Hans-Ulrich Wehler Der Historiker

Hans-Ulrich Wehler Der Historiker

Hans-Ulrich Wehler hat die Geschichtswissenschaft auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurückgeführt. Am vergangenen Wochenende ist der große Gelehrte im Alter von 82 Jahren gestorben. 19.07.2014, von Ralph Bollmann

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ARD-Talkshow "ANNE WILL"

Die Fakultät wollte seine Arbeit nicht haben. In akribischer Kleinarbeit hatte der erst 33-jährige Historiker eine Fülle von Quellenmaterial zum „Aufstieg des amerikanischen Imperialismus“ gesammelt. Das Ergebnis erscheint aus heutiger Sicht wenig skandalös: Die Vereinigten Staaten, so die These Hans-Ulrich Wehlers, hätten ihr informelles Imperium vor allem aus wirtschaftlichen Motiven errichtet. Es ging darum, freien Zugang zu allen Märkten durchzusetzen.

Die Kölner Professoren waren empört – und lehnten Wehlers erste Habilitationsschrift 1964 als „nicht hinreichende historische Leistung“ ab. Sie waren es gewohnt, Geschichte als den Kampfplatz großer Männer und hehrer Ideen zu betrachten. Dass es dabei um wirtschaftliche Interessen gehen sollte, um schnödes Geld, diesen Gedanken lehnten sie ab (und sahen ihn, auf Amerika bezogen, als Schmähung des Verbündeten). Dafür mochten sich ein paar Kollegen in den ökonomischen Fachbereichen interessieren, nicht aber ein ehrbarer Allgemeinhistoriker. In heutigem Vokabular würde man sagen: Der Prüfungsausschuss warf Wehler eine Ökonomisierung des Geschichtsbildes vor.

Das Primat der Ökonomie

Das stand damals unter Marxismusverdacht, später warf man es – unter umgekehrten Vorzeichen – dem „Neoliberalismus“ vor. Beides traf auf Wehler nicht zu, der sein theoretisches Rüstzeug von dem Soziologen Max Weber bezog. Und doch hatten seine skeptischen Prüfer zweifellos recht: Der Bielefelder Historiker, der kürzlich im Alter von 82 Jahren gestorben ist, hat die deutsche Geschichtswissenschaft von ihren idealistischen Höhen auf die materiellen Grundlagen zurückgeführt. Das war für ihn kein Detail, sondern die Basis jener „Allgemeinen Geschichte“, die er als Lehrstuhlinhaber vertrat.

Seine monumentale „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, die zwischen 1987 und 2008 erschien, gliederte er in Anlehnung an Weber in vier Dimensionen: Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft, Kultur. Mit Bedacht setzte er die Wirtschaft an die erste Stelle, und er verstand darunter – das war dann doch ein Marx-Zitat – alle Tätigkeiten, „die Menschen im Stoffwechsel mit der Natur zur Gewinnung ihres Lebensunterhalts betreiben“. Der „Basisprozess“ aller gesellschaftlichen Entwicklung war für ihn „die Entfaltung erst des Kapitalismus, dann vor allem des Industriekapitalismus“.

Die übrigen drei Kategorien waren für ihn letztlich nur Ableitungen. Das galt, zumindest am Beginn seiner Karriere, gerade auch für die politische Herrschaft. Nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik sah er einen Ausfluss des ökonomischen Kalküls. Auch die imperialen Ambitionen des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck betrachtete er als Versuch, von sozioökonomischen Spannungen im Inland abzulenken. Das war das Thema seiner zweiten Habilitationsschrift, die abermals auf starken Widerstand stieß, schließlich aber angenommen wurde.

Nur in dem Abschnitt der „Gesellschaftsgeschichte“, der sich mit dem Nationalsozialismus befasste, setzte er die Politik an die erste Stelle. Das war eine deutliche Absage an die vulgärmarxistische Theorie vom Faschismus als der Diktatur des Finanzkapitals. Für Wehler ließ sich die „charismatische Herrschaft“ Adolf Hitlers nicht aus der Ökonomie ableiten, im Gegenteil: Fatal war aus seiner Sicht gerade „das utopische Trugbild einer sozialharmonischen Volksgemeinschaft“, das den Wettstreit wirtschaftlicher Interessen leugnete.

Umverteilung ändert nichts an Statusunterschieden

In gewöhnlichen Zeiten bildeten Markt und Staat für ihn keine Gegensätze, auf das „Mischungsverhältnis von vorausschauender Steuerung und spontaner Marktreaktion“ kam es ihm an. Die Möglichkeit, an der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen politisch etwas zu ändern, beurteilte er skeptisch. So las es sich wenigstens in dem Band über die Bundesrepublik. Dort betonte er die „Dauerhaftigkeit struktureller sozialer Ungleichheit“: Während der Jahre von Wirtschaftswunder und Bildungsexpansion beförderte der „Fahrstuhleffekt“ zwar ganze Bevölkerungsgruppen nach oben, an den relativen Statusunterschieden änderte das aber wenig.

Angesichts dieses Fatalismus erstaunte es, dass Wehler im vorigen Jahr mit einer Kampfschrift über soziale Ungleichheit in Deutschland an die Öffentlichkeit trat. „Die neue Umverteilung“, so hieß der für seine Verhältnisse schmale Band. Noch in seinem letzten Interview, das er wenige Tage vor seinem Tod einem „Stern“-Journalisten gab, beklagte er, dass Topmanager heute das 300-Fache eines Facharbeitergehalts verdienten. Vor einem Vierteljahrhundert sei es noch das 25-Fache gewesen. „In der neueren Geschichte gibt es keine Klasse, die ihre Habgier so ungebremst ausgelebt hat“, wetterte er.

Es belebte ihn ungemein, dass sich eine jüngere Generation von Wissenschaftlern seit der Finanzkrise wieder für ökonomische Strukturen zu interessieren begann, nicht nur der Franzose Thomas Piketty. Mit unverhohlener Distanz hatte Wehler das Treiben seiner unmittelbaren Nachfolger beobachtet, die im Zeichen einer grün-alternativen Postmoderne den historischen Materialismus Bielefelder Prägung ablehnten und die Geschichte ganz postmaterialistisch aus Diskursen und Mentalitäten erklärten. Für Wehler war das nichts als „luftiger Kulturalismus“, wie er einmal schimpfte.

 

 

In der Wissenschaft setzte er auf den freien Markt

Er hielt an den Kategorien der klassischen Moderne fest, sah den Menschen mit Max Weber noch immer im ehernen Gehäuse von Kapitalismus und Bürokratie gefangen. Zwar leugnete er die Tendenz zur Flexibilisierung nicht, auch verteidigte er den „unvermeidlichen Umbau des exzessiv aufgeblähten Sozialstaats“ durch den sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber das Hohelied auf Pluralisierung und Individualisierung blieb für ihn eine ahistorische Illusion.

In ihrer Skepsis gegenüber Erklärungsmustern jenseits des Materiellen ähnelte seine Weltsicht, bei allen Unterschieden, dem Mainstream der ökonomischen Wissenschaften. Die Kultur sei das Gebiet, „wo ich die Grenzen der Sachkompetenz am stärksten spüre“, räumte er im Vorwort zur Gesellschaftsgeschichte freimütig ein. So sah er auch auf diesem Feld vor allem Dinge, die ins Raster seiner Strukturgeschichte passten: Die Publizistik war für ihn ein Markt, die Ideengeschichte ein Kampfplatz von Eliten und Klassen.

Dabei ließ sich gerade auch an Wehlers Habitus die Kraft kultureller Prägungen erkennen. Es war gewiss auch eine Generationsfrage, dass er einen illusionslosen Sarkasmus jeder Gefühligkeit vorzog oder dass er die Einwanderungsgesellschaft skeptisch sah. Zu diesen Prägungen zählte aber vor allem das Leistungsethos eines Mannes, der frühmorgens im Schwimmbad seine Bahnen zog und spätabends noch am heimischen Schreibtisch saß. Er verschlang Unmengen an Fachliteratur und vernachlässigte darüber nicht die Lektüre des Wirtschaftsteils der F.A.S. Wissenschaft und Publizistik waren für ihn ein Wettbewerb, in dem er sich und andere nicht schonte. Hier setzte er auf das Prinzip des freien Marktes, auf dem er sich wie kein anderer seines Fachs behauptete.

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Las Caballerizas en el Plan Especial Ciutat Vella

Aqui los extractos concerniendo las dos parcelas de las Caballerizas del Catalogo de Bienes y Espacios Protegidos. Escoja el lector las respectivas incongruencias entre los datos, los informes e opionenes de expertos que existen desde hace tiempo ya ….

IGP0721 half
Caballerizas CDR no. 3 (la parte mas antigua con el arco, datado en el siglo XV) :
Cab 1 CatalogBienes&EspaciosProtegCV

caballerizas hispnos2
Caballerizas CDR no. 2  (la parte de dos plantas, de construccion mas reciente) :
Cab 2 CatalogBienes&EspaciosProtegCV

SEUMOSTRA – Nachlese

Aqui los links hacia las paginas de los artistas que participarion en la SEUMOSTRA /innovaespai.

Gracias por compartir vuestra obra con nosotros !!

Miquel Herrero, & automats
algo de su musica Pacte amb Peter Pan – https://www.youtube.com/watch?v=sFatokjrmN4 y http://automats.wordpress.com/

automats 386251_10150461273493288_1647172949_n

Neme Jimenez fotografia
PINCELES SOMBRIOS – http://www.flickr.com/photos/nemesiojim/
Carles Mondriá : http://carlesmondria.blogspot.com.es/  dibujo & oleos
acherontia-atropos-2 horse

Jose Belenguer http://www.josebelenguer.es/es/works-series/category/6-influence-of-water

phoca_thumb_m_03_BLUE OVER BLUE 2013_acrlico sobre tabla_2x121x80

Sellés Dominguez : https://www.facebook.com/sellesdominguez
https://www.facebook.com/sellesdominguez/photos_stream

Enrique Carrazoni – fotografia : www.enriquecarrazoni.com

Marta Angel – Ilustración  : http://marta-angel.blogspot.com.es/

Rafa Mompó – escultura rafamompo.tumblr.com

Javier Moya (con AVMT) – muscia (guitarra) http://www.javiermoya.com/2.html

Diseño cartel Dani Nebot http://www.daninebot.com
seumostra 1471172_374725289330507_1652016566_n

Gracias a la iniciativa y organizacion de : http://www.miniarquitectura.com

miniarqu vlc minilogo

GfK Europe – Hope of an end to the crisis

Hoffnung auf ein Ende der Krise

21. October 2013 – In Europa macht sich Hoffnung breit, dass das Schlimmste der Krise überstanden ist und sich die Wirtschaft langsam wieder erholt. Mehrere Länder zeigten im zweiten Quartal ein zum Teil deutliches Wachstum.

http://www.gfk.com/de/news-und-events/Seiten/default.aspx

Bericht auf deutsch in D_20131021_GfK-Consumer-Climate-Europe_dfin

Hope of an end to the crisis

21 October 2013 – Findings of the GfK Consumer Climate Europe study for the third quarter of 2013

Wahlergebnisse 2013

https://i0.wp.com/www.spiegel.de/images/image-547847-custom-grcg.jpg

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013-wahlergebnis-grafik-bundestag-wahlkreis-a-923496.html

 

http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/ergebnisse/bundesergebnisse/grafik_sitze_99.html

Wahlbeteiligung : 71, 5 %

So wird gewählt

61,8 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, den 18. Deutschen Bundestag zu wählen. Darunter waren drei Millionen Erstwähler. 4451 Kandidaten stellten sich zur Wahl, rund 900 mehr als bei der Bundestagswahl 2009. 30 Parteien traten mit Landeslisten an, 4 weitere nur mit Kreiswahlvorschlägen.

Mit der Erststimme werden die Direktkandidaten in den 299 Wahlkreisen gewählt, die einfache Mehrheit genügt dabei. Mit der Zweitstimme entscheiden die Wähler über Erfolg oder Misserfolg der Parteien. Denn nach der Zahl dieser Stimmen wird die Zahl der Sitze im Parlament bemessen – vorausgesetzt, die Partei überspringt die Fünfprozenthürde oder erhält mindestens drei Direktmandate. Hinzu können Überhang- und Ausgleichsmandate kommen, wenn eine oder mehrere Parteien mehr Direktmandate erreichen, als ihnen nach dem Zweitstimmenverhältnis zustehen.

Nur noch fünf Parteien im Bundestag

Für die 18. Legislaturperiode sind nur noch fünf Parteien im Bundestag vertreten und nicht mehr sechs, wie nach den Bundestagswahlen 2005 und 2009. Mit insgesamt 4,8 Prozent der Zweitstimmen scheiterte die FDP bei der gestrigen Wahl an der Fünfprozenthürde.

Es ist das erste Mal, dass ein Deutscher Bundestag ohne die Liberalen zusammentritt. Keine andere Partei war in der Geschichte der Bundesrepublik öfter an Regierungen beteiligt.

Ein Ergebnis in ähnlicher Höhe erzielte die “Alternative für Deutschland” (AfD). Die junge Partei, die das erste Mal überhaupt bei einer Wahl antrat, erreichte 4,7 Prozent der Stimmen und damit beinahe so viel wie die FDP.

Weit hinter ihren Erwartungen blieben hingegen die Piraten, die 2,2 Prozent der Zweitstimmen erhielten.

Wer in den kommenden vier Jahren die Bundesregierung stellt ist noch unklar. Da die SPD eine Zusammenarbeit mit der Linken ablehnt, gilt als wahrscheinlich, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt. Ihre Partei hat mit großem Abstand die meisten Stimmen erhalten und gegenüber der Wahl 2009 beinahe acht Prozent hinzugewonnen. Zwischenzeitlich erreichten die Unionsparteien in den Hochrechnungen sogar eine absolute Mehrheit der Sitze im Deutschen Bundestag. Dass CDU und CSU mit 41,5 Prozent nun beinahe mehr als die Hälfte der Mandate im Parlament erhalten ist möglich, durch die ungewöhnlich hohe Zahl an Stimmen für kleine Parteien: Sowohl FDP als auch AfD scheiterten nur knapp an der Fünfprozenthürde. Zudem votierten 6,2 Prozent der Wähler für Parteien, die ebenfalls nicht den Einzug in das Parlament schafften. Insgesamt 15,7 Prozent der Stimmen werden daher bei der Verteilung der Sitze nicht berücksichtigt und prozentual auf die im 18. Deutschen Bundestag vertretenen Parteien verteilt. Zum Vergleich: 2009 wählten nur 6 Prozent Parteien, die die Fünfprozenthürde nicht überwinden konnten.

Gewinne und Verluste

Wie die CDU/CSU, konnten auch die Sozialdemokraten Stimmen hinzugewinnen, jedoch in deutlich geringerem Umfang als die Union: Die SPD gewann 2,7 Prozent hinzu, verglichen mit dem Ergebnis von 2009 (23 Prozent). Stimmen einbüßen mussten die Grünen und die Linken. Die Grünen verloren 2,3 Prozent, verglichen mit ihrem Zweitstimmenanteil von 2009 (10,7 Prozent). Die Linke verlor sogar 3,3 Prozent (11,9 Prozent), ist damit jedoch nun drittstärkste Kraft im Parlament.

Leicht zurück gegangen ist der Anteil der ungültigen Zweitstimmen von 1,4 (2009) auf 1,3 Prozent.

Der Bundestag wächst auf 630 Sitze

Deutschland ist für die Wahl zum Deutschen Bundestag in 299 Wahlkreise aufgeteilt. Der Bundestag besteht daher aus 598 Sitzen. Hinzu kommen mögliche Überhangmandate und, seit der Änderung des Wahlgesetzes in diesem Jahr, entsprechende Ausgleichmandate. Nach dem vorläufigen Endergebnis des Bundeswahlleiters wird der 18. Bundestag daher insgesamt aus 630 Abgeordneten (2009: 622 MdB) bestehen. Hätte die Union nicht so deutlich an Stimmen gewonnen, hätte der Bundestag durch das neue Berechnungsverfahren noch deutlich stärker wachsen können.

Für eine absolute Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestags sind also 316 Stimmen notwendig. CDU und CSU kommen auf insgesamt 311 Sitze, die SPD auf 192, die Linke auf 64 und die Grünen auf 63 Sitze.

Rechnerisch sind vier Konstellationen denkbar, über eine eigene Mehrheit verfügt keine Partei. Auch die von SPD und Grünen angestrebte gemeinsame Regierung ist nicht ohne die Unterstützung einer weiteren Partei möglich. Neben einer großen Koalition aus Unionsparteien und Sozialdemokraten ist rechnerisch außerdem ein Bündnis von SPD, Linken und Grünen möglich. Eine ausreichende Mehrheit hätte auch eine Koalition von CDU/CSU und Grünen. Rechnerisch möglich ist außerdem auch ein Bündnis von Unionsparteien und der Linken. Einige der genannten Konstellationen sind jedoch bereits im Wahlkampf von den Parteien ausgeschlossen worden.

Mehr Informationen unter:

http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/ergebnisse/bundesergebnisse/index.html

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/169417/bundestagswahl-2013 (Bundeszentrale für politische Bildung)

http://www.heute.de/Merkel-braucht-neuen-Partner-29863712.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013-wahlergebnis-grafik-bundestag-wahlkreis-a-923496.html

http://www.spiegel.de/flash/flash-22868.html

Widerstand leisten – nur wie?

Widerstand leisten – nur wie?

Der Soziologe Harald Welzer stößt jeden von uns auf seine Verantwortung Von Hilal Sezgin

24. März 201316:47 Uhr

Die Suche nach politischen Alternativen geht voran. Nach Stéphane Hessels lautem Empört euch! und Christian Felbers Gemeinwohl-Ökonomie treten immer mehr Autoren an, Wege in eine lebbare Zukunft zu entwerfen. Auf die große Revolution wartet keiner mehr – doch Reförmchen sind denn auch zu wenig. Erhofft wird vielmehr ein Zauberwerk – im eigenen, im alltäglichen Leben kleine Veränderungen anzustoßen, die große Wirkung haben.

Für diese Aufgabenstellung scheint der Soziologe Harald Welzer prädestiniert. Welzer, Jahrgang 1958, hat bedeutende sozialpsychologische Untersuchungen zu Mittäterschaft und Widerstand im Nationalsozialismus durchgeführt und Studien zu möglichen Folgen des Klimawandels. Er lehrt in Flensburg Transformationsdesign und hat Futurzwei, die Stiftung Zukunftsfähigkeit, begründet, der er vorsteht. Genau dieses Zusammenspiel von historischer und prophetischer, von globaler und mikroskopischer Perspektive ist auch nötig, um voranzukommen. Denn an der Schnittstelle zwischen den Katastrophen von Vergangenheit und Zukunft liegen die Fehlentscheidungen von heute. Bei uns törichten spätkapitalistischen Menschen, die so vieles begehren und umsetzen, was Erde und Mitmenschen auf Dauer ruiniert.

Wir stecken – so Welzers Analyse – leider noch tief in den Zukunftswünschen der Nachkriegszeit, in der man lernte, dass Zukunft aus immer mehr Möglichkeiten bestehe. Mehr erfinden, mehr produzieren, mehr konsumieren! Alles soll machbar, kaufbar sein, sofort. Tatsächlich befinden wir uns an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem abzusehen ist, dass die Zukunft eben keine Verlängerung der Vergangenheit und ihrer Glücksvorstellungen sein kann.

Unsere Politik, schreibt Welzer, sei »chronisch von gestern«, und weiter: »Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten hätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht.« Und weiter: Es gehe heute »nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr«. Dabei denkt er gerade auch an viele der Maßnahmen, die wir einer ökologisch orientierten Politik zurechnen. Angemessen hart geht Welzer mit allen ins Gericht, die meinen, ein grünes Etikett auf der Plastikverpackung entlaste die Müllstrudel im Pazifik und mit dem Kauf von AAA-Kühlschränken sei die Energiewende eingeleitet.

Nicht reparierbare Produkte hat unsere Wirtschaft längst erfunden, aber noch im Produzieren von »nachhaltigen« Waren treibt sie vor allem eines voran: den Verbrauch. Das grundlegende Problem bleibe – eine »Kultur des ALLES IMMER«. Im Grunde, so Welzer, müssen wir neue Wege des Benutzens, des Teilens, des Wollens und Genießens finden.

So weit ist Selbst denken eine gelungene Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch. Engagiert, leidenschaftlich und belesen. Doch im Vergleich zur klaren Diagnose sind die Therapievorschläge holprig. Da denkt Welzer einiges an, fügt es aber nicht wirklich zusammen. In der Buchmitte lobt er Tugenden wie Eigenverantwortung und Sparsamkeit, wenig später porträtiert er ein paar vorbildliche »selbst denkende« Unternehmer, auch Kulturprojekte und Initiativen. Am Ende kommt eine Liste mit zwölf befeuernden Slogans wie »Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind« und »Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert!«. Letzteres ist natürlich Unsinn. Genau wie Welzers rasches Abfertigen der Konsumboykott-Bewegungen: seiner Meinung nach nicht hinreichend politisch. Er sieht wohl nicht, dass bewusste Konsumenten viel mehr tun als bloß: nicht kaufen. Sie fordern die Wirtschaft heraus, sich umzubauen, sie distanzieren sich vom simplen Imperativ des »Alles-Immer«. Politische Konsumenten versuchen, die Elemente Produktion, Information und Entscheidung neu zu verbinden. Und zwar gemeinsam.

Auch Welzer erklärt, dass Widerstand Gemeinschaften braucht, »Wir-Gruppen, in denen spezifische Selbstbilder etabliert werden, die wiederum Handlungsbereitschaft, Mut, Selbstvertrauen, Phantasie freisetzen«. Solche Gruppen nennt Welzer Resilienzgemeinschaften. Das ist das Stichwort, das sich dem Lesenden am stärksten einprägt. Wenn man wohlwollend ist – und man sollte es sein, denn in dieses Buch hat der Autor viel Recherche und sichtlich Herzblut einfließen lassen –, könnte man Welzers Kernbotschaft zusammenfassen: Selbst denken ist unerlässlich, im Alleingang gegen die Kultur des »Alles-Immer« aber schwierig. Doch in geeigneten Gruppen und Nischen lässt sich bereits heute ein anderes Leben für morgen proben.

Das ist eine versöhnliche Vision – aber zu kleinteilig: Sollte unsere Zukunft wirklich in den Händen der beschriebenen Solargenossenschaften, Theaterprojekte und Recyclingbörsen liegen? Den Vorwurf, zu wenig Durchschlagskraft zu besitzen, kann man jedem Vorschlag machen, es sei denn, er proklamierte die eine alles umwälzende Revolution, die man als unrealistisch beschimpfen würde. Und so ist das Unbefriedigende am Ausklang von Welzers Buch auch weniger, dass sich seine Vorschläge etwas bescheiden ausnehmen, sondern dass sie mit der so überzeugenden Problembeschreibung der ersten Hälfte des Buches intellektuell nicht mithalten können.

Dass der Kapitalismus bestimmte Bedürfnisstrukturen hervorbringt und unsere Politik hier als Erfüllungsgehilfe einer bestimmten Wirtschaftsform beschrieben wird, zu dieser Analyse passt nicht das muntere Motto »Wir fangen schon mal an«, das in der Sicht Welzers die Resilienzgrüppchen der Avantgarde auszeichnet. Es bleibt schwierig.

Zur Person: http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Welzer

Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)

Perspektiven der Überflussgesellschaft – Von Harald Welzer

Die politischen und ökonomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum – dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1095078/

Stiftung Futurzwei : http://www.futurzwei.org/#index

 

Alle mal umdenken!

06.03.2013 ·  Der Kapitalismus führt zur Erstarrung des Denkens: Harald Welzer kennt das Glück des Verzichts und den Weg zu einem besseren Leben.

Von Thomas Thiel

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/harald-welzer-selbst-denken-ein-anleitung-zum-widerstand-alle-mal-umdenken-12104729.html

lühbirnen könnten ewig leben. Im amerikanischen Dorf Livermore, wo seit 1901 ununterbrochen eine Birne brennt, hängt der leuchtende Beweis. 1924 wurde die Lebensdauer der Glühdrähte aber auf Betreiben der Industrie künstlich begrenzt. Der Kapitalismus hat ein Interesse daran, dass die Dinge ein vorzeitiges Ende nehmen. Das ist der Ansatzpunkt für Harald Welzers Kapitalismuskritik: die institutionalisierte Verschwendungssucht dieses Systems. Wer den Kapitalismus kritisiert, macht zur Zeit wenig falsch. Dem Sozialpsychologen Welzer darf man unterstellen, dass er nicht nur einen modischen Reflex bedient. Er trank das Wasser seiner Predigt. Vor wenigen Jahren gab er seine Professur auf und gründete die Stiftung Futurzwei. Hier sammelt er positive Gegenbeispiele zur kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform. Inzwischen kann er ein Buch damit füllen.

Der Kapitalismus, sagt er darin, wird das einundzwanzigste Jahrhundert nicht überstehen. Besser gesagt: Nur ein kleiner Teil von uns wird den Kapitalismus überstehen – der am besten mit ihm paktiert. Wenn eine expansive Wirtschaftsform auf begrenzte Ressourcen trifft, ist der Konflikt programmiert. Die Klimaprognosen im Nacken, fällt der Widerspruch schwer. Welzer lässt aber, und darin liegt seine größte Angriffsfläche, technischen Fortschritt nicht gelten. Bis hinein ins ökologische Milieu setze man heute schon viel zu sehr darauf, dass es die Technik irgendwie richten wird. Das verzerrt seine Prognose, trifft aber insofern zu, als seine Kritik auch der technischen Umformung von Natur gilt.

Man verschlingt die Oper wie den Burger

Hier nämlich liegt für ihn das Problem: Der von der glänzenden Benutzeroberfläche verführte Kunde sieht die Wertschöpfungsprozesse nicht, die hinter den Produkten stecken, das Leid der Arbeiter von Bangladesh bis Bad Hersfeld, die öden Arbeitsroutinen, das der Erde entrissene Material. Seit Marx nennt man das Warenfetischismus. Neu ist, so Welzer, dass auch das Wissen nur noch als Endprodukt und nicht in Genese und Erwerb erscheint. Die auf Wachstum gepolte Wirtschaft zielt immer mehr auf eine Belagerung des Denkens. Irgendjemand muss die Produktionssteigerung nun einmal schlucken. Sagt die Kanzlerin: „Ohne Wachstum ist alles nichts.“ Sagt Welzer: Der Verstand wird im Überfluss ertrinken.

Kapitalismus heißt die klandestine Bewirtschaftung des Bewusstseins, die Erstarrung des Denkens in Routinen. Man liest insgesamt wenig zu den neuen medialen Formen, in denen sich der kognitive Kapitalismus breitmacht. Welzer führt seinen Kampf in der Hauptsache gegen traditionelle Gegner, das selbstzufriedene Konsumenten-Ego, das seine Kaufentscheidungen für die eigene Wahl hält, die perfide Hässlichkeit der Gewerbegebiete, den Flächenwuchs der Flachbildschirme, nicht unerwähnt lässt er den mentalen Dauerbeschuss durch Update-Industrie und Social-Media-Querulanten. Sein Lieblingsfeind ist der mit der digitalen Kultur ubiquitär gewordene Verfügbarkeitsanspruch. Schon Utopien beginnen ja heute mit dem beleidigten Einfordern permanenten Konsumglücks.

Dabei ist der Mensch eigentlich hilfreich und gut. Welzer stützt seinen Optimismus auf ein Experiment des Leipziger Anthropologen Michael Tomasello, das die spontane Hilfsbereitschaft von Kindern belegt. Erst bei ausbleibender Belohnung sank ihre Hilfsbereitschaft. Erst der Kapitalismus, resümiert Welzer, hat den Menschen zum engherzigen Egoisten transformiert. Der kognitiv nicht zu bewältigende Optionenbeschuss macht den Konsumismus schließlich zur Grundeinstellung. Man verschlingt die Oper wie den Burger. Die Kehrseite des Wachstums ist die innere Ruhelosigkeit, das Gefühl, nie an ein Ende zu kommen. Nicht einmal der Konsum macht noch richtig Spaß, wenn so wenig Zeit dazu bleibt.

Zu nah an der Sprache des Gegners

„Probieren Sie einmal, wenn Sie mitteilen, dass Sie jetzt nichts mehr lernen möchten, es sei nun mal genug. Oder nicht mehr verreisen möchten, Sie hätten schließlich genug gesehen. Und überhaupt wollten Sie sich nicht mehr entwickeln, sie seien nun einfach fertig.“ Eskapismus ist aber nicht Welzers Ausweg. Sein Rezept: Verzicht und alternative Wirtschaftsformen. Ohne Wohlstandseinbußen werden Umwelt und Wirtschaft keine Partner. Das ist nicht schlimm, denn im Verzicht liegt Befreiung. Braucht man eine Bohrmaschine, wenn man sie nur dreizehn Minuten im Jahr benutzt? Welzer sieht überall Alternativen heranwachsen: Gemeinwohlökonomien, Genossenschaften in Solar- und Wohnungsprojekten, Leute, die Gegenstände umnutzen, reparieren, teilen, die das Wohnzimmer ihrer Nachbarn renovieren, um dafür die eigene Homepage eingerichtet zu bekommen, Recyclingbörsen, Crowd-Funding und Open-Source-Projekte. Die Argumentation ist aber narrativ und nicht systematisch. Lose ins Feld geworfene Schlagworte wie Konsumverzicht, Arbeitszeitverkürzung und bedingungsloses Grundeinkommen sind mehr mentale Befreiungsschläge als konsequente Anleitung zum Systemwechsel.

Ohne die Bestätigung in Milieus und den Halt von Strukturen werden aber wenige auf Dauer zum besseren Leben bereit sein. Oft ist es nicht fehlende Einsicht, sondern der Wunsch nach sozialer Teilhabe, der Gewissen und Tun nicht zur Deckung kommen lässt. Für Welzer ist diese Kluft eine Folge unbewusster Routinen, unaufgeklärten Konsums und erstickter Phantasie. Man glaubt gar nicht mehr, dass es auch anders geht. Er wird nicht müde, die Pflicht zum Umdenken zu betonen. Nur der Leser wird es angesichts der sloganhaften Darreichungsform auf Dauer ein bisschen überdrüssig, auch wenn er vielem herzlich zustimmt. Vokabeln wie „Zeitwohlstand“ und „permanente Achtsamkeit“ liegen schon wieder zu nah an der Sprache des Gegners.

Harald Welzer: „Selbst Denken“. Ein Anleitung zum Widerstand. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 336 S., geb., 19.99 €.

Leseprobe: Welzer Selbst DenkenLP_978-3-10-089435-9

Enzensberger zu Snowden Ein Held des 21. Jahrhunderts

19.08.2013 ·  Die Datensammler, Edward Snowden und unser Leben in postdemokratischen Zuständen: Hans Magnus Enzensberger hat einen großartigen Auftritt in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“.

Von Volker Weidermann

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/faz-net-fruehkritik/in-der-ard-enzensberger-zu-snowden-ein-held-des-21-jahrhunderts-12537881.html

Hans Magnus Enzensberger

„In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft“: So Hans Magnus Enzensberger in „Titel, Thesen, Temperamente“.

„Seid doch mal leise, Leute!“ Mit diesen oder ähnlichen Worten hatte der Bundesinnenminister Friedrich am vergangenen Freitag die Diskussion um Edward Snowden und die Zusammenarbeit der großen Internet-Konzerne mit dem amerikanischen Geheimdienst unterbinden wollen. Es werde viel zu viel „Lärm um falsche Behauptungen gemacht.“

Gut, hat sich Schriftsteller Hand Magnus Enzensberger, 83, da wohl gedacht. Ich kann es ihm auch leise erklären. Es war ein sehr ruhiger, ein bedächtiger Auftritt, den der große deutsche Intellektuelle da am Sonntagabend in der ARD-Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ hatte. Aber seine Botschaft war dramatisch: „Wir leben in postdemokratischen Zuständen“, so Enzensberger.

Er saß vor der Bücherwand mit den Bänden der einst von ihm herausgegebenen „Anderen Bibliothek“, blickte in die Kamera und sagte in seinem sanften Münchnerisch: „In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft.“

Halb belustigt, halb beunruhigt

Enzensberger tritt nur äußerst selten im Fernsehen auf. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen sind ihm offensichtlich zu wichtig, als dass er länger schweigen könnte. Sein Auftritt gestern war von großer Würde und großer Wucht. „Das sagen die ja selbst, dass die das altmodisch finden: Privatsphäre! Verfassung! Das passt doch alles nicht mehr in unsere Zeit.“

Passt er selbst noch in diese Zeit? Enzensberger scheint sich auf halb belustigte, halb beunruhigte Art nicht ganz sicher zu sein. Er staunt darüber, dass offenbar eine Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht zu verstehen scheint, was das bedeutet, wenn datensammelnde Weltkonzerne und Geheimdienste so eng kooperieren. Dass die Menschen überhaupt nicht ahnen, was für eine Macht das bedeutet. Für die Konzerne. Und für die Regierungen.

„Es ist eine Minderheit, die das nicht akzeptieren will“, sagt er. Und er hat sich für diesen Auftritt entschieden, um diese Minderheit wenigstens ein wenig zu vergrößern.

Hans Magnus Enzensberger ist jedes hohe Pathos eigentlich fremd. Aber die Tat des Edward Snowden und seiner Helfer verdient seine uneingeschränkte Bewunderung: „Diese Menschen sind die Helden des 21. Jahrhunderts, würd’ ich mal sagen“, erklärt er lächelnd.

Vielleicht hat der Bundesinnenminister ihm in diesem Moment zugesehen. Vielleicht ist ihm die von Hans Magnus Enzensbereger gewählte Lautstärke angenehm. Die Botschaft, dass er Minister in einer postdemokratischen Gesellschaft sein soll, ist es vermutlich nicht.

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Gespräch mit Frank Rieger vom CCC Der Zugriff auf die Informationen ist total

07.06.2013 ·  Jetzt wird es amtlich: Der amerikanische Geheimdienst NSA greift in großem Stil auf Telefonverbindungen und auf die Daten der Internetkonzerne zu. Die geben sich ahnungslos. Sollen wir ihnen glauben?

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/gespraech-mit-frank-rieger-vom-ccc-der-zugriff-auf-die-informationen-ist-total-12213355.html

Noch im Bau: Das riesige Data-Center der NSA in Utah, wahrscheinlich das größte der Welt

Noch im Bau: Das riesige Data-Center der NSA in Utah, wahrscheinlich das größte der Welt

Die „Washington Post“ berichtet, dass sich die amerikanische Regierung in großem Ausmaß Zugriff auf Telefon- und Internetdaten verschafft. Das entsprechende Projekt heißt „Prism“. Ist die Existenz einer solchen Überwachungsmaßnahme eine Überraschung?

Nicht wirklich. Gerüchte darüber gibt es schon sehr lange. Die Russen und die Chinesen haben ihre Bürger immer wieder gewarnt und gesagt: Passt auf, wenn ihr amerikanische Internetunternehmen benutzt, dann landen die Daten auch bei den Geheimdiensten. Und wenn man sich die Historie der National Security Agency NSA anguckt, ist das erst recht keine Überraschung. Die Vorläuferorganisation „Black Chamber“, die nach dem Ersten Weltkrieg von Herbert Yardley ins Leben gerufen wurde, hat dasselbe mit den Telegraphen-Unternehmen gemacht. Da wurden nachts die Telegramme kopiert. Das verdeutlicht, dass es sich hier um einen normalen modus operandi handelt, den der amerikanische Geheimdienst seit Beginn seiner Existenz pflegt.

Erstaunlich, dass es erst jetzt rauskommt. Oder ist die Überraschung gespielt? Vor allem die der Konzerne wie Apple, Google, Microsoft oder Facebook, die sagen, sie hätten davon noch nie gehört.

Wahrscheinlich haben die Pressesprecher noch nie etwas davon gehört. Aber wenn man sich einmal ansieht, welche Leute bei diesen Unternehmen in den Aufsichtsboards sitzen und wie viele ehemalige NSA-Mitarbeiter dort angestellt sind, auch in höheren Positionen, ist vollkommen klar, dass diese „Überraschung“ der Unternehmen nur geäußert wird, weil man sich der Entrüstung und dem Zorn der Kunden nicht aussetzen will. Dass solche Programme existieren und das insbesondere die Amerikaner, aber auch die Israelis und andere in großem Maß auf die Daten von Unternehmen zugreifen, und mit diesen Kooperationsvereinbarungen haben oder sich dort reinhacken, ist für Kenner der Materie nicht weiter überraschend. Für alle andere galt das lange als Verschwörungstheorie. Wenn jemand sagte, die NSA habe Zugriff auf die Daten aller amerikanischen Unternehmen, wurde das immer als Spinnerei abgetan. Es wäre ja auch unkomfortabel, wenn man sich eingestehen müsste, dass digitales Leben Unsicherheit bedeutet.

Heißt das, sämtlicher Telefon- und Datenverkehr, den wir mit den Vereinigten Staaten pflegen, wird potentiell überwacht?

Von mindestens drei Geheimdiensten. Vom BND – die strategische Fernüberwachung -, dann wahrscheinlich von den Briten, weil dort die Leitungen durchgehen, dann noch einmal von den Amerikanern.

Man kann sich als Laie kaum vorstellen, wie das technisch funktioniert. Vor allem, wie man Server-Kapazitäten vorhält, um solch gigantische Datenmengen zu speichern und durchzuforsten.

Für die Telefonverbindungen, also die Daten die von Verizon abgefragt werden, braucht man keine außerordentlichen Speicher. Das ist nicht soviel. Bei den Internetdaten gehe ich davon aus, dass es sich nicht zwingend um ein vollständiges Kopieren aller Daten handelt, sondern um eine Abfrage- und Zugriffsmöglichkeit. Die Präsentation, welche die „Washington Post“ zum Teil publiziert hat, deutet auf ein solches System hin – Abfrage und Zugriff. Trotzdem sind die Datenmengen, die alleine dabei anfallen, groß – wenn man herausfinden will, wer hat wann mit wem kommuniziert oder nach bestimmten Kommunikationsinhalten. Dafür baut die NSA in Utah gerade ein riesiges Data-Center. Das wird wahrscheinlich das größte der Welt.

Aber es werden doch nicht die Verbindungen kontrolliert, sondern auch Inhalte durchgesehen.

Wenn man sich den zweiten Teil der Präsentation von „Prism“ ansieht, wie er durch die „Washington Post“ bekannt geworden ist – zu den Daten der Unternehmen -, muss man sagen: Das ist genau alles. Chats, Videos, Fotos, Emails. Auch Skype, das lange von Unwissenden als abhörsicher bezeichnet wurde. Es geht um praktisch alle Inhalte, die über die Internetunternehmen kommuniziert werden. Auch Apple gehört dazu. Der Zugriff auf die Informationen ist total. Vor diesem Hintergrund muss man zum Beispiel als deutsches Unternehmen genau nachdenken, ob man seine Daten amerikanischen Cloud-Anbietern anvertraut. Zu diesen Anbietern gehören auch Microsoft und Amazon.

Müssen wir davon ausgehen, dass es in Europa, dass es in der Bundesrepublik einen ähnlichen Zugriff der Geheimdienste auf den Online-Datenverkehr gibt?

Das ist eine sehr interessante Frage. Unter welchen Maßgaben deutsche und europäische Geheimdienste Zugriff auf die Daten von Unternehmen haben können, ist ein Graubereich. In den wenigen Fällen, die mir bekannt sind, wird es auf Basis einer quasi freiwilligen Kooperation des Unternehmens im konkreten Einzelfall gemacht. Inwieweit der BND sich Zugänge verschafft und derartige Kooperationen organisiert hat, liegt, wie gesagt, in einem Graubereich. Ich denke, da muss die Politik rangehen und klarstellen, unter welchen Regeln Geheimdienste und das Bundeskriminalamt Zugriff auf Daten nehmen dürfen. Bei den Verhandlungen zur Europäischen Datenschutznovelle muss das Thema auch auf den Tisch. Wir können in Europa nicht von Datenschutz reden, wenn Daten, die bei amerikanischen Anbietern liegen, direkt von den dortigen Geheimdiensten ausgewertet werden.

Was halten Sie von dem Argument der Befürworter der Total-Überwachung, dies diene der Terrorabwehr? Und diese sei nur auf diese Weise zu leisten.

Das Problem ist, dass keine dieser Maßnahmen, die unter dem Rubrum „Terrorabwehr“ eingeführt worden sind, jemals evaluiert wurde. Die Frage, ob sie auch tatsächlich helfen, ist nach wie vor unbeantwortet. Dass die Abwehr von Terrorismus nur so funktioniert, das ist eine bloße Behauptung. Es gibt keine Statistiken, keine Auswertungen dazu, es gibt nichts, das darauf hinweist, dass diese Behauptung zutrifft. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass das europäische und insbesondere das deutsche Verfassungsrecht eine Abwägung vorschreibt. Ist der Eingriff in die Privatsphäre, ist die Machtkonzentration bei den Geheimdiensten in der Abwägung es wert, möglicherweise den einen oder anderen Terroranschlag abwehren oder verhindern zu können? Mir scheint, es sind mittlerweile immer Mehr Leute der Meinung, dass man da ein wenig über die Stränge geschlagen hat und man die Verhältnismäßigkeit wieder herstellen muss.

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