Aufstand der Massen und Paradoxien der Elite

http://blogs.faz.net/digital/2014/06/07/aufstand-der-massen-und-paradoxien-der-elite-610/

07.06.2014, 10:30 Uhr  ·  “Elite” hat in Europa den Begriff der “Masse” als Reizwort der Gesellschafts-Beschreibung abgelöst. Welcher soziale Strukturwandel hat diese Bewegung ausgelöst, und wie wird er sich weiter entwickeln?

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Kaum ein anderer Begriff war vor drei oder vier Jahrzehnten so spürbar mit gegenstrebigen polemischen Energien geladen wie der Begriff der “Masse.” Auf der einen Seite stand, von den Erziehungsystemen beständig und in vorderster Front propagiert, die moralisch-existentielle Warnung, nicht zum “Massenmenschen” zu werden, deren normativer Hintergrund ein bildungsbürgerliches Bild vom “Subjekt” oder “Individuum” als selbstbestimmter und auf Differenz ausgerichteter Lebensform war. Doch das Wort “Masse” bezog sich auch, zumal in den politischen Welten des Sozialismus und der Linken, auf demographische Mehrheiten und das mit ihnen assoziierte moralische Recht, gegen alle existierenden “Repressionen” und als “revolutionäre Massen” die eigenen Interessen und die eigenen Werte in den Vordergrund treten zu lassen oder, wenn nötig, “gewaltsam durchzusetzen.”

Jene Spannung, die man tief im zwanzigsten Jahrhundert noch gerne und aus intellektueller Tiefe raunend “dialaktisch” genannt hatte, ist inzwischen implodiert und hat “Masse” zu einem ganz und gar uncharismatischen Wort werden lassen, dem jüngere Generationen nicht einmal mehr seine auratische Vergangenheit anmerken. Ohne Zweifel geht diese Entwicklung auf die zentrale, aber fast befremdlich selten erwähnte soziale Transformation des letzten Vierteljahrhunderts in den westlichen Gesellschaft zurück. Sie sind mittlerweile wirtschaftlich, kulturell und auch politisch von einem sich immer weiter ausdehnenden “Mittelstand” dominiert, der keine Ambitionen hat, sich als “soziale Klasse” zu verstehen, sondern im Nebeneinander von Millionen, ja Milliarden individueller Existenzen besteht, deren Lebensformen immer ähnlicher aussehen, ohne als Normen erlebt zu werden. Zu beinahe nichts verpflichtet dieser Mittelstand, obwohl es ihm schwer fällt, eine Wirklichkeit jenseits der eigenen auch nur vorzustellen. Die monstruöse neue Situation schliesst Reiche wie Arme in der vollen Auseinanderentwicklung ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmöglichkeiten ein; sie tragen die billigeren und teureren Versionen des gleichen Kleidungsstils, und in Europa tendieren beide Seiten auch dazu, die traditionelle Hochsteuer-Poltik zu unterstützen.

In dieser Umgebung lädt sich nun – genau gegenläufig tatsächlich zum Begriff “Masse” – der Begriff der “Elite,” dessen grosse Zeit nach 1930 abgeschlossen schien, mit neuer Kraft auf. Seine Entstehung seit dem siebzehnten Jahrhundert und seine wortgeschichtliche Herkunft aus dem lateinischen Verb “eligere” (“auswählen”) sind an die Emergenz des Bürgertums in Mitteleuropa und an seine frühen, “Merkantilismus” genannten wirtschaftlichen Verhaltensformen gebunden. Durch eine Kaskade von soziologischen Unterscheidungen zwischen verschiedenen Typen von “Elite” zieht sich die Insistenz auf eine direkte Beziehung zwischen herausragender individueller Leistung, gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Kompensation. In der Politik wurde die bürgerliche Leistungs-Ethik polemisch gegen die Aristokratie als Prinzip des ererbten Status gekehrt. Friedrich Nietzsche hat der in diesem Sinn bürgerlichen Einstellung von “Elite” eine besondere existentielle Vitalität zugeschrieben.

Von der Gegenwart des frühen einundzwanzigsten Jahrhungerts aus mag es überraschen, wie wichtig der Elite-Begriff sowohl für den Faschismus wie für den Kommunismus war, die beiden zentralen Konfigurationen des zwanzigsten als ideologischem Jahrhundert. Denn Faschismus und Kommunismus verstanden sich ja beide als Ideologien der Gleichheit, der ethnischen oder sozialen Gleichheit. Der je spezifische Egalitarismus hat Kommunismus und Faschismus aber nicht daran gehindert, ihre je positiven Bezugsgruppen (“Proletariat,” “Italiener,” “Arier” etc.) mit dem Elite-Begriff zu assoziieren — und darüberhinaus innerhalb ihrer als breiten Eliten aufgefassten Bezugsgruppen noch einmal Spezial-Eliten zu kultivieren (Mussolinis “Arditi” oder Hitlers “SS”).

1929, als Benito Mussolini am Zenith seiner Macht stand und Adolf Hitler dabei war, sich von der Position des politischen Pausenclowns ins deutsche Machtzentrum zu bewegen, erschien unter dem Titel “La Rebelión de las Masas” (“Der Aufstand der Massen”) ein Buch des spanischen Philosophen und Publizisten José Ortega y Gasset, das sofort breite europäische Resonanz fand, das man unter den Vorzeichen der politischen Korrektheit von 1968 dann wegen seiner Kritik an den Massen abzulehnen hatte – und das nun plötzlich im Hinblick auf die gegenwärtige Situation ein schillerndes Aktualitätspotential zurückgewinnt.

Ortegas Titel hatte in jenem historischen Kontext seine besondere Pointe. Angesichts einer Gegenwart, welche die bolschewistische “Oktoberrevolution” von 1917 und den faschistischen “Marsch auf Rom” von 1923 als Revolten der Masse im Sinn einer (jeweiligen) sozialen Klasse und einer (jeweiligen) revolutionären Elite mit angestrengter Begeisterung feierte, wollte er Leser-Aufmerksamkeit auf einen ganz und gar nicht totalitären, aber noch weniger revolutionären “Aufstand” lenken. Das war der Aufstand des selbstzufriedenen Kleinbürgers (“senorito satisfecho”) und sein Anspruch auf ein ebenso bequemes wie sorgenfreies Leben, zu dessen Sicherung er nichts beitragen zu müssen glaubte, weil er sich auf den großzügigen Staat verließ. Ortega bezog Faschismus und Kommunismus in diese Beschreibung ein, ohne seine Version vom “Aufstand der Massen” gleich als koexistensiv mit den beiden grossen Ideologien anzusehen. Neben Selbstzufriedenheit, Grenzenlosigkeit der Ansprüche und blindem Vertrauen auf den Staat attestierte er dem neuen Massenmenschen – mit Nietzsche im Gedächtnis — auch einen Verlust an Vitalität.

Das späte Provokationspotential von Ortega y Gassets Buch als längst ablegtem Klassiker ergibt sich aus den gegenläufigen Veränderungen im Gebrauch der Begriffe “Masse” und “Elite” (und aus den Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, auf die sie sich beziehen). Nach dem Erscheinen der “Rebelión de las Masas” hatte die sich in den dreißiger Jahren zuspitzende Rivalität zwischen den Ideologien und den Mächten, welche sie verkörperten, den Blick auf die damals schon einsetzende Entwicklung einer neuen Mittelschicht verstellt. Im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert hingegen ist sie, zumal innerhalb der europäischen Union mit ihren unbegrenzten Erwartungen, ihrer durchaus gedämpften Leistungsbereitschaft und der mit ihrer Expansion einhergehenden demographischen Entwicklung zum zentralen sozialpolitischen Problem der Gegenwart und – mit noch dramatischeren Akzenten – der Zukunft geworden.

Dass “Elite” als Begriff und als Zone des Handelns im neuen alten Mittelstand einen Tabu-Status hat, bedarf kaum ausführlicher Erklärung oder Dokumentation. Ein komplexes System (oder eher: ein ausuferndes Rhizom) wechselseitiger Beobachtung und Limitierung ist zum Schutz der selbstzufriedenen “Gleichheit” entstanden. Aufmerksamkeit verdient eher das doppelt paradoxale Verhältnis zwischen Mittelstand und Elite. Zum einen scheinen gerade unter den Vorzeichen wechselseitiger Beobachtung und Limitierung jene elitäre Motivationen zu gedeihen, welche die Gleichheits-Apostel irritieren. Zum anderen und vor allem gehen mit der unaufhaltsamen Expansion des Mittelstands die Chancen sozialer Mobilität dramatisch zurück. Wer auf jedes Anzeichen elitären Verhaltens und elitärer Dynamik mit kontrollierender Eifersucht reagiert, der trägt unwillentlich auch zur Blockierung der eigenen Aufstiegschancen bei.

Übrigens gehört es zum Habitus der neuen (und alten) Eliten, dass sie im Hinblick auf die öffentliche Manifestation ihrer Leistungen ganz nonchalant (vielleicht demonstrativ nonchalant) bleiben, während jede Art von Status-Bewahrung, ob aristokratisch oder mittelständisch, nach Sichtbarkeit strebt. Wo die Nonchalance aussetzt, ist elitäre schon in besitzstandsbewahrende Bürgerlichkeit umgeschlagen. In “Hooking Up,” einem Essay über die Silicon-Valley-Elite, hat Tom Wolfe diese Bewegung mit ihrer ganzen Ambivalenz beschrieben: “The stodginess of an East Coast career was symbolized by the stodginess of the dress. Even the youngest dressed like old men: the dark blah suit, the light blah shirt, the hopelessly ‘interesting’ Hermes tie…Many of them even wore silk braces. The new Master of the Universe turned it all upside down. At Il Fornaio restaurant in Palo Alto, California, where they gathered to tell war stories and hand out business cards at breakfast, the billionaire founders of the new wonder corporations walked in the door looking like well-pressed, well-barbered beachcombers, but beachcombers all the same. They wore khakis, boating moccasins (without socks) and ordinary cotton shirts with the cuffs rolled up and the front unbuttoned to the navel, and that was it. You could tell at a glance that a Silicon Valley billionaire carried no cell phone. Having breakfast with him at Il Fornaio would be a vice president whose net worth was $ 100 or 200 million. He would be dressed just like the founder, except that he would also be wearing a sport jacket. Why? So he could carry…the cell phone.”

 

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In der Mitte des Lebens Jetzt kommt es darauf an

Wer das Alter gesund erleben will, muss mit fünfzig Geist und Körper fordern
von Martin Spiewak

http://www.zeit.de/2014/10/alter-kognitive-entwicklung-gedaechtnis/komplettansicht

Jedes Mal passiert es wieder. Der Professor kommt ins Seminar und blickt in die Runde seiner Studenten. Er kennt die Gesichter, er sieht sie jede Woche. Die Studentin vorne links zum Beispiel, sie meldet sich bei Fragen fast immer als Erste. Und der Brillenträger hinten rechts spielt unter dem Tisch oft mit seinem Handy. Nur eines weiß der Professor nicht: wie all diese jungen Leute heißen. Am Ende des Semesters kennt er nicht einmal ein Drittel der Kursteilnehmer mit Namen.

Früher wäre dem Professor so etwas nicht passiert. Früher war der Professor aber auch nicht fast fünfzig. “Es hat mich schon erschreckt”, sagt Martin Korte, “dass mir etwas Probleme bereitet, das ich vorher spielend konnte.” Dabei kam die Erkenntnis für Korte nicht überraschend. Der Biologieprofessor, geboren 1964, pflegt als Spezialgebiet die Gedächtnisforschung. Er weiß: “Die Fünfzigermarke ist eine Schwelle, an der unsere Merkfähigkeit deutlich nachlässt.”

Mit zunehmenden Alter wird das Gehirn weniger stark durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Die Zahl der Zellen im Hirn schrumpft, die Weitergabe der Impulse verlangsamt sich. Dieser Abbauprozess beeinträchtigt besonders das Kurzzeitgedächtnis. Im Schnitt können 25-Jährige sich noch sieben Zahlen leicht merken, 55-Jährige bloß noch fünf.

Ältere Menschen lassen sich leichter ablenken

Ein Grund dafür ist die nachlassende Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Ablenkungen abzuwehren. So fällt es jüngeren Versuchsteilnehmern bei Experimenten relativ leicht, am Computer auch dann Aufgaben zu lösen, wenn die Bildschirmfarben wechseln oder Geräusche ertönen. Ihr Hirn filtert die Störsignale einfach heraus. Ältere Probanden dagegen lassen sich eher aus dem Konzept bringen, machen deshalb mehr Fehler oder benötigen mehr Zeit für die Lösung.

Gleichzeitig sinkt im Alter die Fähigkeit, gespeichertes Wissen abzurufen. Das liege nicht an der Größe des Speichers, meint Gedächtnisforscher Korte, “der ist so gut wie unbegrenzt”. Um Neues zu lernen, setzen die Jahre dem Menschen im Prinzip keine Grenze. Selbst Siebzigjährige können noch eine neue Sprache erlernen. Das Problem beim Erinnern dürfte eher sein, die spezifische Information – ein Gesicht, einen Buchtitel, ein bestimmtes Wort – aus der Menge der Erinnerungen abzurufen. Es ist wie das Auffinden eines Buchs in einer Bibliothek. Je größer der Bestand, desto mühsamer die Suche.

Das menschliche Gehirn wird oft mit einem Computer verglichen. Tatsächlich verliert der menschliche Denkapparat mit wachsenden Jahren an Rechengeschwindigkeit. Eines jedoch hat er einem alternden Computer voraus: Das Gehirn gleicht Verluste dadurch aus, dass es sein “Programm” permanent verändert. Es kann seine Leistungsfähigkeit stellenweise sogar steigern.

In einer der umfangreichsten Studien über das kognitive Altern beobachten amerikanische Wissenschaftler um die Psychologin Sherry L. Willis seit über fünfzig Jahren mehr als 6.000 Teilnehmer. Alle sieben Jahre untersuchen sie deren geistige Fitness. Das Ergebnis der Seattle Longitudinal Study überraschte selbst die Forscher: Nur in zwei von sechs Testkategorien – bei der Reaktionsschnelligkeit und der Rechenfähigkeit – schnitten die älteren Jahrgänge schlechter ab. Ansonsten nahmen die Fähigkeiten mit dem Alter zu und hatten ihren Höhepunkt zwischen 55 und 60 Jahren. Die reiferen Probanden fanden beispielsweise mehr Synonyme für bestimmte Begriffe und taten sich leichter dabei, Informationen zu deuten und Zusammenhänge zu erkennen.

Mit dem Alter kommen neue Stärken

In der Lebensmitte entwickelt das Gehirn offenbar auch neue Stärken. Es vermag besser Informationen zu verknüpfen und Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Der Psychologe Arthur F. Kramer von der Universität Illinois konnte das an Fluglotsen zeigen. Jüngere Lotsen reagierten in Routinesituationen schneller. Die Älteren dagegen waren im Vorteil, wenn Unvorhergesehenes passierte oder die Informationen vieldeutiger wurden.

Ihre “bessere Performanz in komplexen Situationen” verdanken ältere Fluglotsen wahrscheinlich ihrer langjährigen Expertise, schreiben die Wissenschaftler im Journal of Experimental Psychology. Ähnliche Experimente gibt es mit Sekretärinnen. Während jüngere Bürodamen schneller tippen, ahnen ältere Kolleginnen aus vorherigen Diktiersitzungen, welcher Text als Nächstes folgt, und können so die fehlende Schreibgeschwindigkeit kompensieren.

Erfahrung kann man messen. Es fällt aber schwer, sie in einer konkreten Situation zu erklären. Sie ist einfach da und liefert Antwort auf eine komplexe Frage mitunter im Bruchteil einer Sekunde. Das nennt man Bauchgefühl. Mit Gefühlen hat das aber wenig zu tun. Intuition ist nichts anderes als Erfahrungswissen, welches das Gehirn in unzähligen ähnlichen Situationen erworben und als Musterlösungen gespeichert hat. Deshalb stellen ältere Ärzte mitunter schon nach kurzer Untersuchung die Diagnose. Erfahrene Personalchefs spüren bereits in den ersten Minuten eines Vorstellungsgesprächs, ob der richtige Kandidat vor ihnen steht. Und der alte Hase im Journalismus “wittert” eine Geschichte, wo der Neuling nur einen Haufen Fakten sieht.

Erfahrung – Intelligenzforscher sprechen von kristalliner Intelligenz – könnte der Grund sein, warum es das mittlere Alter überhaupt gibt. Evolutionsbiologisch gesehen, wirken die vielen Jahre, die dem Menschen zwischen dem Ende der Zeugungsphase und dem Tod bleiben, erst einmal überflüssig. Eine Erklärung könnte sein, dass Frauen wie Männer das Überleben der Gengemeinschaft nicht nur durch Fortpflanzung, sondern auch durch ihre Erfahrung zu sichern hatten. Sei es, dass sie die Jüngeren bei der Aufzucht der Brut unterstützten, sei es, dass sie beim Aufspüren oder Erlegen von Essbarem halfen.

“Die erfahrenen Männer und Frauen nahmen im komplexen System der Nahrungsbeschaffung wahrscheinlich eine Schlüsselrolle ein”, schreibt der Biologe David Bainbridge in seiner Naturgeschichte des mittleren Alters. Tiere, die ähnlich alt werden wie der Mensch, zeigen ähnliche Muster. Bei den Elefanten sind es die erfahrenen Tiere, welche die Herde in Zeiten der Trockenheit zu den wenig bekannten Wasserstellen führen.

Lesen und Lernen als Alzheimer-Prävention

Dabei sind die gelebten Jahre allein nicht von Vorteil. Die individuellen Unterschiede bei der geistigen Leistungsfähigkeit im mittleren Alter sind riesig. Nur wer Erfahrungen macht, kann einmal ein erfahrener Alter sein. So überrascht es nicht, dass sich Bildung als der beste Indikator für mentale Fitness im mittleren Alter erweist. Das zeigt das Midus-Projekt (Midlife in the United States), die größte Studie über diese Lebensphase weltweit. Im Durchschnitt seien Menschen mit einem Collegabschluss nicht nur körperlich, sondern auch geistig so gesund wie zehn Jahre Jüngere ohne Hochschulabschluss, schreibt Midus-Forscherin Margie E. Lachman.

Die Midus-Studie förderte eine weitere Erkenntnis zutage: Auch jenseits der fünfzig zahlt es sich aus, das Denken zu trainieren, und zwar gerade bei Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss. Wenn sie ihr Gehirn regelmäßig beschäftigen – durch Lesen, Schreiben oder gezieltes Lernen –, machen sie die größten Sprünge. Gleichzeitig schützen sie sich vor Krankheiten wie Alzheimer. Noch weiß man wenig darüber, wann die Krankheit beginnt. Fest steht jedoch: Wer im mittleren Alter geistig mobil ist, fällt seltener der Demenzerkrankung anheim.

Tatsächlich scheint um das fünfzigste Lebensjahr herum ein Umschlagpunkt zu liegen. Wer mit fünfzig beginnt, regelmäßig Sport zu treiben, ist, statistisch gesehen, für die Gebrechen des Alters ebenso gut gerüstet wie jemand, der schon immer durchs Leben joggte. Wer dagegen erst mit sechzig die Bewegung entdeckt, kann die Folgen der immobilen Jahre nicht mehr ausgleichen. “Unser Leben im Alter wird in den mittleren Jahren entschieden”, sagt der Biologe Martin Korte. Die Ratschläge, die er in seinem Buch Jung im Kopf formuliert, sind simpel: Ernährt euch gesund, bewegt euch regelmäßig, und geht unter Menschen. Letzteres vor allem: Kaum eine andere Aktivität fordert – durch Reden und Zuhören sowie das permanente Beobachten von sich selbst und anderen – so viele Hirnregionen gleichzeitig wie ein normales Gespräch. Freundschaften sind das beste Hirnjogging.

Das Kurzzeitgedächtnis schwächelt, die Konzentration lässt nach. Aber das Gehirn zeigt auch neue Stärken: Es verknüpft sehr schnell Informationen und trennt Wichtiges von Unwichtigem.

Denken ist die Simulation gemachter Erfahrungen”

Auf welche Weise verändert unser Erleben das Gehirn? Ein Gespräch mit dem Ulmer Kognitionspsychologen Markus Kiefer von 

http://www.zeit.de/2012/19/PS-Erfahrung-Interview

https://www.museodelprado.es/typo3temp/pics/3bffe4b423.jpg

Vermessung des Menschen – Korrekturen ausgeschlossen

14.02.2014  ·  Wie bekommt man heute einen Job? Erfahrung und Intuition spielen keine Rolle mehr. Die Bewerber werden berechnet – mit tückischen Folgen: Ein Buchstabendreher, und man ist raus.

Von Melanie Mühl

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/vermessung-des-menschen-korrekturen-ausgeschlossen-12800715.html

© picture alliance / Ikon Images – der Computer als Filter: Personaler müssen die Bewerber nicht mehr persönlich treffen. Die Durchleuchtung des Lebens ist auf dem Weg das Bewerbungsgespräch abzulösen

Jahrzehntelang wurde uns erzählt, der erste Eindruck sei entscheidend. Ob man einen Menschen kennenlernte oder sich um einen Job bewarb – es war dieser eine Moment, auf den es ankam. Es verstand sich von selbst, sich nicht nur akribisch auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten, sondern gleich auch einen neuen Anzug oder ein neues Kostüm zu kaufen.

Vergessen wir den ersten Eindruck. Vergessen wir die Ich-Erzählung überhaupt. Unsere Geschichten werden heute aus den Datenmassen geschrieben, die als wertvolle Handelsware über uns in Umlauf sind. Im algorithmisch optimierten Bewerberauswahlverfahren spielt auch der Mensch, der einem bislang im Bewerbungsgespräch gegenübersaß, der einen nach der Motivation befragte und danach, warum ausgerechnet man selbst hervorragend geeignet sei für diesen Job, eine lächerliche Nebenrolle. Gespräche produzieren keine Daten. Sie entziehen sich einer mathematischen Mustererkennung.

IBM rastert seine Mitarbeiter

Im Big-Data-Zeitalter werten das viele als Nachteil. Es sind die Daten, die versprechen, den Menschen lesbar zu machen, sein Innerstes wie einen Code zu entziffern, in ihn zu blicken, als handelte es sich um einen Apparat, dessen Betriebsanleitung man nur richtig lesen muss. Ob man ein Buch verkaufen oder den nächsten Top-Angestellten finden möchte, spielt keine Rolle. Es geht nicht nur um das Hier und Jetzt, es geht vor allem um die Zukunft, um die Frage: Was wird sein? Also: Welcher Mensch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Profit erwirtschaften? Alles hat einen Preis, das Buch und der Mensch.

Das ist spätestens bekannt, seit Stephen Baker in einer Recherche für die „Business Week“ herausfand, dass IBM mathematische Profile von Tausenden Mitarbeitern erstellt hat, um zu berechnen, was eine Person zum Spitzenangestellten macht. „Und wenn ein Mensch sich für einen Job als unzulänglich erweisen sollte, dann wird er eben umkonfiguriert – zuerst mathematisch und dann in der Wirklichkeit.“

Früher informierte man sich über das Unternehmen, bei dem man sich bewarb. Heute tut man das immer noch; die Unternehmen tun es umgekehrt allerdings auch. Die Bewerbungswelt mit ihren Durchleuchtungsverfahren namens Background Checks gründet auf Misstrauen, und das Misstrauen wächst: In den neunziger Jahren screenten etwa fünfzig Prozent der amerikanischen Arbeitgeber ihre Bewerber; heute sind es nach Angaben der amerikanischen Gesellschaft für Human Resource Management mehr als neunzig Prozent. Das Überprüfungsportfolio ist atemberaubend: HireRight durchkämmt Vorstrafen- und internationale Strafregister, Sexualverbrecherkarteien und Datenbanken, in der Ladendiebe geführt werden. Außerdem werden Hochschulabschlüsse und Bonität geprüft und ob Drogen- und Alkoholverstöße vorliegen. Und das sind lediglich ein paar Beispiele.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt

Die Datenmassen, die automatisiert verarbeitet werden, entziehen sich jeder Vorstellungskraft. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Fehler passieren, steigt. Das bedeutet, dass immer wieder Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass sie plötzlich auf der Straße stehen, ohne Job, ohne Krankenversicherung, ohne Dach über dem Kopf. Ein Buchstabendreher im Namen kann zu einer völlig falschen Einschätzung einer Person führen. Mit dem Ergebnis, dass diese Person keinen Kredit bekommt, keine Wohnung, keine Arbeit. LexisNexis, eine Firma, die jährlich die Vergangenheit von mehr als zwölf Millionen Menschen unter die Lupe nimmt, gibt an, dass weniger als ein Prozent der Ergebnisse nicht korrekt sei – das sind aber etwa 120.000 Menschen, die Einwohnerzahl einer Stadt wie Ulm.

Es wäre leichtsinnig, die Diskriminierungsgefahr digitalisierter Bewertungsverfahren als amerikanisches Problem abzutun. Die Angst der Arbeitgeber, den vermeintlich falschen Bewerber einzustellen, wächst auch in Deutschland. Die Öffentlichkeit bemerkt davon nichts. In Berlin sitzt etwa die Signum Consulting GmbH, die Firma hat sich auf das Screening von Führungskräften spezialisiert. „Wie leicht war es doch im Mittelalter“, heißt es auf der Homepage, „ein Siegel unter ein Dokument gesetzt, und niemand zweifelte an der Rechtmäßigkeit und Gültigkeit. Im Zeitalter der modernen Medien sollten die Prüfmechanismen den Möglichkeiten angepasst werden.“

Wer die Signum Consulting GmbH beauftragt, hat die Wahl zwischen zwei Überprüfungsangeboten: der Basisüberprüfung und dem erweiterten Background Check bei Führungskräften. „Bei einem umfangreichen Background Check werden zusätzliche Informationen eingeholt und geprüft, die für das beauftragende Unternehmen von Relevanz sind, zum Beispiel: Referenzeinholung, Firmenbeteiligungen und wirtschaftliche/persönliche Verflechtungen zu anderen Unternehmen, relevante Verbindungen zu Personen oder Organisationen von besonderem Interesse.“

„Social Media Profile“ in Deutschland verboten

„Laut einer internen Statistik sind 25 Prozent der Angaben in Bewerbungen fehlerhaft“, sagt Eckhard Neumann, Geschäftsführer der Signum Consulting GmbH. Die Spanne reiche von gestreckten oder, bei Arbeitslosigkeit, verkürzten Zeiträumen bis hin zu Urkundenfälschung. Das Interesse deutscher Firmen am Pre-Employment-Screening sei vor bald vier Jahren richtig in Gang gekommen: 2009 wurde das Datenschutzgesetz novelliert; es erlaubt, dass im Auswahlprozess personenbezogene Daten von Bewerbern gespeichert, verarbeitet und genutzt werden dürfen.

Firmen in Amerika erstellen standardmäßig „Social Media Profile“ ihrer Bewerber, sie screenen Facebook, Twitter und Instagram, was in Deutschland verboten ist. Nur: Wer will überprüfen, ob sich die Firmen tatsächlich daran halten? Man kann davon ausgehen, dass jede zugängliche Information abgegriffen wird, besonders in sozialen Netzwerken. Es geht dabei längst nicht nur um komprimierende Partyfotos; es geht darum, mit forensischer Genauigkeit charakterliche Widersprüche aufzudecken.

Eine Microsoft-Studie aus dem Jahr 2010 hat untersucht, welche Rolle die Online-Reputation Jobsuchender spielt. Befragt wurden Headhunter und Personaler aus Amerika, Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Alle waren sich einig, dass die Bedeutung des Internets als Informationslieferant signifikant steigen wird. Siebzig Prozent der amerikanischen Personaler haben bereits Kandidaten aufgrund negativer Online-Recherchen abgelehnt, weil ihnen deren Lebensstil, Kommentare oder gepostete Fotos missfielen. Beunruhigend ist, dass sich 22 Prozent der befragten deutschen Personalentscheider weigerten, die Frage überhaupt zu beantworten.

Wer bei Xing oder Linkedin ist, bekommt hin und wieder Kontaktanfragen fremder Menschen. Wir tendieren dazu, sie anzunehmen. Ein Klick bedeutet, dass wir unter Umständen mit einer Person „befreundet“ sind, die bei Antikorruptionsjägern sehr weit oben auf der roten Liste steht. Der Einwand, man würde nur Kontaktanfragen von Personen annehmen, die man persönlich kennt, läuft ins Leere. Er blendet aus, dass wir automatisch auch mit Kontakten zweiten Grades in Verbindung gebracht werden: mit jenen Leuten, mit denen unsere eigenen Kontaktpersonen befreundet sind. „Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“, so drückt es Pam Dixon vom World Privacy Forum aus. „Sind alle Ihre Freunde schwul, reich, arm? Leben sie alle in Kalifornien, New York oder Kansas? Sehen sie nach Geld aus oder nach einem hohen Risiko?“ Der Traumjob, sagt Dixon, könne sich schnell in Luft auflösen. „Die Entscheidung des Arbeitgebers, Sie nicht einzustellen, mag, ethisch betrachtet, skandalös sein. Aber sie ist nicht illegal.“

Unwissenheit im Tausch gegen Unsicherheit

Das Bewerbungsverfahren hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Bei vielen Konzernen sind Online-Bewerbungen mittlerweile die Regel. Man muss sich das Verfahren wie eine Rasterfahndung vorstellen. Nur wer die Anforderungen exakt erfüllt, wird nicht von der Software aussortiert. Die Versuchung, falsche Angaben zu machen, um nicht sofort rauszufliegen, sei groß, sagt Neumann. Die Maske auf dem Bildschirm kennt keinen Verhandlungsspielraum. Es ist ein System der Inklusion und Exklusion. Die Kreuze müssen lediglich an den richtigen Stellen gemacht werden. Aber was sagt das am Ende über das Talent, die Kreativität und das Potential eines Menschen tatsächlich aus?

Nüchtern betrachtet, geschieht bei der vermeintlich optimierten Bewerberauswahl gerade Folgendes: Wir tauschen die eine Strategie, mit Unwissenheit umzugehen, gegen eine andere aus, die nicht weniger Unsicherheit birgt. Denn auch bei der technologischen Vermessung des Menschen geht es um Wahrscheinlichkeiten. Nur glauben wir dieses Mal eben nicht in erster Linie dem Bewerber im persönlichen Gespräch, sondern der Geschichte, die uns die Maschine über ihn erzählt. Das Dumme dabei ist, dass die Maschine nicht nachfragt.

Quelle: F.A.Z.

Gamification – Ist Spielen das neue Arbeiten?

12.02.2014  ·  Die „Industrie 4.0“ verändert die Gesellschaft: Die Maschine macht alles, der Mensch muss in der Fabrik nur noch vereinzelt auf Knöpfchen drücken – und bei Laune bleiben.

Von Stefan Schulz

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gamification-ist-spielen-das-neue-arbeiten-12796856.html

© Matthias Bein/ ZB
Eine Frage der Motivation: „Gamification“ soll monotone Tätigkeiten – hier Fließbandarbeit in einer Abfüllanlage – unterhaltsamer und vor allem effizienter machen

ie „Industrie 4.0“ beziehungsweise der heute als Revolution beschriebene Weg dorthin ist eine technische Angelegenheit. Weil es aber nicht nur um Entwicklungen, sondern um Vernetzung des bereits Vorhandenen geht, steckt in ihr auch eine Aufgabe für Kreative, sie ist geradezu ein Auftrag für Designer. So sieht es zumindest der Ingenieur Jörg Niesenhaus, der diese Behauptung auf einer Kölner Konferenz zur „Gamification“ vortrug, aber auch mit seinem Werdegang untermauerte. Vor zehn Jahren entwickelte er Computerspiele, heute ist er Manager in einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung von Benutzeroberflächen für Industrieanlagen beschäftigt.

Das bedeutet mehr, als die Begriffe Design und Gamification zunächst verraten. Niesenhaus nimmt Aufträge von Unternehmen entgegen, die planen, Fabriken zu bauen, und er hilft ihnen, sie so zu gestalten, dass sich auch Menschen in ihnen wohl fühlen. Dabei ist der Mensch die große Leerstelle der „Industrie 4.0“: Eigentlich stehen nur noch die Maschinen im Mittelpunkt, das, was sie heute schon können und was sie künftig schaffen, wenn sie miteinander vernetzt sind.

Flow-Zustände am Fließband

Der Mensch muss in dieses auf Effizienz und Qualität getrimmte Fabriksystem integriert werden. Die Rolle eines Wartungsingenieurs wird eine neue sein und in jeder Fabrik eine andere, sagte Niesenhaus. Der Mensch werde weiterhin Maschinen überwachen, aber die Maschine werde auch ihn beobachten. In „smart factories“ werden smarte Maschinen stehen. Die Herausforderung sei nun, die klaren und linearen, sich ständig wiederholenden Prozesse, die den Menschen nur selten, dann aber für hochspezielle Handgriffe benötigen, attraktiv zu machen. Menschen, die nach einer aufwendigen und teuren Ausbildung allein mit der Überwachung von Computerbildschirmen beschäftigt sind, müssen anders motiviert werden als klassische Industriearbeiter.

Mit dem richtigen Wissen könne man Menschen in moderner Akkordarbeit in Flow-Zustände versetzen, über Wettkämpfe am modernen Fließband Ablenkung herbeiführen und Ziele formulieren oder mit einem Punktesystem Anreize für Fleiß schaffen. Am Beispiel eines Disney-Freizeitparks zeigte Niesenhaus die vermeintlichen Vorzüge: Wenn die Arbeit der Reinigungskräfte in Hotels zum Vergleich auf einer Leinwand angezeigt wird, arbeiten Menschen schneller. In einem Fall arbeitete eine Schwangere bis zur völligen Erschöpfung.

Man muss nicht lange nachdenken, um auf die Probleme dieser schönen, neuen Arbeitswelt zu kommen. In Köln ging es jedoch um die angeblichen Vorteile der neuen Methoden, die zurzeit in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen Einzug halten. Zum Auftakt der Konferenz listete der Psychologe Ibrahim Mazari die Prinzipien auf: „Gamifizierte“ Aufgaben und Arbeiten ermöglichten es Menschen, im Verlauf ihrer Tätigkeit Reputation zu erringen, Gemeinschaften zu finden, Spannungsbögen zu erleben, erreichte Ziele als Eigenleistung zu deuten und Geschichten zu erleben. Nimmt man all das ernst, ginge es nur noch darum, Menschen in „Achiever, Killer, Socializer und Explorer“ aufzuteilen. Der Weg, ein unternehmerisches Ziel in ein persönliches umzumünzen, führte dann ausschließlich über Anreize. Es geht um älteste Tugenden in digitalen Gewändern: Jagen und Sammeln, heute vor Publikum.

Burgerbasteln als Anwendungsfall

Deswegen, sagte der Geschäftsführer einer „Gamification-Full-Service-Agentur“, Roman Rackwitz, eigne sich Gamifizierung bestens fürs Marketing. Rackwitz fragte das Publikum: „Wenn Sie Fernsehen schauen und dort Werbung beginnt, was machen Sie dann?“ Die Frage war sogleich nicht mehr, ob denn jemand zu einem weiteren Bildschirm greife, sondern, „wie viele man, in Armlänge entfernt“, um sich habe. In Deutschland seien es zwei, in Amerika schon drei. Der „Push-Ansatz“ der Werbung, Aufmerksamkeit zu erregen, indem Werbeflächen gefüllt würden, funktioniere kaum noch, behauptete Rackwitz. Digitale Werbung sei bislang Flächenwerbung, früher auf Papier, heute auf Displays. Nun aber stehe ein Paradigmenwechsel an. Für Inhalte und Produkte sei dann zu werben, wenn nach ihnen verlangt werde und auch der Rahmen der Werbemaßnahme der richtige sei. Diesen Rahmen müsse man im Zweifel selbst schaffen.

Der beste Anwendungsfall bisher sei McDonald’s mit einer Kampagne gewesen, in der Kunden aufgefordert wurden, einen eigenen Burger zu kreieren, den McDonald’s dann ins Programm nahm. Die Idee dahinter: die von außen angeregte Motivation, „etwas zu bekommen“, umzuformen in innere Motivation, „etwas zu erreichen“. Noch nicht hinterfragt wurde, wie motivierend es für Zehntausende von Kunden ist, einen Hamburger zu bauen und dann zuzusehen, wie es einem der Konkurrenten gelingt, ihn für vier Wochen ins Angebot der Filialen zu bringen. Nachhaltigkeit sei bei der Gamifizierung durchaus noch ein offenes Problem, über das man sprechen könne, wenn das Phänomen älter werde, sagte Rackwitz.

Personaler in einer Zwangslage

Wichtig sei, das wurde auch in den Diskussionen am Rande deutlich, ein ständiges Feedback, das auch schon vor der Erfindung der Computer bei vielen Spielen von Bedeutung war. Fehler zu provozieren, aus denen man lernen könne, anstatt sie zu vermeiden oder zu bedauern, sei für die Bildung nicht nur in der Schule ein wichtiger Aspekt der Gamifizierung, sagte Rackwitz. Joachim Diercks, der über den spielerischen Ansatz des „Recrutainments“ sprach, stellte heraus, dass Unternehmen den Wissenstransfer durch spielerisches Lernen auch bei der Nachwuchssuche einsetzen könnten.

Weitere Artikel

Die demographische Entwicklung zwinge Unternehmen dazu, auf Bewerber zuzugehen und niedrigschwellige Zugänge ins Unternehmen anzubieten. Formale Eignungstests akzeptierten viele Jugendliche heute kaum noch. Den Personalsuchern spielt dabei allerdings ihr eigener Trend in die Hände: Die jungen Menschen, die sich den Leistungstests verweigern, haben sich und ihr Leben längst selbst vermessen. Es ist tatsächlich Zeit, über Vor- und Nachteile der Gamifizierung zu diskutieren.

Quelle: F.A.Z.

Hochschulfinanzierung – Die Firma zahlt

Unternehmen fördern Hochschulen und Studenten mit jährlich 2,5 Milliarden Euro. Sie vergeben Stipendien, finanzieren duale Studiengänge und Stiftungsprofessoren. Die Wirtschaft schafft so bessere Studienbedingungen als der Staat. Werden die Universitäten zu Dienstleistern der Industrie? von Marion Schmidt

http://www.zeit.de/2013/52/studenten-foerderung-unternehmen/komplettansicht

An der Frankfurter Goethe-Universität gibt es neuerdings ein “Welcome Centre”. Hier werden ausländische Wissenschaftler bestens umsorgt, egal, ob sie eine Wohnung suchen oder einen romantischen Ausflug in den Rheingau machen wollen. Ein Angebot, das nur wenige Unis in Deutschland haben. “Wir hätten uns das aus dem normalen Haushalt nicht leisten können”, sagt der Präsident der Universität, Werner Müller-Esterl. Finanziert wurde das Center mit einer Spende von der Santander Bank in Höhe von 340.000 Euro. Die Bank will damit den internationalen Austausch von Wissen fördern. Aber sicher auch das eigene Image.

An der Uni, an der linke Gruppen bis vor Kurzem noch ein Institutsgebäude besetzt hielten und Veranstaltungen gegen Kapitalinteressen organisierten, sorgte die Spende der spanischen Bank nun keineswegs für Unruhe. Proteste von Studenten blieben aus. Und Präsident Müller-Esterl ist froh über die Spende: “Für alles, was wir mehr bieten wollen, müssen wir zusätzliches Geld akquirieren.” Ohne Zustiftungen von privater Seite könnten noch nicht einmal neue Professuren eingerichtet werden.

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, das hierzulande immer etwas schwieriger war als in anderen Ländern, entspannt sich zusehends. “Die Hochschulen sind offener geworden und verstehen sich zunehmend als Partner der Unternehmen”, sagt Markus Lecke, der bei der Deutschen Telekom für Hochschulkooperationen zuständig ist.

Es ist allerdings keine plötzlich erwachte Liebe zur Industrie, die diese Offenheit bewirkt. Sie folgt vielmehr der Finanznot der Hochschulen. Obwohl Bund und Länder im vergangenen Jahr knapp 25 Milliarden Euro für akademische Bildung ausgaben, sind die deutschen Universitäten überfüllt und unterfinanziert. Mit den staatlichen Mitteln lassen sich die Aufgaben in Lehre und Forschung kaum noch bewältigen; von Zusatzangeboten wie einem Welcome Centre ganz zu schweigen.

In diese Lücke springen nun die Unternehmen. Insgesamt 2,5 Milliarden Euro haben Firmen im vergangenen Jahr in Studium, Lehre und Studenten investiert; das sind 328 Millionen Euro mehr als drei Jahre zuvor. Damit gibt die Industrie mehr für die Lehre aus als für die universitäre Forschung. Das belegt eine jetzt vorgelegte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

Kaufen sich die Unternehmen mit dem Geld Studenten und Universitäten?

Das Engagement der Unternehmen ist zumindest nicht ganz uneigennützig. Die Verantwortung für den Bildungsstandort Deutschland, sagen die befragten Unternehmen, spielt nur für jeden zweiten von ihnen eine Rolle. Sie finanzieren zumeist das, was ihnen nutzt.

Die Firma zahlt

12.110 Lehrbeauftragte aus der Wirtschaft

65.070 Studenten in dualen Studiengängen

10.013 von Unternehmen vergebene Stipendien

Es geht den Firmen vor allem darum, spezielle Fachrichtungen zu stärken sowie geeignetes Personal zu finden und an sich zu binden. Die Unternehmen wollen sich ihren Nachwuchs sichern, indem sie gezielt einzelne junge Menschen mit Stipendien, Praktika oder in dualen Studiengängen unterstützen.

Die Hochschulen sind für Unternehmen ein wichtiger Partner, denn sie vermitteln das Wissen für Innovationen, und sie bilden den Nachwuchs aus für Banken, Kanzleien, Autozulieferer und Softwareschmieden. Mit dem wachsenden Fachkräftemangel ist auch das finanzielle Engagement der Firmen gestiegen.

Betriebe, das belegen die Zahlen, investieren vor allem in Köpfe. Allein für duale Studiengänge, in denen berufliche und akademische Ausbildung verbunden sind, geben sie heute rund 948 Millionen Euro im Jahr aus, 2010 waren es noch 273 Millionen Euro weniger. 65.070 duale Studenten werden gefördert, die Zahl stieg innerhalb von drei Jahren um 16.000.

Stark gestiegen ist auch die Zahl der Stipendien. Wurden vor drei Jahren 6.130 Studenten gefördert, so sind es jetzt 10.013, die meisten von ihnen erhalten ein Deutschlandstipendium, das je zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte mit privatem Geld finanziert wird. Die Betriebe lassen sich das 45 Millionen Euro kosten. Hinzu kommen Spenden für neue Gebäude, mehr Personal und eine bessere Ausstattung, die sich Unis wegen der knappen Etats kaum noch leisten können. Allein 12.110 Lehrbeauftragte schickt die Industrie in die Hörsäle. Zudem stellen Firmen wie BMW den Hochschulen nicht nur Mitarbeiter zur Verfügung, sondern auch Testfahrzeuge, Motoren und Messgeräte.

Auch von Unternehmen gestiftete Professoren sorgen für zusätzliches Lehrpersonal und dafür, dass zu Themen gelehrt und geforscht wird, die sonst an den Unis zu kurz kommen würden. “Es wäre schwer, ohne die zusätzlichen Mittel den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten”, sagt der Präsident Müller-Esterl. Seine Uni hat bundesweit die meisten Stiftungslehrstühle, insgesamt dreißig.

Die Uni Frankfurt versteht es wie kaum eine andere Hochschule, privates Geld anzuziehen. Vermögende Bürger oder Unternehmen zahlen Millionen für Stipendien, Stiftungslehrstühle, auch die Jubiläumsfeier im kommenden Jahr wird durch private Spenden finanziert. Allein 606 Deutschlandstipendien für Studenten kann die Uni im nächsten Jahr vergeben; ein Drittel des Geldes stammt aus der Industrie.

Insofern ist die Kooperation ein Handel auf Gegenseitigkeit – aus der Not heraus: Den Unis fehlt das Geld, den Firmen der Nachwuchs.

“Wir haben ein großes Interesse daran, Studierenden einen Bezug zur beruflichen Praxis zu ermöglichen”, sagt Christoph Anz, der bei BMW für Bildungspolitik und strategische Personalentwicklung zuständig ist, “das sind schließlich unsere Nachwuchskräfte.” Aber BMW und die meisten anderen Firmen brauchen keine Germanisten oder Philosophen. Sie wollen Ingenieure sowie Betriebswirte und unterstützen deshalb vor allem wirtschaftswissenschaftliche und technische Studiengänge.

Das könnte irgendwann dazu führen, dass Hochschulen verstärkt die Fächer anbieten, die von der Industrie nachgefragte Absolventen hervorbringen und für die sie Zuschüsse zum Lehrbetrieb erhalten. Private Fachhochschulen funktionieren genau nach diesem Modell, und zwar erfolgreich. Auch die Länder bauen Studienplätze in den sogenannten Mint-Fächern aus, in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, finanzieren diese aber nicht komplett. Für einen Bachelorstudienplatz in Maschinenbau oder Elektrotechnik etwa geben Bund und Länder aus dem Hochschulpakt zum Aufbau zusätzlicher Studienplätze 26.000 Euro, das deckt jedoch nicht die tatsächlichen Kosten bis zum Masterabschluss von rund 44.000 Euro in diesen Fächern, deren Absolventen derzeit zu den gefragten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt zählen.

Da kalkulieren manche Landesminister das Engagement der Industrie wohl schon mit ein. Warum auch nicht? Warum soll allein der Steuerzahler für die Ausbildung von akademischen Fachkräften aufkommen? Die Idee, Studenten an den Kosten ihres Studiums zu beteiligen, ist in Deutschland gescheitert. Die Wirtschaft daran zu beteiligen scheint weit weniger problematisch zu sein.

Die Unternehmen jedenfalls schaffen mit ihren Milliarden vielerorts die Studienbedingungen, die der Staat nicht mehr bieten kann. Die Bundesländer sollen zwar für ihre Hochschulen sorgen, aber viele können dies nicht, weil sie zu hoch verschuldet sind. Und der Bund darf bislang nicht dauerhaft in die Lehre investieren. Die Wirtschaft darf das schon, für sie gilt das Kooperationsverbot nicht.

Doch wer bezahlt, will auch mitreden. Die Unternehmen wünschen sich mehr Praxisorientierung im Studium, mehr berufsbegleitende Studienangebote, mehr Kooperation bei der Planung von Praxisphasen. Dort, wo sie an Studiengängen beteiligt sind, beim dualen Studium, können sie schon jetzt ihre Vorstellungen weitgehend durchsetzen. “Wenn wir als Wirtschaft den Hochschulen 95 Prozent der Absolventen abnehmen, dann darf es auch nicht schlimm sein, wenn wir Einfluss nehmen wollen auf das Studium”, sagt Frank Hohenadel, Leiter Personalentwicklung bei der Deutschen Telekom, durchaus selbstbewusst.

Die Telekom hat früh und gezielt eine Ressource gefördert, die nicht mit dem Eintrag ins Handelsregister verbunden ist: Bildung. 90 Deutschlandstipendien vergibt der Konzern jährlich, 700 Mitarbeiter werden bei einem berufsbegleitenden Studium unterstützt und dazu 1.300 Studenten in dualen Studiengängen. Der Konzern betreibt eine eigene Hochschule in Leipzig und finanziert Forschungslabore sowie Stiftungslehrstühle an mehreren deutschen Unis. “Wir erhoffen uns Impulse für Innovationen”, sagt Frank Hohenadel, “und natürlich Zugang zu engagierten Talenten, die unser Unternehmen voranbringen.” Und schließlich – das verschweigt er nicht – sei das alles auch gut für das Image des Unternehmens.

Die Telekom gibt viel, aber sie erwartet dafür auch viel. “Eine enge Verzahnung mit der beruflichen Praxis ist uns wichtig”, sagt Hohenadel, “da wollen wir auch Impulse setzen für eine stärker berufsorientierte Lehre.” Die Hochschulen als Dienstleister und der Staat, der mit den rechtlichen Rahmenbedingungen dafür sorgt, dass mehr Menschen auch ohne Abitur studieren können, dass berufliche Leistungen häufiger anerkannt werden – so stellt sich der Personalleiter Hohenadel die ideale Hochschulwelt vor.

Die Betriebe wollen allerdings nicht Lückenbüßer für fehlende Landesmittel sein. “Die Privatwirtschaft kann und darf das nicht ausgleichen”, bekräftigt Christoph Anz von BMW, “die Grundfinanzierung muss der Staat leisten.”

Auch damit die Wirtschaft am Ende nicht allein die Lehrpläne, Studienangebote und Forschungsinhalte bestimmt.

Fachkräftemangel Experten dringend gesucht

Die Deutschen sind überzeugt davon, dass künftig Fachkräfte fehlen werden. Doch nur jeder Zweite will, dass die Bundesregierung im Ausland um qualifizierte Zuwanderer wirbt. von 

http://www.zeit.de/2013/36/fachkraeftemangel-zuwanderung-studie

Bundesbürger wünschen sich mehr qualifizierte ausländische Fachkräfte in Deutschland

Lücken auf dem Arbeitsmarkt könnten mit qualifizierten Zuwanderern geschlossen werden

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sind vier von fünf Bundesbürgern überzeugt: Deutschland werden in den nächsten Jahrzehnten die Fachkräfte ausgehen. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS EMNID im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. 88 Prozent erwarten den größten Bedarf in der Altenpflege, im Gesundheitssektor, bei den Lehrkräften, in der Landwirtschaft sowie in den Bereichen Elektrotechnik und Maschinenbau. 41 Prozent erwarten, dass es in IT-Berufen zu Engpässen kommt….

Studie der Bertelsmann Stiftung : http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-61D9EEA4-33F8B397/bst/hs.xsl/nachrichten_117908.htm

Ausländische Fachkräfte Ergebnisbericht August 2013 Ausl Fachkraefte 2013 xcms_bst_dms_38747_38748_2

OECD-Bilanz: Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder

Von Sarah Sommer

Deutschland, ein Traumland für Zuwanderer? Von wegen. Laut OECD bleibt mehr als die Hälfte der Griechen und Spanier nicht mal ein Jahr. Trotz Fachkräftemangel tun Firmen und Kommunen offenbar zu wenig, um die Gastarbeiter zu halten.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oecd-deutschlands-einwanderer-wandern-oft-wieder-aus-a-905446.html

Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland

Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland

Hamburg – “Bienvenidos! Willkommen in Baden-Württemberg!” Im Schwarzwald versuchen gleich mehrere Initiativen, Nachwuchskräfte aus Spanien in die Region zu locken. Spanische Azubis für die Gastronomie, spanische Fachkräfte für Krankenhäuser und Kitas, Ingenieure für die mittelständischen Industriebetriebe: Der vom Fachkräftemangel geplagte ländliche Süden Deutschlands hat sein Herz für rezessionsgeplagte Spanier entdeckt.

Die Idee: Südeuropa kämpft mit dramatisch hoher Jugendarbeitslosigkeit, die Mittelständler in Süddeutschland hingegen suchen händeringend Personal. Warum also nicht junge und erfahrene Fachkräfte aus Südeuropa nach Deutschland einfliegen lassen – und so eine Win-win-Situation schaffen?

Doch so einfach, wie es sich viele Politiker vorstellen, ist es nicht. Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen nun: Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder. Laut dem Migrationssausblick der OECD hat sich in den vergangenen Jahren nur jeder zweite Grieche und sogar nur jeder dritte Spanier länger als ein Jahr in Deutschland aufgehalten.

Das ist ein Warnsignal für die schrumpfende und alternde Bundesrepublik. Deutschland schafft es offenbar nicht, Zuwanderer auch im Land zu halten. Von einer Million Zuwanderer blieb 2012 unterm Strich nur ein knappes Plus von nicht einmal 400.000 Menschen, wenn man die Zahl der Fortzüge im selben Zeitraum berücksichtigt. In die Türkei wanderten etwa 4000 Menschen mehr ab, als umgekehrt nach Deutschland einreisten.

Empfangskomitees mit Blumen und Geschenken

Die aktuellen Aktionen von Politikern und Unternehmensverbänden erinnern an die deutschen Anwerbeaktionen der sechziger und siebziger Jahre: Politiker und Unternehmer lockten damals rund vier Millionen “Gastarbeiter” ins Land, mit Werbeaktionen in Südeuropa, Geldprämien und Willkommensgeschenken. 1964 wurde der millionste Gastarbeiter öffentlichkeitswirksam vom Bundesverband deutscher Arbeitgeber (BDA) am Bahnhof begrüßt: Eine Blaskapelle spielte “Auf in den Kampf, Torero”, und die Presse berichtete bundesweit darüber, wie die Augen des Portugiesen glänzten, als die örtlichen Honoratioren ihm ein nagelneues Moped schenkten.

2013 warten auf südeuropäische Fachkräfte, die dem Ruf der Lokalpolitiker und Unternehmer in meist ländlichen deutschen Regionen folgen, nun wieder Empfangskomitees mit Lokalpresse, Blumen und Geschenken. Der große Unterschied: Damals waren ungelernte Arbeitskräfte gefragt, die einfache Arbeiten übernahmen. Und sie sollten nur für einige Jahre ins Land kommen, bis die Aufbauarbeit erledigt und der Arbeitskräfteengpass überwunden wäre.

Heute suchen Unternehmen gezielt nach ausgebildeten Fachkräften mit Deutschkenntnissen. Und sie wollen, dass die Zuwanderer bleiben: Am liebsten mit Kind und Kegel und für immer. Denn die Fachkräftelücke ist dieses Mal kein kurzfristiger Engpass. Sie wächst vielmehr mit jedem Jahr, das vergeht. Denn Deutschland altert und schrumpft.

Da trifft es sich gut, dass die Werbeaktionen Wirkung zu zeigen scheinen: Eine Million Menschen verlegten im Jahr 2012 ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik, so viele waren es zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Viele von ihnen kamen aus den südeuropäischen Krisenländern. Die Zahl der zugewanderten Spanier stieg um 45 Prozent, aus Griechenland, Portugal und Italien kamen ebenfalls jeweils mehr als 40 Prozent mehr Zuwanderer als im Vorjahr.

Die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt noch selten

Doch wie können die Zuwanderer im Land gehalten werden? Sie sind meist jung – und außergewöhnlich hoch qualifiziert. “Ein Trend ist klar erkennbar: Die Migranten, die zurzeit nach Deutschland kommen, kann man nicht mit den Gastarbeitern der sechziger Jahre vergleichen”, sagt Röhl. “Sie sind deutlich besser qualifiziert, der Anteil der Akademiker unter den Zuwanderern steigt.” 43 Prozent der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 Jahren haben einen Meister, Hochschul- oder Technikerabschluss, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zum Vergleich: Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund verfügen nur 26 Prozent über vergleichbare Abschlüsse.

Und doch: Eine schnelle Integration in den deutschen Arbeitsmarkt will vielerorts nicht gelingen. Das mag auch daran liegen, dass sich die neuen Zuwanderer dieses Mal selbst eher als Gastarbeiter sehen. Sie sind es plötzlich, die einen kurzfristigen Engpass auf dem Arbeitsmarkt überbrücken wollen. “Wenn es den Heimatländern wirtschaftlich wieder besser geht, wollen gerade die jungen Leute wieder zurück”, sagt Johann Fuchs, Analyst beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Deutsche Unternehmen hätten daher womöglich die Sorge, dass sie jetzt in Ausbildung und Integration der Krisenflüchtlinge investieren – nur damit die dann nach wenigen Jahren wieder ins Ausland verschwinden.

Hinzu kommt: Zwar ist der Fachkräftemangel in einigen Regionen und Branchen bereits deutlich spürbar. “Aber das gilt noch nicht flächendeckend für alle Unternehmen”, sagt Fuchs. “Die meisten Betriebe sind sich des Trends bewusst, sie sehen, dass das Erwerbspersonenpotential stetig sinkt. Aber der Handlungsdruck ist noch nicht so hoch, dass sie sofort und unter allen Umständen einstellen.” Fachkräfte aus Südeuropa, um die man sich mit Sprach- und Integrationskursen bemühen muss, sind da oft nicht die erste Wahl.

Mit Material von dpa

Dokumentarfilm “Alphabet” Alles nur geföhnte Bubies und Barbies

Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer prangert unser fehlgeleitetes Bildungssystem an. Damit ergänzt “Alphabet” die Reihe globalisierungskritischer Filme aus Österreich. von Oliver Kaever

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-10/dokumentarfilm-alphabet-erwin-wagenhofer

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm "Alphabet"

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm “Alphabet”  |  © Filmladen Filmverleih

Erwin Wagenhofer meint es ernst. Das ist bei dem österreichischen Dokumentarfilmer nichts Neues, aber sein jüngstes Thema Bildung geht er besonders grundsätzlich an und eröffnet Alphabet mit Ultraschallaufnahmen von einem Kind im Mutterleib. Darüber legt Wagenhofer eine Rede des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson: “Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.”

Sätze, die sitzen. Wie überhaupt in diesem Film so viele bemerkenswerte Zitate fallen, dass man im Kino ständig einen Notizblock zücken möchte. Für seine Betrachtung von Bildungssystemen im Zeichen der Globalisierung hat Wagenhofer neben Robinson viele weitere prominente Experten vor seine Kamera geholt. Darunter ist der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen; der ehemalige Lufthansa- und Daimler-Benz-Manager Thomas Sattelberger, der Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen als “geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look” kritisiert; der Pädagoge Arno Stern, der Kindern seit 30 Jahren in seinem “Malort” in Paris die Möglichkeit zur Kreativität ohne Druck gibt; und sein Sohn André, Gitarrist, Komponist und Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat.   

Wagenhofer lässt wie seine Protagonisten keinen Zweifel daran, dass Bildungsanstalten schlecht mit Kindern umgehen. Als krasses Beispiel dient ihm der erste Halt auf seiner Reise durch die Schulen der Welt: China. Muster-Pisa-Kandidat, immer an der Spitze der Rankings der OECD. Unschöner Nebeneffekt: Der Primus verzeichnet auch die höchste Selbstmordrate überforderter Schüler, wie der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping anmerkt. Seit der Einführung der Marktwirtschaft sei das Bildungssystem von Konkurrenzdenken, Auswendiglernen und dem Bestehen der vielen gefürchteten Prüfungen und Schulwettbewerbe geprägt. Raum für kreatives Denken, eigene Ideen und Erholung gebe es dagegen nicht. Dongping: “Unsere Kinder gewinnen am Start – und verlieren am Ziel.”

Was China im Extrem exerziert, macht laut Wagenhofer auch in den Ländern der EU vielen Kindern die Schule zur Hölle. Der Leistungsdruck steige ständig, Schüler seien lediglich Teil einer wirtschaftlichen Verwertungskette. Ecken und Kanten, ein eigener Kopf und das Hinterfragen von Handlungsmaximen seien nicht gefragt. Stattdessen Anpassungsfähigkeit, bedingungsloses Erfüllen von Vorgaben, Konkurrenzdenken. Unser Schulsystem funktioniere immer noch wie im 19. Jahrhundert, als Menschen nicht ihr Potenzial ausschöpften, sondern an den Maschinen der immer noch zunehmenden In­dus­t­ri­a­li­sie­rung funktionieren sollten, kritisiert Gerald Hüther.

Der globale Kapitalismus – in Alphabet erhebt er wieder sein schauriges Haupt. Eine Weltwirtschaft, die allein nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sagt Wagenhofer, setzt Gesellschaften so enorm unter Druck, dass sie Zukunft nicht sinnvoll gestalten können.

Damit ist der Filmemacher bei einem Thema, das ihn seit seinem Kino-Debüt im Jahr 2005 umtreibt. Damals prangerte er in We feed the World die für Mensch und Umwelt katastrophalen Folgen einer Nahrungsmittelproduktion an, die allein auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. 2008 blickte er mit Let’s make Money direkt ins finstere Herz der Finanzindustrie und zeichnete Geldströme und ungleiche Vermögensverteilung nach. Alphabet bildet nun den Abschluss seiner Trilogie über die Folgen der Globalisierung.

Das Thema beschäftigt seit Jahren viele österreichische Dokufilmer – und sorgt dafür, dass die lebendige österreichische Filmszene so viel internationale Beachtung findet: Die Regisseure aus dem fiktionalen Fach blicken vor die eigene Haustür und finden Soziopathen, Kinderschänder und Familientragödien. Die Kollegen von der Doku reisen in die Welt, um unbarmherzig Katastrophen im globalen Maßstab abzubilden. Österreich, das Weltzentrum der Feel Bad Movies

Mitte der Nullerjahre nahmen die Filmemacher vor allem die Nahrungsmittelproduktion in den Blick. Hubert Sauper dokumentierte in Darwin’s Nightmare (2004) die ökologische Katastrophe, die sich im Victoriasee vollzieht, seit dort der von der Industrie so getaufte Victoriabarsch (eigentlich: Nilbarsch) ausgesetzt wurde. Nikolaus Geyrhalter zeigte 2005 in Unser täglich Brot die Massenproduktion von Lebensmitteln und ließ dabei allein Bilder sprechen; der Film kommt völlig ohne Kommentar aus. Im gleichen Jahr feierte Wagenhofer mit We feed the World einen riesigen Publikumserfolg. Er wurde in Österreich zum erfolgreichsten Dokumentarfilm seit der statistischen Erfassung und zog im gesamten deutschsprachigen Raum über 600.000 Zuschauer in die Kinos. Daraufhin sprossen Dokus über Essen aus dem Boden wie Zuchtchampignons, von Food, Inc. bis Taste the Waste.  

Auch auf anderen Themenfeldern gingen die Österreicher immer dahin, wo es besonders weh tat. Prekäre Arbeitsverhältnisse (Michael Glawoggers Workingman’s Death und Whore’s Glory), Umweltverschmutzung (Plastic Planet von Werner Boote), Überbevölkerung (Population Boom, ebenfalls Boote) oder die Einführung der Energiesparlampe (Bulb Fiction, Christoph Mayr) – ob in fernen Gefilden oder in der Europäischen Union, überall fanden die Regisseure skandalöse Zustände. Sie werden ausgelöst – und diese Sicht eint alle Filme – durch die Liberalisierung des Welthandels und zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft. “Das Thema Energiesparlampe eignet sich hervorragend, um Methodik und Kaltblütigkeit der Großindustrie darzustellen”, sagt Christoph Mayr über Bulb Fiction. Ein Prinzip, das die Österreicher perfektionierten. Die Themen sind immer andere, der Auslöser der krisenhaften Situationen immer der gleiche: die Globalisierung. Aus Österreich kommt politisch hellwacher Agitprop, der die Augen öffnet und wütend macht. Der aber angesichts seines ständigen Alarmismus durchaus auch ermüdet.

Der gute Quälgeist

Alphabet allerdings nicht, obwohl gerade dieser Film das Publikum spalten wird. Dass Wagenhofer mit dem Thema Bildung einen Nerv treffen wird, lassen die durch den Pisa-Schock ausgelösten, seit über zehn Jahren anhaltenden Debatten und die offensichtlich herrschende Ratlosigkeit erahnen. Bildungspolitiker und Eltern werden in Wagenhofers Film trotzdem nicht fündig werden, wenn sie nach Antworten suchen. Zumindest nicht, wenn sie das Thema auf die Frage eingrenzen, ob nun die Gesamtschule oder das Gymnasium die bessere Schulform ist. Viele Zuschauer werden ihm vorwerfen, das Thema unausgewogen aufzubereiten. Und tatsächlich ist Alphabet ungenauer, wolkiger und auch parteiischer als seine Vorgänger. Aber der Mann macht schließlich kein Bildungsfernsehen.

Stattdessen spürt man die Leidenschaft, mit der Wagenhofer versucht, die Globalisierung diesmal noch grundsätzlicher zu fassen. Wenn er mit Alphabet nicht in die Niederungen tagesaktueller Bildungsdiskussionen hinabsteigt, dann deshalb, weil das Thema ihm hier als Vehikel dient, um Fragen zu stellen, die in seinen vorangegangenen Filmen schon unausgesprochen im Raum standen. Fragen, die angesichts unserer so alternativlos erscheinenden Gegenwart fast unanständig wirken: Wenn der Kapitalismus, wie er ihn hier wieder beschreibt, ein System der Angst ist, das freie Entwicklung schwierig bis unmöglich macht – was könnte dann das Gegenmodell sein? Wie müssen sich Gesellschaften entwickeln, damit Kinder unbeschwert lernen und ihre Kreativität entdecken können?

“Wir müssen anders leben”, sagte Wagenhofer schon über We feed the World. Diese Dringlichkeit macht sein Werk aus. Damit setzt er sich von der Katastrophen-Dramatik ab, der manche seiner Kollegen erliegen, und wird zum Quälgeist, denn verantwortlich ist für ihn nicht das System, sondern jeder einzelne. Die Forderung nach einer eigenen Haltung hat er nie drängender gestellt als in Alphabet.