Levante 22.07.2014 | 02:25

Las caballerizas de Conde del Real se salvan

El ayuntamiento rectifica y obliga a proteger y rehabilitar las edificaciones a instancias de la Real Academia de San Carlos – El dueño no podrá reconstruirlas para ampliar el Palacio Escrivà

hortensia garcía | valencia La Comisión de Urbanismo aprobará hoy el Plan de Protección (PEP) de Bienes de Interés Cutural de Ciutat…

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Las caballerizas de Conde del Real se salvan

 

 

 

 

 

Enmienda desde el equipo de keramos/caballerizasvlc:
La decision de salvar las caballerizas salio desde la Real Academia de San Fernando de Madrid. Gracias!

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Hans-Ulrich Wehler Der Historiker

Hans-Ulrich Wehler Der Historiker

Hans-Ulrich Wehler hat die Geschichtswissenschaft auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurückgeführt. Am vergangenen Wochenende ist der große Gelehrte im Alter von 82 Jahren gestorben. 19.07.2014, von Ralph Bollmann

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ARD-Talkshow "ANNE WILL"

Die Fakultät wollte seine Arbeit nicht haben. In akribischer Kleinarbeit hatte der erst 33-jährige Historiker eine Fülle von Quellenmaterial zum „Aufstieg des amerikanischen Imperialismus“ gesammelt. Das Ergebnis erscheint aus heutiger Sicht wenig skandalös: Die Vereinigten Staaten, so die These Hans-Ulrich Wehlers, hätten ihr informelles Imperium vor allem aus wirtschaftlichen Motiven errichtet. Es ging darum, freien Zugang zu allen Märkten durchzusetzen.

Die Kölner Professoren waren empört – und lehnten Wehlers erste Habilitationsschrift 1964 als „nicht hinreichende historische Leistung“ ab. Sie waren es gewohnt, Geschichte als den Kampfplatz großer Männer und hehrer Ideen zu betrachten. Dass es dabei um wirtschaftliche Interessen gehen sollte, um schnödes Geld, diesen Gedanken lehnten sie ab (und sahen ihn, auf Amerika bezogen, als Schmähung des Verbündeten). Dafür mochten sich ein paar Kollegen in den ökonomischen Fachbereichen interessieren, nicht aber ein ehrbarer Allgemeinhistoriker. In heutigem Vokabular würde man sagen: Der Prüfungsausschuss warf Wehler eine Ökonomisierung des Geschichtsbildes vor.

Das Primat der Ökonomie

Das stand damals unter Marxismusverdacht, später warf man es – unter umgekehrten Vorzeichen – dem „Neoliberalismus“ vor. Beides traf auf Wehler nicht zu, der sein theoretisches Rüstzeug von dem Soziologen Max Weber bezog. Und doch hatten seine skeptischen Prüfer zweifellos recht: Der Bielefelder Historiker, der kürzlich im Alter von 82 Jahren gestorben ist, hat die deutsche Geschichtswissenschaft von ihren idealistischen Höhen auf die materiellen Grundlagen zurückgeführt. Das war für ihn kein Detail, sondern die Basis jener „Allgemeinen Geschichte“, die er als Lehrstuhlinhaber vertrat.

Seine monumentale „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, die zwischen 1987 und 2008 erschien, gliederte er in Anlehnung an Weber in vier Dimensionen: Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft, Kultur. Mit Bedacht setzte er die Wirtschaft an die erste Stelle, und er verstand darunter – das war dann doch ein Marx-Zitat – alle Tätigkeiten, „die Menschen im Stoffwechsel mit der Natur zur Gewinnung ihres Lebensunterhalts betreiben“. Der „Basisprozess“ aller gesellschaftlichen Entwicklung war für ihn „die Entfaltung erst des Kapitalismus, dann vor allem des Industriekapitalismus“.

Die übrigen drei Kategorien waren für ihn letztlich nur Ableitungen. Das galt, zumindest am Beginn seiner Karriere, gerade auch für die politische Herrschaft. Nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik sah er einen Ausfluss des ökonomischen Kalküls. Auch die imperialen Ambitionen des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck betrachtete er als Versuch, von sozioökonomischen Spannungen im Inland abzulenken. Das war das Thema seiner zweiten Habilitationsschrift, die abermals auf starken Widerstand stieß, schließlich aber angenommen wurde.

Nur in dem Abschnitt der „Gesellschaftsgeschichte“, der sich mit dem Nationalsozialismus befasste, setzte er die Politik an die erste Stelle. Das war eine deutliche Absage an die vulgärmarxistische Theorie vom Faschismus als der Diktatur des Finanzkapitals. Für Wehler ließ sich die „charismatische Herrschaft“ Adolf Hitlers nicht aus der Ökonomie ableiten, im Gegenteil: Fatal war aus seiner Sicht gerade „das utopische Trugbild einer sozialharmonischen Volksgemeinschaft“, das den Wettstreit wirtschaftlicher Interessen leugnete.

Umverteilung ändert nichts an Statusunterschieden

In gewöhnlichen Zeiten bildeten Markt und Staat für ihn keine Gegensätze, auf das „Mischungsverhältnis von vorausschauender Steuerung und spontaner Marktreaktion“ kam es ihm an. Die Möglichkeit, an der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen politisch etwas zu ändern, beurteilte er skeptisch. So las es sich wenigstens in dem Band über die Bundesrepublik. Dort betonte er die „Dauerhaftigkeit struktureller sozialer Ungleichheit“: Während der Jahre von Wirtschaftswunder und Bildungsexpansion beförderte der „Fahrstuhleffekt“ zwar ganze Bevölkerungsgruppen nach oben, an den relativen Statusunterschieden änderte das aber wenig.

Angesichts dieses Fatalismus erstaunte es, dass Wehler im vorigen Jahr mit einer Kampfschrift über soziale Ungleichheit in Deutschland an die Öffentlichkeit trat. „Die neue Umverteilung“, so hieß der für seine Verhältnisse schmale Band. Noch in seinem letzten Interview, das er wenige Tage vor seinem Tod einem „Stern“-Journalisten gab, beklagte er, dass Topmanager heute das 300-Fache eines Facharbeitergehalts verdienten. Vor einem Vierteljahrhundert sei es noch das 25-Fache gewesen. „In der neueren Geschichte gibt es keine Klasse, die ihre Habgier so ungebremst ausgelebt hat“, wetterte er.

Es belebte ihn ungemein, dass sich eine jüngere Generation von Wissenschaftlern seit der Finanzkrise wieder für ökonomische Strukturen zu interessieren begann, nicht nur der Franzose Thomas Piketty. Mit unverhohlener Distanz hatte Wehler das Treiben seiner unmittelbaren Nachfolger beobachtet, die im Zeichen einer grün-alternativen Postmoderne den historischen Materialismus Bielefelder Prägung ablehnten und die Geschichte ganz postmaterialistisch aus Diskursen und Mentalitäten erklärten. Für Wehler war das nichts als „luftiger Kulturalismus“, wie er einmal schimpfte.

 

 

In der Wissenschaft setzte er auf den freien Markt

Er hielt an den Kategorien der klassischen Moderne fest, sah den Menschen mit Max Weber noch immer im ehernen Gehäuse von Kapitalismus und Bürokratie gefangen. Zwar leugnete er die Tendenz zur Flexibilisierung nicht, auch verteidigte er den „unvermeidlichen Umbau des exzessiv aufgeblähten Sozialstaats“ durch den sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber das Hohelied auf Pluralisierung und Individualisierung blieb für ihn eine ahistorische Illusion.

In ihrer Skepsis gegenüber Erklärungsmustern jenseits des Materiellen ähnelte seine Weltsicht, bei allen Unterschieden, dem Mainstream der ökonomischen Wissenschaften. Die Kultur sei das Gebiet, „wo ich die Grenzen der Sachkompetenz am stärksten spüre“, räumte er im Vorwort zur Gesellschaftsgeschichte freimütig ein. So sah er auch auf diesem Feld vor allem Dinge, die ins Raster seiner Strukturgeschichte passten: Die Publizistik war für ihn ein Markt, die Ideengeschichte ein Kampfplatz von Eliten und Klassen.

Dabei ließ sich gerade auch an Wehlers Habitus die Kraft kultureller Prägungen erkennen. Es war gewiss auch eine Generationsfrage, dass er einen illusionslosen Sarkasmus jeder Gefühligkeit vorzog oder dass er die Einwanderungsgesellschaft skeptisch sah. Zu diesen Prägungen zählte aber vor allem das Leistungsethos eines Mannes, der frühmorgens im Schwimmbad seine Bahnen zog und spätabends noch am heimischen Schreibtisch saß. Er verschlang Unmengen an Fachliteratur und vernachlässigte darüber nicht die Lektüre des Wirtschaftsteils der F.A.S. Wissenschaft und Publizistik waren für ihn ein Wettbewerb, in dem er sich und andere nicht schonte. Hier setzte er auf das Prinzip des freien Marktes, auf dem er sich wie kein anderer seines Fachs behauptete.

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Frank Schirrmacher : Friedenspreis für Jaron Lanier Seine Waffe ist die Aufklärung

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Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist ein politisches Signal: Was wäre optimistischer als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

05.06.2014, von Frank Schirrmacher

Jaron Lanier

Als Kind des Silicon Valley kann er nötige Aufklärungsarbeit leisten: Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

an muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist. Allerdings: Man lebte da ja wirklich. Man tut es noch; ein beträchtlicher Teil des Landes glaubt immer noch, die Snowden-Affäre spielte sich in einer anderen Galaxie ab.

Deshalb muss man immer noch erklären, was Snowdens Enthüllungen „mit einem selbst“ zu tun haben. Offenbar glauben viele immer noch, der Eintritt in die Risikozone digitaler Technologien wäre Lichtjahre von ihnen persönlich entfernt. Immerhin, der Börsenverein denkt es nicht mehr, denn er reiht Lanier jetzt in die Kette jener Preisträger ein, die an den Wendepunkten technologisch-gesellschaftlichen Wandels ausgezeichnet wurden: Carl-Friedrich von Weizsäcker 1963 im Zeichen der Atomangst und der Club of Rome zehn Jahre später angesichts von Öl-Schock und beginnender Umweltbewegung.

Schwer, den Informatiker, der das Internet mitentwickelte, mit dem Etikett „Kulturpessimist“ zu belegen, den die neue Kaste der Industrie-Intellektuellen aus den soziologischen Friedhöfen des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebuddelt hat. Nicht nur weiß Lanier, der als Dreizehnjähriger Informatik zu studieren begann, wovon er technisch redet; er widerlegt auch die demagogische Grundfigur, die der wohlfeilen Opposition zugrundeliegt. Was könnte optimistischer sein als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

Die Aufgabe der politischen Debatte

Lanier sieht, wie vor ihm nur der Computer-Halbgott Joseph Weizenbaum, seit zehn Jahren voraus, womit wir heute zu tun haben. Er hat erkannt, dass die Kommerzialisierung des Internet in der ersten Jahrhundertdekade neue Machtzentren erschafft, die in dem Maße, in dem das Leben selbst digitalisiert wird, zu Chefs der Menschen werden.

Snowdens Enthüllungen deutet er wie ein Los Alamos der Digitalwelt. Hier wurde, wie einst bei den ersten Atombombentests in der Wüste von Nevada, bewiesen, dass tatsächlich angewendet wird, was theoretisch für möglich gehalten wurde: die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern. Ihn wird am wenigsten gewundert haben, dass die amerikanische Regierung selbst dieses Unterfangen in die Nähe des technologischen Zentralereignisses des letzten Jahrhunderts stellte: Sie nannte ihr Überwachungsprogramm das „zweite Manhattan Projekt“.

Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens. Ein Drittes gibt es nicht, wird es nie geben: Auch das ist bei ihm nachzulesen. Wer glaubt, sich entziehen zu können, unterschätzt, dass der Nicht-Gebrauch der Technologie ihn schon bald vom gesellschaftlichen Leben ausschließen wird. Auch deshalb verwundert die Insistenz, mit der manche Politiker, aus Angst, für unmodern zu gelten, immer wieder darauf hinweisen, man dürfe das Digitale, Big Data an der Spitze, nicht „verteufeln“. Als ginge es darum! Als wüsste nicht jeder, dass Big Data große Wohlstandschancen eröffnet, dass es aber gleichzeitig ein großes Spiel mit der menschlichen Existenz sein kann, bei dem wir die Regeln nicht kennen. Als fände nicht längst die Debatte über die Risiken und Chancen des Digitalen auf allen Plattformen des Digitalen statt! Gegen solche Polemik ist Jaron Lanier ein gutes Gegengift. In der politischen Debatte muss es um das gehen, was Norbert Wiener einst mit Blick auf das Zeitalter intelligenter Maschinen die „menschliche Behandlung von Menschen“ nannte. Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird.

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird – seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen – vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

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Zum Tode von Frank Schirrmacher Der Überwältiger

http://www.faz.net/aktuell/faz-guenther-nonnenmacher-ueber-frank-schirrmacher-12988533-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

Frank Schirrmacher war Journalist mit Leib und Seele. Er wollte der Gesellschaft ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Die großen gesellschaftlichen Fragen fasste er in Bilder, er stellte sie szenisch und dramaturgisch-dramatisch dar. Mit ihm ist ein „public intellectual“ gestorben, wie es sonst kaum einen anderen in der Republik gibt.

13.06.2014, von Günther Nonnenmacher

Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ

Frank Schirrmacher, geboren 5. September 1959, gestorben 12. Juni 2014

r wurde mitten aus dem Leben gerissen, und das hieß bei ihm vor allem: mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Journalismus. Noch in dieser Woche hat Frank Schirrmacher als Jahresvorsitzender des Herausgebergremiums Sitzungen geleitet. Das war bei ihm kein bürokratischer Akt, die Punkte der Tagesordnung arbeitete er eher mit einer gewissen Nonchalance ab. Aber wenn er im alltäglichen Detail des Zeitungsgeschäftes die Spuren des Großen und Ganzen sah – und seine Fähigkeit dazu war phänomenal –, dann blühte er auf, dann wurde jede Diskussion, die er mit seinen Anstößen, Ideen und Gedankenspielen belebte, zum intellektuellen Ereignis. Er sprühte bis zum letzten Tag vor Einfallsreichtum und Energie. Kein Anzeichen war zu erkennen, das auf einen plötzlichen Tod hätte hindeuten können. Umso größer ist das Entsetzen unter seinen Kollegen.

„Wir sind doch Journalisten“, war einer der Sätze, die er immer wieder sagte. Und er war Journalist mit Leib und Seele. Schirrmacher war als ehemaliger Chef des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki) literarisch hochgebildet, hatte aber nie den Ehrgeiz, einen Roman zu schreiben. Er war historisch außergewöhnlich interessiert und informiert, aber er sah sich in keiner Weise als Konkurrent der zünftigen Historiker. Journalist sein hieß für Schirrmacher vor allem: wirken wollen. Seine Methode, um Wirkung zu erzielen, war einmalig. Er wollte dem Publikum, ja der Gesellschaft, ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Schirrmacher konnte die großen gesellschaftlichen Fragen nicht nur analysieren, er fasste sie auch in Bilder, stellte sie szenisch und dramaturgisch – auch dramatisch – dar.

Wenn er vom demographischen Wandel sprach oder über ihn schrieb, dann ging es ihm nicht in erster Linie um die Probleme der Rentenversicherung; er stellte sich die künftige Gesellschaft gewissermaßen leiblich vor: leere Räume und verödete Landstriche, in denen vereinsamte Menschen herumirren würden, Lethargie, die in einem Land um sich greift, wenn die Dynamik der Jugend fehlt. Wenn er vom Potential der Gentechnologie oder der Informationstechnik erzählte, dann beschrieb er die Wesen, die künftig entstehen, die konkreten Manipulationen am Menschen, die einmal möglich werden könnten. Er war ein Denker, ein Visionär, ein Erzähler des Potentiellen – so wie er in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens die Gefahren von „Big Data“ als einer großen Revolution, nur vergleichbar mit der industriellen des 19. Jahrhunderts, heraufbeschwor.

Angesichts seiner manchmal apokalyptischen Warnungen wurde oft übersehen, dass er von den Möglichkeiten, die der menschliche Geist sich damit erschloss, im Grunde begeistert war. Frank Schirrmacher war alles andere als ein kulturpessimistischer Technikfeind, er nutzte beispielsweise die Möglichkeiten des Internets geradezu exzessiv. Aber er war auch nicht blind gegenüber den Herausforderungen und Risiken, die der menschlichen Freiheit aus der technischen Selbstermächtigung des Menschen erwachsen würden.

Dies war wohl der Grund dafür, dass Schirrmacher sich von seinem „klassischen“ Ressort, der Literatur, immer mehr abgewandt hat. Die Aufgabe seines journalistischen Lebens, hat er einmal gesagt, sei es, die von C.P. Snow so genannten „zwei Kulturen“ – auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, auf der anderen die Natur- und Technikwissenschaften – zusammenzuführen, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, weil sie, um der Freiheit des Menschen willen, zusammengehören und sich gegenseitig befruchten und kontrollieren müssen: Geisteswesen und prometheischer Erfindergeist. Er hat dieses Projekt mit der ihm eigenen Energie und seiner schier unerschöpflichen Arbeitskraft betrieben, hat sich mit fast berserkerhaftem Wagemut in wissenschaftliche Sachverhalte – von Gentechnik bis Ökonomie – eingearbeitet, die ihm von Hause aus fernlagen, um sie dann in Erzählungen zu verwandeln, auf die der übliche Begriff des popularisierenden Essays nicht passen will: Es waren Appelle, Aufrufe, manchmal geradezu Aufschreie, die das lesende Publikum aufrütteln sollten, die es vorbereiten wollten, auf das, was auf uns zukommt. Wenn er in seinen Zeitungsartikeln und Büchern – „Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“, „Payback“ oder „Ego“ – vornehmlich negative Konsequenzen schilderte, ging es ihm doch vor allem darum, die Ambivalenz der Entwicklung darzustellen, damit das Positive gerettet werden könne.

Frank Schirrmacher war auch ein begnadeter Polemiker und Polarisierer, er hat das von einem seiner großen Vorbilder, von Marcel Reich-Ranicki, gelernt: Wer nicht laut ist, wird nicht gehört. Dabei ging es nur oberflächlich gegen die Personen, mit denen er dabei in Streit geriet, es ging ihm um die Sache. Um nur zwei Beispiele dafür zu nennen: um unterschwelligen Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ oder um die Selbstgerechtigkeit mancher „Vergangenheitsbewältiger“ in Sachen Günter Grass. Weil das so war, weil er nicht nur scharf verurteilen konnte, sondern auch mit einem geradezu überwältigenden persönlichen Charme ausgestattet war, hat das, zumindest auf seiner Seite, nicht zu dauerhaften Verfeindungen geführt.

Er lebte für diese Zeitung

Frank Schirrmacher hat sich einmal als konservativ bezeichnet. Das ist wahrscheinlich eine der wenigen Fehleinschätzungen, denen er selbst aufgesessen ist. Wenn an ihm etwas konservativ war, dann war es die bis zur Verachtung gesteigerte Ablehnung von Denkschablonen und vorgefassten Meinungen. Er war geistig viel zur rege und auch viel zu neugierig, um sich mit bereits Vorgeprägtem abzufinden. In Wirklichkeit war er in einem geradezu kindlichen oder naiven Sinn unideologisch. Es war ihm völlig gleichgültig, aus welcher „Schule“ oder aus welcher „Partei“ (im weiten wie engen Sinne des Wortes) ein Argument kam, wenn er es, nach sorgfältigem Abwägen, für wichtig und gut befunden hatte. Auf der anderen Seite konnte Schirrmacher geradezu körperlich sichtbar leiden, wenn ein Gesprächspartner seine Argumente nicht verstehen wollte oder konnte. Das machte es völlig unmöglich, ihn nach irgendwelchen politischen Kategorien einzuordnen. Deshalb war das Feuilleton, das er wollte und machte, auch nicht politisch in dem Sinne, dass es in irgendeinem weltanschaulichen Schützengraben saß. Es ging ihm um die besten Argumente im Wettbewerb um die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen. Unpolitisch war das dennoch nicht, denn Schirrmacher glaubte, auch das in einem fast kindlichen Optimismus, an die Macht der Politik, solche Fragen zu erkennen und letztlich – in einem positiven Sinn – zu entscheiden. Als „public intellectual“, der er wie kein anderer in dieser Republik war, hat er dazu, wie kaum ein anderer, beigetragen.

Frank Schirrmacher, am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren, trat nach dem Studium von Germanistik und Anglistik in Heidelberg, von Literatur und Philosophie in Cambridge, am 1. Juli 1985 als Redakteur in das Feuilleton dieser Zeitung ein. 1989 wurde er als Nachfolger von Reich-Ranicki zum Chef des Literaturteils berufen, wo er bald mit seinem ungewohnten Blick für Neues und Unorthodoxes, das über Literatur im überbrachten Sinn hinausging, auf sich aufmerksam machte. Es gibt eine zufällige Koinzidenz in unserem Leben, die zu einer Schicksalsgemeinschaft führte: Schirrmacher und ich wurden am gleichen Tag von unseren Vorgängern – er von Joachim Fest, dem Feuilleton-Herausgeber, und ich von Fritz Ullrich Fack, einem der politischen Herausgeber – darüber informiert, dass sie uns als ihre Nachfolger auserkoren hatten. Ich erinnere mich, wie wir uns an diesem Tag zusammensetzten und noch gar nicht recht begreifen konnten, was uns widerfahren war: Wir sollten künftig die „geistige und politische Linie“ dieser Zeitung, einer der einflussreichsten und wichtigsten dieses Landes, mitbestimmen. Kurz vor dem 1. Januar, dem Tag unseres Amtsantritts, wurden wir zum ersten Mal in die Runde der Herausgeber eingeladen, und wir fühlten uns damals beide, als ob wir in den Adelsstand erhoben worden seien.

In den mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren, die seither vergangen sind, war ich in manchen Fragen mit Schirrmacher nicht einig, aber ich habe ihn immer bewundert. Er hat mich mit seinem Charme und seiner Überredungskunst und Überzeugungskraft gewissermaßen umarmt – er war ein genialer Überwältiger, und meistens ließ man sich gerne von ihm überwältigen. Er war ein inspirierender, großartiger Kollege, als Herausgeber, als Redakteur, als Anreger, der unserer gemeinsamen Zeitung seinen Ideenreichtum und seine vermeintlich unerschöpfliche Kraft großzügig zur Verfügung stellte. Er lebte für diese Zeitung. Dass er dabei über seine Kräfte lebte, ist uns erst jetzt bewusst geworden. Die gesamte Redaktion hat die Nachricht von seinem Herztod zuerst mit Entsetzen, dann mit tiefer Trauer aufgenommen, weil jedem sofort klar war, welchen Verlust wir alle, und damit die Zeitung, mit seinem Tod erleiden. Er wird uns und der Republik fehlen, aber noch mehr fehlen wird er seiner Frau und den beiden Kindern, denen unser ganzes Beileid gehört.

Texte von Frank Schirrmacher
http://www.faz.net/redaktion/frank-schirrmacher-11104246.html

Frank Schirrmacher als Redner und Interviewpartner Information als Fetisch

Themen, die Frank Schirrmacher aufgriff, wurden bald national und international diskutiert, zuletzt in der Digital-Debatte. Ein Rückblick auf Reden und Interviews aus den vergangenen Jahren.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher-als-redner-und-interviewpartner-12988275.html

Zum Tod von Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-frank-schirrmacher-ein-sehr-grosser-geist-12986939.html

Aufstand der Massen und Paradoxien der Elite

http://blogs.faz.net/digital/2014/06/07/aufstand-der-massen-und-paradoxien-der-elite-610/

07.06.2014, 10:30 Uhr  ·  “Elite” hat in Europa den Begriff der “Masse” als Reizwort der Gesellschafts-Beschreibung abgelöst. Welcher soziale Strukturwandel hat diese Bewegung ausgelöst, und wie wird er sich weiter entwickeln?

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Kaum ein anderer Begriff war vor drei oder vier Jahrzehnten so spürbar mit gegenstrebigen polemischen Energien geladen wie der Begriff der “Masse.” Auf der einen Seite stand, von den Erziehungsystemen beständig und in vorderster Front propagiert, die moralisch-existentielle Warnung, nicht zum “Massenmenschen” zu werden, deren normativer Hintergrund ein bildungsbürgerliches Bild vom “Subjekt” oder “Individuum” als selbstbestimmter und auf Differenz ausgerichteter Lebensform war. Doch das Wort “Masse” bezog sich auch, zumal in den politischen Welten des Sozialismus und der Linken, auf demographische Mehrheiten und das mit ihnen assoziierte moralische Recht, gegen alle existierenden “Repressionen” und als “revolutionäre Massen” die eigenen Interessen und die eigenen Werte in den Vordergrund treten zu lassen oder, wenn nötig, “gewaltsam durchzusetzen.”

Jene Spannung, die man tief im zwanzigsten Jahrhundert noch gerne und aus intellektueller Tiefe raunend “dialaktisch” genannt hatte, ist inzwischen implodiert und hat “Masse” zu einem ganz und gar uncharismatischen Wort werden lassen, dem jüngere Generationen nicht einmal mehr seine auratische Vergangenheit anmerken. Ohne Zweifel geht diese Entwicklung auf die zentrale, aber fast befremdlich selten erwähnte soziale Transformation des letzten Vierteljahrhunderts in den westlichen Gesellschaft zurück. Sie sind mittlerweile wirtschaftlich, kulturell und auch politisch von einem sich immer weiter ausdehnenden “Mittelstand” dominiert, der keine Ambitionen hat, sich als “soziale Klasse” zu verstehen, sondern im Nebeneinander von Millionen, ja Milliarden individueller Existenzen besteht, deren Lebensformen immer ähnlicher aussehen, ohne als Normen erlebt zu werden. Zu beinahe nichts verpflichtet dieser Mittelstand, obwohl es ihm schwer fällt, eine Wirklichkeit jenseits der eigenen auch nur vorzustellen. Die monstruöse neue Situation schliesst Reiche wie Arme in der vollen Auseinanderentwicklung ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmöglichkeiten ein; sie tragen die billigeren und teureren Versionen des gleichen Kleidungsstils, und in Europa tendieren beide Seiten auch dazu, die traditionelle Hochsteuer-Poltik zu unterstützen.

In dieser Umgebung lädt sich nun – genau gegenläufig tatsächlich zum Begriff “Masse” – der Begriff der “Elite,” dessen grosse Zeit nach 1930 abgeschlossen schien, mit neuer Kraft auf. Seine Entstehung seit dem siebzehnten Jahrhundert und seine wortgeschichtliche Herkunft aus dem lateinischen Verb “eligere” (“auswählen”) sind an die Emergenz des Bürgertums in Mitteleuropa und an seine frühen, “Merkantilismus” genannten wirtschaftlichen Verhaltensformen gebunden. Durch eine Kaskade von soziologischen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Typen von “Elite” zieht sich die Insistenz auf eine direkte Beziehung zwischen herausragender individueller Leistung, gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Kompensation. In der Politik wurde die bürgerliche Leistungs-Ethik polemisch gegen die Aristokratie als Prinzip des ererbten Status gekehrt. Friedrich Nietzsche hat der in diesem Sinn bürgerlichen Einstellung von “Elite” eine besondere existentielle Vitalität zugeschrieben.

Von der Gegenwart des frühen einundzwanzigsten Jahrhungerts aus mag es überraschen, wie wichtig der Elite-Begriff sowohl für den Faschismus wie für den Kommunismus war, die beiden zentralen Konfigurationen des zwanzigsten als ideologischem Jahrhundert. Denn Faschismus und Kommunismus verstanden sich ja beide als Ideologien der Gleichheit, der ethnischen oder sozialen Gleichheit. Der je spezifische Egalitarismus hat Kommunismus und Faschismus aber nicht daran gehindert, ihre je positiven Bezugsgruppen (“Proletariat,” “Italiener,” “Arier” etc.) mit dem Elite-Begriff zu assoziieren — und darüberhinaus innerhalb ihrer als breiten Eliten aufgefassten Bezugsgruppen noch einmal Spezial-Eliten zu kultivieren (Mussolinis “Arditi” oder Hitlers “SS”).

1929, als Benito Mussolini am Zenith seiner Macht stand und Adolf Hitler dabei war, sich von der Position des politischen Pausenclowns ins deutsche Machtzentrum zu bewegen, erschien unter dem Titel “La Rebelión de las Masas” (“Der Aufstand der Massen”) ein Buch des spanischen Philosophen und Publizisten José Ortega y Gasset, das sofort breite europäische Resonanz fand, das man unter den Vorzeichen der politischen Korrektheit von 1968 dann wegen seiner Kritik an den Massen abzulehnen hatte – und das nun plötzlich im Hinblick auf die gegenwärtige Situation ein schillerndes Aktualitätspotential zurückgewinnt.

Ortegas Titel hatte in jenem historischen Kontext seine besondere Pointe. Angesichts einer Gegenwart, welche die bolschewistische “Oktoberrevolution” von 1917 und den faschistischen “Marsch auf Rom” von 1923 als Revolten der Masse im Sinn einer (jeweiligen) sozialen Klasse und einer (jeweiligen) revolutionären Elite mit angestrengter Begeisterung feierte, wollte er Leser-Aufmerksamkeit auf einen ganz und gar nicht totalitären, aber noch weniger revolutionären “Aufstand” lenken. Das war der Aufstand des selbstzufriedenen Kleinbürgers (“senorito satisfecho”) und sein Anspruch auf ein ebenso bequemes wie sorgenfreies Leben, zu dessen Sicherung er nichts beitragen zu müssen glaubte, weil er sich auf den großzügigen Staat verließ. Ortega bezog Faschismus und Kommunismus in diese Beschreibung ein, ohne seine Version vom “Aufstand der Massen” gleich als koexistensiv mit den beiden grossen Ideologien anzusehen. Neben Selbstzufriedenheit, Grenzenlosigkeit der Ansprüche und blindem Vertrauen auf den Staat attestierte er dem neuen Massenmenschen – mit Nietzsche im Gedächtnis — auch einen Verlust an Vitalität.

Das späte Provokationspotential von Ortega y Gassets Buch als längst ablegtem Klassiker ergibt sich aus den gegenläufigen Veränderungen im Gebrauch der Begriffe “Masse” und “Elite” (und aus den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, auf die sie sich beziehen). Nach dem Erscheinen der “Rebelión de las Masas” hatte die sich in den dreißiger Jahren zuspitzende Rivalität zwischen den Ideologien und den Mächten, welche sie verkörperten, den Blick auf die damals schon einsetzende Entwicklung einer neuen Mittelschicht verstellt. Im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert hingegen ist sie, zumal innerhalb der europäischen Union mit ihren unbegrenzten Erwartungen, ihrer durchaus gedämpften Leistungsbereitschaft und der mit ihrer Expansion einhergehenden demographischen Entwicklung zum zentralen sozialpolitischen Problem der Gegenwart und – mit noch dramatischeren Akzenten – der Zukunft geworden.

Dass “Elite” als Begriff und als Zone des Handelns im neuen alten Mittelstand einen Tabu-Status hat, bedarf kaum ausführlicher Erklärung oder Dokumentation. Ein komplexes System (oder eher: ein ausuferndes Rhizom) wechselseitiger Beobachtung und Limitierung ist zum Schutz der selbstzufriedenen “Gleichheit” entstanden. Aufmerksamkeit verdient eher das doppelt paradoxale Verhältnis zwischen Mittelstand und Elite. Zum einen scheinen gerade unter den Vorzeichen wechselseitiger Beobachtung und Limitierung jene elitäre Motivationen zu gedeihen, welche die Gleichheits-Apostel irritieren. Zum anderen und vor allem gehen mit der unaufhaltsamen Expansion des Mittelstands die Chancen sozialer Mobilität dramatisch zurück. Wer auf jedes Anzeichen elitären Verhaltens und elitärer Dynamik mit kontrollierender Eifersucht reagiert, der trägt unwillentlich auch zur Blockierung der eigenen Aufstiegschancen bei.

Übrigens gehört es zum Habitus der neuen (und alten) Eliten, dass sie im Hinblick auf die öffentliche Manifestation ihrer Leistungen ganz nonchalant (vielleicht demonstrativ nonchalant) bleiben, während jede Art von Status-Bewahrung, ob aristokratisch oder mittelständisch, nach Sichtbarkeit strebt. Wo die Nonchalance aussetzt, ist elitäre schon in besitzstandsbewahrende Bürgerlichkeit umgeschlagen. In “Hooking Up,” einem Essay über die Silicon-Valley-Elite, hat Tom Wolfe diese Bewegung mit ihrer ganzen Ambivalenz beschrieben: “The stodginess of an East Coast career was symbolized by the stodginess of the dress. Even the youngest dressed like old men: the dark blah suit, the light blah shirt, the hopelessly ‘interesting’ Hermes tie…Many of them even wore silk braces. The new Master of the Universe turned it all upside down. At Il Fornaio restaurant in Palo Alto, California, where they gathered to tell war stories and hand out business cards at breakfast, the billionaire founders of the new wonder corporations walked in the door looking like well-pressed, well-barbered beachcombers, but beachcombers all the same. They wore khakis, boating moccasins (without socks) and ordinary cotton shirts with the cuffs rolled up and the front unbuttoned to the navel, and that was it. You could tell at a glance that a Silicon Valley billionaire carried no cell phone. Having breakfast with him at Il Fornaio would be a vice president whose net worth was $ 100 or 200 million. He would be dressed just like the founder, except that he would also be wearing a sport jacket. Why? So he could carry…the cell phone.”

 

Enzensbergers Regeln für die digitale Welt: Wehrt Euch!

Wer sich nicht dauernd mit den digitalen Nachstellungen von Unternehmen und Geheimdiensten herumschlagen will, muss nur ein paar einfache Regeln befolgen. Zehn sind es an der Zahl, die Hans Magnus Enzensberger bündig formuliert.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195.html

Kopie von Enzensberger bei "Beckmann"

Hans Magnus Enzensberger: Hier bei „Beckmann“ über seine Sicht auf die Gefahren der digitalen Welt für die Demokratie sprechend.

Für Leute, die keine Nerds, Hacker oder Kryptographen sind und die Besseres zu tun haben, als sich stündlich mit den Fallgruben der Digitalisierung zu befassen, gibt es zehn einfache Regeln, wie sie sich ihrer Ausbeutung und Überwachung widersetzen können:

1

Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist. Der abergläubischen Verehrung, die ihm zuteil wird, sollte man nichts abgewinnen. Smart sind nicht diese Geräte oder die sie benutzen, sondern die sie uns anpreisen, um unermessliche Reichtümer anzuhäufen und gewöhnliche Menschen zu kontrollieren.

2

Wer immer einem ein kostenloses Angebot macht, ist verdächtig. Man sollte unbedingt alles ausschlagen, was sich als Schnäppchen, Prämie oder Gratisgeschenk ausgibt. Das ist immer gelogen. Der Betrogene zahlt mit seinem Privatleben, mit seinen Daten und oft genug mit seinem Geld.

3

Online-Banking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle.

4

Regierungen und Industrien möchten das Bargeld abschaffen. Ein gesetzliches Zahlungsmittel, das jeder einlösen kann, soll es nicht mehr geben. Münzen und Scheine sind Banken, Händlern, Sicherheitsbehörden und Finanzämtern lästig. Plastikkarten sind nicht nur billiger herzustellen. Sie sind auch unseren Aufpassern lieber, denn sie erlauben es, jede beliebige Transaktion zurückzuverfolgen. Deshalb tut jeder gut daran, Kredit-, Debit- und Kundenkarten zu meiden. Diese ständigen Begleiter sind lästig und gefährlich.

5

Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit einem totalen Boykott zu begegnen. An den Datenschutz den mindesten Gedanken zu wenden fällt ihren Herstellern nicht im Traum ein. Der einzige Körperteil, an dem sie verwundbar sind, ist ihr Konto. Sie sind nur durch die Pleite zu belehren.

6

Ähnliches gilt für die Politiker. Alles, was man gegen ihr Tun und Lassen einwendet, ignorieren sie. Den Finanzmärkten begegnen sie unterwürfig, und gegen das Treiben der Geheimdienste vorzugehen, wagen sie nicht. Interessiert sind sie jedoch daran, wiedergewählt zu werden. Solange das Wahlrecht noch existiert, sollte man ihnen die Stimme verweigern, wenn sie die digitale Enteignung dulden, statt gegen sie vorzugehen.

7

E-Mail, zu deutsch Strompost, ist schön, schnell und kostenlos. Also Vorsicht! Wer eine vertrauliche Botschaft hat oder nicht überwacht werden möchte, nehme eine Postkarte und einen Bleistift zur Hand. Handschrift ist von Automaten schwer zu lesen. Niemand vermutet auf einer Ansichtskarte, die 45 Cent kostet, wichtige Nachrichten. Man braucht also nicht zu einem toten Briefkasten zu greifen, wie er in altmodischen Spionageromanen vorkommt.

8

Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden. Anbieter wie Amazon, Ebay und so weiter speichern alle Daten und belästigen ihre Kunden mit Reklamemüll. Anonymer Einkauf ist besser. Einzelne Adressen, die man gut kennt, können als Ausnahmen durchgehen.

9

Die großen Internetkonzerne finanzieren sich, ebenso wie das sogenannte Privatfernsehen, hauptsächlich durch Reklame. Damit stehlen sie ihren Kunden Zeit und Aufmerksamkeit. Wer einen, in welcher Form auch immer, andauernd anbrüllt oder belästigt, den sollte man abstrafen. Auf alle Angebote, die auf diese Weise vermarktet werden, zu verzichten ist empfehlenswert, ebenso wie Sender, die einen durch Werbung terrorisieren, ein für alle Mal abzuschalten. Das ist nicht nur aus hygienischen Gründen ratsam. Bekanntlich arbeiten besonders amerikanische Großkonzerne eng mit den Geheimdiensten zusammen, um möglichst jede menschliche Regung auszuspähen und zu kontrollieren.

10

Netzwerke wie Facebook nennen sich „sozial“, obwohl sie ihren Ehrgeiz daransetzen, ihre Kundschaft so asozial wie möglich zu behandeln. Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen. Wer bereits das Unglück hat, einem solchen Unternehmen anzugehören, der ergreife so schnell wie möglich die Flucht. Das ist gar nicht so einfach. Was ein Krake einmal erbeutet hat, gibt er nie wieder freiwillig her.

* * *

Mit diesen simplen Maßregeln kann das politische Problem, vor das die Gesellschaft gestellt ist, natürlich nicht gelöst werden. Angesichts der Passivität und der Unterwürfigkeit der hierzulande regierenden Parteien ist es bemerkenswert, wenn sich ein namhafter Politiker überhaupt einmal dazu äußert. Er heißt Martin Schulz und ist nicht nur Präsident des Europäischen Parlaments, sondern sogar Sozialdemokrat. Weder er noch seine Partei hat sich bisher mit Einsprüchen gegen den Sicherheits- und Kontrollwahn hervorgetan. Alle einschlägigen Übergriffe, gleichgültig, ob sie aus dem Ausland kommen oder deutscher Wertarbeit zu verdanken sind, wurden bisher durchgewinkt. Daten speichern, abhören, abwiegeln – das sind die üblichen Verfahren.

Der Schlaf der Vernunft wird bis zu dem Tag anhalten, an dem eine Mehrheit der Einwohner unseres Landes am eigenen Leib erfährt, was ihnen widerfahren ist. Vielleicht werden sie sich dann die Augen reiben und fragen, warum sie die Zeit, zu der Gegenwehr noch möglich gewesen wäre, verschlafen haben.

 

Im Zeitalter von Big Data Wir wollen nicht

Edward Snowden hat die Frage unserer Zeit gestellt: ob wir so leben wollen oder nicht. Big Data verändert unser Denken und Handeln radikal: „Wir können Dinge tun, die wir niemals tun konnten“.

26.08.2013, von Frank Schirrmacher

Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, hat Big Data nicht verstanden - Splitscreen mit dem von Microsoft entwickelten „Domain Awareness System“
Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, hat Big Data nicht verstanden – Splitscreen mit dem von Microsoft entwickelten „Domain Awareness System“

Am 9. Juni dieses Jahres machte der „Guardian“ die Identität Edward Snowdens in einem Interview öffentlich. In dem Gespräch begründete Snowden seine Aktion mit folgendem Satz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ Nach allem, was man seither gelesen, gehört und gesehen hat, ist festzustellen, dass kein Wort an dieser Begründung falsch oder übertrieben war. Die offene Frage in der ganzen Snowden-Affäre, die wir und die Politik uns zu stellen haben, ist dieselbe, die Snowden stellte: ob wir in so einer Welt leben wollen oder nicht.

Offenbar wollen wir. Bundesregierung und die Mehrheit der Bundesbürger haben sich gegenseitig versichert, dass sie nichts voreinander zu verbergen haben. Was immer die unsichtbare Hand der Geheimdienste und des Silicon Valley in irgendeiner elektromagnetischen Schicht an Insider-Informationen sammelt, dringt in den Augen der Bürger ins wirkliche Leben allenfalls als Buchempfehlung vor. Und weil Menschen, die die Aufregung um Snowden nicht gekauft haben, auch nicht eine Partei wählen, die damit Politik macht, hat auch keine Partei eine politische Antwort auf das Drama des überwachten Menschen wirklich im Angebot. Der „Like“-Button ist längst stärker als jedes Bundesverfassungsgerichtsurteil.

Eine „Beendigung der Debatte“ wäre verantwortungslos

Verdorben durch den Wahlkampf, der die Debatte zum reinen Stellvertreterkrieg machte, verwässert durch die nachgerade unverfrorenen Erklärungen, mit der die NSA relevante Informationen in einer Flut von Hintergrundrauschen ertränken wollte, verunsichert durch Snowdens vielleicht ausweglosen, aber angreifbaren Weg nach Moskau und verängstigt von der Gefahr, Terroristen in die Hände zu spielen, hat sich die Informationsgesellschaft offenbar mehrheitlich auf den Standpunkt gestellt, dass man nichts Genaues weiß und auch nie wissen wird und man im Übrigen nichts zu verbergen habe. Zu dieser Einschätzung trugen die offenbar falsche Zuordnung von 500 Millionen Telefonverbindungen in Deutschland ebenso bei wie jene Experten, die, manchmal sogar in der gleichen Person, Snowdens Enthüllungen zum alten Hut, zum Staatsgeheimnis oder zum schieren Missverständnis erklärten. Man versteht nach alledem, warum die Menschheit erst in der „Wissensgesellschaft“ angekommen sein musste, als sie im Jahre 2005 eine neue Wissenschaft erfand: die Agnotologie, die Analyse der systematischen Produktion von Nicht-Wissen. Sie hat einen entscheidenden Effekt auf das, was wir altertümlich politische Willensbildung nennen: Man kann gar nicht mehr sagen, was man will oder nicht.

Offenbar wollen wir. Bundesregierung und die Mehrheit der Bundesbürger haben sich gegenseitig versichert, dass sie nichts voreinander zu verbergen haben. Was immer die unsichtbare Hand der Geheimdienste und des Silicon Valley in irgendeiner elektromagnetischen Schicht an Insider-Informationen sammelt, dringt in den Augen der Bürger ins wirkliche Leben allenfalls als Buchempfehlung vor. Und weil Menschen, die die Aufregung um Snowden nicht gekauft haben, auch nicht eine Partei wählen, die damit Politik macht, hat auch keine Partei eine politische Antwort auf das Drama des überwachten Menschen wirklich im Angebot. Der „Like“-Button ist längst stärker als jedes Bundesverfassungsgerichtsurteil.

So sehen Anzeigen von Firmen aus, die weltweit für ihre Überwachungssoftware werben

So sehen Anzeigen von Firmen aus, die weltweit für ihre Überwachungssoftware werbenEs ist unmöglich, nachzuzeichnen, wie all die Bluffs, Ablenkungen, Fehler, Aufklärungen und Camouflagen, inklusive der Lügen vor dem amerikanischen Kongress, aus der „Debatte“, die sich nicht nur Snowden, sondern auch der amerikanische Präsident wünschte, eine Travestie machten. Es mag sein, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch von etlichen Programmen wie Prism hören werden und die Auseinandersetzung immer mehr zu einer operativen Frage geheimdienstlicher Strategien wird.

Doch die eigentliche Erkenntnis, die Snowden mehr auslöste als dokumentierte, ist längst gewonnen: Wir erleben eine Veränderung der sozialen Ordnung in den westlichen Demokratien, die so grundsätzlich zu sein scheint, dass die „Beendigung der Debatte“ geradezu verantwortungslos wäre. Jeder konnte jetzt seine Meinung zu Edward Snowden und Moskau und einzelnen Programmen äußern. Vielleicht sollte man das allmählich bleiben lassen und insbesondere auf politischer und juristischer Ebene erkennen, dass der Souveränitätsverlust des Landes und Europas – nach der Eurokrise zum zweiten Mal in kurzer Zeit und, wie Christian Lindner und Sigmar Gabriel zu Recht in der F.A.Z. hervorhoben, durchaus aus den gleichen Gründen – nur ein Symptom für neue Machtverhältnisse ist. So wichtig es ist, Terror zu bekämpfen oder Cyberangriffe abzuwehren, so übereinstimmend reden die Experten davon, dass alle Überwachungssysteme, egal ob in China oder Russland oder Ägypten oder Amerika, gleich konstruiert sind. Die Proliferation der Technologie, vom „Wall Street Journal“ in erschreckender Detailgenauigkeit dokumentiert, wird ohne Zweifel auf politischer Ebene zu einem Rüstungswettlauf führen, in dem sich immer häufiger Überwachungssysteme (vom Cyberwar ganz zu schweigen) gegenseitig auszutricksen versuchen. Die Sache ist einfach: Einem trotz der Internetgiganten immer noch dezentralen Netz kann sich jederzeit ein Zentralgehirn zuschalten, das buchstäblich jede Lebens- und Geräteäußerung aufzeichnen, analysieren und vergleichen kann. Schon gibt es Andeutungen, dass die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht zeitgemäß sei. Die Vision, dass selbst Grundrechte einem ständigen Update unterliegen und stets nur in der Betaversion vorhanden sind, ist so beklemmend, dass man sich wünscht, dass in der Debatte, die nicht nur die NSA, sondern Google, Facebook oder Apple umfassen müsste, sich endlich Verfassungsjuristen zu Wort melden. Von Unternehmen, die bereit sind, beispielsweise in China auf staatliche Anordnung das Wort „Demokratie“ aus Blogtiteln zu streichen, ist selbst wenig zu erwarten.

Ein gigantisches Hirn, das sich nur erinnern muss

Das neue Zeitalter von Big Data erschafft die größte Überwachungsmaschine, die es jemals gab. Es kommt in einer Erscheinungsform, für die wir keine kulturelle Prägung besitzen. Sie ist nicht vorhergesehen worden von Wissenschaftlern, nicht von Ingenieuren, nicht von Science-Fiction-Autoren, auch und vor allem nicht von George Orwell. Ihre Besonderheit besteht darin, dass Überwachung zum ökonomischen Rational schlechthin wird: Praktisch alle Märkte und Produkte werden ihre Konsumenten und Nutzer überwachen, sortieren und evaluieren. Die Algorithmen, die das tun, sind zum Großteil beliebig austauschbar: Ob man bei Amazon einkauft oder einen Menschen evaluiert, das ist kein fundamentaler Unterschied.

Gus Hunt, der Cheftechniker der CIA und eine unschätzbare Quelle für die Dinge, die die NSA nicht sagen will (und die er jetzt vielleicht auch nicht mehr sagen würde), lobte beim „Amazon Web Service Summit“ im Jahre 2011, dass die „Märkte uns erlauben, Dinge mit Informationen zu tun, die wir niemals haben tun können“ (siehe auch hier).

Es ist eine Zivilisation, in der Realitäten entstehen, für deren Voraussage man vor zehn Jahren zum Therapeuten geschickt worden wäre: zum Beispiel die (in den Worten von Alex Pentland), dass unsere Kleidung, wenn man einen Raum betritt, „sofort weiß, was los ist und entsprechend reagieren kann“.

Geprägt von den Spionage- und Orwell-Erzählungen des letzten Jahrhunderts, stellen sich viele den Vorgang als eine Art „Suche“ vor. Viel zutreffender aber ist das Bild eines gigantischen Hirns, das sich nur erinnern muss. Deshalb entstehen überall Datenspeicher in unfassbaren Dimensionen – das Pentagon beispielsweise, nur eine Regierungsbehörde unter vielen, wenn auch eine sehr datenintensive, baut eine Erweiterung seines Datenspeichers in einer Größe (Yottabytes), für deren nächsthöhere Dimension es noch gar kein Wort gibt.

Die Rolle der Quants

Solche Datenmengen lassen sich natürlich nur automatisiert verarbeiten, sortieren und, wie es die Finanzmärkte vormachen, in Vorhersagen umschreiben. Der rätselhafte Satz der NSA, sie habe nur einen Bruchteil der Daten „angefasst“ („touched“), ist deshalb auch keine Beruhigung, sondern eine Trivialität. Man darf sich die neue Welt nicht vorstellen als die Welt Hollywoods, in der der Detektiv unerbittlich einer Spur nachgeht, alles andere eliminiert und schließlich zum Ziel kommt. Was den Detektiv verwirren würde, ist das Lebenselixier der Überwachungs- und Vorhersagesysteme des neuen Zeitalters: Sie verbessern sich, je totaler, zufälliger und vielschichtiger die Daten werden. Sie brauchen im Idealfall alles.

All das kann im Ernst nicht bezweifelt werden. Schon vor drei Jahren veröffentlichte das „Wall Street Journal“ eine grandiose Dokumentation über die Überwachungsindustrie – der auch Snowden angehörte -, die ihre Produkte in die ganze Welt, zuletzt nach Syrien, verkaufte.

Facebook, so schrieb ein Autor, der die NSA-Aktionen quantitativ relativieren wollte, speichere pro Tag 20 Mal mehr reine Log Data, als die NSA insgesamt Daten speichere. Das war als Beruhigung gedacht. Dass es zutiefst verstörend ist, insbesondere wenn man weiß, dass die NSA auf die Daten zugreifen könnte und Facebook sie vermarkten und verkaufen kann, schien ihm kein nennenswerter Einwand zu sein. Gus Hunt hat auf dem Amazon-Gipfel erklärt, dass Daten nicht weggeworfen werden dürfen: Man weiß ja nicht, was sie in Zukunft bedeuten können: „Wir bewegen uns weg von dem Paradigma der Suche hin zur Korrelation von Daten im Voraus, um zu wissen, was passieren wird.“

Die Frage, warum das den Einzelnen beunruhigen sollte, ist damit noch nicht beantwortet. Vielleicht kann, da die Phantasie nicht ausreicht, der Blick auf Biotope helfen, in denen dieser „mindset“ bereits – oft völlig unbemerkt – in den Alltag integriert ist. Der Ökonom und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowksi, einer der besten Kenner des Computers und seiner Mathematik, hat soeben in seinem neuem Buch „Never Let a Serious Crisis Go to Waste“ die Überwachungsalgorithmen bei normalen Kundenkreditvergaben in den Vereinigten Staaten analysiert. Er zeigt bestechend, wie das angeblich so fluide digitale Ich, das längst unser wirkliches zu ersetzen beginnt, in eine Matrix von Algorithmen evaluiert und risikobewertet wird, in der das empirische, wirkliche Ich keine Chance mehr hat. Die „New York Times“ hat in einer aufregenden Reportage Obamas letzten Wahlkampf analysiert. Sie beschreibt die Rolle der Quants, der mathematischen Köpfe hinter den neuen Verfahren, die über exzessive Überwachungsstrategien in Facebook Wahlen gewinnen, indem sie Politik selbst verändern: Die Politik, die aus zivilen Überwachungsmärkten entsteht, will niemanden mehr überzeugen und viele auch gar nicht mehr erreichen. Sie weiß, was „Allokation von Ressourcen“ auch im Bereich politischen Denkens bedeutet. So wie „pre crime“- Analytik, die Vorhersage von Verbrechen, die Kosten für die Polizei senkt, so senkt die Überwachungsmathematik im politischen Geschäft die Kosten für Ideen und für den Geist.

Der verkaufte Nutzer

So pathetisch die Frage klingen mag: Snowdens Bekenntnis, er wolle nicht in so einer Gesellschaft leben, macht seinen Fall zur wirklichen Chance für die Selbstvergewisserung der Gesellschaft – in den Worten des hier unverdächtigen Hans-Peter Uhl zum „Weckruf“.

Die Dramatik wird nicht dadurch geringer, dass wir auch als Menschen dazu neigen, die Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren, allerdings mit weniger Daten und schlechterem Gedächtnis als die Überwachungssysteme. Zur demokratischen Substanz gehört, dass Medien und Öffentlichkeit Gegenwehr entwickeln. Auch hier ist der Fall Snowden in seiner Verengung auf Verrat oder Heldentum ein Menetekel. Dass innerhalb der „Debatte“ gemeldet wird, dass der amerikanische Staat eine Software zur Gesichtserkennung von Menschenmengen sehr weit entwickelt hat; oder dass Google erklärt, dass Googlemail-Nutzer nicht mit Privatsphäre rechnen können, hätte in der Vergangenheit einen Sturm der Entrüstung, zumindest Nachfragen ausgelöst. Und auch die Medien entwickeln sich zu kleinen Überwachungsmaschinen. David Ignatius, der CIA-Fachmann der „Washington Post“, wurde in der Fernsehsendung „Meet the Press“ gefragt, was er vom Verkauf an Jeff Bezos halte. „Wissen Sie“, sagte er, „wenn ich auf die Amazon-Seite gehe, wissen die eine Menge über mich. Sie wissen, was ich kaufen will. Es gibt keinen Grund, warum wir das nicht auch auf unserer Zeitungs-Website machen können.“

Wer über Snowden redet, muss über die Veränderung des Denkens reden. Es ist genau das, was Admiral Poindexter, der Architekt der Überwachungsapparatur für die NSA, vorausgesagt hat, als er von unserem „Manhattan-Projekt für das 21. Jahrhundert“ geredet hat. Größer kann man es nicht formulieren. Denn das Projekt, das zur Atombombe führte, hat das Denken und die Rationalität der Gesellschaft tiefgreifender verändert als die Bombe selbst, die im Kalten Krieg immer nur ein Symbol war. Damals gab es heftige, fruchtbare Debatten. Von den Großintellektuellen hat sich vernehmlich – und für ihn singulär – nur Hans Magnus Enzensberger zu Wort gemeldet. Aber was heißt heute „zu Wort gemeldet“? Die Schriftstellerin Juli Zeh, die das Thema früher und scharfsinniger als viele andere erkannte, hat auf „change.org“ eine Petition an die Bundeskanzlerin formuliert und mit ihrer Warnung vor dem Überwachungsstaat immerhin fünfzigtausend Unterschriften gesammelt. Vielleicht ist Warnung nötig, nicht nur vor dem Staat allein. „change.org“ ist eine kommerzielle Plattform, die ungezählte solcher Petitionen organisiert. Philip Mirowski hat unlängst das Kleingedruckte gelesen und festgestellt, dass „jeder, der die Seite benutzt, damit rechnen muss, dass seine persönlichen Informationen an die Personen oder Organisationen weitergeleitet werden, die die Petition organisieren; sie außerdem an dritte Parteien, an Behörden oder Kläger übermittelt und sogar unter bestimmten Umständen verkauft werden können.“

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