Hannelore Hoger im Gespräch: Ich stehe auf der Erde, dies ist mein Standpunkt

02.11.2013 ·  Seit knapp zwanzig Jahren spielt Hannelore Hoger im ZDF die Figur Bella Block. Doch damit ist bald Schluss. Über neue Pläne, kleine Rollen und den Vorsatz, niemandem Macht über sich einzuräumen.

ann hatten Sie zum ersten Mal den Wunsch, Schauspielerin zu werden?

Als ich in der Schule gefragt wurde, da war ich fünfzehn, habe ich zum Oberstudienrat gesagt: Ich will Schauspielerin werden. Ich habe mich bei der Schauspielschule von Eduard Marx an der Musikhochschule vorgestellt. Der meinte, ich müsse warten, bis ich siebzehn bin. Bis dahin ging ich auf die Handelsschule und lernte Steno. Mit siebzehn war ich auf der Schauspielschule, und danach hatte ich mein erstes Engagement.

Es heißt, Sie hätten mit fünf auf der Bühne gestanden.

Das ist ein Gerücht. Als kleines Mädchen war ich bei meinem Vater oft im Theater. Aber die erste Rolle habe ich erst mit fünfzehn gespielt.

Sie haben als Kind auf der Straße gespielt und laut gesungen. Ihre Schwester hat gemalt.

Ja, meine Schwester hat die Straßen bemalt. Sie ist später tatsächlich Malerin geworden. Ich mochte gern „Geschichtenball“. Da musste man Geschichten erfinden, und wenn der Ball runterfiel, kam der Nächste dran und musste die Geschichte weiterspinnen.

Viel verdanken Sie Ihrer Mutter.

Meine Mutter war eine phantasievolle, couragierte Frau und eine sehr liebevolle Mutter, die sich immer schützend vor ihre Kinder gestellt hat.

Ihr Elternhaus war nicht materiell reich, aber frei im Geist, sagten Sie.

Meine Eltern waren liberal, aber nicht reich. Mein Vater war Inspizient am Theater und übernahm kleinere Rollen. Meine Mutter war Schneiderin aus einer Gärtner- und Imkerfamilie. Sie hatte neun Geschwister. Nach der Inflation war die Arbeitslosigkeit sehr groß. Wir Kinder mussten später alle unser Studiengeld selbst verdienen.

Mit Statussymbolen kann man Ihnen nicht kommen. Womit kann man Sie beeindrucken?

Mit Freundlichkeit. Ich weiß gar nicht, was Sie mit Statussymbolen meinen. Ich habe eine schöne Wohnung. Früher wohnte ich zur Untermiete. Später bin ich mit einem Freund zusammengezogen. Da wohne ich immer noch – ohne Freund (lacht).

Wenn ich Ihre Interviews richtig verstehe, empfinden Sie die Liebe als größte Antriebskraft des Menschen.

Ja. Jeder Mensch will geliebt werden. Wenn man jemanden liebt, will man auch, dass es dem anderen gutgeht. Damit wäre vielen Konflikten schon die Spitze genommen.

Macht heißt es, mache sexy.

Mich beeindruckt kein Mann, der Macht hat. Wenn Macht in Liebesbeziehungen eine Rolle spielt, dann stimmt etwas nicht, dann verschieben sich leicht die Gründe, warum man zusammen ist oder bleibt. Es gibt ja Leute, die lassen sich scheiden, weil der eine mehr und der andere weniger verdient.

Können Sie besser mit Männern oder mit Frauen umgehen?

Es gibt Frauen, auch Kolleginnen, mit denen kann ich sehr gut umgehen. Bei anderen spürt man die Konkurrenz. Ich kann das nicht generalisieren. Ich bin gerne mit Männern zusammen. Nur mit Frauen – das würde mir nicht zusagen. (lacht)

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Tochter Nina? Sie ist auch Schauspielerin.

Wir haben schon öfter zusammengespielt, und das ging immer sehr gut. Ich würde gern mit ihr eine Inszenierung machen auf dem Theater. Davor ist sie immer ein wenig zurückgeschreckt. Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich habe meiner Tochter den Beruf nicht empfohlen. Sie hat früh erlebt, dass das kein Job ist, ich immer dafür hart arbeiten musste und wenig Zeit hatte. Den Beruf muss man wollen. Aber das gilt für jeden Beruf.

Unterrichten Sie auch Schauspiel?

Ich habe keinen Unterricht gegeben, weil ich die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Lehren ist nicht so einfach. Ich selbst habe den berühmtesten Lehrer, Lee Strasberg, kennengelernt. Da wird man bescheiden.

Was haben Sie von Ihren Regisseuren mitgenommen, von Peter Beauvais, Peter Zadek, Augusto Fernandes, Hans Lietzau, Egon Monk, Kluge, Reitz …

Alles. Peter Zadek hat mich sehr früh bestärkt, und dadurch habe ich Anerkennung und Selbstbewusstsein bekommen. Es gab auch Leute, die mich nicht mochten. Aber das habe ich ausgehalten. Ich bin daran nicht zerbrochen.

Haben Sie jemals an sich gezweifelt?

Nein, ich habe an mir als Schauspielerin selten gezweifelt. Ich habe gelernt und lerne immer noch. Ich liebe meinen Beruf.

Was hat Lee Strasberg gemacht?

Das weiß ich leider nicht mehr genau. Ich war so unter Strom und aufgeregt, dass ich meinen Namen nicht mehr wusste, als er mich damals gefragt hat. Ich habe die Lady Macbeth vorgesprochen. Und dann hat er mich noch einmal durch die Szene geführt, und am Schluss sagte er: „And that’s Lady Macbeth.“ Grundsätzlich kann ich mit method acting viel anfangen. Es kommt natürlich auch auf die Lehrer an. Miteinander frei zu spielen und frei zu improvisieren und daraus etwas Eigenes zu entwickeln. Das haben wir bei Augusto Fernandes gemacht, und das fehlt mir sehr. Auch Zadek hat frei und positiv gearbeitet und sich immer hinter seine Schauspieler gestellt.

Ist ein Familiengefühl wichtig bei Theater und Film?

Beim Theater ist das sicher gut. Beim Fernsehen ist das anders. Da muss man froh sein, wenn es vor der ersten Klappe eine gemeinsame Lesung gibt. Auf dem Theater steht mehr Zeit zur Verfügung. Man kann mehr ausprobieren, Fehler machen und kennt sich besser. Da ist der Druck nicht so groß wie beim Drehen, wo du morgens um neun funktionieren und ein Pensum abarbeiten musst. Beim Theater darf man auch mal Zeit verlieren.

Reden wir über Arbeitsbedingungen beim Fernsehen. Ein Abwärtstrend bei der Anzahl der Drehtage ist ja unverkennbar.

Als wir mit „Bella Block“ anfingen vor zwanzig Jahren beim ZDF, hatten wir 35 Drehtage bei der Produzentin Katharina Trebitsch. Dann wurden es langsam weniger bei der Ufa, bis jetzt mit 24 Drehtagen. Ich weiß, dass es Produktionen gibt, die schon bei zwanzig Drehtagen sind. Wir sollen in weniger Zeit gleiche Qualität liefern. Das erzeugt Druck. Druck macht Angst und killt die Kreativität. Es geht hauptsächlich auf Kosten des Teams. Die Leute sind jeden Tag vierzehn Stunden unterwegs, und viele bekommen auch keine Überstunden bezahlt. Unter den Freiberuflern geht deshalb eine große Angst um. Die Angst ist bei den Schauspielern angelangt. Weniger Drehtage bedeuten für alle weniger Arbeitstage. Die kleineren Gagen werden weiter gedrückt. Die Künstlersozialkasse steht vor der Insolvenz. Das muss die Politik unbedingt verhindern. Es gibt dann Menschen, die nicht mehr das Geld haben, ihre Krankenkasse zu bezahlen. Ich finde diesen Trend furchtbar. Ich verstehe auch nicht, warum ständig Geld eingespart werden muss. Aber man kann nicht verlangen, dass die Leute vierzehn Stunden am Tag arbeiten und dann zu reduzierten Bezügen.

Aber bei Ihnen ist alles im Lot?

Es geht nicht um mich. Mir geht es sehr gut. Ich hatte immer Arbeit. Durch „Bella Block“ konnte ich mir ein finanzielles Polster zulegen. Deshalb spielen viele Schauspieler auch gern einen „Tatort“-Kommissar oder in einer Serie. Weil sie wissen: Die Miete ist mir sicher. Der Alltag ist momentan in den freien Berufen ganz schwierig geworden. Aber die Kultur und ihre Ausführenden, die Schauspieler, sind das Herz einer Gesellschaft.

Was könnte man verbessern?

Größere Sender wie ARD und ZDF und die Produzenten könnten diese Verantwortung beachten. Es sei denn, man verzichtet auf Schauspieler, Musiker, Maler und Autoren und ersetzt sie durch Roboter oder Comicfiguren. Man muss versuchen, die Gagen zu erhalten und die Zahl der Arbeitstage nicht zu verringern. Es sind nicht nur die großen Rollen wichtig. Die anderen sind genauso wichtig. Das sage ich aus tiefer Überzeugung, das weiß ich vom Theater.

Wie lange geht es noch mit „Bella Block“ weiter?

Ich finde, ich habe sie nun lange genug gespielt und danke dem Publikum, das uns die Treue gehalten hat. Jetzt ist es Zeit, dass man zu einem Ende kommt.

Die Münchner Kommissare haben gesagt, sie ermitteln noch mit Rollator.

Ja, dann aber bitte ohne Revolver.

Wie viele „Bella Block“-Episoden gibt es denn noch?

Noch zwei oder drei. Vielleicht akzeptieren die Menschen, dass es noch eine andere Hannelore Hoger gibt, die auch was anderes von sich zeigen kann.

Was, wenn Quentin Tarantino bei Ihnen anruft und Brad Pitt wartet?

Der Berg ruft nicht! Wir haben in Deutschland keine wirklich allein funktionierende Filmindustrie. Das Leitmedium ist das Fernsehen. Sonst muss man international unterwegs sein. Wäre doch toll, wenn wir mehr Filme mit guten Drehbüchern finanzieren könnten. Wir haben großartige Schauspieler – siehe Christoph Waltz. Der hat in Tarantino seinen kongenialen Meister gefunden.

Kann Sie jemand am Set auch richtig schlecht aussehen lassen?

Natürlich, Schauspieler sind abhängig: vom Buch, von Kollegen, vom Regisseur, vom Licht und vom Kameramann. Gerade wenn man älter wird. Wenn das nicht zusammenläuft, wird es furchtbar.

Wie viel wissen Sie über sich selbst?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wer ich bin. Ich kann nur hoffen. Wirklich wissen tut keiner, was in ihm steckt. Da muss ich Büchner zitieren: „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Es kann alles sein im Leben. Man denkt immer, ich sei so eine taffe Frau. Ich kann mich wehren, das stimmt. Aber ich habe auch meine Krisen, und das Etikett starke Frau sagt mir nicht viel. Beim Mann heißt es, er hat Muskeln. Aber was heißt das bei einer Frau?

Das hat mit dem Auftreten zu tun. Die eine schaut beschämt nach unten, die andere angstfrei ihr Gegenüber an.

Ich bin eben neugierig. Klar kann ich auch einen Wutanfall kriegen. Grundsätzlich bin ich aber ein verträglicher Mensch, sogar schüchtern.

Sie gehen angstfrei durchs Leben.

Nein. Ich habe auch Ängste. Man muss nur unterscheiden zwischen Furcht und Angst. Furcht ist, wenn ein Auto auf Sie zukommt und Sie wissen nicht, wie Sie sich retten können. Angst ist irrational. Ich habe festgestellt, dass ich schreckhaft bin (lacht). Sie sprechen aber von Existenzangst. Meine Eltern haben bittere Zeiten durchgemacht. Meine Anfänge am Theater waren auch nicht leicht, aber ich hatte keine Existenzangst.

Sie sind die Ausnahme in Ihrem Beruf.

Ich habe keine Angst vorm Leben im Sinne: Was kommt da auf mich zu? Ich hatte auch viel Glück, zumindest beruflich. Inzwischen bin ich fürs Altersheim abgesichert, aber da will ich nicht hin. Es müsste andere, würdigere Altersheime geben, wo nicht nur Alte wohnen. Ich möchte auch nicht in Armut verfallen. Solange ich gesund bin, habe ich keine Angst. Abhängig zu sein, anderen Menschen Macht über mich einzuräumen – das ist für mich eine der schlimmsten Vorstellungen.

Das ist Ihr Generalthema: niemandem Macht über sich einzuräumen.

Das kann mit meiner frühkindlichen Situation zu tun haben. Mit einem Jahr hatte ich eine Blut- und Lymphvergiftung nach einer Pockenimpfung. Da war das Ohnmachtsgefühl sicher groß.

Ich meine, Sie können sich sicher unterordnen, aber Macht lassen Sie nicht zu.

Jean Amery hat das in seinem Buch „Hand an sich legen“ eindringlich beschrieben. Er war in Frankreich bei der Résistance, wurde gefasst und gefoltert. Später hat er beschrieben, warum jemand den Freitod wählt, wie er es dann tat. Er konnte nicht verwinden, dass ein Mensch absolute Macht über ihn hatte und mit ihm machen konnte, was er wollte.

Viele finden im Glauben Trost. Was tröstet Sie?

Meine Mutter war evangelisch, und mein Vater hasste alles, was mit Kirche zusammenhing. Robert Walser hat geschrieben: „Ich liebe die Sterne, und der Mond ist mein heimlicher Freund. Über mir ist der Himmel. Solange ich lebe, werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich stehe auf der Erde: Dies ist mein Standpunkt.“ Ich glaube nicht, dass nach dem Leben noch was kommt. Wir wissen es nicht.

 

Im Gespräch: Hannelore Hoger Warum sind die Schwierigen einfach, Frau Hoger?

30.04.2010 ·  Divaallüren erlaube sie sich nicht, meint die Schauspielerin Hannelore Hoger. Für ihren Beruf brauche es viel Leidenschaft und Hingabe: „Vernünftige Leute machen so etwas nicht.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/im-gespraech-hannelore-hoger-warum-sind-die-schwierigen-einfach-frau-hoger-1968345.html

Biografie in Wikipedia : http://de.wikipedia.org/wiki/Hannelore_Hoger

Anuncios

Responder

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Cerrar sesión / Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Cerrar sesión / Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Cerrar sesión / Cambiar )

Google+ photo

Estás comentando usando tu cuenta de Google+. Cerrar sesión / Cambiar )

Conectando a %s