Genveränderte Pflanzen Und dann schuf Gott Monsanto

17.10.2013 ·  Die Farmer in Amerika bauen fast nur noch genveränderte Pflanzen an. Das finden viele Menschen furchtbar. Um zu verstehen, warum sich Genmais und Soja trotzdem so schnell verbreiten, fragt man am besten die Bauern, die sie säen.

Von Jan Grossarth, Nebraska

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Versuchskaninchen: Diese Rinder in Kalifornien essen nur genveränderten MaisMonsanto hat schon viele schön-schreckliche Geschichten geliefert. Sie handeln von Korruption und gemeinen Patentklagen, von gekauften Studien und unheimlichen Vernetzungen des Saatgutkonzerns in die Politik und in die Wissenschaft.

Zusammengenommen kann das ganze kriminalistische Bücher ergeben, die zum Schluss kommen, hier strebe jemand nach Weltmacht und totaler Kontrolle. Ein Monopolist, der sich das Lebensnotwendige patentieren lässt. Erst am vorletzten Wochenende trieb die Empörung Menschen in vielen hundert Städten auf der Welt auf die Straße. Meist nahmen wenige hundert teil. In Denver zum Beispiel waren es aber mehr als tausend. Sie trommelten in Masken, spielten Gitarre und trugen Schilder, auf denen Totenköpfe und Gasmasken zu sehen waren: „Gentechnik tötet!“ Eines illustrierte, wie dem Chef von Monsanto der Kopf abgeschnitten wird.

Der Protest ist nicht neu und kommt nicht zur Ruhe. Aber die Realität hat die Skeptiker und Alarmisten längst eingeholt. Genmanipulierte Pflanzen, die in Deutschland verboten und politisches Tabuthema sind und nur in Teilen Europas mehr als Zukunftstechnologie denn als Bedrohung wahrgenommen werden – sie dominieren längst hier in Nordamerika.

Die Aufregung findet in Amerika auch in den Städten statt. Auf dem Land – dort, wo die Saaten wachsen – ist die Revolution in aller Ruhe passiert. Zum Beispiel in Kalifornien. Trocken sind die Böden hier, etwa rund um die Stadt Tulare im sogenannten Zitronengürtel südöstlich von San Francisco.

Das ist trotz der Trockenheit die Region in den Vereinigten Staaten, in der am meisten Milch erzeugt wird. Um die Milchkühe zu füttern, bauen die Farmer Mais an. Hier protestieren nur die Farmer – nicht gegen Monsanto, sondern gegen politische Pläne, die Landwirtschaft zu sparsamerem Umgang mit dem Wasser zu zwingen.

Entlang der langen Straßen rund um Tulare haben Farmer Protestschilder aufgestellt: „Wasserkürzung = höhere Lebensmittelpreise!“ Der Hochleistungsmais saufe mehr Wasser als gewöhnliche Pflanzen, sagten Skeptiker. Und das wird knapper. Der Klimawandel ließ die Schneefälle in der nahen Sierra Nevada weniger werden und damit die Menge an Schmelzwasser, das im Sommer eine wichtige Wasserquelle ist. Hier in Tulare drücken Felder und Plantagen der Landschaft ihren öden Stempel auf.

Bewässerungsgräben fluten die Felder, Flugzeuge düngen und spritzen. Kalifornien gilt als Gewächshaus Amerikas – und Amerika ist eines für die halbe Welt. Wie auch deren Experimentierlabor. In Kalifornien, wo die Geschichte der Pflanzengentechnik in den achtziger Jahren im Unternehmen Calgene begann, das später wie viele andere von Monsanto geschluckt wurde, wächst heute kaum noch eine Mais-, Soja- oder Baumwollpflanze, deren Erbgut nicht im Labor verändert wurde. Und für deren Nutzung die Farmer nicht jährlich eine hohe Gebühr an die Gentech-Konzerne zahlen.

Der Mais des Grauens

In den Vereinigten Staaten hat der Anteil genveränderter Organismen (GVO) am Mais, Soja- und Baumwollanbau in diesem Jahr erstmals 90 Prozent erreicht. Die meisten Pflanzen sind gegen Schädlinge resistent, gegen das Pestizid Glyphosat oder beides. Auch in vielen Entwicklungsländern nehmen die Anbauflächen stark zu. Die Pflanzen kommen nicht nur von Monsanto – auch aus den Laboren von Pioneer, Syngenta, Bayer, KWS, CAAS aus China oder Nath Seeds aus Indien. Es gibt veränderte Tomaten, Paprika, Papaya. In verarbeiteten Lebensmitteln und als Tierfutter gelangt ein Teil der Ernte ins restriktive Europa, wo nur in wenigen Staaten wenige Sorten angebaut werden.

Der Mais des Grauens, als der er aus deutscher Brille erscheint, spiegelt sich im Wassergraben. Er sieht aus wie gewöhnlicher Mais. Das Feld ist sehr groß. Lastwagen fahren zur Ernte auf und ab. Zwei Häcksler rattern durch die Felder. Vom Fahrersitz sieht es so aus, als steure die Maschine auf eine grüne Wand zu, so hoch sind die Pflanzen. Der Häcksler zerschreddert die Halme der Sorte MON88913 und spuckt die Maisfetzen auf die Ladefläche der nebenherfahrenden Lastwagen. Maisstaub liegt wie Nebel in der Luft. Ein Mexikaner, Saisonarbeiter, sitzt am Steuer. Er sagt, er mache sich keinen Kopf. Sei alles normal: „Ich liebe Gentechnik“, lacht er, „no problem.“

Man kann lange suchen, bis man in Amerika einen Bauern oder Landarbeiter findet, der ein schlechtes Wort über die GVO sagt. Nahe Bakersfield gibt es einen Farmer, der etwa zwölftausend Milchkühe und Tausende Hektar Maisfelder hat. Mike Danell klagt: Der Milchpreis sei zu niedrig. Überproduktion. Trotz des Exports nach China, das aus der ganzen Welt Milch und Fleisch kauft – und neulich sogar den weltgrößten amerikanischen Schlachtkonzern Smithfield Foods. Der Farmer sieht aus wie ein goldlockiger Ölbonze aus einer achtziger Jahre-Serie. „Unser Mais? Na klar, er ist genverändert. Das ist hier längst kein Thema mehr.“ Die Ernten seien besser, die Kosten geringer, weil er für die Genpflanzen, die eingezüchtete Resistenzen enthalten, ein Drittel weniger Pestizide kaufen müsse.

Die Farmer kaufen ihr Saatgut von Monsanto, weil ihnen dann am Ende des Jahres deutlich mehr Geld auf dem Konto bleibt. Diese Geschichte, die sie hier alle erzählen, ist – je nach Lesart – schrecklich oder schön und kommt banalerweise im Grunde ganz ohne politischen Filz und Welteroberungsbefürchtungen aus.

Braun steht der Soja auf dem Feld

Was Amerika angeht, ist es nicht einmal so, dass die Mehrheit der Bevölkerung das Genfood ablehnen würde. Selbst in Kalifornien, dem Staat der reichen Rentner und landentfremdeten Interneteliten, entschied sich das Volk in einer Abstimmung vor einem Jahr dagegen, dass genveränderte Lebensmittel als solche gekennzeichnet werden müssen. Erst sah es so aus, als gebe es eine Mehrheit. Die Stimmung kippte, als die Wirtschaft behauptete, die Kennzeichnungspflicht werde Lebensmittel deutlich verteuern.

Auch in Nebraska, im Mittleren Westen Amerikas, ist es in diesem Oktober trocken. Braun steht der Soja auf dem Feld. Die Ernte ist gut, dreizehn Tonnen je Hektar, erzählen die Farmer John und Mike Weber, zwei kräftige Brüder. Zum Glück, denn im vergangenen Jahr war die große Dürre. Die Soja, die hier wächst, ist die Sorte „Pioneer 92Y83“, resistent gegen den Kapselwurm. Dessen sofortigen Tod nach einem Biss in die Sojaschote verspricht der Hersteller. Der Bauern muss weniger Insektizide kaufen und sein Feld seltener spritzen. So kommt die ganze Landwirtschaft hier wegen der „zweiten grünen Revolution“ mit deutlich weniger fossilen Rohstoffen aus. Der Kapselwurm stirbt – noch. Denn irgendwann wird sich, das ist ein Gesetz der Natur, eine gegen das in die Pflanze eingekreuzte Gift resistente Mutation bilden und durchsetzen. Nur bis dahin profitierten die Farmer. Danach ist „Pioneer 92Y83“ wertlos, und der Gentechnikkonzen muss eine neue Pflanze erfinden. Ein ewiger Wettlauf.

John und Mike Weber, die Soja-Farmer, sind deswegen skeptisch. Auch auf seinen Mais- und Sojafeldern beobachte er, dass schon mehr Unkräuter resistent seien gegen das Herbizid Glyphosat, das seit etwa 40 Jahren im Einsatz ist, sagt Mike. Der Kapselwurm stirbt zwar noch zuverlässig – aber in nahen Bundesstaaten oder in Entwicklungsländern wie Peru sind schon erste Schädlinge widerständig gegen die Genpflanzen, wie neuerdings der Maiswurzelbohrer in Iowa. Mike ist das nicht geheuer: „Die Wissenschaftler sagen, wir werden viel mehr Resistenzen bekommen. Wer weiß, wie spätere Generationen über uns urteilen.“

Wirtschaftlich aber profitieren die Brüder, und deswegen gibt es keinen Zweifel daran, mitzumachen. „Wir sparen ein Drittel der Pestizide, dafür zahlen wir an Pioneer mehr Geld für die Saat“, sagt Mike, „unterm Strich sparen wir zehn Prozent der Kosten.“ Möglich wäre es, einen anderen Weg zu gehen, sagen sie. Problemlos gebe es konventionelles Saatgut zu kaufen. Das aber mache hier kaum ein Farmer. Nur wenige Ökos und Farmer, die für Non-GVO-Labels produzieren.

Es gibt kein Monopol und keinen Zwang

Das wird im Supermarkt deutlich – hier, irgendwo am Stadtrand vom Omaha, der Hauptstadt Nebraskas. Popcorn ist im Angebot. Auf der Verpackung steht kein Hinweis auf genveränderte Zutaten. Nicht mal „Mais“ steht auf der Zutatenliste: „Enthält Popcorn, Rapsöl, Honig, Salz.“ Die Verpackungen von Tortilla-Chips, aus Mais und frittiert im Sojaöl, sind mit „all natural“ bedruckt.

Es gibt kein Monopol und keinen Zwang, außer der Lust auf Gewinne. Das sagt auch Tom Petersen, ein Maisbauer der vierten Generation unweit von Omaha. Er findet nur Gutes an den immer neuen Pflanzensorten aus dem Reagenzglas. Es geht nicht nur um Einsparungen. „Im Vergleich mit 1980 ernten wir hier doppelt so viel Mais pro Acre Land. Die Verkaufspreise haben sich in zehn Jahren verdoppelt. Wir verdienen hier richtig gutes Geld.“ Tom und sein greiser Vater Don, der nach dem Weltkrieg eine Weile als Soldat in Frankfurt lebte, bauen in diesem Jahr auch erstmals Mais an, der im Labor so verändert wurde, dass er nicht nur Schädlingen und Spritzmitteln, sondern auch Trockenheit widerstehen soll. Wenn das funktioniert, sollte das die durchschnittlichen Ernten erhöhen.

Von diesen Dingen verspricht sich der Unternehmensberater Tray Thomas weiterhin viel. Er kennt die Labore und Genkonzerne vom ersten Tag an. Er hat die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Monsanto-Konzerns bis heute begleitet und daran verdient. Thomas, ein glatzköpfiger Mann, der etwas müde aussieht, leitet ein Beratungsunternehmen für die globale Agrarwirtschaft in Salt Lake City. Er erinnert sich daran, wie alles anfing vor mehr als zwanzig Jahren: mit Tomaten. Im Labor erhielt sie ein Festigkeitsgen. Fortan ließen sie sich besser transportieren, die Tomaten wurden nicht so schnell matschig, man musste sie nicht schon grün pflücken.

Doch die Kunden kauften sie nicht. Sie sollen nicht gut geschmeckt haben, und Thomas meint, es habe auch an den Ängsten gelegen, die schon damals geschürt worden sein, als das „Life“-Magazin auf dem Titelblatt Bäume druckte, an denen Kühe wuchsen und Greenpeace Kampagnen fuhr. „Ich meine, dass gerade die Halbgebildeten empfänglich sind für solche Angstmacherei – wirklich gebildete Leute nicht, die denken logisch.“ Nur Emotionen sprächen gegen GVO. Und die seien auch in Amerika mächtig. Thomas sagt: „In letzter Zeit schwindet nicht nur das Vertrauen in die Konzerne, sondern auch in die Fachbehörden, etwa das amerikanische Agrarministerium USDA. Man glaubt, wo es um viel Geld gehe, seien alle korrupt.“ Neuerdings twittert auch Tray Thomas’ Tochter: „Monsanto tötet.“ Tray Thomas lacht bitter: „Dabei kann man Glyphosat trinken! Völlig harmlos!“

„Sie hatten vorher ja Milliarden investiert“

Thomas hatte Monsanto sehr geholfen, seine Milliarden zu verdienen. Der Konzern befürchtete anfangs, dass die Bauern das neue Saatgut einfach selbst vermehren würden und in diesem Geschäft kein Geld zu verdienen sei. Tray Thomas erfand die Verträge, die nun kritisiert werden: Monsanto verlangte fortan eine Lizenzgebühr von den Bauern. Thomas kann die Kritik, dies mache Landwirte abhängig, nicht teilen. „Beide haben gewonnen: Bauern sparen Pestizide, Monsanto erhöhte seine Rendite für Saatgut von weniger als 10 auf mehr als 50 Prozent. Sie hatten vorher ja Milliarden investiert.“

In Nebraska, wohin der deutsche Traktorenhersteller Claas Journalisten zu einer Informationsreise einlud, scheinen die politischen Debatten von Brüssel und Washington endlos weit entfernt. Jeremy Coe mästet hier Fleischrinder auf einer Farm mit Wildwest-Charme. Der Landarbeiter spricht im Südstaaten-Slang: „Unser ganzes Land riecht so wie diese Farm“. Nach Rindermist. „Es gibt keine Nachbarn, keiner regt sich auf,“ sagt Coe. „Nur einmal riefen Hindus an und sagten, wir dürften keine Kühe mästen. Sie haben es aber schnell aufgegeben.“

Das Land ist pragmatisch. Megafelder und Maissilos stehen in der Landschaft wie Starbucks-Filialen, Landwirte reden wie Manager. Es ist einfach ein Business. Und auch Wissenschaftler brauchen keine Wortgirlanden. Nahe San Francisco steht das Zentrum für Pflanzenforschung der Universität Davis. Wie üblich, wird diese teils von der Industrie finanziert. Monsanto stiftet Stipendien. Am Konferenztisch sitzt die wissenschaftliche Mannschaft, führende Forscher. Auch sie werden schnell emotional, wenn es um Gentechnik geht. Ein Protokoll:

Eduardo Blumwald, Professor für Zellbiologie: „Es wurde jetzt eine Generation mit GVO ernährt. Wie viele wurden davon krank? Nicht einer. Ihr Europäer glaubt, ihr seid schlauer. Ja, ja: die dummen Amerikaner! Ach was: Eure Chemieindustrie ist mächtig. Die will keine GVO, denn die schadet dem Geschäft.“

Alan Bennett, Professor für Pflanzenforschung: „Ihr Europäer belehrt uns immer bezüglich des Klimawandels: Amerikaner, hört endlich auf die Wissenschaft! Und wenn es um GVO geht, hört Ihr selbst nicht auf die Wissenschaft. Ich kenne keinen Wissenschaftler, der nicht für die Gentechnik wäre. Außer einem in Berkeley. Aber der ist kein Wissenschaftler.“

Warum geben sie es bitte für Kampagnen aus?

Kent Bradford, Direktor für Saatgut-Biotechnologie: „Greenpeace hat ein höheres Budget, als der amerikanische Staat für Forschung in der Pflanzengenetik ausgibt. Warum geben sie es bitte für Kampagnen aus? Warum nicht dafür, die Pflanzen zu verbessern? Die Erträge müssen steigen, sonst gibt es bald wieder mehr Hunger auf der Welt. Stattdessen zerstören die Aktivisten Felder.“

In einem Aufsatz schreibt Alan Bennett, was bald kommen werde: Pflanzen mit neuen Vitaminen, viele trockenresistente Züchtungen, genveränderte Fische.

Etwas weiter im Landesinneren von Kalifornien, nahe der Kleinstadt Yuba City mit ihren Walnuss- und Tomatenplantagen, bewirtschaftet ein Einwanderer aus den Philippinen mit einem uralten Traktor zwei Hektar. Er baut gewöhnliche Erdbeeren an und verkauft sie an der Straße. Davon ernährt er seine Frau und vier Kinder. Sie leben in einer Holzhütte. Er sagt, die steigenden Pachtpreise machten ihm zu schaffen. Er sieht glücklich aus. Sein Nachbar, ein Farmer, muss über ihn den Kopf schütteln: „So wie der wird man die Welt nicht ernähren können.“

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