Hochschulfinanzierung – Die Firma zahlt

Unternehmen fördern Hochschulen und Studenten mit jährlich 2,5 Milliarden Euro. Sie vergeben Stipendien, finanzieren duale Studiengänge und Stiftungsprofessoren. Die Wirtschaft schafft so bessere Studienbedingungen als der Staat. Werden die Universitäten zu Dienstleistern der Industrie? von Marion Schmidt

http://www.zeit.de/2013/52/studenten-foerderung-unternehmen/komplettansicht

An der Frankfurter Goethe-Universität gibt es neuerdings ein “Welcome Centre”. Hier werden ausländische Wissenschaftler bestens umsorgt, egal, ob sie eine Wohnung suchen oder einen romantischen Ausflug in den Rheingau machen wollen. Ein Angebot, das nur wenige Unis in Deutschland haben. “Wir hätten uns das aus dem normalen Haushalt nicht leisten können”, sagt der Präsident der Universität, Werner Müller-Esterl. Finanziert wurde das Center mit einer Spende von der Santander Bank in Höhe von 340.000 Euro. Die Bank will damit den internationalen Austausch von Wissen fördern. Aber sicher auch das eigene Image.

An der Uni, an der linke Gruppen bis vor Kurzem noch ein Institutsgebäude besetzt hielten und Veranstaltungen gegen Kapitalinteressen organisierten, sorgte die Spende der spanischen Bank nun keineswegs für Unruhe. Proteste von Studenten blieben aus. Und Präsident Müller-Esterl ist froh über die Spende: “Für alles, was wir mehr bieten wollen, müssen wir zusätzliches Geld akquirieren.” Ohne Zustiftungen von privater Seite könnten noch nicht einmal neue Professuren eingerichtet werden.

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, das hierzulande immer etwas schwieriger war als in anderen Ländern, entspannt sich zusehends. “Die Hochschulen sind offener geworden und verstehen sich zunehmend als Partner der Unternehmen”, sagt Markus Lecke, der bei der Deutschen Telekom für Hochschulkooperationen zuständig ist.

Es ist allerdings keine plötzlich erwachte Liebe zur Industrie, die diese Offenheit bewirkt. Sie folgt vielmehr der Finanznot der Hochschulen. Obwohl Bund und Länder im vergangenen Jahr knapp 25 Milliarden Euro für akademische Bildung ausgaben, sind die deutschen Universitäten überfüllt und unterfinanziert. Mit den staatlichen Mitteln lassen sich die Aufgaben in Lehre und Forschung kaum noch bewältigen; von Zusatzangeboten wie einem Welcome Centre ganz zu schweigen.

In diese Lücke springen nun die Unternehmen. Insgesamt 2,5 Milliarden Euro haben Firmen im vergangenen Jahr in Studium, Lehre und Studenten investiert; das sind 328 Millionen Euro mehr als drei Jahre zuvor. Damit gibt die Industrie mehr für die Lehre aus als für die universitäre Forschung. Das belegt eine jetzt vorgelegte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

Kaufen sich die Unternehmen mit dem Geld Studenten und Universitäten?

Das Engagement der Unternehmen ist zumindest nicht ganz uneigennützig. Die Verantwortung für den Bildungsstandort Deutschland, sagen die befragten Unternehmen, spielt nur für jeden zweiten von ihnen eine Rolle. Sie finanzieren zumeist das, was ihnen nutzt.

Die Firma zahlt

12.110 Lehrbeauftragte aus der Wirtschaft

65.070 Studenten in dualen Studiengängen

10.013 von Unternehmen vergebene Stipendien

Es geht den Firmen vor allem darum, spezielle Fachrichtungen zu stärken sowie geeignetes Personal zu finden und an sich zu binden. Die Unternehmen wollen sich ihren Nachwuchs sichern, indem sie gezielt einzelne junge Menschen mit Stipendien, Praktika oder in dualen Studiengängen unterstützen.

Die Hochschulen sind für Unternehmen ein wichtiger Partner, denn sie vermitteln das Wissen für Innovationen, und sie bilden den Nachwuchs aus für Banken, Kanzleien, Autozulieferer und Softwareschmieden. Mit dem wachsenden Fachkräftemangel ist auch das finanzielle Engagement der Firmen gestiegen.

Betriebe, das belegen die Zahlen, investieren vor allem in Köpfe. Allein für duale Studiengänge, in denen berufliche und akademische Ausbildung verbunden sind, geben sie heute rund 948 Millionen Euro im Jahr aus, 2010 waren es noch 273 Millionen Euro weniger. 65.070 duale Studenten werden gefördert, die Zahl stieg innerhalb von drei Jahren um 16.000.

Stark gestiegen ist auch die Zahl der Stipendien. Wurden vor drei Jahren 6.130 Studenten gefördert, so sind es jetzt 10.013, die meisten von ihnen erhalten ein Deutschlandstipendium, das je zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte mit privatem Geld finanziert wird. Die Betriebe lassen sich das 45 Millionen Euro kosten. Hinzu kommen Spenden für neue Gebäude, mehr Personal und eine bessere Ausstattung, die sich Unis wegen der knappen Etats kaum noch leisten können. Allein 12.110 Lehrbeauftragte schickt die Industrie in die Hörsäle. Zudem stellen Firmen wie BMW den Hochschulen nicht nur Mitarbeiter zur Verfügung, sondern auch Testfahrzeuge, Motoren und Messgeräte.

Auch von Unternehmen gestiftete Professoren sorgen für zusätzliches Lehrpersonal und dafür, dass zu Themen gelehrt und geforscht wird, die sonst an den Unis zu kurz kommen würden. “Es wäre schwer, ohne die zusätzlichen Mittel den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten”, sagt der Präsident Müller-Esterl. Seine Uni hat bundesweit die meisten Stiftungslehrstühle, insgesamt dreißig.

Die Uni Frankfurt versteht es wie kaum eine andere Hochschule, privates Geld anzuziehen. Vermögende Bürger oder Unternehmen zahlen Millionen für Stipendien, Stiftungslehrstühle, auch die Jubiläumsfeier im kommenden Jahr wird durch private Spenden finanziert. Allein 606 Deutschlandstipendien für Studenten kann die Uni im nächsten Jahr vergeben; ein Drittel des Geldes stammt aus der Industrie.

Insofern ist die Kooperation ein Handel auf Gegenseitigkeit – aus der Not heraus: Den Unis fehlt das Geld, den Firmen der Nachwuchs.

“Wir haben ein großes Interesse daran, Studierenden einen Bezug zur beruflichen Praxis zu ermöglichen”, sagt Christoph Anz, der bei BMW für Bildungspolitik und strategische Personalentwicklung zuständig ist, “das sind schließlich unsere Nachwuchskräfte.” Aber BMW und die meisten anderen Firmen brauchen keine Germanisten oder Philosophen. Sie wollen Ingenieure sowie Betriebswirte und unterstützen deshalb vor allem wirtschaftswissenschaftliche und technische Studiengänge.

Das könnte irgendwann dazu führen, dass Hochschulen verstärkt die Fächer anbieten, die von der Industrie nachgefragte Absolventen hervorbringen und für die sie Zuschüsse zum Lehrbetrieb erhalten. Private Fachhochschulen funktionieren genau nach diesem Modell, und zwar erfolgreich. Auch die Länder bauen Studienplätze in den sogenannten Mint-Fächern aus, in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, finanzieren diese aber nicht komplett. Für einen Bachelorstudienplatz in Maschinenbau oder Elektrotechnik etwa geben Bund und Länder aus dem Hochschulpakt zum Aufbau zusätzlicher Studienplätze 26.000 Euro, das deckt jedoch nicht die tatsächlichen Kosten bis zum Masterabschluss von rund 44.000 Euro in diesen Fächern, deren Absolventen derzeit zu den gefragten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt zählen.

Da kalkulieren manche Landesminister das Engagement der Industrie wohl schon mit ein. Warum auch nicht? Warum soll allein der Steuerzahler für die Ausbildung von akademischen Fachkräften aufkommen? Die Idee, Studenten an den Kosten ihres Studiums zu beteiligen, ist in Deutschland gescheitert. Die Wirtschaft daran zu beteiligen scheint weit weniger problematisch zu sein.

Die Unternehmen jedenfalls schaffen mit ihren Milliarden vielerorts die Studienbedingungen, die der Staat nicht mehr bieten kann. Die Bundesländer sollen zwar für ihre Hochschulen sorgen, aber viele können dies nicht, weil sie zu hoch verschuldet sind. Und der Bund darf bislang nicht dauerhaft in die Lehre investieren. Die Wirtschaft darf das schon, für sie gilt das Kooperationsverbot nicht.

Doch wer bezahlt, will auch mitreden. Die Unternehmen wünschen sich mehr Praxisorientierung im Studium, mehr berufsbegleitende Studienangebote, mehr Kooperation bei der Planung von Praxisphasen. Dort, wo sie an Studiengängen beteiligt sind, beim dualen Studium, können sie schon jetzt ihre Vorstellungen weitgehend durchsetzen. “Wenn wir als Wirtschaft den Hochschulen 95 Prozent der Absolventen abnehmen, dann darf es auch nicht schlimm sein, wenn wir Einfluss nehmen wollen auf das Studium”, sagt Frank Hohenadel, Leiter Personalentwicklung bei der Deutschen Telekom, durchaus selbstbewusst.

Die Telekom hat früh und gezielt eine Ressource gefördert, die nicht mit dem Eintrag ins Handelsregister verbunden ist: Bildung. 90 Deutschlandstipendien vergibt der Konzern jährlich, 700 Mitarbeiter werden bei einem berufsbegleitenden Studium unterstützt und dazu 1.300 Studenten in dualen Studiengängen. Der Konzern betreibt eine eigene Hochschule in Leipzig und finanziert Forschungslabore sowie Stiftungslehrstühle an mehreren deutschen Unis. “Wir erhoffen uns Impulse für Innovationen”, sagt Frank Hohenadel, “und natürlich Zugang zu engagierten Talenten, die unser Unternehmen voranbringen.” Und schließlich – das verschweigt er nicht – sei das alles auch gut für das Image des Unternehmens.

Die Telekom gibt viel, aber sie erwartet dafür auch viel. “Eine enge Verzahnung mit der beruflichen Praxis ist uns wichtig”, sagt Hohenadel, “da wollen wir auch Impulse setzen für eine stärker berufsorientierte Lehre.” Die Hochschulen als Dienstleister und der Staat, der mit den rechtlichen Rahmenbedingungen dafür sorgt, dass mehr Menschen auch ohne Abitur studieren können, dass berufliche Leistungen häufiger anerkannt werden – so stellt sich der Personalleiter Hohenadel die ideale Hochschulwelt vor.

Die Betriebe wollen allerdings nicht Lückenbüßer für fehlende Landesmittel sein. “Die Privatwirtschaft kann und darf das nicht ausgleichen”, bekräftigt Christoph Anz von BMW, “die Grundfinanzierung muss der Staat leisten.”

Auch damit die Wirtschaft am Ende nicht allein die Lehrpläne, Studienangebote und Forschungsinhalte bestimmt.

Fachkräftemangel Experten dringend gesucht

Die Deutschen sind überzeugt davon, dass künftig Fachkräfte fehlen werden. Doch nur jeder Zweite will, dass die Bundesregierung im Ausland um qualifizierte Zuwanderer wirbt. von 

http://www.zeit.de/2013/36/fachkraeftemangel-zuwanderung-studie

Bundesbürger wünschen sich mehr qualifizierte ausländische Fachkräfte in Deutschland

Lücken auf dem Arbeitsmarkt könnten mit qualifizierten Zuwanderern geschlossen werden

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sind vier von fünf Bundesbürgern überzeugt: Deutschland werden in den nächsten Jahrzehnten die Fachkräfte ausgehen. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS EMNID im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. 88 Prozent erwarten den größten Bedarf in der Altenpflege, im Gesundheitssektor, bei den Lehrkräften, in der Landwirtschaft sowie in den Bereichen Elektrotechnik und Maschinenbau. 41 Prozent erwarten, dass es in IT-Berufen zu Engpässen kommt….

Studie der Bertelsmann Stiftung : http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-61D9EEA4-33F8B397/bst/hs.xsl/nachrichten_117908.htm

Ausländische Fachkräfte Ergebnisbericht August 2013 Ausl Fachkraefte 2013 xcms_bst_dms_38747_38748_2
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