Über die Lust der Deutschen, Vorschriften zu befolgen

Alle Erfahrungen der Deutschen mit Diktaturen haben nicht ausgereicht, ihnen die Lust am Verbieten auszutreiben. Die Freiheit hat immer noch einen schweren Stand. von 

http://www.zeit.de/kultur/2013-11/deutsche-verbote-freiheit

Die Deutschen, so soll Lenin gespottet haben, würden eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie einen Bahnhof stürmten. Bahnsteigkarten gibt es nicht mehr, doch die Lust, Vorschriften zu befolgen oder gar neue herbeizuwünschen, scheint ungebrochen.

Einer neuen Umfrage zufolge* wollen 64 Prozent aller Deutschen ein Verbot ungesunder Lebensmittel, 59 Prozent ein Verbot von Gewaltdarstellungen in Computerspielen oder Filmen und 32 Prozent ein Verbot von Pornografie. Weitere Verbotswünsche betreffen große Parteispenden, das Glücksspiel und den Verkauf von Schnaps.

Man findet die Zahlen in einer Erhebung des John-Stuart-Mill-Instituts für Freiheitsforschung. Was immer von dem dort ermittelten Freiheitsindex wissenschaftlich zu halten ist: Es scheint klar zu sein, dass die Freiheit unter den Deutschen kein übermäßiges Ansehen genießt.

Unbestreitbar gibt es in diesem Land unerfreuliche Dinge. Ob Glücksspiel und Alkohol dazu gehören, ist natürlich Ansichtssache. Aber würden solche Unerfreulichkeiten durch ein Verbot beseitigt? Natürlich ist Gesundheit ein hohes Gut. Doch würde sie durch ein Verbot ungesunder Lebensmittel wie vielleicht Chips oder Kinderschokolade befördert?

Viele sehen im Staat eine Tugendbehörde, die das Gute erzwingen und das Schlechte verbieten soll. Das ist nicht nur ein deutsches Missverständnis. Man weiß, was das Alkoholverbot, die Prohibition, in den USA von 1919 bis 1933 bewirkt hat: die rasante Ausbreitung der Bandenkriminalität. Und es gäbe gute Gründe, das Verbot harter Drogen abzuschaffen. Dadurch würde der Drogenmafia, die ganze Länder ruiniert, der Boden entzogen.

Das wäre ein riskanter, vielleicht unerlaubter Schritt. Unwahrscheinlich ist er sowieso. Aber die Erfahrung lehrt, dass jedes Verbot zu seiner Übertretung einlädt. Um es durchzusetzen, muss der Staat Kontrollorgane schaffen. Jedes Verbot vergrößert folglich den staatlichen Anteil an der Verfasstheit eines Landes und vermindert den gesellschaftlichen.

Es ist seltsam: Trotz ihrer üblen Erfahrungen mit Diktaturen vertrauen viele Deutsche noch immer lieber dem Staat als der eigenen Initiative. Das zeigt eine Allensbach-Umfrage für die FAZ*, veröffentlicht am 27. November. 42 Prozent der Ostdeutschen und 36 Prozent der Westdeutschen glauben, dass sie in einer stärker vom Staat kontrollierten Ökonomie besser dran wären. Der Sozialismus ist ein Wiedergänger, da hilft kein Exorzismus.

Sicherheit, Gleichheit, Gerechtigkeit stehen auf der Wunschliste obenan. Das kann man gut verstehen. Im idealen Staat muss niemand seine Türen verschließen und niemand muss betteln. Eines der folgenreichsten Experimente der Menschheit, die Französische Revolution, hat jedoch hinreichend gezeigt, dass Liberté und Egalité ein Gegensatzpaar sind. Die totale Durchsetzung der Gleichheit führte zum totalen Terror.

Warum wird die Freiheit so wenig geschätzt? Erstens, weil sie uns selbstverständlich ist. Was man schon lange besitzt und wofür man selber nicht gekämpft hat, hat keinen hohen Wert. Zweitens: Nur wer die materiellen und geistigen Voraussetzungen hat, kann die Freiheit nutzen.

  • Freiheitsindex

pdf  Pressemitteilung_Freiheitsindex_Deutschland_2013_John_Stuart_Mill_Institut

Dossier Freiheitsindex pdf Dossier_Freiheitsindex_Deutschland_2013_vorab

  • JOHN STUART MILL INSTITUT FÜR FREIHEITSFORSCHUNG

http://www.hochschule-heidelberg.de/de/fakultaet-fuer-wirtschaft/john-stuart-mill-institut-fuer-freiheitsforschung/ 

  • Allensbach Analyse F.A.Z. 27.11.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/allensbach-analyse-stille-liebe-zur-planwirtschaft-12682183.html
… “seit etwa 20 Jahren wächst die Unzufriedenheit der Deutschen mit der sozialen Lage im Land. Das wird erkennbar an den Antworten auf die Frage „Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse bei uns in Deutschland – ich meine, was die Menschen besitzen und was sie verdienen – im Großen und Ganzen gerecht oder nicht gerecht?“. Von 1964 bis Anfang der neunziger Jahre hielten sich die Anteile derjenigen, die sagten, die Verhältnisse seien gerecht, und die Zahl derer, die sie für nicht gerecht ansahen, ungefähr die Waage. Seitdem aber steigt – von kurzfristigen Schwankungen abgesehen – der Anteil derer, die die Verhältnisse für nicht gerecht halten, kontinuierlich. Heute liegt er bei 65 Prozent. Nur noch 18 Prozent widersprechen ausdrücklich….”

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