Frank Schirrmacher : Friedenspreis für Jaron Lanier Seine Waffe ist die Aufklärung

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Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist ein politisches Signal: Was wäre optimistischer als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

05.06.2014, von Frank Schirrmacher

Jaron Lanier

Als Kind des Silicon Valley kann er nötige Aufklärungsarbeit leisten: Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

an muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist. Allerdings: Man lebte da ja wirklich. Man tut es noch; ein beträchtlicher Teil des Landes glaubt immer noch, die Snowden-Affäre spielte sich in einer anderen Galaxie ab.

Deshalb muss man immer noch erklären, was Snowdens Enthüllungen „mit einem selbst“ zu tun haben. Offenbar glauben viele immer noch, der Eintritt in die Risikozone digitaler Technologien wäre Lichtjahre von ihnen persönlich entfernt. Immerhin, der Börsenverein denkt es nicht mehr, denn er reiht Lanier jetzt in die Kette jener Preisträger ein, die an den Wendepunkten technologisch-gesellschaftlichen Wandels ausgezeichnet wurden: Carl-Friedrich von Weizsäcker 1963 im Zeichen der Atomangst und der Club of Rome zehn Jahre später angesichts von Öl-Schock und beginnender Umweltbewegung.

Schwer, den Informatiker, der das Internet mitentwickelte, mit dem Etikett „Kulturpessimist“ zu belegen, den die neue Kaste der Industrie-Intellektuellen aus den soziologischen Friedhöfen des zwanzigsten Jahrhunderts ausgebuddelt hat. Nicht nur weiß Lanier, der als Dreizehnjähriger Informatik zu studieren begann, wovon er technisch redet; er widerlegt auch die demagogische Grundfigur, die der wohlfeilen Opposition zugrundeliegt. Was könnte optimistischer sein als die Hoffnung, dass Menschen, Gesellschaft und Politik imstande sind, die normative Kraft von Technologien zu regulieren?

Die Aufgabe der politischen Debatte

Lanier sieht, wie vor ihm nur der Computer-Halbgott Joseph Weizenbaum, seit zehn Jahren voraus, womit wir heute zu tun haben. Er hat erkannt, dass die Kommerzialisierung des Internet in der ersten Jahrhundertdekade neue Machtzentren erschafft, die in dem Maße, in dem das Leben selbst digitalisiert wird, zu Chefs der Menschen werden.

Snowdens Enthüllungen deutet er wie ein Los Alamos der Digitalwelt. Hier wurde, wie einst bei den ersten Atombombentests in der Wüste von Nevada, bewiesen, dass tatsächlich angewendet wird, was theoretisch für möglich gehalten wurde: die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern. Ihn wird am wenigsten gewundert haben, dass die amerikanische Regierung selbst dieses Unterfangen in die Nähe des technologischen Zentralereignisses des letzten Jahrhunderts stellte: Sie nannte ihr Überwachungsprogramm das „zweite Manhattan Projekt“.

Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens. Ein Drittes gibt es nicht, wird es nie geben: Auch das ist bei ihm nachzulesen. Wer glaubt, sich entziehen zu können, unterschätzt, dass der Nicht-Gebrauch der Technologie ihn schon bald vom gesellschaftlichen Leben ausschließen wird. Auch deshalb verwundert die Insistenz, mit der manche Politiker, aus Angst, für unmodern zu gelten, immer wieder darauf hinweisen, man dürfe das Digitale, Big Data an der Spitze, nicht „verteufeln“. Als ginge es darum! Als wüsste nicht jeder, dass Big Data große Wohlstandschancen eröffnet, dass es aber gleichzeitig ein großes Spiel mit der menschlichen Existenz sein kann, bei dem wir die Regeln nicht kennen. Als fände nicht längst die Debatte über die Risiken und Chancen des Digitalen auf allen Plattformen des Digitalen statt! Gegen solche Polemik ist Jaron Lanier ein gutes Gegengift. In der politischen Debatte muss es um das gehen, was Norbert Wiener einst mit Blick auf das Zeitalter intelligenter Maschinen die „menschliche Behandlung von Menschen“ nannte. Jeder weiß, wie man ein Smartphone bedient; die politische Frage lautet umgekehrt: wie man verhindert, dass man vom Smartphone bedient wird.

Unser Zwilling ist berechenbar

Lanier hat dazu vergangenes Jahr in der „New York Times“ ein paar lesenswerte Gedanken formuliert und sich der Frage unserer aller digitalen „Passivität“ gewidmet. Um zu zeigen, was „Daten“ sind, verweist er gern auf das mittlerweile notorische Beispiel Instagram: Gegründet 2010 mit nur dreizehn Mitarbeitern und ohne Business-Plan, wird das Unternehmen zwei Jahre später für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft.

Bundespräsident Joachim Gauck hat das schöne Wort vom „digitalen Zwilling“ geprägt, jenem Doppelgänger, der uns unweigerlich ersetzt und der in einer Welt, in der bereits heute das Facebook-Login manchmal den Pass ersetzt, am Ende mehr Wirklichkeit hat als das Double aus Fleisch und Blut. Wo die Manipulation der Simulation identisch wird mit der Manipulation des Phänomens, wird sogar fragwürdig, wo das „Ich“ eines Menschen überhaupt residiert: dort, wo wir es glauben, oder nicht doch eher dort, wo andere sagen, dass hier das „wahre“ Ich entzifferbar wird – seine Wünsche, Pläne, Strategien oder Gefühle. „Wir kennen Sie besser als Sie sich selbst“, dieser Lieblingssatz von Überwachungsinstituten staatlicher und ziviler Art geht in den Augen von Lanier zudem mit einer Wiederkehr eines fast behavioristischen Menschenbilds einher. Einen Vorgeschmack lieferte vor ein paar Monaten die „New York Times“, als sie offenbarte, mit welchen über Facebook- und Pay-TV gesteuerten Strategien Obama seine letzte Wahl gewann.

Zu behaupten, die Warnungen seien zu düster, müsste in der Post-Snowden-Welt eigentlich schwerer fallen. Politische und medial abwiegelnde Interventionen, selbst die von der nachdenklichen Katrin Göring-Eckardt, setzten voraus, dass das Selbst-Gefühl, das „Ich“ des modernen Menschen immer intakt gegen solche Zumutungen Einspruch erheben kann. Aber das ist die Orwell-Variante der Zukunft, die auch in den Augen Laniers die unwahrscheinlichste ist. Viel wahrscheinlich ist, dass nicht nur wir selbst, sondern auch die Institutionen von denen wir abhängen – vom Arzt über den Richter bis zum Bankbeamten -, zwischen den beiden Zwillingen nicht mehr unterscheiden können und im Zweifelsfall dem berechenbareren den Vorzug geben.

Wissen, was sie tun

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und europäische Industrie ahnt, was auf sie zukommen wird, wenn einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, soviel ist klar, führt zur Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Es gibt Auswege, und Lanier ist einer von denen, der sie aufzeigt: Gleichsam „ethische“ Systeme, die ihre Algorithmen offenlegen, einem erklären, welche Daten sie wofür benutzen und wofür man sich verkauft, wenn man angeblich kostenlose Dienste benutzt, sind pragmatische Schritte. Das Bewusstsein dafür, dass Daten identisch mit dem menschlichen Leben werden können, erzwingt ein fundamentales Umdenken darüber, ob Algorithmen automatisch Geschäftsgeheimnisse sein können oder nicht offengelegt werden müssen.

Soeben hat die Internetplattform irights.info einen überaus lesenswerten Artikel des amerikanischen Rechtsprofessors Eben Moglen veröffentlicht, der zeigt, dass wie sehr sich auch in der amerikanischen Avantgarde das Denken zu verändern beginnt. „ Um zu entscheiden, ob wir ihnen unsere Daten geben“, schreibt Moglen, „müssen wir wissen, was sie wirklich tun.“ Das ist die Waffe: Aufklärung. Und das Echo gibt Jaron Lanier. Als Kind des Silicon Valley weiß er, was sie tun. Und er weiß, dass wir auf die dunkle Seite der Macht wechseln, wenn sie es weiterhin tun.

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Zum Tode von Frank Schirrmacher Der Überwältiger

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Frank Schirrmacher war Journalist mit Leib und Seele. Er wollte der Gesellschaft ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Die großen gesellschaftlichen Fragen fasste er in Bilder, er stellte sie szenisch und dramaturgisch-dramatisch dar. Mit ihm ist ein „public intellectual“ gestorben, wie es sonst kaum einen anderen in der Republik gibt.

13.06.2014, von Günther Nonnenmacher

Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ

Frank Schirrmacher, geboren 5. September 1959, gestorben 12. Juni 2014

r wurde mitten aus dem Leben gerissen, und das hieß bei ihm vor allem: mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Journalismus. Noch in dieser Woche hat Frank Schirrmacher als Jahresvorsitzender des Herausgebergremiums Sitzungen geleitet. Das war bei ihm kein bürokratischer Akt, die Punkte der Tagesordnung arbeitete er eher mit einer gewissen Nonchalance ab. Aber wenn er im alltäglichen Detail des Zeitungsgeschäftes die Spuren des Großen und Ganzen sah – und seine Fähigkeit dazu war phänomenal –, dann blühte er auf, dann wurde jede Diskussion, die er mit seinen Anstößen, Ideen und Gedankenspielen belebte, zum intellektuellen Ereignis. Er sprühte bis zum letzten Tag vor Einfallsreichtum und Energie. Kein Anzeichen war zu erkennen, das auf einen plötzlichen Tod hätte hindeuten können. Umso größer ist das Entsetzen unter seinen Kollegen.

„Wir sind doch Journalisten“, war einer der Sätze, die er immer wieder sagte. Und er war Journalist mit Leib und Seele. Schirrmacher war als ehemaliger Chef des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki) literarisch hochgebildet, hatte aber nie den Ehrgeiz, einen Roman zu schreiben. Er war historisch außergewöhnlich interessiert und informiert, aber er sah sich in keiner Weise als Konkurrent der zünftigen Historiker. Journalist sein hieß für Schirrmacher vor allem: wirken wollen. Seine Methode, um Wirkung zu erzielen, war einmalig. Er wollte dem Publikum, ja der Gesellschaft, ihre Probleme nicht nur erklären, er wollte sie erzählen. Schirrmacher konnte die großen gesellschaftlichen Fragen nicht nur analysieren, er fasste sie auch in Bilder, stellte sie szenisch und dramaturgisch – auch dramatisch – dar.

Wenn er vom demographischen Wandel sprach oder über ihn schrieb, dann ging es ihm nicht in erster Linie um die Probleme der Rentenversicherung; er stellte sich die künftige Gesellschaft gewissermaßen leiblich vor: leere Räume und verödete Landstriche, in denen vereinsamte Menschen herumirren würden, Lethargie, die in einem Land um sich greift, wenn die Dynamik der Jugend fehlt. Wenn er vom Potential der Gentechnologie oder der Informationstechnik erzählte, dann beschrieb er die Wesen, die künftig entstehen, die konkreten Manipulationen am Menschen, die einmal möglich werden könnten. Er war ein Denker, ein Visionär, ein Erzähler des Potentiellen – so wie er in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens die Gefahren von „Big Data“ als einer großen Revolution, nur vergleichbar mit der industriellen des 19. Jahrhunderts, heraufbeschwor.

Angesichts seiner manchmal apokalyptischen Warnungen wurde oft übersehen, dass er von den Möglichkeiten, die der menschliche Geist sich damit erschloss, im Grunde begeistert war. Frank Schirrmacher war alles andere als ein kulturpessimistischer Technikfeind, er nutzte beispielsweise die Möglichkeiten des Internets geradezu exzessiv. Aber er war auch nicht blind gegenüber den Herausforderungen und Risiken, die der menschlichen Freiheit aus der technischen Selbstermächtigung des Menschen erwachsen würden.

Dies war wohl der Grund dafür, dass Schirrmacher sich von seinem „klassischen“ Ressort, der Literatur, immer mehr abgewandt hat. Die Aufgabe seines journalistischen Lebens, hat er einmal gesagt, sei es, die von C.P. Snow so genannten „zwei Kulturen“ – auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, auf der anderen die Natur- und Technikwissenschaften – zusammenzuführen, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, weil sie, um der Freiheit des Menschen willen, zusammengehören und sich gegenseitig befruchten und kontrollieren müssen: Geisteswesen und prometheischer Erfindergeist. Er hat dieses Projekt mit der ihm eigenen Energie und seiner schier unerschöpflichen Arbeitskraft betrieben, hat sich mit fast berserkerhaftem Wagemut in wissenschaftliche Sachverhalte – von Gentechnik bis Ökonomie – eingearbeitet, die ihm von Hause aus fernlagen, um sie dann in Erzählungen zu verwandeln, auf die der übliche Begriff des popularisierenden Essays nicht passen will: Es waren Appelle, Aufrufe, manchmal geradezu Aufschreie, die das lesende Publikum aufrütteln sollten, die es vorbereiten wollten, auf das, was auf uns zukommt. Wenn er in seinen Zeitungsartikeln und Büchern – „Das Methusalem-Komplott“, „Minimum“, „Payback“ oder „Ego“ – vornehmlich negative Konsequenzen schilderte, ging es ihm doch vor allem darum, die Ambivalenz der Entwicklung darzustellen, damit das Positive gerettet werden könne.

Frank Schirrmacher war auch ein begnadeter Polemiker und Polarisierer, er hat das von einem seiner großen Vorbilder, von Marcel Reich-Ranicki, gelernt: Wer nicht laut ist, wird nicht gehört. Dabei ging es nur oberflächlich gegen die Personen, mit denen er dabei in Streit geriet, es ging ihm um die Sache. Um nur zwei Beispiele dafür zu nennen: um unterschwelligen Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“ oder um die Selbstgerechtigkeit mancher „Vergangenheitsbewältiger“ in Sachen Günter Grass. Weil das so war, weil er nicht nur scharf verurteilen konnte, sondern auch mit einem geradezu überwältigenden persönlichen Charme ausgestattet war, hat das, zumindest auf seiner Seite, nicht zu dauerhaften Verfeindungen geführt.

Er lebte für diese Zeitung

Frank Schirrmacher hat sich einmal als konservativ bezeichnet. Das ist wahrscheinlich eine der wenigen Fehleinschätzungen, denen er selbst aufgesessen ist. Wenn an ihm etwas konservativ war, dann war es die bis zur Verachtung gesteigerte Ablehnung von Denkschablonen und vorgefassten Meinungen. Er war geistig viel zur rege und auch viel zu neugierig, um sich mit bereits Vorgeprägtem abzufinden. In Wirklichkeit war er in einem geradezu kindlichen oder naiven Sinn unideologisch. Es war ihm völlig gleichgültig, aus welcher „Schule“ oder aus welcher „Partei“ (im weiten wie engen Sinne des Wortes) ein Argument kam, wenn er es, nach sorgfältigem Abwägen, für wichtig und gut befunden hatte. Auf der anderen Seite konnte Schirrmacher geradezu körperlich sichtbar leiden, wenn ein Gesprächspartner seine Argumente nicht verstehen wollte oder konnte. Das machte es völlig unmöglich, ihn nach irgendwelchen politischen Kategorien einzuordnen. Deshalb war das Feuilleton, das er wollte und machte, auch nicht politisch in dem Sinne, dass es in irgendeinem weltanschaulichen Schützengraben saß. Es ging ihm um die besten Argumente im Wettbewerb um die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen. Unpolitisch war das dennoch nicht, denn Schirrmacher glaubte, auch das in einem fast kindlichen Optimismus, an die Macht der Politik, solche Fragen zu erkennen und letztlich – in einem positiven Sinn – zu entscheiden. Als „public intellectual“, der er wie kein anderer in dieser Republik war, hat er dazu, wie kaum ein anderer, beigetragen.

Frank Schirrmacher, am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren, trat nach dem Studium von Germanistik und Anglistik in Heidelberg, von Literatur und Philosophie in Cambridge, am 1. Juli 1985 als Redakteur in das Feuilleton dieser Zeitung ein. 1989 wurde er als Nachfolger von Reich-Ranicki zum Chef des Literaturteils berufen, wo er bald mit seinem ungewohnten Blick für Neues und Unorthodoxes, das über Literatur im überbrachten Sinn hinausging, auf sich aufmerksam machte. Es gibt eine zufällige Koinzidenz in unserem Leben, die zu einer Schicksalsgemeinschaft führte: Schirrmacher und ich wurden am gleichen Tag von unseren Vorgängern – er von Joachim Fest, dem Feuilleton-Herausgeber, und ich von Fritz Ullrich Fack, einem der politischen Herausgeber – darüber informiert, dass sie uns als ihre Nachfolger auserkoren hatten. Ich erinnere mich, wie wir uns an diesem Tag zusammensetzten und noch gar nicht recht begreifen konnten, was uns widerfahren war: Wir sollten künftig die „geistige und politische Linie“ dieser Zeitung, einer der einflussreichsten und wichtigsten dieses Landes, mitbestimmen. Kurz vor dem 1. Januar, dem Tag unseres Amtsantritts, wurden wir zum ersten Mal in die Runde der Herausgeber eingeladen, und wir fühlten uns damals beide, als ob wir in den Adelsstand erhoben worden seien.

In den mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren, die seither vergangen sind, war ich in manchen Fragen mit Schirrmacher nicht einig, aber ich habe ihn immer bewundert. Er hat mich mit seinem Charme und seiner Überredungskunst und Überzeugungskraft gewissermaßen umarmt – er war ein genialer Überwältiger, und meistens ließ man sich gerne von ihm überwältigen. Er war ein inspirierender, großartiger Kollege, als Herausgeber, als Redakteur, als Anreger, der unserer gemeinsamen Zeitung seinen Ideenreichtum und seine vermeintlich unerschöpfliche Kraft großzügig zur Verfügung stellte. Er lebte für diese Zeitung. Dass er dabei über seine Kräfte lebte, ist uns erst jetzt bewusst geworden. Die gesamte Redaktion hat die Nachricht von seinem Herztod zuerst mit Entsetzen, dann mit tiefer Trauer aufgenommen, weil jedem sofort klar war, welchen Verlust wir alle, und damit die Zeitung, mit seinem Tod erleiden. Er wird uns und der Republik fehlen, aber noch mehr fehlen wird er seiner Frau und den beiden Kindern, denen unser ganzes Beileid gehört.

Texte von Frank Schirrmacher
http://www.faz.net/redaktion/frank-schirrmacher-11104246.html

Frank Schirrmacher als Redner und Interviewpartner Information als Fetisch

Themen, die Frank Schirrmacher aufgriff, wurden bald national und international diskutiert, zuletzt in der Digital-Debatte. Ein Rückblick auf Reden und Interviews aus den vergangenen Jahren.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher-als-redner-und-interviewpartner-12988275.html

Zum Tod von Frank Schirrmacher Ein sehr großer Geist

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-frank-schirrmacher-ein-sehr-grosser-geist-12986939.html

Aufstand der Massen und Paradoxien der Elite

http://blogs.faz.net/digital/2014/06/07/aufstand-der-massen-und-paradoxien-der-elite-610/

07.06.2014, 10:30 Uhr  ·  “Elite” hat in Europa den Begriff der “Masse” als Reizwort der Gesellschafts-Beschreibung abgelöst. Welcher soziale Strukturwandel hat diese Bewegung ausgelöst, und wie wird er sich weiter entwickeln?

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Kaum ein anderer Begriff war vor drei oder vier Jahrzehnten so spürbar mit gegenstrebigen polemischen Energien geladen wie der Begriff der “Masse.” Auf der einen Seite stand, von den Erziehungsystemen beständig und in vorderster Front propagiert, die moralisch-existentielle Warnung, nicht zum “Massenmenschen” zu werden, deren normativer Hintergrund ein bildungsbürgerliches Bild vom “Subjekt” oder “Individuum” als selbstbestimmter und auf Differenz ausgerichteter Lebensform war. Doch das Wort “Masse” bezog sich auch, zumal in den politischen Welten des Sozialismus und der Linken, auf demographische Mehrheiten und das mit ihnen assoziierte moralische Recht, gegen alle existierenden “Repressionen” und als “revolutionäre Massen” die eigenen Interessen und die eigenen Werte in den Vordergrund treten zu lassen oder, wenn nötig, “gewaltsam durchzusetzen.”

Jene Spannung, die man tief im zwanzigsten Jahrhundert noch gerne und aus intellektueller Tiefe raunend “dialaktisch” genannt hatte, ist inzwischen implodiert und hat “Masse” zu einem ganz und gar uncharismatischen Wort werden lassen, dem jüngere Generationen nicht einmal mehr seine auratische Vergangenheit anmerken. Ohne Zweifel geht diese Entwicklung auf die zentrale, aber fast befremdlich selten erwähnte soziale Transformation des letzten Vierteljahrhunderts in den westlichen Gesellschaft zurück. Sie sind mittlerweile wirtschaftlich, kulturell und auch politisch von einem sich immer weiter ausdehnenden “Mittelstand” dominiert, der keine Ambitionen hat, sich als “soziale Klasse” zu verstehen, sondern im Nebeneinander von Millionen, ja Milliarden individueller Existenzen besteht, deren Lebensformen immer ähnlicher aussehen, ohne als Normen erlebt zu werden. Zu beinahe nichts verpflichtet dieser Mittelstand, obwohl es ihm schwer fällt, eine Wirklichkeit jenseits der eigenen auch nur vorzustellen. Die monstruöse neue Situation schliesst Reiche wie Arme in der vollen Auseinanderentwicklung ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmöglichkeiten ein; sie tragen die billigeren und teureren Versionen des gleichen Kleidungsstils, und in Europa tendieren beide Seiten auch dazu, die traditionelle Hochsteuer-Poltik zu unterstützen.

In dieser Umgebung lädt sich nun – genau gegenläufig tatsächlich zum Begriff “Masse” – der Begriff der “Elite,” dessen grosse Zeit nach 1930 abgeschlossen schien, mit neuer Kraft auf. Seine Entstehung seit dem siebzehnten Jahrhundert und seine wortgeschichtliche Herkunft aus dem lateinischen Verb “eligere” (“auswählen”) sind an die Emergenz des Bürgertums in Mitteleuropa und an seine frühen, “Merkantilismus” genannten wirtschaftlichen Verhaltensformen gebunden. Durch eine Kaskade von soziologischen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Typen von “Elite” zieht sich die Insistenz auf eine direkte Beziehung zwischen herausragender individueller Leistung, gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Kompensation. In der Politik wurde die bürgerliche Leistungs-Ethik polemisch gegen die Aristokratie als Prinzip des ererbten Status gekehrt. Friedrich Nietzsche hat der in diesem Sinn bürgerlichen Einstellung von “Elite” eine besondere existentielle Vitalität zugeschrieben.

Von der Gegenwart des frühen einundzwanzigsten Jahrhungerts aus mag es überraschen, wie wichtig der Elite-Begriff sowohl für den Faschismus wie für den Kommunismus war, die beiden zentralen Konfigurationen des zwanzigsten als ideologischem Jahrhundert. Denn Faschismus und Kommunismus verstanden sich ja beide als Ideologien der Gleichheit, der ethnischen oder sozialen Gleichheit. Der je spezifische Egalitarismus hat Kommunismus und Faschismus aber nicht daran gehindert, ihre je positiven Bezugsgruppen (“Proletariat,” “Italiener,” “Arier” etc.) mit dem Elite-Begriff zu assoziieren — und darüberhinaus innerhalb ihrer als breiten Eliten aufgefassten Bezugsgruppen noch einmal Spezial-Eliten zu kultivieren (Mussolinis “Arditi” oder Hitlers “SS”).

1929, als Benito Mussolini am Zenith seiner Macht stand und Adolf Hitler dabei war, sich von der Position des politischen Pausenclowns ins deutsche Machtzentrum zu bewegen, erschien unter dem Titel “La Rebelión de las Masas” (“Der Aufstand der Massen”) ein Buch des spanischen Philosophen und Publizisten José Ortega y Gasset, das sofort breite europäische Resonanz fand, das man unter den Vorzeichen der politischen Korrektheit von 1968 dann wegen seiner Kritik an den Massen abzulehnen hatte – und das nun plötzlich im Hinblick auf die gegenwärtige Situation ein schillerndes Aktualitätspotential zurückgewinnt.

Ortegas Titel hatte in jenem historischen Kontext seine besondere Pointe. Angesichts einer Gegenwart, welche die bolschewistische “Oktoberrevolution” von 1917 und den faschistischen “Marsch auf Rom” von 1923 als Revolten der Masse im Sinn einer (jeweiligen) sozialen Klasse und einer (jeweiligen) revolutionären Elite mit angestrengter Begeisterung feierte, wollte er Leser-Aufmerksamkeit auf einen ganz und gar nicht totalitären, aber noch weniger revolutionären “Aufstand” lenken. Das war der Aufstand des selbstzufriedenen Kleinbürgers (“senorito satisfecho”) und sein Anspruch auf ein ebenso bequemes wie sorgenfreies Leben, zu dessen Sicherung er nichts beitragen zu müssen glaubte, weil er sich auf den großzügigen Staat verließ. Ortega bezog Faschismus und Kommunismus in diese Beschreibung ein, ohne seine Version vom “Aufstand der Massen” gleich als koexistensiv mit den beiden grossen Ideologien anzusehen. Neben Selbstzufriedenheit, Grenzenlosigkeit der Ansprüche und blindem Vertrauen auf den Staat attestierte er dem neuen Massenmenschen – mit Nietzsche im Gedächtnis — auch einen Verlust an Vitalität.

Das späte Provokationspotential von Ortega y Gassets Buch als längst ablegtem Klassiker ergibt sich aus den gegenläufigen Veränderungen im Gebrauch der Begriffe “Masse” und “Elite” (und aus den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, auf die sie sich beziehen). Nach dem Erscheinen der “Rebelión de las Masas” hatte die sich in den dreißiger Jahren zuspitzende Rivalität zwischen den Ideologien und den Mächten, welche sie verkörperten, den Blick auf die damals schon einsetzende Entwicklung einer neuen Mittelschicht verstellt. Im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert hingegen ist sie, zumal innerhalb der europäischen Union mit ihren unbegrenzten Erwartungen, ihrer durchaus gedämpften Leistungsbereitschaft und der mit ihrer Expansion einhergehenden demographischen Entwicklung zum zentralen sozialpolitischen Problem der Gegenwart und – mit noch dramatischeren Akzenten – der Zukunft geworden.

Dass “Elite” als Begriff und als Zone des Handelns im neuen alten Mittelstand einen Tabu-Status hat, bedarf kaum ausführlicher Erklärung oder Dokumentation. Ein komplexes System (oder eher: ein ausuferndes Rhizom) wechselseitiger Beobachtung und Limitierung ist zum Schutz der selbstzufriedenen “Gleichheit” entstanden. Aufmerksamkeit verdient eher das doppelt paradoxale Verhältnis zwischen Mittelstand und Elite. Zum einen scheinen gerade unter den Vorzeichen wechselseitiger Beobachtung und Limitierung jene elitäre Motivationen zu gedeihen, welche die Gleichheits-Apostel irritieren. Zum anderen und vor allem gehen mit der unaufhaltsamen Expansion des Mittelstands die Chancen sozialer Mobilität dramatisch zurück. Wer auf jedes Anzeichen elitären Verhaltens und elitärer Dynamik mit kontrollierender Eifersucht reagiert, der trägt unwillentlich auch zur Blockierung der eigenen Aufstiegschancen bei.

Übrigens gehört es zum Habitus der neuen (und alten) Eliten, dass sie im Hinblick auf die öffentliche Manifestation ihrer Leistungen ganz nonchalant (vielleicht demonstrativ nonchalant) bleiben, während jede Art von Status-Bewahrung, ob aristokratisch oder mittelständisch, nach Sichtbarkeit strebt. Wo die Nonchalance aussetzt, ist elitäre schon in besitzstandsbewahrende Bürgerlichkeit umgeschlagen. In “Hooking Up,” einem Essay über die Silicon-Valley-Elite, hat Tom Wolfe diese Bewegung mit ihrer ganzen Ambivalenz beschrieben: “The stodginess of an East Coast career was symbolized by the stodginess of the dress. Even the youngest dressed like old men: the dark blah suit, the light blah shirt, the hopelessly ‘interesting’ Hermes tie…Many of them even wore silk braces. The new Master of the Universe turned it all upside down. At Il Fornaio restaurant in Palo Alto, California, where they gathered to tell war stories and hand out business cards at breakfast, the billionaire founders of the new wonder corporations walked in the door looking like well-pressed, well-barbered beachcombers, but beachcombers all the same. They wore khakis, boating moccasins (without socks) and ordinary cotton shirts with the cuffs rolled up and the front unbuttoned to the navel, and that was it. You could tell at a glance that a Silicon Valley billionaire carried no cell phone. Having breakfast with him at Il Fornaio would be a vice president whose net worth was $ 100 or 200 million. He would be dressed just like the founder, except that he would also be wearing a sport jacket. Why? So he could carry…the cell phone.”

 

Enzensbergers Regeln für die digitale Welt: Wehrt Euch!

Wer sich nicht dauernd mit den digitalen Nachstellungen von Unternehmen und Geheimdiensten herumschlagen will, muss nur ein paar einfache Regeln befolgen. Zehn sind es an der Zahl, die Hans Magnus Enzensberger bündig formuliert.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195.html

Kopie von Enzensberger bei "Beckmann"

Hans Magnus Enzensberger: Hier bei „Beckmann“ über seine Sicht auf die Gefahren der digitalen Welt für die Demokratie sprechend.

Für Leute, die keine Nerds, Hacker oder Kryptographen sind und die Besseres zu tun haben, als sich stündlich mit den Fallgruben der Digitalisierung zu befassen, gibt es zehn einfache Regeln, wie sie sich ihrer Ausbeutung und Überwachung widersetzen können:

1

Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist. Der abergläubischen Verehrung, die ihm zuteil wird, sollte man nichts abgewinnen. Smart sind nicht diese Geräte oder die sie benutzen, sondern die sie uns anpreisen, um unermessliche Reichtümer anzuhäufen und gewöhnliche Menschen zu kontrollieren.

2

Wer immer einem ein kostenloses Angebot macht, ist verdächtig. Man sollte unbedingt alles ausschlagen, was sich als Schnäppchen, Prämie oder Gratisgeschenk ausgibt. Das ist immer gelogen. Der Betrogene zahlt mit seinem Privatleben, mit seinen Daten und oft genug mit seinem Geld.

3

Online-Banking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle.

4

Regierungen und Industrien möchten das Bargeld abschaffen. Ein gesetzliches Zahlungsmittel, das jeder einlösen kann, soll es nicht mehr geben. Münzen und Scheine sind Banken, Händlern, Sicherheitsbehörden und Finanzämtern lästig. Plastikkarten sind nicht nur billiger herzustellen. Sie sind auch unseren Aufpassern lieber, denn sie erlauben es, jede beliebige Transaktion zurückzuverfolgen. Deshalb tut jeder gut daran, Kredit-, Debit- und Kundenkarten zu meiden. Diese ständigen Begleiter sind lästig und gefährlich.

5

Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit einem totalen Boykott zu begegnen. An den Datenschutz den mindesten Gedanken zu wenden fällt ihren Herstellern nicht im Traum ein. Der einzige Körperteil, an dem sie verwundbar sind, ist ihr Konto. Sie sind nur durch die Pleite zu belehren.

6

Ähnliches gilt für die Politiker. Alles, was man gegen ihr Tun und Lassen einwendet, ignorieren sie. Den Finanzmärkten begegnen sie unterwürfig, und gegen das Treiben der Geheimdienste vorzugehen, wagen sie nicht. Interessiert sind sie jedoch daran, wiedergewählt zu werden. Solange das Wahlrecht noch existiert, sollte man ihnen die Stimme verweigern, wenn sie die digitale Enteignung dulden, statt gegen sie vorzugehen.

7

E-Mail, zu deutsch Strompost, ist schön, schnell und kostenlos. Also Vorsicht! Wer eine vertrauliche Botschaft hat oder nicht überwacht werden möchte, nehme eine Postkarte und einen Bleistift zur Hand. Handschrift ist von Automaten schwer zu lesen. Niemand vermutet auf einer Ansichtskarte, die 45 Cent kostet, wichtige Nachrichten. Man braucht also nicht zu einem toten Briefkasten zu greifen, wie er in altmodischen Spionageromanen vorkommt.

8

Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden. Anbieter wie Amazon, Ebay und so weiter speichern alle Daten und belästigen ihre Kunden mit Reklamemüll. Anonymer Einkauf ist besser. Einzelne Adressen, die man gut kennt, können als Ausnahmen durchgehen.

9

Die großen Internetkonzerne finanzieren sich, ebenso wie das sogenannte Privatfernsehen, hauptsächlich durch Reklame. Damit stehlen sie ihren Kunden Zeit und Aufmerksamkeit. Wer einen, in welcher Form auch immer, andauernd anbrüllt oder belästigt, den sollte man abstrafen. Auf alle Angebote, die auf diese Weise vermarktet werden, zu verzichten ist empfehlenswert, ebenso wie Sender, die einen durch Werbung terrorisieren, ein für alle Mal abzuschalten. Das ist nicht nur aus hygienischen Gründen ratsam. Bekanntlich arbeiten besonders amerikanische Großkonzerne eng mit den Geheimdiensten zusammen, um möglichst jede menschliche Regung auszuspähen und zu kontrollieren.

10

Netzwerke wie Facebook nennen sich „sozial“, obwohl sie ihren Ehrgeiz daransetzen, ihre Kundschaft so asozial wie möglich zu behandeln. Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen. Wer bereits das Unglück hat, einem solchen Unternehmen anzugehören, der ergreife so schnell wie möglich die Flucht. Das ist gar nicht so einfach. Was ein Krake einmal erbeutet hat, gibt er nie wieder freiwillig her.

* * *

Mit diesen simplen Maßregeln kann das politische Problem, vor das die Gesellschaft gestellt ist, natürlich nicht gelöst werden. Angesichts der Passivität und der Unterwürfigkeit der hierzulande regierenden Parteien ist es bemerkenswert, wenn sich ein namhafter Politiker überhaupt einmal dazu äußert. Er heißt Martin Schulz und ist nicht nur Präsident des Europäischen Parlaments, sondern sogar Sozialdemokrat. Weder er noch seine Partei hat sich bisher mit Einsprüchen gegen den Sicherheits- und Kontrollwahn hervorgetan. Alle einschlägigen Übergriffe, gleichgültig, ob sie aus dem Ausland kommen oder deutscher Wertarbeit zu verdanken sind, wurden bisher durchgewinkt. Daten speichern, abhören, abwiegeln – das sind die üblichen Verfahren.

Der Schlaf der Vernunft wird bis zu dem Tag anhalten, an dem eine Mehrheit der Einwohner unseres Landes am eigenen Leib erfährt, was ihnen widerfahren ist. Vielleicht werden sie sich dann die Augen reiben und fragen, warum sie die Zeit, zu der Gegenwehr noch möglich gewesen wäre, verschlafen haben.

 

Im Zeitalter von Big Data Wir wollen nicht

Edward Snowden hat die Frage unserer Zeit gestellt: ob wir so leben wollen oder nicht. Big Data verändert unser Denken und Handeln radikal: „Wir können Dinge tun, die wir niemals tun konnten“.

26.08.2013, von Frank Schirrmacher

Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, hat Big Data nicht verstanden - Splitscreen mit dem von Microsoft entwickelten „Domain Awareness System“
Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, hat Big Data nicht verstanden – Splitscreen mit dem von Microsoft entwickelten „Domain Awareness System“

Am 9. Juni dieses Jahres machte der „Guardian“ die Identität Edward Snowdens in einem Interview öffentlich. In dem Gespräch begründete Snowden seine Aktion mit folgendem Satz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ Nach allem, was man seither gelesen, gehört und gesehen hat, ist festzustellen, dass kein Wort an dieser Begründung falsch oder übertrieben war. Die offene Frage in der ganzen Snowden-Affäre, die wir und die Politik uns zu stellen haben, ist dieselbe, die Snowden stellte: ob wir in so einer Welt leben wollen oder nicht.

Offenbar wollen wir. Bundesregierung und die Mehrheit der Bundesbürger haben sich gegenseitig versichert, dass sie nichts voreinander zu verbergen haben. Was immer die unsichtbare Hand der Geheimdienste und des Silicon Valley in irgendeiner elektromagnetischen Schicht an Insider-Informationen sammelt, dringt in den Augen der Bürger ins wirkliche Leben allenfalls als Buchempfehlung vor. Und weil Menschen, die die Aufregung um Snowden nicht gekauft haben, auch nicht eine Partei wählen, die damit Politik macht, hat auch keine Partei eine politische Antwort auf das Drama des überwachten Menschen wirklich im Angebot. Der „Like“-Button ist längst stärker als jedes Bundesverfassungsgerichtsurteil.

Eine „Beendigung der Debatte“ wäre verantwortungslos

Verdorben durch den Wahlkampf, der die Debatte zum reinen Stellvertreterkrieg machte, verwässert durch die nachgerade unverfrorenen Erklärungen, mit der die NSA relevante Informationen in einer Flut von Hintergrundrauschen ertränken wollte, verunsichert durch Snowdens vielleicht ausweglosen, aber angreifbaren Weg nach Moskau und verängstigt von der Gefahr, Terroristen in die Hände zu spielen, hat sich die Informationsgesellschaft offenbar mehrheitlich auf den Standpunkt gestellt, dass man nichts Genaues weiß und auch nie wissen wird und man im Übrigen nichts zu verbergen habe. Zu dieser Einschätzung trugen die offenbar falsche Zuordnung von 500 Millionen Telefonverbindungen in Deutschland ebenso bei wie jene Experten, die, manchmal sogar in der gleichen Person, Snowdens Enthüllungen zum alten Hut, zum Staatsgeheimnis oder zum schieren Missverständnis erklärten. Man versteht nach alledem, warum die Menschheit erst in der „Wissensgesellschaft“ angekommen sein musste, als sie im Jahre 2005 eine neue Wissenschaft erfand: die Agnotologie, die Analyse der systematischen Produktion von Nicht-Wissen. Sie hat einen entscheidenden Effekt auf das, was wir altertümlich politische Willensbildung nennen: Man kann gar nicht mehr sagen, was man will oder nicht.

Offenbar wollen wir. Bundesregierung und die Mehrheit der Bundesbürger haben sich gegenseitig versichert, dass sie nichts voreinander zu verbergen haben. Was immer die unsichtbare Hand der Geheimdienste und des Silicon Valley in irgendeiner elektromagnetischen Schicht an Insider-Informationen sammelt, dringt in den Augen der Bürger ins wirkliche Leben allenfalls als Buchempfehlung vor. Und weil Menschen, die die Aufregung um Snowden nicht gekauft haben, auch nicht eine Partei wählen, die damit Politik macht, hat auch keine Partei eine politische Antwort auf das Drama des überwachten Menschen wirklich im Angebot. Der „Like“-Button ist längst stärker als jedes Bundesverfassungsgerichtsurteil.

So sehen Anzeigen von Firmen aus, die weltweit für ihre Überwachungssoftware werben

So sehen Anzeigen von Firmen aus, die weltweit für ihre Überwachungssoftware werbenEs ist unmöglich, nachzuzeichnen, wie all die Bluffs, Ablenkungen, Fehler, Aufklärungen und Camouflagen, inklusive der Lügen vor dem amerikanischen Kongress, aus der „Debatte“, die sich nicht nur Snowden, sondern auch der amerikanische Präsident wünschte, eine Travestie machten. Es mag sein, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch von etlichen Programmen wie Prism hören werden und die Auseinandersetzung immer mehr zu einer operativen Frage geheimdienstlicher Strategien wird.

Doch die eigentliche Erkenntnis, die Snowden mehr auslöste als dokumentierte, ist längst gewonnen: Wir erleben eine Veränderung der sozialen Ordnung in den westlichen Demokratien, die so grundsätzlich zu sein scheint, dass die „Beendigung der Debatte“ geradezu verantwortungslos wäre. Jeder konnte jetzt seine Meinung zu Edward Snowden und Moskau und einzelnen Programmen äußern. Vielleicht sollte man das allmählich bleiben lassen und insbesondere auf politischer und juristischer Ebene erkennen, dass der Souveränitätsverlust des Landes und Europas – nach der Eurokrise zum zweiten Mal in kurzer Zeit und, wie Christian Lindner und Sigmar Gabriel zu Recht in der F.A.Z. hervorhoben, durchaus aus den gleichen Gründen – nur ein Symptom für neue Machtverhältnisse ist. So wichtig es ist, Terror zu bekämpfen oder Cyberangriffe abzuwehren, so übereinstimmend reden die Experten davon, dass alle Überwachungssysteme, egal ob in China oder Russland oder Ägypten oder Amerika, gleich konstruiert sind. Die Proliferation der Technologie, vom „Wall Street Journal“ in erschreckender Detailgenauigkeit dokumentiert, wird ohne Zweifel auf politischer Ebene zu einem Rüstungswettlauf führen, in dem sich immer häufiger Überwachungssysteme (vom Cyberwar ganz zu schweigen) gegenseitig auszutricksen versuchen. Die Sache ist einfach: Einem trotz der Internetgiganten immer noch dezentralen Netz kann sich jederzeit ein Zentralgehirn zuschalten, das buchstäblich jede Lebens- und Geräteäußerung aufzeichnen, analysieren und vergleichen kann. Schon gibt es Andeutungen, dass die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht zeitgemäß sei. Die Vision, dass selbst Grundrechte einem ständigen Update unterliegen und stets nur in der Betaversion vorhanden sind, ist so beklemmend, dass man sich wünscht, dass in der Debatte, die nicht nur die NSA, sondern Google, Facebook oder Apple umfassen müsste, sich endlich Verfassungsjuristen zu Wort melden. Von Unternehmen, die bereit sind, beispielsweise in China auf staatliche Anordnung das Wort „Demokratie“ aus Blogtiteln zu streichen, ist selbst wenig zu erwarten.

Ein gigantisches Hirn, das sich nur erinnern muss

Das neue Zeitalter von Big Data erschafft die größte Überwachungsmaschine, die es jemals gab. Es kommt in einer Erscheinungsform, für die wir keine kulturelle Prägung besitzen. Sie ist nicht vorhergesehen worden von Wissenschaftlern, nicht von Ingenieuren, nicht von Science-Fiction-Autoren, auch und vor allem nicht von George Orwell. Ihre Besonderheit besteht darin, dass Überwachung zum ökonomischen Rational schlechthin wird: Praktisch alle Märkte und Produkte werden ihre Konsumenten und Nutzer überwachen, sortieren und evaluieren. Die Algorithmen, die das tun, sind zum Großteil beliebig austauschbar: Ob man bei Amazon einkauft oder einen Menschen evaluiert, das ist kein fundamentaler Unterschied.

Gus Hunt, der Cheftechniker der CIA und eine unschätzbare Quelle für die Dinge, die die NSA nicht sagen will (und die er jetzt vielleicht auch nicht mehr sagen würde), lobte beim „Amazon Web Service Summit“ im Jahre 2011, dass die „Märkte uns erlauben, Dinge mit Informationen zu tun, die wir niemals haben tun können“ (siehe auch hier).

Es ist eine Zivilisation, in der Realitäten entstehen, für deren Voraussage man vor zehn Jahren zum Therapeuten geschickt worden wäre: zum Beispiel die (in den Worten von Alex Pentland), dass unsere Kleidung, wenn man einen Raum betritt, „sofort weiß, was los ist und entsprechend reagieren kann“.

Geprägt von den Spionage- und Orwell-Erzählungen des letzten Jahrhunderts, stellen sich viele den Vorgang als eine Art „Suche“ vor. Viel zutreffender aber ist das Bild eines gigantischen Hirns, das sich nur erinnern muss. Deshalb entstehen überall Datenspeicher in unfassbaren Dimensionen – das Pentagon beispielsweise, nur eine Regierungsbehörde unter vielen, wenn auch eine sehr datenintensive, baut eine Erweiterung seines Datenspeichers in einer Größe (Yottabytes), für deren nächsthöhere Dimension es noch gar kein Wort gibt.

Die Rolle der Quants

Solche Datenmengen lassen sich natürlich nur automatisiert verarbeiten, sortieren und, wie es die Finanzmärkte vormachen, in Vorhersagen umschreiben. Der rätselhafte Satz der NSA, sie habe nur einen Bruchteil der Daten „angefasst“ („touched“), ist deshalb auch keine Beruhigung, sondern eine Trivialität. Man darf sich die neue Welt nicht vorstellen als die Welt Hollywoods, in der der Detektiv unerbittlich einer Spur nachgeht, alles andere eliminiert und schließlich zum Ziel kommt. Was den Detektiv verwirren würde, ist das Lebenselixier der Überwachungs- und Vorhersagesysteme des neuen Zeitalters: Sie verbessern sich, je totaler, zufälliger und vielschichtiger die Daten werden. Sie brauchen im Idealfall alles.

All das kann im Ernst nicht bezweifelt werden. Schon vor drei Jahren veröffentlichte das „Wall Street Journal“ eine grandiose Dokumentation über die Überwachungsindustrie – der auch Snowden angehörte -, die ihre Produkte in die ganze Welt, zuletzt nach Syrien, verkaufte.

Facebook, so schrieb ein Autor, der die NSA-Aktionen quantitativ relativieren wollte, speichere pro Tag 20 Mal mehr reine Log Data, als die NSA insgesamt Daten speichere. Das war als Beruhigung gedacht. Dass es zutiefst verstörend ist, insbesondere wenn man weiß, dass die NSA auf die Daten zugreifen könnte und Facebook sie vermarkten und verkaufen kann, schien ihm kein nennenswerter Einwand zu sein. Gus Hunt hat auf dem Amazon-Gipfel erklärt, dass Daten nicht weggeworfen werden dürfen: Man weiß ja nicht, was sie in Zukunft bedeuten können: „Wir bewegen uns weg von dem Paradigma der Suche hin zur Korrelation von Daten im Voraus, um zu wissen, was passieren wird.“

Die Frage, warum das den Einzelnen beunruhigen sollte, ist damit noch nicht beantwortet. Vielleicht kann, da die Phantasie nicht ausreicht, der Blick auf Biotope helfen, in denen dieser „mindset“ bereits – oft völlig unbemerkt – in den Alltag integriert ist. Der Ökonom und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowksi, einer der besten Kenner des Computers und seiner Mathematik, hat soeben in seinem neuem Buch „Never Let a Serious Crisis Go to Waste“ die Überwachungsalgorithmen bei normalen Kundenkreditvergaben in den Vereinigten Staaten analysiert. Er zeigt bestechend, wie das angeblich so fluide digitale Ich, das längst unser wirkliches zu ersetzen beginnt, in eine Matrix von Algorithmen evaluiert und risikobewertet wird, in der das empirische, wirkliche Ich keine Chance mehr hat. Die „New York Times“ hat in einer aufregenden Reportage Obamas letzten Wahlkampf analysiert. Sie beschreibt die Rolle der Quants, der mathematischen Köpfe hinter den neuen Verfahren, die über exzessive Überwachungsstrategien in Facebook Wahlen gewinnen, indem sie Politik selbst verändern: Die Politik, die aus zivilen Überwachungsmärkten entsteht, will niemanden mehr überzeugen und viele auch gar nicht mehr erreichen. Sie weiß, was „Allokation von Ressourcen“ auch im Bereich politischen Denkens bedeutet. So wie „pre crime“- Analytik, die Vorhersage von Verbrechen, die Kosten für die Polizei senkt, so senkt die Überwachungsmathematik im politischen Geschäft die Kosten für Ideen und für den Geist.

Der verkaufte Nutzer

So pathetisch die Frage klingen mag: Snowdens Bekenntnis, er wolle nicht in so einer Gesellschaft leben, macht seinen Fall zur wirklichen Chance für die Selbstvergewisserung der Gesellschaft – in den Worten des hier unverdächtigen Hans-Peter Uhl zum „Weckruf“.

Die Dramatik wird nicht dadurch geringer, dass wir auch als Menschen dazu neigen, die Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren, allerdings mit weniger Daten und schlechterem Gedächtnis als die Überwachungssysteme. Zur demokratischen Substanz gehört, dass Medien und Öffentlichkeit Gegenwehr entwickeln. Auch hier ist der Fall Snowden in seiner Verengung auf Verrat oder Heldentum ein Menetekel. Dass innerhalb der „Debatte“ gemeldet wird, dass der amerikanische Staat eine Software zur Gesichtserkennung von Menschenmengen sehr weit entwickelt hat; oder dass Google erklärt, dass Googlemail-Nutzer nicht mit Privatsphäre rechnen können, hätte in der Vergangenheit einen Sturm der Entrüstung, zumindest Nachfragen ausgelöst. Und auch die Medien entwickeln sich zu kleinen Überwachungsmaschinen. David Ignatius, der CIA-Fachmann der „Washington Post“, wurde in der Fernsehsendung „Meet the Press“ gefragt, was er vom Verkauf an Jeff Bezos halte. „Wissen Sie“, sagte er, „wenn ich auf die Amazon-Seite gehe, wissen die eine Menge über mich. Sie wissen, was ich kaufen will. Es gibt keinen Grund, warum wir das nicht auch auf unserer Zeitungs-Website machen können.“

Wer über Snowden redet, muss über die Veränderung des Denkens reden. Es ist genau das, was Admiral Poindexter, der Architekt der Überwachungsapparatur für die NSA, vorausgesagt hat, als er von unserem „Manhattan-Projekt für das 21. Jahrhundert“ geredet hat. Größer kann man es nicht formulieren. Denn das Projekt, das zur Atombombe führte, hat das Denken und die Rationalität der Gesellschaft tiefgreifender verändert als die Bombe selbst, die im Kalten Krieg immer nur ein Symbol war. Damals gab es heftige, fruchtbare Debatten. Von den Großintellektuellen hat sich vernehmlich – und für ihn singulär – nur Hans Magnus Enzensberger zu Wort gemeldet. Aber was heißt heute „zu Wort gemeldet“? Die Schriftstellerin Juli Zeh, die das Thema früher und scharfsinniger als viele andere erkannte, hat auf „change.org“ eine Petition an die Bundeskanzlerin formuliert und mit ihrer Warnung vor dem Überwachungsstaat immerhin fünfzigtausend Unterschriften gesammelt. Vielleicht ist Warnung nötig, nicht nur vor dem Staat allein. „change.org“ ist eine kommerzielle Plattform, die ungezählte solcher Petitionen organisiert. Philip Mirowski hat unlängst das Kleingedruckte gelesen und festgestellt, dass „jeder, der die Seite benutzt, damit rechnen muss, dass seine persönlichen Informationen an die Personen oder Organisationen weitergeleitet werden, die die Petition organisieren; sie außerdem an dritte Parteien, an Behörden oder Kläger übermittelt und sogar unter bestimmten Umständen verkauft werden können.“

The Surveillance CatalogWhere governments get their tools

http://projects.wsj.com/surveillance-catalog/

Ökonomie der Überwachung – Daten, die das Leben kosten

01.04.2014  ·  Die digitalen Supermächte sind dabei, jedem ein Preisschild anzukleben. Es geht um eine gesellschaftliche Neuordnung: Über die Tricks der Mitspieler: die City of London Inc. hat ein paar richtig fiese im Angebot.

Von Sascha Lobo

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sascha-lobo-digitale-daten-gefaehrden-leben-und-freiheit-12874992.html

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Der Schritt zur maschinellen Entscheidung über Leben und Tod: die Drohne Taranis, benannt nach dem keltischen Gott des Donners.

ie kann man ernsthaft einen neuen Internetoptimismus fordern, der doch wieder enttäuscht würde? Oder, schlimmer: sich womöglich nochmals als naiv erwiesen? Die Antwort: Der Preis erneuter Enttäuschung ist gering, es gibt keine sinnvolle Alternative zu einem neuen Netzoptimismus. Zu einem, der Kritik ernst nimmt und integriert, statt mit Spott zu reagieren oder gar nicht. Sein Ziel wäre, die digitale Vernetzung der Gesellschaft zu menschenwürdigen Bedingungen voranzutreiben und ohne wesentliche Werte der Aufklärung in einem Klosett in Langley herunterspülen zu lassen.

Die konkreteste Gefahr ist gezielte Tötung

Der Schlüsselsatz aus Martin Schulz’ kämpferischem Debattenbeitrag zur digitalen Vernetzung in dieser Zeitung lautet: „Wenn der Bürger nur zum Wirtschaftsobjekt degradiert wird und der Staat ihn unter Generalverdacht stellt, kommt es zu einer gefährlichen Verbindung von neoliberaler und autoritärer Ideologie.“ Das ist nachvollziehbar, neoliberal und autoritär, die Singapurisierung Europas kann niemand wollen.

Weil aber das Vage die Debatte zur digitalen Sphäre vergiftet, ist es für das Verständnis des kommenden Kampfes essentiell, der konkreten Gefahr nachzuspüren, statt sie diffus zu beschwören. Am besten beginnt man bei der radikalsten Konsequenz der Datensammlung: der gezielten Tötung.

Seit 2011 sind die sogenannten Signature Strikes der Vereinigten Staaten bekannt, ferngesteuerte Exekutionen per Drohne. Betroffen sind Personen und Gruppen, die nicht verurteilt oder auch nur angeklagt wurden. Oft genug trifft es zufällig Danebenstehende. Der republikanische Senator Lindsey Graham, der der Übertreibung um des Friedens willen unverdächtig ist, sprach Anfang 2013 von bis dahin 4700 Drohnentoten.

„Ich habe nur Befehle ausgeführt“

Noch scheint die Tötungsentscheidung von Menschen getroffen zu werden – spitzenwiderlich, und doch nur das Vorspiel künftiger Perversionen. Die Drohne „Taranis“ des britischen Rüstungsunternehmens BAE Systems – Großlieferant der amerikanischen Regierung – wurde im Februar 2014 vorgestellt. Gesteuert wird sie durch ein „fully autonomous intelligent system“, ein schwiemeliger Euphemismus für den kybernetischen Horrorklassiker: Die Drohne kann autonom identifizieren, wen sie wo und wann tötet. Eine digitale Todesschwadron, bei der aus einem Bug ein Zufallsmord werden kann.

Laut BAE muss stets der Mensch einen Angriff prüfen und genehmigen, technisch zwingend wäre es mit Taranis nicht mehr. Und die Institutionen, die diese Drohne einsetzen werden, sind bisher nicht unbedingt durch begeisterte Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln aufgefallen. Sondern durch maßloses Ausschöpfen jeder technischen Machbarkeit. Der Blick in das Funktionskonzept dieser automatisierten Mordtechnologie offenbart die zivilisatorische Kälte einer datengetriebenen Ideologie. Es ist eine dunkle Ideologie der vermeintlichen Alternativlosigkeit: „Ich habe nur Befehle ausgeführt“ im Maschinengewand.

Bei Anruf Mord

Die Entscheidung, wer zu töten sei, folgt einem neuen Paradigma der Datenverarbeitung namens „Patterns of Life Analysis“, grob zu übersetzen mit Verhaltensmuster-Analyse. Vereinfacht erklärt, basiert es auf Profilen und Wahrscheinlichkeiten. Für sich genommen, ist dieses Paradigma weder gut noch schlecht. Allerdings erfordert es einen ständigen Datenstrom, denn solche Wahrscheinlichkeiten altern schnell.

Im Fall der Drohnenmorde werden anhand der SIM-Karten in Mobiltelefonen Profile angelegt und per Überwachung angereichert, hauptsächlich mit den sogenannten Metadaten. Die Abkürzung ABI (activity-based intelligence) steht dafür, dass jede ausspionierte Aktivität in die Berechnung einfließt: SMS an besondere Adressaten, die Anwesenheit des Handys am falschen Ort zur falschen Zeit, Anrufe bei einer bestimmten Nummer. Es ergibt sich nach den Patterns of Life eine Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem Profil um einen Terroristen handeln könnte.

Berechnete Wahrscheinlichkeiten entscheiden über Leben und Tod

Irgendwann wird durch die Akkumulation einer Vielzahl von Datenströmen – Accumulo heißt das dabei verwendete Datenbanksystem der NSA – ein willkürlich gesetzter Wert überschritten. Die Person zum Profil wird dann nicht mehr als wahrscheinlicher Terrorist betrachtet, sondern als Terrorist. Das ist ihr Todesurteil.

Und die Berechnungsmethode ist der Grund, weshalb regelmäßig Leute ermordet werden, deren Name nicht einmal bekannt ist, wie das „Wall Street Journal“ enthüllte. An diesem Punkt schlagen die Patterns of Life um in die Patterns of Death, der tödlichen Gewissheit eines Datenmodells, verdichtet zu einer horriblen Ideologie. Ihr Kern: Nach willkürlichen Kriterien berechnete Wahrscheinlichkeiten werden als Realität angesehen. Dann wird danach gehandelt, selbst wenn das bedeutet, einen glasklaren Mord zu verüben.

Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt

Das ist das ideologische Fundament für den Spähwahn der Geheimdienstmaschinerie: die Überzeugung, zur eindeutigen Wahrheit zu gelangen, wenn man die Maschine bloß mit ausreichend vielen Daten füttert. Der Soziologe Dirk Baecker gab im November 2013 einen Hinweis darauf, wie diese geheimdienstliche Realitätskonstruktion zurückwirkt auf die Politik: „Geheimdienste arbeiten nur dann stabil und damit unter politischer Kontrolle, wenn sie jede ihrer Informationen für instabil halten müssen. Denn nur unter der Bedingung instabiler Informationen müssen sie deren Bewertung der Politik überlassen. Im Falle aller eindeutigen Informationen behalten sie das Deutungsmonopol und können darauf ihre Autonomieansprüche und ihren Einfluss begründen.“

Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss.

Die Virtualisierung der Verantwortung

Diese datengetriebene Ideologie zielt auf eine Entpolitisierung der Macht, auf die Virtualisierung der Verantwortung. Und damit auf die Aushöhlung der Demokratie. Und es handelt sich nicht um ein isoliertes Phänomen der Terrorbekämpfung.

Denn der Fortschritt selbst – die sozialen Medien mit neuen Datenkategorien, die Beherrschbarkeit großer Datenmengen, die Robotik – hat nebenbei die Bereitschaft erhöht, mehr und wichtigere Entscheidungen der Maschine zu überlassen. Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene.

Bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt an die Maschine spielt auch die Erkenntnis von Joseph Weizenbaum eine Rolle, nach der Menschen dazu neigen, berechnete Ergebnisse eines Computers absonderlich ernst zu nehmen, eine Schwester von Horkheimers instrumenteller Vernunft.

Datenschutz als größter Feind von Google & Co.

Mit maschinell produzierter Gewissheit in einer ungewissen Welt drängt sich die Ideologie in alle Lebensbereiche, indem sie Wahrscheinlichkeit als Wahrheit verkauft samt zwingender Handlungsanweisung. Weil dafür persönliche Daten benötigt werden, ist Datenschutz ihr erster und größter Feind. Die Suche nach weiteren Schlachtfeldern dieser Ideologie führt deshalb nach Brüssel und Straßburg, wo lange die Europäische Datenschutz-Grundverordnung verhandelt wurde, die im Jahr 2014 beschlossen werden soll.

Eine Reihe Lobbygruppen haben sich dabei eingebracht. Der Markt rund um Daten ist so groß, dass sich diese teuren Investitionen schon lohnen, wenn am Ende bloß ein Geschäfte erschwerender Halbsatz wegfällt. Das hat nicht zwingend mit der beschriebenen Ideologie zu tun, natürlich lassen sich Daten ebenso positiv nutzen.

Mehr noch, die gesamte Ökonomie transformiert sich zur Datenökonomie, die digitale Vernetzung und ihre Datenflüsse sind das Nervensystem der kommenden Wirtschaft. Und doch lohnt ein Blick auf die Datenschutzgegner in Brüssel. Wenig überraschend finden sich darunter Facebook, Google, Microsoft. Ebenso deutsche Adresshändler, die Zeitschriften- und die Marketingbranche. Zu den aggressivsten aber gehört die Gemeindeverwaltung der Londoner Innenstadt, die City of London Corporation. Huch?

Die Entmachtung der Bürger in Londons Innenstadt

Als gewählte Instanz kann sie wesentlich besser politischen Einfluss nehmen, manchmal agiert sie sogar mit dem Mandat der britischen Regierung. In Wahrheit ist die City of London ein Monstrum. Ihre wichtigste Mission laut Website: „Wir unterstützen und fördern die City of London als weltweit führend in der internationalen Finanzwirtschaft.“ Das ist kein Zufall. Denn bei der Wahl der Gemeindevertreter können auch Unternehmen abstimmen. Nach der Zahl ihrer Mitarbeiter. 2009 hatten deshalb rund 8000 Bürger jeweils eine Stimme. Die ansässigen Unternehmen konnten 24000 Stimmen abgeben.

Die Gemeindeverwaltung der Londoner Innenstadt wird faktisch von Finanzkonzernen bestimmt, eine einzigartige Pervertierung der Demokratie. Schön und gut oder vielmehr schlimm und schlecht – aber was hat das mit der Ideologie hinter Patterns of Life und der künftigen Entwicklung des Internets zu tun?

Der individuelle Wert eines jeden Kunden

Leider alles. Denn die Aggression der Politik gewordenen Bankenlobby gegen die Datenschutz-Grundverordnung markiert den Kampf um einen zukünftigen Markt im Netz: „Das größte Geschäft mit privaten Daten werden die Risikoabschätzung und die individualisierte Berechnung des Werts eines Kunden sein“, sagt Jan-Philipp Albrecht, grüner Europaparlamentarier und eine der treibenden Kräfte hinter der Datenschutz-Grundverordnung.

Mit diesem Markt beginnt die dunkle, deterministische Datenideologie spürbar auch in das Leben des deutschen Durchschnittsbürgers einzugreifen. Und nicht nur in das von jemenitischen Hochzeitsgesellschaften wie der zwölfköpfigen, deren Auslöschung per Drohne im Dezember 2013 durch ein datenbasiertes Versehen geschah.

Schon 2011 sicherte sich Google, übrigens Inhaber einer weltweiten Bankenlizenz, ein Patent auf das sogenannte Dynamic Pricing. Dabei wird in Online-shops kein gleichbleibender Preis für eine Ware angezeigt, sondern ein individuell berechneter, den genau dieser Kunde zu zahlen bereit sein könnte. Das geschieht, natürlich, über Profilbildung und Wahrscheinlichkeit, und obwohl die konkreten Formeln nicht bekannt sind, könnte alles einfließen, was das Unternehmen über einen Nutzer weiß, die Suchhistorie, der Wohnort, die abgeschätzte Kreditwürdigkeit, das Kaufverhalten im Android Appstore oder das Bewegungsprofil des Smartphones – Verhaltensmuster eben. Laut Googles Patentschrift könnten bestimmte Kunden überzeugt werden, für ein Produkt bis zu viermal mehr zu bezahlen als andere.

Der Missbrauch von Kundendaten ohne deren Wissen

Beim Online-Einkaufen automatisch über den Tisch gezogen zu werden ist zweifellos schöner, als beim Heiraten automatisch von einer Drohne zerfetzt zu werden. Der ideologische Ansatz dahinter ist derselbe: Die persönlichen Daten eines Individuums werden automatisiert und ohne sein Wissen zu seinem Schaden missbraucht.

Ob man bestimmte Produkte überhaupt noch angezeigt bekommt, ob man eine Flugreise antreten darf, ob man einen Job bekommt, ob man als Mieter einer Wohnung taugt – das Modell kann quer durch die digitale Gesellschaft angewendet werden, der Konsument oder Bürger wird, den Wahrscheinlichkeiten folgend, in seiner Handlungsfreiheit beschnitten. Ohne dass er sich substantiell wehren könnte oder auch nur Einblick in die Profile und Berechnungen bekäme, die sein Leben bestimmen.

„Wer hat, dem wird gegeben.“

Die City of London treibt einen tiefen Finanzmarkt der Zukunft voran, in dem persönliche Daten zusammengeführt werden, um zum Beispiel das Wertschöpfungspotential einer Person zu berechnen. Daraus ergibt sich, wie viel ein Unternehmen maximal in einen Rabatt investieren könnte, um den Interessenten zum Kunden zu machen. Ebenso ließe sich für jede Person in jeder Situation vermeintlich bestimmen, wie hoch das Risiko eines Zahlungsausfalls ist, welche Produkte zu welchen Preisen mit welchen Zahlungsmethoden und welcher Finanzierung man ihr anbieten kann und welche nicht.

Die ultraneoliberale Seite dieser Ideologie offenbart sich hier. Wer arm ist und sich ein Produkt nur mit Mühe leisten kann, bekommt es teurer angeboten. Wer reich ist und damit ein potentiell attraktiver Kunde, bekommt das gleiche Produkt in berechenbarer Erwartung zukünftiger Umsätze verbilligt, „Wer hat, dem wird gegeben.“ Um diesen Schatz zu heben, versuchen Internetkonzerne, Informationsdealer und Investmentbanken im Verein, die Mitbestimmung der europäischen Bürger über ihre Daten auszuhebeln.

„Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken.“

Seine passgenaue Ergänzung findet dieser zukünftig größte Markt im Internet im derzeit größten Markt im Internet, der Werbung. Der überwiegende Teil heutiger Internetwerbung hat nichts mehr zu tun mit den romantischen Kreativitätsmythen von „Mad Men“ bis „39,90“. Onlinewerbung ist zum privatwirtschaftlichen Arm der digitalen Totalüberwachung mutiert, nur dass es hier um Kauf- und nicht um Killwahrscheinlichkeit geht.

Bezogen auf Smartphone-Ortung und Suchhistorie, sagte Google-Aufsichtsrat Eric Schmidt 2010: „Wir wissen, wo Sie sind. Wir wissen, wo Sie waren. Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken.“ NSA-Chef Keith Alexander hätte es kaum anders formulieren mögen.

Schmidt sagt solche beängstigenden Sätze, weil die Werbeindustrie Werbung für effizienter hält, wenn man die Zielgruppe so präzise wie irgend möglich kennt. Bis in die intimsten, womöglich kaufentscheidenden Details der Patterns of Life hinein.

Im Oktober 2013 wurde in der Werbefachzeitschrift „Adweek“ eine Studie besprochen, nach der bei Frauen montags die Wahrscheinlichkeit am höchsten sei, sich hässlich zu fühlen. Deshalb sei dies der richtige Zeitpunkt, um ihnen entsprechende Kosmetik anzupreisen. Die Autorin der Studie war Chefstrategin einer Agentur, die zu Publicis Omnicon gehört, der größten Werbeholding der Welt.

Alle Daten analysieren bis sich Muster des Lebens ergeben

Der Moment der Verzweiflung als Marktvorteil – es gibt kaum persönliche Daten, die nicht auf die ein oder andere Weise verwertbar wären. Hier ist der Kristallisationspunkt der digitalen Überwachung, alles sammeln, alles aggregieren, alles auswerten, denn alles kann wichtig sein, die Muster, die das Leben ergeben.

Diese datensüchtige Ideologie ohne jeden Respekt vor der Würde des Einzelnen ist die Parallele zwischen staatlicher und privatwirtschaftlicher Überwachung, zwischen radikalisierten Geheimdiensten, skrupelloser Finanzwirtschaft und aggressiven Werbekonzernen. Weil die wesentlichen Prozesse im Verborgenen ablaufen müssen, um effizient zu funktionieren und Gegenmaßnahmen zu erschweren, ist neben Datenschutz auch Transparenz ein Feind dieser Ideologie.

Die Abschaffung der digitalen Privatsphäre im Namen der Effizienz

Natürlich ist ein Drohnenmord etwas völlig anderes als ein zum Zeitpunkt größten Unbehagens angebotenes Schminkset oder ein Job, den man nicht bekommt, weil irgendeine Profilberechnung eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit ergibt. Die Verbindung aber besteht in der Abschaffung der digitalen Privatsphäre zum Zweck der Effizienzsteigerung und in der Zuordnung einer Person zu einem Profil, ohne dass sie darauf den geringsten Einfluss hätte. Oder auch nur davon wüsste.

Weil daraus am Ende lebens- und sterbensbestimmende Entscheidungen getroffen werden, handelt es sich um eine Ideologie im Marxschen Sinn, um „ein Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“. Diese selbstherrliche Ideologie begreift das Leben aller ausschließlich als Datenmodell und beraubt sie individualisiert nach rechnerisch konstruiertem Gutdünken ihrer digitalen Handlungsmöglichkeiten. In einer hypervernetzten Zukunft ist das nichts anderes als die Beschneidung der Freiheit. Gegen diese Ideologie anzukämpfen heißt deshalb, für eine freie und offene Gesellschaft zu kämpfen.

Der Kampf um das gute Ende der digitalen Vernetzung

Das aber kann nur mit der digitalen Vernetzung, mit dem Internet geschehen und nicht dagegen. Es geht nicht um die Ablehnung des Fortschritts, sondern um dessen Richtung. Deshalb braucht man – einen neuen Internetoptimismus. Die irreversible Verschmelzung der Netzwelt mit der Restwelt bedeutet, dass Netzoptimismus in seiner Wirkung identisch ist mit Gesellschaftsoptimismus: Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist. Der Weg dorthin beginnt damit, die Ideologie unwirksam zu machen, indem die Erhebung, Zusammenführung und Auswertung von Daten zu angereicherten Profilen nach präzise definierten Regeln geschieht, indem jeder Einsicht in und Kontrolle über seine Profile als Recht zugesprochen bekommt. Und indem man dem digitaldeterministischen Gesellschaftsbild entgegentritt, mit dem eine vollständig markt- und machtkonforme Welt erschaffen werden soll.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist einer der bekanntesten Internet-Experten Deutschlands. Auf den Artikel von Martin Schulz „Warum wir jetzt kämpfen müssen“ antworteten bisher Evgeny Morozov, Juli Zeh, Shoshana Zuboff, Gerhart Baum , Christian Lindner und Christiane Benner.

 

Technologischer Totalitarismus Warum wir jetzt kämpfen müssen

06.02.2014  ·  Internetkonzerne und Geheimdienste wollen den determinierten Menschen. Wenn wir weiter frei sein wollen, müssen wir uns wehren und unsere Politik ändern.

Von Martin Schulz

Philosophie Worauf ist noch Verlass?

Für John Locke und David Hume war Erfahrung alles. Bis Immanuel Kant an ihr zu zweifeln begann. von 

http://www.zeit.de/2012/19/PS-Erfahrung-Philosophie/komplettansicht

Wenn auch der Boden schwankt, wenn alles kopfsteht und die Welt uns um den Verstand bringt – auf eines, so glauben wir, ist immer Verlass: auf unsere Erfahrung. Die Erfahrung gibt uns festen Halt, sie ist der Anker im Nebelmeer. Wenn die Sonne scheint, dann wird es warm. Und wenn es regnet, dann wird es nass. Wir können uns nicht täuschen, die Sinne sagen uns die Wahrheit. Was wir von der Welt wissen, das wissen wir aus Erfahrung.

Philosophen glaubten das lange Zeit auch, und sie empfanden genauso wie die Menschen auf der Straße. John Locke (1632 bis 1704) zum Beispiel war überzeugt davon, dass all das, was wir wissen, »rein« aus unseren Sinnen und aus unserer Erfahrung stammt. »Woher hat der Geist all das Material für seine Vernunft und für seine Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfahrung.« Kaum anders sagte es der scharfzüngige David Hume (1711 bis 1776). Die »Eindrücke«, die uns die Erfahrung verschafft, »sind alle stark und sinnfällig. Sie lassen keine Zweideutigkeit zu. Sie liegen im hellen Licht.«

Doch bald kamen den Philosophen Zweifel. Sie ahnten, dass wir uns zwar im Alltag auf unsere Erfahrungen verlassen können, nicht aber in der Wissenschaft. Die wissenschaftliche Erfahrung ist nämlich von zwei Dingen abhängig: von den Umständen, in denen sie gemacht, und von der Theorie, in der sie formuliert wird. Der Philosoph George Berkeley (1685 bis 1753) glaubte noch, dieses Problem lösen können; die Wissenschaft, meinte er, müsse nur den »Schleier« der Theorie beiseiteziehen und ein paar Undeutlichkeiten beseitigen, dann würden ihr die Objekte klar und wahr vor Augen stehen.

Genau das glaubte Immanuel Kant (1724 bis 1804) nicht mehr. Er glaubte nicht, dass wir das »Wesen« der Dinge »rein« in Erfahrung bringen könnten, denn die Dinge seien immer schon durch unsere »Vorgaben« erfasst. Es gibt kein Ding an sich, es gibt nur ein Ding für uns. Wir erkennen, so Kant, von den Objekten nur das, was wir, die Subjekte, »selbst in sie legen«. Das war Kants kopernikanische Wende, und sie bedeutete damals eine Revolution der »Denkungsart«.

Wenn es kein »Ding an sich« gibt – was folgt daraus für unsere Alltagserfahrung? Kann man überhaupt noch unbeirrt einen Fuß vor die Tür setzen? Müsste man nicht ständig daran zweifeln, ob die empirische Erfahrung, auf einer Bananenschale auszurutschen, theoretisch überhaupt möglich ist? Natürlich hatte es Kant so nicht gemeint, und seine Zeitgenossen durften beruhigt sein: Die Welt der Alltagserfahrung ist zwar unbewiesen, aber bewährt. Morgens geht die Sonne auf, und abends geht sie unter. Mag sich der Wissenschaftler über die Theorieabhängigkeit seiner Erfahrung auch den Kopf zerbrechen – unser Alltag bleibt zum Glück davon verschont.

Und doch ist es mit dieser sauberen Trennung von Wissenschaft und Lebenswelt nicht mehr weit her. Auf ganzer Breite sickern heute wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag ein und infiltrieren unsere Erfahrung. In Buchhandlungen liegen populärwissenschaftliche Lebensratgeber gleich tonnenweise aus, sie sind die Bibeln der Gegenwart, ihnen glauben wir aufs Wort, sogar bei der Kindererziehung. Pausenlos mathematisieren wir unsere Erfahrung, wir lassen sie statistisch erfassen, vermessen und bewerten, und selbst wer nur ein paar Meter durch den Wald hüpft, vertraut nicht mehr der Erfahrung seines Körpers, sondern nur noch seinem Pulsmessgerät.

Allerdings: Wenn alles in Maßeinheiten verrechnet, wenn alles durch Ratgeberwissen gefiltert und gescannt wird, dann verflüchtigt sich der Wert der gelebten Erfahrung, dann wird sie immer dünner und dümmer. Im Vergleich zu dem, was wissenschaftlich zweifelsfrei »gemessen« werden kann, zieht die Erfahrung von vornherein den Kürzeren, sie wird klein und unscheinbar – man traut ihr nicht mehr über den Weg. »Die Erfahrung«, schrieb der Philosoph Walter Benjamin (1892 bis 1940), «ist im Kurs gefallen… Arm sind wird geworden. Ein Stück des Menschheitserbes nach dem anderen haben wir dahingegeben, oft um ein Hundertstel des Wertes im Leihhaus hinterlegen müssen, um die kleine Münze des Aktuellen dafür vorgestreckt zu bekommen.«

Etwas anderes kommt hinzu, und einem David Hume wäre dies ganz ungeheuerlich vorgekommen: Die Erfahrung der Natur kann uns täuschen. Man denke an den 1. Mai 1986, einen hinreißend schönen Frühlingstag. Die harmlos aussehenden Wolken, die am strahlend blauen Himmel vorüberzogen, waren radioaktiv, sie kamen aus Tschernobyl. Heute wissen wir nicht mehr, ob ein Unwetter noch ein «Naturereignis« ist oder bereits die Folge der Klimakatastrophe. Handelt es sich bei einem Hurrikan noch um »Naturnatur« – oder bereits um »Zivilisationsnatur«?

Nicht wenige Philosophen und Soziologen behaupten, dass sich auch das moderne Subjekt dramatisch verändert hat. Den Insassen der Wissensgesellschaft falle es deutlich schwerer als früher, Erfahrungen zu sammeln: Der Einzelne hat zwar jede Menge Erlebnisse, aber es gelingt ihm nicht mehr, diese Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln, in eine kohärente »Erzählung« des eigenen Lebens. Doch ohne einen festen Erfahrungskern reagieren die Menschen nur noch reflexhaft und situativ – und eben nicht mehr »klug aus Erfahrung«. Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden. Das Subjekt der Erfahrung sieht plötzlich »sehr alt« aus.

Was also tun? Die Pragmatiker unter den Philosophen, also jene, die John Dewey (1859 bis 1952) als ihren Helden verehren, raten allen Erfahrungsskeptikern, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Mag unsere Identität auch fragiler sein als früher – das Ideal der mündigen, durch Erfahrung gebildeten Person könnten wir gar nicht aufgeben. Die Wissensgesellschaft ist zu unserer »zweiten Natur« geworden, es gibt keinen Notausgang, um ihr zu entkommen. Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind dazu verurteilt, Erfahrungen zu machen. Und sei es nur die, dass unsere Erfahrungen viel brüchiger sind als früher.

Internet und Demokratie Google ist nicht der Retter der Welt

22.03.2014  ·  Google behauptet, es habe eine „Verantwortung für die Welt“. Und übernimmt dabei nicht einmal Verantwortung für die eigenen Nutzer. Der Internetkonzern eignet sich nicht als Retter der Demokratie, weil er selbst davon lebt, undemokratisch zu sein. Ein Kommentar.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/internet-und-demokratie-google-ist-nicht-der-retter-der-welt-12859400.html

Google

Edel sei das Unternehmen, hilfreich und gut: So sieht Google sich selbst.

Armes Google. Diese Woche beschwerte sich Konzernchef Larry Page bitterlich über die NSA: Es sei für ihn „furchtbar enttäuschend, dass die Regierung all diese Dinge geheim getan und uns nichts davon gesagt hat“. Solches Handeln schade der Demokratie. Denn „wir können keine Demokratie haben, wenn wir unsere Nutzer vor Dingen schützen müssen, über die wir nie gesprochen haben“. Unabhängig davon, ob überhaupt stimmt, was Page da sagte – laut NSA wussten die großen Konzerne sehr wohl von der Ausspähung – sind diese Sätze interessant. Denn in ihnen steckt Googles Selbstverständnis: Es sieht sich nicht nur als Technologieunternehmen, sondern, mindestens genau so wichtig, als Hüter der Demokratie, als Retter der freien Welt, als „guter globaler Bürger“ (so der Verwaltungsratsvorsitzende Eric Schmidt), der für die Befreiung der Menschen durch das Internet kämpft.

In den Anfangstagen, in der Garage, mag diese Überzeugung vielleicht einmal echt gewesen sein. Inzwischen ist sie nur noch Show. Was nicht heißt, dass Google nicht ernsthaft versuchen würde, sich politisch einzumischen, im Gegenteil: Je mehr das Unternehmen wächst, sich Branche für Branche erschließt, je weiter es sich in den Alltag vortastet, umso häufiger sprechen Googles Manager von den Problemen der Welt, von Terrorismus, Verbrechensbekämpfung, dem Gesundheitswesen – Bereiche, die der Staat reguliert oder regulieren sollte.

„Wir wollen die Welt verbessern“, sagt Google – vor allem die eigene

Die Google-Chefs finden ganz offensichtlich, dass er das nicht gut genug tut. Und dass die Lücken, die er hinterlässt, nur mit Technologie gefüllt werden können. Das belegen sie gerne mit Geschichten, die sie auf ihren vielen Weltreisen erleben. Zum Beispiel in Mexiko: Dort trafen Eric Schmidt und der Leiter von „Google Ideas“, Jared Cohen, „Menschen voller Angst“, die ihre Informationen über Kriminelle in die richtigen Hände geben wollten. Die beiden Amerikaner hatten eine Idee: Wieso können sie ihre Informationen nicht einfach als verschlüsselte Pakete in ein Netzwerk einspeisen, von wo aus die „tools“ sie dann an die richtigen Stellen weiterleiten? Es ist nicht schwer zu erraten, wer die „tools“ gerne zur Verfügung stellen würde. Google verbirgt seine Ziele ja gar nicht: „Wir wollen die Welt verbessern“, heißt es in Interviews, oder, in den Worten des offiziellen Firmenmottos: „Don’t be evil“.

Doch Google eignet sich schon deshalb schlecht als Retter der Demokratie, weil es selbst davon lebt, undemokratisch zu sein. Welcher Nutzer kann bei Google schon mitbestimmen, geschweige denn kontrollieren, was genau mit seinen Daten geschieht? Dazu müssten die Nutzer aufgeklärt sein, wissen, wie Google sein Geld verdient. Aber Google hat nichts von mündigen Nutzern. Es ist im Gegenteil angewiesen auf Leute, die sich nicht daran stören, dass in den Datenschutzbestimmungen steht, Google erfasse „möglicherweise“ gerätespezifische Informationen und Standortdaten und verknüpfe „unter Umständen“ personenbezogene Daten aus den verschiedenen Diensten; es gebe „möglicherweise zusammengefasste, nicht-personenbezogene Daten an die Öffentlichkeit und unsere Partner weiter“.

Googles Algorithmen setzen Unschuldsvermutung außer Kraft

In Deutschland wurde Google wegen zu vager Formulierungen von der Bundeszentrale Verbraucherschutz verklagt. Die erste Instanz gab dem Kläger recht, aber Google legte – anders als etwa Microsoft, das in einem ähnlichen Verfahren nachgab – Berufung ein. So ist Zeit gewonnen, in der alles so intransparent bleiben kann, wie es ist. Es klingt deshalb wie Hohn, wenn die Google-Chefs immer dann, wenn sie darüber sprechen, was ihre Dienste alles so können, hinzusetzen, dass dies selbstverständlich nur mit „Ihrer Erlaubnis“ – also der Erlaubnis der Nutzer – möglich sei. Die wenigsten Nutzer würden wohl sagen, Google bewusst erlaubt zu haben, frei mit den eigenen Daten zu jonglieren. Entweder man hat die Nutzungsbedingungen noch nie gelesen oder versteht nicht, was sie bedeuten.

Google, das behauptet, eine „Verantwortung für die Welt“ zu haben, übernimmt nicht einmal Verantwortung für die eigenen Nutzer. Seine Algorithmen setzen die Unschuldsvermutung, die in einem Rechtsstaat gilt, ebenso außer Kraft wie die Verjährung von Straftaten, die nach verbüßter Haft irgendwann aus dem Führungszeugnis gelöscht werden. Google hält dagegen mit Argumenten wie: „Zur Architektur des Internets gehört nun die Dauerhaftigkeit von Daten“ (Eric Schmidt). Wenn man viel Geld und Zeit hat, Max Mosley heißt oder Bettina Wulff, kann man gegen diese Dauerhaftigkeit klagen. Nun darf Google in Deutschland zwar Mosleys Sexpartybilder nicht mehr zeigen, aber die erste Ergänzung zu seinem Namen ist immer noch „intime Party“.

Was ist erst mit denen, die kein Geld für eine Klage haben? Google weiß genau, dass gerade Jugendliche im Netz Hilfe gut gebrauchen könnten. Jared Cohen hat das einmal unfreiwillig auf den Punkt gebracht. Er wollte davon erzählen, wie großartig das Datensammeln in der Terrorismusbekämpfung sein kann und schilderte die Geschichte eines Al-Qaida-Kämpfers, den die Amerikaner in Pakistan lange vergeblich gesucht hätten. Er habe ständig seine SIM-Karten gewechselt. Doch ein paar Jahre später, der Terrorist war nun 26 Jahre alt, rief er seinen (sicher ebenfalls überwachten) Cousin in Afghanistan an und sprach ausführlich mit ihm über dessen Hochzeit. Er habe wohl gedacht, er brauche nicht so vorsichtig zu sein wie sonst, da es in dem Gespräch um soziale, nicht um „professionelle“ Dinge gegangen sei, sagte Cohen. Und feixte: Jugendliche plus Technologie sei nun mal gleich Fehler.

Vermutlich fiel ihm gar nicht auf, dass er sich nicht bloß über den dämlichen Terroristen, sondern auch über alle anderen Jugendlichen lustig machte, die Suff- oder Nacktbilder ins Netz stellen. Aber auch darauf hat Google eine Antwort: Die Eltern sollen sich kümmern. Klar kann man von einer Firma nicht verlangen, seine Kunden vor Fehlern zu bewahren, die ihre Geschäftsgrundlage bilden. Aber dann sollte Google auch mit so großen Begriffen wie „Verantwortung“ sparsamer umgehen.

Den Konzern dürfte die Frage, ob er der richtige ist, die Welt zu retten, nicht übermäßig quälen. Wenn Google Politik machen will, dann macht es das. Im Jahr 2013 gab das Unternehmen laut Angaben des „Center for Responsive Politics“ knapp 16 Millionen Dollar für Lobbying aus – weit mehr als alle anderen Netzfirmen. Als Nächstes folgt Microsoft mit 10,5 Millionen, dann Facebook mit 6,4 Millionen. Google selbst tritt als Anwalt seiner eigenen Interessen kaum in Erscheinung. In Brüssel, so beschreibt es der grüne Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht, der für das Europäische Parlament die Verhandlungen über die geplante Datenschutzverordnung führt, habe noch niemand einen Vertreter von Google offiziell etwas zu einem politischen Thema sagen hören. Doch man habe oft das Gefühl, von Dritten – Stiftungen und Anwaltskanzleien, die Google mitfinanziere – das zu hören, was der Konzern denkt, aber nicht selbst sagen will.

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Google verschleiert seine Meinungen, weil es nicht als profithungriger Megakonzern wahrgenommen werden will, der auf Bürgerrechte pfeift, sondern als politisch sensibler Konzern, der sein buntes Kinderlogo aus Anlass der Winterspiele in Sotschi in Regenbogenfarben zeigt. Sollte diese Show irgendwann nicht mehr funktionieren, geriete Google in die Krise. Die Angst davor sprach auch aus dem, was Larry Page diese Woche sagte. Er fürchte, dass die NSA eine Paranoia vor dem Verlust der Privatsphäre nähre. „Wir denken nicht daran, wie gut und hilfreich es sein kann, die richtigen Daten auf die richtige Art und Weise zu teilen“, sagte Page. Gut und hilfreich, aber das erwähnte er nicht, auch und vor allem für Google.