Arbeitsmarkt… und raus bist du

Deutschland feiert sein Jobwunder. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: Durch Leiharbeit, Niedriglöhne und die ständige Gefahr des sozialen Abstiegs. Von 

http://www.zeit.de/2013/33/arbeitsmarkt-jobwunder-leiharbeit-niedriglohn

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.  |  © Peter Endig/dpa

Wenn ein kranker Mensch gesund wird, kann man das an Zahlen erkennen. An Herzfrequenzen, Tumormarkern, Rheumafaktoren. Auch wenn ein Land sich erholt, lässt sich das an Zahlen ablesen. Vor allem ein Wert scheint zu belegen, wie viel Kraft Deutschland in den vergangenen Jahren gewonnen hat: die stark gesunkene Zahl der Arbeitslosen.

Ende August wird Frank-Jürgen Weise, Präsident der Bundesagentur für Arbeit, wie jeden Monat vor der versammelten Presse die neuesten Daten des deutschen Arbeitsmarkts präsentieren. Er wird Zahlen vortragen, die sich zusammenfügen zu der Geschichte einer wundersamen Heilung.

Noch vor gut zehn Jahren, 2002, waren in Deutschland 4,1 Millionen Menschen ohne Job. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit war das bestimmende Thema im Bundestagswahlkampf. Die Zeitungen schrieben vom “kranken Mann Europas”, auf der Bestsellerliste standen Bücher wie Ist Deutschland noch zu retten? und Deutschland – Der Abstieg eines Superstars.

Heute gibt es in Deutschland nur noch 2,9 Millionen Arbeitslose.

Wie jeden Monat wird Frank-Jürgen Weise kaum mehr als fünf Minuten reden. Er wird seine exakten Formulierungen durch eine betont langsame und deutliche Aussprache unterstreichen, wie ein nüchterner Mediziner, der die neuesten Laborwerte vom Papier abliest. Der Patient wird die Sprechstunde erleichtert verlassen.

Inmitten der Euro-Krise ließ Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) für 330.000 Euro riesige Plakate aufhängen, auf denen stand: “So viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor.” Darunter, in großen Lettern: “Danke, Deutschland.”

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte auf ihrer Sommer-Pressekonferenz im Juli: “Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.” Als Beleg nannte sie die Erwerbstätigkeit, die auf einem Rekordstand sei. In einem Interview hatte sie zuvor gesagt: “Wir alle können stolz sein, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit solche Erfolge erreicht zu haben.”

Es ist wieder Wahlkampf in Deutschland, doch manchmal könnte man das fast vergessen. Angela Merkel wirkte bei ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz geradezu unangreifbar. Die guten Arbeitsmarktzahlen sind ihr Trumpf, gern vergessen die Wähler andere Themen, weil es dem Land ja wirtschaftlich gut geht. Die Opposition kann der Kanzlerin kaum etwas anhaben.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück versuchte es kurz vor der Sommerpause im Bundestag. Er sagte, die Kanzlerin sei mitschuldig an der Jobmisere. Aber er meinte die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa, er kritisierte Merkels Politik in der Euro-Krise.

Es ist dies der erste Bundestagswahlkampf seit Jahrzehnten, in dem das einstige deutsche Dauerleiden Arbeitslosigkeit keine Rolle spielt. Der Patient scheint geheilt. Er gilt jetzt als Vorbild: Das britische Magazin The Economist druckte auf Deutsch die Überschrift Modell Deutschland über alles und schrieb, “dass die bedrängten politischen Führer in Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien wehmütig davon sprechen, sie müssten wie Deutschland werden”.

Deutschlands Kampf gegen die Krankheit begann im Frühjahr 2002. Es war die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder, die damals den VW-Manager Peter Hartz beauftragte, Therapievorschläge für Deutschland zu entwickeln. Begriffe wie “Job-Floater” und “Quick-Vermittlung” machten Medienkarriere.

Seinen Arbeitsoverall hat sich der Leiharbeiter Jens Blum selbst gekauft

Union und FDP unterstützten die Reformen, die ein Jahr später unter dem Titel “Agenda 2010” verabschiedet wurden. Die Gesetzesänderungen wurden von der größtmöglichen Koalition getragen. Deshalb wäre die Geschichte von der deutschen Heilung eine Geschichte, auf die tatsächlich, mit den Worten der Kanzlerin, “wir alle” sehr stolz sein könnten. Wenn sie denn stimmte.

Im Jahr 2002, vor Inkrafttreten der Agenda 2010, lag die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland bei 39,3 Millionen. Heute sind es 41,8 Millionen. Das ergibt einen Zuwachs von 2,5 Millionen neuen Jobs. Auf den ersten Blick erwies sich die Agenda 2010 also als segensreiches und überaus wirksames Medikament.

Nichts an dieser Rechnung ist falsch. Dennoch verbirgt sich hinter diesen Zahlen eine zweite, eher selten beachtete Diagnose dessen, was im Organismus der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren wirklich passiert ist.

Einen Befund, der zu dieser Diagnose führt, liefert die Geschichte des Fließbandarbeiters Jens Blum*.

Wenn Blum in einer Fabrik in Norddeutschland den Blaumann anzieht, ist er von seinen Kollegen nicht zu unterscheiden. Der 44-Jährige trägt dieselbe Arbeitskluft wie alle anderen, auf dem Rücken prangt das Logo eines großen Autoherstellers. Am Fließband baut Blum Kabelbäume in die Türen der im Minutentakt an ihm vorbeiziehenden Autos ein.

Blum hat die gleichen Arbeitszeiten wie seine Kollegen, mal Früh-, mal Spätschicht. Er nutzt denselben Pausenraum, dieselben Duschen, dieselbe Kantine. Und doch ist Blum keiner von ihnen. Die Arbeitskleidung des Autoherstellers hat er der Autofirma von seinem eigenen Geld abgekauft.

Der gelernte Schweißer Jens Blum ist Leiharbeiter. Den dünnen, billigen Arbeitsoverall, den die Leiharbeitsfirma ihm zur Verfügung stellt, zieht er nicht an, so wie die meisten anderen der 200 Leiharbeiter im Werk. Sie wollen sich nicht als Arbeiter zweiter Klasse fühlen.

Genau das sind sie aber: Blum erledigt zwar die gleiche Arbeit wie die Stammarbeiter, doch er bekommt nicht den gleichen Lohn. “2.500 Euro brutto hab ich, das sind 1.600 bis 1.700 netto”, sagt er. Blums Kollege aus der Stammbelegschaft, der neben ihm am Band steht und ebenfalls Kabelbäume in die Autos einbaut, erhält rund 850 Euro brutto mehr pro Monat.

Seit zehn Jahren schon schlägt sich Blum mit Leiharbeitsjobs und kurzen Anstellungsverträgen durch. Mal war er bei einem Hersteller von Wasserhähnen, mal bei einem Schiffszulieferer. Seit drei Jahren arbeitet er nun im Autowerk, aber wie lange es weitergeht, weiß er nicht. Seine Beschäftigung wird immer nur für drei oder sechs Monate verlängert. “Man kann nie lange planen”, sagt Blum. Er ist alleinerziehender Vater und wohnt mit seinem halbwüchsigen Sohn in einer kleinen Dreizimmerwohnung am Stadtrand. Blum wagt keine größeren Anschaffungen, nimmt keinen Kredit auf, weil er nicht weiß, ob er die Schulden abzahlen kann oder bald arbeitslos ist.

Womöglich ist er es schon sehr bald. Vor zwei Wochen hatte Blum einen Bandscheibenvorfall. Er ist krankgeschrieben. Sein Vorarbeiter hat ihm gesagt, spätestens nächste Woche müsse er wiederkommen, er brauche ihn. Jetzt fürchtet Blum, der Autokonzern werde bei der Leiharbeitsfirma nach Ersatz fragen. Dann könnte die Leiharbeitsfirma einen neuen Mann schicken und Blum entlassen, mit der Begründung, er sei zu lange krank. Juristisch wäre das tatsächlich möglich.

Mit kaputter Bandscheibe in die Fabrik gehen oder die Entlassung riskieren – das ist die Frage, die sich dem Leiharbeiter Jens Blum jetzt stellt.

Wenn ein Unternehmen viele Aufträge hat, soll es seine Mitarbeiter keine Überstunden schieben lassen, sondern lieber vorübergehend Leiharbeiter einstellen. Mehr Jobs statt mehr Stunden, das war das Kalkül der Agenda 2010. Jens Blum und seine 200 Leiharbeiterkollegen sind nicht vorübergehend in dem Autowerk eingestellt, sondern dauerhaft. Das ist möglich, weil ihr befristeter Einsatz dank der Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre beliebig oft verlängert werden darf.

Im Jahr 2012 gab es in Deutschland 820.000 Leiharbeitsplätze. Zehn Jahre zuvor, vor Beginn des Jobwunders, waren es nur 310.000. Ein Zuwachs von mehr als 500.000 Leiharbeitsjobs.

Aber nur 250.000 dieser Jobs, also die Hälfte, sind wirklich neue Arbeitsplätze. Die anderen 250.000 haben besser bezahlte, unbefristete Jobs vernichtet. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit vom Anfang dieses Jahres verdrängt jede zweite Leiharbeitsstelle einen Arbeitsplatz in der Stammbelegschaft.

Nicht einmal drei Euro pro Stunde verdient die Minijobberin Iris Engler

Iris Engler, 47, hat es besser getroffen als Jens Blum. Allerdings nur auf den ersten Blick. Sie sitzt in einem mit alten Holzmöbeln eingerichteten Café in der Kleinstadt Delmenhorst bei Bremen, vollgestopft mit handgefertigten Hüten, Puppen, Kissen und Kleidern. Früher war das Café das Pförtnerhaus der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei. Das Werksgelände mit den über 100 Jahre alten Fabrikgebäuden aus rotem Backstein ist heute ein Industriedenkmal. In einer Wohnung am Rand des Areals lebt Iris Engler mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern.

Das Café ist Englers Arbeitsplatz. Es ist auch die vorläufige Endstation ihres stufenweisen Abstiegs.

Iris Engler hat Schriftsetzerin gelernt, vor vielen Jahren, einen Beruf, den es heute nicht mehr gibt. Regelmäßig hat sie Fortbildungen besucht, 13 Jahre lang hatte sie eine gut bezahlte Vollzeitstelle bei einem Kunstverlag in Bremen, unbefristet, Sozialversicherung, Urlaubsanspruch. Als die Aufträge zurückgingen, erhielt sie die Kündigung, das war vor fünf Jahren.

Engler bekam eine neue Stelle bei einem Verlag in Oldenburg, wieder ein regulärer sozialversicherungspflichtiger Job – aber nur Teilzeit und nur befristet auf ein Jahr. Schon bald musste sich Engler wieder eine neue Arbeit suchen. Ihr Mann verdient als einfacher kaufmännischer Angestellter bei einem Kaffeehersteller zu wenig, mit seinem Einkommen allein lägen die Englers nur 100 Euro über dem Hartz-IV-Satz für eine vierköpfige Familie.

Doch diesmal fand Iris Engler in ihrem erlernten Beruf keinen Job mehr. “Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit war ich bereit, jede Arbeit anzunehmen”, sagt sie. Sie wurde Kurierfahrerin für ein Dentallabor, es war ihr erste Begegnung mit einem Begriff, den es noch nicht lange gibt in Deutschland: Minijob.

Ein Minijob, auch “geringfügige Beschäftigung” genannt, ist eine Arbeitsstelle, die mit höchstens 450 Euro im Monat entlohnt wird. Für Minijobs müssen die Arbeitgeber nur geringe Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, das macht sie kostengünstig. Minijobs waren deshalb ein wichtiges Element der Agenda 2010.

Iris Engler bekam in ihrem ersten Minijob sechs Euro pro Stunde und keinen bezahlten Urlaub, krank durfte sie nicht werden. “Mein Chef sagte: Wenn Sie den gelben Schein bringen, sind Sie den Job los.” Im Ford Fiesta des Dentallabors raste sie durch Südniedersachsen. “Ich musste immer um eins zu Hause sein und die Kleine aus der Vorschule abholen”, erzählt sie. “Ich bin dauernd zu schnell gefahren und oft geblitzt worden.”

Immer wieder habe sie ihren Chef gedrängt, sie regulär auf Lohnsteuerkarte zu beschäftigen, doch das habe der strikt abgelehnt. Schließlich warf sie den Job hin und beschloss mit ihrem Mann, das Café in der alten Wollkämmerei zu übernehmen. Er hat das Lokal gemietet und betreibt es offiziell, sie ist seine Angestellte und führt den Laden für 450 Euro im Monat, steuerfrei, krankenversichert über ihren Mann, der weiterhin jeden Tag ins Büro geht.

Die Englers sind jetzt also Unternehmer. Das hört sich gut an, aber das Café wirft gerade so viel ab, dass es für Iris Englers Minijob, für die Miete und die laufenden Ausgaben reicht. Von 11 bis 18 Uhr ist das Café geöffnet, genauso lange arbeitet sie jeden Tag.

Auf welchen Stundenlohn kommt sie umgerechnet? So genau wolle sie das gar nicht wissen, sagt Engler, “irgendetwas zwischen 2,50 und drei Euro”, noch weniger als in ihrem Job als Kurierfahrerin.

Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten unfreiwillig Teilzeit

Mit jedem Jobwechsel hat sich Iris Engler finanziell verschlechtert. Was sie brauchte, wäre wieder ein Vollzeitjob wie früher oder wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle, unbefristet und mit Sozialversicherung.

Auch die Hartz-Reformer sahen Minijobs eher als Übergangslösung. Für Langzeitarbeitslose und für Frauen, die aus familiären Gründen längere Zeit zu Hause geblieben waren, sollten Minijobs eine Brücke zurück in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schlagen. Klein anfangen, sich einarbeiten, dann eine richtige Stelle bekommen, das war die Hoffnung. Es war eine Illusion.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Demnach gibt es in Deutschland mittlerweile 7,5 Millionen Minijobber, vor allem im Einzelhandel, auch das Reinigungsgewerbe und die Gastronomie setzen auf Minijobs. Für fast fünf Millionen Beschäftigte ist der Minijob der Hauptjob, so wie für Iris Engler. Für Menschen mit Minijob als Haupt- und nicht als Nebenbeschäftigung entfalteten die Jobs “eine schnell einsetzende und hohe Klebewirkung und keine Brückenfunktion”, schreibt der Autor der Studie, Professor Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung.

Nur jeder siebte Minijobber schafft den Sprung auf eine Vollzeitstelle, hat Wippermann herausgefunden. Nur jeder vierte erreicht wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle mit mindestens 20 Stunden pro Woche.

Zwei Drittel der Minijobber sind Frauen, heißt es in der Studie. Auch mit guter Ausbildung würden sie nicht mehr als Fachkraft wahrgenommen, sondern “bekommen das stigmatisierende Label ›Minijobberin‹ und haben kaum noch Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung”.

Der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler haben etwas gemeinsam. Sie haben zwar eine sogenannte “atypische Beschäftigung”, so wird jede Arbeit genannt, die befristet, nicht sozialversicherungspflichtig, ein Teilzeitjob oder Leiharbeit ist. Aber: Den Statistikern ist das egal. Sie zählen jede Art von Arbeit als Beschäftigungserfolg. Jens Blum und Iris Engler empfinden sich selbst eher als Verlierer des Arbeitsmarktes. Offiziell aber zählen sie zu den Gewinnern, zu jenen, denen das Medikament Agenda 2010 geholfen hat.

Seit Beginn des Jobwunders sind in Deutschland zwei Millionen neue Minijobs entstanden, auch die Zahl der Teilzeitjobs insgesamt ist kräftig gestiegen. Nach einer Studie des IAB kommt es vor allem in kleinen Betrieben häufig vor, dass reguläre Arbeitsplätze gestrichen und durch mehrere Minijobs oder Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden.

Inzwischen arbeiten auch Menschen mit mittlerer und höherer Bildung vermehrt in Teilzeit. Und immer mehr Männer, vor allem junge Männer unter 40, dringen in die einstmals reine Frauendomäne Teilzeitarbeit vor, hat der Arbeitsmarktforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin herausgefunden. Allerdings nicht, weil sie mehr Zeit für ihre Familien haben wollen – ein großer Teil von ihnen findet keine Vollzeitstelle.

Mehr als zwei Millionen Menschen, Frauen wie Männer, arbeiten inzwischen unfreiwillig Teilzeit, hat Brenke festgestellt. Für sie sei ihr Job nur eine Notlösung, sagt der Wissenschaftler.

Margot Fricke* arbeitet Vollzeit. Jedenfalls, wenn genug zu tun ist. Manchmal arbeitet sie auch gar nicht. Dann hat sie wochenlang keine Einkünfte. Bis wieder ein neuer Auftrag hereinkommt.

Die 50-Jährige hatte noch nie in ihrem Leben eine feste Stelle. Vor Jahren hat sie Foto-Ingenieurwesen studiert und anschließend als freie Mitarbeiterin für Medienunternehmen gearbeitet. Das macht sie immer noch, verändert hat sich nur der Name, den die Verwalter des Arbeitsmarktes für kleine Selbstständige wie sie vorsehen. Früher war Margot Fricke eine Ich-AG, jetzt ist sie eine Solo-Selbstständige.

Margot Fricke wohnt in einer Kleinstadt in Norddeutschland. Ihre Wohnung ist auch ihr Arbeitsplatz. Sie entwickelt E-Learning-Programme für Firmen – Unterrichtsmaterialien, mit denen sich Mitarbeiter auf dem Computer oder übers Internet weiterbilden können.

Zuletzt hat Fricke für ein Busunternehmen ein elektronisches Lernprogramm zum Thema Fahrphysik erstellt. Es soll Busfahrern zeigen, wie sich ihr Fahrverhalten auf die Passagiere auswirkt, zum Beispiel, welche Fliehkräfte entstehen, wenn sie eine Kurve zu schnell nehmen oder wenn sie stark bremsen.

Ihre Aufträge erhält Fricke von einem Multimedia-Unternehmen, das dann die Unterrichtsmaterialien an andere Firmen weiterverkauft. Die Honorare sind gering, das Multimedia-Unternehmen will seine Kosten niedrig halten.

Im Schnitt komme sie auf knapp 1.000 Euro brutto im Monat, sagt die Akademikerin. Einmal verdiente sie in einem ganzen Jahr nur 6.000 Euro. Hin und wieder arbeitet Fricke auf dem Wochenmarkt, verkauft Obst und Gemüse, um ihr Einkommen aufzubessern.

Die Förderung der Selbstständigkeit war neben der Erleichterung von Leih- und Teilzeitarbeit ein weiterer wichtiger Bestandteil der Agenda 2010. Existenzgründungszuschüsse sollten Kleinunternehmern zum Erfolg verhelfen. Von unentdeckten Talenten war die Rede, von großen Potenzialen, die es auszuschöpfen gelte.

Tatsächlich sind die sogenannten Solo-Selbstständigen wesentlich besser qualifiziert als der Durchschnitt der Erwerbstätigen. Ausgebildete Lehrer sind unter ihnen, Dolmetscher, Psychologen, Publizisten, aber auch Techniker, IT-Kräfte, Ingenieure. Solo-Selbstständige arbeiten in der Bildung und in künstlerischen Berufen, als Maler, Schauspieler und Musiker. Man könne von einer “kreativen Klasse” sprechen, sagt der Arbeitsmarktforscher Brenke vom DIW. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von ihrem Beruf allein meist nicht leben können.

Margot Fricke war erleichtert, als sie vor zwei Jahren ein kleines Haus erbte. “Es sollte meine Absicherung gegen Altersarmut sein”, sagt sie, die alleinstehend ist und keine Kinder hat. Weil immer wieder das Geld knapp wurde, hat sie das Haus inzwischen verkauft und “schon viel vom Erlös aufgezehrt”.

Da sie im weiteren Sinne kreativ tätig ist, muss Fricke wenigstens wie eine Festangestellte nur die Hälfte der Beiträge zur Krankenversicherung zahlen. Den Rest bezahlt die Künstlersozialkasse.

Andere Solo-Selbstständige aber sind gar nicht versichert, ihnen fehlt das Geld. Wenn sie krank werden, gehen sie zu Ärzten wie Detlev Niebuhr.

Der Internist Niebuhr, 69 Jahre alt, hat vor zwei Jahren seine Praxis in der Nähe von Hamburg verkauft. Er hat sich zur Ruhe gesetzt, eigentlich, aber ein bisschen arbeitet er noch weiter. Einmal in der Woche hat er bei der “Malteser Migranten Medizin” eine Sprechstunde, immer donnerstags von 16 bis 20 Uhr. Das Katholische Marienkrankenhaus in Hamburg stellt den Maltesern dafür ein Behandlungszimmer zur Verfügung.

140.000 Deutsche können sich keine Krankenversicherung mehr leisten

Seit einigen Jahren betreibt der Malteser Hilfsdienst zwölf solcher Arztpraxen in ganz Deutschland. Gegründet wurden sie, um Ausländer, die illegal in Deutschland leben, kostenlos ärztlich zu versorgen. Längst kommen in Niebuhrs Sprechstunde auch Deutsche, denen das Geld für eine Krankenversicherung fehlt, von Jahr zu Jahr werden es mehr. Meist sind es Inhaber von Ein-Personen-Unternehmen – Solo-Selbstständige. Und oft haben sie mit dem Gang zum Arzt so lange gewartet, bis die Krankheit chronisch wurde.

Kürzlich tauchte ein Handwerker in der Sprechstunde auf, er betrieb ein Ein-Mann-Unternehmen für Dienstleistungen rund ums Haus. “Der Mann hatte schwere Diabetes, Komplikationen waren absehbar”, sagt Niebuhr. Weil der Handwerker jahrelang zu wenig verdient hatte, war er bei seiner Krankenversicherung mit den Beiträgen immer weiter in Rückstand geraten, schließlich waren die Schulden so hoch, dass die Versicherung ihn ausschloss.

Solche Fälle sind keine Einzelschicksale mehr. Nach einer aktuellen Schätzung des Bundesverbandes der Privaten Krankenversicherungen haben inzwischen 140.000 Bundesbürger keine Krankenversicherung. Weshalb der Bundestag, wenige Wochen bevor Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland könne stolz auf seine Arbeitsmarkterfolge sein, eigens das “Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden” verabschiedete. Wer sich bis zum Ende dieses Jahres krankenversichert, dem sollen sämtliche Beitragsrückstände erlassen werden.

Zwischen 2002 und 2012 ist die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen in Deutschland von 1,7 Millionen auf 2,2 Millionen gestiegen.

Margot Fricke gehört zu diesen 2,2 Millionen. Doch mit ihrem Einkommen von durchschnittlich 1.000 Euro im Monat fällt sie auch in eine weitere stark wachsende Kategorie des deutschen Arbeitsmarkts: Sie ist Niedriglöhnerin.

Ein Lohn gilt als Niedriglohn, wenn er weniger als zwei Drittel des mittleren Verdiensts aller Beschäftigten ausmacht. In Deutschland liegt die Grenze bei 9,54 Euro brutto in der Stunde, alles darunter wird als Niedriglohn bewertet. Das trifft auf die Löhne von rund 7,3 Millionen Menschen zu – 22 Prozent aller Berufstätigen. Einen höheren Anteil an Geringverdienern als Deutschland haben in Europa nur Lettland, Litauen, Rumänien und Polen.

In manchen Branchen arbeiten in Deutschland fast nur noch Geringverdiener. 87 Prozent aller Taxifahrer bekommen einen Niedriglohn, ergab eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts. Ebenso 86 Prozent der Friseure, 77 Prozent der Bedienungen in Gaststätten, 69 Prozent der Verkäufer im Einzelhandel, 68 Prozent aller Leiharbeiter, 68 Prozent der Beschäftigten in Callcentern, 62 Prozent des Hotelpersonals, 60 Prozent der Wachleute bei privaten Sicherheitsdiensten.

Viele Beschäftigte versuchten, aus dem Niedriglohnkeller herauszukommen, indem sie besonders lange arbeiten, hat der Arbeitsmarktexperte Brenke herausgefunden. Doch das gelinge “nur zu einem kleinen Teil”. Auch wenn die Menschen viel schuften, bleiben sie Geringverdiener. 900.000 Niedriglöhner arbeiten mehr als 50 Stunden in der Woche. Eine solche Belastung verbietet das Arbeitszeitgesetz. Arbeitnehmer dürfen nicht mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten. Doch die Schutzvorschrift werde häufig ignoriert, kritisiert Brenke.

Längst ist die Bundesrepublik in einigen Branchen zum Billiglohnland des Kontinents geworden. Empörten sich die Bürger vor wenigen Jahren noch darüber, dass Nordseekrabben in Marokko gepult wurden, werden mittlerweile Schweine aus europäischen Nachbarländern nach Deutschland gekarrt und hier geschlachtet. Der belgische Wirtschaftsminister, dänische Gewerkschafter, französische Industrielle, österreichische Großhändler, sie alle schimpfen öffentlich auf die Dumpinglöhne im einstigen Hochlohnland Deutschland. Inzwischen sind bei der EU-Kommission mehrere Beschwerden wegen Wettbewerbsverzerrung eingegangen.

In der Kleinstadt Ahlhorn im Kreis Oldenburg steht Mario Gliese, an ein Mäuerchen gelehnt, vor dem grauen Mehrfamilienhaus, in dem er mit Frau und zwei Töchtern wohnt. Die Sonne scheint, Gliese hat eine Thermoskanne Kaffee mitgebracht. Den könne man doch hier vor dem Haus trinken, schlägt er vor.

Gliese sieht aus wie ein Boxer. Der 53-Jährige hat eine untersetzte, bullige Statur und einen muskulösen Nacken. Über Bauch und Brust ziehen sich lange Narben von Arbeitsunfällen und Operationen. Gliese ist einer von 60 Schlachtern in der Großschlachterei des niederländischen Fleischkonzerns Vion in Emstek im Landkreis Cloppenburg in Westniedersachsen. Anders als der Leiharbeiter Jens Blum, die Minijobberin Iris Engler und die Solo-Selbstständige Margot Fricke hat Mario Gliese eine unbefristete, sozialversicherte Vollzeitstelle. Weil diese Form der Beschäftigung früher in Deutschland normal war, wird sie von den Statistikern noch immer so genannt: Normalarbeitsverhältnis.

36 Jahre lang hat Gliese Schweine geschlachtet, die, an den Füßen aufgehängt, an einem Band an ihm vorbeizogen, “immer bei 30 Grad Hitze”, wie er sagt. Sein Gehalt: 2.200 Euro brutto im Monat.

Vor einem halben Jahr wurde Gliese ins Kühlhaus versetzt. Seitdem wuchtet er den ganzen Tag 35 Kilogramm schwere Kisten mit Schweinefleisch auf ein Förderband, bei minus sechs Grad. Die eisige Kälte nach der jahrelangen Hitze mache ihm zu schaffen, sagt Gliese. Er habe überall Schmerzen.

Die Schlachtarbeiter schlafen in hygienisch unzumutbaren Quartieren

Glieses früheren Job am Schlachtband erledigen jetzt sogenannte Werkvertragsarbeiter aus Rumänien. Anders als Gliese sind sie nicht beim Fleischkonzern Vion angestellt, sondern bei einem rumänischen Subunternehmer, der im Auftrag von Vion in der Großschlachterei des Konzerns die Schweine schlachtet. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Werk Emstek sind jetzt rumänische Werkvertragsarbeiter. Das ist billiger. Der Vion-Betriebsrat Martin Tiedeken schätzt, dass die rumänischen Schlachter höchstens fünf Euro pro Stunde verdienen. Nicht einmal er weiß es genau.

Überall in Deutschland setzen Großunternehmen der Fleischindustrie inzwischen auf Werkvertragsarbeiter. Meist kommen sie aus Osteuropa, fast immer arbeiten sie für einen Hungerlohn, oft hausen sie in heruntergekommenen Unterkünften, manchmal teilen sich acht Arbeiter ein Vierbettzimmer. Während die einen in der Fabrik sind, schlafen die anderen.

Die Werkvertragsarbeiter wohnen zum Beispiel in einer ehemaligen Kaserne, nicht weit von der Vion-Fleischfabrik in Emstek. Der Zugang zum Gelände wird von privaten Sicherheitsleuten verwehrt. Sie lassen keinen Fremden herein. Spricht man die rumänischen Arbeiter auf dem Heimweg an, antworten sie nicht, eilig gehen sie weiter und verschwinden hinter dem Kasernentor.

Der niedersächsische Landkreis Vechta, in dem mehrere große Fleischfabriken stehen, hat kürzlich 120 Unterkünfte von 1.300 Werkvertragsarbeitern kontrolliert. Am Eingang eines zweistöckigen Wohnhauses hätten allein 70 Namen gestanden, sagt ein Sprecher des Landkreises. Viele Quartiere seien in einem hygienisch unzumutbaren Zustand gewesen, für 400 Schlafplätze habe der Kreis die Nutzung untersagt. “Andere rechtliche Mittel haben wir nicht”, sagt der Sprecher. Werkverträge sind ja nicht illegal.

Dass Gliese und die übrigen Schlachter aus der Stammbelegschaft jetzt in einem anderen Bereich des Werks bei gleicher Bezahlung weiterarbeiten können, hätten Betriebsrat und Gewerkschaft der Vion-Geschäftsleitung mühsam abgetrotzt, sagt Betriebsrat Tiedeken. Die Vereinbarung gilt für drei Jahre. Und danach? “Dann sind die alle weg”, sagt der Betriebsrat illusionslos. Es werden dann in Deutschland ein paar Normalarbeitsverhältnisse verschwinden.

Man muss an dieser Stelle eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes erwähnen, auf die sich auch die Bundesregierung in ihrem Bemühen, sich selbst zu loben, gerne beruft. Demnach ist in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die atypische Beschäftigung gestiegen, sondern auch die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse, vor allem seit dem konjunkturellen Tiefpunkt im Jahr 2005. Der Schlachter Mario Gliese, der vermutlich seine unbefristete Vollzeitstelle verlieren wird, wäre demnach eine Ausnahme.

Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt sich, dass diese Analyse problematisch ist. Die Statistiker bewerten bereits Stellen mit einer Arbeitszeit von nur 21 Stunden pro Woche als Vollzeitarbeitsplätze. Niedriglohnjobs zählen sie ebenfalls mit. Weshalb auch Arbeitsagentur-Präsident Frank-Jürgen Weise, der Arzt, der dem Patienten Deutschland jeden Monat seine Laborwerte vorträgt, das deutsche Jobwunder auf Nachfrage so erklärt: “Die Zuwächse in der Beschäftigung haben wir bei Befristungen, in Teilzeit-, Minijobs und Zeitarbeit”.

Es gibt neben den 2,3 Millionen neuen Arbeitsplätzen noch eine zweite Zahl, die viel über das deutsche Jobwunder verrät: 1.397 Stunden. Das ist die Arbeitszeit, die pro Jahr auf einen durchschnittlichen Job entfällt. Diese Zahl ist gesunken, über viele Jahre. Dadurch reicht die vorhandene Arbeit jetzt für mehr Leute. Es ist Raum entstanden für neue Jobs.

Interessanterweise erinnert das an eine jahrzehntealte Gewerkschaftsforderung. Ende der achtziger Jahre gingen manche Ökonomen davon aus, dass die Bundesrepublik nicht mehr in der Lage sei, genug Wirtschaftswachstum zu erzeugen, um zwei oder drei Millionen Menschen zusätzlich zu beschäftigen. Also, so ihr Gedanke, müsse die schon vorhandene Arbeit anders aufgeteilt werden, um auf diese Weise die Arbeitslosigkeit zu senken.

Letztlich hat die Agenda 2010 genau dieses Konzept ein Stück weit verwirklicht: Sie hat neue Arbeit erzeugt, aber vor allem viel alte Arbeit anders verteilt. Während die Gewerkschaften allerdings immer verlangten, dass dies ohne starke Lohneinbußen zu bewerkstelligen sei, haben die Hartz-Reformer die Neuverteilung der Arbeit erreicht, indem die Qualität und die Bezahlung vieler Arbeitsplätze in Deutschland sanken.

Inzwischen gibt der Staat jedes Jahr rund elf Milliarden Euro aus, um Jobs zu subventionieren, von deren Gehältern keiner leben kann: Die Zahl der Beschäftigten, deren Lohn unter dem Hartz-IV-Niveau liegt, pendelt seit Jahren um die 1,3 Millionen, davon sind 300.000 Vollzeitstellen. Würde der Staat diese Arbeitsplätze nicht subventionieren, gäbe es sie vermutlich nicht.

Deutschland war krank im Jahr 2002. Ohne die Agenda 2010 wären der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler heute womöglich arbeitslos, und die Honorare der Kleinunternehmerin Margot Fricke wären ohne Agenda 2010 vermutlich auch nicht höher.

Man kann deshalb sagen, die Agenda 2010 war das kleinere Übel. Aber es ist schwer festzustellen, wie viel besser es dem Land wirklich geht. Sicher ist nur: Deutschland ist anders geworden. Das Medikament mag die Krankheit geheilt haben. Aber es hatte starke Nebenwirkungen.

Ist das ein Grund, stolz zu sein?

KonjunkturArbeitslosigkeit in Euro-Zone sinkt erstmals seit 2011

Die Arbeitslosigkeit in den EU-Krisenländern bleibt dramatisch hoch. Doch in der Euro-Zone insgesamt gibt es Anzeichen für eine Verbesserung der Wirtschaftslage.

31. Juli 201314:58 Uhr

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-07/arbeitslosigkeit-euro-zone-konjunktur

German economic strength: The secrets of success

By Richard Anderson Business reporter, BBC News

http://www.bbc.co.uk/news/business-18868704

Agenda 2010 Über das Ziel hinausgeschossen

Das grüne Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin war an der Agenda 2010 beteiligt. Heute sehen sie vieles kritisch.
Von Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin

http://www.zeit.de/2013/12/Goering-Eckhardt-Trittin-Agenda2010

EinzelhandelDie Kraftprobe

Amazon, Edeka, Karstadt: Viele Einzelhändler ignorieren Tarifverträge – und ruinieren ihren Ruf als Arbeitgeber. Von 

21. Juni 201308:55 Uhr

http://www.zeit.de/2013/25/einzelhandel-tarifvertraege-loehne

Frauen im Minijob – Motive und (Fehl-)Anreize für die Aufnahme geringfügiger Beschäftigung im Lebenslauf

Studie des Bundesministerium für Familie,Senioren, Frauen und Jugend

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=193520.html

01.07.2013

Minijobs: Ein Klebstoff mit besonders starker Wirkung

Deutscher Frauenrat zur Untersuchung des DELTA-Instituts


Deutscher Frauenrat e.V.

Ein Minijob ist für verheiratete Frauen keine Brücke in den Arbeitsmarkt. Er ist der Arbeitsmarkt für sie. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Prof. Carsten Wippermann. Die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Hannelore Buls, hat sie sich vorgenommen und ausgewertet.

http://www.delta-sozialforschung.de/delta-milieus/news-sozialforschung-gender-lebensverlauf/aktuell/artikel/minijobs-ein-klebstoff-mit-besonders-starker-wirkung/

RyanairHauptsache, billig

Der Erfolg der Fluggesellschaft Ryanair gründet auf Effizienz und auf Ausbeutung. Jetzt gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.

Der Mann, der Europas Reisenden den Billigflug bescherte, ist selbst am liebsten zu Hause auf einem Bauernhof bei seinen vier Kindern. Um abends schneller heimzukommen, hat er eine Taxilizenz erworben. So darf er die Busspur nutzen. Das spart 20 Minuten auf den 100 Kilometern vom Flughafen Dublin zu seinem schlossähnlichen Anwesen Gigginstown. Ryanair-Chef Michael O’Leary genießt die ländliche Idylle.

Die mehr als 8.000 Mitarbeiter seiner Airline leben nicht nur weitaus weniger luxuriös. An manchen Tagen wird das Leben für sie bei Ryanair regelrecht zur Hölle. Etwa am 4. Juli. Um 12 Uhr versammeln sich in der Ryanair-Basis in Weeze am Niederrhein zwei Dutzend Piloten. Ihr Arbeitgeber hat eine Personalversammlung einberufen, die Einladung kam 24 Stunden zuvor per Intranet.

Der aus Dublin gesandte Manager kommt laut Schilderungen von Teilnehmern schnell zum Punkt: Für den Winter plane Ryanair mit 40 Piloten weniger am Standort. Für die Beschäftigten gebe es drei Optionen: unbezahlten Urlaub, Teilzeitarbeit, Standortwechsel. Wer sich nicht binnen einer Woche entscheide, werde gefeuert oder “überflüssig” gemacht. Memos oder andere Dokumente gebe es nicht zu der Sache. Die Neuigkeiten sollten sich mündlich verbreiten. Ryanair bestätigt, dass es eine Personalversammlung gab, äußert sich aber nicht zu Details.

Früher war O’Leary der Steuerberater des Airline-Gründers Tony Ryan

Ryanair steckt nicht in einer Krise, im Gegenteil. Im Geschäftsjahr bis Ende März verdiente das Unternehmen so viel Geld wie keine andere europäische Fluglinie. Der Gewinn nach Steuern betrug 569 Millionen Euro, der Umsatz knapp fünf Milliarden. Die Aktionäre sollen nun eine Milliarde Euro bekommen – in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen.

Es scheint, als sorgten sich nur andere um ihre Zukunft. Lufthansa oder Air France etwa, die Milliarden einsparen müssen. Ausgerechnet in Paris hat Ryanair 175 neue Boeing-Flugzeuge bestellt. Während die Passagierzahlen von Air Berlin schrumpfen, will Ryanair 2013 rund neun Millionen Passagiere in Deutschland transportieren, 80 Millionen in ganz Europa, mehr als jede andere Fluggesellschaft, und das mit einem stabilen Wachstum von drei Prozent.

Seit 20 Jahren steht O’Leary an der Spitze von Ryanair. Der inzwischen verstorbene Unternehmensgründer Tony Ryan förderte den Mann, der einmal sein Steuerberater und Vermögensverwalter gewesen war, und machte ihn zum Chef der Airline. Früher orientierte sich Ryanair an Aer Lingus und British Airways. “Es ging darum, möglichst hohe Preise zu verlangen”, sagt O’Leary heute.

Erst als Ryanair konsequent auf günstige Tarife setzte, kam der Erfolg, von dem besonders der Chef selbst profitiert. O’Leary gehören rund vier Prozent der Aktien, sein Vermögen beträgt heute mehr als 350 Millionen Euro. Ein Flugbegleiter verdient in seinem Unternehmen dagegen in manchen Wintermonaten nicht mehr als 900 Euro.

Bislang hat O’Leary mit geschicktem Marketing ein Unternehmensbild geschaffen, wonach Ryanair dank schneller Betriebsabläufe und einem Flugbetrieb abseits der großen, teuren Drehkreuze zur größten Fluggesellschaft Europas aufgestiegen sei. Tatsächlich sind die Erfolge von Ryanair aber auch das Ergebnis einer gnadenlosen Sparpolitik zulasten von Mitarbeitern und Steuerzahlern.

Nun gerät dieses Geschäftsmodell in Gefahr. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte setzen sich die Mitarbeiter zur Wehr und organisieren sich. Die Pilotengewerkschaften sind zuversichtlich, dass sich Flugkapitäne und -offiziere nun zusammentun und für weniger Arbeit und höhere Löhne streiken werden. Beim Kabinenpersonal ist die Stimmung ohnehin am Boden. Viele Mitarbeiter müssen höhere Sozialabgaben zahlen, weil neue europäische Regeln für Kabinenpersonal in Kraft traten. In Frankreich laufen deshalb Prozesse.

Hinzu kommt, dass die Zukunft der Regionalflughäfen, die für den Erfolg des Billigfliegers wichtig sind, ungewiss ist. Gerade haben die Brüsseler Wettbewerbshüter schärfere Vorgaben für Staatshilfen an diesen Flughäfen vorgestellt. Viele wären ohne Subventionen nicht überlebensfähig. Von Ryanair allein können sie kaum leben. Ryanair wiederum wird ohne subventionierte Flughäfen seine Kampfpreise kaum halten können. Indirekt kommen die Steuersubventionen also der Fluggesellschaft zugute.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator

Die größere Gefahr droht Michael O’Leary derzeit allerdings von dem gewachsenen Unmut der Mitarbeiter. Der könnte sich bald schon Bahn brechen. Im Tagungshotel Klostergarten in Kevelaer nahe Weeze trafen sich vorvergangene Woche 25 Piloten. Sie wollen etwas unternehmen gegen den unbezahlten Urlaub, die Teilzeitarbeit, den Standortwechsel, den das Management Anfang Juli erzwingen wollte. Die Ryanair Pilot Group (RPG), eine Initiative europäischer Pilotengewerkschaften, hat Berater geschickt. “Ich habe nichts mehr zu verlieren, ich will die Gewerkschaft”, sagt ein junger Pilot in Weeze.

Die RPG hat vor zwei Wochen ihren ersten Interimsrat gewählt. Nach Angaben der Organisation sind bereits mehr als 50 Prozent der rund 3500 Ryanair-Piloten Mitglied. Evert van Zwol, Vorsitzender des vorläufigen Führungsgremiums der RPG, sagt: “Unter den Piloten herrscht großer Enthusiasmus.” Konflikten mit Ryanair will er nicht aus dem Weg gehen: “Sollte das Management die RPG nicht als Verhandlungspartner akzeptieren, werden wir reagieren. Am Ende auch mit Streiks.”

Die Ryanair Pilot Group – eine Gewerkschaft für Ryanair? Für Michael O’Leary unvorstellbar. In einem Interview mit der ZEIT Ende Mai sagte er gar: “Die RPG existiert nicht.” Der Unternehmenschef hält ganz generell nichts von Gewerkschaften, weil “sie sich dem Wandel verweigern, selbst wenn der notwendig ist”, wie er meint.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator. Er selbst sieht sich eher als Menschheitsbeglücker. “Wir haben das Fliegen demokratisiert”, sagt er. Heute stiegen nicht mehr nur die Reichen ins Flugzeug, sondern auch die Schuhputzer aus dem Flughafenterminal. “Sie können sicher und pünktlich für 30, 40 Euro durch Europa fliegen und müssen nicht mehr 300 Euro zahlen”, sagt er.

Tatsächlich haben günstige Ticketpreise die Welt etwas verändert. Fernbeziehungen zwischen Rom und Köln sind einfacher geworden. Der Junggesellenabschied findet nicht mehr in der Nachbarkneipe, sondern auf Mallorca statt. Die eigene Ferienwohnung suchen sich Beamte nicht mehr nur an der Ostsee, sondern in ganz Europa.

Intern geht es deutlich weniger demokratisch zu. Für ein Gespräch mit der ZEIT in Dublin lässt der Ryanair-Chef fast die komplette Vorstandsspitze antreten. Einen einfachen Mitarbeiter in der Zentrale zu sprechen, das geht dagegen nicht. Wenn einer spreche, dann Mol, heißt es aus der Pressestelle. Mol, so nennen sie Michael O’Leary.

Der 52-Jährige, der als Kind eine Jesuitenschule besucht hat, erregt gerne Aufmerksamkeit, wenn es dem Unternehmen nützt. Einst kündigte er freie blow jobs in der Businessclass an, sollte sein Unternehmen einmal Langstreckenflüge anbieten. Spricht er über Konkurrenten, fällt häufig der Ausdruck fuck. Kein Gag ist O’Leary zu dämlich, solange er Ryanair ins Gespräch bringt. Immer wieder kolportiert er Geschichten über Toilettengebühren im Flugzeug und Zuschläge für Dicke.

Viele der Piloten arbeiten offiziell als Selbstständige

Um Aktionäre und Analysten zu ködern, setzt er gerne große Zahlen in die Welt. “Wir werden die Passagierzahlen in den nächsten Jahren auf 100 Millionen erhöhen”, kündigte er Ende Mai an. Drei Wochen später versprach er den Investoren sogar 110 Millionen. Für Fotos legt O’Leary sofort den Arm um jeden Gesprächspartner. Dabei hat dieser Mann, der gerne in Turnschuhen, Bluejeans und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln auftritt, wenig Freunde in seinem Job. Weder in der Branche noch in der Politik. Und schon gar nicht bei den Mitarbeitern.

“O’Leary ordnet der Rendite alles unter”, sagt der in Weeze stationierte Pilot Lars Christensen. Die Beschäftigten und ihre Familien müssten darunter leiden. Der junge Mann mit nordeuropäischen Wurzeln will nicht mit seinem wirklichen Namen in der Zeitung stehen. Er fürchte die umgehende Entlassung.

Christensen schildert, wie die Ausbeutung im Unternehmen funktioniert. Er ist nicht bei Ryanair angestellt, sondern über die Agentur Brookfield Aviation vermittelt. Ein Leiharbeiter, der kaum Rechte hat. Auch Brookfield Aviation hat ihn nicht eingestellt. Vielmehr wurde von ihm erwartet, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Dazu wurden ihm drei Steuerberater empfohlen, die mit Brookfield kooperieren. Nun ist er selbstständiger Unternehmer in Irland. Zum Schein hat er eine Sekretärin, Angestellte und weiteres Personal. Er hat diese Menschen aber nie gesehen. Alles was er tut, ist fliegen.

“Ich kann mir kaum vorstellen, dass das legal sein soll”, sagt Christensen. Womöglich hat er recht. In Koblenz ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits wegen Scheinselbstständigkeit gegen Piloten. Entsprechende Verfahren gegen Ryanair wurden allerdings eingestellt. Die Fluggesellschaft kommentiert dies nicht. Brookfield Aviation mag sich auch nicht näher äußern, sondern teilt nur mit, dass die Verträge geltendem EU-Recht entsprächen.

An den anderen der mehr als 50 Ryanair-Basen in Europa läuft es so oder ähnlich. Da gibt es zum Beispiel Karl Lewandowski. Der Pilot ist Mitte 30 und seit fünf Jahren direkt von Ryanair angestellt. Lewandowskis Eltern haben für ihren Sohn einen Kredit aufgenommen, damit der die Ausbildungskosten von 80.000 Euro bezahlen konnte. Er selbst zahlt heute für die Uniform, die Hemden und an Bord – wie jeder Passagier – drei Euro für den Kaffee.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld

Auch Lewandowski heißt in Wirklichkeit anders, auch er hat Angst vor Mol. Den nennt er ein “Genie ohne menschliche Gefühle”.

Der junge Pilot klagt über die Ungewissheit, die seinen Alltag prägt. Mit jedem Flugplan droht ihm ein Umzug zu einer anderen Basis. Über die Zahl seiner Flugstunden bestimmt das Management, dessen Willkür er sich ausgeliefert fühlt. Nur die Hälfte seines Gehalts ist fix. Vor jedem Flug arbeitet Lewandowski 15 bis 30 Minuten ohne Bezahlung, weil er früher kommt, als der Plan vorsieht. “Anders ist es aber nicht zu schaffen”, erklärt er, “denn in dieser Zeit muss ich Wetter und Flugplan analysieren, Informationen über das Verkehrsaufkommen sammeln und am Ende die Entscheidung treffen, wie viel Kerosin ich tanke.”

Der Druck auf die Piloten ist enorm. Auf das Kerosin entfällt die Hälfte der Kosten des Flugbetriebs – und O’Leary hasst Kosten. Damit die Piloten möglichst wenig Treibstoff an Bord haben, veröffentlicht Ryanair Tabellen, welche Piloten wenig verbrauchen und welche viel. Der Chefpilot von Ryanair schrieb 2010 eine E-Mail an die Piloten, die der ZEIT vorliegt. Darin heißt es: “Der Zweck der Tabelle ist, den Fokus auf unseren größten Kostenblock, das Kerosin, beizubehalten.”

“Wenn Ryanair uns nicht anerkennt, bummeln wir auf der Piste”

Ryanair hält sich dabei an die gesetzlichen Vorgaben. Jeder Pilot hat stets so viel Kerosin an Bord, dass der Sprit mindestens für eine halbe Stunde extra in der Luft reicht. Aber wehe, es passiert Unvorhergesehenes: Vergangenen Sommer mussten gleich drei Maschinen nach einem Unwetter in Spanien notlanden. “Bei schwierigen Wetterverhältnissen nimmt die Lufthansa sicher noch zwei Tonnen extra mit. Wir höchstens die Hälfte. Die Piloten fürchten sich, noch mehr zu tanken”, sagt Lewandowski. Immer wieder kam es zu Notlandungen, weil der Sprit nicht ausreichte.

O’Leary verteidigt die Verbrauchstabellen: “Wir wollen unsere Piloten dazu anhalten, eher langsam als schnell zu fliegen, denn das ist sicherer.” Erfahrene Piloten und Sicherheitsexperten halten diese Behauptung für “an den Haaren herbeigezogen”. Der Ryanair-Chef weist auch andere Vorwürfe von sich: “Wenn Piloten am Ende der Tabelle stehen, dann bekommen sie keine Verwarnungen.”

Lewandowski hingegen berichtet, dass Kollegen einen Brief bekamen, der “dann auch in der Personalakte landete”. Wem das öfter passiere, der habe keine Chancen, in der Hierarchie nach oben zu kommen. Es seien auch schon Kollegen zum Rapport nach Irland zitiert worden. Ryanair streitet all dies ab.

Unter den rund 3.500 Piloten sind die ersten und zweiten Offiziere fast komplett über Agenturen wie Brookfield angestellt. Sie erhalten nur eine variable Vergütung und kein Fixgehalt. Nur die Kapitäne haben in der Mehrzahl direkt mit Ryanair Arbeitsverträge geschlossen.

Vor wenigen Wochen ist Lewandowski in ein Hotel gefahren und hat sich mit Kollegen getroffen. “Wir werden uns organisieren”, sagt er. “Und wenn Ryanair uns nicht anerkennt, dann fliegen wir langsamer, wir bummeln auf der Piste, und am Ende werden wir streiken.”

Sollte es dazu kommen, kann O’Leary nicht weiter wirtschaften wie bisher. Personalchef Edward Wilson räumt offen ein: “Wenn die gleichen Arbeitsbedingungen, die unsere Wettbewerber mit Gewerkschaften ausgehandelt haben, auf uns übertragen würden, würde unser Geschäftsmodell nicht mehr funktionieren.” Bislang brüstet sich Ryanair damit, 80 Prozent weniger Personalkosten zu haben als easyJet. Die Personalkosten von Air Berlin sind – auf den Passagier bezogen – dreimal höher.

Jakob Schneider sorgt mit seinem Arbeitsvertrag dafür, dass dies so bleibt. Er ist ein hagerer Typ aus Osteuropa, keine 30 Jahre alt und Flugbegleiter an einem deutschen Standort von Ryanair. Seit Kurzem muss Schneider viel höhere Sozialabgaben zahlen, weil er wegen neuer gesetzlicher Regelungen dem deutschen Sozialversicherungsrecht unterliegt: “Mein Nettogehalt in guten Monaten ist von 2.000 Euro auf 1.500 Euro gesunken.” Er lässt sich nun von einem Anwalt beraten.

In anderen Ländern laufen bereits Verfahren gegen Ryanair. In Frankreich forderten Staatsanwälte die Konfiszierung von vier Flugzeugen, da Ryanair keine Sozialabgaben gezahlt hatte, in Norwegen klagten Flugbegleiter gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Schneider (auch er will anonym bleiben) zeigt einen Arbeitsvertrag mit Crewlink. Über diese irische Agentur sind Tausende Ryanair-Flugbegleiter angestellt. Für die Ausbildung hat Schneider rund 3.000 Euro gezahlt. Zum Dank bekam er einen Knebelvertrag. Von heute auf morgen könnte Schneider von Bremen nach Dublin oder Charleroi versetzt werden. Ryanair kann ihn in einen unbezahlten Urlaub schicken – und macht davon in jedem Winter Gebrauch. “Es kam schon vor, dass ich 900 Euro im Monat verdient habe”, sagt Schneider. Bezahlt wird auch er vor allem variabel und nur für die Flugzeit.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld. Sollten die Passagiere trotz Kontrollen zu viele Gepäckstücke mit an Bord haben, kommt kaum ein Flugbegleiter auf die Idee, diese wieder ausladen zu lassen. Es wäre zwar sicherer, aber “es kostet Zeit”, sagt Schneider.

Was heißt Scheitern heute?

Katja Kraus Was heißt Scheitern heute?

02.04.2013 ·  Wenn es so aussieht, als sei alles umsonst gewesen: Katja Kraus, einst Managerin beim HSV, hat ein Buch über prominente Abstiege und Leute geschrieben, die von der Erfolgsspur abgekommen sind.

Von Melanie Mühl

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Katja Kraus hat Macht verloren. Unglücklich ist sie darüber nicht gewordenDieses Buch ist ein Schlüsseltext. Es handelt von Macht und Machtverlust, von Erfolg und Scheitern, von Intrigen, Verrat und monströsen Verletzungen. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen tief gefallen sind. Vor allem aber geht es um die fatalen Auswirkungen unserer beschleunigten Medienwelt, in der das erbarmungslose Verurteilen zu einem ganz normalen Vorgang geworden ist, und die Frage, inwieweit wir überhaupt noch die Autoren unserer eigenen Biographie sind. Jeder Tag ist ein Schicksalstag. Ein Haben-Konto, auf dem die Erfolge als Polster für schlechte Zeiten verbucht werden können, existiert nicht.

Anders formuliert: Lebensleistungen zählen nichts mehr. Karrieren werden von ihrem Ende her beurteilt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt in der Regel die negative Schlagzeile, die den Moment des Falls festhält, sei es nun den eines Politikers, Managers oder Sportlers. Man muss sich nur kurz überlegen, was wir mit folgenden Namen assoziieren: Ron Sommer. Annette Schavan. Hartmut Mehdorn. Nichts Gutes, so viel steht fest.

Kraus verlor selbst Job und Macht

Das Buch heißt „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ und erschien vor kurzem im Fischer Verlag. Katja Kraus, zweiundvierzig Jahre alt, hat es geschrieben. Es erzählt nur auf den ersten Blick von einzelnen Biographien. In Wahrheit beschreibt Katja Kraus den Zustand einer Gesellschaft, in der Schicksalsfragen immer noch anhand von Heldengeschichten verhandelt werden. Nach dieser Logik gibt es immer einen Schuldigen, und wir alle kennen dessen Namen ganz genau. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Wasserhahn der Bielefelder Bahnhofstoilette tropft, ist es Hartmut Mehdorn, und wenn die Telekom-Aktie fällt, ist es immer noch irgendwie Ron Sommer.

Katja Kraus war selbst einmal mächtig. Sie war Fußballnationalspielerin, sie war bei der Frankfurter Eintracht beschäftigt und bei der Vermarktungsagentur Sportfive. Zuletzt saß sie acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger Sportvereins, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann, 2011, verlor sie ihren Job. Und ihre Macht.

Die wahre Geschichte des Ron Sommer

Ein Café in Hamburg. Man hatte sich Katja Kraus anders vorgestellt: hart, mit angestrengtem Zug um den Mund und einer in Falten liegenden Stirn. Männlicher. Weniger zart. Lauter. Als müsse eine Frau automatisch wie das personifizierte Klischee auftreten, um in einem Fußballverein nicht unterzugehen. Katja Kraus hat schulterlanges braunes Haar und helle Augen. Sie trägt Jeans zum Blazer. Ihre Sprache ist klar und analytisch. Sie sagt: „Es war mir wichtig, den Begriff des Scheiterns neu zu diskutieren. Wir sind irrsinnig schnell darin geworden, zu urteilen, Menschen ihre Kompetenz abzusprechen, ohne darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie überhaupt erst in die exponierte Position gebracht haben. Die Härte, mit der das geschieht, und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der persönlichen Integrität sind erschreckend.“ Die Härte, von der Katja Kraus spricht, traf auch ihre Gesprächspartner. Ron Sommer ebenso wie Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Maria Jepsen, Hera Lind, Sven Hannawald, Björn Engholm oder Andrea Ypsilanti, um nur einige zu nennen. Nicht allen brach diese Härte das Genick, aber manchen.

Ron Sommer gehört nicht dazu, in der öffentlichen Wahrnehmung gilt er trotzdem als Verlierer. Die verarmte Großmutter ist zum Symbol seines Abstiegs geworden. Doch die wahre Geschichte geht anders: Ron Sommer baute erfolgreich eine Behörde in ein Kommunikationsunternehmen um und führte die Telekom AG schließlich an die Börse. Der „Popstar der Wirtschaft“ wurde als Volksheld gefeiert. Ron Sommer avancierte zum Analystenliebling. Dummerweise drehte irgendwann der Aktienmarkt durch und brach zusammen. „Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist, weder die Steigerung auf 200 Mark noch den Fall auf acht Euro. Die enorme Dynamik rund um die T-Aktie war in beide Richtungen falsch“, zitiert ihn Katja Kraus in ihrem Buch.

Nur kritische Fragen

Wenn Ron Sommer heute den Telekom-Jingle hört, denkt er immer noch, das Unternehmen sei doch sein Baby. Vielleicht liegt das daran, dass er bis heute kein neues Baby gefunden hat. Nach der Aktienkatastrophe rissen sich die Personalberater nicht eben um Ron Sommer, im Gegenteil. „Den Aufsichtsräten fehlte der Mut, die öffentliche Verurteilung von Ron Sommer zu ignorieren“, sagt Katja Kraus. Also managte er eben den Umbau seines Hauses und ist inzwischen für einen indischen sowie einen russischen Großkonzern tätig. „Er hätte der deutschen Wirtschaft sicher noch einiges geben können.“ Ron Sommers entscheidender Fehler war, dass er das Spiel ständiger Neuinszenierung nicht mitgespielt hat. Er ignorierte die Codes unserer Mediengesellschaft.

Es wäre falsch zu glauben, Katja Kraus agierte als williges Sprachrohr ihrer Protagonisten. Sie stellt nur kritische Fragen. Auch danach, wie hoch der Preis der Selbstoptimierung tatsächlich ist. Sven Hannawald bezahlte für den Titel bester deutscher Skispringer aller Zeiten mit seiner Gesundheit. Er hungerte seinen Körper auf ein absurdes Gewicht herunter, damit er noch besser in der Luft lag. Irgendwann fühlte er sich nur noch taub an. Sein Werkzeug funktionierte nicht mehr. Burnout. Heute ist der Name Sven Hannawald untrennbar mit diesem Begriff verbunden. Hannawald selbst will das nicht wahrhaben.

Die Gefahren permanenter Beurteilung

Für Menschen in vielbeachteten Positionen, schreibt Kraus, seien die Momente des Erfolgs häufig die der Erleichterung. „Im Bewusstsein der Kausalitäten des Misserfolgs liegt die Freude vor allem in dessen Vermeidung. Darin, dass der Erfolg einen Pulsschlag lang Spielraum verschafft, Luftholen ermöglicht, vor der nächsten Herausforderung.“ Ron Sommer dachte jeden Morgen unter der Dusche: „Wo geht die nächste Bombe hoch?“

Das Gefährliche an der permanenten Beurteilung ist, dass sie den, der ihr ausgesetzt ist, zwangsläufig in einen Getriebenen verwandelt: Entscheidungsprozesse werden oft abgekürzt und Haltungen über Bord geworfen, um Ergebnisse vorzuweisen. Wer soll eigentlich noch Verantwortung übernehmen, wenn die, die einem das Etikett des Scheiterns verpassen wollen, doch bereits auf der Lauer liegen?

Man könnte meinen, die Tatsache, dass jeder von uns unter beruflichen und privaten Verletzungen leidet, zu mehr Milde im Umgang mit anderen führt. Dass das eine ziemlich naive Vorstellung ist, wurde einem wieder bewusst, als die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan wegen ihrer Doktorarbeit ins Visier geriet. „Die Art und Weise, wie Annette Schavan nach ihrem Rücktritt diskreditiert wurde, hat mich erschüttert. Es wurde in der gesamten Debatte nicht darüber gesprochen, wie sie ihr Amt ausgefüllt hat. Es gibt keine Differenziertheit in der Bewertung“, sagt Katja Kraus. Vielleicht liege in dieser Unbarmherzigkeit, in dieser Häme ja auch eine Linderung des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Die Suche nach Trost im Elend der anderen funktioniert nach wie vor gut.

Falschmeldungen über Hera Lind

Auch die Bestsellerautorin Hera Lind durfte keine Sekunde lang mit Milde rechnen, als sie ihren Mann für eine neue Liebe verließ. Was millionenfach geschieht, wenn sich Beziehungen leergelaufen haben, interpretierte die Masse bei Hera Lind als unverzeihlichen Akt der Kälte einer egoistischen Frau. Sie gehe über Leichen, hieß es. Aus dem „Superweib“ wurde die Rabenmutter der Nation. „Verstanden hat sie diesen Einschnitt bis heute nicht“, schreibt Katja Kraus. Die Behauptungen, Hera Lind habe die vier Kinder bei ihrem Ex-Partner zurückgelassen, um sich ohne lästigen Ballast ins neue Glück zu stürzen, waren Falschmeldungen.

Diese Falschmeldungen führten nicht nur dazu, dass etliche Leserinnen Hera Lind ihre Anhängerschaft aufkündigten, sie führten auch dazu, dass ihr neuer Mann seinen Posten auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff verlor. Das Publikum sei zu konservativ für solch öffentliche Liebeleien. „Der Hotelmanager blieb sechs Jahre ohne Job, bis er bei einem Arbeitgeber fern der deutschen Yellow-Press-Magazine eine Anstellung fand. Inzwischen verbringt er acht Monate des Jahres bei dieser Reederei in den Vereinigten Staaten. Nur vier Monate ist er zu Hause bei seiner Familie.“

Leben im Zuschauerraum

Das Porträt über Hera Lind gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. Es legt auf knappem Raum die Tragik dieser öffentlichen Figur bloß. Stets scheint das Kind in Hera Lind durch, das endlich von der Mutter gelobt, also geliebt werden möchte und dabei gegen eine Wand nach der nächsten läuft. Dass der Wunsch nach Anerkennung bei Hera Lind mit dem qualvollen Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht, dass sie nicht abschütteln kann, verleiht ihrem Erfolg in den eigenen Augen etwas Unwirkliches. Als sei nicht sie es, die auf der Rolltreppe der Buchhandlung steht und an jenen kunstvoll gestapelten Büchern vorbeifährt, auf denen ihr Name steht. Katja Kraus sagt: „Erfolg multipliziert sich oft auf so rasante Weise, dass der Erfolgreiche oft selbst zum außenstehenden Beobachter des eigenen Aufstiegs wird. Die Weggefährten des Misserfolgs hingegen sind in jedem Augenblick sichtbar.“ Im Frühjahr 2006 schrieb die „Bunte“: „Hera Lind: Die deutsche Erfolgsschriftstellerin machte Millionenverluste mit Ost-Immobilien. Jetzt muss sie sogar ihre Traumvilla verkaufen.“ Mittlerweile lebt Hera Lind in Salzburg. Pro Jahr veröffentlicht sie zwei Bücher.

Am Ende hatte Katja Kraus Glück. Zumindest in Hinblick auf die mediale Notenvergabe. Ihre Karriere wurde weder disqualifiziert, noch wurde sie persönlich attackiert, weshalb Katja Kraus anders als viele ihrer Gesprächspartner nie das Gefühl der Makelhaftigkeit beschlich. „Wer publikumswirksam entlassen worden ist und sich dadurch makelhaft fühlt, reflektiert lange in den Gesichtern anderer Menschen, ganz gleich, ob diese ihn und die Geschichte kennen oder nicht. Das erschwert oft den Prozess der Verarbeitung.“ Der Politikerin Andrea Ypsilanti ergeht es so. Bei ihr ist das Suchen im Gesicht des Gegenübers zur Manie geworden. Als klar war, dass sie, verraten von vier Abtrünnigen ihrer Partei, nicht Ministerpräsidentin des Landes Hessen werden würde, sagte ihr damals zwölfjähriger Sohn: „Jetzt war alles umsonst.“ Er meinte damit nicht die ständige Abwesenheit der Mutter, er meinte die erlittenen Verunglimpfungen.

Weitere Artikel

Liest man die Passagen über Andrea Ypsilanti, tauchen immer wieder Wörter wie „wäre“, „hätte“ oder „im Nachhinein“ auf. Dabei war Andrea Ypsilanti längst raus aus dem Spiel. Sie saß jetzt im Zuschauerraum. Dass sie irgendwann keine Chance mehr hatte, Einfluss auf das öffentliche Bild ihrer Person zu nehmen, hat sie bis heute nicht verstanden. Das heißt nicht, dass der Selbstzweifel aus der Welt geräumt werden soll. Es heißt nur, dass das Selbst eine weniger tragende Rolle spielt, als wir glauben. Das gilt nicht nur für das Scheitern. Es gilt auch für den Erfolg. Katja Kraus erinnert uns daran.

Quelle: F.A.Z.

DER SPIEGEL:
Erste Hilfe Karriere So macht Scheitern erst richtig Spaß

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-787153.html

DIE ZEIT :
Misserfolge”Wer nie scheitert, dem fehlen Leitplanken”

Wie man Scheitern als Chance wahrnimmt: Der Psychologe Thomas Frey erklärt, wie aus persönlichen Niederlagen große Erfolge werden können

http://www.zeit.de/karriere/2009-11/scheitern-lernen

Bücher zur Kunst des Jonglierens zwischen  Führung, Leistung und Komplexitaet:

Fredmund Malik 2013 : Strategie – Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt, Campus, 42, —

http://www.campus.de/business/management-und-unternehmensfuehrung/Strategie.100064.html

https://i0.wp.com/www.campus.de/cover_300dpi/9783593397665.jpg 

Menos mal que nos queda España – Trabajar en Alemania 2

Dos  articulos sobre la demanda de trabajadores calficados en Alemania y su “porque” (FAZ 11. y 19. Nov. 2012)

 

Arbeitskräfte aus dem Süden Gut, dass wir die Spanier haben

18.11.2012 ·  Motivierte Spanier lernen Deutsch für einen Arbeitsplatz – und zeigen Integrationswillen pur. Das ist gut für Deutschland. Denn die Arbeitslosen hier lassen sich nicht für jeden Job qualifizieren. Eine Analyse.

Von Sven Astheimer

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/spanien/arbeitskraefte-aus-dem-sueden-gut-dass-wir-die-spanier-haben-11964675.html

uch die Krise im Euroraum produziert ihre Gewinner. Im Süden des Kontinents erleben die Goethe-Institute eine Nachfrage, wie es sie noch nicht gegeben hat. Vielerorts können neue Lehrer gar nicht so schnell eingestellt werden, wie die Kurse überbucht sind. Vor allem junge Spanier entwickeln eine ungekannte Lust am Erlernen der deutschen Sprache. Sie steht für die Hoffnung auf eine bessere (berufliche) Zukunft im Land von Goethe, Daimler und Bosch. Die Zuwanderungszahlen aus diesen Ländern steigen rasch, wenn auch von einem niedrigen Ausgangsniveau. Deutsche Arbeitgeber haben längst reagiert: Warben sie gestern noch auf Jobmessen in Magdeburg und Aachen um neues Personal, haben sie ihre Stände heute in Madrid und Athen aufgebaut. Ihre Botschaft lautet: Kommt nach Deutschland, wir brauchen euch!

Hierzulande wachsen ob solcher Signale die Sorgen; denn so mancher fühlt sich doch an die Anwerbepolitik des vergangenen Jahrhunderts erinnert, als mit ähnlichen Parolen Millionen Gastarbeiter ins Land gelockt wurden. An den Folgen einer misslungenen, weil zunächst nicht existenten Integrationspolitik leidet das Land bis heute: Ausländer sind doppelt so häufig arbeitslos wie Deutsche; Bürger mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungsabschlüsse sowie Aufstiegschancen und so weiter.

….

Die aktuellen Wanderungsbewegungen aus Südeuropa sind jedoch anders gelagert. Denn Spanier, Griechen und Portugiesen dürfen sich ihren Arbeitsplatz in der Union ohnehin suchen. Der grenzübergreifende Ausgleich von Angebot und Nachfrage bildet den Grundgedanken des gemeinsamen Arbeitsmarktes. Dass davon alle Beteiligten profitieren, zeigt das Beispiel vieler Polen, die es nach dem EU-Beitritt Richtung Großbritannien und Irland zog, wo sie ihren Teil zum Wachstum beitrugen. Nach Ausbruch der Krise kehrten viele Polen in ihre Heimat zurück, die mittlerweile viel stärker geworden war.

 

Ab nach Deutschland ¡Adiós, ingenieros!

11.11.2011 ·  Spanien ist vom „efecto Merkel“ infiziert: Junge Leute fliehen vor der hohen Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat und folgen der Einladung der Kanzlerin nach Deutschland.

Von Sven Astheimer

… „Wir werden immer nur nach Absprache mit unseren Partnern tätig“, sagt Gerald Schomann von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, die zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Auf nationale Befindlichkeiten werde stets Rücksicht genommen. Die Behörde ist mit ihren Schwesterorganisationen in den übrigen EU-Staaten über ein Netzwerk namens Eures verbunden. „Wir haben alle die selbe Ethik“, sagt Schomann, „wir wollen Bewerber und Arbeitgeber in Europa zu fairen Bedingungen zusammen bringen.“ Eures sei beileibe keine Einbahnstraße. Schon in den neunziger Jahren habe Deutschland mit dem Programm „Ärzte für Norwegen“ Mediziner nach Skandinavien exportiert. Im vergangenen Jahrzehnt warben dann Dänen oder Iren um die Gunst deutscher Fachkräfte, die angesichts von mehr als 5Millionen Arbeitslosen neue Perspektiven suchten. Viele wurden auch in die Schweiz oder nach Österreich vermittelt. Nun sei eben Deutschland als Zielland wieder attraktiv. Im Juli war über die Eures-Kanäle schon ein „sprunghafter Anstieg“ spanischer Bewerber zu verzeichnen. Zusammen mit den spanischen Kollegen machte sich Schomanns Team an die Planung der Kontaktbörse. Stellenausschreibungen deutscher Unternehmen mussten mit den Profilen spanischer Kandidaten abgeglichen werden. Rund Hundert Männer und Frauen wurden schließlich herausgefiltert.

„Deutschland ist ein Traumland für Ingenieure“

Meistens handelt es sich wie bei Enrique um Berufsanfänger. Der 24 Jahre alte, groß gewachsene Südspanier hat erst vor wenigen Monaten sein E-Technikstudium abgeschlossen. Sein Ziel ist die deutsche Autoindustrie, erzählt er, als er den Gesprächsraum verlässt. „Mein Traum ist es, Steuergeräte für einen großen Hersteller wie BMW oder Mercedes zu entwickeln“, sagt er unbekümmert. Mit dem Wunschland hat er selbst noch keine Erfahrungen gemacht. Aber Freunde haben ihm nach Praktika in Deutschland von dem tollen Arbeitsumfeld vorgeschwärmt, erzählt er in fließendem Englisch. Vor drei Wochen hat er deshalb einen Deutschkurs begonnen, den seine Eltern zahlen. Die Familie, deren Zusammenhalt in Spanien immer noch hoch gehalten wird, unterstützt seine Auswanderungspläne ebenso wie seine Freunde. „Viele haben schon angekündigt, dass sie mich besuchen wollen.“

Schwieriger gestaltet sich die Kandidatensuche, wenn von Arbeitgeberseite Berufserfahrung und Spezialkenntnisse gefragt sind