Dokumentarfilm “Alphabet” Alles nur geföhnte Bubies und Barbies

Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer prangert unser fehlgeleitetes Bildungssystem an. Damit ergänzt “Alphabet” die Reihe globalisierungskritischer Filme aus Österreich. von Oliver Kaever

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-10/dokumentarfilm-alphabet-erwin-wagenhofer

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm "Alphabet"

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm “Alphabet”  |  © Filmladen Filmverleih

Erwin Wagenhofer meint es ernst. Das ist bei dem österreichischen Dokumentarfilmer nichts Neues, aber sein jüngstes Thema Bildung geht er besonders grundsätzlich an und eröffnet Alphabet mit Ultraschallaufnahmen von einem Kind im Mutterleib. Darüber legt Wagenhofer eine Rede des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson: “Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.”

Sätze, die sitzen. Wie überhaupt in diesem Film so viele bemerkenswerte Zitate fallen, dass man im Kino ständig einen Notizblock zücken möchte. Für seine Betrachtung von Bildungssystemen im Zeichen der Globalisierung hat Wagenhofer neben Robinson viele weitere prominente Experten vor seine Kamera geholt. Darunter ist der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen; der ehemalige Lufthansa- und Daimler-Benz-Manager Thomas Sattelberger, der Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen als “geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look” kritisiert; der Pädagoge Arno Stern, der Kindern seit 30 Jahren in seinem “Malort” in Paris die Möglichkeit zur Kreativität ohne Druck gibt; und sein Sohn André, Gitarrist, Komponist und Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat.   

Wagenhofer lässt wie seine Protagonisten keinen Zweifel daran, dass Bildungsanstalten schlecht mit Kindern umgehen. Als krasses Beispiel dient ihm der erste Halt auf seiner Reise durch die Schulen der Welt: China. Muster-Pisa-Kandidat, immer an der Spitze der Rankings der OECD. Unschöner Nebeneffekt: Der Primus verzeichnet auch die höchste Selbstmordrate überforderter Schüler, wie der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping anmerkt. Seit der Einführung der Marktwirtschaft sei das Bildungssystem von Konkurrenzdenken, Auswendiglernen und dem Bestehen der vielen gefürchteten Prüfungen und Schulwettbewerbe geprägt. Raum für kreatives Denken, eigene Ideen und Erholung gebe es dagegen nicht. Dongping: “Unsere Kinder gewinnen am Start – und verlieren am Ziel.”

Was China im Extrem exerziert, macht laut Wagenhofer auch in den Ländern der EU vielen Kindern die Schule zur Hölle. Der Leistungsdruck steige ständig, Schüler seien lediglich Teil einer wirtschaftlichen Verwertungskette. Ecken und Kanten, ein eigener Kopf und das Hinterfragen von Handlungsmaximen seien nicht gefragt. Stattdessen Anpassungsfähigkeit, bedingungsloses Erfüllen von Vorgaben, Konkurrenzdenken. Unser Schulsystem funktioniere immer noch wie im 19. Jahrhundert, als Menschen nicht ihr Potenzial ausschöpften, sondern an den Maschinen der immer noch zunehmenden In­dus­t­ri­a­li­sie­rung funktionieren sollten, kritisiert Gerald Hüther.

Der globale Kapitalismus – in Alphabet erhebt er wieder sein schauriges Haupt. Eine Weltwirtschaft, die allein nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sagt Wagenhofer, setzt Gesellschaften so enorm unter Druck, dass sie Zukunft nicht sinnvoll gestalten können.

Damit ist der Filmemacher bei einem Thema, das ihn seit seinem Kino-Debüt im Jahr 2005 umtreibt. Damals prangerte er in We feed the World die für Mensch und Umwelt katastrophalen Folgen einer Nahrungsmittelproduktion an, die allein auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. 2008 blickte er mit Let’s make Money direkt ins finstere Herz der Finanzindustrie und zeichnete Geldströme und ungleiche Vermögensverteilung nach. Alphabet bildet nun den Abschluss seiner Trilogie über die Folgen der Globalisierung.

Das Thema beschäftigt seit Jahren viele österreichische Dokufilmer – und sorgt dafür, dass die lebendige österreichische Filmszene so viel internationale Beachtung findet: Die Regisseure aus dem fiktionalen Fach blicken vor die eigene Haustür und finden Soziopathen, Kinderschänder und Familientragödien. Die Kollegen von der Doku reisen in die Welt, um unbarmherzig Katastrophen im globalen Maßstab abzubilden. Österreich, das Weltzentrum der Feel Bad Movies

Mitte der Nullerjahre nahmen die Filmemacher vor allem die Nahrungsmittelproduktion in den Blick. Hubert Sauper dokumentierte in Darwin’s Nightmare (2004) die ökologische Katastrophe, die sich im Victoriasee vollzieht, seit dort der von der Industrie so getaufte Victoriabarsch (eigentlich: Nilbarsch) ausgesetzt wurde. Nikolaus Geyrhalter zeigte 2005 in Unser täglich Brot die Massenproduktion von Lebensmitteln und ließ dabei allein Bilder sprechen; der Film kommt völlig ohne Kommentar aus. Im gleichen Jahr feierte Wagenhofer mit We feed the World einen riesigen Publikumserfolg. Er wurde in Österreich zum erfolgreichsten Dokumentarfilm seit der statistischen Erfassung und zog im gesamten deutschsprachigen Raum über 600.000 Zuschauer in die Kinos. Daraufhin sprossen Dokus über Essen aus dem Boden wie Zuchtchampignons, von Food, Inc. bis Taste the Waste.  

Auch auf anderen Themenfeldern gingen die Österreicher immer dahin, wo es besonders weh tat. Prekäre Arbeitsverhältnisse (Michael Glawoggers Workingman’s Death und Whore’s Glory), Umweltverschmutzung (Plastic Planet von Werner Boote), Überbevölkerung (Population Boom, ebenfalls Boote) oder die Einführung der Energiesparlampe (Bulb Fiction, Christoph Mayr) – ob in fernen Gefilden oder in der Europäischen Union, überall fanden die Regisseure skandalöse Zustände. Sie werden ausgelöst – und diese Sicht eint alle Filme – durch die Liberalisierung des Welthandels und zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft. “Das Thema Energiesparlampe eignet sich hervorragend, um Methodik und Kaltblütigkeit der Großindustrie darzustellen”, sagt Christoph Mayr über Bulb Fiction. Ein Prinzip, das die Österreicher perfektionierten. Die Themen sind immer andere, der Auslöser der krisenhaften Situationen immer der gleiche: die Globalisierung. Aus Österreich kommt politisch hellwacher Agitprop, der die Augen öffnet und wütend macht. Der aber angesichts seines ständigen Alarmismus durchaus auch ermüdet.

Der gute Quälgeist

Alphabet allerdings nicht, obwohl gerade dieser Film das Publikum spalten wird. Dass Wagenhofer mit dem Thema Bildung einen Nerv treffen wird, lassen die durch den Pisa-Schock ausgelösten, seit über zehn Jahren anhaltenden Debatten und die offensichtlich herrschende Ratlosigkeit erahnen. Bildungspolitiker und Eltern werden in Wagenhofers Film trotzdem nicht fündig werden, wenn sie nach Antworten suchen. Zumindest nicht, wenn sie das Thema auf die Frage eingrenzen, ob nun die Gesamtschule oder das Gymnasium die bessere Schulform ist. Viele Zuschauer werden ihm vorwerfen, das Thema unausgewogen aufzubereiten. Und tatsächlich ist Alphabet ungenauer, wolkiger und auch parteiischer als seine Vorgänger. Aber der Mann macht schließlich kein Bildungsfernsehen.

Stattdessen spürt man die Leidenschaft, mit der Wagenhofer versucht, die Globalisierung diesmal noch grundsätzlicher zu fassen. Wenn er mit Alphabet nicht in die Niederungen tagesaktueller Bildungsdiskussionen hinabsteigt, dann deshalb, weil das Thema ihm hier als Vehikel dient, um Fragen zu stellen, die in seinen vorangegangenen Filmen schon unausgesprochen im Raum standen. Fragen, die angesichts unserer so alternativlos erscheinenden Gegenwart fast unanständig wirken: Wenn der Kapitalismus, wie er ihn hier wieder beschreibt, ein System der Angst ist, das freie Entwicklung schwierig bis unmöglich macht – was könnte dann das Gegenmodell sein? Wie müssen sich Gesellschaften entwickeln, damit Kinder unbeschwert lernen und ihre Kreativität entdecken können?

“Wir müssen anders leben”, sagte Wagenhofer schon über We feed the World. Diese Dringlichkeit macht sein Werk aus. Damit setzt er sich von der Katastrophen-Dramatik ab, der manche seiner Kollegen erliegen, und wird zum Quälgeist, denn verantwortlich ist für ihn nicht das System, sondern jeder einzelne. Die Forderung nach einer eigenen Haltung hat er nie drängender gestellt als in Alphabet.

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Wie Big Data das Wahlgeheimnis aushebelt Wir wissen, wen du wählen wirst

31.08.2013 ·  Moment der Wahrheit bei Google in Berlin: Ein amerikanischer Wahlkampf-Veteran schildert freimütig, wie sich Daten zur Wählerbeeinflussung nutzen lassen. Und bittet die Datenschützer im Saal, kurz mal Kaffee trinken zu gehen.

Von Stefan Schulz

Willkommen im Big-Data-Neuland: Screenshot der Google-Seite zur Bundestagswahl.
Man muss es nicht genau wissen, es versteht sich heute von selbst. Wenn Google den Wählern hierzulande in der Woche vor der Wahl erstmals seine in vielen Ländern erprobte Wahlkarte zeigt, geht es nicht nur darum, über Wahlkreise, Kandidaten und Landeslisten aufzuklären. Google wird sich im Gegenzug in gleichem Maße dafür interessieren, wie die Wähler dieses Informationsangebot benutzen – und jeden einzelnen Klick genau analysieren. Das Angebot Googles, das darin besteht, den Wählern auf einfache Weise die 3500 Kandidaten für den Bundestag vorzustellen, ist kostenlos. Die Nutzer zahlen mit ihren Daten. So weit, so bekannt.Als am Donnerstagabend die deutsche Vertretung des Unternehmens Journalisten, Wahlkämpfer und Interessierte nach Berlin einlud, um die Google-Projekte zur Wahl vorzustellen, stand allerdings bald selbst Googles Mitarbeitern der Schrecken im Gesicht. Den Hauptvortrag hielt Julius van de Laar, der für Barack Obama im entscheidenden Bundesstaat Ohio Wahlkampf geführt hatte. Er berichtete, was man aus dem digitalen Wahlkampf in Amerika inzwischen gelernt habe. Es ging erst einmal ums Geld: „Meine Güte, 1,2 Milliarden Dollar hatten wir zur Wählermobilisierung zur Verfügung“, begann van de Laar, um gleich darauf zu sprechen zu kommen, was die amerikanischen Wahlkämpfer unter „Wählermobilisierung“ heute verstehen.

Salesman Ringing Doorbell of House

Der Kampagnenvertreter kennt den Wähler genau, denn er hat seine Daten. Eine iPhone-App gibt vor, was er sagen soll.

Die Datenschützer können jetzt kurz rausgehen

Die Ausgangslage 2012 sei schlecht gewesen. Acht Prozent Arbeitslosigkeit, 41Prozent Zustimmungsrate für den Präsidenten, „dazu eine katastrophale Performance des Kandidaten im ersten Fernsehduell“. Allein in der politischen Message habe die Obama-Kampagne klar vorn gelegen. „Mitt Romney – Killerkapitalist“, das ließ sich gut verkaufen, wie auch „General Motors am Leben, Usama Bin Ladin tot“. Die wichtigste Frage, die sich van de Laars Team in Ohio stellte, war, wie man „den Wirkungsgrad des Wahlkampfs steigern könne“, wie sich „die richtigen Wähler effektiver erreichen“ lassen – und wie man einen Bogen um die Wähler macht, die man schon verloren gab.

„Force Multiplication“ hieß das Programm, das jede Botschaft aus dem Wahlkampf ausmerzte, um Platz für „Technologie und Daten“ zu schaffen. „Es ging um Zahlen, Daten und Fakten, nicht um politische Botschaften aus den Hinterzimmern.“ Es ging um „Big Data“, worüber „zuletzt einige Texte erschienen, die die Debatte nun sehr schwer machen“, sagte van de Laar. „Die Datenschützer unter Ihnen, wenn Sie kurz raustreten wollen und sich einen Kaffee holen wollen. Kommen Sie in zehn Minuten wieder“, fuhr van de Laar fort, um darauf zu sprechen zu kommen, wie das „Micro-Targeting“, die planvolle und gezielte Wähleransprache der Obama-Kampagne, funktionierte.

„Payback, bitte einmal die Daten ausspucken“

Ausgangspunkt seien die in Amerika geführten Wählerlisten gewesen. Sie beinhalten Namen und Telefonnummern und führen auf, ob die Wähler an den demokratischen oder republikanischen Vorwahlen teilgenommen hatten. Im zweiten Schritt „haben wir uns einfach einen Haufen Daten gekauft“, sagte van de Laar. „Sie kennen Payback?“, fragte er ins Publikum. „Wir gehen da hin und sagen: ,Payback, bitte einmal die Daten ausspucken.‘“ Diese Daten, die das Einkaufsverhalten der Wähler aufzeigen, die die Payback-Bonuskarte verwenden – was van de Laar als ein Beispiel unter vielen nannte –, seien mit den Daten aus dem Wählerregister fusioniert worden.

Für jeden potentiellen Obama-Wähler wurde ein Datenbankeintrag angelegt und ständig erweitert. Auch das Verhalten im Internet war für die Wahlkämpfer von Interesse. Mit „Cookie-Targeting“ wurde das Online-Verhalten der Wähler über deren Computer ausgespäht und ausgewertet. „Social Media, Data Mining, Data Matching“ seien die Kernpunkte des Vorhabens gewesen, das sich „predictive analytics“ nennt –also auf Vorhersagen abzielte. „Wir wollten herausfinden, wer die Personen waren, die sehr wahrscheinlich nicht wählen gehen, aber uns wählen würden, wenn sie doch hingingen“, benannte van de Laar das Anliegen.

Sympathisanten-Schulung via iPhone-App

Man habe herausgefunden, dass 78 Prozent der Menschen, denen von Freunden oder Bekannten empfohlen wurde, Obama zu wählen, tatsächlich für den Demokraten stimmten. Das Team konzentrierte sich also auf eine zweite Zielgruppe: Menschen, die Obama sicher wählen würden und zusätzlich bereit seien, ihren Freunden und Nachbarn davon zu erzählen. 21000 Freiwillige habe man in den drei Wochen vor der Wahl allein in Ohio mobilisiert. Sie klopften an mehr als 800 000 Haustüren.

Eine iPhone-App gab im Wortlaut vor, wie ein Gespräch zu eröffnen und zu führen sei – und erinnerte mit Nachdruck daran, unbedingt fehlende Daten zu erfassen. „Wir wollten nicht einfach nur, dass Leute rumlaufen und mit irgendwelchen Menschen sprechen, wir wollen nachvollziehen, was genau dort passiert. Wir wollen wissen, wie die Konversationen laufen und welche Informationen wir da herausziehen können“, sagte van de Laar. Der Haustürwahlkampf sei wahlentscheidend gewesen. 750 festangestellte Mitarbeiter beschäftigte das Wahlkampfteam in Ohio, doch entscheidend sei die Arbeit der Freiwilligen gewesen.

„Die Daten waren der Wahnsinn“

Letztlich wurde eine Parallelkampagne unter dem Titel „It’s about YOU“ entwickelt. Das „YOU“ bezog sich auf die Tausenden von Freiwilligen, die den Haustürwahlkampf führten und das wichtigste Element des Wahlkampfs zur Verfügung stellten: persönliche Beziehungen zu denjenigen, die noch zu überzeugen waren. Doch nicht nur an der Haustür habe man sich direkt eingemischt. Alsbald wurde fast jeder Sympathisant zum Freiwilligen. Geholfen hat die moderne Technik: „Wir wollten, dass sich die Leute mit Facebook auf Obamas Internetseite anmelden, um einen Komplettzugriff auf deren Profildaten zu erhalten. Die Daten, die wir hatten, waren der Wahnsinn, und natürlich schauten wir sie uns an, wann es uns passte“, sagte van de Laar. Ein Raunen ging durch den Saal. Dabei hatte van de Laar den entscheidenden Trick noch nicht genannt: Wähler, die sich per Facebook auf Obamas Internetseite anmeldeten, willigten auch ein, dass die Kampagne im Namen der Nutzer Botschaften auf Facebook verbreiten durfte.

„Sie können sich vorstellen, was für ein riesiges Asset das in diesem Wahlkampf war.“ Die Möglichkeit, die digitale Kommunikation zwischen den Wählern steuern zu können, „war deutlich effektiver“ als jedes andere Bemühen im Wahlkampf, sagte van de Laar, weil dadurch „die Authentizität noch einmal deutlich gestärkt wurde“. Die Wähler konnten schlicht nicht mehr unterscheiden, wann sie es mit ihren Nachbarn oder der Kampagne zu tun bekamen. Für die Wahlkämpfer der politischen Parteien im Raum verwies van de Laar auf eine Studie von Infratest Dimap. Auch in Deutschland informierten sich Wähler vorrangig im direkten Gespräch über anstehende Wahlen. „Das, was jetzt gemacht wird, ist der Grundstein für die Zukunft, da wird der Trend hingehen“, sagte van de Laar abschließend.

Maximal legale Wege für ein besseres Targeting

In Amerika sei man allerdings schon an Grenzen gestoßen, führte van de Laar aus. Ein Zeichen des Erfolgs im Haustürwahlkampf seien die vielen Zettel gewesen, auf denen Bewohner notierten, dass sie schon längst überzeugt seien, Obama zu wählen und keine weitere Störung duldeten. Dass das Wahlrecht den Wählern Geheimhaltung zubillige, setzten van de Laars Strategen in einem Fall sogar gezielt außer Kraft. Sie wollten Nichtwähler in den Nachbarschaften in Dankesbriefen nach der Wahl enttarnen. Diesem Vorhaben, „das 25 Prozent Zuwachs“ versprach, setzte eine Morddrohung gegen Mitarbeiter der Kampagne allerdings ein frühes Ende.

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„Stalking“ nannte das die Pressesprecherin der Piratenpartei, Anita Möllering, aus dem Publikum. Der von Google mit einem Pauschalgehalt ausgestattete Journalist Tilo Jung, der Googles Videoplattformen für politische Interviews unter dem programmatischen Titel „Jung&Naiv“ nutzt, wollte von van de Laar wissen, wie mit den Daten nach der Wahl verfahren wurde und was in Deutschland möglich sei. Die Daten lägen für die nächsten Kampagnen bereit, sagte van de Laar. In Deutschland werde der Rahmen des legal Möglichen noch nicht ausgeschöpft. Es gebe „maximal legale Wege, noch deutlich stärker vorzugehen und ein besseres Targeting zu machen“. „Alles andere“, sagte van de Laar, „wäre jung und naiv.“

Diesen „Exkurs nach Amerika“ fand sogar der hiesige Google-Sprecher Ralf Bremer „kontrovers“. Und wandte sich schnell dem nächsten Programmpunkt zu, dem Online-Quiz einer Berliner Künstlergruppe und damit „einer Initiative, die wir im Rahmen unserer Seite unterstützen, anders als das, was Julius van de Laar eben vorgestellt hat“. Das klang authentisch, man würde es Bremer gern glauben. Doch er ist Sprecher des Unternehmens, das Big Data erfunden hat.

Internet-Pionier Lanier “Google will, dass alle unbezahlt arbeiten”

http://www.sueddeutsche.de/digital/internet-pionier-lanier-google-will-dass-alle-unbezahlt-arbeiten-1.77751

Jaron Lanier träumte einst von einer virtuellen Utopie, heute warnt vor dem Kult des Kollektivs im Internet. Die Online-Kultur hält er für Digitalen Maoismus.

Interview: Jörg Häntzschel

Jedes Jahr im Dezember ernennt das Time Magazine einen Mann oder eine Frau zur “Person des Jahres”. 2006 war diese Person “You”, Du, Jedermann. Es war der Höhepunkt der Euphorie, mit der damals das “Web 2.0” begrüßt wurde. Dem Begriff zum Trotz hatte sich am Internet selbst nichts verändert. Neu waren nur die Benutzungsmodi: Mit Wikipedia, Googles Algorithmen und den sozialen Netzwerken wurde der frühere Konsument von Websites immer mehr zum freiwilligen oder unfreiwilligen Kollaborateur.

Jaron Lanier warnt vor dem “Kult des Kollektivs”

(Foto: Foto: oH)

Internet-Theoretiker wie James Surowiecki feierten die Entwicklung als historische Errungenschaft: Die “Weisheit der Vielen”, so der Titel seines Buchs sei der Einzelner überlegen und werde helfen, die Probleme der Menschheit zu lösen. Andere, darunter Ray Kurzweil in seinem Buch “Spiritual Machines”, träumen sogar schon von dem Tag, da das Internet als eine einer Art Meta-Gehirn der Menschheit das Kommando übernimmt.

Mit seinem Essay “Digital Maoism” hat der Künstler, Musiker und Technologie-Forscher Jaron Lanier dieser Euphorie einen entschiedenen Dämpfer verpasst. Die “Weisheit der Vielen”, wie sie sich etwa in den Artikeln von Wikipedia oder den Suchergebnissen von Google ausdrücke, sei eine gefährliche Illusion. In seinem eben erschienenen Buch “You Are Not a Gadget” warnt er vor dem Kult des Kollektivs und appelliert für eine neue Wertschätzung von Individualität im Internet, bevor die gegenwärtigen Strukturen sich verfestigen.

Im Interview mit der SZ erklärt er, weshalb er nicht mehr an das Gute des Netzkollektivs glauben kann

“In vielen Wikipedia-Beiträgen finden sie eine Mob-Ideologie”

SZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch zwei parallel stattfindende Prozesse: Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, die allmählich auf unsere realen Ichs zurückschlägt. Und die Entwicklung einer Art Online-Diktatur der Masse.

Jaron Lanier: Beide Entwicklungen gehen Hand in Hand. Denken Sie an Wikipedia: Das Ideal dort sind Artikel, die frei sind von jeder ideologischen Tendenz. Das ist natürlich unmöglich. Was am Ende stehenbleibt, ist die Mob-Ideologie, die sie in sehr vielen Beiträgen finden. Weil so viele Leute zu Wikipedia verlinken, tauchen die Beiträge bei Google an den ersten Stellen auf. Alle, die sich nun mit einem Thema beschäftigen, sind versucht, die Wikipedia-Linie zu übernehmen. Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren.

Das andere ist die Tendenz vieler Menschen zu boshaftem Verhalten im Internet. Das Internet bringt das Schlechteste im Menschen hervor. Auch mir ist das schon passiert. Offenbar ähneln Menschen Hunden: Im Rudel neigen sie zu einer sehr gefährlichen Bösartigkeit. Der Druck zur Anpassung an den Durchschnitt und dieses Rudelverhalten gehen auf dasselbe Problem zurück: Es gibt zu viele Internet-Angebote, die am Kollektiv, nicht am Individuum interessiert sind.

SZ: Hat sich das Kollektiv in der Geschichte der Zivilisation nicht immer wieder große Verdienste erworben?

Lanier: Natürlich ist das Kollektiv wichtig, bei Wahlen etwa oder bei der Bestimmung von Preisen auf den Märkten. Aber wenn Kreativität oder neue Ideen gefragt sind, versagt es.

SZ: Warum finden wir es nicht nur akzeptabel, sondern oft auch attraktiv, unsere Netz-Repräsentation bei Facebook oder anderswo in so enge Schablonen pressen zu lassen? Ist es Bequemlichkeit oder die heimliche Sehnsucht, unsere komplizierten Identitäten hinter uns zu lassen?

Lanier: Es ist vor allem Gruppenzwang. Sobald sich das Kollektiv geformt hat, ist jeder, der sich ihm nicht anschließt, in Gefahr, von ihm erstickt zu werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Teenager in Afghanistan und halten nichts von islamistischem Märtyrertum. Es ist nicht einfach, das Ihren Freunden zu offenbaren. Viele, vor allem junge Menschen, haben außerdem das Gefühl, ihnen fehle es an sozialem Status, Geld oder Erfolg. Sie akzeptieren den Durchschnitt als Ideal, weil sie das Gefühl haben, sie stünden unterhalb des Durchschnitts.

SZ: Ziehen sich die Menschen nicht schon seit Jahrhunderten ähnlich an, hören dieselbe Musik, folgen ähnlichen Ideologien?

Lanier: Natürlich war es schon immer attraktiv, Teil der Masse zu sein, im Fußballstadion zum Beispiel. Doch im Internet wird die Welt viel einfacher dargestellt als sie tatsächlich ist, und die Prozesse laufen schneller ab. Wie rasant ist Google zu dieser globalen Macht aufgestiegen! Wie schnell haben Millionen angefangen zu twittern! Deshalb habe ich ernsthaft Sorge, dass es eines Tages zu einem gefährlichen Mob-artigen Ausbruch im Internet kommen wird. Ich glaube, der islamistische Terrorismus ist zumindest in Teilen ein solches Phänomen. Das Internet macht die Menschen nicht schlechter, aber es erlaubt eine Dynamik, die vorher undenkbar war.

“Die chinesische Regierung und Google haben ähnliche Ziele”

SZ: Wie wurde das Internet zu dieser Massenmaschine?

Lanier: Am Anfang stand die Utopie, dass Menschen und Maschinen dasselbe sind. Diese Vorstellung geht unter anderem zurück auf den schwulen Computervordenker Alan Turing, der Selbstmord beging, nachdem die britische Regierung ihn zwang, weibliche Hormone zu nehmen. Turings Geschichte übt eine große Faszination auf bestimmte Leute aus, Leute, die sich mit Maschinen und Computern wohler fühlen als unter Menschen. Für diese Leute versprach die Vorstellung, Menschen und Computer seien dasselbe, einen Ausweg aus all dem Schmerz und der Unsicherheit ihrer Sexualität. Vielleicht ließe sich sogar die Sterblichkeit überwinden.

Ein anderer Prophet der Technik-Community ist Ray Kurzweil, der sagt, dass Computer eigenes Bewusstsein erlangen und über die Welt herrschen werden. Der Moment, da die Computer die Macht übernehmen, heißt “Singularity”. Der Glaube, dass dieser Moment kommen wird, hat alle Züge einer Religion. Sehr viele in der Technik-Community, vor allem Software-Ingenieure, glauben fest daran und schreiben ihre Programme entsprechend.

SZ: Nach außen werden die Partizipationsmöglichkeiten im Internet gerne als Fortentwicklung der Demokratie verkauft: Jeder ist gleich, jeder wird gehört.

Lanier: Das ist natürlich eines der großen Themen der Politikwissenschaften: Maximale Partizipation führt nicht automatisch zu einer funktionierenden Demokratie, sondern zu etwas, das eher einer Diktatur gleicht. Ein System mit Regeln und Strukturen funktioniert besser, auch wenn die Macht nicht gleichmäßig verteilt ist.

SZ: Wer profitiert von dem Internet, wie wir es heute kennen? Wer sind die “Herren der Wolke”?

Lanier: Es gibt zwei: Der eine ist Google. Google will, dass alle unbezahlt arbeiten, damit es selbst seine Anzeigen verkaufen kann. Die anderen sind Hedge Funds und andere Finanzunternehmen. Beide sind sich sehr ähnlich. Sie abstrahieren die Welt und ziehen Geld aus ihr, ohne selbst etwas beizutragen. Die jüngste Rezession wurde im Wesentlichen durch falsche Anwendung von crowd computing ausgelöst.

SZ: Handelt es sich beim “Digitalen Maoismus” nicht einfach um eine Weiterentwicklung des Kapitalismus?

Lanier: Die extremen Formen von Kapitalismus, die man online findet, ähneln den Strukturen des Maoismus. Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei. Im Gegensatz zu Marx und den meisten Marxisten verachtete Mao die Intellektuellen und glorifizierte die Bauern. Abraham Maslows “Bedürfnispyramide” ist hier ganz hilfreich: Bevor wir uns höheren Bedürfnissen widmen, müssen die Menschen erst einmal ihren Hunger stillen. Unter Mao wurden alle, die die Pyramide ein Stück hochgeklettert waren, wieder hinabgestoßen und auf die Felder geschickt. Die heutige Online-Kultur tut im Prinzip genau dasselbe. Musiker sollen ihre Musik verschenken, sie können ja mit Konzerten und T-Shirts Geld verdienen. Journalisten sollen umsonst schreiben, dann werden sie vielleicht in eine Talkshow eingeladen oder können ihre Bücher verkaufen. Statt der avanciertesten geistigen Arbeit wird eine primitivere, physischere Leistung belohnt. Das kehrt die kulturelle Entwicklung der Menschheit um.

SZ: Von dem Konflikt mit China einmal abgesehen, hat man den Eindruck, dass die Macht von Google immer klarer erkannt wird.

Lanier: Das Interessante ist, dass die chinesische Regierung und Google ganz ähnliche Ziele haben: Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft. Google muss sich reformieren. Es ist wie ein Organismus ist, der sich von seinem eigenen Körper ernährt. Es geht eine Weile lang gut, aber dann ist das Verhungern unausweichlich. Statt nur Anzeigen zu verkaufen, muss es anfangen, Geld zu verlangen für die Inhalte, die es anbietet, und dieses Geld an die Autoren auszuzahlen. Sonst ist die Zivilisation, die es im Internet verfügbar machen will, irgendwann tot.

DIGITAL MAOISM: The Hazards of the New Online Collectivism By Jaron Lanier

The Edge http://www.edge.org/conversation/digital-maoism-the-hazards-of-the-new-online-collectivism

Jaron Lanier und Musik siehe Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=gZ2qWUG1qI8

Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

11.02.2013 ·  Der Kapitalismus, in dem wir leben, hält immer noch daran fest, unser Verlangen zu kontrollieren. Deshalb wird er untergehen, wenn er sich nicht ändert, sagt die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/protokoll-einer-zukunftsvision-das-system-versagt-12057446.html

Für Shoshana Zuboff beginnt Ökonomie in unserem Verlangen, das Leben so zu führen, wie wir es uns wünschen. In „Information Civilization“, dem Buch, an dem sie gerade schreibt, will sie ausführen, wie ein sozialer Entwurf auszusehen hat, der nicht mehr auf Massenproduktion und Massenkonsum zugeschnitten ist, sondern auf die dezentralisierte Welt des Individuums. „In the Age of the Smart Machine“, 1988 erschienen, hieß ihr erstes vielgerühmtes Buch, in dem sie die technologisch geprägten Umwälzungen durch den Computer voraussagte. „The Support Economy“ wirft vierzehn Jahre später ein frühes Licht auf die Krise unseres Wirtschaftssystems.

Nach dem Philosophiestudium an der University of Chicago und der Promotion in Sozialpsychologie an der Harvard University hat Zuboff als eine der ersten Frauen ab 1981 an der Harvard Business School gelehrt und lebt seit ihrer Emeritierung in einem Landhaus in Maine. Von dort kommt sie regelmäßig nach Boston oder, genauer gesagt, nach Cambridge, wo ich sie in ihrem zweiten Zuhause, einem Hotel nahe dem Harvard Square, getroffen habe. Sie hatte mich gewarnt: „Ich bin eine langsame Denkerin.“ Aber sie hatte nichts von der ansteckenden Begeisterung gesagt, mit der sie ihre Argumente und Ideen entwickelt und in immer wieder neuen, überraschenden Bildern, Beziehungen und Zusammenhängen auf ihre Zuverlässigkeit testet.

Al Gore berichtet in seinem neuen Buch mit dem ahnungsvollen Titel „The Future“ von einer neuen Zwei-Milliarden-Dollar-Anlage, die derzeit von der National Security Agency in Utah gebaut werde und künftig in der Lage sei, jedes Telefongespräch, jede E-Mail, jede SMS, jede Google-Suche und überhaupt jede elektronische Kommunikation, ob verschlüsselt oder nicht, zwischen amerikanischen Bürgern zu überwachen und bis in alle Ewigkeit zu archivieren. Muss es einem da nicht kalt über den Rücken laufen?

Shoshana Zuboff:

Nach der Veröffentlichung meines Buches „In the Age of the Smart Machine“ habe ich „Zuboffs drei Gesetze“ erklärt.

Zuboffs erstes Gesetz lautet: Alles, was digitalisiert und in Information verwandelt werden kann, wird digitalisiert und in Information verwandelt.

Zuboffs zweites Gesetz: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.

Zuboffs drittes Gesetz: Jede Technologie, die zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert werden kann, wird, was immer auch ihr ursprünglicher Zweck war, zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert. Das beschriebene Projekt bestätigt nur Zuboffs drittes Gesetz.

Neuer sozialer Entwurf

Aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen und auf ein Buch zu sprechen kommen, an dem ich gerade arbeite: „Information Civilization“. Die aufkommende globale Zivilisation bedarf eines grundsätzlich neuen sozialen Entwurfs. Was ungeheuer aufregend ist. Denn unsere institutionellen Vereinbarungen müssen komplett neu gedacht werden: die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung, auch Dinge wie unsere eigene Transparenz.

Der Überwachungsimpuls hat aber unser tägliches Leben längst kolonisiert. Die Überwachung ist subtil und verdeckt; sie ist eingebettet in Dinge, auf die wir tagein, tagaus angewiesen sind. Nur Experten, nur Informationswissenschaftler und Hacker begreifen noch, wie weit das alles fortgeschritten ist. Wir als Gesellschaft verstehen das nicht mehr.

Ohne Regeln

Die Infrastruktur für die Regelung der neuen Informationswege ist bis jetzt nur in kleinen Teilen vorhanden. Es gibt kein übergreifendes Konzept. Uns dämmert erst langsam, dass Einrichtungen, denen wir unser Vertrauen geschenkt und die wir als unsere Freunde angesehen haben, Facebook zum Beispiel oder Google, nicht nach einer neuen Logik handeln, sondern nach der altbekannten, die unseren Interessen zuwiderläuft.

Welche Richtung die Informationstechnologie einschlägt, kommt darauf an, wie einige gesellschaftliche und ökonomische Kernfragen beantwortet werden. Zurzeit geschieht das ohne Regeln und Gesetze. Die Praxis trifft jetzt die Entscheidungen. Etwas geschieht, weil Facebook, weil Google, weil die Regierung der Vereinigten Staates es so wollen. Der rechtliche Rahmen fehlt.

Ich bin trotzdem keine Pessimistin, keine Apokalyptikerin. Lassen Sie mich ein paar Umwege gehen, um das zu begründen. Meine ökonomische Analyse, wie ich es auch in meinem Buch „The Support Economy“ deutlich gemacht habe, ist nicht die eines Ökonomen. Ich gehe von der Phänomenologie des menschlichen Verlangens aus. Die Ökonomie geht aus der Gesellschaft hervor, die Gesellschaft aus der Geschichte. Gesellschaft ist die Chronik der Evolution menschlicher Komplexität, aus der wiederum menschliches Verlangen erwächst.

Psychologisches Individuum

Ökonomie beginnt mit diesem Verlangen. In der modernen Gesellschaft offenbart Verlangen sich im Konsum. Wie Wedgwood im 18. Jahrhundert verstanden hatte, dass es auf einmal neureiche Familien gab, die Porzellan wie im königlichen Haushalt wollten, gab es in Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts Pioniere, die Farmer und Krämer mit Waren versorgten, die sich vorher nur eine Elite leisten konnte. Voraussetzung dafür, das Konsumverlangen zu erfüllen, war ein erschwinglicher Preis. Henry Ford war einer der Ersten, die all die Teilchen des Puzzles zusammensetzten, bis Alfred Sloan bei General Motors die Sache noch weiter entwickelte: So wurde das 20. Jahrhundert zum Massenzeitalter.

Der ungeheure Erfolg des Modells der Massenproduktion und seines Wohlstandswachstums formte die Gesellschaft um; sie wurde komplexer als je zuvor. Und das führte zu größerer Komplexität im Verlangen, in der Arbeitsteilung und schließlich in der menschlichen Erfahrung. Trotz aller Kriege und Gewalttaten ist für mich das dramatischste Produkt des 20. Jahrhunderts jenes Wesen, das ich als psychologisches Individuum bezeichne.

Es ist unsere Last und unser Segen am Ende des Jahrhunderts, dass wir aus dem vertrauten Umfeld vertrieben wurden und auf die Frage nach unserer Identität nicht länger antworten können: Ich bin meines Vaters Sohn, ich bin meiner Mutter Tochter. Jeder von uns trägt die Last, eine eigene Antwort zu finden. Wir müssen uns allein erarbeiten, wer wir sind. So weit die Last.

Neues Bewusstsein

Der Segen besteht darin, dass jeder sich als einzigartig versteht und deshalb einen legitimen Anspruch auf Respekt vor seiner Einzigartigkeit hat. Der Respekt vor dem Individuum aber ist die Antriebskraft für die enorme Ausweitung der Menschenrechtsgesetzgebung, die sich jetzt im 21. Jahrhundert fortsetzt. Ging es früher um Religion, freie Meinungsäußerung und Wahlrecht, wird nun in jedem Bereich unseres Lebens Anspruch auf Rechte erhoben. Von Geschlecht und Sexualität bis zu physischen Fähigkeiten und zum Alter ist kein persönlicher Bereich von diesen Ansprüchen ausgenommen. Ich betrachte das als Aufblühen, als fast unbegreiflich positives Signal von Menschlichkeit. Wir halten uns für wert, in Würde zu leben.

Die Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle, scheint mit Ökonomie nichts zu tun zu haben, aber ich mache sie als Kontext geltend, in dem Ökonomie sich entwickelt. Lassen Sie es mich erklären: Wir haben ein institutionelles System aufgebaut, das perfekt auf die Erfordernisse der Massenproduktion und des Massenkonsums zugeschnitten ist und weit über die entsprechenden Firmen und Dienstleister hinausreicht. Die Logik der Massenproduktion wurde zur Grundlage unseres Erziehungssystems, unserer Krankenversorgung, aller Sphären unserer Gesellschaft. Seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kommt es aber zu einer immer heftigeren Kollision zwischen dem neuen Bewusstsein, das ich psychologische Selbstbestimmung nenne, und einem Wirtschaftssystem, das auf große Handelsvolumen, geringe Produktkosten und Standardisierung angelegt ist, eigentlich nicht anders als zu Zeiten von Henry Ford.

Zyklus der Akkumulation

Das alte Geschäftsmodell trifft nun auf eine Gesellschaft, die mehr und mehr vom neuen Individuum geprägt wird, das etwas ganz anderes will. Es ist leicht, an einen Toaster oder ein Auto zu kommen. Die Kosten für diese Waren sind gesunken. Warum? Zum Teil, weil sie für uns nicht mehr den Wert haben, den sie einmal hatten. Wir zahlen für Verbrauchsgüter nur, wie viel wir wollen. Wir wollen jetzt aber die Ressourcen, die es uns erlauben, unser Leben effektiv zu leben, oder anders gesagt: Zugang zu den materiellen und immateriellen Ressourcen zu haben, die wir brauchen, so zu leben, wie wir leben wollen. Solche Ressourcen werden aber kaum angeboten. Daher die Kollision.

Unser System befindet sich im Niedergang, und dieser Niedergang stellt den Endteil eines Zyklus der Akkumulation dar. Die fundamentale Natur des ökonomischen Werts ist im Wandel begriffen: Früher mussten Waren einen inneren Wert an sich haben, um auf dem Markt verkauft zu werden. Stattdessen ist der Wert jetzt latent in der Erfahrung jedes Individuums vorhanden und kann nur realisiert werden, wenn das Verlangen des Individuums erkannt und erfüllt wird.

Diese unterschiedlichen Werte bedürfen total unterschiedlicher Mechanismen, ökonomischer Kalkulationen und technischer und sozialer Systeme, um verwirklicht zu werden. Je hartnäckiger wir versuchen, die alten Prozesse im neuen Kontext beizubehalten, desto größere Reibungen entstehen, desto mehr an Wert bleibt unrealisiert.

Innovation, Mutation

In jedem Zyklus ist Akkumulation erfolgreich, wenn sie im Einklang mit dem Bedarf ist. Verloren geht der Einklang, wenn die alte Version des Kapitalismus sich weniger und weniger am neuen Verbraucher orientiert. Die bestehenden Einrichtungen aber sind nur in der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Sie vermögen sich nicht zu transformieren, weil sie in ihrer alten Logik gefangen sind.

Das beste Beispiel ist die Autoindustrie vor Henry Ford. Autos waren Luxusgegenstände, deren Hersteller sich gegenseitig mit immer teureren und luxuriöseren Wagen übertreffen wollten. Sie haben nicht die neue Welt gesehen, in der Normalbürger auch gern Autos gehabt hätten, aber sie sich nicht leisten konnten. Henry Ford, ein Outsider, der nichts mit der Industrie zu tun hatte, musste kommen, um mit den alten Vorgängen zu brechen und die Elemente einer vollständig neuen Logik zusammenzufügen. Niemand hatte zuvor die Idee, mehr zu produzieren, um etwas billiger anbieten zu können.

Ein System im Niedergang neigt nun dazu, den Niedergang mit Innovationen, mit kleinen Veränderungen hier und dort aufzuhalten. Seine Führungskräfte gehen nicht anders vor als die Astronomen, die im Zeitalter des Kopernikus wussten, dass die Daten nicht mehr die Theorie stützten, und daraufhin ihre Theorie zu erneuern suchten, um sie wieder mit den Daten in Übereinstimmung zu bringen, auch wenn sie dazu die verrücktesten Dinge erfinden mussten. Es hat bekanntlich nicht funktioniert. Wird nur noch von Innovation geredet, ist das ein sicheres Zeichen für den Niedergang. Und heute redet jeder von Innovation. Warum sieht es dann so düster aus? Innovation reicht nicht. Es muss zur Mutation kommen.

Dezentralisierte Wertschöpfung

Die biologische Metapher der Mutation ist durchaus angebracht, denn es geht hier um evolutionäre Prozesse. Es gibt gegenwärtig viele Mutationen, und einige davon sind sogar von Dauer, weil sie in die neue Umgebung passen, also in die Umgebung, die menschliches Verlangen in den Mittelpunkt stellt. Innovation hingegen dient lediglich dazu, ein System reparieren zu wollen, das seine Nützlichkeit überlebt hat. Systeme haben nun einmal eine begrenzte Reichweite. Das System des Managerkapitalismus mit seiner konzentrierten Organisation, hierarchischen Kontrolle und Ausrichtung auf den Massenkonsum ist an seine adaptiven Grenzen gestoßen. Innovation hält es bloß künstlich am Leben.

Wir sind am Ende des zyklischen Bogens angelangt, den der Managerkapitalismus durchs 20. Jahrhundert gespannt hat, und beginnen allmählich, Mutationen in organisatorischen Mischformen zu sehen, in Hybriden. Zudem macht sich das Ende des Akkumulationszyklus, wie es immer in der Geschichte des Kapitalismus geschehen ist, in einer Phase der Finanzialisierung bemerkbar. Das bedeutet, der Kommerzapparat ist ermattet, zieht sich von Güterproduktion und Handel zurück und benutzt das angehäufte Kapital als Basis, um mit finanziellen Instrumenten Profit zu erwirtschaften. Die Folge ist eine Kontraktion, in der Firmen finanziell gesund sind, dank Gewinnen durch finanzielle Transaktionen, aber der Wohlstand der Gesellschaft abnimmt. Soziales Chaos ist unvermeidbar.

Jetzt aber sind wir auf dem Weg in eine Welt der dezentralisierten Wertschöpfung, des distributed capitalism. Das ist keine technologische Metapher. Die Dezentralisierung geht von den Individuen aus, die nunmehr die Quelle ökonomischer Werte sind. Individuen sind aber nicht innerhalb einer Organisation zu finden, sie treten nicht in konzentrierter Form auf, sie verteilen sich über ihre dezentralisierten Lebensräume. Folglich muss sich auch der Handel dezentralisieren, um in diesen Lebensräumen Wirkung zu zeigen. Heute haben wir erstmals eine technologische Infrastruktur, die ebenso dezentralisiert ist.

Hybridformen

Nehmen wir den iPod. Was hat Steve Jobs da getan? Ich glaube, er hat es selbst nicht gewusst, und darum kann er nicht in einem Atemzug mit Henry Ford genannt werden. Ford war sich sehr bewusst, was er getan hatte. Er hat die Massenproduktionslogik erfunden und war ihr Missionar. Er wollte damit die Welt beglücken. Er verstand, dass Massenkonsum zur Massenproduktion führte. Wie ist das nun mit dem iPod? Schauen Sie sich den Niedergang der Musikindustrie an. Niemand will mehr Geld für CDs ausgeben. Warum nicht? Weil ich nicht die Songs will, die du für mich ausgesucht hast. Ich will die Songs, die mir gefallen, und mit der digitalen Infrastruktur, die mir erlaubt, Songs herunterzuladen und mit anderen zu teilen, gibt es für mich keinen Grund mehr, ein materielles Paket zu kaufen.

Ich als Individuum will meine Musik in meinem Raum hören. Die Musikindustrie hat sich derweil in ihrem Organisationsraum verkrochen. Da kommt plötzlich dieses Computerunternehmen, das nichts mit der Musikindustrie zu tun hat und sie nicht verbessern, nicht erneuern will. Es setzt einfach sein technologisches Knowhow ein und denkt sich völlig neu aus, wie Leute erschwinglich mit Musik zu versorgen sind. Das Geschäft geht draußen vom Nutzer aus, nicht drinnen von der Firma. Eine Inversion der Geschäftsperspektive findet statt. Das meine ich, wenn ich von einer neuen Basis für eine neue ökonomische Logik spreche. Ein verborgener ökonomischer Wert wird als individueller Wert im individuellen Raum realisiert. War das bei Apple eine vollständige Mutation? Nein. Viele Aspekte der Firma sind noch in der alten Logik verfangen. Apple ist ein Hybrid. Der iPod aber hat den Pfad zu einem neuen Zyklus einer neuen Form des Kapitalismus eröffnet.

Auch Google sieht in mancherlei Hinsicht wie eine Mutation aus, ist aber gleichfalls nur ein Hybrid. Woran das zu erkennen ist? Hybride wie Google lassen es zu, dass neue Formen von der alten Logik kolonisiert und infiltriert werden. Wenn Facebook zum Beispiel auf Profit aus ist, fragt es sich dann, wer der Nutzer ist, wonach er verlangt und wie das Unternehmen ihm helfen, wie es mit seinen Interessen gleichziehen kann? Es könnte sich als Plattform für Bildung, für die Krankenversorgung und viele andere Dinge empfehlen, durch die sich unsere Lebensqualität steigern ließe. Und wofür wir bereit wären, etwas zu zahlen. Facebook tut das jedoch nicht. Die Firma verschafft sich Geld nach dem alten Modell, nämlich durch Anzeigen.

Individuelles Vertrauen

Facebook schien einmal uns zu gehören. Es war unser Raum. Jetzt verstößt Facebook immer wieder gegen die ökonomische Logik des individuellen Raums, widersetzt sich unseren Interessen und zerstört unser Vertrauen. Google verhält sich nicht anders. Der Machtwille der Firma ist sichtbar geworden, auch ihre Manipulation von Algorithmen und ihre Bereitschaft zur Überwachung. Wir fühlen uns bloßgestellt, allein schon durch eine Google-Suche. Meine beiden Kinder haben Facebook innig geliebt. Heute rühren sie es nicht mehr an. Facebook, das ist für sie jetzt: die da. Und nicht mehr: wir.

Noch einmal: Ökonomischer Wert ist in jedem Individuum verborgen. Ich bin bereit, für Dinge zu zahlen, die mir helfen, ein effektives Leben zu führen. Um zu verstehen, wonach ich verlange, musst du in meinen Raum kommen, und ich muss dir deshalb vertrauen können. Wenn du meinen Raum missbrauchst, schalte ich dich ab. Dieses Verlangen und meine Bereitschaft, dafür zu zahlen, dass mein Verlangen erfüllt wird, eröffnen den nächsten großen Horizont des ökonomischen Wertes. Eine ganz neue, noch nicht kartographierte Landschaft tut sich da auf.

Der Ort des ökonomischen Werts hat sich ins Verlangen des Individuums verlagert. Wären Facebook oder Google oder Apple sich ihrer Rolle als historische Kraft bewusst, würde keiner von ihnen gegen das Interesse seiner Nutzer handeln. Denn sie wüssten, dass sie so auch künftigen Profit verringerten. In jedem Augenblick, in dem sie das Vertrauen des Individuums enttäuschen, geht ihnen Geld verloren. Ist das deutlich genug gesagt?

Protokolliert von Jordan Mejias

Google und die Macht des Wissens – Video online

Im Jahr 2002 fing Google an, Weltliteratur einzuscannen. Man schloss Verträge ab mit den größten Universitätsbibliotheken wie Michigan, Harvard und Stanford in den USA, der Bodleian Bibliothek in England und der Katalanischen Bibliothek in Spanien. Das Ziel war nicht nur eine riesige globale Bibliothek aufzubauen, sondern all dieses Wissen sollte noch einem verschwiegenen Zusatzzweck zugutekommen: Man wollte eine neue Form von “Artificial Intelligence”, von künstlicher Intelligenz entwickeln.

Google bekam aber Probleme bei der Realisierung des Projekts: Mehr als die Hälfte – rund sechs Millionen – dieser Bücher waren urheberrechtlich geschützt. Autoren auf der ganzen Welt begannen, einen Feldzug gegen Google zu starten. Im Herbst 2005 reichten sowohl die amerikanische Autorengilde “The Authors Guild of America” als auch die amerikanische Verlegervereinigung “The Association of American Publishers” Klage ein.

Drei Jahre später kam dabei die Google-Buch-Regelung, das “Google Book Settlement” heraus. Diese Vereinbarung umfasste 350 Seiten und wurde im Oktober 2008 veröffentlicht. Dieses Abkommen hätte Google unglaubliche neue Macht verschaffen können. Die Google-Buch-Webseite war drauf und dran, nicht nur die weltgrößte Buchhandlung zu werden, sondern auch eine gebührenpflichtige Bücherei. Google hätte das Monopol auf die Mehrheit der im 20. Jahrhundert veröffentlichten Bücher gehabt.

Im März 2011 entschied dann Richter Denny Chin nach Anhörungen gegen die Rechtsgültigkeit der Google-Buch-Regelung. Am Ende hatte eine bunte kleine Armee von Autoren und Buchhändlern eines der weltweit mächtigsten Unternehmen besiegt. In dieser Dokumentation werden in die zentrale Geschichte um die Google-Buch-Affäre andere problematische Aspekte des Themas “Internet” eingewoben, wie Datenraub und Datenschutz, Download und Urheberrecht, Freiheit und Überwachung.

(Großbritannien, Deutschland, 2012, 89mn)
ZDF

Erstausstrahlungstermin: Gestern, 20:17
weitere Ausstrahlungstermine: Samstag, 6. April 2013, 11:50

online zugänglich fuer

  • replay in myscreen.com (französisch)

: http://www.myskreen.com/documentaire/arts/4946493-le-livre-selon-google

TPB AFK – The Pirate Bay Away from Keyboard

Video online: http://videos.arte.tv/de/videos/tpb-afk-the-pirate-bay-away-from-keyboard–7415440.html

in youtube: TPB AFK: The Pirate Bay Away From Keyboard HD [Multi Subtitles!]

“The Pirate Bay” entstand 2004 und entwickelte sich schnell zur weltgrößten Internet-Tauschbörse. Seit 2006 stehen die Verantwortlichen immer wieder vor Gericht. Vor allem die US-Musik-, Film- und Videoindustrie baute politischen Druck gegen Schweden auf, drohte mit Handelssanktionen und verlangte, die Verantwortlichen wegen Urheberrechtsverletzungen zu verurteilen.

Am Tag vor dem Prozess: Fredrik packt einen Computer in sein altes rostiges Auto. Die Schadensersatzklage beläuft sich auf 13 Millionen Dollar. Jetzt bringt er den Computer erst einmal in den geheimen Serverraum, in dem sich der erstaunlich kleine BitTorrent-Tracker versteckt. Anakata, brokep und TiAmo nennen sich die Männer hinter “The Pirate Bay” online. Als das Hacker-Talent Gottfrid, der Internet-Aktivist Peter und der Netzwerk-Nerd Fredrik schuldig gesprochen werden, sind sie mit der Realität offline konfrontiert – “AFK” – Away From Keyboard. Aber in den unergründlichen Tiefen des verborgenen Datenzentrums sind kleine Metadatenpakete fleißig bei der Arbeit und stellen Verbindungen zwischen Millionen Usern weltweit her.

Der Schutz des Copyrights im Internet erregt die Gemüter weltweit. Noch ist keine generelle Lösung gefunden für die Frage des Umgangs mit dem Urheberrecht beim unaufhaltsamen Tauschhandel mit künstlerischen und sonstigen Werken im Netz. Die “Pirate Bay”-Website ist daran ganz wesentlich beteiligt. Die Piraten haben sich in mehreren Ländern zur mehr oder weniger erfolgreichen politischen Partei entwickelt, ausgehend von Schweden, wo sich 2006 die erste “Piratpartiet” gründete.

Wie schwer die Kommunikation und erst recht die Rechtsfindung sind, lässt sich in dem Dokumentarfilm nachvollziehen. Der Schlagabtausch zwischen den Generationen, Weltanschauungen und den konträren Interessen entbehrt nicht der Komik. Die Justiz hat große Schwierigkeiten, den Verantwortlichen von “The Pirate Bay” eine strafbare Handlung nachzuweisen. Immerhin haben sie selbst mit den urheberrechtlich geschützten Werken nichts zu schaffen. Sie stellen lediglich die ausgefeilte Technik zur Verfügung, mit der zeitweise bis zu geschätzte 30 Millionen User kostenlos Filme, Musik oder Computerspiele austauschen. Allerdings spielte bei den inzwischen gefällten Urteilen eine Rolle, dass die Website teilweise auch kommerziell betrieben und für die Verantwortlichen Gewinn abgeworfen hat.

Die drei jungen Männer wissen um ihren technischen Vorsprung und genießen es, die Richter und Staatsanwälte an ihre Verständnisgrenzen zu bringen. Der Regisseur ist nah an den Freibeutern und ihren kreativen Spielzügen, wenn sie sich wieder mal aus der Schlinge ziehen, sich über die Dummheit der anderen freuen und sich auch gegenseitig nichts schenken. Aber er macht auch deutlich, dass sie ihren leidenschaftlichen Kampf für ein freies Internet mit einem hohen persönlichen Preis bezahlen.

(Dänemark, Schweden, 2013, 81mn)
ZDF

Erstausstrahlungstermin: Gestern, 21:49
weitere Ausstrahlungstermine: Samstag, 13. April 2013, 01:50

@@@@@@

H.G. Wells : Mind at the End of Its Tether, 1945 (dt.: Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten, 1946)

H.G. Wells  The Complete Works :  online : http://kamita.com/misc/wells/hgwells.pdf

Germany

Jaron Lanier
Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht

(original  englisch: You are not a gadget)

http://www.suhrkamp.de/buecher/gadget-jaron_lanier_42206.html

»Ein ahnungsloser Kulturpessimist ist er nicht, sondern Verteidiger der Freiheit.«

Heinrich Wefing, Die Zeit

»Laniers Aufruf für einen digitalen Humanismus ist ein Aufruf zur digitalen Emanzipation.«

Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Jaron Lanier homepage: http://www.jaronlanier.com/
Artikel und Interviews (englisch) in “Edge”: http://www.edge.org/memberbio/jaron_lanier
Roland Reuß, Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch, UmschlagRoland REUSS :
Ende der Hypnose.
Vom Netz und zum Buch (Frankfurt am Main, Basel 2012; 128 S.), 12,90

Was heißt Scheitern heute?

Katja Kraus Was heißt Scheitern heute?

02.04.2013 ·  Wenn es so aussieht, als sei alles umsonst gewesen: Katja Kraus, einst Managerin beim HSV, hat ein Buch über prominente Abstiege und Leute geschrieben, die von der Erfolgsspur abgekommen sind.

Von Melanie Mühl

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Katja Kraus hat Macht verloren. Unglücklich ist sie darüber nicht gewordenDieses Buch ist ein Schlüsseltext. Es handelt von Macht und Machtverlust, von Erfolg und Scheitern, von Intrigen, Verrat und monströsen Verletzungen. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen tief gefallen sind. Vor allem aber geht es um die fatalen Auswirkungen unserer beschleunigten Medienwelt, in der das erbarmungslose Verurteilen zu einem ganz normalen Vorgang geworden ist, und die Frage, inwieweit wir überhaupt noch die Autoren unserer eigenen Biographie sind. Jeder Tag ist ein Schicksalstag. Ein Haben-Konto, auf dem die Erfolge als Polster für schlechte Zeiten verbucht werden können, existiert nicht.

Anders formuliert: Lebensleistungen zählen nichts mehr. Karrieren werden von ihrem Ende her beurteilt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt in der Regel die negative Schlagzeile, die den Moment des Falls festhält, sei es nun den eines Politikers, Managers oder Sportlers. Man muss sich nur kurz überlegen, was wir mit folgenden Namen assoziieren: Ron Sommer. Annette Schavan. Hartmut Mehdorn. Nichts Gutes, so viel steht fest.

Kraus verlor selbst Job und Macht

Das Buch heißt „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ und erschien vor kurzem im Fischer Verlag. Katja Kraus, zweiundvierzig Jahre alt, hat es geschrieben. Es erzählt nur auf den ersten Blick von einzelnen Biographien. In Wahrheit beschreibt Katja Kraus den Zustand einer Gesellschaft, in der Schicksalsfragen immer noch anhand von Heldengeschichten verhandelt werden. Nach dieser Logik gibt es immer einen Schuldigen, und wir alle kennen dessen Namen ganz genau. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Wasserhahn der Bielefelder Bahnhofstoilette tropft, ist es Hartmut Mehdorn, und wenn die Telekom-Aktie fällt, ist es immer noch irgendwie Ron Sommer.

Katja Kraus war selbst einmal mächtig. Sie war Fußballnationalspielerin, sie war bei der Frankfurter Eintracht beschäftigt und bei der Vermarktungsagentur Sportfive. Zuletzt saß sie acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger Sportvereins, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann, 2011, verlor sie ihren Job. Und ihre Macht.

Die wahre Geschichte des Ron Sommer

Ein Café in Hamburg. Man hatte sich Katja Kraus anders vorgestellt: hart, mit angestrengtem Zug um den Mund und einer in Falten liegenden Stirn. Männlicher. Weniger zart. Lauter. Als müsse eine Frau automatisch wie das personifizierte Klischee auftreten, um in einem Fußballverein nicht unterzugehen. Katja Kraus hat schulterlanges braunes Haar und helle Augen. Sie trägt Jeans zum Blazer. Ihre Sprache ist klar und analytisch. Sie sagt: „Es war mir wichtig, den Begriff des Scheiterns neu zu diskutieren. Wir sind irrsinnig schnell darin geworden, zu urteilen, Menschen ihre Kompetenz abzusprechen, ohne darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie überhaupt erst in die exponierte Position gebracht haben. Die Härte, mit der das geschieht, und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der persönlichen Integrität sind erschreckend.“ Die Härte, von der Katja Kraus spricht, traf auch ihre Gesprächspartner. Ron Sommer ebenso wie Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Maria Jepsen, Hera Lind, Sven Hannawald, Björn Engholm oder Andrea Ypsilanti, um nur einige zu nennen. Nicht allen brach diese Härte das Genick, aber manchen.

Ron Sommer gehört nicht dazu, in der öffentlichen Wahrnehmung gilt er trotzdem als Verlierer. Die verarmte Großmutter ist zum Symbol seines Abstiegs geworden. Doch die wahre Geschichte geht anders: Ron Sommer baute erfolgreich eine Behörde in ein Kommunikationsunternehmen um und führte die Telekom AG schließlich an die Börse. Der „Popstar der Wirtschaft“ wurde als Volksheld gefeiert. Ron Sommer avancierte zum Analystenliebling. Dummerweise drehte irgendwann der Aktienmarkt durch und brach zusammen. „Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist, weder die Steigerung auf 200 Mark noch den Fall auf acht Euro. Die enorme Dynamik rund um die T-Aktie war in beide Richtungen falsch“, zitiert ihn Katja Kraus in ihrem Buch.

Nur kritische Fragen

Wenn Ron Sommer heute den Telekom-Jingle hört, denkt er immer noch, das Unternehmen sei doch sein Baby. Vielleicht liegt das daran, dass er bis heute kein neues Baby gefunden hat. Nach der Aktienkatastrophe rissen sich die Personalberater nicht eben um Ron Sommer, im Gegenteil. „Den Aufsichtsräten fehlte der Mut, die öffentliche Verurteilung von Ron Sommer zu ignorieren“, sagt Katja Kraus. Also managte er eben den Umbau seines Hauses und ist inzwischen für einen indischen sowie einen russischen Großkonzern tätig. „Er hätte der deutschen Wirtschaft sicher noch einiges geben können.“ Ron Sommers entscheidender Fehler war, dass er das Spiel ständiger Neuinszenierung nicht mitgespielt hat. Er ignorierte die Codes unserer Mediengesellschaft.

Es wäre falsch zu glauben, Katja Kraus agierte als williges Sprachrohr ihrer Protagonisten. Sie stellt nur kritische Fragen. Auch danach, wie hoch der Preis der Selbstoptimierung tatsächlich ist. Sven Hannawald bezahlte für den Titel bester deutscher Skispringer aller Zeiten mit seiner Gesundheit. Er hungerte seinen Körper auf ein absurdes Gewicht herunter, damit er noch besser in der Luft lag. Irgendwann fühlte er sich nur noch taub an. Sein Werkzeug funktionierte nicht mehr. Burnout. Heute ist der Name Sven Hannawald untrennbar mit diesem Begriff verbunden. Hannawald selbst will das nicht wahrhaben.

Die Gefahren permanenter Beurteilung

Für Menschen in vielbeachteten Positionen, schreibt Kraus, seien die Momente des Erfolgs häufig die der Erleichterung. „Im Bewusstsein der Kausalitäten des Misserfolgs liegt die Freude vor allem in dessen Vermeidung. Darin, dass der Erfolg einen Pulsschlag lang Spielraum verschafft, Luftholen ermöglicht, vor der nächsten Herausforderung.“ Ron Sommer dachte jeden Morgen unter der Dusche: „Wo geht die nächste Bombe hoch?“

Das Gefährliche an der permanenten Beurteilung ist, dass sie den, der ihr ausgesetzt ist, zwangsläufig in einen Getriebenen verwandelt: Entscheidungsprozesse werden oft abgekürzt und Haltungen über Bord geworfen, um Ergebnisse vorzuweisen. Wer soll eigentlich noch Verantwortung übernehmen, wenn die, die einem das Etikett des Scheiterns verpassen wollen, doch bereits auf der Lauer liegen?

Man könnte meinen, die Tatsache, dass jeder von uns unter beruflichen und privaten Verletzungen leidet, zu mehr Milde im Umgang mit anderen führt. Dass das eine ziemlich naive Vorstellung ist, wurde einem wieder bewusst, als die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan wegen ihrer Doktorarbeit ins Visier geriet. „Die Art und Weise, wie Annette Schavan nach ihrem Rücktritt diskreditiert wurde, hat mich erschüttert. Es wurde in der gesamten Debatte nicht darüber gesprochen, wie sie ihr Amt ausgefüllt hat. Es gibt keine Differenziertheit in der Bewertung“, sagt Katja Kraus. Vielleicht liege in dieser Unbarmherzigkeit, in dieser Häme ja auch eine Linderung des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Die Suche nach Trost im Elend der anderen funktioniert nach wie vor gut.

Falschmeldungen über Hera Lind

Auch die Bestsellerautorin Hera Lind durfte keine Sekunde lang mit Milde rechnen, als sie ihren Mann für eine neue Liebe verließ. Was millionenfach geschieht, wenn sich Beziehungen leergelaufen haben, interpretierte die Masse bei Hera Lind als unverzeihlichen Akt der Kälte einer egoistischen Frau. Sie gehe über Leichen, hieß es. Aus dem „Superweib“ wurde die Rabenmutter der Nation. „Verstanden hat sie diesen Einschnitt bis heute nicht“, schreibt Katja Kraus. Die Behauptungen, Hera Lind habe die vier Kinder bei ihrem Ex-Partner zurückgelassen, um sich ohne lästigen Ballast ins neue Glück zu stürzen, waren Falschmeldungen.

Diese Falschmeldungen führten nicht nur dazu, dass etliche Leserinnen Hera Lind ihre Anhängerschaft aufkündigten, sie führten auch dazu, dass ihr neuer Mann seinen Posten auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff verlor. Das Publikum sei zu konservativ für solch öffentliche Liebeleien. „Der Hotelmanager blieb sechs Jahre ohne Job, bis er bei einem Arbeitgeber fern der deutschen Yellow-Press-Magazine eine Anstellung fand. Inzwischen verbringt er acht Monate des Jahres bei dieser Reederei in den Vereinigten Staaten. Nur vier Monate ist er zu Hause bei seiner Familie.“

Leben im Zuschauerraum

Das Porträt über Hera Lind gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. Es legt auf knappem Raum die Tragik dieser öffentlichen Figur bloß. Stets scheint das Kind in Hera Lind durch, das endlich von der Mutter gelobt, also geliebt werden möchte und dabei gegen eine Wand nach der nächsten läuft. Dass der Wunsch nach Anerkennung bei Hera Lind mit dem qualvollen Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht, dass sie nicht abschütteln kann, verleiht ihrem Erfolg in den eigenen Augen etwas Unwirkliches. Als sei nicht sie es, die auf der Rolltreppe der Buchhandlung steht und an jenen kunstvoll gestapelten Büchern vorbeifährt, auf denen ihr Name steht. Katja Kraus sagt: „Erfolg multipliziert sich oft auf so rasante Weise, dass der Erfolgreiche oft selbst zum außenstehenden Beobachter des eigenen Aufstiegs wird. Die Weggefährten des Misserfolgs hingegen sind in jedem Augenblick sichtbar.“ Im Frühjahr 2006 schrieb die „Bunte“: „Hera Lind: Die deutsche Erfolgsschriftstellerin machte Millionenverluste mit Ost-Immobilien. Jetzt muss sie sogar ihre Traumvilla verkaufen.“ Mittlerweile lebt Hera Lind in Salzburg. Pro Jahr veröffentlicht sie zwei Bücher.

Am Ende hatte Katja Kraus Glück. Zumindest in Hinblick auf die mediale Notenvergabe. Ihre Karriere wurde weder disqualifiziert, noch wurde sie persönlich attackiert, weshalb Katja Kraus anders als viele ihrer Gesprächspartner nie das Gefühl der Makelhaftigkeit beschlich. „Wer publikumswirksam entlassen worden ist und sich dadurch makelhaft fühlt, reflektiert lange in den Gesichtern anderer Menschen, ganz gleich, ob diese ihn und die Geschichte kennen oder nicht. Das erschwert oft den Prozess der Verarbeitung.“ Der Politikerin Andrea Ypsilanti ergeht es so. Bei ihr ist das Suchen im Gesicht des Gegenübers zur Manie geworden. Als klar war, dass sie, verraten von vier Abtrünnigen ihrer Partei, nicht Ministerpräsidentin des Landes Hessen werden würde, sagte ihr damals zwölfjähriger Sohn: „Jetzt war alles umsonst.“ Er meinte damit nicht die ständige Abwesenheit der Mutter, er meinte die erlittenen Verunglimpfungen.

Weitere Artikel

Liest man die Passagen über Andrea Ypsilanti, tauchen immer wieder Wörter wie „wäre“, „hätte“ oder „im Nachhinein“ auf. Dabei war Andrea Ypsilanti längst raus aus dem Spiel. Sie saß jetzt im Zuschauerraum. Dass sie irgendwann keine Chance mehr hatte, Einfluss auf das öffentliche Bild ihrer Person zu nehmen, hat sie bis heute nicht verstanden. Das heißt nicht, dass der Selbstzweifel aus der Welt geräumt werden soll. Es heißt nur, dass das Selbst eine weniger tragende Rolle spielt, als wir glauben. Das gilt nicht nur für das Scheitern. Es gilt auch für den Erfolg. Katja Kraus erinnert uns daran.

Quelle: F.A.Z.

DER SPIEGEL:
Erste Hilfe Karriere So macht Scheitern erst richtig Spaß

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-787153.html

DIE ZEIT :
Misserfolge”Wer nie scheitert, dem fehlen Leitplanken”

Wie man Scheitern als Chance wahrnimmt: Der Psychologe Thomas Frey erklärt, wie aus persönlichen Niederlagen große Erfolge werden können

http://www.zeit.de/karriere/2009-11/scheitern-lernen

Bücher zur Kunst des Jonglierens zwischen  Führung, Leistung und Komplexitaet:

Fredmund Malik 2013 : Strategie – Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt, Campus, 42, —

http://www.campus.de/business/management-und-unternehmensfuehrung/Strategie.100064.html

https://i0.wp.com/www.campus.de/cover_300dpi/9783593397665.jpg 

Eine schlimme Bescherung

Amazon erwirbt Goodreads Eine schlimme Bescherung

30.03.2013 ·  Amazon hat mit dem Kauf der Leserplattform Goodreads nun alle wichtigen Buchrezensionsforen im Internet unter Kontrolle. Und solche Informationen bedeuten heute alles.

Von Andreas Platthaus

as für ein Osterei, das Amazon sich da beschert hat. Der Buchhandelsriese aus Seattle übernimmt die in San Francisco angesiedelte Leserplattform goodreads.com, auf der derzeit sechzehn Millionen Buchliebhaber Listen ihrer Bibliotheken einstellen, vor allem aber Einschätzungen der von ihnen gelesenen Bücher abgeben. Die im Januar 2007 von dem Softwareentwickler Otis Chandler und seiner Frau Elizabeth gegründete Website gestattet den Mitgliedern freien Zugang zu allen eingestellten Listen und Kommentaren; zu diesen Mitgliedern zählen allein 30.000 private amerikanische Leseclubs.Dadurch stellt Goodreads eine immense Marktmacht dar, ohne selbst Bücher zu verkaufen. Aber es wäre ein leichtes gewesen, eine solche Funktion einzurichten oder Kaufinteressenten zu einem Konkurrenten von Amazon weiterzuleiten. Die auf Goodreads abgegebenen Empfehlungen pro Buch sind im Durchschnitt weitaus zahlreicher als bei Amazon, und sie gelten als unabhängiger, weil sie aus Leidenschaft für Bücher entstehen. „See what your friends are reading“, lautet der Wahlspruch der Plattform.

Auf dem Weg zum Monopol auf Leserbewertungen

Nun aber hat Amazon für eine noch unbekannte Summe Goodreads gekauft, was dessen Gründer Chandler in einer Mitteilung an die Mitglieder als blendende Nachricht verkauft: „Wir treten der Amazon-Familie bei.“ (Unter den bereits mehr als 1700 Kommentaren der neuen Familienmitglieder finden sich nach anfänglicher Begeisterung jedoch immer mehr skeptische Stimmen, die sich vor allem um die Unabhängigkeit der Goodreads-Bewertungen Sorgen machen.
Amazon hat zugesichert, die neue Tochter in San Francisco und auch unter der Regie des Ehepaars Chandler zu belassen.

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Tatsächlich nutzt die Neuerwerbung dem Konzern nur dann etwas, wenn der Nimbus von Goodreads erst einmal erhalten bleibt. Es ist aber auch klar, was das Ziel dieser Erwerbung ist: ein Monopol auf Leserbewertungen im Internet zu erzielen. Denn solche Buchrezensionen kosten den Konzern nichts, und sie werden immer wichtiger für den Absatz.

Von Goodreads kann künftig zum Kauf direkt auf Amazon verlinkt werden. Vorrangig aber verspricht sich der Konzern zusätzliche Kunden für seinen Kindle, der in hartem Wettbewerb mit anderen E-Book-Lesegeräten wie etwa dem iPad von Apple steht.
Zur „Amazon-Familie“ gehörte bereits die Plattform „Shelfari“, die als Austauschforum über private Bücherbestände genau wie Goodreads positioniert ist, und eine Minderheitenbeteiligung an der ähnlich aufgebauten Seite LibraryThing, die aber nur 1,5 Millionen registrierte Nutzer hat. Nun besitzt der Konzern alle wichtigen Netzplattformen dieser Art. Die Riesen im Netz werden immer größer.