Gegenwartsliteratur – Letzte Ausfahrt Uckermark

Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so unglaublich langweilig? Weil die Enkel der Nazi-Generation noch immer bestimmen, was gelesen wird. Was hier fehlt, sind lebendige literarische Stimmen von Migranten. Die aber passen sich an und kassieren Wohlfühlpreise. von Maxim Biller

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Seit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur durch die Nationalsozialisten waren die deutschen Schriftsteller, Kritiker und Verleger jahrzehntelang fast nur noch unter sich. Natürlich konnte man nach 1945 Echos der intellektuell und literarisch fruchtbaren Vorkriegszeit hören, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Emigranten und Verfolgte wie Peter Weiss, Elias Canetti und Marcel Reich-Ranicki schrieben Romane und Kritiken, die vom deutschen Publikum gelesen und oft auch ernst genommen wurden. Aber nur solange diese Autoren lebten und aktiv waren, spielte ihre – sehr jüdische – Art, scharf zu denken, präzise zu fühlen und kosmopolitisch zu leben, in unserer geistigen Welt eine Rolle. Als Reich-Ranicki im September 2013 starb, endete endgültig das Experiment “deutsch-jüdische Symbiose”, dieser hundert Jahre währende Versuch, im romantischen Krähwinkel Deutschland eine neue Tradition des Realismus – literarisch und politisch – zu etablieren.

Die Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer tut unserer Literatur nicht gut, sie wird immer selbstbezogener, dadurch kraftloser und provinzieller. Eine Weile sah es so aus, als hätten die Frauen und Männer der Gruppe 47 diese dramatische Lücke schließen können. Aber wer will heute auch nur einen ihrer früher so berühmten Romane lesen? Nach Johnson und den anderen kam die müde Innerlichkeitsprosa von Handke und Strauß, danach verstopften die irrelevanten Sprachexperimente der Retro-Avantgardisten die Feuilletonspalten und Bücherregale. Und seit mehr als einem Jahrzehnt prägt der sozrealistische Formalismus des Leipziger Literaturinstituts den narzisstischen und literarisch völlig folgenlosen Geschmack von Kritikern und Germanisten, deren Urteilen kein Leser oder Buchhändler noch glaubt. In anderen Worten: Die deutsche Literatur ist wie der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.

Während unsere Literatur stirbt, erneuert sich die Gesellschaft so radikal, als lebten wir in den Tagen der Völkerwanderung. Über sieben Millionen Menschen mit einem ausländischen Pass wohnen inzwischen in Deutschland, weitere zwölf Millionen stammen aus Familien von Einwanderern. In der Öffentlichkeit begegnen sie uns bis jetzt meist als domestizierte SPD-Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre, als verzweifelte und trotzige Hip-Hop-Millionäre oder als exaltierte Reality-Schauspieler im Privatfernsehen – als selbstbewusste Intellektuelle und Schriftsteller treten sie immer noch viel zu selten in Erscheinung. Wie kommt das? An ihrer Zahl kann es nicht liegen, denn es werden jedes Jahr immer mehr Bücher deutschsprachiger Autoren veröffentlicht, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, ja manche von ihnen sind sogar erst als Kinder und Jugendliche hierhergekommen. Und trotzdem kann man bis heute nicht von einer neuen literarischen Bewegung sprechen, was nur den überrascht, der glaubt, Deutschland sei kulturell ein genauso offenes Land wie die USA, England oder Israel.

Bis heute trudeln Romane und Erzählungen von Jasmin Ramadan, Navid Kermani oder Ann Cotten durch das Meer der Frühjahrs- und Herbstneuerscheinungen wie alle anderen Bücher. Sie werden ebenfalls manchmal kurz nach oben gespült, wahrgenommen und verschwinden danach für immer. Das liegt unter anderem daran, dass diese Schriftsteller sich sehr früh – oft schon in ihrem Debüt, das normalerweise das weit offene Fenster zur Biografie eines jeden Autors ist – der herrschenden Ästhetik und Themenwahl anpassen. Auch sie entscheiden sich wie ihre deutschen Kollegen sprachlich meist für den kalten, leeren Suhrkamp-Ton oder für den reservierten Präsensstil eines ARD-Fernsehspiel-Drehbuchs. Und auch ihre Helden sind relativ unglückliche, gesichtslose Großstadtbewohner mit nichtssagenden Nuller-Jahre-Vornamen, mit Liebes- und Arbeitsproblemen, ohne Selbstbewusstsein und festes Einkommen, dafür fest im Griff von Facebook, Clubwahn und HBO. Aber dass sie – die Autoren – selbst in einer Umgebung leben, die ihren Eltern und ihnen bei aller alltäglichen Gewohnheit ein Leben lang fremd bleiben wird; dass sie hier mal verhöhnt, mal verhätschelt, jedoch nie als Gleichberechtigte und willkommene Veränderer behandelt werden; dass das harmoniesüchtige, postnazistische und vereinte Deutschland von ihnen noch mehr als von jedem seiner indigenen Künstler und Bürger erwartet, dass er sich an den deprimierenden, pseudoliberalen Angela-Merkel-Konsens anpasst – von alldem steht kaum etwas in ihren Büchern. Und sogar wenn sie – wie zum Beispiel wie Marjana Gaponenko oder Zsuzsa Bánk – ihre Immigrantenbiografie in ihren Texten durchscheinen lassen, sind die nie der Ausgangspunkt eines Konflikts der handelnden Figuren ihrer Romane, sondern fast immer nur Folklore oder szenische Beilage.

Viele – sehr viele – der Autoren, von denen ich spreche, haben für genau diese Art von Onkel-Tom-Literatur den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekommen. Dieser Preis, der anfangs vor allem für schreibende Gastarbeiter gedacht war, ist eine große Gemeinheit. Er wird ausdrücklich solchen Schriftstellern verliehen, die früher kein Deutsch konnten, es jetzt aber so gut beherrschen, dass sie es – während Hölderlin ihnen die Sinne vernebelt und Thomas Mann die Hand führt – schaffen, ein ganzes Buch oder auch zwei oder drei in dieser für sie neuen Sprache zu schreiben. Statt Zensuren wie im Deutschunterricht gibt es hier ein paar Tausend Euro, aber sonst ist alles mehr oder weniger wie in der Schule – in der Integrationsschule. Die Noten kriegt man nicht bloß für Grammatik und Stil, man bekommt sie auch fürs Betragen. “Die Chamisso-Preisträger sind nicht nur hervorragende Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur”, erklärt die Robert Bosch Stiftung, die den Preis vergibt, “sondern haben auch eine wichtige Vorbild- und Vermittlungsfunktion.” Vorbildfunktion bei was? Beim Anpassen? Beim Selbstverleugnen? Beim Liebsein? Jeder zweite türkische oder kurdische Rapper ohne Realschulabschluss beschreibt die Realität von Nichtdeutschen in dem dunklen, einfachen Land hinter dem Limes direkter, wahrer und damit poetischer als die Jungen und Mädchen aus der Chamisso-Besserungsanstalt. Aber ein Rapper will ja auch nicht in Klagenfurt lesen, er will nicht im Literarischen Colloquium am Wannsee Durs Grünbein spielen oder auf die Buchpreis-Shortlist kommen. Er will erstens Geld verdienen, zweitens die ihn nervenden Deutschen zurücknerven und drittens vor allem der bleiben, der er ist: kein Ausländer mehr, aber auch noch kein Deutscher.

Der Druck, dem deutsche Schriftsteller mit nicht deutschen Wurzeln ausgesetzt sind, ist nichts für Schwächlinge. Als Saša Stanišić’ erster, grandioser, weil universell verständlicher Roman über das Lieben, Leben und Töten im Bosnien der neunziger Jahre erschien, musste sich Stanišić von vielen unserer Kritiker anhören, das alles sei zu verspielt, zu kitschig, na ja, eben irgendwie zu orientalisch. Wenn er über den Krieg schreiben wolle, solle er sich etwas anderes einfallen lassen als Ironie und einen Icherzähler, der auf Oskar Matzerath mache, das – so stand es irgendwo nicht besonders unauffällig zwischen den Zeilen – könne und dürfe nur der Größte Günter Grass aller Zeiten. Inzwischen wurde Wie der Soldat das Grammofon repariert aus dem Deutschen in 27 Sprachen übersetzt, Stanišić ist in den USA und England einer der Stars der neuen Weltliteratur wie Junot Díaz oder Jhumpa Lahiri – doch sein neuer Roman spielt in einem Dorf in der Uckermark, unter ehemaligen Ossis, von denen Stanišić so viel versteht wie seine Kritiker vom jugoslawischen Bürgerkrieg, vor dem er mit 14 Jahren nach Deutschland fliehen musste. Ist dieser radikale, antibiografische Themenwechsel nur Zufall? Hat den ehemaligen Leipziger Literaturstudenten Saša Stanišić der Mut verlassen? Ist es ihm wichtiger, als Neudeutscher über Urdeutsche zu schreiben als über Leute wie sich selbst?

Wer – umgekehrt – genau das macht, was man von einem braven Neubürger erwartet, wird von der Rezensions-Nomenklatura auf Händen getragen. Wie sehr wurde Feridun Zaimoglu für seinen bekanntesten Roman Leyla gelobt – und wie vergiftet waren die schönen Worte! Die Geschichte einer jungen Türkin, die dem Terror ihres bösartigen, heuchlerischen, frauenfeindlichen Vaters entflieht und ausgerechnet nach Deutschland entkommt, war ein Genuss für jeden Deutschen, der seinen Rassismus hinter einer scheinlinken Islamkritik versteckt. Einer von ihnen warnte in einer großen Leyla-Hymne zuerst vor den Gefahren, die “von diesen Leuten” für unsere Gesellschaft ausgingen, vor “ihrer Kultur und den Geboten ihrer Religion”. Dann redete er ein bisschen über den Roman. Dann sagte er, der Roman beschreibe nur das, wovor Botho Strauß uns schon immer gewarnt habe – und nannte Feridun Zaimoglu vor lauter nationaler Begeisterung gleich zweimal ein gelungenes Beispiel für Integration. Hat sich Zaimoglu, als er das damals gelesen hat, wie ein Kollaborateur gefühlt? Ich bin sicher.

Noch mal: Warum hat sich bis heute der Chor der vielen nicht deutschen Schriftsteller nicht zu einer einzigen lauten Stimme vereinigt? Wo bleibt die große Welle, die alles Bestehende kurz einmal wegspült und die Sicht auf etwas Neues freigibt? Warum fällt meiner Lieblingsbuchhändlerin zuerst gar kein Autor ein, wenn ich sie nach Immigrantenliteratur frage, und dann ausgerechnet Zaimoglu? Natürlich liegt das daran, dass die – wenn man so will – gesellschaftlichen und intellektuellen Produktionsmittel nach wie vor in den Händen der Autochthonen liegen. Kritiker, aber auch Verleger, Lektoren und Buchhändler sind zu 90 Prozent Deutsche. Sie, als echte oder habituelle Christen, als Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten, bestimmen, was gedruckt wird und wie, sie sagen, was bei Hugendubel, Thalia und Dussmann auf die alles entscheidenden Verkaufstische kommt, sie zahlen die Vorschüsse, sie verleihen die Preise, sie laden als Verleger zum Abendessen ein. Und da muss man dann, wie gesagt, schon sehr stark sein, um sich dieser stillen, raffinierten Machtmaschine mit ihrer repressiven Toleranz zu widersetzen – und um das zu schreiben, was man wirklich schreiben kann und will. Aber was sonst sollte man auch als Schriftsteller tun?

Der Filmregisseur Fatih Akin ist sehr stark. Wenn er einen Film dreht, denkt er nicht darüber nach, was die Deutschen dazu sagen könnten. Aber auch die Meinung der ganz normalen Türken, Griechen oder Serben ist ihm egal. Er beschreibt das Leben von Ausländern der ersten und zweiten Generation, wie es wirklich ist – als hart, wild, gemein, kritisch, verlogen, sexy und unwiderstehlich. Sie sind bei ihm, dem deutschen Scorsese, keine Engel – aber sie taugen auch nie als Beweis dafür, dass der Islam böse ist und alle Südländer ungebildete Untermenschen sind. War sein berühmtester Film Gegen die Wand eine Liebesstory, eine Migrantengeschichte oder ein Psychodrama? Alles zusammen – und vor allem das Porträt von Leuten, die deshalb so traurig und durcheinander sind, weil sie nicht wissen, wo ihr Zuhause ist: in dem Land, wo sie geboren wurden und aufwuchsen, oder in der falschen und bösen Märchenwelt der Eltern. Als Fatih Akin für Gegen die Wand den Goldenen Bären bekam, schrieben einige unserer Filmkritiker mit der rechten Hand, wie toll sie das fänden, die linke ballten sie dabei aber in der Tasche vor Wut, weil kein richtiger deutscher Deutscher die Berlinale gewonnen hatte. Großartig! Etwas Besseres kann man sich als Künstler nicht wünschen, denn ohne Widerstand, egal, ob offen oder versteckt, kann man gar nicht mit der nächsten großen und hoffentlich noch besseren Arbeit beginnen.

Ich kenne keinen Roman wie Gegen die Wand. Natürlich erscheinen ab und zu auch Bücher nicht deutscher Autoren, in denen das Fremde und Andere die Hauptrolle spielt. Aber das sind, wie bei Jagoda Marinić, Melinda Nadj Abonji oder Selim Özdogan meist nur süße, naive Gastarbeitergeschichten. Da ist eine große Familie, das sind die Alten, die noch nicht richtig Deutsch können, und die leicht verwilderten Jungen, die sie auf die gute alte Art respektieren, es riecht nach fremden Gewürzen und zu starkem Parfum, und meistens fährt einer der Jungen am Ende des Romans für ein paar Tage ins Dorf seiner Eltern, dort irrt er ein bisschen herum, und danach ist alles wie vorher. Mit solchen Geschichten bringt man nicht das literarische Leben Deutschlands in Bewegung und durcheinander. Es sind freundliche, manchmal leicht traurige Postkarten ihrer Absender an sich selbst, vorne ist ein Bild der Hagia Sophia oder der Strandpromenade von Dubrovnik, und hinten steht: “Viele Grüße aus dem Urlaub in der alten Heimat. Das Wetter ist gut, aber die Züge fahren leider nicht pünktlich.”

Und was heißt es für mich, auf Deutsch zu schreiben? Ich selbst bin mit zwei Sprachen aufgewachsen, mit Russisch und Tschechisch, die ich bis heute spreche. Deutsch lernte ich erst als Zehnjähriger – wir kamen 1970 aus der ČSSR nach Deutschland –, und ich hatte zu dieser Sprache von Anfang an ein viel kühleres und pragmatischeres Verhältnis als zu meinen beiden Muttersprachen. Auf Deutsch will ich immer nur das sagen, was ich will, nicht weniger, aber auch nicht mehr, und das ist natürlich wahnsinnig viel. Darum habe ich, so ähnlich wie die alten Prager Deutschen, keine Zeit für Floskeln und Redewendungen. Ich mag hübsche Worte nicht, die keinen Sinn haben, außer eine unreflektierte Kultur- und Nationalzugehörigkeit zu signalisieren. Ich will mich nicht damit aufhalten, an eine mir fremde stilistische Tradition anzuknüpfen oder gegen sie zu rebellieren, ich kenne Schiller, Novalis oder Kleist nur vom Hörensagen. Wenn ich sagen will, dass ein Mann in eine Bar geht, dann sage ich das, nicht weniger und nicht mehr. Wenn das Meer blau ist, ist es blau, wenn eine Frau hässlich ist, ist sie hässlich, und wenn ein KZ-Überlebender andere KZ-Überlebende um ihre Wiedergutmachung betrügt, muss ich ehrlich und unverschlüsselt davon erzählen – so wie ich nicht verschweigen kann, dass für mich und meine literarischen Figuren, die fast nie Deutsche sind, dieses Land jedes Jahr weniger auszuhalten ist mit seinem depressiven Tatort-Kult, seinem Kinderhass, seinem schlechten Theater, mit seinem freundlichen Pass-dich-lieber-an-Rassismus, seinen ambivalenten Weltmachtreden und dem allgegenwärtigen Gesicht Hitlers, das man jeden Abend, aber wirklich jeden Abend irgendwo im Fernsehen sieht, und wer glaubt, das wäre Zufall, hat keine Ahnung von den Widersprüchen der deutschen Volkspsychologie. Hier, wo der Gemeinschaftswille alles bedeutet und das exzentrische Ich unter dauerndem Pathologieverdacht steht, hier, wo dieselbe stumme, repressive und aggressive Stille herrscht wie in Michael Hanekes Jahrhundertfilm Das weiße Band, ist längst wieder wie zu Kaisers Zeiten jeder Gedanke eine Uniform, jeder Satz klingt wie der andere, und etwas, was seit der Abwesenheit der Juden den Namen Diskurs ohnehin nicht wirklich verdient, regt sich nur, wenn jemand diese große Koalition der sich gegenseitig belauernden Hausmeister, Sozialarbeiter und Blogger attackiert – also fast nie – oder wenn einer der Heuchler von den anderen Heuchlern mit einem Schweizer Konto erwischt wird.

Worauf ich hinauswill? Dass wir nicht deutschen Schriftsteller deutscher Sprache endlich anfangen sollten, die Freiheit unserer Multilingualität und Fremdperspektive zu nutzen. Wir müssen aufhören, darüber nachzudenken, was wir tun und schreiben sollten, damit wir Applaus kriegen, wir dürfen nie wieder den Shitstorm der deutschen Kulturvolksfront fürchten, wir müssen immer nur in den einfachsten Worten, die wir kennen, über die Menschen sprechen, wie sie wirklich sind, egal, ob ihre Großeltern aus Antalya, Moskau oder Pforzheim kommen, und wenn wir eine gute Idee haben, wie wir erzählerisch und essayistisch den trüben deutschen Bloß-nicht-auffallen-Konsens attackieren könnten, kann das auch nicht schaden. Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und der Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur. Manche machen das natürlich längst, so wie Saša Stanišić in seinem ersten Roman, dessen ganz und gar unnaiver Subtext lautet: ohne Auschwitz keine Pogrome von Višegrad. Oder Sherko Fatah, der Sohn eines Kurden, geboren in Ostberlin. Er erzählt in seinem großartigen Roman Weißes Land die unglaubliche, böse, aber völlig authentische Geschichte eines jungen Irakers, der in den dreißiger Jahren als Leibwächter des antisemitischen Muftis von Jerusalem nach Berlin kommt, zur Waffen-SS geht und in die Schoahverbrechen verwickelt wird wie kaum ein Deutscher. Ist das ein Buch über damals oder über heute, über Araber, Juden oder Deutsche? Und auf ganz andere Art stark und unvergesslich ist Abbas Khiders trauriger, brutaler Roman Die Orangen der Präsidenten. Er handelt von einem jungen Mann, der – natürlich ohne Grund – in Saddam Husseins Gefängnissen landet, von den Wächtern monatelang gefoltert und ausgelacht wird und danach nie wieder er selbst wird. Khider, dem das Gleiche passiert ist, kam mit fast dreißig Jahren nach Deutschland, und wer einmal die schöne, brutale, ehrliche Welt seiner – deutschen! – Sätze betreten hat, will sie nie wieder verlassen, der klappt einen pseudoironischen Mosebach, eine eiskalte Kronauer oder einen vergeistigten Klein nach drei Seiten wieder gelangweilt zu.

Nein, es muss nicht jedes Mal eine Gastarbeiterkind-dreht-durch-Geschichte oder etwas mit Nazis sein. Es sollte aber immer eine Story sein, die voller Leben und Widersprüche ist – und die nicht die tausend anderen leblosen, unehrlichen, indirekten, in tyrannischer Deutschunterricht-Tradition erstarrten Geschichten imitiert, die in diesem Land seit Jahrzehnten gedruckt und rezensiert, aber nicht gelesen werden. Je mehr solche wilden, ehrlichen, bis ins Mark ethnischen und authentischen Texte geschrieben und veröffentlicht werden würden, desto größer wäre das Publikum, das sie verstehen, lieben und sich mit ihnen beschäftigen würde. Bald gäbe es endlich Kritiker, die selbst nicht deutscher Herkunft wären, Lektoren und Verleger, und langsam würden auch die deutschen Autoren anfangen, die Arbeit der Einwandererkinder ernst zu nehmen und sich von ihr – ästhetisch, dramaturgisch, inhaltlich – inspirieren zu lassen, so wie früher von den Juden. Und plötzlich wäre unsere Literatur kein sterbender Patient mehr, sondern so am Leben wie zuletzt in den zwanziger Jahren.

Die fast schon chronische Vitalität der amerikanischen Literatur hat ja genau damit zu tun, dass seit einer halben Ewigkeit immer wieder neue Immigranten das bestehende literarische Leben umgestürzt und neu errichtet haben. Henry Roth stammte aus einer russisch-jüdischen Familie. Maeve Brennan war Irin. Und Junot Díaz’ Eltern kamen aus der Dominikanischen Republik nach New York. Allein ohne diese drei und ihre ethnische Dickköpfigkeit, ihre ganz andere Sicht auf die Neue Welt und die alten Lügen ihrer Eltern wäre die Literatur der USA eine andere – und die USA wären ohne sie ein ganz anderes, langweiligeres, weißeres Land.

Deutschland war bis jetzt immer sehr erfolgreich, wenn es darum ging, Einwanderer und Fremde bis zur Unkenntlichkeit ihrer eigenen Identität zu integrieren, so wie die Hugenotten und die Polen im Ruhrgebiet, oder sie zu bestehlen, zu verjagen und zu vernichten, so wie die Juden. Es wird Zeit, daran etwas zu ändern – warum also nicht mit Romanen, Stücken und Rezensionen? Ich kann mir weniger unterhaltsame Revolutionen vorstellen.

Der Autor: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, erschien zuletzt die Novelle Im Kopf von Bruno Schulz (Kiepenheuer & Witsch 2013)
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Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch? Weil die Absolventen der Schreibschulen von Leipzig und Hildesheim alle aus demselben saturierten Milieu kommen. Ein Kommentar von Florian Kessler
http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch

Saturierte Autoren?

Florian Kessler wirft der Literatur vor, zu bildungsbürgerlich und brav zu sein. Eine Antwort Ein Kommentar von Nora Bossong
http://www.zeit.de/2014/06/literaturdebatte-replik-kessler-nora-bossong

Klingt gut, sagt nix. Macht nix

Mit gelackter Rhetorik wurde unlängst die junge Gegenwartsliteratur kritisiert, ohne sie zu kennen. Eine Erwiderung auf diesen Fall gut einstudierter Selbstinszenierung von Christoph Schröder
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-01/gegenwartsliteratur-debatte-replik

Vermessung des Menschen – Korrekturen ausgeschlossen

14.02.2014  ·  Wie bekommt man heute einen Job? Erfahrung und Intuition spielen keine Rolle mehr. Die Bewerber werden berechnet – mit tückischen Folgen: Ein Buchstabendreher, und man ist raus.

Von Melanie Mühl

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/vermessung-des-menschen-korrekturen-ausgeschlossen-12800715.html

© picture alliance / Ikon Images – der Computer als Filter: Personaler müssen die Bewerber nicht mehr persönlich treffen. Die Durchleuchtung des Lebens ist auf dem Weg das Bewerbungsgespräch abzulösen

Jahrzehntelang wurde uns erzählt, der erste Eindruck sei entscheidend. Ob man einen Menschen kennenlernte oder sich um einen Job bewarb – es war dieser eine Moment, auf den es ankam. Es verstand sich von selbst, sich nicht nur akribisch auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten, sondern gleich auch einen neuen Anzug oder ein neues Kostüm zu kaufen.

Vergessen wir den ersten Eindruck. Vergessen wir die Ich-Erzählung überhaupt. Unsere Geschichten werden heute aus den Datenmassen geschrieben, die als wertvolle Handelsware über uns in Umlauf sind. Im algorithmisch optimierten Bewerberauswahlverfahren spielt auch der Mensch, der einem bislang im Bewerbungsgespräch gegenübersaß, der einen nach der Motivation befragte und danach, warum ausgerechnet man selbst hervorragend geeignet sei für diesen Job, eine lächerliche Nebenrolle. Gespräche produzieren keine Daten. Sie entziehen sich einer mathematischen Mustererkennung.

IBM rastert seine Mitarbeiter

Im Big-Data-Zeitalter werten das viele als Nachteil. Es sind die Daten, die versprechen, den Menschen lesbar zu machen, sein Innerstes wie einen Code zu entziffern, in ihn zu blicken, als handelte es sich um einen Apparat, dessen Betriebsanleitung man nur richtig lesen muss. Ob man ein Buch verkaufen oder den nächsten Top-Angestellten finden möchte, spielt keine Rolle. Es geht nicht nur um das Hier und Jetzt, es geht vor allem um die Zukunft, um die Frage: Was wird sein? Also: Welcher Mensch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Profit erwirtschaften? Alles hat einen Preis, das Buch und der Mensch.

Das ist spätestens bekannt, seit Stephen Baker in einer Recherche für die „Business Week“ herausfand, dass IBM mathematische Profile von Tausenden Mitarbeitern erstellt hat, um zu berechnen, was eine Person zum Spitzenangestellten macht. „Und wenn ein Mensch sich für einen Job als unzulänglich erweisen sollte, dann wird er eben umkonfiguriert – zuerst mathematisch und dann in der Wirklichkeit.“

Früher informierte man sich über das Unternehmen, bei dem man sich bewarb. Heute tut man das immer noch; die Unternehmen tun es umgekehrt allerdings auch. Die Bewerbungswelt mit ihren Durchleuchtungsverfahren namens Background Checks gründet auf Misstrauen, und das Misstrauen wächst: In den neunziger Jahren screenten etwa fünfzig Prozent der amerikanischen Arbeitgeber ihre Bewerber; heute sind es nach Angaben der amerikanischen Gesellschaft für Human Resource Management mehr als neunzig Prozent. Das Überprüfungsportfolio ist atemberaubend: HireRight durchkämmt Vorstrafen- und internationale Strafregister, Sexualverbrecherkarteien und Datenbanken, in der Ladendiebe geführt werden. Außerdem werden Hochschulabschlüsse und Bonität geprüft und ob Drogen- und Alkoholverstöße vorliegen. Und das sind lediglich ein paar Beispiele.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt

Die Datenmassen, die automatisiert verarbeitet werden, entziehen sich jeder Vorstellungskraft. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Fehler passieren, steigt. Das bedeutet, dass immer wieder Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass sie plötzlich auf der Straße stehen, ohne Job, ohne Krankenversicherung, ohne Dach über dem Kopf. Ein Buchstabendreher im Namen kann zu einer völlig falschen Einschätzung einer Person führen. Mit dem Ergebnis, dass diese Person keinen Kredit bekommt, keine Wohnung, keine Arbeit. LexisNexis, eine Firma, die jährlich die Vergangenheit von mehr als zwölf Millionen Menschen unter die Lupe nimmt, gibt an, dass weniger als ein Prozent der Ergebnisse nicht korrekt sei – das sind aber etwa 120.000 Menschen, die Einwohnerzahl einer Stadt wie Ulm.

Es wäre leichtsinnig, die Diskriminierungsgefahr digitalisierter Bewertungsverfahren als amerikanisches Problem abzutun. Die Angst der Arbeitgeber, den vermeintlich falschen Bewerber einzustellen, wächst auch in Deutschland. Die Öffentlichkeit bemerkt davon nichts. In Berlin sitzt etwa die Signum Consulting GmbH, die Firma hat sich auf das Screening von Führungskräften spezialisiert. „Wie leicht war es doch im Mittelalter“, heißt es auf der Homepage, „ein Siegel unter ein Dokument gesetzt, und niemand zweifelte an der Rechtmäßigkeit und Gültigkeit. Im Zeitalter der modernen Medien sollten die Prüfmechanismen den Möglichkeiten angepasst werden.“

Wer die Signum Consulting GmbH beauftragt, hat die Wahl zwischen zwei Überprüfungsangeboten: der Basisüberprüfung und dem erweiterten Background Check bei Führungskräften. „Bei einem umfangreichen Background Check werden zusätzliche Informationen eingeholt und geprüft, die für das beauftragende Unternehmen von Relevanz sind, zum Beispiel: Referenzeinholung, Firmenbeteiligungen und wirtschaftliche/persönliche Verflechtungen zu anderen Unternehmen, relevante Verbindungen zu Personen oder Organisationen von besonderem Interesse.“

„Social Media Profile“ in Deutschland verboten

„Laut einer internen Statistik sind 25 Prozent der Angaben in Bewerbungen fehlerhaft“, sagt Eckhard Neumann, Geschäftsführer der Signum Consulting GmbH. Die Spanne reiche von gestreckten oder, bei Arbeitslosigkeit, verkürzten Zeiträumen bis hin zu Urkundenfälschung. Das Interesse deutscher Firmen am Pre-Employment-Screening sei vor bald vier Jahren richtig in Gang gekommen: 2009 wurde das Datenschutzgesetz novelliert; es erlaubt, dass im Auswahlprozess personenbezogene Daten von Bewerbern gespeichert, verarbeitet und genutzt werden dürfen.

Firmen in Amerika erstellen standardmäßig „Social Media Profile“ ihrer Bewerber, sie screenen Facebook, Twitter und Instagram, was in Deutschland verboten ist. Nur: Wer will überprüfen, ob sich die Firmen tatsächlich daran halten? Man kann davon ausgehen, dass jede zugängliche Information abgegriffen wird, besonders in sozialen Netzwerken. Es geht dabei längst nicht nur um komprimierende Partyfotos; es geht darum, mit forensischer Genauigkeit charakterliche Widersprüche aufzudecken.

Eine Microsoft-Studie aus dem Jahr 2010 hat untersucht, welche Rolle die Online-Reputation Jobsuchender spielt. Befragt wurden Headhunter und Personaler aus Amerika, Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Alle waren sich einig, dass die Bedeutung des Internets als Informationslieferant signifikant steigen wird. Siebzig Prozent der amerikanischen Personaler haben bereits Kandidaten aufgrund negativer Online-Recherchen abgelehnt, weil ihnen deren Lebensstil, Kommentare oder gepostete Fotos missfielen. Beunruhigend ist, dass sich 22 Prozent der befragten deutschen Personalentscheider weigerten, die Frage überhaupt zu beantworten.

Wer bei Xing oder Linkedin ist, bekommt hin und wieder Kontaktanfragen fremder Menschen. Wir tendieren dazu, sie anzunehmen. Ein Klick bedeutet, dass wir unter Umständen mit einer Person „befreundet“ sind, die bei Antikorruptionsjägern sehr weit oben auf der roten Liste steht. Der Einwand, man würde nur Kontaktanfragen von Personen annehmen, die man persönlich kennt, läuft ins Leere. Er blendet aus, dass wir automatisch auch mit Kontakten zweiten Grades in Verbindung gebracht werden: mit jenen Leuten, mit denen unsere eigenen Kontaktpersonen befreundet sind. „Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“, so drückt es Pam Dixon vom World Privacy Forum aus. „Sind alle Ihre Freunde schwul, reich, arm? Leben sie alle in Kalifornien, New York oder Kansas? Sehen sie nach Geld aus oder nach einem hohen Risiko?“ Der Traumjob, sagt Dixon, könne sich schnell in Luft auflösen. „Die Entscheidung des Arbeitgebers, Sie nicht einzustellen, mag, ethisch betrachtet, skandalös sein. Aber sie ist nicht illegal.“

Unwissenheit im Tausch gegen Unsicherheit

Das Bewerbungsverfahren hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Bei vielen Konzernen sind Online-Bewerbungen mittlerweile die Regel. Man muss sich das Verfahren wie eine Rasterfahndung vorstellen. Nur wer die Anforderungen exakt erfüllt, wird nicht von der Software aussortiert. Die Versuchung, falsche Angaben zu machen, um nicht sofort rauszufliegen, sei groß, sagt Neumann. Die Maske auf dem Bildschirm kennt keinen Verhandlungsspielraum. Es ist ein System der Inklusion und Exklusion. Die Kreuze müssen lediglich an den richtigen Stellen gemacht werden. Aber was sagt das am Ende über das Talent, die Kreativität und das Potential eines Menschen tatsächlich aus?

Nüchtern betrachtet, geschieht bei der vermeintlich optimierten Bewerberauswahl gerade Folgendes: Wir tauschen die eine Strategie, mit Unwissenheit umzugehen, gegen eine andere aus, die nicht weniger Unsicherheit birgt. Denn auch bei der technologischen Vermessung des Menschen geht es um Wahrscheinlichkeiten. Nur glauben wir dieses Mal eben nicht in erster Linie dem Bewerber im persönlichen Gespräch, sondern der Geschichte, die uns die Maschine über ihn erzählt. Das Dumme dabei ist, dass die Maschine nicht nachfragt.

Quelle: F.A.Z.

Gamification – Ist Spielen das neue Arbeiten?

12.02.2014  ·  Die „Industrie 4.0“ verändert die Gesellschaft: Die Maschine macht alles, der Mensch muss in der Fabrik nur noch vereinzelt auf Knöpfchen drücken – und bei Laune bleiben.

Von Stefan Schulz

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gamification-ist-spielen-das-neue-arbeiten-12796856.html

© Matthias Bein/ ZB
Eine Frage der Motivation: „Gamification“ soll monotone Tätigkeiten – hier Fließbandarbeit in einer Abfüllanlage – unterhaltsamer und vor allem effizienter machen

ie „Industrie 4.0“ beziehungsweise der heute als Revolution beschriebene Weg dorthin ist eine technische Angelegenheit. Weil es aber nicht nur um Entwicklungen, sondern um Vernetzung des bereits Vorhandenen geht, steckt in ihr auch eine Aufgabe für Kreative, sie ist geradezu ein Auftrag für Designer. So sieht es zumindest der Ingenieur Jörg Niesenhaus, der diese Behauptung auf einer Kölner Konferenz zur „Gamification“ vortrug, aber auch mit seinem Werdegang untermauerte. Vor zehn Jahren entwickelte er Computerspiele, heute ist er Manager in einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung von Benutzeroberflächen für Industrieanlagen beschäftigt.

Das bedeutet mehr, als die Begriffe Design und Gamification zunächst verraten. Niesenhaus nimmt Aufträge von Unternehmen entgegen, die planen, Fabriken zu bauen, und er hilft ihnen, sie so zu gestalten, dass sich auch Menschen in ihnen wohl fühlen. Dabei ist der Mensch die große Leerstelle der „Industrie 4.0“: Eigentlich stehen nur noch die Maschinen im Mittelpunkt, das, was sie heute schon können und was sie künftig schaffen, wenn sie miteinander vernetzt sind.

Flow-Zustände am Fließband

Der Mensch muss in dieses auf Effizienz und Qualität getrimmte Fabriksystem integriert werden. Die Rolle eines Wartungsingenieurs wird eine neue sein und in jeder Fabrik eine andere, sagte Niesenhaus. Der Mensch werde weiterhin Maschinen überwachen, aber die Maschine werde auch ihn beobachten. In „smart factories“ werden smarte Maschinen stehen. Die Herausforderung sei nun, die klaren und linearen, sich ständig wiederholenden Prozesse, die den Menschen nur selten, dann aber für hochspezielle Handgriffe benötigen, attraktiv zu machen. Menschen, die nach einer aufwendigen und teuren Ausbildung allein mit der Überwachung von Computerbildschirmen beschäftigt sind, müssen anders motiviert werden als klassische Industriearbeiter.

Mit dem richtigen Wissen könne man Menschen in moderner Akkordarbeit in Flow-Zustände versetzen, über Wettkämpfe am modernen Fließband Ablenkung herbeiführen und Ziele formulieren oder mit einem Punktesystem Anreize für Fleiß schaffen. Am Beispiel eines Disney-Freizeitparks zeigte Niesenhaus die vermeintlichen Vorzüge: Wenn die Arbeit der Reinigungskräfte in Hotels zum Vergleich auf einer Leinwand angezeigt wird, arbeiten Menschen schneller. In einem Fall arbeitete eine Schwangere bis zur völligen Erschöpfung.

Man muss nicht lange nachdenken, um auf die Probleme dieser schönen, neuen Arbeitswelt zu kommen. In Köln ging es jedoch um die angeblichen Vorteile der neuen Methoden, die zurzeit in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen Einzug halten. Zum Auftakt der Konferenz listete der Psychologe Ibrahim Mazari die Prinzipien auf: „Gamifizierte“ Aufgaben und Arbeiten ermöglichten es Menschen, im Verlauf ihrer Tätigkeit Reputation zu erringen, Gemeinschaften zu finden, Spannungsbögen zu erleben, erreichte Ziele als Eigenleistung zu deuten und Geschichten zu erleben. Nimmt man all das ernst, ginge es nur noch darum, Menschen in „Achiever, Killer, Socializer und Explorer“ aufzuteilen. Der Weg, ein unternehmerisches Ziel in ein persönliches umzumünzen, führte dann ausschließlich über Anreize. Es geht um älteste Tugenden in digitalen Gewändern: Jagen und Sammeln, heute vor Publikum.

Burgerbasteln als Anwendungsfall

Deswegen, sagte der Geschäftsführer einer „Gamification-Full-Service-Agentur“, Roman Rackwitz, eigne sich Gamifizierung bestens fürs Marketing. Rackwitz fragte das Publikum: „Wenn Sie Fernsehen schauen und dort Werbung beginnt, was machen Sie dann?“ Die Frage war sogleich nicht mehr, ob denn jemand zu einem weiteren Bildschirm greife, sondern, „wie viele man, in Armlänge entfernt“, um sich habe. In Deutschland seien es zwei, in Amerika schon drei. Der „Push-Ansatz“ der Werbung, Aufmerksamkeit zu erregen, indem Werbeflächen gefüllt würden, funktioniere kaum noch, behauptete Rackwitz. Digitale Werbung sei bislang Flächenwerbung, früher auf Papier, heute auf Displays. Nun aber stehe ein Paradigmenwechsel an. Für Inhalte und Produkte sei dann zu werben, wenn nach ihnen verlangt werde und auch der Rahmen der Werbemaßnahme der richtige sei. Diesen Rahmen müsse man im Zweifel selbst schaffen.

Der beste Anwendungsfall bisher sei McDonald’s mit einer Kampagne gewesen, in der Kunden aufgefordert wurden, einen eigenen Burger zu kreieren, den McDonald’s dann ins Programm nahm. Die Idee dahinter: die von außen angeregte Motivation, „etwas zu bekommen“, umzuformen in innere Motivation, „etwas zu erreichen“. Noch nicht hinterfragt wurde, wie motivierend es für Zehntausende von Kunden ist, einen Hamburger zu bauen und dann zuzusehen, wie es einem der Konkurrenten gelingt, ihn für vier Wochen ins Angebot der Filialen zu bringen. Nachhaltigkeit sei bei der Gamifizierung durchaus noch ein offenes Problem, über das man sprechen könne, wenn das Phänomen älter werde, sagte Rackwitz.

Personaler in einer Zwangslage

Wichtig sei, das wurde auch in den Diskussionen am Rande deutlich, ein ständiges Feedback, das auch schon vor der Erfindung der Computer bei vielen Spielen von Bedeutung war. Fehler zu provozieren, aus denen man lernen könne, anstatt sie zu vermeiden oder zu bedauern, sei für die Bildung nicht nur in der Schule ein wichtiger Aspekt der Gamifizierung, sagte Rackwitz. Joachim Diercks, der über den spielerischen Ansatz des „Recrutainments“ sprach, stellte heraus, dass Unternehmen den Wissenstransfer durch spielerisches Lernen auch bei der Nachwuchssuche einsetzen könnten.

Weitere Artikel

Die demographische Entwicklung zwinge Unternehmen dazu, auf Bewerber zuzugehen und niedrigschwellige Zugänge ins Unternehmen anzubieten. Formale Eignungstests akzeptierten viele Jugendliche heute kaum noch. Den Personalsuchern spielt dabei allerdings ihr eigener Trend in die Hände: Die jungen Menschen, die sich den Leistungstests verweigern, haben sich und ihr Leben längst selbst vermessen. Es ist tatsächlich Zeit, über Vor- und Nachteile der Gamifizierung zu diskutieren.

Quelle: F.A.Z.

Denkvermögen im Alter Ist die Festplatte irgendwann voll?

08.02.2014  ·  Informationsüberflutung: Im Alter wird der Mensch langsamer im Kopf, weil er bereits so viel Wissen erworben hat. Mit dieser These provoziert der Kognitionsforscher Michael Ramscar seine Kollegen.

http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/denkvermoegen-im-alter-ist-die-festplatte-irgendwann-voll-12780720.html

Orginal Forschungsbericht in Englisch:

The Myth of Cognitive Decline: Non-Linear Dynamics of Lifelong Learning (Michael Ramscar,Peter Hendrix,Cyrus Shaoul,Petar Milin,Harald Baayen) 13 JAN 2014 Ramscar cogtops12078

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© mauritius images Eine Frage des Alterns oder des Wissens: „Letzten Sommer wusste ich das noch

chon wieder versucht, die Haustür mit dem falschen Schlüssel zu öffnen, schon wieder nicht auf den Namen des langjährigen Kollegen vom zweiten Stock gekommen, wieder mal zum Supermarkt gefahren und die Einkaufsliste auf dem Küchentisch liegengelassen – es sind die kleinen Dinge, die einen an der eigenen geistigen Kapazität zweifeln lassen.

Vor allem, wenn man die Dreißig überschritten hat. Denn dann befindet man sich nach landläufiger Meinung bereits auf dem absteigenden Ast der geistigen Leistungsfähigkeit. Eine Lebensphase, die immer länger wird: In Deutschland liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bereits bei rund 80 Jahren. Das bereitet nicht nur Rentenpolitikern Sorge. Es stellt uns auch vor die Frage, wie man dieses hohe Alter geistig halbwegs fit erleben kann.

„Der Mythos vom kognitiven Abbau“

Die Grundlagen dafür liefert die Altersforschung, deren Erkenntnisse über den geistigen Abbau bei ansonsten gesunden Menschen in der zweiten Lebenshälfte nicht unbedingt Vorfreude auf das hohe Alter bereiten. „Die psychologische und neurowissenschaftliche Literatur beschreibt das Erwachsensein als ausgedehnte Phase des mentalen Abbaus, in dem Erinnerungen verblassen, sich das Denken verlangsamt und Problemlösefähigkeiten nachlassen. Selbst Studien, die zeigen, dass ältere Menschen im Durchschnitt glücklicher sind als junge, lassen sich in diesem Licht als Beleg für ihre nachlassenden kognitiven Fähigkeiten deuten“, schreibt der Kognitionsforscher Michael Ramscar vom Seminar für Sprachwissenschaft der Universität Tübingen in der jüngsten Ausgabe von Topics in Cognitive Science.

Die Studie, die Ramscar zusammen mit vier weiteren Institutskollegen verfasste, trägt den provokativen Titel „Der Mythos vom kognitiven Abbau“. Warum Mythos? Ramscars These zufolge arbeitet das Gehirn im Alter zwar langsamer. Das habe aber nicht unbedingt mit einer veränderten Anatomie des Hirns zu tun. Der Grund sei vielmehr, dass im Laufe der Zeit immer mehr Information im Hirn abgespeichert werde. „Stellen Sie sich ein Kind mit einem Wortschatz von 300 Wörtern vor und einen Erwachsenen mit 30.000 Wörtern“, sagt der Tübinger Linguist.

Belegt durch komplexe Computersimulationen

„Um ein neues Wort zu lernen, muss dieses in das semantische Netzwerk des bereits bestehenden Wortschatzes eingebettet werden. Dass dieser Vorgang bei einem stetig wachsenden Vokabular immer komplexer und fehleranfälliger wird, ist eigentlich kaum verwunderlich.“ Kaum anders sei es beim Abrufen von Informationen: In einem Bücherregal mit 20 Büchern lasse sich ein bestimmtes Buch auch sehr viel schneller finden als in einer Bibliothek mit 2.000 Büchern.

Viele Tests zur Messung der geistigen Leistungsfähigkeit von jungen wie alten Probanden ließen diesen Effekt völlig außer Acht und lieferten deshalb verfälschte Ergebnisse. Am Ende laufe es auf die Frage hinaus, wem man ein besseres Gedächtnis bescheinigen wolle: dem Jungen, der wenig wisse, sich aber an alles erinnere, oder dem Alten, der ein Leben lang gelernt, einen kleinen Teil davon aber wieder vergessen habe.

Als Beleg für ihre These führen die Tübinger Sprachforscher nicht etwa Probandendaten an, sondern eine Serie komplexer Computersimulationen, in denen beispielsweise das Erlernen von Sprachen nachgestellt wird. Sie zeigen, wie in solchen Lernmodellen ganz von allein die typischen Muster altersbedingter Veränderungen auftauchen und mit wachsendem Wissen langsam zunehmen.

Intelligenzquotient und Bildungsstand

„In solche Verarbeitungsmodelle muss man keinen geistigen Abbau in Form einer abnehmenden Hardwareleistung programmieren, er entsteht von ganz allein als Folge des immer volleren Informationsspeichers“, sagt Michael Ramscar. Alles also nur eine Frage der Perspektive? So verheißungsvoll das für die Generation Dreißig plus auch klingen mag, unter Altersforschern stößt Ramscars These auf wenig Begeisterung.

„Das Nachlassen unserer kognitiven Fähigkeiten ist sicher kein reines Artefakt einer Informationsüberflutung“, sagt etwa der Gerontopsychiater Andreas Fellgiebel vom Universitätsklinikum Mainz: „Dafür gibt es einfach zu viele Belege für die hirnphysiologischen Veränderungen im Laufe des Lebens auch bei Menschen ohne pathologische Veränderungen wie Alzheimer.“

Allerdings sei schon diese Grenze nicht immer leicht zu ziehen, gibt Fellgiebel zu bedenken. So können ähnlich deutliche Veränderungen in der Hirnstruktur bei einem Menschen schon mit Frühformen der Demenz zusammenfallen, während ein anderer damit noch völlig unauffällig bleibt. Gegen Ramscars These von dem durch Informationsüberflutung ausgebremsten Gehirn spricht nach Ansicht von Fellgiebel vor allem die Tatsache, dass Intelligenzquotient und Bildungsstand anscheinend zu den wichtigsten Faktoren gehören, die einem geistigen Abbau im Alter entgegenwirken.

„Defizite können teilweise ausgeglichen werden“

Ähnlich sieht es die renommierte Altersforscherin Denise Park von der University of Texas in Dallas: „Die Arbeit aus Tübingen ignoriert die unbestreitbare Tatsache, dass das Gehirn im Alter schrumpft und dass sich auch bei Gesunden eine Reihe von kleinen Schädigungen im Hirngewebe anhäufen. Es ist unvorstellbar, dass die zu beobachtende Verlangsamung und der kognitive Abbau nicht mit diesen neuralen Veränderungen zu tun haben könnten.“

Die lange Zeit vorherrschende Ansicht, dass die kognitiven Fähigkeiten eins zu eins mit der Gehirnstruktur den Bach hinunter gingen, sei allerdings tatsächlich überholt, sagt Park. „Im Alltag kommen ältere Menschen erstaunlich gut zurecht, weil angesammeltes Wissen und Erfahrung sie vor vielen Effekten des Abbaus schützen. Das gilt allerdings vor allem für vertraute Verhaltensweisen. Deswegen wird der Abbau der neuralen Hardware auch in neuartigen Situationen am offensichtlichsten, in denen Wissen und Erfahrung wenig helfen.“

Aber auch auf neuronaler Ebene scheint das Gehirn in gewissen Grenzen die Möglichkeit zu besitzen, sich durch Umorganisation an seine nachlassende Effizienz anzupassen. „Es gibt zum Beispiel gute Belege dafür, dass kognitive Aufgaben im Alter gleichmäßiger von beiden Hirnhälften übernommen werden als in der Jugend. Auf diese Weise können offenbar Defizite teilweise ausgeglichen werden“, sagt Fellgiebel.

„Das Paper ist nur auf die linguistische Ebene ausgerichtet“

In einer eben im Magazin Human Brain Mapping erschienenen Studie seiner Arbeitsgruppe zeigte sich beispielsweise, dass Probanden mit einer besonders gut erhaltenen Verbindung zwischen den beiden Hemisphären (dem Corpus callosum) auch den größten Transfereffekt bei einem Computertraining zeigten (siehe „Holzhacken schadet nicht“).  „Eine Vielzahl von Studien zeigt inzwischen, dass das Altern des Gehirns durchaus nicht nur ein passiver Verfall ist, sondern dass sich das Organ aktiv und dynamisch an die kognitiven und strukturellen Herausforderungen anpasst“, fasst Park zusammen.

Dazu gehöre eben auch, dass Ältere die Verlangsamung ihrer Hirnleistung mit Hilfe von Wissen und Erfahrungsschatz zumindest teilweise ausgleichen könnten. Der von Ramscar postulierte Bremseffekt eines übervollen Speichers könne dabei durchaus in bestimmten Situationen eine Rolle spielen, lasse sich aber keinesfalls auf sämtliche Bereiche der Kognition verallgemeinern. „Das Paper ist nur auf die linguistische Ebene ausgerichtet“, findet auch Thomas Wolbers vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen der Helmholtz-Gemeinschaft in Magdeburg.

„Reifung“ und „Verfall“

„Es gibt aber viele Defizite, etwa in der räumlichen Orientierung. Und da ist die Annahme nicht sinnvoll, dass hier bereits angesammelte Information eine Rolle spielen könnte.“ Dass sich seine Studie auf den Bereich der Sprachverarbeitung konzentriert, gibt Michael Ramscar durchaus zu: „Andere Bereiche sind schwerer zu quantifizieren und damit auch am Rechner zu modellieren. Aber ich sehe keinen Grund, warum das Prinzip nicht auch dort greifen sollte.“

Die anatomischen Vorgänge im alternden Hirn reichen ihm als Begründung für nachlassende Geisteskräfte nicht aus: Auch in frühester Kindheit gebe es Phasen des massiven Umbaus im Gehirn, in denen ebenfalls massenhaft Nervenzellen abstürben. „Nur dass man es da ,Reifung‘ nennt, im Alter jedoch ,Verfall‘.“ Solange die Wissenschaft jedenfalls nicht genau erklären könne, wie sich kognitive Fähigkeiten aus der Struktur des Gehirns ableiten ließen, seien die beobachteten Veränderungen auf organischer und kognitiver Ebene nicht mehr als eine zeitliche Korrelation und noch lange kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang.

Allerdings gilt diese Warnung vor schnellen Schlüssen streng genommen für jede anerkannte wissenschaftliche Theorie. Die Frage lautet stets, bis zu welchem Ausmaß an Korrelation auf verschiedenen Ebenen man noch plausibel einen Zufallszusammenhang vermuten mag.

Diese Idee übe einen starken negativen Einfluss aus

Ob seine Computermodelle die Zusammenhänge im alternden Gehirn nun wirklich wiedergeben oder nicht – wichtig ist Michael Ramscar, auf diese Weise die noch immer dominante Vorstellung vom unvermeidlichen geistigen Verfall im Alter in Frage zu stellen. Diese Idee übe einen starken negativen Einfluss auf das Leben von Millionen älterer Menschen aus, der für viele belastender sei als das Altern selbst. Ihnen müsse geholfen werden, ihr Älterwerden nicht nur im Sinne eines kontinuierlichen Abbaus zu sehen.

In der Praxis wird man es wohl auch mit Arthur Conan Doyles Romandetektiv Sherlock Holmes halten müssen. Der warnt seinen Freund und Biographen Dr. Watson davor, das Gehirn, das Holmes mit einer leeren Dachkammer vergleicht, mit unnützem Gerümpel vollzustellen. „Ein Verständiger gibt wohl acht, was er in seine Hirnkammer einschachtelt. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewusst haben.“

Was hält uns geistig lange fit? Die Forschung hat darauf zwei Antworten

Die gute Nachricht lautet: Wer regelmäßig Scrabble spielt, wird in Scrabble-spezifischen Aufgaben wie dem Erkennen von Wörtern und dem geistigen Manipulieren von Buchstaben deutlich schneller und sicherer werden. Das zeigten Psychologen der Universität Calgary vor zwei Jahren in einer Studie in Memory & Cognition mit 23 Wettkampfscrabblern im Alter von durchschnittlich 57 Jahren, die sie mit gleichaltrigen Gelegenheitsspielern und einer Gruppe junger Studenten verglichen. Tatsächlich konnten die alten Profis wesentlich schneller und sicherer echte Wörter von sinnlosen Buchstabenfolgen unterscheiden als ihre Altersgenossen und übertrafen darin auch die Erstsemester um rund 20 Prozent.

Ähnliche Befunde gibt es zuhauf: Durch gezieltes Training lassen sich im Gehirn bestimmte damit verbundene kognitive Fähigkeiten verbessern, und das auch bis ins hohe Alter hinein. Umstritten ist jedoch, wie lange diese Effekte über das Ende des Trainings hinaus anhalten und vor allem, inwieweit sie sich auf andere geistige Fähigkeiten übertragen, die nicht direkt mit der Aufgabe zu tun haben. Also etwa, ob das Trainieren des Arbeitsgedächtnisses die sogenannte fluide Intelligenz verbessert, die Fähigkeit, logisch zu denken und Probleme zu lösen. „Gerade dieser Transfer scheint mit zunehmendem Alter immer schwerer zu fallen“, sagt der Mainzer Altersforscher Andreas Fellgiebel.

Dabei kranken viele der Studien, die einen Transfereffekt zu belegen scheinen, an der methodischen Schwäche, dass eine Gruppe trainierter Probanden mit einer Kontrollgruppe verglichen wird, die überhaupt keine Übungen ausführt. Auf diese Weise lässt sich im Nachhinein aber kaum bestimmen, in welchem Maß ein beobachteter Effekt allein darauf zurückzuführen war, dass die Teilnehmer überhaupt zur regelmäßigen Aktivität angehalten wurden. Aussagekräftig sind streng genommen nur solche Studien, in denen die Kontrollgruppe eine andere Aufgabe zu absolvieren hat und im Idealfall davon überzeugt ist, damit etwas für ihr Hirn zu tun. Eine 2011 erschienene Übersichtsarbeit der auf systematische Zusammenfassungen spezialisierten Cochrane Collaboration, in die zahlreiche Studien der vergangenen 40 Jahre eingingen, kommt jedenfalls zu dem ernüchternden Schluss, dass keiner der beobachteten Effekte eindeutig dem spezifischen Trainingsprogramm zugeschrieben werden könne.

Doch auch wenn sich aus der Studienlage nur schwerlich eindeutige Empfehlungen ableiten lassen – ein paar Tipps haben Altersforscher doch parat: So gilt körperliche Aktivität abgesehen von all ihren anderen gesundheitsförderlichen Effekten auch als einer der Schlüssel zu einem geistig regen Alter. Und wer sich regelmäßig neuen Herausforderungen stellt, bleibt im Kopf länger fit. Die Wirksamkeit dieser beiden Empfehlungen belegen zahlreiche Studien, die allerdings oftmals kaum unterscheiden lassen, ob aktive Menschen wirklich länger jung bleiben oder ob andersherum ein geistiger Abbau mit verminderter Aktivität einhergeht.

Vielleicht ist diese Frage aber auch gar nicht entscheidend: Solange man Spaß daran hat und zwischendrin auch mal nach draußen geht, sind Scrabble und Sudoku allemal besser für die Geisteskraft als Fernsehen. (geru)