Gamification – Ist Spielen das neue Arbeiten?

12.02.2014  ·  Die „Industrie 4.0“ verändert die Gesellschaft: Die Maschine macht alles, der Mensch muss in der Fabrik nur noch vereinzelt auf Knöpfchen drücken – und bei Laune bleiben.

Von Stefan Schulz

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gamification-ist-spielen-das-neue-arbeiten-12796856.html

© Matthias Bein/ ZB
Eine Frage der Motivation: „Gamification“ soll monotone Tätigkeiten – hier Fließbandarbeit in einer Abfüllanlage – unterhaltsamer und vor allem effizienter machen

ie „Industrie 4.0“ beziehungsweise der heute als Revolution beschriebene Weg dorthin ist eine technische Angelegenheit. Weil es aber nicht nur um Entwicklungen, sondern um Vernetzung des bereits Vorhandenen geht, steckt in ihr auch eine Aufgabe für Kreative, sie ist geradezu ein Auftrag für Designer. So sieht es zumindest der Ingenieur Jörg Niesenhaus, der diese Behauptung auf einer Kölner Konferenz zur „Gamification“ vortrug, aber auch mit seinem Werdegang untermauerte. Vor zehn Jahren entwickelte er Computerspiele, heute ist er Manager in einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung von Benutzeroberflächen für Industrieanlagen beschäftigt.

Das bedeutet mehr, als die Begriffe Design und Gamification zunächst verraten. Niesenhaus nimmt Aufträge von Unternehmen entgegen, die planen, Fabriken zu bauen, und er hilft ihnen, sie so zu gestalten, dass sich auch Menschen in ihnen wohl fühlen. Dabei ist der Mensch die große Leerstelle der „Industrie 4.0“: Eigentlich stehen nur noch die Maschinen im Mittelpunkt, das, was sie heute schon können und was sie künftig schaffen, wenn sie miteinander vernetzt sind.

Flow-Zustände am Fließband

Der Mensch muss in dieses auf Effizienz und Qualität getrimmte Fabriksystem integriert werden. Die Rolle eines Wartungsingenieurs wird eine neue sein und in jeder Fabrik eine andere, sagte Niesenhaus. Der Mensch werde weiterhin Maschinen überwachen, aber die Maschine werde auch ihn beobachten. In „smart factories“ werden smarte Maschinen stehen. Die Herausforderung sei nun, die klaren und linearen, sich ständig wiederholenden Prozesse, die den Menschen nur selten, dann aber für hochspezielle Handgriffe benötigen, attraktiv zu machen. Menschen, die nach einer aufwendigen und teuren Ausbildung allein mit der Überwachung von Computerbildschirmen beschäftigt sind, müssen anders motiviert werden als klassische Industriearbeiter.

Mit dem richtigen Wissen könne man Menschen in moderner Akkordarbeit in Flow-Zustände versetzen, über Wettkämpfe am modernen Fließband Ablenkung herbeiführen und Ziele formulieren oder mit einem Punktesystem Anreize für Fleiß schaffen. Am Beispiel eines Disney-Freizeitparks zeigte Niesenhaus die vermeintlichen Vorzüge: Wenn die Arbeit der Reinigungskräfte in Hotels zum Vergleich auf einer Leinwand angezeigt wird, arbeiten Menschen schneller. In einem Fall arbeitete eine Schwangere bis zur völligen Erschöpfung.

Man muss nicht lange nachdenken, um auf die Probleme dieser schönen, neuen Arbeitswelt zu kommen. In Köln ging es jedoch um die angeblichen Vorteile der neuen Methoden, die zurzeit in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen Einzug halten. Zum Auftakt der Konferenz listete der Psychologe Ibrahim Mazari die Prinzipien auf: „Gamifizierte“ Aufgaben und Arbeiten ermöglichten es Menschen, im Verlauf ihrer Tätigkeit Reputation zu erringen, Gemeinschaften zu finden, Spannungsbögen zu erleben, erreichte Ziele als Eigenleistung zu deuten und Geschichten zu erleben. Nimmt man all das ernst, ginge es nur noch darum, Menschen in „Achiever, Killer, Socializer und Explorer“ aufzuteilen. Der Weg, ein unternehmerisches Ziel in ein persönliches umzumünzen, führte dann ausschließlich über Anreize. Es geht um älteste Tugenden in digitalen Gewändern: Jagen und Sammeln, heute vor Publikum.

Burgerbasteln als Anwendungsfall

Deswegen, sagte der Geschäftsführer einer „Gamification-Full-Service-Agentur“, Roman Rackwitz, eigne sich Gamifizierung bestens fürs Marketing. Rackwitz fragte das Publikum: „Wenn Sie Fernsehen schauen und dort Werbung beginnt, was machen Sie dann?“ Die Frage war sogleich nicht mehr, ob denn jemand zu einem weiteren Bildschirm greife, sondern, „wie viele man, in Armlänge entfernt“, um sich habe. In Deutschland seien es zwei, in Amerika schon drei. Der „Push-Ansatz“ der Werbung, Aufmerksamkeit zu erregen, indem Werbeflächen gefüllt würden, funktioniere kaum noch, behauptete Rackwitz. Digitale Werbung sei bislang Flächenwerbung, früher auf Papier, heute auf Displays. Nun aber stehe ein Paradigmenwechsel an. Für Inhalte und Produkte sei dann zu werben, wenn nach ihnen verlangt werde und auch der Rahmen der Werbemaßnahme der richtige sei. Diesen Rahmen müsse man im Zweifel selbst schaffen.

Der beste Anwendungsfall bisher sei McDonald’s mit einer Kampagne gewesen, in der Kunden aufgefordert wurden, einen eigenen Burger zu kreieren, den McDonald’s dann ins Programm nahm. Die Idee dahinter: die von außen angeregte Motivation, „etwas zu bekommen“, umzuformen in innere Motivation, „etwas zu erreichen“. Noch nicht hinterfragt wurde, wie motivierend es für Zehntausende von Kunden ist, einen Hamburger zu bauen und dann zuzusehen, wie es einem der Konkurrenten gelingt, ihn für vier Wochen ins Angebot der Filialen zu bringen. Nachhaltigkeit sei bei der Gamifizierung durchaus noch ein offenes Problem, über das man sprechen könne, wenn das Phänomen älter werde, sagte Rackwitz.

Personaler in einer Zwangslage

Wichtig sei, das wurde auch in den Diskussionen am Rande deutlich, ein ständiges Feedback, das auch schon vor der Erfindung der Computer bei vielen Spielen von Bedeutung war. Fehler zu provozieren, aus denen man lernen könne, anstatt sie zu vermeiden oder zu bedauern, sei für die Bildung nicht nur in der Schule ein wichtiger Aspekt der Gamifizierung, sagte Rackwitz. Joachim Diercks, der über den spielerischen Ansatz des „Recrutainments“ sprach, stellte heraus, dass Unternehmen den Wissenstransfer durch spielerisches Lernen auch bei der Nachwuchssuche einsetzen könnten.

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Die demographische Entwicklung zwinge Unternehmen dazu, auf Bewerber zuzugehen und niedrigschwellige Zugänge ins Unternehmen anzubieten. Formale Eignungstests akzeptierten viele Jugendliche heute kaum noch. Den Personalsuchern spielt dabei allerdings ihr eigener Trend in die Hände: Die jungen Menschen, die sich den Leistungstests verweigern, haben sich und ihr Leben längst selbst vermessen. Es ist tatsächlich Zeit, über Vor- und Nachteile der Gamifizierung zu diskutieren.

Quelle: F.A.Z.

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Dokumentarfilm “Alphabet” Alles nur geföhnte Bubies und Barbies

Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer prangert unser fehlgeleitetes Bildungssystem an. Damit ergänzt “Alphabet” die Reihe globalisierungskritischer Filme aus Österreich. von Oliver Kaever

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-10/dokumentarfilm-alphabet-erwin-wagenhofer

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm "Alphabet"

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm “Alphabet”  |  © Filmladen Filmverleih

Erwin Wagenhofer meint es ernst. Das ist bei dem österreichischen Dokumentarfilmer nichts Neues, aber sein jüngstes Thema Bildung geht er besonders grundsätzlich an und eröffnet Alphabet mit Ultraschallaufnahmen von einem Kind im Mutterleib. Darüber legt Wagenhofer eine Rede des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson: “Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.”

Sätze, die sitzen. Wie überhaupt in diesem Film so viele bemerkenswerte Zitate fallen, dass man im Kino ständig einen Notizblock zücken möchte. Für seine Betrachtung von Bildungssystemen im Zeichen der Globalisierung hat Wagenhofer neben Robinson viele weitere prominente Experten vor seine Kamera geholt. Darunter ist der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen; der ehemalige Lufthansa- und Daimler-Benz-Manager Thomas Sattelberger, der Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen als “geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look” kritisiert; der Pädagoge Arno Stern, der Kindern seit 30 Jahren in seinem “Malort” in Paris die Möglichkeit zur Kreativität ohne Druck gibt; und sein Sohn André, Gitarrist, Komponist und Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat.   

Wagenhofer lässt wie seine Protagonisten keinen Zweifel daran, dass Bildungsanstalten schlecht mit Kindern umgehen. Als krasses Beispiel dient ihm der erste Halt auf seiner Reise durch die Schulen der Welt: China. Muster-Pisa-Kandidat, immer an der Spitze der Rankings der OECD. Unschöner Nebeneffekt: Der Primus verzeichnet auch die höchste Selbstmordrate überforderter Schüler, wie der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping anmerkt. Seit der Einführung der Marktwirtschaft sei das Bildungssystem von Konkurrenzdenken, Auswendiglernen und dem Bestehen der vielen gefürchteten Prüfungen und Schulwettbewerbe geprägt. Raum für kreatives Denken, eigene Ideen und Erholung gebe es dagegen nicht. Dongping: “Unsere Kinder gewinnen am Start – und verlieren am Ziel.”

Was China im Extrem exerziert, macht laut Wagenhofer auch in den Ländern der EU vielen Kindern die Schule zur Hölle. Der Leistungsdruck steige ständig, Schüler seien lediglich Teil einer wirtschaftlichen Verwertungskette. Ecken und Kanten, ein eigener Kopf und das Hinterfragen von Handlungsmaximen seien nicht gefragt. Stattdessen Anpassungsfähigkeit, bedingungsloses Erfüllen von Vorgaben, Konkurrenzdenken. Unser Schulsystem funktioniere immer noch wie im 19. Jahrhundert, als Menschen nicht ihr Potenzial ausschöpften, sondern an den Maschinen der immer noch zunehmenden In­dus­t­ri­a­li­sie­rung funktionieren sollten, kritisiert Gerald Hüther.

Der globale Kapitalismus – in Alphabet erhebt er wieder sein schauriges Haupt. Eine Weltwirtschaft, die allein nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sagt Wagenhofer, setzt Gesellschaften so enorm unter Druck, dass sie Zukunft nicht sinnvoll gestalten können.

Damit ist der Filmemacher bei einem Thema, das ihn seit seinem Kino-Debüt im Jahr 2005 umtreibt. Damals prangerte er in We feed the World die für Mensch und Umwelt katastrophalen Folgen einer Nahrungsmittelproduktion an, die allein auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. 2008 blickte er mit Let’s make Money direkt ins finstere Herz der Finanzindustrie und zeichnete Geldströme und ungleiche Vermögensverteilung nach. Alphabet bildet nun den Abschluss seiner Trilogie über die Folgen der Globalisierung.

Das Thema beschäftigt seit Jahren viele österreichische Dokufilmer – und sorgt dafür, dass die lebendige österreichische Filmszene so viel internationale Beachtung findet: Die Regisseure aus dem fiktionalen Fach blicken vor die eigene Haustür und finden Soziopathen, Kinderschänder und Familientragödien. Die Kollegen von der Doku reisen in die Welt, um unbarmherzig Katastrophen im globalen Maßstab abzubilden. Österreich, das Weltzentrum der Feel Bad Movies

Mitte der Nullerjahre nahmen die Filmemacher vor allem die Nahrungsmittelproduktion in den Blick. Hubert Sauper dokumentierte in Darwin’s Nightmare (2004) die ökologische Katastrophe, die sich im Victoriasee vollzieht, seit dort der von der Industrie so getaufte Victoriabarsch (eigentlich: Nilbarsch) ausgesetzt wurde. Nikolaus Geyrhalter zeigte 2005 in Unser täglich Brot die Massenproduktion von Lebensmitteln und ließ dabei allein Bilder sprechen; der Film kommt völlig ohne Kommentar aus. Im gleichen Jahr feierte Wagenhofer mit We feed the World einen riesigen Publikumserfolg. Er wurde in Österreich zum erfolgreichsten Dokumentarfilm seit der statistischen Erfassung und zog im gesamten deutschsprachigen Raum über 600.000 Zuschauer in die Kinos. Daraufhin sprossen Dokus über Essen aus dem Boden wie Zuchtchampignons, von Food, Inc. bis Taste the Waste.  

Auch auf anderen Themenfeldern gingen die Österreicher immer dahin, wo es besonders weh tat. Prekäre Arbeitsverhältnisse (Michael Glawoggers Workingman’s Death und Whore’s Glory), Umweltverschmutzung (Plastic Planet von Werner Boote), Überbevölkerung (Population Boom, ebenfalls Boote) oder die Einführung der Energiesparlampe (Bulb Fiction, Christoph Mayr) – ob in fernen Gefilden oder in der Europäischen Union, überall fanden die Regisseure skandalöse Zustände. Sie werden ausgelöst – und diese Sicht eint alle Filme – durch die Liberalisierung des Welthandels und zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft. “Das Thema Energiesparlampe eignet sich hervorragend, um Methodik und Kaltblütigkeit der Großindustrie darzustellen”, sagt Christoph Mayr über Bulb Fiction. Ein Prinzip, das die Österreicher perfektionierten. Die Themen sind immer andere, der Auslöser der krisenhaften Situationen immer der gleiche: die Globalisierung. Aus Österreich kommt politisch hellwacher Agitprop, der die Augen öffnet und wütend macht. Der aber angesichts seines ständigen Alarmismus durchaus auch ermüdet.

Der gute Quälgeist

Alphabet allerdings nicht, obwohl gerade dieser Film das Publikum spalten wird. Dass Wagenhofer mit dem Thema Bildung einen Nerv treffen wird, lassen die durch den Pisa-Schock ausgelösten, seit über zehn Jahren anhaltenden Debatten und die offensichtlich herrschende Ratlosigkeit erahnen. Bildungspolitiker und Eltern werden in Wagenhofers Film trotzdem nicht fündig werden, wenn sie nach Antworten suchen. Zumindest nicht, wenn sie das Thema auf die Frage eingrenzen, ob nun die Gesamtschule oder das Gymnasium die bessere Schulform ist. Viele Zuschauer werden ihm vorwerfen, das Thema unausgewogen aufzubereiten. Und tatsächlich ist Alphabet ungenauer, wolkiger und auch parteiischer als seine Vorgänger. Aber der Mann macht schließlich kein Bildungsfernsehen.

Stattdessen spürt man die Leidenschaft, mit der Wagenhofer versucht, die Globalisierung diesmal noch grundsätzlicher zu fassen. Wenn er mit Alphabet nicht in die Niederungen tagesaktueller Bildungsdiskussionen hinabsteigt, dann deshalb, weil das Thema ihm hier als Vehikel dient, um Fragen zu stellen, die in seinen vorangegangenen Filmen schon unausgesprochen im Raum standen. Fragen, die angesichts unserer so alternativlos erscheinenden Gegenwart fast unanständig wirken: Wenn der Kapitalismus, wie er ihn hier wieder beschreibt, ein System der Angst ist, das freie Entwicklung schwierig bis unmöglich macht – was könnte dann das Gegenmodell sein? Wie müssen sich Gesellschaften entwickeln, damit Kinder unbeschwert lernen und ihre Kreativität entdecken können?

“Wir müssen anders leben”, sagte Wagenhofer schon über We feed the World. Diese Dringlichkeit macht sein Werk aus. Damit setzt er sich von der Katastrophen-Dramatik ab, der manche seiner Kollegen erliegen, und wird zum Quälgeist, denn verantwortlich ist für ihn nicht das System, sondern jeder einzelne. Die Forderung nach einer eigenen Haltung hat er nie drängender gestellt als in Alphabet.

Gefühlt zu wenig – In der Knappheitsfalle

21.09.2013 ·  Egal wie reich wir sind: Das Geld ist knapp. Egal wie viel Zeit wir haben: Es reicht nicht. Ständig glauben wir, dass wir weniger haben, als wir brauchen. Woher kommt all der Stress?

Von Lena Schipper

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/gefuehlt-zu-wenig-in-der-knappheitsfalle-12584239.html

err Müller hat ein Problem. Das Konto seiner Kreditkarte ist überzogen, er ist mit einem Haufen Rechnungen im Rückstand, und von seinem Gehalt ist schon um die Monatsmitte herum regelmäßig nichts mehr übrig. Die Zinsen für alte Schulden werden dafür immer höher, und nächsten Monat muss er auch noch die erste Rate für einen neuen DVD-Player aufbringen, weil er auf ein Lockangebot eingegangen ist. Er fühlt sich schlecht, weil seine Freunde in der Eckkneipe ihm das Bier bezahlen, und fürchtet sich, wenn das Telefon klingelt.

Denn am anderen Ende ist wahrscheinlich das Inkassounternehmen. Die Freunde raten ihm zu sparen. Herr Müller ist fest entschlossen. Doch dann hat seine Tochter Geburtstag – und ein teures Geschenk zieht ihn wieder in den Kreislauf aus Schulden und unbezahlten Rechnungen. Auch wenn die Privatinsolvenzen in Deutschland tendenziell zunehmen, versinken wir nicht alle im Schuldensumpf. Doch ein kleiner Herr Müller steckt in jedem von uns. Das Gefühl, dass das Geld nie reicht, kennen die meisten Menschen. Und der Versuchung, im Sonderangebot doch noch das neue Paar Schuhe oder das Geschenk für die Freundin zu kaufen, obwohl das Konto eigentlich im Minus ist, können wir auch nicht immer widerstehen.

Sind wir Menschen alle leicht verführbare, charakterschwache Verschwendernaturen, die sich einfach öfter einmal am Riemen reißen sollten? Sendhil Mullainathan, Ökonom aus Harvard, und Eldar Shafir, Psychologe aus Princeton, meinen: nein. In ihrem Buch „Knappheit“ erklären die Forscher, was das Gefühl, zu wenig zu haben, in uns anrichtet. Herr Müller ist so sehr damit beschäftigt, dass ihm das Geld fehlt, dass er in seinem Kopf keinen Platz mehr für andere Gedanken hat, die ihm helfen könnten, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Weniger, als man meint zu brauchen“

Natürlich hätte ein bisschen mehr Selbstdisziplin auch Herrn Müller geholfen, seine Probleme zu vermeiden. Doch einmal in der Schuldenfalle, kommt er in einen Teufelskreis. Die Forscher nennen das „die Logik der Knappheit“. Und dieser Logik ist leider nur schwer zu entkommen. Nach dem psychologischen Verständnis von Mullainathan und Shafir ist Knappheit das Gefühl, „weniger von etwas zu haben, als man meint zu brauchen“. Das unterscheidet ihre Definition von der klassischen materiellen Knappheit, die schlicht besagt, dass Güter nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Das Problem, diese Güter effizient zu verteilen, bildet die Grundlage der Wirtschaftswissenschaft. Doch Mullainathan und Shafir kommt es nicht nur darauf an, was uns fehlt. Wichtig ist vor allem, wie wir Knappheit wahrnehmen und auf sie reagieren: vor einem langen Arbeitstag mit wenigen Terminen und einer langen Liste an Aufgaben fühlen wir uns weniger unter Zeitdruck als an einem Tag mit vielen Terminen, währenddessen wir nur ein wichtiges Projekt fertigmachen müssen – obwohl die Arbeitsbelastung objektiv die gleiche ist.

Nur im zweiten Fall kann uns das Gefühl, dass die Zeit knapp ist, völlig in Beschlag nehmen: „Das Denken richtet sich automatisch und unwiderstehlich auf die unerfüllten Bedürfnisse“, schreiben die Forscher. Wir beschäftigen uns dann ausschließlich mit der Sache, die wir als knapp empfinden. Das kann Vorteile haben: Menschen, denen wie Herrn Müller das Geld fehlt, haben eine viel klarere Vorstellung davon, wie viel etwas wert ist, und verhalten sich deshalb rationaler als der Durchschnitt.

Gefühl kann nützlich sein

In den klassischen Experimenten der Verhaltensökonomie schneiden sie viel besser ab, weil sie zum Beispiel den Wert einer Ersparnis nicht vom Preis des gekauften Gegenstands abhängig machen: um an einer 1000-Euro-Waschmaschine 10 Euro zu sparen, würden sie anders als die meisten Menschen denselben Umweg auf sich nehmen wie für einen 100-Euro-Fernseher. Das ist rational: Denn beide Male geht es um eine Ersparnis von 10 Euro. Auch in anderen Fällen ist das Gefühl der Knappheit nützlich: Wenn ein wichtiger Abgabetermin naht, konzentrieren wir uns besser auf die vielen Aufgaben, die wir noch zu bewältigen haben, und arbeiten dadurch effizienter.

Doch es hat auch Nachteile, nur auf das fixiert zu sein, was uns zu fehlen scheint. Denn wir neigen in solchen Fällen zu Verhalten, das die Knappheit noch verschärft: „Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter“, sagen die Forscher. Wenn wir uns nur auf eine einzige Sache fixieren, verlieren wir die Fähigkeit, über andere wichtige Dinge nachzudenken.

Psychologen nennen diese Einschränkung der intellektuellen Fähigkeiten den „Tunnelblick“: Weil Herr Müller ständig über die nächste unbezahlte Rechnung nachdenkt, ist er nicht mehr in der Lage, andere Ausgaben langfristig zu planen, der Versuchung eines Sonderangebots zu widerstehen oder seiner Tochter statt des teuren Geschenks etwas Günstigeres zu kaufen.

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Wenn jemand auf Diät ist, denkt er andauernd ans Essen. Teilnehmer einer Studie, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Auswirkungen von Hunger erforschte, begannen Kochbücher zu horten oder entwickelten Wahnvorstellungen von einem eigenen Restaurant. Im Kino erinnerten sie sich vor allem an die Momente, in denen im Film gegessen wurde – sahen sie eine Liebesszene, ließ sie das völlig kalt. Und einsame Menschen fühlen sich in ihrem Alltag schnell von glücklichen Paaren und Freunden umzingelt.

Die Folgen sind in allen Fällen ähnlich: Sind wir einmal in einer Situation des Mangels, kommen wir so schnell nicht mehr heraus. Herrn Müllers Unfähigkeit, langfristig zu planen und alltäglichen Versuchungen zu widerstehen, verschärft sein Schuldenproblem. In solchen und ähnlichen Situationen kommen Leute häufig auf den Gedanken, Versicherungen zu kündigen, die sie vermeintlich nicht so dringend brauchen, um die Beiträge zu sparen. Die meisten von uns haben auch schon einmal das Sparkonto angezapft, um überraschend eintreffende Rechnungen zu bezahlen. Kurzfristig mag das rational sein.

Doch passiert dann etwas Unvorhergesehenes, ist der Schaden umso größer und die Knappheit hinterher noch weit verheerender. Auch der Diätplan ist umso schwerer einzuhalten, je mehr man dabei ans Essen denken muss. Und die gefühlte „Umzingelung“ durch glückliche Menschen lähmt das Verhalten einsamer Leute so sehr, dass sich ihre soziale Isolation noch verschärft.Es ist nicht leicht, den Auswirkungen des Tunnelblicks zu entkommen, doch es geht: Wir müssen uns selbst überlisten, um die Sorge über die Knappheit daran zu hindern, allzu viel Platz in unserem Kopf einzunehmen. So schaffen wir wieder Raum für andere wichtige Dinge.

Gewusst wie: So entkommen sie der Knappheitsfalle

1. Reserven schaffen

Egal ob Geld, Zeit oder Kalorien: legen Sie sich einen Vorrat zu. Wer Reserven hat, ist weniger unter Druck und nimmt den Gedanken an Knappheit ihre Durchschlagskraft. Das schafft Platz im Kopf für andere Dinge.

2. Zur richtigen Zeit entscheiden

Seien Sie sich bewusst, dass die Knappheit an Ihren geistigen Fähigkeiten nagt. Wichtige Entscheidungen sollten Sie nur dann treffen, wenn Sie sicher sind, dass Ihnen gerade nicht der Tunnelblick die Sicht einschränkt.

3. Automatisieren

Erteilen Sie Einzugsermächtigungen für wichtige Rechnungen, und richten Sie einen Dauerauftrag auf Ihr Sparkonto ein. Dann kommen Sie auch in Zeiten, wo das Geld knapp ist, nicht so leicht in Versuchung, Zahlungen aufzuschieben oder Sparziele zu ignorieren.

4. Positive Effekte ausnutzen

Um die guten Seiten des Knappheitsgefühls zu nutzen, setzen Sie sich realistische Ziele, denken Sie sich wirksame Sanktionen aus, und delegieren Sie die Durchsetzung an andere: Wenn Sie eine Deadline verpassen, müssen Sie einem Freund ein teures Essen ausgeben.

Sendhil Mullainathan/ Eldar Shafir: Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus-Verlag 2013.

Internet-Pionier Lanier “Google will, dass alle unbezahlt arbeiten”

http://www.sueddeutsche.de/digital/internet-pionier-lanier-google-will-dass-alle-unbezahlt-arbeiten-1.77751

Jaron Lanier träumte einst von einer virtuellen Utopie, heute warnt vor dem Kult des Kollektivs im Internet. Die Online-Kultur hält er für Digitalen Maoismus.

Interview: Jörg Häntzschel

Jedes Jahr im Dezember ernennt das Time Magazine einen Mann oder eine Frau zur “Person des Jahres”. 2006 war diese Person “You”, Du, Jedermann. Es war der Höhepunkt der Euphorie, mit der damals das “Web 2.0” begrüßt wurde. Dem Begriff zum Trotz hatte sich am Internet selbst nichts verändert. Neu waren nur die Benutzungsmodi: Mit Wikipedia, Googles Algorithmen und den sozialen Netzwerken wurde der frühere Konsument von Websites immer mehr zum freiwilligen oder unfreiwilligen Kollaborateur.

Jaron Lanier warnt vor dem “Kult des Kollektivs”

(Foto: Foto: oH)

Internet-Theoretiker wie James Surowiecki feierten die Entwicklung als historische Errungenschaft: Die “Weisheit der Vielen”, so der Titel seines Buchs sei der Einzelner überlegen und werde helfen, die Probleme der Menschheit zu lösen. Andere, darunter Ray Kurzweil in seinem Buch “Spiritual Machines”, träumen sogar schon von dem Tag, da das Internet als eine einer Art Meta-Gehirn der Menschheit das Kommando übernimmt.

Mit seinem Essay “Digital Maoism” hat der Künstler, Musiker und Technologie-Forscher Jaron Lanier dieser Euphorie einen entschiedenen Dämpfer verpasst. Die “Weisheit der Vielen”, wie sie sich etwa in den Artikeln von Wikipedia oder den Suchergebnissen von Google ausdrücke, sei eine gefährliche Illusion. In seinem eben erschienenen Buch “You Are Not a Gadget” warnt er vor dem Kult des Kollektivs und appelliert für eine neue Wertschätzung von Individualität im Internet, bevor die gegenwärtigen Strukturen sich verfestigen.

Im Interview mit der SZ erklärt er, weshalb er nicht mehr an das Gute des Netzkollektivs glauben kann

“In vielen Wikipedia-Beiträgen finden sie eine Mob-Ideologie”

SZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch zwei parallel stattfindende Prozesse: Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, die allmählich auf unsere realen Ichs zurückschlägt. Und die Entwicklung einer Art Online-Diktatur der Masse.

Jaron Lanier: Beide Entwicklungen gehen Hand in Hand. Denken Sie an Wikipedia: Das Ideal dort sind Artikel, die frei sind von jeder ideologischen Tendenz. Das ist natürlich unmöglich. Was am Ende stehenbleibt, ist die Mob-Ideologie, die sie in sehr vielen Beiträgen finden. Weil so viele Leute zu Wikipedia verlinken, tauchen die Beiträge bei Google an den ersten Stellen auf. Alle, die sich nun mit einem Thema beschäftigen, sind versucht, die Wikipedia-Linie zu übernehmen. Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren.

Das andere ist die Tendenz vieler Menschen zu boshaftem Verhalten im Internet. Das Internet bringt das Schlechteste im Menschen hervor. Auch mir ist das schon passiert. Offenbar ähneln Menschen Hunden: Im Rudel neigen sie zu einer sehr gefährlichen Bösartigkeit. Der Druck zur Anpassung an den Durchschnitt und dieses Rudelverhalten gehen auf dasselbe Problem zurück: Es gibt zu viele Internet-Angebote, die am Kollektiv, nicht am Individuum interessiert sind.

SZ: Hat sich das Kollektiv in der Geschichte der Zivilisation nicht immer wieder große Verdienste erworben?

Lanier: Natürlich ist das Kollektiv wichtig, bei Wahlen etwa oder bei der Bestimmung von Preisen auf den Märkten. Aber wenn Kreativität oder neue Ideen gefragt sind, versagt es.

SZ: Warum finden wir es nicht nur akzeptabel, sondern oft auch attraktiv, unsere Netz-Repräsentation bei Facebook oder anderswo in so enge Schablonen pressen zu lassen? Ist es Bequemlichkeit oder die heimliche Sehnsucht, unsere komplizierten Identitäten hinter uns zu lassen?

Lanier: Es ist vor allem Gruppenzwang. Sobald sich das Kollektiv geformt hat, ist jeder, der sich ihm nicht anschließt, in Gefahr, von ihm erstickt zu werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Teenager in Afghanistan und halten nichts von islamistischem Märtyrertum. Es ist nicht einfach, das Ihren Freunden zu offenbaren. Viele, vor allem junge Menschen, haben außerdem das Gefühl, ihnen fehle es an sozialem Status, Geld oder Erfolg. Sie akzeptieren den Durchschnitt als Ideal, weil sie das Gefühl haben, sie stünden unterhalb des Durchschnitts.

SZ: Ziehen sich die Menschen nicht schon seit Jahrhunderten ähnlich an, hören dieselbe Musik, folgen ähnlichen Ideologien?

Lanier: Natürlich war es schon immer attraktiv, Teil der Masse zu sein, im Fußballstadion zum Beispiel. Doch im Internet wird die Welt viel einfacher dargestellt als sie tatsächlich ist, und die Prozesse laufen schneller ab. Wie rasant ist Google zu dieser globalen Macht aufgestiegen! Wie schnell haben Millionen angefangen zu twittern! Deshalb habe ich ernsthaft Sorge, dass es eines Tages zu einem gefährlichen Mob-artigen Ausbruch im Internet kommen wird. Ich glaube, der islamistische Terrorismus ist zumindest in Teilen ein solches Phänomen. Das Internet macht die Menschen nicht schlechter, aber es erlaubt eine Dynamik, die vorher undenkbar war.

“Die chinesische Regierung und Google haben ähnliche Ziele”

SZ: Wie wurde das Internet zu dieser Massenmaschine?

Lanier: Am Anfang stand die Utopie, dass Menschen und Maschinen dasselbe sind. Diese Vorstellung geht unter anderem zurück auf den schwulen Computervordenker Alan Turing, der Selbstmord beging, nachdem die britische Regierung ihn zwang, weibliche Hormone zu nehmen. Turings Geschichte übt eine große Faszination auf bestimmte Leute aus, Leute, die sich mit Maschinen und Computern wohler fühlen als unter Menschen. Für diese Leute versprach die Vorstellung, Menschen und Computer seien dasselbe, einen Ausweg aus all dem Schmerz und der Unsicherheit ihrer Sexualität. Vielleicht ließe sich sogar die Sterblichkeit überwinden.

Ein anderer Prophet der Technik-Community ist Ray Kurzweil, der sagt, dass Computer eigenes Bewusstsein erlangen und über die Welt herrschen werden. Der Moment, da die Computer die Macht übernehmen, heißt “Singularity”. Der Glaube, dass dieser Moment kommen wird, hat alle Züge einer Religion. Sehr viele in der Technik-Community, vor allem Software-Ingenieure, glauben fest daran und schreiben ihre Programme entsprechend.

SZ: Nach außen werden die Partizipationsmöglichkeiten im Internet gerne als Fortentwicklung der Demokratie verkauft: Jeder ist gleich, jeder wird gehört.

Lanier: Das ist natürlich eines der großen Themen der Politikwissenschaften: Maximale Partizipation führt nicht automatisch zu einer funktionierenden Demokratie, sondern zu etwas, das eher einer Diktatur gleicht. Ein System mit Regeln und Strukturen funktioniert besser, auch wenn die Macht nicht gleichmäßig verteilt ist.

SZ: Wer profitiert von dem Internet, wie wir es heute kennen? Wer sind die “Herren der Wolke”?

Lanier: Es gibt zwei: Der eine ist Google. Google will, dass alle unbezahlt arbeiten, damit es selbst seine Anzeigen verkaufen kann. Die anderen sind Hedge Funds und andere Finanzunternehmen. Beide sind sich sehr ähnlich. Sie abstrahieren die Welt und ziehen Geld aus ihr, ohne selbst etwas beizutragen. Die jüngste Rezession wurde im Wesentlichen durch falsche Anwendung von crowd computing ausgelöst.

SZ: Handelt es sich beim “Digitalen Maoismus” nicht einfach um eine Weiterentwicklung des Kapitalismus?

Lanier: Die extremen Formen von Kapitalismus, die man online findet, ähneln den Strukturen des Maoismus. Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei. Im Gegensatz zu Marx und den meisten Marxisten verachtete Mao die Intellektuellen und glorifizierte die Bauern. Abraham Maslows “Bedürfnispyramide” ist hier ganz hilfreich: Bevor wir uns höheren Bedürfnissen widmen, müssen die Menschen erst einmal ihren Hunger stillen. Unter Mao wurden alle, die die Pyramide ein Stück hochgeklettert waren, wieder hinabgestoßen und auf die Felder geschickt. Die heutige Online-Kultur tut im Prinzip genau dasselbe. Musiker sollen ihre Musik verschenken, sie können ja mit Konzerten und T-Shirts Geld verdienen. Journalisten sollen umsonst schreiben, dann werden sie vielleicht in eine Talkshow eingeladen oder können ihre Bücher verkaufen. Statt der avanciertesten geistigen Arbeit wird eine primitivere, physischere Leistung belohnt. Das kehrt die kulturelle Entwicklung der Menschheit um.

SZ: Von dem Konflikt mit China einmal abgesehen, hat man den Eindruck, dass die Macht von Google immer klarer erkannt wird.

Lanier: Das Interessante ist, dass die chinesische Regierung und Google ganz ähnliche Ziele haben: Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft. Google muss sich reformieren. Es ist wie ein Organismus ist, der sich von seinem eigenen Körper ernährt. Es geht eine Weile lang gut, aber dann ist das Verhungern unausweichlich. Statt nur Anzeigen zu verkaufen, muss es anfangen, Geld zu verlangen für die Inhalte, die es anbietet, und dieses Geld an die Autoren auszuzahlen. Sonst ist die Zivilisation, die es im Internet verfügbar machen will, irgendwann tot.

DIGITAL MAOISM: The Hazards of the New Online Collectivism By Jaron Lanier

The Edge http://www.edge.org/conversation/digital-maoism-the-hazards-of-the-new-online-collectivism

Jaron Lanier und Musik siehe Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=gZ2qWUG1qI8

Doping – Wie man zum Schwein wird

Doping Wie man zum Schwein wird

03.08.2013 ·  Lüge, Betrug, Rücksichtslosigkeit: Erik Zabel ist ein Musterbeispiel für den Sportprofi, der nach einer überholten Moral leben soll. Mit dem Spielerischen am Sport sind auch die Maßstäbe verlorengegangen.

Von Volker Schürmann

Animal Farm - Aufstand der Tiere - o
Fairness gepredigt, Foulspiel praktiziert: Chefschwein Napoleon, aus dem Film Animal Farm /DDP image service
er über den Sport in dieser Welt sprechen, gar streiten will, kann nicht nur über den Sport reden. Es gab Zeiten, da galt Sport als Spiel. Bekanntlich gibt es zwei Sorten von Spielverderbern. Zum einen diejenigen, die nicht ernsthaft spielen und gar nicht gewinnen wollen. Die tun nur so, als ob sie spielen – dabei tun sie etwas anderes, zum Beispiel die ganze Zeit reden beim Spielen. Einige verbrämen das auch noch als Geselligkeit. Zum anderen diejenigen, die zu ernsthaft spielen und nur gewinnen wollen. Die tun nicht einmal so, als würden sie spielen. Einige verbrämen das auch noch als gesunde Härte.Als der Sport, frühneuzeitlich, noch ein Gentlemen-Vergnügen war, gab es wenig Spielverderber. Der nötige Ernst war gewahrt, denn man ließ gewinnen und wettete auf den Sieger. Aber zu ernst wurde es auch nicht, denn für den Ernstfall wählte man das Duell. Wer dagegen Sport trieb, der musste die Grazie wahren; es war verpönt, sich allzu sehr für den Sieg anzustrengen, gar vorbereitend zu trainieren, denn das dokumentierte, dass man das Preisgeld, nicht aber das Vergnügen suchte. Und das haben Gentlemen nicht nötig.

Jeder Fortschritt hat seinen Preis

Heute gibt es im öffentlich sichtbaren, nicht bloß privaten, Sport kaum noch die Spielverderber, die nicht ernsthaft gewinnen wollen oder müssen. Als es offiziell Amateure gab, mag das noch anders gewesen sein. Amateur im Leistungssport zu sein, muss man sich leisten können. Sport soll aber offen für alle sein, und deshalb haben solche feudalen Überreste des Gentlemen-Vergnügens heute zum Glück ausgespielt. Man lobt ihn nicht gerne, aber dass der Amateurparagraph unter der Ägide von Samaranch im olympischen Sport abgeschafft wurde, hat ersichtlich einen Anachronismus beseitigt.

Freilich, und so viel Dialektik der Aufklärung muss sein: Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Alles spricht sogar dafür, dass das damalige IOC an diesem Preis, nicht aber am historischen Fortschritt interessiert war. Seitdem jedenfalls kann im olympischen Sport ganz ungehemmt dem Erfolg gefrönt werden. Man darf getrost unterstellen, dass Samaranch, ein gestandener Franquist und demokratischen Anliegen gänzlich abhold, persönlich manch melancholische Phase durchgemacht hat, alte Adelszöpfe des Olympismus abschneiden zu müssen.

Aber was ist mit jenen Spielverderbern, die einstmals zu ernsthaft Sport trieben? Aller Anschein spricht dafür, dass der Sport kein Spiel mehr ist – und man ihn folglich nicht dadurch verdirbt, zu ernsthaft zu spielen, sondern dass man ihn dadurch verdirbt, ihn nicht so ernsthaft wie irgend möglich zu betreiben. Sport zu ernsthaft spielen zu können, das war gestern. Heute wird man daher gelegentlich auch zum Schweinsein genötigt, und es ist nur konsequent, dass es nunmehr Bereiche des Sports gibt, in denen man ein Schwein sein muss und sich dabei nicht erwischen lassen soll.

Sport ist kein Spiel mehr, sondern Geschäft

Dass der Sport kein Spiel mehr ist, sondern ein Geschäft geworden ist, wie wir so sagen, hat nicht als solches damit zu tun, dass mit ihm Geld verdient wird. Man schreibt ja auch nicht deshalb schon Kitsch, weil man mit seinem Roman Geld verdient. Dass man mit dem Sport Geld verdienen kann – das ist doch schön! Massenmedien wie das Geld sind vermutlich keine notwendigen Bedingungen, aber doch immerhin ganz ordentliche Voraussetzungen für einen Sport für alle. Wer da die Nase rümpft, zeigt nur, dass er sie zu hoch hält.

Dem Sport ist, allem Anschein nach, das Spielerische verloren gegangen. Und das ist nicht eine Frage des Geldes, sondern eine Frage seiner Organisationsform. Wie sich einige von uns sich noch erinnern mögen, sollten wir damals, als der Sport noch als Spiel galt, unterscheiden zwischen „Erfolg“ und „sportlich-fairem Erfolg“. Es ist ja keine Kunst, gegen einen von vornherein schwächeren Spieler zu gewinnen – deshalb ist die Regelung der Gewichtsklassen entstanden. Heute ist so etwas nur noch eine Hürde, die durch Ranhungern und Randopen genommen werden will.

Damals machte es, das Grundverständnis von Sport beim Wort genommen, keinen Lustgewinn, beim Marathon eine Abkürzung zu laufen und sich nicht erwischen zu lassen. Man wollte schließlich wissen, ob man besser ist als der Konkurrent – und das weiß man nur, wenn man auf eine bestimmte, nämlich sportliche Art gewinnt. Das weiß man nicht, wenn man bloß gewinnt, denn dann könnte man einfach das klügere Schwein gewesen sein. Heute zählt der Erfolg als solcher, und manche müssen höchstens noch ein paar Jahre zittern, ob ihnen das Armstrong-Schicksal droht.

Heute ist es nur süß, und eine eigene Marke, wenn Dortmunds Trainer Jürgen Klopp Stolz bekundet, dass seine Jungs mit so wenig gelben Karten durch eine Saison kommen. Im Wettkampf müssen die Raffinessen der Ferkel wohl grenzenlos sein – manchmal zieht man dann auch Fairness ins Kalkül. Dass dem Sport das Spielerische verloren gegangen ist, ist keine Frage der guten oder bösen Absichten der Beteiligten, sondern eben eine Frage seiner Organisationsform. Ein bestimmtes Verständnis von Sport zu praktizieren, ist ein kultureller Sachverhalt.

Das heißt zunächst nur: Man betreibt noch keinen Sport, nur weil man die Absicht hat, gegen einen Bus ein Wettrennen zu laufen. Die Nöte und Absichten, die Erik Zabel jetzt offen gelegt hat, zeigen exemplarisch, wie es im Sport zugeht. Aber sie belegen nicht, dass es Doping im Radsport deshalb gibt, weil viele Einzelne schändlicherweise (oder, so die anderen: verständlicherweise) die Absicht haben zu dopen. Denn immer ist es auch umgekehrt: Es gibt diese Absichten und Nöte, weil es Doping im Radsport gibt. Belässt man es bei diesem Zirkel, dann kann man nur die Einzelnen in Schutz nehmen: Was wir nicht brauchen, ist eine Moral für Helden.

Fairness ist irrelevant geworden

Zur heutigen Organisationsform des Sports gehört aber, dass solche Moral für Helden eingeklagt wird. Solange alle Beteiligten das Spiel spielen, dass das Schweinische im Sport lediglich eine Frage einzelner schwarzer Schafe ist, so lange können alle Beteiligten weiter ihr Schäfchen ins Trockene bringen. Gelegentlich braucht es Bauernopfer, reuige Sünder, Empörungsgesten, zunehmende Verrechtlichungen und anderweitige Glaubwürdigkeitsmaßnahmen. Letztendlich muss es nur funktionieren – womit man sein Geld verdient, ob mit Spiel oder mit Geschäft, ist letztlich herzlich egal.

Zur heutigen Organisationsform des Sports gehört auch, dass der Erfolg zählt, nicht aber die Art und Weise, wie er zustande kommt. Wer die Sportförderung nach der Anzahl der Medaillen steuert, dem ist offenkundig wurscht, wie diese Medaillen zustande kommen – das überlässt er der sogenannten Autonomie der Einzelverbände. Diese Irrelevanz von Fairness so offen, zudem in Geheimabsprachen mit Einzelverbänden, zu dokumentieren, war unklug. Jetzt muss man gegensteuern. Ein paar Augenblicke lang flackerten Diskussionen auf, wie die Maßnahmen anzupassen seien. Gab es ergiebige Diskussionen, warum der Staat welchen Sport wie fördern soll?

Wer will denn warum einen öffentlichen Sport als Geschäft?

Die Organisationsform des Sports zu diskutieren, wäre ein Ausstieg aus dem Hase-und-Igel-Spiel von individuellen Verantwortlichkeiten und Systemzwängen. Eine Diskussion der Organisationsform des Sports nimmt den Sport als Kulturgut in den Blick. Fraglich ist dann, welches Grundverständnis von Sport in welcher Organisationsform praktiziert und reproduziert wird, ganz diesseits der guten oder bösen Absichten der Individuen, die sich heldenhaft gegen die Systemzwänge durchsetzen oder alltäglich an solchen Zwängen scheitern.

Fraglich sind dann nicht primär die zu ergreifenden Maßnahmen für einen sauberen Sport – so, als sei schon klar, was denn ein sauberer Sport sei und dass wir alle so etwas wollten und freiwillig durch unsere Steuern mit finanzieren. Fällig ist dann die Rückfrage: Wer will denn warum einen öffentlichen Sport als Geschäft, egal ob dem das Spielerische verloren gegangen ist oder gerade weil ihm das Spielerische verloren gegangen ist?

Der geständige Doper Erik Zabel verliert gerade alle Jobs, die er im System des Radsports hatte. Das ist für ihn nicht lustig und für das System bezeichnend. Zur Situation gehört dazu, dass Zabel selbst ein Interesse haben musste, dass das System dicht hält. Dann wäre er mit seinem „Teilgeständnis“ von 2007 durchgekommen, und die Sache wäre verjährt. Schwamm drüber. Das ist mehr als ein Systemzwang, denn es ist ein handfestes Interesse an einer Organisationsform, die den Systemzwang aufrecht erhält.

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Unfälle sind dann als Unfälle zu behandeln – und das heißt auch: Wer selbst nicht dicht hält, ist draußen. Zabel wusste das, und er hat es, sei es stolz, sei es wehleidig, „trotzdem“ getan. Und wir? Wir stürzen uns auf den Fall Zabel!? So, wie wir uns schon vorher auf die vielen Fälle gestürzt haben – früher drüben, heute überall. Das Problem ist aber nicht der Einzelfall, sondern, so banal es klingt, das, wofür der Fall steht. Man muss da nicht gleich an Mafia-Strukturen und deren Schweigegelübde (Omertà) denken. Es reicht völlig, das ernst zu nehmen, was jemand wie Sepp Blatter, der Chef des Internationalen Fußball-Verbandes, auch dann noch mit geschwellter Brust verkündet, wenn niemand ihn fragt: Dass es sich bei den Sportorganisationen um die Organisationsform der Familie handelt.

Eine Familie ist wahrlich keine problemfreie Zone purer Harmonie, aber zu einer Familie gehört im Weltbild der real existierenden Sportwelt überzufällig oft, dass Probleme „zu Hause“ besprochen werden und nicht nach außen zu dringen haben. Für solche Familien gibt es keinen Schutz der Öffentlichkeit. Das hat Vorteile, weil man nicht offen legen, geschweige rechtfertigen muss, nach welchem Maßstab es dort zu Hause denn zugeht. Auch Gewalt in der Ehe ist dann „Privatsache“. Es spricht alles dafür, dass sich in der Heimlichkeit der so gehüteten Sportfamilie die Praxis des Sports als Geschäft penetrant reproduziert. Dann kann man dort nur zum Schwein werden.

Welchen Sport wollen wir?

Soll die Erinnerung an den öffentlichen Sport als Spiel nicht unrettbar zur nostalgischen Geste verkommen, dann muss die Sportfamilie ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Es muss dann darum gehen, den Maßstab dessen, wie es dort zugeht, zu diskutieren: Welchen Sport wollen wir denn? Nur zu konstatieren, wie es dort zugeht – und dabei fallweise resignativ, zynisch, missionarisch-entlarvend zu werden – bleibt gleichsam ein Freundschaftsdienst an bestehenden Familienstrukturen. Es gehört organisatorisch abgesichert, dass die Bälle zwischen Innenministerium und dem Deutschen Olympischen Sportbund über die Bande der Öffentlichkeit gespielt werden.

P.S.: Der Sport ist bloß eine Nebensache, ob eine schöne, sei dahingestellt. Das macht ihn nicht nebensächlich. Damals, als er noch als Spiel galt, war er die spielerische Inszenierung des Prinzips der Bürgerlichen Gesellschaft. Der moderne Olympismus war ein Ort der Vergewisserung, dass das Prinzip der Gleichfreiheit für alle seinen guten Sinn hat. Nur wenn nicht schon von Geburt an feststeht, wie und was jemand ist und ständisch zu sein hat, ermöglicht eigenes Tun soziale Mobilität, und nur durch aktive Herstellung gleicher Startbedingungen kann es dabei gerecht zugehen.

Der sportliche Wettkampf ist das Sinnbild dieses Versprechens. Nur wenn der Ausgang des Wettkampfs garantiert offen ist, dann kann tatsächlich die individuelle Leistung über Sieg und Niederlage entscheiden und morgen ist ein neuer Tag. Auch das war gestern. Ein Schelm, wer im Verlust des Spielerischen des Sports eine Parallele zur sozialen Schere entdecken will: TINA, diese seit Margret Thatcher so wirkmächtige Figur der Alternativlosigkeit – „There Is No Alternative!“ – kennt keine öffentliche Debatte politischer Maßstäbe.

Der Autor Professor Dr. Volker Schürmann ist Leiter der Abteilung Philosophie des Instituts für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Quelle: F.A.Z.

Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

Protokoll einer Zukunftsvision Das System versagt

11.02.2013 ·  Der Kapitalismus, in dem wir leben, hält immer noch daran fest, unser Verlangen zu kontrollieren. Deshalb wird er untergehen, wenn er sich nicht ändert, sagt die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/protokoll-einer-zukunftsvision-das-system-versagt-12057446.html

Für Shoshana Zuboff beginnt Ökonomie in unserem Verlangen, das Leben so zu führen, wie wir es uns wünschen. In „Information Civilization“, dem Buch, an dem sie gerade schreibt, will sie ausführen, wie ein sozialer Entwurf auszusehen hat, der nicht mehr auf Massenproduktion und Massenkonsum zugeschnitten ist, sondern auf die dezentralisierte Welt des Individuums. „In the Age of the Smart Machine“, 1988 erschienen, hieß ihr erstes vielgerühmtes Buch, in dem sie die technologisch geprägten Umwälzungen durch den Computer voraussagte. „The Support Economy“ wirft vierzehn Jahre später ein frühes Licht auf die Krise unseres Wirtschaftssystems.

Nach dem Philosophiestudium an der University of Chicago und der Promotion in Sozialpsychologie an der Harvard University hat Zuboff als eine der ersten Frauen ab 1981 an der Harvard Business School gelehrt und lebt seit ihrer Emeritierung in einem Landhaus in Maine. Von dort kommt sie regelmäßig nach Boston oder, genauer gesagt, nach Cambridge, wo ich sie in ihrem zweiten Zuhause, einem Hotel nahe dem Harvard Square, getroffen habe. Sie hatte mich gewarnt: „Ich bin eine langsame Denkerin.“ Aber sie hatte nichts von der ansteckenden Begeisterung gesagt, mit der sie ihre Argumente und Ideen entwickelt und in immer wieder neuen, überraschenden Bildern, Beziehungen und Zusammenhängen auf ihre Zuverlässigkeit testet.

Al Gore berichtet in seinem neuen Buch mit dem ahnungsvollen Titel „The Future“ von einer neuen Zwei-Milliarden-Dollar-Anlage, die derzeit von der National Security Agency in Utah gebaut werde und künftig in der Lage sei, jedes Telefongespräch, jede E-Mail, jede SMS, jede Google-Suche und überhaupt jede elektronische Kommunikation, ob verschlüsselt oder nicht, zwischen amerikanischen Bürgern zu überwachen und bis in alle Ewigkeit zu archivieren. Muss es einem da nicht kalt über den Rücken laufen?

Shoshana Zuboff:

Nach der Veröffentlichung meines Buches „In the Age of the Smart Machine“ habe ich „Zuboffs drei Gesetze“ erklärt.

Zuboffs erstes Gesetz lautet: Alles, was digitalisiert und in Information verwandelt werden kann, wird digitalisiert und in Information verwandelt.

Zuboffs zweites Gesetz: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.

Zuboffs drittes Gesetz: Jede Technologie, die zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert werden kann, wird, was immer auch ihr ursprünglicher Zweck war, zum Zwecke der Überwachung und Kontrolle kolonisiert. Das beschriebene Projekt bestätigt nur Zuboffs drittes Gesetz.

Neuer sozialer Entwurf

Aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen und auf ein Buch zu sprechen kommen, an dem ich gerade arbeite: „Information Civilization“. Die aufkommende globale Zivilisation bedarf eines grundsätzlich neuen sozialen Entwurfs. Was ungeheuer aufregend ist. Denn unsere institutionellen Vereinbarungen müssen komplett neu gedacht werden: die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung, auch Dinge wie unsere eigene Transparenz.

Der Überwachungsimpuls hat aber unser tägliches Leben längst kolonisiert. Die Überwachung ist subtil und verdeckt; sie ist eingebettet in Dinge, auf die wir tagein, tagaus angewiesen sind. Nur Experten, nur Informationswissenschaftler und Hacker begreifen noch, wie weit das alles fortgeschritten ist. Wir als Gesellschaft verstehen das nicht mehr.

Ohne Regeln

Die Infrastruktur für die Regelung der neuen Informationswege ist bis jetzt nur in kleinen Teilen vorhanden. Es gibt kein übergreifendes Konzept. Uns dämmert erst langsam, dass Einrichtungen, denen wir unser Vertrauen geschenkt und die wir als unsere Freunde angesehen haben, Facebook zum Beispiel oder Google, nicht nach einer neuen Logik handeln, sondern nach der altbekannten, die unseren Interessen zuwiderläuft.

Welche Richtung die Informationstechnologie einschlägt, kommt darauf an, wie einige gesellschaftliche und ökonomische Kernfragen beantwortet werden. Zurzeit geschieht das ohne Regeln und Gesetze. Die Praxis trifft jetzt die Entscheidungen. Etwas geschieht, weil Facebook, weil Google, weil die Regierung der Vereinigten Staates es so wollen. Der rechtliche Rahmen fehlt.

Ich bin trotzdem keine Pessimistin, keine Apokalyptikerin. Lassen Sie mich ein paar Umwege gehen, um das zu begründen. Meine ökonomische Analyse, wie ich es auch in meinem Buch „The Support Economy“ deutlich gemacht habe, ist nicht die eines Ökonomen. Ich gehe von der Phänomenologie des menschlichen Verlangens aus. Die Ökonomie geht aus der Gesellschaft hervor, die Gesellschaft aus der Geschichte. Gesellschaft ist die Chronik der Evolution menschlicher Komplexität, aus der wiederum menschliches Verlangen erwächst.

Psychologisches Individuum

Ökonomie beginnt mit diesem Verlangen. In der modernen Gesellschaft offenbart Verlangen sich im Konsum. Wie Wedgwood im 18. Jahrhundert verstanden hatte, dass es auf einmal neureiche Familien gab, die Porzellan wie im königlichen Haushalt wollten, gab es in Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts Pioniere, die Farmer und Krämer mit Waren versorgten, die sich vorher nur eine Elite leisten konnte. Voraussetzung dafür, das Konsumverlangen zu erfüllen, war ein erschwinglicher Preis. Henry Ford war einer der Ersten, die all die Teilchen des Puzzles zusammensetzten, bis Alfred Sloan bei General Motors die Sache noch weiter entwickelte: So wurde das 20. Jahrhundert zum Massenzeitalter.

Der ungeheure Erfolg des Modells der Massenproduktion und seines Wohlstandswachstums formte die Gesellschaft um; sie wurde komplexer als je zuvor. Und das führte zu größerer Komplexität im Verlangen, in der Arbeitsteilung und schließlich in der menschlichen Erfahrung. Trotz aller Kriege und Gewalttaten ist für mich das dramatischste Produkt des 20. Jahrhunderts jenes Wesen, das ich als psychologisches Individuum bezeichne.

Es ist unsere Last und unser Segen am Ende des Jahrhunderts, dass wir aus dem vertrauten Umfeld vertrieben wurden und auf die Frage nach unserer Identität nicht länger antworten können: Ich bin meines Vaters Sohn, ich bin meiner Mutter Tochter. Jeder von uns trägt die Last, eine eigene Antwort zu finden. Wir müssen uns allein erarbeiten, wer wir sind. So weit die Last.

Neues Bewusstsein

Der Segen besteht darin, dass jeder sich als einzigartig versteht und deshalb einen legitimen Anspruch auf Respekt vor seiner Einzigartigkeit hat. Der Respekt vor dem Individuum aber ist die Antriebskraft für die enorme Ausweitung der Menschenrechtsgesetzgebung, die sich jetzt im 21. Jahrhundert fortsetzt. Ging es früher um Religion, freie Meinungsäußerung und Wahlrecht, wird nun in jedem Bereich unseres Lebens Anspruch auf Rechte erhoben. Von Geschlecht und Sexualität bis zu physischen Fähigkeiten und zum Alter ist kein persönlicher Bereich von diesen Ansprüchen ausgenommen. Ich betrachte das als Aufblühen, als fast unbegreiflich positives Signal von Menschlichkeit. Wir halten uns für wert, in Würde zu leben.

Die Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle, scheint mit Ökonomie nichts zu tun zu haben, aber ich mache sie als Kontext geltend, in dem Ökonomie sich entwickelt. Lassen Sie es mich erklären: Wir haben ein institutionelles System aufgebaut, das perfekt auf die Erfordernisse der Massenproduktion und des Massenkonsums zugeschnitten ist und weit über die entsprechenden Firmen und Dienstleister hinausreicht. Die Logik der Massenproduktion wurde zur Grundlage unseres Erziehungssystems, unserer Krankenversorgung, aller Sphären unserer Gesellschaft. Seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kommt es aber zu einer immer heftigeren Kollision zwischen dem neuen Bewusstsein, das ich psychologische Selbstbestimmung nenne, und einem Wirtschaftssystem, das auf große Handelsvolumen, geringe Produktkosten und Standardisierung angelegt ist, eigentlich nicht anders als zu Zeiten von Henry Ford.

Zyklus der Akkumulation

Das alte Geschäftsmodell trifft nun auf eine Gesellschaft, die mehr und mehr vom neuen Individuum geprägt wird, das etwas ganz anderes will. Es ist leicht, an einen Toaster oder ein Auto zu kommen. Die Kosten für diese Waren sind gesunken. Warum? Zum Teil, weil sie für uns nicht mehr den Wert haben, den sie einmal hatten. Wir zahlen für Verbrauchsgüter nur, wie viel wir wollen. Wir wollen jetzt aber die Ressourcen, die es uns erlauben, unser Leben effektiv zu leben, oder anders gesagt: Zugang zu den materiellen und immateriellen Ressourcen zu haben, die wir brauchen, so zu leben, wie wir leben wollen. Solche Ressourcen werden aber kaum angeboten. Daher die Kollision.

Unser System befindet sich im Niedergang, und dieser Niedergang stellt den Endteil eines Zyklus der Akkumulation dar. Die fundamentale Natur des ökonomischen Werts ist im Wandel begriffen: Früher mussten Waren einen inneren Wert an sich haben, um auf dem Markt verkauft zu werden. Stattdessen ist der Wert jetzt latent in der Erfahrung jedes Individuums vorhanden und kann nur realisiert werden, wenn das Verlangen des Individuums erkannt und erfüllt wird.

Diese unterschiedlichen Werte bedürfen total unterschiedlicher Mechanismen, ökonomischer Kalkulationen und technischer und sozialer Systeme, um verwirklicht zu werden. Je hartnäckiger wir versuchen, die alten Prozesse im neuen Kontext beizubehalten, desto größere Reibungen entstehen, desto mehr an Wert bleibt unrealisiert.

Innovation, Mutation

In jedem Zyklus ist Akkumulation erfolgreich, wenn sie im Einklang mit dem Bedarf ist. Verloren geht der Einklang, wenn die alte Version des Kapitalismus sich weniger und weniger am neuen Verbraucher orientiert. Die bestehenden Einrichtungen aber sind nur in der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Sie vermögen sich nicht zu transformieren, weil sie in ihrer alten Logik gefangen sind.

Das beste Beispiel ist die Autoindustrie vor Henry Ford. Autos waren Luxusgegenstände, deren Hersteller sich gegenseitig mit immer teureren und luxuriöseren Wagen übertreffen wollten. Sie haben nicht die neue Welt gesehen, in der Normalbürger auch gern Autos gehabt hätten, aber sie sich nicht leisten konnten. Henry Ford, ein Outsider, der nichts mit der Industrie zu tun hatte, musste kommen, um mit den alten Vorgängen zu brechen und die Elemente einer vollständig neuen Logik zusammenzufügen. Niemand hatte zuvor die Idee, mehr zu produzieren, um etwas billiger anbieten zu können.

Ein System im Niedergang neigt nun dazu, den Niedergang mit Innovationen, mit kleinen Veränderungen hier und dort aufzuhalten. Seine Führungskräfte gehen nicht anders vor als die Astronomen, die im Zeitalter des Kopernikus wussten, dass die Daten nicht mehr die Theorie stützten, und daraufhin ihre Theorie zu erneuern suchten, um sie wieder mit den Daten in Übereinstimmung zu bringen, auch wenn sie dazu die verrücktesten Dinge erfinden mussten. Es hat bekanntlich nicht funktioniert. Wird nur noch von Innovation geredet, ist das ein sicheres Zeichen für den Niedergang. Und heute redet jeder von Innovation. Warum sieht es dann so düster aus? Innovation reicht nicht. Es muss zur Mutation kommen.

Dezentralisierte Wertschöpfung

Die biologische Metapher der Mutation ist durchaus angebracht, denn es geht hier um evolutionäre Prozesse. Es gibt gegenwärtig viele Mutationen, und einige davon sind sogar von Dauer, weil sie in die neue Umgebung passen, also in die Umgebung, die menschliches Verlangen in den Mittelpunkt stellt. Innovation hingegen dient lediglich dazu, ein System reparieren zu wollen, das seine Nützlichkeit überlebt hat. Systeme haben nun einmal eine begrenzte Reichweite. Das System des Managerkapitalismus mit seiner konzentrierten Organisation, hierarchischen Kontrolle und Ausrichtung auf den Massenkonsum ist an seine adaptiven Grenzen gestoßen. Innovation hält es bloß künstlich am Leben.

Wir sind am Ende des zyklischen Bogens angelangt, den der Managerkapitalismus durchs 20. Jahrhundert gespannt hat, und beginnen allmählich, Mutationen in organisatorischen Mischformen zu sehen, in Hybriden. Zudem macht sich das Ende des Akkumulationszyklus, wie es immer in der Geschichte des Kapitalismus geschehen ist, in einer Phase der Finanzialisierung bemerkbar. Das bedeutet, der Kommerzapparat ist ermattet, zieht sich von Güterproduktion und Handel zurück und benutzt das angehäufte Kapital als Basis, um mit finanziellen Instrumenten Profit zu erwirtschaften. Die Folge ist eine Kontraktion, in der Firmen finanziell gesund sind, dank Gewinnen durch finanzielle Transaktionen, aber der Wohlstand der Gesellschaft abnimmt. Soziales Chaos ist unvermeidbar.

Jetzt aber sind wir auf dem Weg in eine Welt der dezentralisierten Wertschöpfung, des distributed capitalism. Das ist keine technologische Metapher. Die Dezentralisierung geht von den Individuen aus, die nunmehr die Quelle ökonomischer Werte sind. Individuen sind aber nicht innerhalb einer Organisation zu finden, sie treten nicht in konzentrierter Form auf, sie verteilen sich über ihre dezentralisierten Lebensräume. Folglich muss sich auch der Handel dezentralisieren, um in diesen Lebensräumen Wirkung zu zeigen. Heute haben wir erstmals eine technologische Infrastruktur, die ebenso dezentralisiert ist.

Hybridformen

Nehmen wir den iPod. Was hat Steve Jobs da getan? Ich glaube, er hat es selbst nicht gewusst, und darum kann er nicht in einem Atemzug mit Henry Ford genannt werden. Ford war sich sehr bewusst, was er getan hatte. Er hat die Massenproduktionslogik erfunden und war ihr Missionar. Er wollte damit die Welt beglücken. Er verstand, dass Massenkonsum zur Massenproduktion führte. Wie ist das nun mit dem iPod? Schauen Sie sich den Niedergang der Musikindustrie an. Niemand will mehr Geld für CDs ausgeben. Warum nicht? Weil ich nicht die Songs will, die du für mich ausgesucht hast. Ich will die Songs, die mir gefallen, und mit der digitalen Infrastruktur, die mir erlaubt, Songs herunterzuladen und mit anderen zu teilen, gibt es für mich keinen Grund mehr, ein materielles Paket zu kaufen.

Ich als Individuum will meine Musik in meinem Raum hören. Die Musikindustrie hat sich derweil in ihrem Organisationsraum verkrochen. Da kommt plötzlich dieses Computerunternehmen, das nichts mit der Musikindustrie zu tun hat und sie nicht verbessern, nicht erneuern will. Es setzt einfach sein technologisches Knowhow ein und denkt sich völlig neu aus, wie Leute erschwinglich mit Musik zu versorgen sind. Das Geschäft geht draußen vom Nutzer aus, nicht drinnen von der Firma. Eine Inversion der Geschäftsperspektive findet statt. Das meine ich, wenn ich von einer neuen Basis für eine neue ökonomische Logik spreche. Ein verborgener ökonomischer Wert wird als individueller Wert im individuellen Raum realisiert. War das bei Apple eine vollständige Mutation? Nein. Viele Aspekte der Firma sind noch in der alten Logik verfangen. Apple ist ein Hybrid. Der iPod aber hat den Pfad zu einem neuen Zyklus einer neuen Form des Kapitalismus eröffnet.

Auch Google sieht in mancherlei Hinsicht wie eine Mutation aus, ist aber gleichfalls nur ein Hybrid. Woran das zu erkennen ist? Hybride wie Google lassen es zu, dass neue Formen von der alten Logik kolonisiert und infiltriert werden. Wenn Facebook zum Beispiel auf Profit aus ist, fragt es sich dann, wer der Nutzer ist, wonach er verlangt und wie das Unternehmen ihm helfen, wie es mit seinen Interessen gleichziehen kann? Es könnte sich als Plattform für Bildung, für die Krankenversorgung und viele andere Dinge empfehlen, durch die sich unsere Lebensqualität steigern ließe. Und wofür wir bereit wären, etwas zu zahlen. Facebook tut das jedoch nicht. Die Firma verschafft sich Geld nach dem alten Modell, nämlich durch Anzeigen.

Individuelles Vertrauen

Facebook schien einmal uns zu gehören. Es war unser Raum. Jetzt verstößt Facebook immer wieder gegen die ökonomische Logik des individuellen Raums, widersetzt sich unseren Interessen und zerstört unser Vertrauen. Google verhält sich nicht anders. Der Machtwille der Firma ist sichtbar geworden, auch ihre Manipulation von Algorithmen und ihre Bereitschaft zur Überwachung. Wir fühlen uns bloßgestellt, allein schon durch eine Google-Suche. Meine beiden Kinder haben Facebook innig geliebt. Heute rühren sie es nicht mehr an. Facebook, das ist für sie jetzt: die da. Und nicht mehr: wir.

Noch einmal: Ökonomischer Wert ist in jedem Individuum verborgen. Ich bin bereit, für Dinge zu zahlen, die mir helfen, ein effektives Leben zu führen. Um zu verstehen, wonach ich verlange, musst du in meinen Raum kommen, und ich muss dir deshalb vertrauen können. Wenn du meinen Raum missbrauchst, schalte ich dich ab. Dieses Verlangen und meine Bereitschaft, dafür zu zahlen, dass mein Verlangen erfüllt wird, eröffnen den nächsten großen Horizont des ökonomischen Wertes. Eine ganz neue, noch nicht kartographierte Landschaft tut sich da auf.

Der Ort des ökonomischen Werts hat sich ins Verlangen des Individuums verlagert. Wären Facebook oder Google oder Apple sich ihrer Rolle als historische Kraft bewusst, würde keiner von ihnen gegen das Interesse seiner Nutzer handeln. Denn sie wüssten, dass sie so auch künftigen Profit verringerten. In jedem Augenblick, in dem sie das Vertrauen des Individuums enttäuschen, geht ihnen Geld verloren. Ist das deutlich genug gesagt?

Protokolliert von Jordan Mejias

Wie wir mit Sprache malen

Wie wir mit Sprache malen – Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

http://www.scinexx.de/dossier-639-1.html

Wie wir mit Sprache malen
Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

Klatschen, murmeln, ticken – diese Wörter haben eines gemeinsam: Sie sind lautmalerisch. Ihr Klang gibt bereits einen Eindruck darüber, was den Inhalt des Worts ausmacht. Solche Lautbilder sind wichtiger Teil unserer Sprache und Kommunikation – und sie sind vielschichtiger und präziser als gedacht.

Wörter entstehen nicht als Tintenkleckse auf Papier sondern in zwischenmenschlicher Interaktion. Wenn wir sprechen, malen wir mit unserer Sprache. Diese Lautmalerei, manchmal als kindlich abgetan, ist in Wahrheit ein bedeutendes Ausdrucksmittel, über das alle verfügen. Wie präzise diese Lautbilder Kommunikation über sensorisches Wissen ermöglichen, haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik um Mark Dingemanse detailliert untersucht. Beim Studium von Ideophonen, anschaulich-sinnlichen Wörtern, die überall auf der Welt gebraucht werden, zeigt sich,
wie fundamental interaktiv und vielschichtig das Wesen der Sprache ist.

Der Klang der Wörter
Sprache informiert und stellt dar

Wenige Berufe sind so vertraut mit dem Wesen der Wörter wie die akademischen. Wörter sind das A und O unserer Profession. Sie halten unseren kumulativen Fortschritt fest, an ihnen wird unsere Produktivität gemessen, wenn wir Ideen mit Hilfe von Büchern, Zeitschriften und Open-access-Portalen verbreiten. Wie leicht verliebt man sich in das gedruckte Wort, in schwarze Symbole auf einem weißen Blatt mit ordentlichen Abständen, die die einzelnen Gedanken voneinander abgrenzen.

Sprache ist mehr als nur Buchstaben auf einer Seite
© SXC

Aber wie anders ist doch unser alltäglicher Umgang mit Wörtern. Wir rollen sie auf unserer Zunge, wenn wir sprechen, flüstern oder schreien. Sie werden geschmeidig, wenn wir sie vortragen, verlängern und wiederholen. Wir schmücken sie mit subtilen Meinungsschattierungen aus, wenn wir Kontrolle auf Tonhöhe, Schallstärke und Dauer ausüben. Wir integrieren sie meisterlich mit Gestik und Mimik in das, was Linguisten “kompositionelle Äußerungen” nennen.

Mehr als nur Beiwerk
Lange Zeit wurde das alles als Parasprache ausgegrenzt, als nicht Eigentliches, sondern als etwas am Rande, das uns nur ablenkt von der Wahrheit und Schärfe einer idealisierten formalen Sprache. Bei den Betrachtungen des Philosophen Gottlieb Frege über Sprache stehen ästhetische Freude und Streben nach Wahrheit in direkter Opposition.

Sprache geht immer einher mit Gesten: Hier macht der Redner deutlich einen Punkt.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Aber diese geringschätzige Ansicht ist inzwischen überholt, weil es Linguisten mehr und mehr klar wird, dass das geschriebene Wort nur ein mangelhaftes Modell für unsere wirkliche kommunikative Kompetenz ist. Sprache entstand in einer viel reichhaltigeren Umgebung und sie hat schon immer mehr für uns getan, als nur entkörperlichte Information zu liefern.

Die Menschen benutzen Sprache, um soziale Beziehungen aufzubauen, um ihre Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen und ihre Einstellungen auszudrücken. Sie informieren nicht nur, sie stellen dar. Dies erfordert eine erneute Untersuchung darüber, was Wörter leisten.

Malen beim Sprechen
Was sind Ideophone?

Will man eine neue Perspektive auf das Feld seiner Untersuchungen gewinnen, dann ist es oft am besten, radikal den eigenen Ausgangspunkt zu verändern. Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik tun das, indem sie neue Primärdaten über wenig bekannte Sprachen sammeln. In der Abteilung “Sprache und Kognition” betreiben Wissenschaftler Langzeit-Feldforschung an mehr als zwanzig Standorten überall auf der Welt.

Das Dümpeln auf den Wasser – lautmalerisch “tunjil-tunjil” im Koreanischen
© SXC

Im Laufe der letzten Jahre wurden mehrere detaillierte Untersuchungen zu Wörtern durchgeführt, die als Ideophone oder Lautbilder bekannt sind. Mit ihrer charakteristischen Lautmalerei, der Onomatopoesie, kommen diese Wörter dem “Malen beim Sprechen” am nächsten. Sie galten lange als exotische und ungewöhnliche Wörter, aber neue Untersuchungen haben gezeigt, dass sie in Unterhaltungen überall auf der Welt gegenwärtig sind und in unerwarteter Art und Weise gebraucht werden.

Es klingt wie es ist
Ideophone sind Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Bekannte Beispiele aus dem Englischen sind Wörter wie kerplop und boom, oder im Deutschen Wörter wie holterdipolter und ticktack. Aber während es in europäischen Sprachen in aller Regel nur wenige solcher Wörter gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, gibt es viele andere Sprachen auf der Welt, die über Hunderte oder gar Tausende solcher Ideophone verfügen, die ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen abdecken.

“Ticktack” und “ticken” – Lautbilder für das Geräusch der Uhr
© SXC

Beispiele dafür sind Wörter wie tunjil-tunjil – dümpeln, treiben, ulakpulak – unausgeglichene, schreckerregende Erscheinung und c’onc’on – dichtgewebt aus dem Koreanischen; oder dhdnoh – wie immerwährendes Nicken, praduk pradek – Geräusche vereinzelter kleiner Regentropfen und greep – knusprig klingend aus dem Semai, einer Sprache, die auf der Halbinsel Malaysia gesprochen wird. Aber auch mukumuku – murmelnde Mundbewegungen, fuefue für elastisch, flexibel und kpotoro-kpotoro für Gehen wie eine Schildkröte aus dem Siwu, einer Sprache, die im Osten Ghanas gesprochen wird, illustrieren das Prinzip.

Dargestellt statt einfach nur gesprochen
Bei der Analyse von auf Video aufgenommenen Unterhaltungen in solchen Sprachen sieht man, dass diese Wörter mit ihren eigentümlichen Formen und anschaulichen Bedeutungen nicht wie gewöhnliche Wörter gesprochen werden. Sie werden wie auf einer Bühne dargestellt. Sie machen Ereignisse auf eine Art und Weise lebendig, wie das gewöhnliche Wörter niemals tun.

Wenn man ihren Gebrauch beobachtet, dann bekommt man einen Eindruck davon, was Karl Bühler gemeint hat, als er schrieb: “Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

Wie male ich mit Worten?
Die typischen Merkmale von Lautbildern

Wie können die Menschen mit der Sprache malen? Die Ideophon-Systeme in den Sprachen der Welt verfügen über drei Möglichkeiten, wie Sprechen genutzt wird, um sinnliche, sensorische Bilder darzustellen. Die erste Möglichkeit besteht darin, ein Geräusch mit einem Laut zu imitieren, wie im Englischen “boom” als Geräusch einer Explosion. Dieser Typ wird als direkte Ikonizität bezeichnet. Es ist die einfachste Möglichkeit, aber auch die am meisten beschränkte. Schließlich sind nicht alle Ereignisse mit Geräuschen verbunden.

“Bumm” – das Lautbild imitiert das Geräusch
© SXC

Lange Silben für lange Ereignisse
Was aber alle Ereignisse gemeinsam haben, ist eine interne zeitliche Struktur. Hier kommt nun die zweite Möglichkeit ins Spiel: Die Struktur der Wörter kann der Struktur der Ereignisse gleichen. Diese Wörter sind “gestalt-treu” in Hinsicht auf die Ereignisse, die sie repräsentieren. Deshalb wird dieser Typ Gestalt-Ikonizität genannt. Wörter können zum Beispiel verlängert werden, um Dauer auszudrücken, geschlossene Silben können das Ende von etwas darstellen und wiederholte Silben können Wiederholungen evozieren — wie in vielen der zuvor angeführten Beispiele.

Drittens und letztens werden manchmal ähnliche Wörter für ähnliche Ereignisse gebraucht. Betrachten wir einmal die folgenden drei Wörter aus dem Semai: greep ‘Früchte kauen’, graap ‘Knuspriges kauen’, griip ‘Cassava kauen’. Sie teilen sich die gemeinsame Matrize gr_p, die man als ‘knuspriges Geräusch’ charakterisieren kann. Weil ähnliche Wörter dabei auch auf ähnliche Ereignisse passen, wird dieser dritte Typ relative Ikonizität genannt.

Lautbild oder normales Wort?
Gemeinsam konstituieren diese drei Arten der Meinungs-Assoziationen den Malkasten des Wortmalers. Sie erlauben darstellenden Wörtern wie Ideophonen, wahrnehmbare Analogien zu Ereignissen zu bilden. Aber woher weiß man, ob eine bestimmte Sprecheinheit als Ideophon – als ein Lautbild – intendiert ist und nicht als ein gewöhnliches Wort?

Wiederholte Silben – wie hier das “fuefue” für elastisch – sind typisch für Lautbilder
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Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich hier Sprachen in bemerkenswerter Weise gleichen. So klingen Ideophone in allen Sprachen außergewöhnlich, weil sie besondere Freiheiten im Hinblick auf andere Wörter genießen. Sie verfügen über eine größere Bandbreite möglicher Silbenstrukturen und Wortformen und sie sind auf bemerkenswerte Art und Weise empfänglich für spielerische Wortbildungsprozesse, wie zum Beispiel die Wiederholung von Silben oder Dehnung.

In gesprochenen Äußerungen fallen sie zudem auf, weil sie ein großes Maß an syntaktischer Unabhängigkeit aufweisen – sie folgen der Grammatik weniger streng als andere Wörter. Oft werden sie zudem als eigene Intonationseinheit produziert – herausgehoben aus dem normalen Sprachfluss. Und schließlich werden sie in vielen Sprachen mit sogenannten Quotativmarkierungen, wie zum Beispiel mit “sagen” oder “tun”, Verben eingeführt. All diese Merkmale tragen dazu bei, Ideophone als Darstellungen zu markieren, vergleichbar einem Rahmen um ein Gemälde, der uns sagt, dass wir es als Gemälde und nicht als Tapete interpretieren müssen.

Mehr als nur stilistische Schnörkel
Wie werden Lautbilder eingesetzt?

Wissenschaftler am MPI für Psycholinguistik studieren Lautbilder im Rahmen von Feldforschungen in etlichen Sprachen der Welt. Um zu untersuchen, wie diese Wörter sensorische Wahrnehmungen kodieren, benutzen sie speziell entwickelte und gestaltete Materialien. Die Menschen sollen dann deren unterschiedliche Struktur oder Beschaffenheit in ihrer Sprache beschreiben – und oft werden dabei Lautbilder benutzt.

Die Forscher erstellen auch Video- und Audio-Aufnahmen von alltäglichen Gesprächen, um zu verstehen, wie Menschen diese Wörter in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht gebrauchen – in der Situation also, in der Sprache entstanden ist und in der sie sich auch stets noch weiter entwickelt.

Durch Video-Aufnahmen fremder Sprachen analysieren die Wissenschaftler alltägliche Gespräche, in denen Lautmalereien vorkommen.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Lautbilder als Zeichen von Eloquenz
Im Verlauf dieser Untersuchungen zeigte sich, dass Ideophone keinesfalls einfach nur stilistische Schnörkel und Floskeln sind, wie man ursprünglich dachte. Stattdessen sind sie gezielt sensorische Wörter. Sie werden benutzt, um Expertenwissen während gemeinsamer Arbeit zu kommunizieren und um Erfahrungen beim Erzählen von Geschichten zu teilen und zu interpretieren. In Sprachen, die über Tausende von Lautbildern verfügen, gilt ihr Gebrauch als Zeichen höchster Eloquenz.

Herausforderungen gewähren Möglichkeiten. Ideophone fordern uns dazu heraus, Theorien und Methoden zu erneuern, und bestärken uns darin, uns von einer Betrachtung der Sprache abzuwenden, die auf ideologischen oder akademischen Traditionen gründet, um so hin zu einer Perspektive auf Sprache zu gelangen, die sich auf so umfassende Daten wie möglich bezieht. Es sollte uns eigentlich nicht überraschen, dass im sprachlichen Leben Darstellung genauso wichtig ist wie Beschreibung.

Selbst unsere eigenen Forschungsergebnisse werden nicht nur mit abstrakten Worten mitgeteilt. Wir illustrieren sie mit Gesten, präsentieren sie auf Konferenzen und bilden sie ab mit Figuren und Diagrammen. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte, scheint sich zu bewahrheiten. Aber was wir dabei möglicherweise übersehen haben, ist die Tatsache, dass unsere Wörter schon immer mit Bildern gewürzt waren.

(MPG Jahrbuch / Mark Dingemanse / Max-Planck-Institut für Psycholinguistik,28.06.2013)
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