Frank Schirrmacher : Friedenspreis für Jaron Lanier Seine Waffe ist die Aufklärung

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Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist ein politisches Signal: Was wäre optimistischer als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

05.06.2014, von Frank Schirrmacher

Jaron Lanier

Als Kind des Silicon Valley kann er nötige Aufklärungsarbeit leisten: Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

an muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist. Allerdings: Man lebte da ja wirklich. Man tut es noch; ein beträchtlicher Teil des Landes glaubt immer noch, die Snowden-Affäre spielte sich in einer anderen Galaxie ab.

Deshalb muss man immer noch erklären, was Snowdens Enthüllungen „mit einem selbst“ zu tun haben. Offenbar glauben viele immer noch, der Eintritt in die Risikozone digitaler Technologien wäre Lichtjahre von ihnen persönlich entfernt. Immerhin, der Börsenverein denkt es nicht mehr, denn er reiht Lanier jetzt in die Kette jener Preisträger ein, die an den Wendepunkten technologisch-gesellschaftlichen Wandels ausgezeichnet wurden: Carl-Friedrich von Weizsäcker 1963 im Zeichen der Atomangst und der Club of Rome zehn Jahre später angesichts von Öl-Schock und beginnender Umweltbewegung.

Schwer, den Informatiker, der das Internet mitentwickelte, mit dem Etikett „Kulturpessimist“ zu belegen, den die neue Kaste der Industrie-Intellektuellen aus den soziologischen Friedhöfen des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebuddelt hat. Nicht nur weiß Lanier, der als Dreizehnjähriger Informatik zu studieren begann, wovon er technisch redet; er widerlegt auch die demagogische Grundfigur, die der wohlfeilen Opposition zugrundeliegt. Was könnte optimistischer sein als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

Die Aufgabe der politischen Debatte

Lanier sieht, wie vor ihm nur der Computer-Halbgott Joseph Weizenbaum, seit zehn Jahren voraus, womit wir heute zu tun haben. Er hat erkannt, dass die Kommerzialisierung des Internet in der ersten Jahrhundertdekade neue Machtzentren erschafft, die in dem Maße, in dem das Leben selbst digitalisiert wird, zu Chefs der Menschen werden.

Snowdens Enthüllungen deutet er wie ein Los Alamos der Digitalwelt. Hier wurde, wie einst bei den ersten Atombombentests in der Wüste von Nevada, bewiesen, dass tatsächlich angewendet wird, was theoretisch für möglich gehalten wurde: die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern. Ihn wird am wenigsten gewundert haben, dass die amerikanische Regierung selbst dieses Unterfangen in die Nähe des technologischen Zentralereignisses des letzten Jahrhunderts stellte: Sie nannte ihr Überwachungsprogramm das „zweite Manhattan Projekt“.

Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens. Ein Drittes gibt es nicht, wird es nie geben: Auch das ist bei ihm nachzulesen. Wer glaubt, sich entziehen zu können, unterschätzt, dass der Nicht-Gebrauch der Technologie ihn schon bald vom gesellschaftlichen Leben ausschließen wird. Auch deshalb verwundert die Insistenz, mit der manche Politiker, aus Angst, für unmodern zu gelten, immer wieder darauf hinweisen, man dürfe das Digitale, Big Data an der Spitze, nicht „verteufeln“. Als ginge es darum! Als wüsste nicht jeder, dass Big Data große Wohlstandschancen eröffnet, dass es aber gleichzeitig ein großes Spiel mit der menschlichen Existenz sein kann, bei dem wir die Regeln nicht kennen. Als fände nicht längst die Debatte über die Risiken und Chancen des Digitalen auf allen Plattformen des Digitalen statt! Gegen solche Polemik ist Jaron Lanier ein gutes Gegengift. In der politischen Debatte muss es um das gehen, was Norbert Wiener einst mit Blick auf das Zeitalter intelligenter Maschinen die „menschliche Behandlung von Menschen“ nannte. Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird.

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird – seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen – vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

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