Doris Lessing ist gestorben

Sie gilt als eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen Großbritanniens. Nun ist Doris Lessing im Alter von 94 Jahren in London gestorben.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-11/doris-lessing-verstorben

Doris Lessing

Die britische Autorin Doris Lessing  |  © Richard Haines/AFP/GettyImages

Die britische Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing ist tot. Sie starb im Alter von 94 Jahren in London. Das teilte ihr Agent und langjähriger Freund Jonathan Clowes mit.

“Es war ein Privileg, für sie zu arbeiten, und wir werden sie sehr vermissen”, sagte Clowes. Lessing sei in den frühen Morgenstunden friedlich eingeschlafen. Er würdigte Lessing als “wundervolle Schriftstellerin mit einem faszinierenden und einzigartigen Geist”. Lessings Verleger Nicholas Pearson vom Verlag HarperCollins nannte seine Autorin “ein großes Geschenk an die Weltliteratur”.

Lessing wurde bekannt mit ihrem 1950 erschienenen Roman The Grass is singing (Afrikanische Tragödie). Darin beschrieb sie eine Liebesbeziehung zwischen der weißen Frau eines Farmers und ihrem schwarzen Diener. In ihren Romanen, Sachbüchern und Gedichten befasste sie sich vor allem mit Afrika und den Frauenrechten. Als ihr wichtigstes Werk gilt Das goldene Notizbuch, das im Jahr 1962 erschien. Das Buch wurde auch als “Bibel des Feminismus” bezeichnet.

Im Jahr 2007 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Zur Begründung schrieb das Nobel-Komitee, sie sei “eine Erzählerin des weiblichen Erlebens, die mit Skepsis, Feuer und visionärer Kraft die gespaltene Gesellschaft einem kritischen Blick unterzogen hat”.

Lessing wurde im Iran als Tochter eines britischen Kolonialbeamten geboren. Sie wuchs in Simbabwe, dem damaligen Südrhodesien, auf. Sie war zweimal verheiratet und hatte drei Kinder.

Engagiert gegen die Apartheid

Seit 1949 lebte die Schriftstellerin in England. Wie ihre Protagonistinnen aus Das Goldene Notizbuch engagierte sich Lessing politisch, unter anderem gegen Atomwaffen, Kolonialismus, Rassismus und gegen das Apartheid-Regime in Südafrika.

Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens. Nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 und Enthüllungen über die Gräuel des Stalinismus trat sie aus der Partei aus.

F.A.Z.net

Zum Tod von Doris Lessing Wozu wir fähig sind

17.11.2013 ·  Doris Lessing dachte Postkolonialismus, Feminismus und der Zukunft voraus und bekam als älteste Schriftstellerin den Literaturnobelpreis. Jetzt ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben.

Von Andreas Platthaus

m Jahr 1971 korrigierte eine der berühmtesten Schriftstellerinnen der Welt die Rezeption ihres berühmtesten Romans. Im neuen Vorwort zu „Das goldene Notizbuch“, das erstmals 1962 erschienen war und sofort als erzählerisches Manifest des Feminismus gefeiert wurde, schrieb Doris Lessing, das Zentralthema des Buches sei bislang gar nicht wahrgenommen worden. Dieses Thema sei der Zusammenbruch – „dass es manchmal, wenn Leute ‚zusammenklappen’, ein Weg der Selbstheilung ist, ein Weg des inneren Selbst, falsche Dichotomien und Einteilungen abzustoßen“. Es ist, in einen Satz gefasst, die Lebenserfahrung Doris Lessings, die in „Das goldene Notizbuch“ steckt.Und was war das für ein Leben, auch schon in den ersten kaum mehr als vierzig Jahren bis zur Publikation dieses Romans, der sie sofort in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Literatur katapultierte. Doris Lessing, geborene Taylor, kam 1919 in Persien zur Welt, als Tochter eines kriegsversehrten Offiziers und einer Krankenschwester. Ihr Vater war nach seiner Verwundung als Bankdirektor in persische Dienste getreten, allerdings in einer britisch dominierten Kreditanstalt. Mit solchen Gründungen versuchte man, das nunmehr bröckelnde Empire noch einmal zusammenzuhalten. Die Mission scheiterte, und die Eltern zogen 1924 nach Rhodesien um.Hier wuchs Doris Taylor auf, hier heiratete sie zweimal, beim zweiten Mal den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, der als jüdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen war; nach der schnellen Scheidung behielt sie Kind und Nachname. Im Jahr 1949 zog sie nach London, mittlerweile war das Empire weitgehend zerbrochen.

In der britischen Hauptstadt erschien im nächsten Jahr ihr Debüt „Afrikanische Tragödie“ (im Original „The Grass is Singing“), ein Roman, der geprägt ist von den eigenen Erfahrungen mit Kolonialherrschaft und Rassismus in Rhodesien. Mit einer knappen Zeitungsmeldung beginnt alles, sie berichtet von der Ermordung einer weißen Farmersfrau, fortan erzählt das Buch dieser Nachricht hinterher. In Großbritannien fand der Text große Beachtung als eine der ersten Stimmen einer Literatur, die später Postkolonialismus genannt werden würde, in Deutschland erschien er erst dreißig Jahre später.

Diese verspätete Resonanz außerhalb von Doris Lessings englischer Heimat gilt für alle ihre Bücher, zunächst auch für Amerika, und deutsche Leser lernten sie gar erst im Gefolge der gesellschaftlichen Veränderungen Ende der sechziger Jahre kennen, als auch die Frauenbewegung erstarkte. Selbst „Das goldene Notizbuch“ kam erst in den siebziger Jahren auf Deutsch heraus, und noch länger – drei Jahrzehnte – brauchte ihre fünfteilige Romanserie „Children of Violence“, die 1952 im Original mit „Martha Quest“ begann, ehe sie übersetzt wurde.

So wurde Doris Lessing hierzulande gar nicht mehr als die Kommunistin wahrgenommen, die sie am Anfang ihrer literarischen Karriere war – bis der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn sie zum Verlassen der Partei bewegte. Dieses zeitbedingte Manko erleichterte ihre Rezeption. Weder gab es Widerstand von konservativer Seite gegen die ehemalige Kommunistin, noch von linker gegen die Renegatin. Es blendete aber auch einen entscheidenden Teil ihrer Intentionen aus.

Vom Individuum zur Apokalpyse

Denn Doris Lessing hat sich zeitlebens als eine politische Schriftstellerin verstanden, aber als eine, die aus den Versäumnissen Gleichgesinnter Konsequenzen zog und das auch von anderen erwartete. Deshalb war sie so enttäuscht über die reduzierte Wahrnehmung des „Goldenen Notizbuches“, in deren Hauptfigur Anna Wulf nicht nur des deutschen Nachnamens wegen ein kaum verhülltes Selbstporträt zu sehen ist. Auch die Schriftstellerin im Roman ist Kommunistin, und das Buch, das zum größten Teil aus vier verschiedenfarbigen Notizbüchern – keines davon ist goldfarben – der Protagonistin besteht, betreibt viel mehr Selbsttherapie als Emanzipationsversuche. Das Credo aller späteren Bücher von Doris Lessing lautet, dass Veränderung beim Individuum beginnt. Das wiederum war eine Lehre, die sie verallgemeinert sehen wollte.

Ihre Themen wuchsen vom privaten ins apokalyptische, als in den Siebzigern die Bedrohung durch atomare Rüstung und Naturzerstörung in ihre Bücher einzogen. Im Jahr 1979 begann sie einen neuen Romanzyklus, der sein Handlungszentrum im weit entfernten Planeten Canopus hatte, der Herrschaftszentrale eines zukünftigen galaktischen Imperiums. Das Schicksal der Erde ist da längst besiegelt, und es ist kein freundliches. Wenig freundlich war auch die Aufnahme für diese Bücher, in denen Doris Lessings „Stammpublikum“ einen Verrat an dem von ihm erwarteten feministischen und weltpolitischen Engagement sah. Science Fiction als Gattung galt damals noch nicht als satisfaktionsfähig.

Reverenz an eine alte Dame

Dass sie 2007 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat Doris Lessing deshalb selbst als eine Art späten Witz verstanden. Als Kandidatin dafür war sie vor allem in den siebziger Jahren gehandelt worden, nun hatte sie kaum mehr jemand auf der Rechnung gehabt. Sie war zum Zeitpunkt der Verleihung schon achtundachtzig Jahr alt, auch ihre letzten beiden Romane waren Zukunftsromane gewesen, zuvor waren vor allem Autobiographisches und Reportagen erschienen, und all das hatte nur noch den pflichtschuldigen Respekt gefunden, den man einer großen alten Dame erweist, nicht aber mehr einer Kämpferin, als die sich Doris Lessing nach wie vor verstand. Sie wusste um die zwiespältige Tradition der höchsten Auszeichnung in ihrem Fach, als sie spottete, man habe sie mit dem Nobelpreis wohl noch kurz vor ihrem Tod erwischen wollen. Die Bezeichnung „Epikerin weiblicher Erfahrung“ in der Verleihungsbegründung betrachtete sie als abermaliges Missverständnis. Immerhin wurde sofort danach mit der Publikation einer deutschen Werkausgabe begonnen.

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Sechs Jahre nach der Verleihung, die ein letztes Mal alle Augen auf Doris Lessing lenkte und die Chance für eine Neubewertung ihres Werks dennoch abermals verpasste, ist Doris Lessing nun gestorben, am Sonntag, nur wenige Wochen nach ihrem vierundneunzigsten Geburtstag. Der zentrale Satz, den sie geschrieben hat, steht in „Das goldene Notizbuch“, und es ist bezeichnend, dass es ein Aussagesatz ist, der mit einem Fragezeichen endet: „Vielleicht sind es gerade die Menschen mit unserer Erfahrung, die am ehesten die Wahrheit kennen, denn wir wissen doch, wozu wir fähig waren?“

Nachruf in der Sueddeutschen Zeitung http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-tod-von-doris-lessing-wanderin-zwischen-welten-und-anschauungen-1.1820873

The guardian http://www.theguardian.com/books/2013/nov/17/doris-lessing-dies-94

BBC: http://www.bbc.co.uk/news/entertainment-arts-24979129

Doris Lessing: her last Telegraph interview http://www.telegraph.co.uk/culture/books/10455494/Doris-Lessing-her-last-Telegraph-interview.html

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