Willy Brandt Visionär, Weltbürger und Kanzler der Versöhnung

Einst spaltete er die Republik: Den einen galt er als Heilsbringer (ein deutscher Kennedy), den anderen als Verräter (ein Emigrant, ein Linker). Willy Brandt, umkämpft, umstritten – doch zu seinem 100. Geburtstag, können sich fast alle auf ihn einigen. Mit 19 ging er in den Widerstand gegen Hitler und ins Exil. Seine Ostpolitik scheint heute größer denn je. Ein Pragmatiker war Brandt als Bürgermeister West-Berlins. Weitsichtig agierte er als Außenminister und als Kanzler. Ein Modernisierer, der das Land weltoffener, jünger, aufgeklärter machte.

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Willy Brandt Der andere Deutsche

Als Bürgermeister West-Berlins, als Außenminister und als Kanzler veränderte Willy Brandt die Bundesrepublik wie kein zweiter Politiker. Zeitlebens aber blieb er auch ein Fremder im eigenen Land. von 

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/04/willy-brandt-chronik

Er war der Kanzler, der nicht sein durfte. Ein Minderheitsdeutscher, der die Hitler-Jahre im skandinavischen Exil verbrachte und ausgebürgert wurde. Einer, der auf den ersten Blick in kein Raster für populäre Politiker in Deutschland zu passen schien. Im Amt des Regierungschefs, für das er dreimal Anlauf nahm, hielt es ihn nur kurz – viereinhalb Jahre lang, von 1969 bis 1974. Verehrt wurde er, aber noch stärker angefeindet. Erst nach seinem Tod 1992 polarisierte Willy Brandt nicht mehr.

Verwundert, als inspiziere er einen Fremden, blickte er immer wieder auf sein Leben zurück. Selbst im hohen Alter noch, beim Verfassen seiner Erinnerungen, rätselte er: “War ich das?” Ihn beschäftigte, weshalb er einmal als Linker, dann wieder als Rechter, schließlich wieder als Linker gegolten habe. Dem Berliner Regierenden Bürgermeister Brandt, dem die antikommunistische Rhetorik locker über die Lippen ging, folgte der Entspannungspolitiker, der mit den Feinden der frühen Republikjahre gegen heftigste Widerstände (“Brandt an die Wand”) die Ostverträge aushandelte. Der Mann, der die Achtundsechziger zum langen Marsch durch die Institutionen eingeladen hatte (und vor allem in seine SPD!), unterzeichnete 1972 den Extremistenbeschluss, der von der jungen Generation als Misstrauenserklärung empfunden wurde. Mehrfach musste Brandt sich neu erfinden in seinem Leben, sich von sich selber verabschieden und neu beginnen.

Zur Welt kam er in Lübecks Arbeitervorstadt St. Lorenz am 18. Dezember 1913 als uneheliches Kind unter dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm. Wie sein Vater hieß, wusste er lange nicht. Seine Mutter, Martha Frahm, Verkäuferin in einem Konsumverein, hatte dessen Namen nicht angegeben, als sie den Sohn ins Register des Standesamts eintragen ließ. Den Namen, unter dem er weltweit bekannt wurde, Willy Brandt, hatte er sich selbst als junger Mann gegeben, ein nom de guerre, denn seine SAP, eine sozialistische Splitterpartei, formierte von Januar 1933 an im Untergrund eine Art jugendliche Opposition gegen Hitler. Die mit Brandt befreundete Journalistin Carola Stern vermutet in ihrer Biografie von 1975, dass es mehr war als nur Tarnung und Brandt sich schon auf eine Flucht nach Skandinavien vorbereitete. Gegenüber der italienischen Reporterin Oriana Fallaci stellte Brandt es dann noch einmal anders dar: Danach suchte er einen Namen, der nur ihm gehöre, als wünsche er ein Stück Emanzipation von der eigenen, tristen Familiengeschichte, unter welcher er litt. Wer er ist, wollte er selber bestimmen.

Willy Brandt zum 100. Geburtstag Torquato Tasso trifft Willy Brandt

11.12.2013 ·  Rückblick auf die Zeit, als die Bundesrepublik noch glücklich und das Theater noch wichtig war: Erinnerung an die Regierungsjahre der Emotion unter der Herrschaft einer seltsamen Lichtgestalt.

Von Gerhard Stadelmaier

uf dem Tisch werden im Laufe des Abends des 21. Oktober 1969 die Weinflaschen (1967er Stettener „Pulvermächer“) immer mehr. Der Vater trinkt sich in eine Art Verzweiflung hinein, die er mit etlichen „Ja, aber …!“- und „Dees got doch net!“-Schüben einerseits auflädt, andererseits durchbricht. Am Morgen, um 11.20 Uhr, hatte im Bundestag zu Bonn am Rhein ein Mann mit seiner reibeisenrauhen, dunkel norddeutschen Stimme laut gesagt: „Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“, der diese Wahl, wäre es nach dem Vater und seinen Freunden und Bekannten und Altersgenossen gegangen, nie hätte annehmen dürfen. Es war für sie wie ein Epochen-Ende. Ein Absturz.Dem Sohn dagegen, der am anderen Ende des Tischs, auf dem, wie gesagt, die Weinflaschen zwischen den beiden immer mehr wurden (nach dem „Pulvermächer“ der Stettener „Häder“, Jahrgang 1965), sich in eine Art Freude hineintrank, die er mit etlichen begeisterungssatten „Ja, jetzt ko i gar nemme!“-Schüben einerseits auflud, andererseits zu Teilexplosionen brachte, war die Wahl des Mannes höchst angenehm. Es war für ihn und seine Freunde und Bekannten und Kommilitonen wie eine Epochenwende. Ein Aufbruch. Aber auch wie ein Spiel. Eine hinreißende Szene.

Er fand, der Mann, der da so schlicht theatralisch die Wahl annahm, hätte auf eine größere Bühne gehört, als sie der Bundestag bot. Eine richtige Bühne. Aufs beste deutsche Theater. Das stand damals in Bremen. Er war schließlich nichts weniger als ein Held. Und wohl auch eine Figur, für die heldenhafte literarische und theatralische Leute Wahlkampf gemacht hatten, lauter Größen: der Komponist Hans Werner Henze, die Dichterin Ingeborg Bachmann, der Regisseur Fritz Kortner, der Schriftsteller Günter Grass, die Schauspieler Agnes Finck und Bernhard Wicki.

Zwar hatten der Vater und seine Freunde und Bekannten, denen er im örtlichen „Stenografenverein von 1893“ seit Jahrzehnten ein schier unabwählbarer Dauervorsitzender war, der sie mit Stenografen-Bällen, Stenografen-Wanderungen oder auch Stenografen-Autorallyes und naturgemäß mit Stenografen-Wettschreiben bei Laune hielt, auf die Kanzler Adenauer („der alte Sack“), Erhard („die weiche Null“) und Kiesinger („der Schönschwätzer ond d’rzu no alter Nazi“) geschimpft (wiewohl man auf Kiesinger auch ein bisschen schwabenstolz war, weil er „oiner von onsere Leut’ isch“). Und sie hatten sich insgeheim nach dem einen, dem starken Manne gesehnt, der alles Gesellschaftliche, Politische und vor allem Wirtschaftliche dergestalt regeln würde, dass es ihnen und vor allem ihren Geschäften zupasskäme.

Ohne den Schmutz der deutschen Geschichte

Aber keiner hatte je einen Zweifel daran gelassen, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, der ja hinter der Elbe die Ostzone (die man später die DDR zu nennen sich mühsam angewöhnte) und „der Russe“ entgegenstanden, in die Hände der naturgemäß unabwählbaren Regierungspartei gehörte. Und das war gott- und politikgegeben die Christlich Demokratische Union. Ganz Halb-Deutschland von 1949 bis in alle Ewigkeit sozusagen der größere nationale Abglanz des kleineren „Stenografenvereins von 1893“.

Dass jetzt die Sozialdemokraten („die Sozen“), die man sowieso für Kommunisten hielt, mit Hilfe einer verräterischen „alten Umfallerpartei“ (Herbert Wehner) namens F.D.P. (die heute kaum noch einer kennt) den Kanzler stellten, nachdem sie zuvor in einer ungeliebten Großen Koalition von der CDU diszipliniert zu sein schienen, empfand man als ungehörig. Zumal der neue Kanzler nicht das Schicksal des Vaters und seiner Freunde und Bekannten teilte, die man frisch von den Schulbänken weg in den Krieg gezwungen hatte, während Willy Brandt, der sowieso gut zehn Jahre älter war als sie, in die Emigration nach Norwegen ging. An ihm klebte nicht der Schmutz der deutschen Geschichte, sondern es hing an ihm der Glanz des deutschen Anstands, der ihn ein Jahr später in Polen die Knie beugen ließ vor dem Denkmal für die ermordeten Juden des Warschauer Gettos. Und ihm den Friedensnobelpreis einbrachte.

Er hatte nicht nur deshalb etwas seltsam Unwirkliches beziehungsweise der Wirklichkeit Enthobenes um sich. Selbst ganz einfache Sätze oder Floskeln wie „Wenn ich mich so umgucke“ oder „Guten Abend“ oder „Meine sehr geehrten Damen und Herrn“ wirkten, da er sehr langsam redete, pausendurchbrochen die tiefgeriebene, wohl auch hie und da alkoholgegerbte Stimme erhob, als wäre seine Sprache grübelnd Höherem abgerungen.

Der Weltgeist spricht aus ihm

Wie aber erst dann, wenn er autofreie Sonntage (während der ersten Ölkrise, 1973) verkündete oder die Nachbarschafts- und Grundlagen-, also die sogenannten Ostverträge mit der DDR, Polen und der Sowjetunion öffentlich redend durchsetzte: Das schien alles weniger reale Politik, sondern Ausdruck und Ausfluss höherer Weisheit und Gerechtigkeit, bewegt und getragen von einer Emotion, die „heilig“ oder „welthistorisch“ zu nennen vielen ein Bedürfnis war.

Wiewohl Brandts Ostpolitik tiefe Keile in deutsche Gesellschaften und Familien trieb in Form erbitterter, manchmal sogar handgreiflich werdender Diskussionen im Für und Wider: Darf man „dem Iwan“, der bis an die Zähne bewaffnet an der Grenze lauert, vertraglich trauen? Darf man ehemals deutsche Ostgebiete als Staatsgebiet fremder Staaten anerkennen? Ist das nicht Verrat? Es gab dieserhalb viel Geschrei quer durch die Reihen und im Bundestag erbitterte Kämpfe. (Nur zwischen Vater und Sohn wuchs allein ganz friedlich die Zahl der Weinflaschen auf dem Tisch.)

Und weil dies in Brandts Rhetorik oft begleitet ward von fingernd suchenden Gesten seiner rechten Hand, so wie es die Brandt-Statue im Foyer des Berliner SPD-Hauptquartiers ja auch für alle Ewigkeit in Bronze gegossen zu haben scheint, hatten des Kanzlers Worte allemal den Anschein weniger von Verlautbarung, mehr von Verkündigung. Ja, gar von Poesie. Als spräche gar nicht er selbst. Als spräche es aus ihm.

Inszenierung des Jahrhunderts

Man konnte es auch körperlich spüren: Brandt wirkte immer so, als befinde er sich weniger inmitten einer Wirklichkeit, als stünde er vielmehr wie auf den Schultern der Wirklichkeit. Ein Getragener. Erhobener. Als nehme ihn das Land als einen Besonderen auf sich. Wenigstens eine Zeitlang. Denn er war der Politiker, der in Gehabe und Sprache auch als Dichter durchgehen konnte. Dem ein anderer Dichter (Grass) den Satz in seine erste Regierungserklärung schreiben sollte, der zur rhetorischen Ikone seiner Kanzlerschaft wurde: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Was überhaupt nicht nach Absicht oder Aufforderung oder Arbeitsanweisung oder Selbstermunterung, sondern gleich nach Verheißung klang. In Ruhmesstein gemeißelt. Als bräche man jetzt neu auf in ein gelobtes Land neuer Freiheit – in einer Bombenstimmung. Glücklicher und gelöster und zuversichtlicher hat sich das Land selten gefühlt. Und über allem schwebend: Willy, mit dem Lorbeer der Ausnahmeerscheinung bekränzt. Dem eine ganze junge Generation zu Füßen lag.

Aber es schien dem einen oder anderen (bitte, mehr dem einen), dass der 21. Oktober 1969 nicht eigentlich den Beginn der Herrschaft des Willy Brandt im großen Gesellschaftshaus der alten Bundesrepublik markierte, die damals freilich noch recht jung und unflügge war, kaum zwanzig Jährchen alt. Sondern dass der Beginn der kanzlerhaften Herrschaft der großen Emotion schon der 30. März 1969 war. An diesem Tag betrat der Dichter Torquato Tasso in Peter Steins Goethe-Inszenierung die Bremer Premierenbühne. Gespielt von Bruno Ganz. Jutta Lampe war die Leonore von Este, Edith Clever die Gräfin, Werner Rehm der Staatssekretär Antonio Montecatino, Wolfgang Schwarz der Herzog von Ferrara. Womöglich die folgenreichste, die berühmteste Inszenierung des Jahrhunderts. Der eine ganze junge Generation zu Füßen lag.

Prachtvolle naiv-linke Dramaturgie

Wer nicht dabei war und sie nicht sehen konnte, war durch seitenlange Rezensionen und Essays und Debatten über jedes ihrer Details wenigstens theoretisch informiert. Es wurde da – es ist auf DVD auch den Nachgeborenen zur Nachprüfung zugänglich – ein seltenes Kunststück geboten. In unnachahmlich schöner Form, vor allem Sprachform, die jede Hebung und Senkung des Goetheschen Verses perfekt erfüllte, jeden hohen Ton in Vollendung ausmusizierte und so dem Anspruch des alten Stücks auf klassisches Ebenmaß gerecht wurde, vollzog sich mitspielerisch zugleich die aktuelle, die neue Kritik am alten Stück und an den Figuren, vor allem der Titelfigur.

Dem Dichter Tasso, der ein Politiker sein beziehungsweise einem Politiker gleichkommen will und sich mitten in der politischen Wirklichkeit wähnt, umkränzt mit dem Lorbeer des Dichterfürsten (gemeint war natürlich damit auch Goethe, der Dichterfürst und Fürstendichter), wird der Boden unter den Füßen weggezogen – indem er aufsteigt und auf den Schultern des Staatssekretärs Antonio sich am Felsen festhält, „an dem er scheitern sollte“. Gegen den er sogar den Degen zog, um Respekt einzufordern. Eines der ikonographischen Zeichenbilder der Bremer „Tasso“-Inszenierung zeigt den prinzenhaft höhnisch über der Szene schwebenden Bruno Ganz, wie er auf den Antonio-Schultern Werner Rehms aus dem Raum getragen wird. Der, wie sie ihn in Steins Dramaturgie nannten, „Emotionalclown“ der Herrschenden, der denen, die über ihn bestimmen, den schönen Schein seiner Dichtung als Rechtfertigung ihrer Herrschaft liefert. So prunkvoll naiv-links dachte man damals noch dramaturgisch.

Die Politik war Theater und das Theater Politik

Damit begann die Epoche der Regietaten, die nicht ein Stück spielten, sondern das, was sie von diesem Stück und seinem Wert für die Gesellschaft hielten und von dem, was es an kritischem Potential zur Verbesserung der Gesellschaft bereitzustellen imstande war. Das war der Versuch, „ästhetische und politische Phänomene zusammenzudenken“, wie das Botho Strauß ein wenig später nannte, als er vom Theaterkritiker zum Dramaturgen (bei Peter Stein) mutiert war – bevor er sich auch noch als Dramatiker bewährte.

Das Theater wurde zum Aufreger, das Schaugewerbe zur Politik, die Politik aber zu großem Theater. Die sich aber beide in ihren Galionsfiguren durchaus unpolitisch verwirklichten: Auf Stars war nicht zu verzichten. Wiewohl mit dem Intellektuellen Tasso auch die Illusion kritisch aus dem Saal getragen wurde, dass die Intellektuellen, die Dichter gar, dem Staate und der Politik gebieten können sollten. Das richtete sich in der Regie des unzeitgemäßen Peter Stein gegen die große Illusion der damaligen Zeit, der die Dramaturgien wie die Universitäten gerne erlagen.

Wider die Wirklichkeit

Und so traf Torquato Tasso auf Willy Brandt: der ästhetische „Emotionalclown der Herrschenden“ in politischer Funktion als Scheinlichtbringer auf den herrschenden politischen Emotionalclown in ästhetischem Glanz als Lichtgestalt. Wobei man „Clown“ bitte in seiner melancholischsten, pierrothaftesten Erscheinungsform zu begreifen hatte und Steins kritischer „Tasso“ das Theater- und Zuschauer- und Kritikervolk ebenso provokant spaltete wie der unantastbar erhobene Brandt das Wahlvolk. Beide aber fungierten als Stars von Stimmungen einer Epoche politisch-ideologischer Empfindsamkeitsstrenge mit Sturm-und-Drang-Sahnehäubchen. Alles Wirkliche, Reale, am Boden, nicht in Wolken Auszumachende galt ihr als Schall und Rauch. Und alles ihr Entgegenstehende, Konservative fegte sie einfach weg beziehungsweise fühlte sie weg.

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Als Willy Brandt 1972 zur Bundestagswahl mit der einfachsten aller Losungen: „Willy wählen“ einen Kanzlerwahltriumph sondergleichen einfuhr, war Peter Stein sozusagen auf den Schultern Tassos zu so etwas wie zum triumphalen Theaterkanzler Deutschlands aufgestiegen: als unantastbarer Chef der Berliner Schaubühne, dem führenden deutschen Theater, das zwar auch in künstlerischen Sachen ein Mitbestimmungsmodell exerzierte, wobei aber nie unklar war, wer das Sagen hatte. Und gegen alle eventuell aufkommenden Realisten räumte Steins Kleist-Inszenierung des „Prinzen von Homburg“, natürlich in Gestalt des Bruno Ganz, der den Homburg spielte, den abgehobenen, weltverlorenen Träumern und Schlafwandlern ihr wunderbares Recht ein. Gegen alle Wirklichkeiten. „Ein Traum – was sonst“ wurde zur Losung: Tasso hatte sich von einer kritischen und kritisierten Figur im Homburg zu einer trotzigen verwandelt.

Die Realität holte sie ein

Wer aber auf Schultern erhoben und erhaben steht, siedelt dort nur auf Zeit. Solange die Schultern das aushalten. Und wenn die Schultern aus hässlichen Realitäten bestehen, brechen diese gern ein oder weg. Unter Brandt brachen aus und ein: der tückische Wehner („Der Kanzler badet gern lau“, „Regieren soll er, nicht erigieren!“), der tüchtige, in den Kanzlerstartlöchern präventiv scharrende Schmidt, die Ölkrise, die Inflation, der unsagbar dicke ÖTV-Chef Kluncker, der für seinen öffentlichen Dienst fabulös irre Tariferhöhungen (vierzehn Prozent) herausschlug. Schon Brandts erster Finanzminister Alexander Möller verabschiedete sich mit einem „Genossen, lasst die Tassen im Schrank!“ aus dem Kabinett. Dazu kam Guillaume, der Stasi-Spitzel im Kanzleramt, der unterm Biedermann-Tarnhelm herumfuhrwerkte. Der Kanzler nahm seine Depressionen, seine Auszeiten, seine Müdigkeiten: als wären das Arzneien gegen die Wirklichkeit da unten. Bis diese ihn fallenließ.

Peter Stein sagte in einem berühmt gewordenen Gespräch mit Berliner Berufsschülern 1985, er und sein Theater, das auf dem „Tasso“ gründete, seien „am Boden angekommen“. Willy Brandt war schon elf Jahre zuvor auf dem Boden angekommen. Dann übernahm Helmut Schmidt die Wirklichkeitsgeschäfte. Und auf dem Tisch zwischen Vater und Sohn wuchs wieder die Zahl der Weinflaschen (Stettener Trollinger, Jahrgang 1969). Und während sich der Vater in eine Freude hineintrank, die er mit etlichen „Sodele!“-Ausrufen sowohl unterbrach als auch steigerte, prostete der Sohn still dem Mann in den Wolken zu, den er dort nicht mehr fand.

Quelle: F.A.Z.

Willi Brandt Nacht in der ARD (videos . dokumentarfilme …)

Die lange Willy Brandt Nacht

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/18715260_die-lange-willy-brandt-nacht

 

“Willy Brandt volvió a civilizar a Alemania”

Lübeck

El próximo 18 de diciembre se cumplirán 100 años del nacimiento del legendario líder socialdemócrata alemán Willy Brand. Con motivo del redondo aniversario, el Premio Nobel de Literatura Günter destacó la figura del canciller, un amigo personal a quien respaldó activamente a nivel político.

En una entrevista con dpa, el autor de “El tambor de hojalata” sostuvo que el jefe del gobierno germano entre 1969 y 1974 “volvió a civilizar a Alemania” tras el espanto del nacionalsocialismo y allanó el camino hacia la caída del Muro de Berlín con su política de acercamiento al Bloque Comunista en plena Guerra Fría.

Según Grass, un legado de Brandt que nunca se llevó a la práctica fue el Informe Norte-Sur que confeccionó en 1980 por encargo de las Naciones Unidas, en el que advirtió que la brecha cada vez mayor entre el norte rico y el sur depauperado es caldo de cultivo para el terrorismo.

-¿Cuál es el legado político de Willy Brandt?

Grass: Son fundamentalmente dos cosas: Nos mostró a los alemanes una vía de salida de una situación encallada como la construcción del Muro mediante una política de pequeños pasos, es decir, un constante diálogo con el rival político de la parte comunista, y con el que consiguió avances y allanó el camino hasta la caída del Muro. Ese fue un gran logro.

-¿Y el segundo …?

Grass: Es uno que no fue suficientemente percibido, y por ello estamos pagando hasta ahora las consecuencias. Cuando ya no era canciller pero todavía presidía el Partido Socialdemócrata, Willy Brandt escribió en 1980 un informe Norte-Sur por encargo de la ONU. En él alertó sobre la situación en el llamado Tercer Mundo. Propuso un nuevo orden económico en el que los Estados del Tercer Mundo negociaran de igual a igual con las naciones industrializadas, algo que no ocurrió.

-¿Qué consecuencias trajo aparejadas?

Respuesta: Willy Brandt ya lo había advertido: la ira, la indignación y la cólera aumentan en estos países, espoleadas por la necesidad, la pobreza y la miseria. Un caldo de cultivo ideal para el terrorismo. Nosotros mismos somos en buena parte responsables del terrorismo con el que lidiamos hoy en día porque no llevamos a la práctica estos escritos visionarios de Willy Brandt.

-¿Se puede resumir la obra política de Willy Brandt en un solo título como: “El canciller de la paz, el arquitecto de la política de distensión”?

Grass: No, la obra de su vida no puede reducirse a un mínimo denominador. Se puede decir que civilizó a Alemania. No marginalizó a la generación joven que comenzaba a protestar y con buenas razones en tiempos muy frágiles. Asumió la cancillería en 1969 y en 1967/1968 las protestas estudiantiles derivaron en el nacimiento de grupos comunistas y de los precursores de la Fracción del Ejército Rojo de Andreas Baader y Ulrike Meinhof. Abrió el SPD a la gente joven, lo que no estuvo exento de problemas. Es admirable que tuviera el valor para “atreverse a más democracia”.

-¿Fue usted el que inventó ese lema como colaborador de campaña del SPD y asesor de Willy Brandt?

Grass: Muchas cosas surgieron de nuestras charlas. Puede ser que yo lo haya formulado así o algo parecido. Pero no quiero hacer valer derechos de autor (ríe).

-Usted conoció a Willy Brandt desde principios de los 60. ¿Cómo era como persona?

Grass: Cuando lo vi por primera vez lo encontré en una situación muy vulnerable. Eran tiempos del canciller Konrad Adenauer en los que Brandt fue difamado como bastardo y emigrante. La Unión Demócrata Cristiana y la prensa de la editorial Springer vociferaban en su contra y fue algo que lo tocó mucho, que le costó mucha energía durante años. Era una persona tímida, necesitaba tiempo para acercarse, también a las personas que conocía de mucho tiempo. Pero de repente sorprendía con una afectuosidad y una necesidad irrefrenable de contar chistes.

-¿Y sus dotes de orador?

Grass: Era un maestro de la improvisación. En público se lo conocía como un tribuno del pueblo, que llenaba las grandes plazas y las salas. Pero también lo vi muchas veces hablar sin manuscrito ante 40 ó 50 personas. Era todo un virtuoso. Estos discursos estaban mechados con anécdotas ejemplares de su experiencia política.

-¿Qué sintió cuando se enteró de la muerte de Brandt en 1992?

Grass: Con su muerte llegó definitivamente a su fin una era que había despertado muchas esperanzas. Mucho había sido encaminado y debiera haber sido continuado. Al menos se retomaron algunas cosas como, por ejemplo, la política de los pequeños pasos que adoptó Brandt en contra de la resistencia de la CDU/CSU y que fue bautizada más tarde como “la nueva política alemana”. Su sucesor y correligionario Helmut Schmidt prosiguió con esta política, que después fue adoptada también por Helmut Kohl. Era un proceso irreversible. No esta inconsistencia que vemos hoy. La actual canciller Angela Merkel es un buen ejemplo de ello: puedo hacerlo así, pero también puedo hacerlo de otra manera.

http://www.milenio.com/cultura/Willy_Brandt-Alemania-Gunter_Grass_15_209529047.html

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