Frank Schirrmacher : Friedenspreis für Jaron Lanier Seine Waffe ist die Aufklärung

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zum-friedenspreis-fuer-jaron-lanier-12974969.html

Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist ein politisches Signal: Was wäre optimistischer als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

05.06.2014, von Frank Schirrmacher

Jaron Lanier

Als Kind des Silicon Valley kann er nötige Aufklärungsarbeit leisten: Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

an muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist. Allerdings: Man lebte da ja wirklich. Man tut es noch; ein beträchtlicher Teil des Landes glaubt immer noch, die Snowden-Affäre spielte sich in einer anderen Galaxie ab.

Deshalb muss man immer noch erklären, was Snowdens Enthüllungen „mit einem selbst“ zu tun haben. Offenbar glauben viele immer noch, der Eintritt in die Risikozone digitaler Technologien wäre Lichtjahre von ihnen persönlich entfernt. Immerhin, der Börsenverein denkt es nicht mehr, denn er reiht Lanier jetzt in die Kette jener Preisträger ein, die an den Wendepunkten technologisch-gesellschaftlichen Wandels ausgezeichnet wurden: Carl-Friedrich von Weizsäcker 1963 im Zeichen der Atomangst und der Club of Rome zehn Jahre später angesichts von Öl-Schock und beginnender Umweltbewegung.

Schwer, den Informatiker, der das Internet mitentwickelte, mit dem Etikett „Kulturpessimist“ zu belegen, den die neue Kaste der Industrie-Intellektuellen aus den soziologischen Friedhöfen des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebuddelt hat. Nicht nur weiß Lanier, der als Dreizehnjähriger Informatik zu studieren begann, wovon er technisch redet; er widerlegt auch die demagogische Grundfigur, die der wohlfeilen Opposition zugrundeliegt. Was könnte optimistischer sein als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

Die Aufgabe der politischen Debatte

Lanier sieht, wie vor ihm nur der Computer-Halbgott Joseph Weizenbaum, seit zehn Jahren voraus, womit wir heute zu tun haben. Er hat erkannt, dass die Kommerzialisierung des Internet in der ersten Jahrhundertdekade neue Machtzentren erschafft, die in dem Maße, in dem das Leben selbst digitalisiert wird, zu Chefs der Menschen werden.

Snowdens Enthüllungen deutet er wie ein Los Alamos der Digitalwelt. Hier wurde, wie einst bei den ersten Atombombentests in der Wüste von Nevada, bewiesen, dass tatsächlich angewendet wird, was theoretisch für möglich gehalten wurde: die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern. Ihn wird am wenigsten gewundert haben, dass die amerikanische Regierung selbst dieses Unterfangen in die Nähe des technologischen Zentralereignisses des letzten Jahrhunderts stellte: Sie nannte ihr Überwachungsprogramm das „zweite Manhattan Projekt“.

Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens. Ein Drittes gibt es nicht, wird es nie geben: Auch das ist bei ihm nachzulesen. Wer glaubt, sich entziehen zu können, unterschätzt, dass der Nicht-Gebrauch der Technologie ihn schon bald vom gesellschaftlichen Leben ausschließen wird. Auch deshalb verwundert die Insistenz, mit der manche Politiker, aus Angst, für unmodern zu gelten, immer wieder darauf hinweisen, man dürfe das Digitale, Big Data an der Spitze, nicht „verteufeln“. Als ginge es darum! Als wüsste nicht jeder, dass Big Data große Wohlstandschancen eröffnet, dass es aber gleichzeitig ein großes Spiel mit der menschlichen Existenz sein kann, bei dem wir die Regeln nicht kennen. Als fände nicht längst die Debatte über die Risiken und Chancen des Digitalen auf allen Plattformen des Digitalen statt! Gegen solche Polemik ist Jaron Lanier ein gutes Gegengift. In der politischen Debatte muss es um das gehen, was Norbert Wiener einst mit Blick auf das Zeitalter intelligenter Maschinen die „menschliche Behandlung von Menschen“ nannte. Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird.

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird – seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen – vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

Mehr zum Thema

Anuncios

Zum Tode von Frank Schirrmacher Der Überwältiger

http://www.faz.net/aktuell/faz-guenther-nonnenmacher-ueber-frank-schirrmacher-12988533-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

Frank Schirrmacher war Journalist mit Leib und Seele. Er wollte der Gesellschaft ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Die großen gesellschaftlichen Fragen fasste er in Bilder, er stellte sie szenisch und dramaturgisch-dramatisch dar. Mit ihm ist ein „public intellectual“ gestorben, wie es sonst kaum einen anderen in der Republik gibt.

13.06.2014, von Günther Nonnenmacher

Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ

Frank Schirrmacher, geboren 5. September 1959, gestorben 12. Juni 2014

r wurde mitten aus dem Leben gerissen, und das hieß bei ihm vor allem: mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Journalismus. Noch in dieser Woche hat Frank Schirrmacher als Jahresvorsitzender des Herausgebergremiums Sitzungen geleitet. Das war bei ihm kein bürokratischer Akt, die Punkte der Tagesordnung arbeitete er eher mit einer gewissen Nonchalance ab. Aber wenn er im alltäglichen Detail des Zeitungsgeschäftes die Spuren des Großen und Ganzen sah – und seine Fähigkeit dazu war phänomenal –, dann blühte er auf, dann wurde jede Diskussion, die er mit seinen Anstößen, Ideen und Gedankenspielen belebte, zum intellektuellen Ereignis. Er sprühte bis zum letzten Tag vor Einfallsreichtum und Energie. Kein Anzeichen war zu erkennen, das auf einen plötzlichen Tod hätte hindeuten können. Umso größer ist das Entsetzen unter seinen Kollegen.

„Wir sind doch Journalisten“, war einer der Sätze, die er immer wieder sagte. Und er war Journalist mit Leib und Seele. Schirrmacher war als ehemaliger Chef des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki) literarisch hochgebildet, hatte aber nie den Ehrgeiz, einen Roman zu schreiben. Er war historisch außergewöhnlich interessiert und informiert, aber er sah sich in keiner Weise als Konkurrent der zünftigen Historiker. Journalist sein hieß für Schirrmacher vor allem: wirken wollen. Seine Methode, um Wirkung zu erzielen, war einmalig. Er wollte dem Publikum, ja der Gesellschaft, ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Schirrmacher konnte die großen gesellschaftlichen Fragen nicht nur analysieren, er fasste sie auch in Bilder, stellte sie szenisch und dramaturgisch – auch dramatisch – dar.

Wenn er vom demographischen Wandel sprach oder über ihn schrieb, dann ging es ihm nicht in erster Linie um die Probleme der Rentenversicherung; er stellte sich die künftige Gesellschaft gewissermaßen leiblich vor: leere Räume und verödete Landstriche, in denen vereinsamte Menschen herumirren würden, Lethargie, die in einem Land um sich greift, wenn die Dynamik der Jugend fehlt. Wenn er vom Potential der Gentechnologie oder der Informationstechnik erzählte, dann beschrieb er die Wesen, die künftig entstehen, die konkreten Manipulationen am Menschen, die einmal möglich werden könnten. Er war ein Denker, ein Visionär, ein Erzähler des Potentiellen – so wie er in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens die Gefahren von „Big Data“ als einer großen Revolution, nur vergleichbar mit der industriellen des 19. Jahrhunderts, heraufbeschwor.

Angesichts seiner manchmal apokalyptischen Warnungen wurde oft übersehen, dass er von den Möglichkeiten, die der menschliche Geist sich damit erschloss, im Grunde begeistert war. Frank Schirrmacher war alles andere als ein kulturpessimistischer Technikfeind, er nutzte beispielsweise die Möglichkeiten des Internets geradezu exzessiv. Aber er war auch nicht blind gegenüber den Herausforderungen und Risiken, die der menschlichen Freiheit aus der technischen Selbstermächtigung des Menschen erwachsen würden.

Dies war wohl der Grund dafür, dass Schirrmacher sich von seinem „klassischen“ Ressort, der Literatur, immer mehr abgewandt hat. Die Aufgabe seines journalistischen Lebens, hat er einmal gesagt, sei es, die von C.P. Snow so genannten „zwei Kulturen“ – auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, auf der anderen die Natur- und Technikwissenschaften – zusammenzuführen, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, weil sie, um der Freiheit des Menschen willen, zusammengehören und sich gegenseitig befruchten und kontrollieren müssen: Geisteswesen und prometheischer Erfindergeist. Er hat dieses Projekt mit der ihm eigenen Energie und seiner schier unerschöpflichen Arbeitskraft betrieben, hat sich mit fast berserkerhaftem Wagemut in wissenschaftliche Sachverhalte – von Gentechnik bis Ökonomie – eingearbeitet, die ihm von Hause aus fernlagen, um sie dann in Erzählungen zu verwandeln, auf die der übliche Begriff des popularisierenden Essays nicht passen will: Es waren Appelle, Aufrufe, manchmal geradezu Aufschreie, die das lesende Publikum aufrütteln sollten, die es vorbereiten wollten, auf das, was auf uns zukommt. Wenn er in seinen Zeitungsartikeln und Büchern – „Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“, „Payback“ oder „Ego“ – vornehmlich negative Konsequenzen schilderte, ging es ihm doch vor allem darum, die Ambivalenz der Entwicklung darzustellen, damit das Positive gerettet werden könne.

Frank Schirrmacher war auch ein begnadeter Polemiker und Polarisierer, er hat das von einem seiner großen Vorbilder, von Marcel Reich-Ranicki, gelernt: Wer nicht laut ist, wird nicht gehört. Dabei ging es nur oberflächlich gegen die Personen, mit denen er dabei in Streit geriet, es ging ihm um die Sache. Um nur zwei Beispiele dafür zu nennen: um unterschwelligen Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ oder um die Selbstgerechtigkeit mancher „Vergangenheitsbewältiger“ in Sachen Günter Grass. Weil das so war, weil er nicht nur scharf verurteilen konnte, sondern auch mit einem geradezu überwältigenden persönlichen Charme ausgestattet war, hat das, zumindest auf seiner Seite, nicht zu dauerhaften Verfeindungen geführt.

Er lebte für diese Zeitung

Frank Schirrmacher hat sich einmal als konservativ bezeichnet. Das ist wahrscheinlich eine der wenigen Fehleinschätzungen, denen er selbst aufgesessen ist. Wenn an ihm etwas konservativ war, dann war es die bis zur Verachtung gesteigerte Ablehnung von Denkschablonen und vorgefassten Meinungen. Er war geistig viel zur rege und auch viel zu neugierig, um sich mit bereits Vorgeprägtem abzufinden. In Wirklichkeit war er in einem geradezu kindlichen oder naiven Sinn unideologisch. Es war ihm völlig gleichgültig, aus welcher „Schule“ oder aus welcher „Partei“ (im weiten wie engen Sinne des Wortes) ein Argument kam, wenn er es, nach sorgfältigem Abwägen, für wichtig und gut befunden hatte. Auf der anderen Seite konnte Schirrmacher geradezu körperlich sichtbar leiden, wenn ein Gesprächspartner seine Argumente nicht verstehen wollte oder konnte. Das machte es völlig unmöglich, ihn nach irgendwelchen politischen Kategorien einzuordnen. Deshalb war das Feuilleton, das er wollte und machte, auch nicht politisch in dem Sinne, dass es in irgendeinem weltanschaulichen Schützengraben saß. Es ging ihm um die besten Argumente im Wettbewerb um die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen. Unpolitisch war das dennoch nicht, denn Schirrmacher glaubte, auch das in einem fast kindlichen Optimismus, an die Macht der Politik, solche Fragen zu erkennen und letztlich – in einem positiven Sinn – zu entscheiden. Als „public intellectual“, der er wie kein anderer in dieser Republik war, hat er dazu, wie kaum ein anderer, beigetragen.

Frank Schirrmacher, am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren, trat nach dem Studium von Germanistik und Anglistik in Heidelberg, von Literatur und Philosophie in Cambridge, am 1. Juli 1985 als Redakteur in das Feuilleton dieser Zeitung ein. 1989 wurde er als Nachfolger von Reich-Ranicki zum Chef des Literaturteils berufen, wo er bald mit seinem ungewohnten Blick für Neues und Unorthodoxes, das über Literatur im überbrachten Sinn hinausging, auf sich aufmerksam machte. Es gibt eine zufällige Koinzidenz in unserem Leben, die zu einer Schicksalsgemeinschaft führte: Schirrmacher und ich wurden am gleichen Tag von unseren Vorgängern – er von Joachim Fest, dem Feuilleton-Herausgeber, und ich von Fritz Ullrich Fack, einem der politischen Herausgeber – darüber informiert, dass sie uns als ihre Nachfolger auserkoren hatten. Ich erinnere mich, wie wir uns an diesem Tag zusammensetzten und noch gar nicht recht begreifen konnten, was uns widerfahren war: Wir sollten künftig die „geistige und politische Linie“ dieser Zeitung, einer der einflussreichsten und wichtigsten dieses Landes, mitbestimmen. Kurz vor dem 1. Januar, dem Tag unseres Amtsantritts, wurden wir zum ersten Mal in die Runde der Herausgeber eingeladen, und wir fühlten uns damals beide, als ob wir in den Adelsstand erhoben worden seien.

In den mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren, die seither vergangen sind, war ich in manchen Fragen mit Schirrmacher nicht einig, aber ich habe ihn immer bewundert. Er hat mich mit seinem Charme und seiner Überredungskunst und Überzeugungskraft gewissermaßen umarmt – er war ein genialer Überwältiger, und meistens ließ man sich gerne von ihm überwältigen. Er war ein inspirierender, großartiger Kollege, als Herausgeber, als Redakteur, als Anreger, der unserer gemeinsamen Zeitung seinen Ideenreichtum und seine vermeintlich unerschöpfliche Kraft großzügig zur Verfügung stellte. Er lebte für diese Zeitung. Dass er dabei über seine Kräfte lebte, ist uns erst jetzt bewusst geworden. Die gesamte Redaktion hat die Nachricht von seinem Herztod zuerst mit Entsetzen, dann mit tiefer Trauer aufgenommen, weil jedem sofort klar war, welchen Verlust wir alle, und damit die Zeitung, mit seinem Tod erleiden. Er wird uns und der Republik fehlen, aber noch mehr fehlen wird er seiner Frau und den beiden Kindern, denen unser ganzes Beileid gehört.

Texte von Frank Schirrmacher
http://www.faz.net/redaktion/frank-schirrmacher-11104246.html

Frank Schirrmacher als Redner und Interviewpartner Information als Fetisch

Themen, die Frank Schirrmacher aufgriff, wurden bald national und international diskutiert, zuletzt in der Digital-Debatte. Ein Rückblick auf Reden und Interviews aus den vergangenen Jahren.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher-als-redner-und-interviewpartner-12988275.html

Zum Tod von Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-frank-schirrmacher-ein-sehr-grosser-geist-12986939.html

Buchempfehlung – R.Willemsen Das Hohe Haus

Das Hohe Haus

Das hohe Haus

Eine Deutschlandreise anderer Art, zugleich ein Versuch, der so noch nicht unternommen wurde: Ein Jahr lang, von der ersten Sitzungswoche bis zur letzten und an jedem einzelnen Sitzungstag, besuchte Roger Willemsen den Deutschen Bundestag und verfolgte von der Tribüne das Geschehen. Keine Stunde war zu spät, kein Thema zu entlegen, als leidenschaftlicher Zeitgenosse wollte er aus der Perspektive des Augenzeugen, des mündigen Bürgers erfahren, auf welche Weise das Parlament das demokratische Individuum repräsentiere, welche Themen bestimmend seien, wie sich Entscheidungen bildeten, wie sie verhandelt wurden und welche Beobachtungen sich für einen Autor ergäben, der keine tagesaktuellen Wichtigkeiten zu ermitteln hat und sich auch nicht auf Fernsehbilder verlässt.

Willemsen konzentrierte sich auf den Bundestag, als das Zentrum der Demokratie, den Ausgangpunkt von Entscheidungen, die das gemeinschaftliche und somit auch sein eigenes Leben prägen. Zugleich betrat er das „Hohe Haus“ zu einem Zeitpunkt der Krise des Parlaments als „Entscheidungsmitte“ der repräsentativen Demokratie.

Was er beobachtet, das sind die kleinen Szenen an Nebenschauplätzen, die großen Debatten und Feierstunden, Situationen der Rührung, der Freude, des Schreckens sogar und des Protests. Darunter sind Momente, die keine Öffentlichkeit gefunden haben und Situation, die jedem Klischee vom Bundestag widersprechen. Ebenso aber finden sich ernüchternde Beobachtungen aus der Stammeskultur des Parlamentariers und seinen Riten. „Das Hohe Haus“ ist der Bericht eines Augenzeugen, der voraussetzungslos schaut und tagebuchartig erzählt und protokolliert, selbst erstaunt, als wie ergiebig sich diese Perspektive erweist. Als Dieter Hildebrandt von dem Projekt erfuhr, rief er aus: „Warum ist auf diese Idee noch niemand gekommen!“

Auf der Bühne präsentiert Willemsen seine parlamentarischen Exkursionen gemeinsam mit der Schauspielerin Annette Schiedeck und dem Hörfunk-Moderator Jens-Uwe Krause.

Roger Willemsen veröffentlichte sein erstes Buch 1984 und arbeitete danach als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt u. a. den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, für seine Bücher den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, zuletzt den Prix Pantheon-Sonderpreis. Willemsen ist Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und steht mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Seine Bestseller ›Deutschlandreise‹, ›Gute Tage‹, ›Afghanische Reise‹, ›Kleine Lichter‹, ›Der Knacks‹, ›Bangkok Noir‹, ›Die Enden der Welt‹ und ›Momentum‹ erschienen im S. Fischer Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt.

http://www.roger-willemsen.de/programm/das-hohe-haus/

Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament – Sachbuch – Hardcover

Preis € (D) 19,99 | € (A) 20,60 | SFR 28,90 – ISBN: 978-3-10-092109-3

Fischer Verlag  http://www.fischerverlage.de/buch/das_hohe_haus/9783100921093

Leseprobe: RW Leseprobe LP_978-3-10-092109-3

Interview zum Buch in Pelzig haelt sich vom 18.03.2014 ( 7 Tage online)
zdf : http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2110768/%22Pelzig-h%C3%A4lt-sich%22-vom-18-M%C3%A4rz-2014

Gegenwartsliteratur – Letzte Ausfahrt Uckermark

Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so unglaublich langweilig? Weil die Enkel der Nazi-Generation noch immer bestimmen, was gelesen wird. Was hier fehlt, sind lebendige literarische Stimmen von Migranten. Die aber passen sich an und kassieren Wohlfühlpreise. von Maxim Biller

http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller/komplettansicht

https://nosologoethevlc.files.wordpress.com/2014/02/a8e7c-1889528870-gartenzwerge-9.jpg

Seit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur durch die Nationalsozialisten waren die deutschen Schriftsteller, Kritiker und Verleger jahrzehntelang fast nur noch unter sich. Natürlich konnte man nach 1945 Echos der intellektuell und literarisch fruchtbaren Vorkriegszeit hören, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Emigranten und Verfolgte wie Peter Weiss, Elias Canetti und Marcel Reich-Ranicki schrieben Romane und Kritiken, die vom deutschen Publikum gelesen und oft auch ernst genommen wurden. Aber nur solange diese Autoren lebten und aktiv waren, spielte ihre – sehr jüdische – Art, scharf zu denken, präzise zu fühlen und kosmopolitisch zu leben, in unserer geistigen Welt eine Rolle. Als Reich-Ranicki im September 2013 starb, endete endgültig das Experiment “deutsch-jüdische Symbiose”, dieser hundert Jahre währende Versuch, im romantischen Krähwinkel Deutschland eine neue Tradition des Realismus – literarisch und politisch – zu etablieren.

Die Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer tut unserer Literatur nicht gut, sie wird immer selbstbezogener, dadurch kraftloser und provinzieller. Eine Weile sah es so aus, als hätten die Frauen und Männer der Gruppe 47 diese dramatische Lücke schließen können. Aber wer will heute auch nur einen ihrer früher so berühmten Romane lesen? Nach Johnson und den anderen kam die müde Innerlichkeitsprosa von Handke und Strauß, danach verstopften die irrelevanten Sprachexperimente der Retro-Avantgardisten die Feuilletonspalten und Bücherregale. Und seit mehr als einem Jahrzehnt prägt der sozrealistische Formalismus des Leipziger Literaturinstituts den narzisstischen und literarisch völlig folgenlosen Geschmack von Kritikern und Germanisten, deren Urteilen kein Leser oder Buchhändler noch glaubt. In anderen Worten: Die deutsche Literatur ist wie der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.

Während unsere Literatur stirbt, erneuert sich die Gesellschaft so radikal, als lebten wir in den Tagen der Völkerwanderung. Über sieben Millionen Menschen mit einem ausländischen Pass wohnen inzwischen in Deutschland, weitere zwölf Millionen stammen aus Familien von Einwanderern. In der Öffentlichkeit begegnen sie uns bis jetzt meist als domestizierte SPD-Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre, als verzweifelte und trotzige Hip-Hop-Millionäre oder als exaltierte Reality-Schauspieler im Privatfernsehen – als selbstbewusste Intellektuelle und Schriftsteller treten sie immer noch viel zu selten in Erscheinung. Wie kommt das? An ihrer Zahl kann es nicht liegen, denn es werden jedes Jahr immer mehr Bücher deutschsprachiger Autoren veröffentlicht, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, ja manche von ihnen sind sogar erst als Kinder und Jugendliche hierhergekommen. Und trotzdem kann man bis heute nicht von einer neuen literarischen Bewegung sprechen, was nur den überrascht, der glaubt, Deutschland sei kulturell ein genauso offenes Land wie die USA, England oder Israel.

Bis heute trudeln Romane und Erzählungen von Jasmin Ramadan, Navid Kermani oder Ann Cotten durch das Meer der Frühjahrs- und Herbstneuerscheinungen wie alle anderen Bücher. Sie werden ebenfalls manchmal kurz nach oben gespült, wahrgenommen und verschwinden danach für immer. Das liegt unter anderem daran, dass diese Schriftsteller sich sehr früh – oft schon in ihrem Debüt, das normalerweise das weit offene Fenster zur Biografie eines jeden Autors ist – der herrschenden Ästhetik und Themenwahl anpassen. Auch sie entscheiden sich wie ihre deutschen Kollegen sprachlich meist für den kalten, leeren Suhrkamp-Ton oder für den reservierten Präsensstil eines ARD-Fernsehspiel-Drehbuchs. Und auch ihre Helden sind relativ unglückliche, gesichtslose Großstadtbewohner mit nichtssagenden Nuller-Jahre-Vornamen, mit Liebes- und Arbeitsproblemen, ohne Selbstbewusstsein und festes Einkommen, dafür fest im Griff von Facebook, Clubwahn und HBO. Aber dass sie – die Autoren – selbst in einer Umgebung leben, die ihren Eltern und ihnen bei aller alltäglichen Gewohnheit ein Leben lang fremd bleiben wird; dass sie hier mal verhöhnt, mal verhätschelt, jedoch nie als Gleichberechtigte und willkommene Veränderer behandelt werden; dass das harmoniesüchtige, postnazistische und vereinte Deutschland von ihnen noch mehr als von jedem seiner indigenen Künstler und Bürger erwartet, dass er sich an den deprimierenden, pseudoliberalen Angela-Merkel-Konsens anpasst – von alldem steht kaum etwas in ihren Büchern. Und sogar wenn sie – wie zum Beispiel wie Marjana Gaponenko oder Zsuzsa Bánk – ihre Immigrantenbiografie in ihren Texten durchscheinen lassen, sind die nie der Ausgangspunkt eines Konflikts der handelnden Figuren ihrer Romane, sondern fast immer nur Folklore oder szenische Beilage.

Viele – sehr viele – der Autoren, von denen ich spreche, haben für genau diese Art von Onkel-Tom-Literatur den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekommen. Dieser Preis, der anfangs vor allem für schreibende Gastarbeiter gedacht war, ist eine große Gemeinheit. Er wird ausdrücklich solchen Schriftstellern verliehen, die früher kein Deutsch konnten, es jetzt aber so gut beherrschen, dass sie es – während Hölderlin ihnen die Sinne vernebelt und Thomas Mann die Hand führt – schaffen, ein ganzes Buch oder auch zwei oder drei in dieser für sie neuen Sprache zu schreiben. Statt Zensuren wie im Deutschunterricht gibt es hier ein paar Tausend Euro, aber sonst ist alles mehr oder weniger wie in der Schule – in der Integrationsschule. Die Noten kriegt man nicht bloß für Grammatik und Stil, man bekommt sie auch fürs Betragen. “Die Chamisso-Preisträger sind nicht nur hervorragende Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur”, erklärt die Robert Bosch Stiftung, die den Preis vergibt, “sondern haben auch eine wichtige Vorbild- und Vermittlungsfunktion.” Vorbildfunktion bei was? Beim Anpassen? Beim Selbstverleugnen? Beim Liebsein? Jeder zweite türkische oder kurdische Rapper ohne Realschulabschluss beschreibt die Realität von Nichtdeutschen in dem dunklen, einfachen Land hinter dem Limes direkter, wahrer und damit poetischer als die Jungen und Mädchen aus der Chamisso-Besserungsanstalt. Aber ein Rapper will ja auch nicht in Klagenfurt lesen, er will nicht im Literarischen Colloquium am Wannsee Durs Grünbein spielen oder auf die Buchpreis-Shortlist kommen. Er will erstens Geld verdienen, zweitens die ihn nervenden Deutschen zurücknerven und drittens vor allem der bleiben, der er ist: kein Ausländer mehr, aber auch noch kein Deutscher.

Der Druck, dem deutsche Schriftsteller mit nicht deutschen Wurzeln ausgesetzt sind, ist nichts für Schwächlinge. Als Saša Stanišić’ erster, grandioser, weil universell verständlicher Roman über das Lieben, Leben und Töten im Bosnien der neunziger Jahre erschien, musste sich Stanišić von vielen unserer Kritiker anhören, das alles sei zu verspielt, zu kitschig, na ja, eben irgendwie zu orientalisch. Wenn er über den Krieg schreiben wolle, solle er sich etwas anderes einfallen lassen als Ironie und einen Icherzähler, der auf Oskar Matzerath mache, das – so stand es irgendwo nicht besonders unauffällig zwischen den Zeilen – könne und dürfe nur der Größte Günter Grass aller Zeiten. Inzwischen wurde Wie der Soldat das Grammofon repariert aus dem Deutschen in 27 Sprachen übersetzt, Stanišić ist in den USA und England einer der Stars der neuen Weltliteratur wie Junot Díaz oder Jhumpa Lahiri – doch sein neuer Roman spielt in einem Dorf in der Uckermark, unter ehemaligen Ossis, von denen Stanišić so viel versteht wie seine Kritiker vom jugoslawischen Bürgerkrieg, vor dem er mit 14 Jahren nach Deutschland fliehen musste. Ist dieser radikale, antibiografische Themenwechsel nur Zufall? Hat den ehemaligen Leipziger Literaturstudenten Saša Stanišić der Mut verlassen? Ist es ihm wichtiger, als Neudeutscher über Urdeutsche zu schreiben als über Leute wie sich selbst?

Wer – umgekehrt – genau das macht, was man von einem braven Neubürger erwartet, wird von der Rezensions-Nomenklatura auf Händen getragen. Wie sehr wurde Feridun Zaimoglu für seinen bekanntesten Roman Leyla gelobt – und wie vergiftet waren die schönen Worte! Die Geschichte einer jungen Türkin, die dem Terror ihres bösartigen, heuchlerischen, frauenfeindlichen Vaters entflieht und ausgerechnet nach Deutschland entkommt, war ein Genuss für jeden Deutschen, der seinen Rassismus hinter einer scheinlinken Islamkritik versteckt. Einer von ihnen warnte in einer großen Leyla-Hymne zuerst vor den Gefahren, die “von diesen Leuten” für unsere Gesellschaft ausgingen, vor “ihrer Kultur und den Geboten ihrer Religion”. Dann redete er ein bisschen über den Roman. Dann sagte er, der Roman beschreibe nur das, wovor Botho Strauß uns schon immer gewarnt habe – und nannte Feridun Zaimoglu vor lauter nationaler Begeisterung gleich zweimal ein gelungenes Beispiel für Integration. Hat sich Zaimoglu, als er das damals gelesen hat, wie ein Kollaborateur gefühlt? Ich bin sicher.

Noch mal: Warum hat sich bis heute der Chor der vielen nicht deutschen Schriftsteller nicht zu einer einzigen lauten Stimme vereinigt? Wo bleibt die große Welle, die alles Bestehende kurz einmal wegspült und die Sicht auf etwas Neues freigibt? Warum fällt meiner Lieblingsbuchhändlerin zuerst gar kein Autor ein, wenn ich sie nach Immigrantenliteratur frage, und dann ausgerechnet Zaimoglu? Natürlich liegt das daran, dass die – wenn man so will – gesellschaftlichen und intellektuellen Produktionsmittel nach wie vor in den Händen der Autochthonen liegen. Kritiker, aber auch Verleger, Lektoren und Buchhändler sind zu 90 Prozent Deutsche. Sie, als echte oder habituelle Christen, als Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten, bestimmen, was gedruckt wird und wie, sie sagen, was bei Hugendubel, Thalia und Dussmann auf die alles entscheidenden Verkaufstische kommt, sie zahlen die Vorschüsse, sie verleihen die Preise, sie laden als Verleger zum Abendessen ein. Und da muss man dann, wie gesagt, schon sehr stark sein, um sich dieser stillen, raffinierten Machtmaschine mit ihrer repressiven Toleranz zu widersetzen – und um das zu schreiben, was man wirklich schreiben kann und will. Aber was sonst sollte man auch als Schriftsteller tun?

Der Filmregisseur Fatih Akin ist sehr stark. Wenn er einen Film dreht, denkt er nicht darüber nach, was die Deutschen dazu sagen könnten. Aber auch die Meinung der ganz normalen Türken, Griechen oder Serben ist ihm egal. Er beschreibt das Leben von Ausländern der ersten und zweiten Generation, wie es wirklich ist – als hart, wild, gemein, kritisch, verlogen, sexy und unwiderstehlich. Sie sind bei ihm, dem deutschen Scorsese, keine Engel – aber sie taugen auch nie als Beweis dafür, dass der Islam böse ist und alle Südländer ungebildete Untermenschen sind. War sein berühmtester Film Gegen die Wand eine Liebesstory, eine Migrantengeschichte oder ein Psychodrama? Alles zusammen – und vor allem das Porträt von Leuten, die deshalb so traurig und durcheinander sind, weil sie nicht wissen, wo ihr Zuhause ist: in dem Land, wo sie geboren wurden und aufwuchsen, oder in der falschen und bösen Märchenwelt der Eltern. Als Fatih Akin für Gegen die Wand den Goldenen Bären bekam, schrieben einige unserer Filmkritiker mit der rechten Hand, wie toll sie das fänden, die linke ballten sie dabei aber in der Tasche vor Wut, weil kein richtiger deutscher Deutscher die Berlinale gewonnen hatte. Großartig! Etwas Besseres kann man sich als Künstler nicht wünschen, denn ohne Widerstand, egal, ob offen oder versteckt, kann man gar nicht mit der nächsten großen und hoffentlich noch besseren Arbeit beginnen.

Ich kenne keinen Roman wie Gegen die Wand. Natürlich erscheinen ab und zu auch Bücher nicht deutscher Autoren, in denen das Fremde und Andere die Hauptrolle spielt. Aber das sind, wie bei Jagoda Marinić, Melinda Nadj Abonji oder Selim Özdogan meist nur süße, naive Gastarbeitergeschichten. Da ist eine große Familie, das sind die Alten, die noch nicht richtig Deutsch können, und die leicht verwilderten Jungen, die sie auf die gute alte Art respektieren, es riecht nach fremden Gewürzen und zu starkem Parfum, und meistens fährt einer der Jungen am Ende des Romans für ein paar Tage ins Dorf seiner Eltern, dort irrt er ein bisschen herum, und danach ist alles wie vorher. Mit solchen Geschichten bringt man nicht das literarische Leben Deutschlands in Bewegung und durcheinander. Es sind freundliche, manchmal leicht traurige Postkarten ihrer Absender an sich selbst, vorne ist ein Bild der Hagia Sophia oder der Strandpromenade von Dubrovnik, und hinten steht: “Viele Grüße aus dem Urlaub in der alten Heimat. Das Wetter ist gut, aber die Züge fahren leider nicht pünktlich.”

Und was heißt es für mich, auf Deutsch zu schreiben? Ich selbst bin mit zwei Sprachen aufgewachsen, mit Russisch und Tschechisch, die ich bis heute spreche. Deutsch lernte ich erst als Zehnjähriger – wir kamen 1970 aus der ČSSR nach Deutschland –, und ich hatte zu dieser Sprache von Anfang an ein viel kühleres und pragmatischeres Verhältnis als zu meinen beiden Muttersprachen. Auf Deutsch will ich immer nur das sagen, was ich will, nicht weniger, aber auch nicht mehr, und das ist natürlich wahnsinnig viel. Darum habe ich, so ähnlich wie die alten Prager Deutschen, keine Zeit für Floskeln und Redewendungen. Ich mag hübsche Worte nicht, die keinen Sinn haben, außer eine unreflektierte Kultur- und Nationalzugehörigkeit zu signalisieren. Ich will mich nicht damit aufhalten, an eine mir fremde stilistische Tradition anzuknüpfen oder gegen sie zu rebellieren, ich kenne Schiller, Novalis oder Kleist nur vom Hörensagen. Wenn ich sagen will, dass ein Mann in eine Bar geht, dann sage ich das, nicht weniger und nicht mehr. Wenn das Meer blau ist, ist es blau, wenn eine Frau hässlich ist, ist sie hässlich, und wenn ein KZ-Überlebender andere KZ-Überlebende um ihre Wiedergutmachung betrügt, muss ich ehrlich und unverschlüsselt davon erzählen – so wie ich nicht verschweigen kann, dass für mich und meine literarischen Figuren, die fast nie Deutsche sind, dieses Land jedes Jahr weniger auszuhalten ist mit seinem depressiven Tatort-Kult, seinem Kinderhass, seinem schlechten Theater, mit seinem freundlichen Pass-dich-lieber-an-Rassismus, seinen ambivalenten Weltmachtreden und dem allgegenwärtigen Gesicht Hitlers, das man jeden Abend, aber wirklich jeden Abend irgendwo im Fernsehen sieht, und wer glaubt, das wäre Zufall, hat keine Ahnung von den Widersprüchen der deutschen Volkspsychologie. Hier, wo der Gemeinschaftswille alles bedeutet und das exzentrische Ich unter dauerndem Pathologieverdacht steht, hier, wo dieselbe stumme, repressive und aggressive Stille herrscht wie in Michael Hanekes Jahrhundertfilm Das weiße Band, ist längst wieder wie zu Kaisers Zeiten jeder Gedanke eine Uniform, jeder Satz klingt wie der andere, und etwas, was seit der Abwesenheit der Juden den Namen Diskurs ohnehin nicht wirklich verdient, regt sich nur, wenn jemand diese große Koalition der sich gegenseitig belauernden Hausmeister, Sozialarbeiter und Blogger attackiert – also fast nie – oder wenn einer der Heuchler von den anderen Heuchlern mit einem Schweizer Konto erwischt wird.

Worauf ich hinauswill? Dass wir nicht deutschen Schriftsteller deutscher Sprache endlich anfangen sollten, die Freiheit unserer Multilingualität und Fremdperspektive zu nutzen. Wir müssen aufhören, darüber nachzudenken, was wir tun und schreiben sollten, damit wir Applaus kriegen, wir dürfen nie wieder den Shitstorm der deutschen Kulturvolksfront fürchten, wir müssen immer nur in den einfachsten Worten, die wir kennen, über die Menschen sprechen, wie sie wirklich sind, egal, ob ihre Großeltern aus Antalya, Moskau oder Pforzheim kommen, und wenn wir eine gute Idee haben, wie wir erzählerisch und essayistisch den trüben deutschen Bloß-nicht-auffallen-Konsens attackieren könnten, kann das auch nicht schaden. Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und der Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur. Manche machen das natürlich längst, so wie Saša Stanišić in seinem ersten Roman, dessen ganz und gar unnaiver Subtext lautet: ohne Auschwitz keine Pogrome von Višegrad. Oder Sherko Fatah, der Sohn eines Kurden, geboren in Ostberlin. Er erzählt in seinem großartigen Roman Weißes Land die unglaubliche, böse, aber völlig authentische Geschichte eines jungen Irakers, der in den dreißiger Jahren als Leibwächter des antisemitischen Muftis von Jerusalem nach Berlin kommt, zur Waffen-SS geht und in die Schoahverbrechen verwickelt wird wie kaum ein Deutscher. Ist das ein Buch über damals oder über heute, über Araber, Juden oder Deutsche? Und auf ganz andere Art stark und unvergesslich ist Abbas Khiders trauriger, brutaler Roman Die Orangen der Präsidenten. Er handelt von einem jungen Mann, der – natürlich ohne Grund – in Saddam Husseins Gefängnissen landet, von den Wächtern monatelang gefoltert und ausgelacht wird und danach nie wieder er selbst wird. Khider, dem das Gleiche passiert ist, kam mit fast dreißig Jahren nach Deutschland, und wer einmal die schöne, brutale, ehrliche Welt seiner – deutschen! – Sätze betreten hat, will sie nie wieder verlassen, der klappt einen pseudoironischen Mosebach, eine eiskalte Kronauer oder einen vergeistigten Klein nach drei Seiten wieder gelangweilt zu.

Nein, es muss nicht jedes Mal eine Gastarbeiterkind-dreht-durch-Geschichte oder etwas mit Nazis sein. Es sollte aber immer eine Story sein, die voller Leben und Widersprüche ist – und die nicht die tausend anderen leblosen, unehrlichen, indirekten, in tyrannischer Deutschunterricht-Tradition erstarrten Geschichten imitiert, die in diesem Land seit Jahrzehnten gedruckt und rezensiert, aber nicht gelesen werden. Je mehr solche wilden, ehrlichen, bis ins Mark ethnischen und authentischen Texte geschrieben und veröffentlicht werden würden, desto größer wäre das Publikum, das sie verstehen, lieben und sich mit ihnen beschäftigen würde. Bald gäbe es endlich Kritiker, die selbst nicht deutscher Herkunft wären, Lektoren und Verleger, und langsam würden auch die deutschen Autoren anfangen, die Arbeit der Einwandererkinder ernst zu nehmen und sich von ihr – ästhetisch, dramaturgisch, inhaltlich – inspirieren zu lassen, so wie früher von den Juden. Und plötzlich wäre unsere Literatur kein sterbender Patient mehr, sondern so am Leben wie zuletzt in den zwanziger Jahren.

Die fast schon chronische Vitalität der amerikanischen Literatur hat ja genau damit zu tun, dass seit einer halben Ewigkeit immer wieder neue Immigranten das bestehende literarische Leben umgestürzt und neu errichtet haben. Henry Roth stammte aus einer russisch-jüdischen Familie. Maeve Brennan war Irin. Und Junot Díaz’ Eltern kamen aus der Dominikanischen Republik nach New York. Allein ohne diese drei und ihre ethnische Dickköpfigkeit, ihre ganz andere Sicht auf die Neue Welt und die alten Lügen ihrer Eltern wäre die Literatur der USA eine andere – und die USA wären ohne sie ein ganz anderes, langweiligeres, weißeres Land.

Deutschland war bis jetzt immer sehr erfolgreich, wenn es darum ging, Einwanderer und Fremde bis zur Unkenntlichkeit ihrer eigenen Identität zu integrieren, so wie die Hugenotten und die Polen im Ruhrgebiet, oder sie zu bestehlen, zu verjagen und zu vernichten, so wie die Juden. Es wird Zeit, daran etwas zu ändern – warum also nicht mit Romanen, Stücken und Rezensionen? Ich kann mir weniger unterhaltsame Revolutionen vorstellen.

Der Autor: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, erschien zuletzt die Novelle Im Kopf von Bruno Schulz (Kiepenheuer & Witsch 2013)
Mehr zur Literaturdebatte

LiteraturdebatteLassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!

Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch? Weil die Absolventen der Schreibschulen von Leipzig und Hildesheim alle aus demselben saturierten Milieu kommen. Ein Kommentar von Florian Kessler
http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch

Saturierte Autoren?

Florian Kessler wirft der Literatur vor, zu bildungsbürgerlich und brav zu sein. Eine Antwort Ein Kommentar von Nora Bossong
http://www.zeit.de/2014/06/literaturdebatte-replik-kessler-nora-bossong

Klingt gut, sagt nix. Macht nix

Mit gelackter Rhetorik wurde unlängst die junge Gegenwartsliteratur kritisiert, ohne sie zu kennen. Eine Erwiderung auf diesen Fall gut einstudierter Selbstinszenierung von Christoph Schröder
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-01/gegenwartsliteratur-debatte-replik

SEUMOSTRA – Nachlese

Aqui los links hacia las paginas de los artistas que participarion en la SEUMOSTRA /innovaespai.

Gracias por compartir vuestra obra con nosotros !!

Miquel Herrero, & automats
algo de su musica Pacte amb Peter Pan – https://www.youtube.com/watch?v=sFatokjrmN4 y http://automats.wordpress.com/

automats 386251_10150461273493288_1647172949_n

Neme Jimenez fotografia
PINCELES SOMBRIOS – http://www.flickr.com/photos/nemesiojim/
Carles Mondriá : http://carlesmondria.blogspot.com.es/  dibujo & oleos
acherontia-atropos-2 horse

Jose Belenguer http://www.josebelenguer.es/es/works-series/category/6-influence-of-water

phoca_thumb_m_03_BLUE OVER BLUE 2013_acrlico sobre tabla_2x121x80

Sellés Dominguez : https://www.facebook.com/sellesdominguez
https://www.facebook.com/sellesdominguez/photos_stream

Enrique Carrazoni – fotografia : www.enriquecarrazoni.com

Marta Angel – Ilustración  : http://marta-angel.blogspot.com.es/

Rafa Mompó – escultura rafamompo.tumblr.com

Javier Moya (con AVMT) – muscia (guitarra) http://www.javiermoya.com/2.html

Diseño cartel Dani Nebot http://www.daninebot.com
seumostra 1471172_374725289330507_1652016566_n

Gracias a la iniciativa y organizacion de : http://www.miniarquitectura.com

miniarqu vlc minilogo

K nstfund München – Cornelius Gurlitt und seine Rechte

Das Schlaf­kleid von Cor­ne­li­us Gur­litt hat­te noch nie je­mand ge­se­hen, bis zu je­nem Tag, im Fe­bru­ar 2012, als das Schloss durch­brach und sie hin­ein­mar­schier­ten, die Frem­den, wie er sie nennt, die Zoll­fahn­der und Be­am­ten der Augs­bur­ger Staats­an­walt­schaft.

Sei­ne Woh­nung war sei­ne Welt. Aber nun wa­ren die Frem­den da, und sie wa­ren vie­le, viel­leicht 30 – und sie blie­ben. Vier Tage lang wi­ckel­ten sie sein Le­ben in Tü­cher, ver­pack­ten es in Papp­kar­tons und tru­gen es fort, eins nach dem an­de­ren, ins­ge­samt weit über tau­send Kunst­wer­ke.
Wäh­rend­des­sen soll­te Cor­ne­li­us Gur­litt sich in die Ecke set­zen und lei­se sein. Also schwieg Gur­litt und sah, wie sie ihm den Lie­ber­mann von der Wand nah­men, die „Rei­ter am Strand“, die seit Jahr­zehn­ten dort hin­gen. Den Cha­gall aus dem ver­rie­gel­ten Holzschrank, die „Kla­vier­spie­le­rin“ aus der Die­le. Sie lie­ßen nichts zu­rück. Auch nicht den klei­nen Kof­fer mit sei­nen Lieb­lings­bil­dern, der Pa­pier­samm­lung, die Gur­litt Abend für Abend aus­ge­packt hat­te, um sie an­zu­se­hen, manch­mal auch öf­ter, jahr­zehn­te­lang. Jetzt wa­ren sie weg, und Gur­litt war al­lein. […] Sind Sie gespannt, wie es weiter geht? Zum Lesen der kompletten Ausgabe gelangen Sie hier zu unseren Angeboten.  https://magazin.spiegel.de/digital/index_SP.html#SP/2013/47/121741554

Publicacion del articulo de Der Spiegel en EL PAIS :

“Solo he querido vivir con mis cuadros”

Cornelius Gurlitt albergó en Múnich un tesoro artístico que su padre reunió en circunstancias dudosas durante la época nazi
Múnich 24 NOV 2013 – 00:00 CET

http://cultura.elpais.com/cultura/2013/11/22/actualidad/1385142615_705581.html

Nadie había visto en pijama a Cornelius Gurlitt hasta aquel día de febrero de 2012 en el que descerrajaron su puerta y entraron en su casa los extraños, como él los llama: los agentes de aduanas y los funcionarios de la fiscalía. Su vivienda era su mundo. Pero ahora estaban allí los extraños, y eran muchos, quizá unos treinta, y allí se habían quedado. Durante cuatro días envolvieron su vida en paños, la empaquetaron en cartones y se la fueron llevando. En total, bastante más de mil obras de arte. Entretanto, Cornelius Gurlitt tenía que quedarse sentado en un rincón, sin decir palabra. Gurlitt callaba y veía cómo quitaban de la pared el liebermann, el Jinetes en la playa que llevaba decenios allí colgado, el chagall guardado bajo llave en el armario, la Pianista del vestíbulo… No dejaron nada.

La única que vino luego fue la psicóloga de los servicios sociales, una mujer que enviaron los extraños. Gurlitt describía como “cruel” y “terrible” esa visita que pretendía hablar sobre sus sentimientos. No, no iba a suicidarse, le aseguró, y quería que se marchara. Desde aquel día, Cornelius Gurlitt se quedó solo en su vivienda desierta, en la casa pintada de blanco, en aquella ciudad a la que llama su cárcel, Múnich. Desde que hace dos semanas la revista Focus destapó la incautación de las obras, la prensa mundial se agolpa ante su casa. Los extraños llaman continuamente a su puerta y le echan cartas por la ranura.

Las obras son un tesoro artístico sensacional: cuadros de Marc Chagall, Max Beckmann, Franz Marc, Pablo Picasso y Henri Matisse. La enigmática colección procede de la herencia de su padre, Hildebrand Gurlitt, fallecido en 1956. Historiador del arte, director de museo, marchante, uno de los hombres que establecieron en Alemania el arte moderno y que después de 1933 hicieron negocios con los nazis. Además de otras cosas, se trata de saber si Hildebrand Gurlitt adquirió los cuadros de forma ilegítima. Tampoco él lo sabe. Todo lo que Gurlitt quiere es marcharse de un sitio en el que se le acosa.

Hay tantos enigmas como cuadros. ¿A quién pertenecen? ¿Cómo llegaron a esa vivienda del barrio de Schwabing? ¿Y qué se hace ahora con todo: con los herederos que los reclaman, con las injusticias que ocurrieron entonces y con la injusticia que podría ocurrirle a él, a Cornelius Gurlitt, heredero de una colección de dudoso origen?

Gurlitt hablaba con sus cuadros, eran sus amigos, esos fieles acompañantes que no tenía en la vida real. Consideraba que conservar la herencia del padre era la tarea de su vida. Algo de culpa sí tiene en ese “horrible accidente”. Tenía que haberla protegido, como hizo su padre contra el fuego de los nazis, contra las bombas, contra los rusos, contra los americanos. Para Cornelius, su padre era un héroe, y él es ahora un fracasado.

El pasado martes se sentaba en el área destinada a madres con bebés en un tren Intercity. Desde que saltó la noticia, esta era la segunda vez que dejaba su casa. La primera salió a hacer la compra y fue acribillado por los fotógrafos. Diez días pasó en su salón, casi a oscuras, sin hacer nada. Apenas podía dormir, dice, y cuando lo conseguía caían sobre él las pesadillas. A veces ponía la radio y volvía a apagarla. Lo único que le habían dejado era la cerradura rota de la puerta. Gurlitt va de camino a visitar a su médico, en una pequeña ciudad del sur de Alemania. Un viaje triste.

Dice: “No soy Boris Becker. ¿Qué quiere esa gente de mí? Soy muy callado. Solo he querido vivir con mis cuadros. ¿Por qué me fotografían para esos periódicos en los que solo sacan a gente mundana?”.

Durante toda su vida fue hijo y heredero. Dice que nunca pensó que en su vivienda de 100 metros cuadrados se almacenaban obras de arte que quizá no le pertenecieran del todo. Y que quizá pudiera contribuir a reparar un poco lo que había cometido el nazismo.

“Si hubiera vivido en otra parte, todo esto no habría ocurrido”. Lejos de los muniqueses, se refiere, en los que nunca confió realmente. La culpa es de la madre. Después de la muerte del padre, compraron dos viviendas en la plaza de Artur Kutscher. Cornelius tenía entonces 27 años, era un joven al que le costaba tomar decisiones, todo lo contrario de su padre. Hoy, 53 años después, dice de su madre: “No tenía razón”. Para él, Múnich es “el origen de toda desgracia”. “Aquí se fundó el movimiento”, afirma. Repite esa frase una y otra vez, su voz temblorosa se eleva cuando la dice. Gurlitt habla sobre el surgimiento del partido nazi, en 1920. Sobre el discurso de Adolf Hitler en la sala de la Hofbräuhaus de Múnich, donde anunció el programa del partido.

Da la sensación de que está encerrado en otra época. Un hombre que reserva la habitación del hotel con una carta escrita a máquina y firmada con pluma meses antes, una carta en la que pide que le vengan a buscar en taxi. Su mundo es lento y silencioso. A Gurlitt le asombran los teléfonos que muestran el número de quien hace la llamada. Sabe que en Internet se pueden buscar cosas, aunque él no lo haya hecho nunca. Él ha vivido con sus cuadros, no con las personas.

Gurlitt ha sacado de los libros sus experiencias. Habla del relato de Kafka En la colonia penitenciaria. Es la historia de un viajero que ve cómo, en una isla perdida, condenados que no conocen sus delitos son torturados y ajusticiados. El vaciamiento de su vivienda ha sido parecidamente trágico.

El tren cruza el límite urbano de Múnich. Los últimos 10 días no le han sentado bien. Gurlitt cumplirá 81 años a finales de diciembre. Él siempre ha soñado con llegar a los 90. “Hay gente que con 97 años sigue escalando, pero yo no llegaré a ser tan viejo”, dice. “Con los cuadros podría haber esperado a la muerte. No hay nada en mi vida a lo que haya querido más que a mis cuadros”. Si se le pregunta si se ha enamorado de alguien, suelta con una risita: “No, qué va”.

Gurlitt tiene muchos adioses en su vida: la muerte de su padre en un accidente de coche, la muerte de su madre, el cáncer de su hermana. “Lo más doloroso fue despedirme de mis cuadros”, dice. “Espero que todo se aclare rápidamente y me los devuelvan”. Está enfermo del corazón. Cuando lleva andados 30 metros, tiene que descansar cinco minutos.

El médico en el que Cornelius Gurlitt confía está a cientos de kilómetros. Es un hombre amable. Trata de convencer a su paciente de que ingrese en una residencia. Recibe en una consulta muy normal en una de las calles de una pequeña ciudad, nada ostentosa, “pero con los mejores aparatos de Alemania”, dice Gurlitt, para justificar el demoledor viaje que ha emprendido, aunque para hacer la compra tenga que coger un taxi. Él siempre es puntual. No le gustan los imprevistos. La cita con el médico es el jueves, pero Gurlitt se pone en camino el martes.

No comprende por qué la fiscalía ha montado semejante escándalo por una cuestión antigua. “Ahora habrán metido los cuadros en cualquier sótano y yo estoy solo. ¿Por qué no los dejaron donde estaban y no se llevaron solo los que querían examinar? Ahora no estaría todo tan vacío”.

Durante estos tres días de viaje habla de los viejos tiempos. En los que no tenía que tomar ninguna decisión. Aquella época en la que su padre era dueño de la situación, un paladín de la modernidad, un mecenas del arte, pero que luego hizo negocios con los nazis, que compró “arte degenerado” [el arte moderno que vetaron los nazis] en el extranjero y quizá también obras robadas. Algunas de las cuales, evidentemente, se quedó.

Cornelius Gurlitt recuerda su infancia en la calle de Raben de Hamburgo, a pocos metros del río Alster. Querría volver allí, pedir su partida de bautismo para su archivo privado. La gente necesita pertenecer a algún sitio, tener sus raíces. La familia cambió muchas veces de residencia, siempre siguiendo al padre. En Hamburgo traspasó su galería en la calle de Klopstock, 35, a la madre. Él se hacía pasar por empleado. Más tarde, en Dresde, ni siquiera había registrado su negocio. Conservó las obras de arte en casa y comerció con ellas. “A mi padre le echaron de muchos sitios, cayó muchas veces, pero siempre volvió a levantarse”.

Cada una de esas veces, su hijo tuvo que volver a empezar. El tímido joven Cornelius, que fue a la escuela en Hamburgo y luego al instituto en Dresde, donde vio a Hitler saludar desde el tren. Después de la época nazi vino el internado en Odenwald y el curso preuniversitario en Düsseldorf. Siempre era el nuevo. El último en llegar y el primero en irse. El extraño. Un solitario.

Quería gustar a su padre. Estudió Historia del Arte en la Universidad de Colonia. Interrumpió sus estudios, no sabe cuándo, no le gusta hablar de eso. Cierta vez viajó a París con su hermana, solo no se atrevía.

Cornelius Gurlitt vivió primero con sus padres; más tarde, con su madre; después, solo con su hermana. Daba igual donde viviera, no dejaba de ser un fantasma. Un hombre amable, pero cuando los técnicos llamaban a su puerta para instalar la fibra óptica, tenían que poner todo su empeño para que les dejara pasar. En todo momento quiso proteger sus cuadros de las miradas ajenas.

Ya de niño jugaba entre Liebermann, Beckmann y Chagall; los cuadros se trasladaban con él de ciudad en ciudad, colgaban de las paredes de las habitaciones, de los pasillos. El padre los tocaba todos, los ordenaba y quería. Sobre la cama de Cornelius colgaba la cara verde de Kirchner. “A Hitler no le gustaban las caras verdes”, dice Gurlitt. En casa no les gustaba hablar del Führer. Su padre había combatido contra él, pero de forma tan oculta que nadie se dio cuenta, dice Gurlitt.

Hildebrand Gurlitt nunca había comprado nada a un particular. Los cuadros procedían de museos alemanes o de marchantes. Solo cooperó con los nazis porque quería salvar los cuadros del fuego. “Puede que a mi padre le ofrecieran algo a nivel particular, pero sin duda no lo aceptó. No iba con él”.

Heredó el tesoro y nunca preguntó de dónde venía. Tuvo que hacerse cargo, algo difícil para alguien a quien no le gustan las responsabilidades. “La fiscalía”, dice, “supervisará qué es lo que me devuelven. Jamás he cometido un delito, y si lo hubiera hecho, ya habría prescrito. Si fuera culpable, me llevarían a la cárcel”.

Cornelius Gurlitt necesita amigos, una familia y, sobre todo, abogados. Pero no es capaz de decidirse. “Nunca he necesitado ninguno”. También está algo decepcionado con su hermana Benita, que murió el año pasado de cáncer. Le dejó solo con la carga. “Era dos años más joven que yo y estaba casada, debería haberme sobrevivido”. Mira sus manos, que reposan sobre la mesa del vagón. “Lo habría heredado todo, y habría sabido cómo arreglar las cosas. Ahora es todo tan horrible”.

“Jamás tuve nada que ver con la adquisición de los cuadros, solo con su salvación”. Ya entonces, en Dresde, ayudó a su padre a salvar las obras de arte. “Mi padre sabía que los rusos estaban cada vez más cerca”. Padre e hijo cargaron juntos los cuadros, que el padre llevó a la casa de un campesino en los alrededores de Dresde, y después a un castillo en el sur de Alemania. Tenía conocidos en todo el país. “Desgraciadamente, en estos papeles con colores la gente solo ve billetes”, decía.

“Yo no soy tan valiente como mi padre. Él vivía para el arte y luchó por él. La fiscalía debe limpiar su reputación”.

El tren llega a la estación central de Augsburgo. “Aquí está el fiscal al que le envié los documentos. No comprendo que aún no me haya dicho nada”, comenta. Gurlitt le ha mandado una fotografía de la casa paterna en Dresde, destruida por el fuego. Le adjuntó viejos artículos de prensa para demostrar el acoso contra Hildebrand Gurlitt que llevó “a la caída del padre”.

Por carta le anunciaron que le devolverían algunas de las obras de arte. No sabe cuáles. Pero no cree al fiscal. “Nunca he querido nada del Estado”. Cornelius Gurlitt no percibe pensión, nunca tuvo seguro de enfermedad. Renueva su pasaporte alemán en el consulado de Salzburgo, y lleva dos años caducado.

Durante su última estancia en Austria, en su casa de Salzburgo, ingresó en el hospital, por el corazón. Estuvo hospitalizado un mes, en una clínica en la que sonaba una alarma cuando salía de la cama. “Como si fuera un criminal”, dice. Pero su estado de salud ha empeorado en los últimos años. Más estancias en el hospital, cataratas. Gurlitt siempre pagó a los médicos en efectivo. En el otoño de 2011 envió El domador de leones, de Max Beckmann, a la galería Lempertz. El tasador fue muy amable. También se arregló todo con los herederos. El cuadro fue vendido por 725.000 euros. Gurlitt recibió un poco más de 400.000; los herederos, el resto.

Ya entonces acudía a su médico de la pequeña ciudad a la que ha viajado en el tren. Ha escrito en tarjetas las frases que quiere leer a su doctor para causarle buena impresión. Gurlitt no trata frecuentemente con gente. La víspera de la consulta quiere dormirse hacia las seis de la tarde, para levantarse en torno a las dos de la madrugada. Tiene cita a las 8.40, pera necesita el tiempo para prepararse. Tiene una herida sangrante en el pie desde hace meses y quiere ponerse una venda nueva.

Por la mañana pide un taxi para los 300 metros que le separan de la consulta. El taxímetro marca 3,40 euros. Gurlitt paga 20. Algo tiene que sacar el taxista. El médico le dice esa mañana que tiene el corazón más débil que de costumbre, pero eso se debe a la agitación. De vuelta al hotel, se sienta en la cama. Mira sus cuadros en los periódicos. Está horrorizado. “¿Qué clase de Estado es este que muestra mi propiedad privada?”, se pregunta.

Al día siguiente, el diario recoge las declaraciones del consejero de Justicia bávaro, Winfried Bausback, que dice que en cualquier caso tiene que hablar con Gurlitt. “No hablaré con ellos y no devolveré voluntariamente nada, no y no. El fiscal tiene datos suficientes que me exculpan”, replica.

Cornelius Gurlitt tiene la esperanza de que le devuelvan pronto los cuadros que le corresponden. Entonces venderá alguno, quizá el liebermann, si es que le corresponde, por usar sus palabras. Para pagar los gastos del hospital. El resto volverá a su casa. Chagall volverá al armario; el cuadro de la pianista, al vestíbulo, donde siempre lo tuvo su madre. “Cuando yo muera, pueden hacer con ellos lo que quieran”. Hasta entonces, los quiere para él solo. Entonces volverá a tener, por fin, un poco de “calma”.

Traducción: Jesús Albores Rey.

© 2013, Der Spiegel. Distribuido por The New York Times Syndicate

DIE ZEIT

Münchner Bilderfund Fluch des Schatzes

Auch Cornelius Gurlitt hat Rechte. Gegen seinen Willen kann man die Rückgabe der Bilder nicht erzwingen. Ein Kommentar von http://www.zeit.de/2013/48/gurlitt-kunstwerke-raubkunst

DIE ZEIT  Schlagwort:Cornelius Gurlitt: http://www.zeit.de/schlagworte/personen/cornelius-gurlitt/index

SUEDDEUTSCHE ZEITUNG

22. November 2013 10:23 Münchner Kunstschatz Gurlitt sollte Bilder schon im Frühjahr bekommen
http://www.sueddeutsche.de/kultur/muenchner-kunstschatz-gurlitt-sollte-bilder-schon-im-fruehjahr-bekommen-1.1824743

DATENBANK “LOST ART” http://www.lostart.de/Webs/DE/Start/Index.html

Günter Grass warnt SPD vor großer Koalition

23.11.2013 ·  Günter Grass rät der SPD von einer großen Koalition ab. Gleichzeitig kritisierte der Literaturnobelpreisträger, der seit Jahrzehnten eng mit der Sozialdemokratie verbunden ist, Bundeskanzlerin Merkel in der NSA-Affäre als „politisch feige“.

23.11.2013 ·  Günter Grass rät der SPD von einer großen Koalition ab. Gleichzeitig kritisierte der Literaturnobelpreisträger, der seit Jahrzehnten eng mit der Sozialdemokratie verbunden ist, Bundeskanzlerin Merkel in der NSA-Affäre als „politisch feige“.

© dpa Günter Grass: „Kann der SPD und ihren Mitgliedern nur raten, nicht in diese große Koalition zu gehen“

Der Schriftsteller Günter Grass hält nichts von einer großen Koalition von CDU/CSU und SPD auf Bundesebene. „Ich kann der SPD und ihren Mitgliedern nur raten, nicht in diese große Koalition zu gehen“, sagte Grass in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Der Schriftsteller ist seit Jahrzehnten eng mit der Sozialdemokratie verbunden. Eine große Koalition wäre übermächtig, für die Opposition bestünden praktisch keine Chancen mehr, sagte Grass.Das demokratische System drohe dann Schaden zu nehmen. Union und SPD würden in einer großen Koalition zudem mehr oder weniger ihr politisches Gesicht verlieren, „ohne dass etwas wegweisend Neues dabei herauskommt“. Grass nannte als Ausweg eine Minderheitsregierung von CDU/CSU, geduldet von SPD und Grünen.In der NSA-Spähaffäre hielt Grass Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, politisch feige zu sein. Die Amerikaner übertreten nach Meinung von Grass Gesetze im eigenen Interesse auch auf Kosten ihrer Verbündeten, während Merkel zurückzucke und nicht von der Souveränität Deutschlands Gebrauch mache. „Die Kanzlerin schützt die Bürger nicht vor dieser Großbespitzelung“, kritisierte Grass. Er sprach sich dafür aus, dem früheren amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden in Deutschland ein Aufenthaltsrecht einzuräumen mit entsprechenden Sicherheitsgarantien.

Weitere Artikel