Ruhe. Ein beunruhigendes Gefühl

28.09.2013 ·  Die Wahl ist vorbei. Und bald alles. Man könnte jetzt Pilze sammeln wie Peter Handke oder ein Pils aufs Ende trinken wie Stephen Emmott. Ein herbstlicher Essay über die innere Lage im Land.

Von Eberhard Rathgeb

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Bei der Wahl am 22. September sind dreißig Prozent der Deutschen lieber im Wald geblieben, statt sich für eine Partei zu entscheiden. Das war ein Fehler. Oder ist ohnehin schon alles egal?
ielleicht ist Peter Handke fein raus, er ist Dichter, ein unglaublich guter, ein Eigenbrötler, wie sollte das anders sein, sehr klug und sehr empfindsam und in seiner Welt lebend. In Interviews macht er einen völlig souveränen und gerade wegen seiner Eigenarten einen ungemein sympathischen Eindruck, ein falsches Wort, zum Beispiel „produktiv“ in Verbindung mit dem Schreiben, und er wirft dich, zu Recht, aus seinem Haus, er nimmt keine falschen Rücksichten, im Sinne von: der ist halt ein mittlerer Depp, lass ihn weiterreden.Wenn alle so wären wie er, würde es mit dem Zusammenleben etwas schwierig werden, zuerst, dann wäre es aber gut. Die allgemeine Heiterkeit kommt ja auch daher, dass den Leuten vieles egal ist, gerade dann, wenn dahergeredet wird. Echte Dichter suchen, nach Worten, Erhellungen, Melodien. Wir anderen suchen auch ständig was, so einfache Dinge wie Glück, Geld und Liebe.

Jeder Satz ist ein Gang in eine Kirche der Wörter

Handke sammelt selber Pilze, er ist ein Pilzkenner, hat er einmal gesagt, und jetzt hat er einen Versuch über den Pilznarren geschrieben, vielleicht ist das ein Märchen, vielleicht auch eine Spiegelgeschichte, über sich als Sprachnarren, als einen Suchenden, der sich verrennen kann. Mag das jeder für sich selbst herausfinden, das Lesen eines Handke-Versuchs ist immer ein schönes erkundendes Erlebnis, und wenn einer auf Anhieb nichts herausfindet, vielleicht dann ein andermal.

Handke (Jahrgang 1942) lebt in Chaville bei Paris. Es gibt ein Foto, da sieht man die Hände des Dichters beim Pilzeputzen. Von dem Bild geht eine unheimliche Ruhe aus, fast sehen die Hände so aus, als würde der Dichter beten, und so ist das ja bei Handke, was und wie er schreibt, ist eine Art Sprachgebet, jeder Satz ein Gang in eine romanische Kirche der Wörter, wo du ganz allein mit den einfachen Dingen bist, aus denen im besten Fall das Leben sich zusammensetzt.

Wie hier bei ihm muss das Fühlen und Sinnen bei den Franziskanern gewesen sein, die von der Armut begeistert waren, der etablierten katholischen Kirche den Rücken kehrten und in die Wälder gingen, um dort ihr Ding zu machen. Wenn die Gegenwart so wäre wie ein versonnener und versponnener Satz von Handke, wär’s gut um die Gegenwart bestellt. In dem Glauben kannst du dahinleben, und eine lange Zeit ging das vielleicht auch.

Die einen wählten, die anderen blieben im Wald

Dann kam der 22.September, und wir alle sollten unsere Lieblingsregierung wählen, aber eine ganze Reihe von Leuten sagte, das machen wir nicht, wir bleiben im Wald, und die Leute kriegten darauf eins auf die Mütze, weil Demokraten anständige Leute sind und anständige Leute wählen gehen sollen, wenn ihnen die Wahl eingeräumt wird.

Am Sonntag haben rund siebzig Prozent der Deutschen gewählt, rund dreißig Prozent, die größte Gruppe bei der Wahl, wählten nicht. Das Ergebnis sieht so aus: Gewinner ist die CDU/CSU, dann kommen die Nichtwähler, dann die SPD, dann die Linken, die Grünen und der Rest. Wenn hinter den vielen Nichtwählern ein gemeinsamer politischer Wille stecken würde, könnten sie jetzt sagen: Gar nicht schlecht gelaufen für uns. Die einen verweigern die Wahl, die anderen vergessen über dem Pilzesammeln ihre bürgerlichen Karrieren. Genau das ist dem Pilznarren bei Handke geschehen.

Einer der prominentesten Nichtwähler vor der Wahl war der Soziologe Harald Welzer, der in einem „Spiegel“-Artikel erklärt hatte, dass er dieses Mal nicht wählen gehen werde, weil die Probleme der Zukunft, Klimawandel und so, von den Parteien ignoriert würden. Er wollte ihnen einen Denkzettel verpassen, im Sinne von: Wacht endlich auf. Ihr könnt nicht so weitermachen wie bisher, seht her, euch wählen immer weniger.

Dann ging er aber doch wählen, entweder weil die Probleme der Zukunft doch nicht von den Parteien ignoriert werden, oder weil Zukunft und Gegenwart doch zwei Paar Stiefel sind und sich die eine nicht mit der anderen verrechnen lässt, oder weil ihn das demokratische Gewissen drückte. Immerhin hatte die „Bild“-Zeitung zum Wahlsonntag eine Extraausgabe in die deutschen Haushalte verschickt mit der Aufforderung, zur Wahl zu gehen. Kommt aus den Wäldern raus, Leute. Denkt an euer Land. Es geht auch um euch!

Das Leben wird schon irgendwie werden. Falsch!

Nach 18 Uhr war mit der Wahl Schluss, der Demokratie war wieder Genüge getan, und jeder Wähler vor dem Fernseher musste von dem Gefühl beseelt gewesen sein, sein Bestes nicht nur, wie immer, für sich und seine Familie und seine Arbeit, sondern auch einmal wieder für Deutschland getan zu haben. Die Mehrheit will die Kanzlerin. Als das klar war, zogen sich die Leute wieder zurück in die Wälder und setzten dort ihre Suche nach Geld, Glück und Liebe fort. Okay, denkst du, so war es und so wird es bleiben, das Leben wird irgendwie schon werden.

Werden! Das ist das Zauberwort, das Ruhekissen: Es wird schon werden.

Und dann schlägst du am Montag nach der Wahl das Buch von Stephen Emmott (Jahrgang 1960) auf, und du fühlst dich von der ersten Seite an komisch, und dann könntest du kirre werden, weil die Gegenwart und das Vertrauen mit einem Mal weg vom Tisch sind, und auch die Zukunft, und das ganze schöne Wahlsonntagsgefühl ist futsch, und du magst dich nur noch zu Handke flüchten, in die Poesie, und dich auf den Wiesen des dichterischen Eigensinns ausstrecken und in die Wipfel der Bäume und in den Himmel schauen und denken: Ich bin woanders, noch ist Zeit für wunderliche Begehungen und wunderbare Begegnungen, sieh doch, dort, ein Steinpilz.

Die Kanzlerin müsste jetzt anfangen zu beten

Stephan Emmott kann nichts dafür. Er ist halt wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors in Cambridge und verantwortlich für top Forschungsprojekte auf dem Gebiet der rechnergestützten Naturwissenschaften und gleichzeitig auch Professor in diesem Fach in Oxford, was will man mehr, und hat nur aufgeschrieben, was er über unsere Zukunft, nicht nur die deutsche, die europäische, sondern die Zukunft der Welt weiß und sagen kann, Klimaerwärmung, Bevölkerungsexplosion, landverschlingende Nahrungsmittelproduktion, versiegende Wasserreserven und so weiter die Horrorgeisterbahn runter. Die zielorientierten Handrauten der Kanzlerin müssten sich darüber zu in Gotterbarmunser gefalteten Händen schließen.

Emmotts Buch über unsere Zukunft ist schmal, wie Handkes Versuche über die Jukebox, den geglückten Tag, die Müdigkeit, den Stillen Ort und eben den Pilznarren, er braucht nur ganz wenige Worte, und dein Leben sieht anders aus, und du denkst, die Bundestagswahl war so etwas wie eine politische Gegenwartsbeschwörung: dass es weitergehen wird, dass wir auch in den nächsten vier Jahren in Ruhe im Wald nach Glück, Geld und Liebe suchen können. Was lag nicht alles Mögliche am 22.September in unserer Hand, Rentenalter, Mindestlöhne, Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, Europa – und nun?

Hört her: Wir blasen uns selbst das Licht aus!

Wir sind nicht zu retten, sagt Emmott. Er zuckt nicht einmal mit der Wimper. Wir müssen uns nichts vormachen, die Zukunft ist schwarz und vorbei, weil keiner, keine Regierung und kein Wahlvolk, etwas wirklich Entscheidendes gegen den drohenden Kollaps unternimmt. Hochgerechnet, ausgerechnet, zu Ende gerechnet. Schluss. Das war’s.

Liebe Leute im Wald, hört her: Wir blasen uns selbst das Licht aus. Die Sache ist mehr oder weniger gelaufen, wenn nicht alles ganz anders wird. Da helfen die vier lauten Parteien vom Sonntag nicht. Und du denkst in Panik: Wenn du nur die Ruhe vom Handke hättest, die dichterische Größe, die franziskanische Seligkeit, die Liebe zum Gott der kleinen Dinge. Hast du nicht. Du rennst in den Supermarkt, kaufst dir eine Packung Champignons, meinetwegen auch Bio, und legst die Dinger vor dir auf dem Tisch aus – es hilft dir nicht. Keine Ahnung, wie der Handke das hinkriegt.

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Der einzige winzige Witz bei der Sache ist, dass die beiden Bücher bei Suhrkamp erschienen sind, im selben Programm, wie die zwei Seiten einer Welt. Vor dir hängen noch die jetzt völlig unsinnig gewordenen Wahlplakate, und in dir wächst dieses verdammte Gefühl, dass die beiden, Emmott und Handke, recht haben und du als Sonntagsdemokrat überhaupt nicht weißt, was zu tun ist, und da ist auch keiner, auch keine Merkel, liebe Mehrheit, der allen sagen würde, geht Pilze sammeln, Leute, ihr müsst euer Leben radikal ändern, und zwar sofort, und nicht nur die Regierungskoalitionen. Ihr macht euch was vor!

Stille. Totalausfall der Wahrnehmung. Als hätte keiner was gesagt. Den Kopf im Gebüsch, im Laub. Es riecht nach Erde. Der liebliche Herbst. Wie das Jahr vergeht. Ach, so schlimm wird es nicht kommen.

Der 22. September ist, mit diesen beiden Büchern in der Hand, ein ganz dunkles Zeichen gewesen. Das Gute wollen und das Übliche tun.

Darauf ein letztes Pils.

-?

-Ja, Sie haben richtig verstanden, Stephen Emmott meint: Wir sind am Arsch.

Peter Handke: „Versuch über den Pilznarren“. 217 Seiten, 18,95 Euro. – Stephen Emmott: „Zehn Milliarden“. Übersetzt von Anke Caroline Burger. 206 Seiten, 14,95 Euro. Beide Titel sind im Suhrkamp-Verlag erschienen.

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