Widerstand leisten – nur wie?

Widerstand leisten – nur wie?

Der Soziologe Harald Welzer stößt jeden von uns auf seine Verantwortung Von Hilal Sezgin

24. März 201316:47 Uhr

Die Suche nach politischen Alternativen geht voran. Nach Stéphane Hessels lautem Empört euch! und Christian Felbers Gemeinwohl-Ökonomie treten immer mehr Autoren an, Wege in eine lebbare Zukunft zu entwerfen. Auf die große Revolution wartet keiner mehr – doch Reförmchen sind denn auch zu wenig. Erhofft wird vielmehr ein Zauberwerk – im eigenen, im alltäglichen Leben kleine Veränderungen anzustoßen, die große Wirkung haben.

Für diese Aufgabenstellung scheint der Soziologe Harald Welzer prädestiniert. Welzer, Jahrgang 1958, hat bedeutende sozialpsychologische Untersuchungen zu Mittäterschaft und Widerstand im Nationalsozialismus durchgeführt und Studien zu möglichen Folgen des Klimawandels. Er lehrt in Flensburg Transformationsdesign und hat Futurzwei, die Stiftung Zukunftsfähigkeit, begründet, der er vorsteht. Genau dieses Zusammenspiel von historischer und prophetischer, von globaler und mikroskopischer Perspektive ist auch nötig, um voranzukommen. Denn an der Schnittstelle zwischen den Katastrophen von Vergangenheit und Zukunft liegen die Fehlentscheidungen von heute. Bei uns törichten spätkapitalistischen Menschen, die so vieles begehren und umsetzen, was Erde und Mitmenschen auf Dauer ruiniert.

Wir stecken – so Welzers Analyse – leider noch tief in den Zukunftswünschen der Nachkriegszeit, in der man lernte, dass Zukunft aus immer mehr Möglichkeiten bestehe. Mehr erfinden, mehr produzieren, mehr konsumieren! Alles soll machbar, kaufbar sein, sofort. Tatsächlich befinden wir uns an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem abzusehen ist, dass die Zukunft eben keine Verlängerung der Vergangenheit und ihrer Glücksvorstellungen sein kann.

Unsere Politik, schreibt Welzer, sei »chronisch von gestern«, und weiter: »Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten hätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht.« Und weiter: Es gehe heute »nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr«. Dabei denkt er gerade auch an viele der Maßnahmen, die wir einer ökologisch orientierten Politik zurechnen. Angemessen hart geht Welzer mit allen ins Gericht, die meinen, ein grünes Etikett auf der Plastikverpackung entlaste die Müllstrudel im Pazifik und mit dem Kauf von AAA-Kühlschränken sei die Energiewende eingeleitet.

Nicht reparierbare Produkte hat unsere Wirtschaft längst erfunden, aber noch im Produzieren von »nachhaltigen« Waren treibt sie vor allem eines voran: den Verbrauch. Das grundlegende Problem bleibe – eine »Kultur des ALLES IMMER«. Im Grunde, so Welzer, müssen wir neue Wege des Benutzens, des Teilens, des Wollens und Genießens finden.

So weit ist Selbst denken eine gelungene Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch. Engagiert, leidenschaftlich und belesen. Doch im Vergleich zur klaren Diagnose sind die Therapievorschläge holprig. Da denkt Welzer einiges an, fügt es aber nicht wirklich zusammen. In der Buchmitte lobt er Tugenden wie Eigenverantwortung und Sparsamkeit, wenig später porträtiert er ein paar vorbildliche »selbst denkende« Unternehmer, auch Kulturprojekte und Initiativen. Am Ende kommt eine Liste mit zwölf befeuernden Slogans wie »Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind« und »Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert!«. Letzteres ist natürlich Unsinn. Genau wie Welzers rasches Abfertigen der Konsumboykott-Bewegungen: seiner Meinung nach nicht hinreichend politisch. Er sieht wohl nicht, dass bewusste Konsumenten viel mehr tun als bloß: nicht kaufen. Sie fordern die Wirtschaft heraus, sich umzubauen, sie distanzieren sich vom simplen Imperativ des »Alles-Immer«. Politische Konsumenten versuchen, die Elemente Produktion, Information und Entscheidung neu zu verbinden. Und zwar gemeinsam.

Auch Welzer erklärt, dass Widerstand Gemeinschaften braucht, »Wir-Gruppen, in denen spezifische Selbstbilder etabliert werden, die wiederum Handlungsbereitschaft, Mut, Selbstvertrauen, Phantasie freisetzen«. Solche Gruppen nennt Welzer Resilienzgemeinschaften. Das ist das Stichwort, das sich dem Lesenden am stärksten einprägt. Wenn man wohlwollend ist – und man sollte es sein, denn in dieses Buch hat der Autor viel Recherche und sichtlich Herzblut einfließen lassen –, könnte man Welzers Kernbotschaft zusammenfassen: Selbst denken ist unerlässlich, im Alleingang gegen die Kultur des »Alles-Immer« aber schwierig. Doch in geeigneten Gruppen und Nischen lässt sich bereits heute ein anderes Leben für morgen proben.

Das ist eine versöhnliche Vision – aber zu kleinteilig: Sollte unsere Zukunft wirklich in den Händen der beschriebenen Solargenossenschaften, Theaterprojekte und Recyclingbörsen liegen? Den Vorwurf, zu wenig Durchschlagskraft zu besitzen, kann man jedem Vorschlag machen, es sei denn, er proklamierte die eine alles umwälzende Revolution, die man als unrealistisch beschimpfen würde. Und so ist das Unbefriedigende am Ausklang von Welzers Buch auch weniger, dass sich seine Vorschläge etwas bescheiden ausnehmen, sondern dass sie mit der so überzeugenden Problembeschreibung der ersten Hälfte des Buches intellektuell nicht mithalten können.

Dass der Kapitalismus bestimmte Bedürfnisstrukturen hervorbringt und unsere Politik hier als Erfüllungsgehilfe einer bestimmten Wirtschaftsform beschrieben wird, zu dieser Analyse passt nicht das muntere Motto »Wir fangen schon mal an«, das in der Sicht Welzers die Resilienzgrüppchen der Avantgarde auszeichnet. Es bleibt schwierig.

Zur Person: http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Welzer

Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)

Perspektiven der Überflussgesellschaft – Von Harald Welzer

Die politischen und ökonomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum – dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1095078/

Stiftung Futurzwei : http://www.futurzwei.org/#index

 

Alle mal umdenken!

06.03.2013 ·  Der Kapitalismus führt zur Erstarrung des Denkens: Harald Welzer kennt das Glück des Verzichts und den Weg zu einem besseren Leben.

Von Thomas Thiel

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/harald-welzer-selbst-denken-ein-anleitung-zum-widerstand-alle-mal-umdenken-12104729.html

lühbirnen könnten ewig leben. Im amerikanischen Dorf Livermore, wo seit 1901 ununterbrochen eine Birne brennt, hängt der leuchtende Beweis. 1924 wurde die Lebensdauer der Glühdrähte aber auf Betreiben der Industrie künstlich begrenzt. Der Kapitalismus hat ein Interesse daran, dass die Dinge ein vorzeitiges Ende nehmen. Das ist der Ansatzpunkt für Harald Welzers Kapitalismuskritik: die institutionalisierte Verschwendungssucht dieses Systems. Wer den Kapitalismus kritisiert, macht zur Zeit wenig falsch. Dem Sozialpsychologen Welzer darf man unterstellen, dass er nicht nur einen modischen Reflex bedient. Er trank das Wasser seiner Predigt. Vor wenigen Jahren gab er seine Professur auf und gründete die Stiftung Futurzwei. Hier sammelt er positive Gegenbeispiele zur kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform. Inzwischen kann er ein Buch damit füllen.

Der Kapitalismus, sagt er darin, wird das einundzwanzigste Jahrhundert nicht überstehen. Besser gesagt: Nur ein kleiner Teil von uns wird den Kapitalismus überstehen – der am besten mit ihm paktiert. Wenn eine expansive Wirtschaftsform auf begrenzte Ressourcen trifft, ist der Konflikt programmiert. Die Klimaprognosen im Nacken, fällt der Widerspruch schwer. Welzer lässt aber, und darin liegt seine größte Angriffsfläche, technischen Fortschritt nicht gelten. Bis hinein ins ökologische Milieu setze man heute schon viel zu sehr darauf, dass es die Technik irgendwie richten wird. Das verzerrt seine Prognose, trifft aber insofern zu, als seine Kritik auch der technischen Umformung von Natur gilt.

Man verschlingt die Oper wie den Burger

Hier nämlich liegt für ihn das Problem: Der von der glänzenden Benutzeroberfläche verführte Kunde sieht die Wertschöpfungsprozesse nicht, die hinter den Produkten stecken, das Leid der Arbeiter von Bangladesh bis Bad Hersfeld, die öden Arbeitsroutinen, das der Erde entrissene Material. Seit Marx nennt man das Warenfetischismus. Neu ist, so Welzer, dass auch das Wissen nur noch als Endprodukt und nicht in Genese und Erwerb erscheint. Die auf Wachstum gepolte Wirtschaft zielt immer mehr auf eine Belagerung des Denkens. Irgendjemand muss die Produktionssteigerung nun einmal schlucken. Sagt die Kanzlerin: „Ohne Wachstum ist alles nichts.“ Sagt Welzer: Der Verstand wird im Überfluss ertrinken.

Kapitalismus heißt die klandestine Bewirtschaftung des Bewusstseins, die Erstarrung des Denkens in Routinen. Man liest insgesamt wenig zu den neuen medialen Formen, in denen sich der kognitive Kapitalismus breitmacht. Welzer führt seinen Kampf in der Hauptsache gegen traditionelle Gegner, das selbstzufriedene Konsumenten-Ego, das seine Kaufentscheidungen für die eigene Wahl hält, die perfide Hässlichkeit der Gewerbegebiete, den Flächenwuchs der Flachbildschirme, nicht unerwähnt lässt er den mentalen Dauerbeschuss durch Update-Industrie und Social-Media-Querulanten. Sein Lieblingsfeind ist der mit der digitalen Kultur ubiquitär gewordene Verfügbarkeitsanspruch. Schon Utopien beginnen ja heute mit dem beleidigten Einfordern permanenten Konsumglücks.

Dabei ist der Mensch eigentlich hilfreich und gut. Welzer stützt seinen Optimismus auf ein Experiment des Leipziger Anthropologen Michael Tomasello, das die spontane Hilfsbereitschaft von Kindern belegt. Erst bei ausbleibender Belohnung sank ihre Hilfsbereitschaft. Erst der Kapitalismus, resümiert Welzer, hat den Menschen zum engherzigen Egoisten transformiert. Der kognitiv nicht zu bewältigende Optionenbeschuss macht den Konsumismus schließlich zur Grundeinstellung. Man verschlingt die Oper wie den Burger. Die Kehrseite des Wachstums ist die innere Ruhelosigkeit, das Gefühl, nie an ein Ende zu kommen. Nicht einmal der Konsum macht noch richtig Spaß, wenn so wenig Zeit dazu bleibt.

Zu nah an der Sprache des Gegners

„Probieren Sie einmal, wenn Sie mitteilen, dass Sie jetzt nichts mehr lernen möchten, es sei nun mal genug. Oder nicht mehr verreisen möchten, Sie hätten schließlich genug gesehen. Und überhaupt wollten Sie sich nicht mehr entwickeln, sie seien nun einfach fertig.“ Eskapismus ist aber nicht Welzers Ausweg. Sein Rezept: Verzicht und alternative Wirtschaftsformen. Ohne Wohlstandseinbußen werden Umwelt und Wirtschaft keine Partner. Das ist nicht schlimm, denn im Verzicht liegt Befreiung. Braucht man eine Bohrmaschine, wenn man sie nur dreizehn Minuten im Jahr benutzt? Welzer sieht überall Alternativen heranwachsen: Gemeinwohlökonomien, Genossenschaften in Solar- und Wohnungsprojekten, Leute, die Gegenstände umnutzen, reparieren, teilen, die das Wohnzimmer ihrer Nachbarn renovieren, um dafür die eigene Homepage eingerichtet zu bekommen, Recyclingbörsen, Crowd-Funding und Open-Source-Projekte. Die Argumentation ist aber narrativ und nicht systematisch. Lose ins Feld geworfene Schlagworte wie Konsumverzicht, Arbeitszeitverkürzung und bedingungsloses Grundeinkommen sind mehr mentale Befreiungsschläge als konsequente Anleitung zum Systemwechsel.

Ohne die Bestätigung in Milieus und den Halt von Strukturen werden aber wenige auf Dauer zum besseren Leben bereit sein. Oft ist es nicht fehlende Einsicht, sondern der Wunsch nach sozialer Teilhabe, der Gewissen und Tun nicht zur Deckung kommen lässt. Für Welzer ist diese Kluft eine Folge unbewusster Routinen, unaufgeklärten Konsums und erstickter Phantasie. Man glaubt gar nicht mehr, dass es auch anders geht. Er wird nicht müde, die Pflicht zum Umdenken zu betonen. Nur der Leser wird es angesichts der sloganhaften Darreichungsform auf Dauer ein bisschen überdrüssig, auch wenn er vielem herzlich zustimmt. Vokabeln wie „Zeitwohlstand“ und „permanente Achtsamkeit“ liegen schon wieder zu nah an der Sprache des Gegners.

Harald Welzer: „Selbst Denken“. Ein Anleitung zum Widerstand. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 336 S., geb., 19.99 €.

Leseprobe: Welzer Selbst DenkenLP_978-3-10-089435-9

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