Gefühlt zu wenig – In der Knappheitsfalle

21.09.2013 ·  Egal wie reich wir sind: Das Geld ist knapp. Egal wie viel Zeit wir haben: Es reicht nicht. Ständig glauben wir, dass wir weniger haben, als wir brauchen. Woher kommt all der Stress?

Von Lena Schipper

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/gefuehlt-zu-wenig-in-der-knappheitsfalle-12584239.html

err Müller hat ein Problem. Das Konto seiner Kreditkarte ist überzogen, er ist mit einem Haufen Rechnungen im Rückstand, und von seinem Gehalt ist schon um die Monatsmitte herum regelmäßig nichts mehr übrig. Die Zinsen für alte Schulden werden dafür immer höher, und nächsten Monat muss er auch noch die erste Rate für einen neuen DVD-Player aufbringen, weil er auf ein Lockangebot eingegangen ist. Er fühlt sich schlecht, weil seine Freunde in der Eckkneipe ihm das Bier bezahlen, und fürchtet sich, wenn das Telefon klingelt.

Denn am anderen Ende ist wahrscheinlich das Inkassounternehmen. Die Freunde raten ihm zu sparen. Herr Müller ist fest entschlossen. Doch dann hat seine Tochter Geburtstag – und ein teures Geschenk zieht ihn wieder in den Kreislauf aus Schulden und unbezahlten Rechnungen. Auch wenn die Privatinsolvenzen in Deutschland tendenziell zunehmen, versinken wir nicht alle im Schuldensumpf. Doch ein kleiner Herr Müller steckt in jedem von uns. Das Gefühl, dass das Geld nie reicht, kennen die meisten Menschen. Und der Versuchung, im Sonderangebot doch noch das neue Paar Schuhe oder das Geschenk für die Freundin zu kaufen, obwohl das Konto eigentlich im Minus ist, können wir auch nicht immer widerstehen.

Sind wir Menschen alle leicht verführbare, charakterschwache Verschwendernaturen, die sich einfach öfter einmal am Riemen reißen sollten? Sendhil Mullainathan, Ökonom aus Harvard, und Eldar Shafir, Psychologe aus Princeton, meinen: nein. In ihrem Buch „Knappheit“ erklären die Forscher, was das Gefühl, zu wenig zu haben, in uns anrichtet. Herr Müller ist so sehr damit beschäftigt, dass ihm das Geld fehlt, dass er in seinem Kopf keinen Platz mehr für andere Gedanken hat, die ihm helfen könnten, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Weniger, als man meint zu brauchen“

Natürlich hätte ein bisschen mehr Selbstdisziplin auch Herrn Müller geholfen, seine Probleme zu vermeiden. Doch einmal in der Schuldenfalle, kommt er in einen Teufelskreis. Die Forscher nennen das „die Logik der Knappheit“. Und dieser Logik ist leider nur schwer zu entkommen. Nach dem psychologischen Verständnis von Mullainathan und Shafir ist Knappheit das Gefühl, „weniger von etwas zu haben, als man meint zu brauchen“. Das unterscheidet ihre Definition von der klassischen materiellen Knappheit, die schlicht besagt, dass Güter nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Das Problem, diese Güter effizient zu verteilen, bildet die Grundlage der Wirtschaftswissenschaft. Doch Mullainathan und Shafir kommt es nicht nur darauf an, was uns fehlt. Wichtig ist vor allem, wie wir Knappheit wahrnehmen und auf sie reagieren: vor einem langen Arbeitstag mit wenigen Terminen und einer langen Liste an Aufgaben fühlen wir uns weniger unter Zeitdruck als an einem Tag mit vielen Terminen, währenddessen wir nur ein wichtiges Projekt fertigmachen müssen – obwohl die Arbeitsbelastung objektiv die gleiche ist.

Nur im zweiten Fall kann uns das Gefühl, dass die Zeit knapp ist, völlig in Beschlag nehmen: „Das Denken richtet sich automatisch und unwiderstehlich auf die unerfüllten Bedürfnisse“, schreiben die Forscher. Wir beschäftigen uns dann ausschließlich mit der Sache, die wir als knapp empfinden. Das kann Vorteile haben: Menschen, denen wie Herrn Müller das Geld fehlt, haben eine viel klarere Vorstellung davon, wie viel etwas wert ist, und verhalten sich deshalb rationaler als der Durchschnitt.

Gefühl kann nützlich sein

In den klassischen Experimenten der Verhaltensökonomie schneiden sie viel besser ab, weil sie zum Beispiel den Wert einer Ersparnis nicht vom Preis des gekauften Gegenstands abhängig machen: um an einer 1000-Euro-Waschmaschine 10 Euro zu sparen, würden sie anders als die meisten Menschen denselben Umweg auf sich nehmen wie für einen 100-Euro-Fernseher. Das ist rational: Denn beide Male geht es um eine Ersparnis von 10 Euro. Auch in anderen Fällen ist das Gefühl der Knappheit nützlich: Wenn ein wichtiger Abgabetermin naht, konzentrieren wir uns besser auf die vielen Aufgaben, die wir noch zu bewältigen haben, und arbeiten dadurch effizienter.

Doch es hat auch Nachteile, nur auf das fixiert zu sein, was uns zu fehlen scheint. Denn wir neigen in solchen Fällen zu Verhalten, das die Knappheit noch verschärft: „Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter“, sagen die Forscher. Wenn wir uns nur auf eine einzige Sache fixieren, verlieren wir die Fähigkeit, über andere wichtige Dinge nachzudenken.

Psychologen nennen diese Einschränkung der intellektuellen Fähigkeiten den „Tunnelblick“: Weil Herr Müller ständig über die nächste unbezahlte Rechnung nachdenkt, ist er nicht mehr in der Lage, andere Ausgaben langfristig zu planen, der Versuchung eines Sonderangebots zu widerstehen oder seiner Tochter statt des teuren Geschenks etwas Günstigeres zu kaufen.

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Wenn jemand auf Diät ist, denkt er andauernd ans Essen. Teilnehmer einer Studie, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Auswirkungen von Hunger erforschte, begannen Kochbücher zu horten oder entwickelten Wahnvorstellungen von einem eigenen Restaurant. Im Kino erinnerten sie sich vor allem an die Momente, in denen im Film gegessen wurde – sahen sie eine Liebesszene, ließ sie das völlig kalt. Und einsame Menschen fühlen sich in ihrem Alltag schnell von glücklichen Paaren und Freunden umzingelt.

Die Folgen sind in allen Fällen ähnlich: Sind wir einmal in einer Situation des Mangels, kommen wir so schnell nicht mehr heraus. Herrn Müllers Unfähigkeit, langfristig zu planen und alltäglichen Versuchungen zu widerstehen, verschärft sein Schuldenproblem. In solchen und ähnlichen Situationen kommen Leute häufig auf den Gedanken, Versicherungen zu kündigen, die sie vermeintlich nicht so dringend brauchen, um die Beiträge zu sparen. Die meisten von uns haben auch schon einmal das Sparkonto angezapft, um überraschend eintreffende Rechnungen zu bezahlen. Kurzfristig mag das rational sein.

Doch passiert dann etwas Unvorhergesehenes, ist der Schaden umso größer und die Knappheit hinterher noch weit verheerender. Auch der Diätplan ist umso schwerer einzuhalten, je mehr man dabei ans Essen denken muss. Und die gefühlte „Umzingelung“ durch glückliche Menschen lähmt das Verhalten einsamer Leute so sehr, dass sich ihre soziale Isolation noch verschärft.Es ist nicht leicht, den Auswirkungen des Tunnelblicks zu entkommen, doch es geht: Wir müssen uns selbst überlisten, um die Sorge über die Knappheit daran zu hindern, allzu viel Platz in unserem Kopf einzunehmen. So schaffen wir wieder Raum für andere wichtige Dinge.

Gewusst wie: So entkommen sie der Knappheitsfalle

1. Reserven schaffen

Egal ob Geld, Zeit oder Kalorien: legen Sie sich einen Vorrat zu. Wer Reserven hat, ist weniger unter Druck und nimmt den Gedanken an Knappheit ihre Durchschlagskraft. Das schafft Platz im Kopf für andere Dinge.

2. Zur richtigen Zeit entscheiden

Seien Sie sich bewusst, dass die Knappheit an Ihren geistigen Fähigkeiten nagt. Wichtige Entscheidungen sollten Sie nur dann treffen, wenn Sie sicher sind, dass Ihnen gerade nicht der Tunnelblick die Sicht einschränkt.

3. Automatisieren

Erteilen Sie Einzugsermächtigungen für wichtige Rechnungen, und richten Sie einen Dauerauftrag auf Ihr Sparkonto ein. Dann kommen Sie auch in Zeiten, wo das Geld knapp ist, nicht so leicht in Versuchung, Zahlungen aufzuschieben oder Sparziele zu ignorieren.

4. Positive Effekte ausnutzen

Um die guten Seiten des Knappheitsgefühls zu nutzen, setzen Sie sich realistische Ziele, denken Sie sich wirksame Sanktionen aus, und delegieren Sie die Durchsetzung an andere: Wenn Sie eine Deadline verpassen, müssen Sie einem Freund ein teures Essen ausgeben.

Sendhil Mullainathan/ Eldar Shafir: Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus-Verlag 2013.

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