kein Labor.

Merkels Methode ist weiblich

Ist es die Methode einer Ostdeutschen? Ach herrje, die meisten ostdeutschen Politiker agieren ganz anders als sie. Dass die Ossi-These so beliebt ist, liegt nicht an ihrem Wahrheitsgehalt, sondern an ihrer Vorurteilskraft. Besagt sie doch, dass Angela Merkel in der Diktatur genug klandestine Hinterlist gelernt habe, um sich auch in den Berliner Hinterzimmern durchsetzen zu können. Man beleidigt mit dieser These praktischerweise zugleich die Ostdeutschen und die Berliner Politik. Aber umgekehrt gefragt: Holt man sich in einer sozialistischen Diktatur wirklich das Rüstzeug, um eine entwickelte, postmoderne und antiautoritäre Demokratie zu regieren? Was für ein Quatsch!

Nein, die Methode Merkel ist vor allem eines: weiblich.

Ihr Erfolg verdankt sich dem Zusammentreffen zweier Frauen, Angela Merkels und ihrer (westdeutschen) Büroleiterin Beate Baumann, die für die Kanzlerin als Spindoktor und Coach, als Filter und als Informantin unersetzlich ist. Beide Frauen hätten durch das reine Nachahmen männlicher Verhaltensweisen nie derart erfolgreich sein können. Dieses Frauengespann konnte nur an Macht gewinnen und sie behalten, indem es die Regeln der Macht veränderte. Und auch das hätte das Duo nicht geschafft, wenn das klassisch Patriarchale, angeberisch Brillante, offen Konkurrente, wenn also die männliche Methode nicht ohnehin im Niedergang gewesen wäre. Dieser Niedergang geschah natürlich zu Recht: Denn die patriarchale Methode ist einfach zu ineffizient, um in der globalisierten Konkurrenz noch standhalten zu können. Zumal Führung heute in einer Gesellschaft funktionieren muss, die immer weniger befehlsgewohnt und befehlsbereit ist. Effizienz ohne Befehl – diese doppelte Anforderung bringt die herkömmliche männliche Methode ins Wanken.

Was genau macht Merkel anders? Sie selbst könnte ihre Art zu regieren wie folgt beschreiben. Die erste Frage wäre: Schaffe ich das? Da werden die eigenen Kräfte eingeschätzt, die Werte und Loyalitäten gewogen, die Handlungsoptionen vermessen, erst danach wird gehandelt. Merkel ist eine Frau, die ihre hohe Intelligenz nicht zeigen muss, Demütigungen Dritter werden nach Möglichkeit vermieden, auch Rache schränkt die eigenen Optionen unnötig ein. Hierin schon verhält sie sich ganz anders, als es im berühmten Lexikon der Machterhaltung, dem Werk Der Fürst des Staatsphilosophen Niccolò Machiavelli, empfohlen wird, wo Rache und Vernichtung zum alltäglichen Besteck der Macht gehören.

Die zweite Frage wäre: Was nützt es mir? Neid und Geld interessieren die Kanzlerin nicht. Sie kann auch Freude haben am Können anderer, hierin ist sie ganz “Mutti” im besten Sinne. Ihre Arbeitsweise ist sorgfältig, fleißig und sachlich, die Atmosphäre kommunikativ, in der Chefetage des Kanzleramts stehen die Türen offen, im innersten Kreis braucht niemand Angst zu haben trotz offener Worte, gebrüllt wird nicht. Der Führungszirkel ist gendermäßig gut gemischt, die Frauen dominieren.

Merkel ist kein männermordender Uckermarck-Vamp

Selbstverständlich hört sich das schöner an, als es sein kann. Nur wenige wissen wirklich, inwieweit das alles stimmt. Doch unterscheidet sich auch dieses Selbstbild schon fundamental von dem ihrer Vorgänger Gerhard Schröder und Helmut Kohl, auch von dem eines Joschka Fischer oder Peer Steinbrück ist es weit entfernt.

Wo aber liegen die Makel der Methode Merkel? Was ihr oft unterstellt wird – kalte Brutalität gegen konkurrierende Männer –, verfehlt den Kern ihrer Machtpolitik. Angela Merkel ist kein männermordender Uckermark-Vamp. Dass so viele Männer während ihres Aufstiegs gefallen oder ausgestiegen sind, liegt nicht an Merkels dunkler Seite, sondern in der Natur der Dinge. Viele der Herren wollten ganz nach oben, aber da saß schon sie. Und als die Machthungrigen merkten, dass Merkel nicht wegzukriegen ist, kam diesen in der zweiten Reihe Blockierten mit einem Mal ihre Work-Life-Balance in den Sinn. Ein unbeobachtetes Privatleben oder mal so richtig Geld verdienen oder das veredelte Leben eines Bundespräsidenten führen, das schien ihnen nun schier unwiderstehlich. Als die Herren – insbesondere die 17 CDUler vom sogenannten Andenpakt, die sich vorgenommen hatten, Merkel abzulösen – mit ihren herkömmlichen Machtmitteln nicht mehr durchkamen, entdeckten sie ihre weiche Seite. Das ist schön und zeugt von nichts Bösem.

Im Übrigen sind in der Zeit von Merkels CDU-Vorsitz mehr SPD-Chefs zu Fall gekommen als Unionsmänner.

Es ist also nicht so einfach mit der dunklen Seite von Merkels Macht. Aber wie ist es dann? Folgendes sagen Männer und Frauen, die sie am eigenen Leib erfahren haben: Das System der Angela Merkel beruht auf umfassendem Misstrauen, verbunden mit perfekter Tarnung. Äußeres Verhalten lässt keinerlei Rückschlüsse auf innere Vorgänge zu. Die Machtfrage wird vor allem anderen diskutiert und am Schluss noch mal. Ein politisches Programm kann es nicht geben, weil damit Kontrolle verloren ginge und Niederlagen riskiert würden. Auch die Parteigremien habe Merkel entmachtet, sie würden in Unverbindlichkeit erstickt. Am Ende bleibe eine Macht ohne Wille, das Ganze sei schlimmer als in den letzten Jahren der Ära Kohl, weil der wenigstens nicht mehr die Kraft hatte, neue Ideen in der Partei zu unterdrücken, was Merkel mühelos gelingt.

Merkel ist ihrer Gesellschaft langsam nicht mehr voraus

So reden die, die Merkel als machtfixierte Postmachiavellistin wahrnehmen. Das klingt natürlich zu schlimm, um wahr zu sein. Was nun eher stimmt, das Idealbild oder das hässliche Gegenbild, darauf kommt es jetzt, kurz vor der Wahl, nicht an. Nun geht es um die nahe Zukunft. Und für die ist wichtig, dass sich Moralität und Funktionalität der Methode Merkel nicht abstrakt beurteilen lassen, es kommt auf den Kontext an. Bringt sie Politik und Gesellschaft voran, dann sind auch die unangenehmen Seiten hinnehmbar. Wenn nicht, kippt die Bilanz schnell ins Negative.

Ein ehemaliger Chefredakteur und gelegentlicher Politikberater, der sich sehr gut mit männer-, aber auch mit frauendominierten Gruppen auskennt, charakterisiert die Unterschiede in der Art zu führen so: Sind zu viele Männer dabei, dann wird ungeheuer viel Energie verschwendet für Machtkämpfe, für Rechthaberei und Überlegenheitsgesten, die Intelligenz der Gesamtgruppe sinkt unter die der einzelnen Mitglieder. Dominieren hingegen Frauen zu stark, dann sinkt die Durchschnittsintelligenz zwar nicht ab, doch dafür greift irgendwann eine gewisse Verhäkeldeckung um sich: Man häkelt allzu nett und gemütlich miteinander, die Gruppe ist dabei aber stets auf Sicherheit bedacht, die Ängstlichkeit der Gruppe übersteigt die der einzelnen Frauen. Niemand wagt sich mit steilen Thesen hervor.

Nun, einiges davon kommt einem vielleicht bekannt vor.

Ein zweites – sich verschärfendes – Problem der Methode Merkel besteht in ihrer Entschlüsselung. Über viele Jahre lag ihr entscheidender Vorteil darin, dass sich die Methode Merkel schneller weiterentwickelt hat, als politische Gegner und Beobachter sie verstanden haben. Diese Zeit jedoch ist vorbei. Wie Merkel Politik macht, das verstehen nun die meisten, man erkennt auch die eigenen Führungs- und Managementmethoden in dem wieder, was die Damen (und Herren) im Kanzleramt so treiben. “Sie kennen mich”, ruft sie. Ja, wir kennen sie. Weiblich und modern werden heute viele Unternehmen geführt, etwa auch die erfolgreicheren unter den Zeitungen. Durch die Enträtselung ihrer Methode verliert Merkel ihr Momentum, sie ist der Gesellschaft nicht mehr voraus.

Fällt sie schon dahinter zurück? Jedenfalls wirkt Angela Merkel in diesem Wahlkampf weitaus moderner, als sie ist. Und das liegt an der SPD. Die drei mit Abstand wichtigsten und auffälligsten Genossen sind Männer: Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier. Alle drei haben zwei engste Mitarbeiter, die wiederum sind alle sechs: Männer. Es bleibt ein Geheimnis der SPD, wie man sich darauf Hoffnungen machen kann, mit einer so hermetisch-homogenen Truppe gegen das flott gemischte Haus Merkel antreten und siegen zu können. Jedenfalls kann es kaum verwundern, dass es dem SPD-Herrentrio und dessen engsten Mitarbeitern an kultureller Varianz und intellektueller Fantasie fehlt, genauso wenig, dass diese neun Männer einander schon seit Monaten hinterrücks befehden, übrigens unter Zuhilfenahme eines ebenfalls übermännlichten und von Machtfragen mitunter besessenen Nachrichtenmagazins. Mit anderen Worten: Merkel ist nicht vorn, die SPD ist nur besonders weit hinten.

Wahrscheinlich ist es so, dass jetzt auch für führende Frauen eine neue Phase begonnen hat, sie werden zu viele und zu mächtig, um allein mit der Methode Merkel noch weiterzukommen. Sie können sich immer seltener darauf beschränken, den überbordenden, fehlgeleiteten Männerenergien mit Abwehrkampftechniken wie Aikido zu begegnen. Jetzt müssen sie selbst in die These und in die Vorhand gehen, nennen wir das mal die Methode von der Leyen. Auch viele andere Frauen tun das natürlich schon. Merkel tut es nicht. Darum dürfte die Wirkung ihrer Moderation rasch abnehmen.

Merkel reagiert nur

Gerade da, wo es in der Politik bald besonders wichtig wird, müsste Merkel sich wohl am radikalsten ändern. Bisher war ihre stärkste Kraft die Krisenreaktionskraft. Nicht was sie geplant hatte, prägte ihre beiden Regierungsperioden, sondern was ihr widerfuhr: Fukushima hat ihre Energiepolitik erzeugt, eine Haushaltslücke die Entscheidung gegen die allgemeine Wehrpflicht und die europäische Schuldenkrise ihre EU-Politik. Das Verfahren, bei dem die Krisen und Katastrophen die Richtlinien der Politik bestimmen, kann man kritisieren, allerdings müsste man dazu beweisen, dass dieses Vorgehen zu schlechten Ergebnissen geführt hat. Das jedoch ist alles andere als leicht.

Die Wehrpflicht abzuschaffen war gewiss überfällig, hatte doch die Wehrungerechtigkeit ein bizarres Ausmaß erreicht. Und nach Fukushima hat Angela Merkel lediglich einem Mehrheitswillen, der sich seit Jahr und Tag gegen die Atomkraft aussprach, endlich nachgegeben. Demokratisch (und ökologisch) war die Kehrtwende also angemessen. Allerdings, und hier beginnen die sehr merkelspezifischen Probleme: Die Wende bekam keine Richtung. Sie wurde beschlossen, aber nicht durchexerziert.

Vielleicht war die Kanzlerin auch zu sehr mit dem Euro beschäftigt. Seine Rettung ist das Herzstück ihrer zweiten Amtszeit, wenn nicht gar ihrer ganzen Regentschaft. Nimmt die Euro-Rettung ein gutes Ende, war ihre Bilanz positiv. Wenn ihre Euro-Politik weiterhin erfolgreich sein könnte, hätte sie es verdient, Kanzlerin zu bleiben.

Viele kritisieren die Rettungspolitik der Kanzlerin heute fundamental, darunter auch solche, die ihr zuvor immer wieder zugestimmt haben. Ein Argument wird regelmäßig angeführt: Wäre sie von vornherein in die Gesamthaftung für all die Euro-Schulden eingetreten – wie es dann später durch die Europäische Zentralbank geschah –, so hätte es die Krisenverschärfung in den Südländern nie geben müssen. Hier jedoch sticht Merkels Gegenargument: Bei einer pauschalen Sofortrettung wäre der Anreiz zu Sparsamkeit und Reformen gleich null gewesen.

Unterm Strich zählen die Ergebnisse: Nicht zuletzt ist es Merkels Politik, die dazu beigetragen hat, dass es den Euro immer noch gibt und dass kein Land austreten musste – und jetzt scheint sich sogar die Konjunktur ein bisschen zu erholen. Merkels mütterliche Methode, die der skeptischen Allmählichkeit, die der fordernden Fürsorge, die der kleinen Schritte, hat sich also bewährt – bis hierher.

Nun geht es um das Wohin

Was aber kommt jetzt? Merkel hat sich auf dem Bullen gehalten. Bald wird es nicht mehr reichen, die Krise zu reiten. Nun geht es um das Wohin. Für Europa steht eine Diskussion über Alternativen an, der Kontinent brauchte, um das in der Ära Merkel vergessene Wort zu gebrauchen: eine Strategie. Soll die EU vor allem die in der Krise schnell zusammengeschusterte Vertiefung konsolidieren und institutionell abrunden und dabei die euroskeptischen Briten im Boot halten? Oder soll sie einen großen Sprung in Richtung politischer Union machen und die Briten ziehen lassen? Die Antwort auf solche Fragen gibt die Krise nicht. Die Antwort muss politisch sein.

Angela Merkel hat es zuletzt geschafft, beide Positionen anzumoderieren. Das mag zu ihr passen, es funktioniert bloß für Europa nicht mehr. Jede Entscheidung in der EU wird künftig unter dem Blickwinkel angesehen und umkämpft, ob Deutschland zu dieser oder jener Alternative beiträgt. Das undiskutiert Strategische der Methode Merkel blockiert dann die Alltagspolitik. Was an Europa ohne größeren Plan zu retten war, das ist gerettet.

Beim Thema Syrien wird Merkels Methodenproblem akut, vielleicht sogar dramatisch. Alles in ihrem Verhalten der letzten Jahre deutet darauf hin, dass sie mittlerweile strikt gegen jede Intervention ist. Auf der anderen Seite möchte es die Kanzlerin vermeiden, allzu hart den amerikanischen Bündnispartner vor den Kopf zu stoßen. Nun, im Fall Syrien, versuchte sie wieder, diesen Zielkonflikt durch Lavieren unsichtbar zu machen. Sie sagte nicht, was sie wollte, und vermied jegliche öffentliche Debatte. Doch nach dem G-20-Gipfel von Petersburg wurde all das ruchbar. Erst schien sie isoliert, dann musste sie doch noch Obamas Syrien-Erklärung zustimmen. Jetzt steht Merkel mit ihrer ganzen Unklarheit offen auf der Bühne – und macht eine schlechte Figur. Auch Obama kennt eben mittlerweile Merkels Methode.

Ob Europa, Krieg und Frieden oder Energie: Von nun an bewältigt Strategielosigkeit keine Krisen mehr, sie erzeugt sie. Ziele diskutieren, Alternativen formulieren – ob Merkel das noch kann? Jedenfalls wäre es dann eine andere Merkel.

Koalitionsvarianten:

  • Schwarz-Rot
Angela Merkel musste 2005 mit einer SPD regieren, die bei der Bundestagswahl nur ganz knapp hinter der Union gelandet war. Dieses Mal werden mehr als zehn Prozent zwischen den beiden Koalitionspartnern liegen. Doch genau in diesem ungleichen Kräfteverhältnis liegt für Merkel das Problem einer neuen Großen Koalition.

Gerade weil die SPD, anders als beim ersten Mal, um ihre angestammte Rolle im Parteienspektrum kämpft und nur unter äußerstem Widerwillen der Neuauflage einer Große Koalition zustimmt, wird sie für Merkel ein ungleich schwierigerer Partner. Die Sozialdemokraten werden sich ihre Schwäche von Merkel teuer bezahlen lassen. 2005 musste die SPD mit einem gebrochenen Wahlversprechen in die Große Koalition starten, als sie der Erhöhung der Mehrwertsteuer zustimmte. Diesmal ist es Angela Merkel, die sich die Kooperationsbereitschaft der SPD mit der Anhebung des Spitzensteuersatzes erkaufen muss. Und während sich beim letzten Mal beide Seiten noch bemühten, die Zusammenarbeit auch als Chance zu sehen, sich gemeinsam großen Herausforderungen zu stellen, präsentiert sich das Bündnis diesmal gänzlich frei von Überhöhungen. Jede inhaltliche Streitfrage wird zur Machtfrage – Regieren als Kampf.

Für Merkel wird es auch deshalb schwer werden, in der Koalition den dominanten Part zu spielen, weil die SPD-geführten Landesregierungen auf Jahre hinweg die Mehrheit im Bundesrat stellen. Das muss gar nicht unbedingt zu einer Obstruktionspolitik der Länder führen. Doch die Vorherrschaft in der Länderkammer wird der SPD zusätzliche Verhandlungsmacht eintragen. Nie war die Kanzlerin vom “Durchregieren” weiter entfernt.

Das eigentliche Problem der Großen Koalition heißt für Merkel aber Rot-Rot-Grün. Eine numerische Mehrheit für ein linkes Bündnis gab es auch schon 2005, doch damals war diese Variante so unrealistisch, dass sie die Kanzlerin nicht schrecken musste. SPD und Linke waren sich in tiefster Feindschaft verbunden, und enorme programmatische Differenzen trennten die beiden Parteien. Davon ist heute kaum etwas übrig. Zugleich aber steht die SPD unter gewaltigem Druck, wieder eine mehrheitsfähige Perspektive links von der Union zu entwickeln. Und dieser Druck steigt, weil sie wieder unter einer Kanzlerin Merkel regieren muss.

Gerade aus ihrer Schwäche heraus wächst für die SPD die Verlockung, mithilfe der Linkspartei die Kanzlerin zu stürzen. Nicht sofort nach der Wahl, aber irgendwann später. Merkel ist erpressbar geworden, und jeder Konflikt in der Großen Koalition kann schon deren Ende bedeuten.

Das ist die Drohung, die ab jetzt über Merkels Kanzlerschaft schwebt.

Mehr online im Artikel http://www.zeit.de/2013/38/merkel-methode-kanzlerin/komplettansicht

Die ARD, das ZDF und die Wahl Die richtige Umfrage zur richtigen Zeit

13.09.2013 ·  Die ARD bringt ihre letzte Erhebung zur Bundestagswahl zehn Tage vor dem Stichtag. Das ZDF fragt noch drei Tage vor der Stimmabgabe. Für taktische Wähler macht das die Sache spannender.

Von Ursula Scheer

islang galt: Zehn Tage vor der Bundestagswahl ist Schluss mit den Zukunftsvisionen. Dann hieß es bei ARD und ZDF zum letzten Mal: Was wäre, wenn? Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre? Und die beiden öffentlich-rechtlichen Sender präsentierten zum letzten Mal vor dem Stichtag ihre bunten Tortengraphiken mit Umfrageergebnissen. Dieses Jahr will das ZDF es anders machen. Drei Tage vor der Wahl am 22. September präsentieren die Mainzer nun noch einmal aktuelle Zahlen.Das wäre an sich nicht besonders spannend, wenn dahinter nicht ein paar wirklich spannende Fragen stecken würden. Zum Beispiel die, ob Umfragen, die wenige Tage vor einer Wahl erhoben werden, wirklich näher am Wahlergebnis liegen als ältere. Und vor allem, ob und wie Meinungsumfragen Wahlergebnisse beeinflussen. Auf diese Fragen aber weiß niemand eine klare Antwort. Fest steht nur: Die Wähler entscheiden immer später, wo sie ihr Kreuz setzen – und sie wählen auch taktisch. Umfrageergebnisse aber nutzen gerade taktische Wähler als Informationsquelle. Viele lesen sie als Prognose – dabei können sie erheblich vom Wahlausgang abweichen.

Berichterstatter als Akteure?

Im Januar 2013 etwa ermittelten die Demoskopen Zahlen, nach denen die FDP den Einzug in den Niedersächsischen Landtag verpasst hätte. Tatsächlich erhielt sie am Wahlabend fast zehn Prozent der abgegebenen Stimmen – weil, so der Vorwurf an die Meinungsforscher, veraltete Umfrageergebnisse den Liberalen Leihstimmen von CDU-Stammwählern einbrachten. Für eine schwarz-gelbe Koalition reichte es dennoch nicht mehr, und Spekulationen darüber, ob die Veröffentlichung aktuellerer Umfragen einen anderen Wahlausgang herbeigeführt hätte, schossen ins Kraut.

Die Sender ziehen unterschiedliche Schlüsse aus dem, was man Wahlumfragen zutraut. Für ARD-Chefredakteur Thomas Baumann steht fest: „Je näher Ergebnisse zur Sonntagsfrage am Wahltermin liegen, desto größer ist die Gefahr, dass diese als Prognosen missdeutet werden.“ Und das berge die Gefahr, dass Berichterstatter quasi zu Akteuren im politischen Geschehen würden. Zum Beispiel, indem sie Wähler demobilisierten, die von einem klaren Sieg einer Partei ausgingen, oder taktisches Wahlverhalten förderten.

Taktisches Wählen als Bedürfnis

„Wir legen es nicht darauf an, dass unsere Umfrageergebnisse als Grundlage für Wahlentscheidungen dienen“, sagt Baumann. Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, dessen Zahlen die ARD veröffentlicht, hält „Last-Minute-Zahlen“ ebenfalls für etwas, das Wähler eher verunsichert als ihnen bei der Entscheidungsfindung hilft. Und so wird die ARD an der traditionellen Frist von zehn Tagen festhalten, die übrigens nicht gesetzlich vorgeschrieben, sondern eine reine Selbstverpflichtung ist.

Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, die mit dem ZDF zusammenarbeitet, sieht das völlig anders. „Taktisches Wählen ist ein Bedürfnis der Wähler“, sagt er, „und es ist unsere Pflicht, das Bedürfnis nach Information mit möglichst aktuellen Umfragen zu befriedigen.“ Immer verbunden mit dem Hinweis, dass eine Umfrage keine Prognose sei und mit statistischen Fehlern und einer Schwankungsbreite von bis zu drei Prozent behaftet. Theo Koll, der Leiter der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen, will am kommenden Donnerstag eine Graphik zeigen, die genau das aufzeigt, wenn er das „Politbarometer“ moderiert. Er sei kein Meinungsforscher, sagt er, sondern Journalist. „Mir geht es darum, Transparenz für mündige Bürger zu schaffen“ – mit aktuellen Zahlen. Denn die sollten kein Geheimwissen bleiben, sondern allen zugänglich sein.

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Die letzte Umfrage der Öffentlich-Rechtlichen vor der Wahl wird am stärksten beachtet werden. Da mag man sich beim ZDF noch so dagegen verwahren, auf diesen Nebeneffekt zu schielen. Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter von der Universität Mainz sagt sogar – anders als die Experten von der ARD: „Die prognostische Qualität von Umfragen steigt mit jedem Tag, den es auf die Wahl zugeht.“ Also doch die ideale Handlungsanweisung für taktische Wähler? Sein Kollege Oskar Niedermayer von der FU Berlin schränkt ein: „Normalerweise verfestigt sich unmittelbar vor einer Wahl die ganze Geschichte.“

Aber nur „normalerweise“ und „im Prinzip“. Denn dann gebe es noch die unvorhersehbaren Ereignisse oder Abstrahleffekte aus der Landtagswahl in Bayern. Sollte die FDP es dort nicht in den Landtag schaffen, könnte entweder der „Underdog-Effekt“ greifen – dass also die FDP bei der Bundestagswahl besser abschnitte als erwartet – oder das genaue Gegenteil eintreten, gemäß der Mitläufer-Hypothese. Der Wähler bleibt dann doch ein unbekanntes Wesen.

ZDF Bundestagswahl 2013 – Prognosen

http://wahl.zdf.de/Wahlen/Bundestagswahl-Prognosen-Kandidaten-Hintergr%C3%BCnde-29197526.html

Im Endspurt bleibt Rennen denkbar knapp

Im Endspurt vor der Bundestagswahl bleibt das Rennen der Parteien denkbar knapp. Das zeigt das aktuelle ZDF Politbarometer. Schwache Werte für FDP und Grüne. weiter bei:

http://www.heute.de/Im-Endspurt-bleibt-Rennen-denkbar-knapp-29832138.html

Das Politbarometer vom 19.09.2013