Frank Schirrmacher : Friedenspreis für Jaron Lanier Seine Waffe ist die Aufklärung

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Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist ein politisches Signal: Was wäre optimistischer als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

05.06.2014, von Frank Schirrmacher

Jaron Lanier

Als Kind des Silicon Valley kann er nötige Aufklärungsarbeit leisten: Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

an muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist. Allerdings: Man lebte da ja wirklich. Man tut es noch; ein beträchtlicher Teil des Landes glaubt immer noch, die Snowden-Affäre spielte sich in einer anderen Galaxie ab.

Deshalb muss man immer noch erklären, was Snowdens Enthüllungen „mit einem selbst“ zu tun haben. Offenbar glauben viele immer noch, der Eintritt in die Risikozone digitaler Technologien wäre Lichtjahre von ihnen persönlich entfernt. Immerhin, der Börsenverein denkt es nicht mehr, denn er reiht Lanier jetzt in die Kette jener Preisträger ein, die an den Wendepunkten technologisch-gesellschaftlichen Wandels ausgezeichnet wurden: Carl-Friedrich von Weizsäcker 1963 im Zeichen der Atomangst und der Club of Rome zehn Jahre später angesichts von Öl-Schock und beginnender Umweltbewegung.

Schwer, den Informatiker, der das Internet mitentwickelte, mit dem Etikett „Kulturpessimist“ zu belegen, den die neue Kaste der Industrie-Intellektuellen aus den soziologischen Friedhöfen des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebuddelt hat. Nicht nur weiß Lanier, der als Dreizehnjähriger Informatik zu studieren begann, wovon er technisch redet; er widerlegt auch die demagogische Grundfigur, die der wohlfeilen Opposition zugrundeliegt. Was könnte optimistischer sein als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

Die Aufgabe der politischen Debatte

Lanier sieht, wie vor ihm nur der Computer-Halbgott Joseph Weizenbaum, seit zehn Jahren voraus, womit wir heute zu tun haben. Er hat erkannt, dass die Kommerzialisierung des Internet in der ersten Jahrhundertdekade neue Machtzentren erschafft, die in dem Maße, in dem das Leben selbst digitalisiert wird, zu Chefs der Menschen werden.

Snowdens Enthüllungen deutet er wie ein Los Alamos der Digitalwelt. Hier wurde, wie einst bei den ersten Atombombentests in der Wüste von Nevada, bewiesen, dass tatsächlich angewendet wird, was theoretisch für möglich gehalten wurde: die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern. Ihn wird am wenigsten gewundert haben, dass die amerikanische Regierung selbst dieses Unterfangen in die Nähe des technologischen Zentralereignisses des letzten Jahrhunderts stellte: Sie nannte ihr Überwachungsprogramm das „zweite Manhattan Projekt“.

Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens. Ein Drittes gibt es nicht, wird es nie geben: Auch das ist bei ihm nachzulesen. Wer glaubt, sich entziehen zu können, unterschätzt, dass der Nicht-Gebrauch der Technologie ihn schon bald vom gesellschaftlichen Leben ausschließen wird. Auch deshalb verwundert die Insistenz, mit der manche Politiker, aus Angst, für unmodern zu gelten, immer wieder darauf hinweisen, man dürfe das Digitale, Big Data an der Spitze, nicht „verteufeln“. Als ginge es darum! Als wüsste nicht jeder, dass Big Data große Wohlstandschancen eröffnet, dass es aber gleichzeitig ein großes Spiel mit der menschlichen Existenz sein kann, bei dem wir die Regeln nicht kennen. Als fände nicht längst die Debatte über die Risiken und Chancen des Digitalen auf allen Plattformen des Digitalen statt! Gegen solche Polemik ist Jaron Lanier ein gutes Gegengift. In der politischen Debatte muss es um das gehen, was Norbert Wiener einst mit Blick auf das Zeitalter intelligenter Maschinen die „menschliche Behandlung von Menschen“ nannte. Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird.

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird – seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen – vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

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Zum Tode von Frank Schirrmacher Der Überwältiger

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Frank Schirrmacher war Journalist mit Leib und Seele. Er wollte der Gesellschaft ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Die großen gesellschaftlichen Fragen fasste er in Bilder, er stellte sie szenisch und dramaturgisch-dramatisch dar. Mit ihm ist ein „public intellectual“ gestorben, wie es sonst kaum einen anderen in der Republik gibt.

13.06.2014, von Günther Nonnenmacher

Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ

Frank Schirrmacher, geboren 5. September 1959, gestorben 12. Juni 2014

r wurde mitten aus dem Leben gerissen, und das hieß bei ihm vor allem: mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Journalismus. Noch in dieser Woche hat Frank Schirrmacher als Jahresvorsitzender des Herausgebergremiums Sitzungen geleitet. Das war bei ihm kein bürokratischer Akt, die Punkte der Tagesordnung arbeitete er eher mit einer gewissen Nonchalance ab. Aber wenn er im alltäglichen Detail des Zeitungsgeschäftes die Spuren des Großen und Ganzen sah – und seine Fähigkeit dazu war phänomenal –, dann blühte er auf, dann wurde jede Diskussion, die er mit seinen Anstößen, Ideen und Gedankenspielen belebte, zum intellektuellen Ereignis. Er sprühte bis zum letzten Tag vor Einfallsreichtum und Energie. Kein Anzeichen war zu erkennen, das auf einen plötzlichen Tod hätte hindeuten können. Umso größer ist das Entsetzen unter seinen Kollegen.

„Wir sind doch Journalisten“, war einer der Sätze, die er immer wieder sagte. Und er war Journalist mit Leib und Seele. Schirrmacher war als ehemaliger Chef des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki) literarisch hochgebildet, hatte aber nie den Ehrgeiz, einen Roman zu schreiben. Er war historisch außergewöhnlich interessiert und informiert, aber er sah sich in keiner Weise als Konkurrent der zünftigen Historiker. Journalist sein hieß für Schirrmacher vor allem: wirken wollen. Seine Methode, um Wirkung zu erzielen, war einmalig. Er wollte dem Publikum, ja der Gesellschaft, ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Schirrmacher konnte die großen gesellschaftlichen Fragen nicht nur analysieren, er fasste sie auch in Bilder, stellte sie szenisch und dramaturgisch – auch dramatisch – dar.

Wenn er vom demographischen Wandel sprach oder über ihn schrieb, dann ging es ihm nicht in erster Linie um die Probleme der Rentenversicherung; er stellte sich die künftige Gesellschaft gewissermaßen leiblich vor: leere Räume und verödete Landstriche, in denen vereinsamte Menschen herumirren würden, Lethargie, die in einem Land um sich greift, wenn die Dynamik der Jugend fehlt. Wenn er vom Potential der Gentechnologie oder der Informationstechnik erzählte, dann beschrieb er die Wesen, die künftig entstehen, die konkreten Manipulationen am Menschen, die einmal möglich werden könnten. Er war ein Denker, ein Visionär, ein Erzähler des Potentiellen – so wie er in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens die Gefahren von „Big Data“ als einer großen Revolution, nur vergleichbar mit der industriellen des 19. Jahrhunderts, heraufbeschwor.

Angesichts seiner manchmal apokalyptischen Warnungen wurde oft übersehen, dass er von den Möglichkeiten, die der menschliche Geist sich damit erschloss, im Grunde begeistert war. Frank Schirrmacher war alles andere als ein kulturpessimistischer Technikfeind, er nutzte beispielsweise die Möglichkeiten des Internets geradezu exzessiv. Aber er war auch nicht blind gegenüber den Herausforderungen und Risiken, die der menschlichen Freiheit aus der technischen Selbstermächtigung des Menschen erwachsen würden.

Dies war wohl der Grund dafür, dass Schirrmacher sich von seinem „klassischen“ Ressort, der Literatur, immer mehr abgewandt hat. Die Aufgabe seines journalistischen Lebens, hat er einmal gesagt, sei es, die von C.P. Snow so genannten „zwei Kulturen“ – auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, auf der anderen die Natur- und Technikwissenschaften – zusammenzuführen, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, weil sie, um der Freiheit des Menschen willen, zusammengehören und sich gegenseitig befruchten und kontrollieren müssen: Geisteswesen und prometheischer Erfindergeist. Er hat dieses Projekt mit der ihm eigenen Energie und seiner schier unerschöpflichen Arbeitskraft betrieben, hat sich mit fast berserkerhaftem Wagemut in wissenschaftliche Sachverhalte – von Gentechnik bis Ökonomie – eingearbeitet, die ihm von Hause aus fernlagen, um sie dann in Erzählungen zu verwandeln, auf die der übliche Begriff des popularisierenden Essays nicht passen will: Es waren Appelle, Aufrufe, manchmal geradezu Aufschreie, die das lesende Publikum aufrütteln sollten, die es vorbereiten wollten, auf das, was auf uns zukommt. Wenn er in seinen Zeitungsartikeln und Büchern – „Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“, „Payback“ oder „Ego“ – vornehmlich negative Konsequenzen schilderte, ging es ihm doch vor allem darum, die Ambivalenz der Entwicklung darzustellen, damit das Positive gerettet werden könne.

Frank Schirrmacher war auch ein begnadeter Polemiker und Polarisierer, er hat das von einem seiner großen Vorbilder, von Marcel Reich-Ranicki, gelernt: Wer nicht laut ist, wird nicht gehört. Dabei ging es nur oberflächlich gegen die Personen, mit denen er dabei in Streit geriet, es ging ihm um die Sache. Um nur zwei Beispiele dafür zu nennen: um unterschwelligen Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ oder um die Selbstgerechtigkeit mancher „Vergangenheitsbewältiger“ in Sachen Günter Grass. Weil das so war, weil er nicht nur scharf verurteilen konnte, sondern auch mit einem geradezu überwältigenden persönlichen Charme ausgestattet war, hat das, zumindest auf seiner Seite, nicht zu dauerhaften Verfeindungen geführt.

Er lebte für diese Zeitung

Frank Schirrmacher hat sich einmal als konservativ bezeichnet. Das ist wahrscheinlich eine der wenigen Fehleinschätzungen, denen er selbst aufgesessen ist. Wenn an ihm etwas konservativ war, dann war es die bis zur Verachtung gesteigerte Ablehnung von Denkschablonen und vorgefassten Meinungen. Er war geistig viel zur rege und auch viel zu neugierig, um sich mit bereits Vorgeprägtem abzufinden. In Wirklichkeit war er in einem geradezu kindlichen oder naiven Sinn unideologisch. Es war ihm völlig gleichgültig, aus welcher „Schule“ oder aus welcher „Partei“ (im weiten wie engen Sinne des Wortes) ein Argument kam, wenn er es, nach sorgfältigem Abwägen, für wichtig und gut befunden hatte. Auf der anderen Seite konnte Schirrmacher geradezu körperlich sichtbar leiden, wenn ein Gesprächspartner seine Argumente nicht verstehen wollte oder konnte. Das machte es völlig unmöglich, ihn nach irgendwelchen politischen Kategorien einzuordnen. Deshalb war das Feuilleton, das er wollte und machte, auch nicht politisch in dem Sinne, dass es in irgendeinem weltanschaulichen Schützengraben saß. Es ging ihm um die besten Argumente im Wettbewerb um die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen. Unpolitisch war das dennoch nicht, denn Schirrmacher glaubte, auch das in einem fast kindlichen Optimismus, an die Macht der Politik, solche Fragen zu erkennen und letztlich – in einem positiven Sinn – zu entscheiden. Als „public intellectual“, der er wie kein anderer in dieser Republik war, hat er dazu, wie kaum ein anderer, beigetragen.

Frank Schirrmacher, am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren, trat nach dem Studium von Germanistik und Anglistik in Heidelberg, von Literatur und Philosophie in Cambridge, am 1. Juli 1985 als Redakteur in das Feuilleton dieser Zeitung ein. 1989 wurde er als Nachfolger von Reich-Ranicki zum Chef des Literaturteils berufen, wo er bald mit seinem ungewohnten Blick für Neues und Unorthodoxes, das über Literatur im überbrachten Sinn hinausging, auf sich aufmerksam machte. Es gibt eine zufällige Koinzidenz in unserem Leben, die zu einer Schicksalsgemeinschaft führte: Schirrmacher und ich wurden am gleichen Tag von unseren Vorgängern – er von Joachim Fest, dem Feuilleton-Herausgeber, und ich von Fritz Ullrich Fack, einem der politischen Herausgeber – darüber informiert, dass sie uns als ihre Nachfolger auserkoren hatten. Ich erinnere mich, wie wir uns an diesem Tag zusammensetzten und noch gar nicht recht begreifen konnten, was uns widerfahren war: Wir sollten künftig die „geistige und politische Linie“ dieser Zeitung, einer der einflussreichsten und wichtigsten dieses Landes, mitbestimmen. Kurz vor dem 1. Januar, dem Tag unseres Amtsantritts, wurden wir zum ersten Mal in die Runde der Herausgeber eingeladen, und wir fühlten uns damals beide, als ob wir in den Adelsstand erhoben worden seien.

In den mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren, die seither vergangen sind, war ich in manchen Fragen mit Schirrmacher nicht einig, aber ich habe ihn immer bewundert. Er hat mich mit seinem Charme und seiner Überredungskunst und Überzeugungskraft gewissermaßen umarmt – er war ein genialer Überwältiger, und meistens ließ man sich gerne von ihm überwältigen. Er war ein inspirierender, großartiger Kollege, als Herausgeber, als Redakteur, als Anreger, der unserer gemeinsamen Zeitung seinen Ideenreichtum und seine vermeintlich unerschöpfliche Kraft großzügig zur Verfügung stellte. Er lebte für diese Zeitung. Dass er dabei über seine Kräfte lebte, ist uns erst jetzt bewusst geworden. Die gesamte Redaktion hat die Nachricht von seinem Herztod zuerst mit Entsetzen, dann mit tiefer Trauer aufgenommen, weil jedem sofort klar war, welchen Verlust wir alle, und damit die Zeitung, mit seinem Tod erleiden. Er wird uns und der Republik fehlen, aber noch mehr fehlen wird er seiner Frau und den beiden Kindern, denen unser ganzes Beileid gehört.

Texte von Frank Schirrmacher
http://www.faz.net/redaktion/frank-schirrmacher-11104246.html

Frank Schirrmacher als Redner und Interviewpartner Information als Fetisch

Themen, die Frank Schirrmacher aufgriff, wurden bald national und international diskutiert, zuletzt in der Digital-Debatte. Ein Rückblick auf Reden und Interviews aus den vergangenen Jahren.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher-als-redner-und-interviewpartner-12988275.html

Zum Tod von Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-frank-schirrmacher-ein-sehr-grosser-geist-12986939.html

Aufstand der Massen und Paradoxien der Elite

http://blogs.faz.net/digital/2014/06/07/aufstand-der-massen-und-paradoxien-der-elite-610/

07.06.2014, 10:30 Uhr  ·  “Elite” hat in Europa den Begriff der “Masse” als Reizwort der Gesellschafts-Beschreibung abgelöst. Welcher soziale Strukturwandel hat diese Bewegung ausgelöst, und wie wird er sich weiter entwickeln?

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Kaum ein anderer Begriff war vor drei oder vier Jahrzehnten so spürbar mit gegenstrebigen polemischen Energien geladen wie der Begriff der “Masse.” Auf der einen Seite stand, von den Erziehungsystemen beständig und in vorderster Front propagiert, die moralisch-existentielle Warnung, nicht zum “Massenmenschen” zu werden, deren normativer Hintergrund ein bildungsbürgerliches Bild vom “Subjekt” oder “Individuum” als selbstbestimmter und auf Differenz ausgerichteter Lebensform war. Doch das Wort “Masse” bezog sich auch, zumal in den politischen Welten des Sozialismus und der Linken, auf demographische Mehrheiten und das mit ihnen assoziierte moralische Recht, gegen alle existierenden “Repressionen” und als “revolutionäre Massen” die eigenen Interessen und die eigenen Werte in den Vordergrund treten zu lassen oder, wenn nötig, “gewaltsam durchzusetzen.”

Jene Spannung, die man tief im zwanzigsten Jahrhundert noch gerne und aus intellektueller Tiefe raunend “dialaktisch” genannt hatte, ist inzwischen implodiert und hat “Masse” zu einem ganz und gar uncharismatischen Wort werden lassen, dem jüngere Generationen nicht einmal mehr seine auratische Vergangenheit anmerken. Ohne Zweifel geht diese Entwicklung auf die zentrale, aber fast befremdlich selten erwähnte soziale Transformation des letzten Vierteljahrhunderts in den westlichen Gesellschaft zurück. Sie sind mittlerweile wirtschaftlich, kulturell und auch politisch von einem sich immer weiter ausdehnenden “Mittelstand” dominiert, der keine Ambitionen hat, sich als “soziale Klasse” zu verstehen, sondern im Nebeneinander von Millionen, ja Milliarden individueller Existenzen besteht, deren Lebensformen immer ähnlicher aussehen, ohne als Normen erlebt zu werden. Zu beinahe nichts verpflichtet dieser Mittelstand, obwohl es ihm schwer fällt, eine Wirklichkeit jenseits der eigenen auch nur vorzustellen. Die monstruöse neue Situation schliesst Reiche wie Arme in der vollen Auseinanderentwicklung ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmöglichkeiten ein; sie tragen die billigeren und teureren Versionen des gleichen Kleidungsstils, und in Europa tendieren beide Seiten auch dazu, die traditionelle Hochsteuer-Poltik zu unterstützen.

In dieser Umgebung lädt sich nun – genau gegenläufig tatsächlich zum Begriff “Masse” – der Begriff der “Elite,” dessen grosse Zeit nach 1930 abgeschlossen schien, mit neuer Kraft auf. Seine Entstehung seit dem siebzehnten Jahrhundert und seine wortgeschichtliche Herkunft aus dem lateinischen Verb “eligere” (“auswählen”) sind an die Emergenz des Bürgertums in Mitteleuropa und an seine frühen, “Merkantilismus” genannten wirtschaftlichen Verhaltensformen gebunden. Durch eine Kaskade von soziologischen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Typen von “Elite” zieht sich die Insistenz auf eine direkte Beziehung zwischen herausragender individueller Leistung, gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Kompensation. In der Politik wurde die bürgerliche Leistungs-Ethik polemisch gegen die Aristokratie als Prinzip des ererbten Status gekehrt. Friedrich Nietzsche hat der in diesem Sinn bürgerlichen Einstellung von “Elite” eine besondere existentielle Vitalität zugeschrieben.

Von der Gegenwart des frühen einundzwanzigsten Jahrhungerts aus mag es überraschen, wie wichtig der Elite-Begriff sowohl für den Faschismus wie für den Kommunismus war, die beiden zentralen Konfigurationen des zwanzigsten als ideologischem Jahrhundert. Denn Faschismus und Kommunismus verstanden sich ja beide als Ideologien der Gleichheit, der ethnischen oder sozialen Gleichheit. Der je spezifische Egalitarismus hat Kommunismus und Faschismus aber nicht daran gehindert, ihre je positiven Bezugsgruppen (“Proletariat,” “Italiener,” “Arier” etc.) mit dem Elite-Begriff zu assoziieren — und darüberhinaus innerhalb ihrer als breiten Eliten aufgefassten Bezugsgruppen noch einmal Spezial-Eliten zu kultivieren (Mussolinis “Arditi” oder Hitlers “SS”).

1929, als Benito Mussolini am Zenith seiner Macht stand und Adolf Hitler dabei war, sich von der Position des politischen Pausenclowns ins deutsche Machtzentrum zu bewegen, erschien unter dem Titel “La Rebelión de las Masas” (“Der Aufstand der Massen”) ein Buch des spanischen Philosophen und Publizisten José Ortega y Gasset, das sofort breite europäische Resonanz fand, das man unter den Vorzeichen der politischen Korrektheit von 1968 dann wegen seiner Kritik an den Massen abzulehnen hatte – und das nun plötzlich im Hinblick auf die gegenwärtige Situation ein schillerndes Aktualitätspotential zurückgewinnt.

Ortegas Titel hatte in jenem historischen Kontext seine besondere Pointe. Angesichts einer Gegenwart, welche die bolschewistische “Oktoberrevolution” von 1917 und den faschistischen “Marsch auf Rom” von 1923 als Revolten der Masse im Sinn einer (jeweiligen) sozialen Klasse und einer (jeweiligen) revolutionären Elite mit angestrengter Begeisterung feierte, wollte er Leser-Aufmerksamkeit auf einen ganz und gar nicht totalitären, aber noch weniger revolutionären “Aufstand” lenken. Das war der Aufstand des selbstzufriedenen Kleinbürgers (“senorito satisfecho”) und sein Anspruch auf ein ebenso bequemes wie sorgenfreies Leben, zu dessen Sicherung er nichts beitragen zu müssen glaubte, weil er sich auf den großzügigen Staat verließ. Ortega bezog Faschismus und Kommunismus in diese Beschreibung ein, ohne seine Version vom “Aufstand der Massen” gleich als koexistensiv mit den beiden grossen Ideologien anzusehen. Neben Selbstzufriedenheit, Grenzenlosigkeit der Ansprüche und blindem Vertrauen auf den Staat attestierte er dem neuen Massenmenschen – mit Nietzsche im Gedächtnis — auch einen Verlust an Vitalität.

Das späte Provokationspotential von Ortega y Gassets Buch als längst ablegtem Klassiker ergibt sich aus den gegenläufigen Veränderungen im Gebrauch der Begriffe “Masse” und “Elite” (und aus den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, auf die sie sich beziehen). Nach dem Erscheinen der “Rebelión de las Masas” hatte die sich in den dreißiger Jahren zuspitzende Rivalität zwischen den Ideologien und den Mächten, welche sie verkörperten, den Blick auf die damals schon einsetzende Entwicklung einer neuen Mittelschicht verstellt. Im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert hingegen ist sie, zumal innerhalb der europäischen Union mit ihren unbegrenzten Erwartungen, ihrer durchaus gedämpften Leistungsbereitschaft und der mit ihrer Expansion einhergehenden demographischen Entwicklung zum zentralen sozialpolitischen Problem der Gegenwart und – mit noch dramatischeren Akzenten – der Zukunft geworden.

Dass “Elite” als Begriff und als Zone des Handelns im neuen alten Mittelstand einen Tabu-Status hat, bedarf kaum ausführlicher Erklärung oder Dokumentation. Ein komplexes System (oder eher: ein ausuferndes Rhizom) wechselseitiger Beobachtung und Limitierung ist zum Schutz der selbstzufriedenen “Gleichheit” entstanden. Aufmerksamkeit verdient eher das doppelt paradoxale Verhältnis zwischen Mittelstand und Elite. Zum einen scheinen gerade unter den Vorzeichen wechselseitiger Beobachtung und Limitierung jene elitäre Motivationen zu gedeihen, welche die Gleichheits-Apostel irritieren. Zum anderen und vor allem gehen mit der unaufhaltsamen Expansion des Mittelstands die Chancen sozialer Mobilität dramatisch zurück. Wer auf jedes Anzeichen elitären Verhaltens und elitärer Dynamik mit kontrollierender Eifersucht reagiert, der trägt unwillentlich auch zur Blockierung der eigenen Aufstiegschancen bei.

Übrigens gehört es zum Habitus der neuen (und alten) Eliten, dass sie im Hinblick auf die öffentliche Manifestation ihrer Leistungen ganz nonchalant (vielleicht demonstrativ nonchalant) bleiben, während jede Art von Status-Bewahrung, ob aristokratisch oder mittelständisch, nach Sichtbarkeit strebt. Wo die Nonchalance aussetzt, ist elitäre schon in besitzstandsbewahrende Bürgerlichkeit umgeschlagen. In “Hooking Up,” einem Essay über die Silicon-Valley-Elite, hat Tom Wolfe diese Bewegung mit ihrer ganzen Ambivalenz beschrieben: “The stodginess of an East Coast career was symbolized by the stodginess of the dress. Even the youngest dressed like old men: the dark blah suit, the light blah shirt, the hopelessly ‘interesting’ Hermes tie…Many of them even wore silk braces. The new Master of the Universe turned it all upside down. At Il Fornaio restaurant in Palo Alto, California, where they gathered to tell war stories and hand out business cards at breakfast, the billionaire founders of the new wonder corporations walked in the door looking like well-pressed, well-barbered beachcombers, but beachcombers all the same. They wore khakis, boating moccasins (without socks) and ordinary cotton shirts with the cuffs rolled up and the front unbuttoned to the navel, and that was it. You could tell at a glance that a Silicon Valley billionaire carried no cell phone. Having breakfast with him at Il Fornaio would be a vice president whose net worth was $ 100 or 200 million. He would be dressed just like the founder, except that he would also be wearing a sport jacket. Why? So he could carry…the cell phone.”