Wie Big Data das Wahlgeheimnis aushebelt Wir wissen, wen du wählen wirst

31.08.2013 ·  Moment der Wahrheit bei Google in Berlin: Ein amerikanischer Wahlkampf-Veteran schildert freimütig, wie sich Daten zur Wählerbeeinflussung nutzen lassen. Und bittet die Datenschützer im Saal, kurz mal Kaffee trinken zu gehen.

Von Stefan Schulz

Willkommen im Big-Data-Neuland: Screenshot der Google-Seite zur Bundestagswahl.
Man muss es nicht genau wissen, es versteht sich heute von selbst. Wenn Google den Wählern hierzulande in der Woche vor der Wahl erstmals seine in vielen Ländern erprobte Wahlkarte zeigt, geht es nicht nur darum, über Wahlkreise, Kandidaten und Landeslisten aufzuklären. Google wird sich im Gegenzug in gleichem Maße dafür interessieren, wie die Wähler dieses Informationsangebot benutzen – und jeden einzelnen Klick genau analysieren. Das Angebot Googles, das darin besteht, den Wählern auf einfache Weise die 3500 Kandidaten für den Bundestag vorzustellen, ist kostenlos. Die Nutzer zahlen mit ihren Daten. So weit, so bekannt.Als am Donnerstagabend die deutsche Vertretung des Unternehmens Journalisten, Wahlkämpfer und Interessierte nach Berlin einlud, um die Google-Projekte zur Wahl vorzustellen, stand allerdings bald selbst Googles Mitarbeitern der Schrecken im Gesicht. Den Hauptvortrag hielt Julius van de Laar, der für Barack Obama im entscheidenden Bundesstaat Ohio Wahlkampf geführt hatte. Er berichtete, was man aus dem digitalen Wahlkampf in Amerika inzwischen gelernt habe. Es ging erst einmal ums Geld: „Meine Güte, 1,2 Milliarden Dollar hatten wir zur Wählermobilisierung zur Verfügung“, begann van de Laar, um gleich darauf zu sprechen zu kommen, was die amerikanischen Wahlkämpfer unter „Wählermobilisierung“ heute verstehen.

Salesman Ringing Doorbell of House

Der Kampagnenvertreter kennt den Wähler genau, denn er hat seine Daten. Eine iPhone-App gibt vor, was er sagen soll.

Die Datenschützer können jetzt kurz rausgehen

Die Ausgangslage 2012 sei schlecht gewesen. Acht Prozent Arbeitslosigkeit, 41Prozent Zustimmungsrate für den Präsidenten, „dazu eine katastrophale Performance des Kandidaten im ersten Fernsehduell“. Allein in der politischen Message habe die Obama-Kampagne klar vorn gelegen. „Mitt Romney – Killerkapitalist“, das ließ sich gut verkaufen, wie auch „General Motors am Leben, Usama Bin Ladin tot“. Die wichtigste Frage, die sich van de Laars Team in Ohio stellte, war, wie man „den Wirkungsgrad des Wahlkampfs steigern könne“, wie sich „die richtigen Wähler effektiver erreichen“ lassen – und wie man einen Bogen um die Wähler macht, die man schon verloren gab.

„Force Multiplication“ hieß das Programm, das jede Botschaft aus dem Wahlkampf ausmerzte, um Platz für „Technologie und Daten“ zu schaffen. „Es ging um Zahlen, Daten und Fakten, nicht um politische Botschaften aus den Hinterzimmern.“ Es ging um „Big Data“, worüber „zuletzt einige Texte erschienen, die die Debatte nun sehr schwer machen“, sagte van de Laar. „Die Datenschützer unter Ihnen, wenn Sie kurz raustreten wollen und sich einen Kaffee holen wollen. Kommen Sie in zehn Minuten wieder“, fuhr van de Laar fort, um darauf zu sprechen zu kommen, wie das „Micro-Targeting“, die planvolle und gezielte Wähleransprache der Obama-Kampagne, funktionierte.

„Payback, bitte einmal die Daten ausspucken“

Ausgangspunkt seien die in Amerika geführten Wählerlisten gewesen. Sie beinhalten Namen und Telefonnummern und führen auf, ob die Wähler an den demokratischen oder republikanischen Vorwahlen teilgenommen hatten. Im zweiten Schritt „haben wir uns einfach einen Haufen Daten gekauft“, sagte van de Laar. „Sie kennen Payback?“, fragte er ins Publikum. „Wir gehen da hin und sagen: ,Payback, bitte einmal die Daten ausspucken.‘“ Diese Daten, die das Einkaufsverhalten der Wähler aufzeigen, die die Payback-Bonuskarte verwenden – was van de Laar als ein Beispiel unter vielen nannte –, seien mit den Daten aus dem Wählerregister fusioniert worden.

Für jeden potentiellen Obama-Wähler wurde ein Datenbankeintrag angelegt und ständig erweitert. Auch das Verhalten im Internet war für die Wahlkämpfer von Interesse. Mit „Cookie-Targeting“ wurde das Online-Verhalten der Wähler über deren Computer ausgespäht und ausgewertet. „Social Media, Data Mining, Data Matching“ seien die Kernpunkte des Vorhabens gewesen, das sich „predictive analytics“ nennt –also auf Vorhersagen abzielte. „Wir wollten herausfinden, wer die Personen waren, die sehr wahrscheinlich nicht wählen gehen, aber uns wählen würden, wenn sie doch hingingen“, benannte van de Laar das Anliegen.

Sympathisanten-Schulung via iPhone-App

Man habe herausgefunden, dass 78 Prozent der Menschen, denen von Freunden oder Bekannten empfohlen wurde, Obama zu wählen, tatsächlich für den Demokraten stimmten. Das Team konzentrierte sich also auf eine zweite Zielgruppe: Menschen, die Obama sicher wählen würden und zusätzlich bereit seien, ihren Freunden und Nachbarn davon zu erzählen. 21000 Freiwillige habe man in den drei Wochen vor der Wahl allein in Ohio mobilisiert. Sie klopften an mehr als 800 000 Haustüren.

Eine iPhone-App gab im Wortlaut vor, wie ein Gespräch zu eröffnen und zu führen sei – und erinnerte mit Nachdruck daran, unbedingt fehlende Daten zu erfassen. „Wir wollten nicht einfach nur, dass Leute rumlaufen und mit irgendwelchen Menschen sprechen, wir wollen nachvollziehen, was genau dort passiert. Wir wollen wissen, wie die Konversationen laufen und welche Informationen wir da herausziehen können“, sagte van de Laar. Der Haustürwahlkampf sei wahlentscheidend gewesen. 750 festangestellte Mitarbeiter beschäftigte das Wahlkampfteam in Ohio, doch entscheidend sei die Arbeit der Freiwilligen gewesen.

„Die Daten waren der Wahnsinn“

Letztlich wurde eine Parallelkampagne unter dem Titel „It’s about YOU“ entwickelt. Das „YOU“ bezog sich auf die Tausenden von Freiwilligen, die den Haustürwahlkampf führten und das wichtigste Element des Wahlkampfs zur Verfügung stellten: persönliche Beziehungen zu denjenigen, die noch zu überzeugen waren. Doch nicht nur an der Haustür habe man sich direkt eingemischt. Alsbald wurde fast jeder Sympathisant zum Freiwilligen. Geholfen hat die moderne Technik: „Wir wollten, dass sich die Leute mit Facebook auf Obamas Internetseite anmelden, um einen Komplettzugriff auf deren Profildaten zu erhalten. Die Daten, die wir hatten, waren der Wahnsinn, und natürlich schauten wir sie uns an, wann es uns passte“, sagte van de Laar. Ein Raunen ging durch den Saal. Dabei hatte van de Laar den entscheidenden Trick noch nicht genannt: Wähler, die sich per Facebook auf Obamas Internetseite anmeldeten, willigten auch ein, dass die Kampagne im Namen der Nutzer Botschaften auf Facebook verbreiten durfte.

„Sie können sich vorstellen, was für ein riesiges Asset das in diesem Wahlkampf war.“ Die Möglichkeit, die digitale Kommunikation zwischen den Wählern steuern zu können, „war deutlich effektiver“ als jedes andere Bemühen im Wahlkampf, sagte van de Laar, weil dadurch „die Authentizität noch einmal deutlich gestärkt wurde“. Die Wähler konnten schlicht nicht mehr unterscheiden, wann sie es mit ihren Nachbarn oder der Kampagne zu tun bekamen. Für die Wahlkämpfer der politischen Parteien im Raum verwies van de Laar auf eine Studie von Infratest Dimap. Auch in Deutschland informierten sich Wähler vorrangig im direkten Gespräch über anstehende Wahlen. „Das, was jetzt gemacht wird, ist der Grundstein für die Zukunft, da wird der Trend hingehen“, sagte van de Laar abschließend.

Maximal legale Wege für ein besseres Targeting

In Amerika sei man allerdings schon an Grenzen gestoßen, führte van de Laar aus. Ein Zeichen des Erfolgs im Haustürwahlkampf seien die vielen Zettel gewesen, auf denen Bewohner notierten, dass sie schon längst überzeugt seien, Obama zu wählen und keine weitere Störung duldeten. Dass das Wahlrecht den Wählern Geheimhaltung zubillige, setzten van de Laars Strategen in einem Fall sogar gezielt außer Kraft. Sie wollten Nichtwähler in den Nachbarschaften in Dankesbriefen nach der Wahl enttarnen. Diesem Vorhaben, „das 25 Prozent Zuwachs“ versprach, setzte eine Morddrohung gegen Mitarbeiter der Kampagne allerdings ein frühes Ende.

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„Stalking“ nannte das die Pressesprecherin der Piratenpartei, Anita Möllering, aus dem Publikum. Der von Google mit einem Pauschalgehalt ausgestattete Journalist Tilo Jung, der Googles Videoplattformen für politische Interviews unter dem programmatischen Titel „Jung&Naiv“ nutzt, wollte von van de Laar wissen, wie mit den Daten nach der Wahl verfahren wurde und was in Deutschland möglich sei. Die Daten lägen für die nächsten Kampagnen bereit, sagte van de Laar. In Deutschland werde der Rahmen des legal Möglichen noch nicht ausgeschöpft. Es gebe „maximal legale Wege, noch deutlich stärker vorzugehen und ein besseres Targeting zu machen“. „Alles andere“, sagte van de Laar, „wäre jung und naiv.“

Diesen „Exkurs nach Amerika“ fand sogar der hiesige Google-Sprecher Ralf Bremer „kontrovers“. Und wandte sich schnell dem nächsten Programmpunkt zu, dem Online-Quiz einer Berliner Künstlergruppe und damit „einer Initiative, die wir im Rahmen unserer Seite unterstützen, anders als das, was Julius van de Laar eben vorgestellt hat“. Das klang authentisch, man würde es Bremer gern glauben. Doch er ist Sprecher des Unternehmens, das Big Data erfunden hat.

Daten-Drosselung EU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Daten-DrosselungEU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Die EU will bei der Einführung einer Datenvolumengrenze der Telekom nicht einschreiten. Aber die Kunden sollten sich wehren, empfiehlt Wettbewerbskommissarin Kroes.

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-04/telekom-kroes-datendrosselung

Ein Fall für die EU-Kommission ist die geplante Beschränkung bei Internet-Flatrates der Deutschen Telekom nicht. Das sagte EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes der Bild. Vielmehr sollten nun die Kunden “mit den Füßen abstimmen”. Wenn ein Unternehmen höhere Preise für höhere Datenmengen durchsetzen wolle, sei das normal, sagte Kroes. “Die EU wird deswegen nicht eingreifen” – aber die Kunden könnten es tun.

Kroes reagierte damit auf die jüngste Ankündigung der Telekom, die Geschwindigkeit von Internetpauschaltarifen zu drosseln, wenn eine bestimmte Datenmenge verbraucht wurde.

Die Bundesregierung brachte indessen ein Eingreifen des Bundeskartellamts ins Spiel. “Sollte sich herausstellen, dass die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt, muss das Kartellamt einschreiten”, sagte Verbraucherministerin Ilse Aigner der Bild.  Eine Beobachtung des Falls durch das Kartellamt hatte auch der Ökonom Justus Haucaup gefordert.

Aigner spricht von “Rohrkrepierer”

Außerdem müsse die Bundesnetzagentur einschreiten, falls zu erkennen sei, dass die neuen Tarife eine Gefahr für die Netzneutralität darstellten, sagte Aigner. “Anscheinend steht die Telekom auf der Leitung – sonst würde sie erkennen, dass ihr neues Geschäftsmodell ein klassischer Rohrkrepierer zu werden droht.”

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte die Telekom am Donnerstag dazu aufgefordert dafür zu sorgen, dass Nutzer auch nach Einführung der Datenvolumengrenze zu allen Angeboten im Internet gleich schnellen Zugang haben. Die Netzneutralität müsse gewährleistet bleiben. In einem Brief an Telekom-Chef René Obermann hatte er sich besorgt gezeigt über die angekündigten Änderungen in den Tarifstrukturen für die Internetnutzung.

Die Telekom verteidigte ihre Pläne. Der Konzern teile die Ziele der Bundesregierung zur Netzneutralität “voll”, erklärte ein Konzernsprecher. Die Datenvolumengrenze ziele auf Kunden, die sich besonders viel aus dem Internet herunterladen und dadurch die Netze entsprechend stark belasteten. “Die Alternative wäre gewesen, die Preise pauschal für alle Kunden zu erhöhen”, sagte der Konzernsprecher. Die Begrenzung soll nur für neue Verträge gelten, die ab dem 2. Mai abgeschlossen werden. Altverträge sollen unberührt bleiben.

 

Netzneutralität – Verstaatlicht die Telekom

Die Telekom will ihre Flatrates drosseln. Doch ist Zugang zum Internet längst eine Art Grundrecht. Was also können, was sollten wir tun, fragt Kai Biermann

http://www.zeit.de/digital/internet/2013-04/netzneutralitaet-telekom-drossel

Daten-Drosselung – “Das Kartellamt sollte den Telekom-Fall prüfen”

Wird die Telekom zu mächtig, wenn sie das Tempo im Netz bestimmt? Der Ökonom Justus Haucaup sagt: Die Wettbewerbshüter sollten den Konzern genau beobachten

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/haucap-telekom-datendrosselung

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-01/hochschulwatch-internetportal-wirtschaft

hochschulwatch

Welche Verbindungen gibt es zwischen Wirtschaft und Wissenschaft? Ein neues Internetportal will das herausfinden.

Eine neue Internetseite will Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft öffentlich machen. Auf Hochschulwatch.de sollen Professoren, Dozenten und Studenten über  Beispiele berichten, die ihnen fragwürdig erscheinen. Nutzer können eigene Texte schreiben und Dokumente hochladen.

Initiiert wurde die Seite von der Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland, dem Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS) und der Tageszeitung taz. Die taz prüft Einträge, bevor sie öffentlich gemacht werden. “Wir haben die Sorge, dass (…) Wirtschaftsinteressen immer mehr Einfluss nehmen auf das, was an den Hochschulen im Bereich von Lehre und Forschung stattfindet”, sagte die Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Edda Müller, bei der Vorstellung des Projekts.

Müller kritisiert, Kooperationsverträge zwischen Unternehmen und Universitäten müssten nicht veröffentlicht werden. Daher sei unklar, ob die Hochschulen den Unternehmen für ihr Geld Gegenleistungen einräumten. Sie befürchtet, Unternehmen könnten die Auswahl von Professoren oder die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen beeinflussen. “Der Zweck heiligt nicht die Mittel, Universitäten sind keine Werbeflächen”, sagt sie.

Studenten bemängeln zunehmende Zahl von Werbeflächen

Unternehmen entdeckten Hochschulen zunehmend als Markt, sagt auch Student Erik Marquardt, Vorstand des FZS. “Man kommt sozusagen gar nicht mehr zur Mensa, ohne auch mindestens ein Angebot für ein neues Sparkonto oder einen Handyvertrag zu bekommen.”

Als Beispiel für fragwürdigen Wirtschaftseinfluss nennt Hochschulwatch eine Stiftungsprofessur für Energiewirtschaft der Universität Köln, die von den Energiekonzernen EnBW, Vattenfall, RWE und E.on bezahlt werde. Die Hochschule reagiert gelassen auf den Start der Internetseite: “Wir finden gut, was Transparenz schafft. Auch wenn die Schlüsse des Portals andere sind als unsere”, sagte ein Sprecher Universität Köln auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Rechtliche Folgen befürchte die Universität nicht. Weiter erwähnt Hochschulwatch das Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Universität Berlin, das von Google mitfinanziert wird. Eine Sprecherin der Universität teilte mit: “Wissenschaftliche Kooperationsprojekte mit privaten Unternehmen und Verbänden unterliegen immer der Maßgabe des Präsidiums, damit die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre und die Autonomie der Universität gewahrt wird.”

Auf der Webseite sind über 400 Hochschulen aufgelistet. Das Projekt ist auf ein Jahr begrenzt. Transparency International Deutschland will die Hinweise im Anschluss auswerten.

Hinweis: Der Text wurde im Nachhinein um ein Statement der Humboldt-Universität Berlin ergänzt. Die Redaktion.

http://www.lobbycontrol.de/2013/01/hochschulwatch-neues-portal-will-fragwurdige-verbindungen-von-wirtschaft-und-wissenschaft-aufdecken/

LobbyControl Hochschulwatch:

Neues Portal will Verbindungen von

Wirtschaft und Wissenschaft aufdecken

Seit 2008 gibt es eine Kooperation zwischen der Universität Köln und dem Pharmakonzern Bayer. Wie diese Zusammenarbeit im Detail aussieht, ist jedoch unbekannt, da der Kooperationsvertrag geheim ist. Die Frage nach möglicher Einflussnahme durch Bayer kann somit nicht beantwortet werden. Eine Klage zur Offenlegung des Vertrags wurde Ende 2012 in erster Instanz abgelehnt. Der Kläger, der Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren, hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt.

Kooperationsverträge wie diese sind bei weitem kein Einzelfall. Drittmittel aus der Privatwirtschaft haben in den letzten Jahren für Universitäten an Bedeutung gewonnen. Das neue Internetportal Hochschulwatch hat sich daher zum Ziel gesetzt, Beispiele für fragwürdige Einflussnahme an Universitäten und Fachhochschulen zu sammeln. So soll ein Nachschlagewerk über die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft entstehen. Für jede Hochschule gibt es einen Wiki-Eintrag. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, ihr Wissen über Kooperationen dem Portal hinzuzufügen.

Das von Taz, dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) und Transparency International (TI) gegründete Portal reagiert damit auf die zunehmende Ökonomisierung der Bildung. Besonders die Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen sind dabei sehr intransparent. Veröffentlichungspflichten gibt es nicht. Dabei haben Lobbyisten Schulen und Hochschulen längst als Handlungsfeld für ihre erweiterte Lobbyarbeit entdeckt. Forschung und Lehre werden zunehmend mit dem Ziel beeinflusst, möglichst tiefgreifend und somit nachhaltig einzelne Sichtweisen in der Gesellschaft zu verankern. Mehr Transparenz ist daher dringend nötig. Wir sind gespannt, was für Fälle fragwürdiger Einflussnahme Hochschulwatch in diesem Jahr ans Licht holen wird.

Weitere Informationen: www.hochschulwatch.de

transparency.de :
http://transparency.de/index.php?id=1434&tx_ttnews%5Btt_news%5D=12699&cHash=ca82d06143a0e7f128a2bdec89dcb966

Reiche Zyprer, arme Deutsche

Vermögen Reiche Zyprer, arme Deutsche

11.04.2013 ·  Die Deutschen sind längst nicht so reich, wie immer gesagt wird. Auch deutsche Politiker wollen das nicht wahrhaben. Die Vermögenslage wird fleißig umgedeutet. Skandalös aber ist, dass die EZB die Daten zurückgehalten hat, bis die „Rettung“ Zyperns beschlossen war.

Von Holger Steltzner

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/vermoegen-reiche-zyprer-arme-deutsche-12144211.html

Gold-Händler pro aurum in München

Das Bild vom wohlhabenden Deutschland wird politisch gepflegt.

n diesen Daten der Europäischen Zentralbank steckt politischer Sprengstoff. Erstmals haben amtliche Stellen europaweit in repräsentativen und methodisch vergleichbaren Umfragen das Vermögen der Euro-Haushalte ermittelt. Mit einem mittleren Haushaltsvermögen von 51000 Euro sind Deutsche ärmer als Slowaken, nur halb so reich wie Griechen (102000) und fast notleidend im Vergleich mit Luxemburgern (398000) oder Zyprern (267000). Die Verteilung der Vermögen mag überraschen, aber sie ist kein Skandal, sondern beschreibt die Wirklichkeit, die aus welchen Gründen auch immer viele Politiker und Medien hierzulande mit Bedacht nicht zur Kenntnis nehmen. Skandalös aber ist, dass die EZB diese Daten zurückgehalten hat, bis die „Rettung“ Zyperns beschlossen war. Das zeigt, wie sehr die EZB in der Eurokrise selbst zum politischen Akteur geworden ist.

Die Vermögenslage passt nicht zum politisch gepflegten Bild vom wohlhabenden Deutschland, wie es so gern gezeichnet wird. In Brüssel heißt es immer wieder, Deutschland habe mit seiner Exportstärke Südeuropa in den Konsumrausch und in die Überschuldung getrieben. Dabei ist das genauso falsch wie das Märchen, Deutschland habe mehr als andere Euroländer von der Währungsunion profitiert. Im Gegenteil: Deutschland fiel nach der Euro-Einführung im Pro-Kopf-Einkommen und im Wachstum auf hintere Ränge zurück. Richtig ist auch, dass vormalige Weichwährungsländer mit dem größten Geschenk des Euro, den niedrigen Zinsen, nichts Besseres anzufangen wussten als noch mehr Schulden zu machen.

Die Deutschen werden vom Finanzamt geschröpft

Auch deutsche Politiker wollen das nicht wahrhaben. Selbsternannte Finanzfachleute wie Trittin, der Spitzenkandidat der Grünen, oder Gabriel, der Vorsitzende der SPD, stricken lieber weiter an der Legende einer angeblichen Ausbeutung des armen Südens durch den reichen Norden. Sie wollen einen Euro-Länderfinanzausgleich und fordern mehr Solidarität durch Einführung von Eurobonds. Dann müssten die von ihren Finanzämtern geschröpften Deutschen, Franzosen, Niederländer, Österreicher oder Finnen für die Staatsschulden unsolider Euroländer einstehen, ohne so reich zu sein wie Italiener, Spanier, Belgier, Malteser oder Zyprer.

Weil das nicht fair wäre, werden die Pläne für Eurobonds hoffentlich noch lange in Brüsseler Schubladen schmoren. Sicher ist das allerdings nicht. Denn die Vermögenslage wird fleißig umgedeutet. Angeblich seien die Vermögen nicht vergleichbar, weil die Immobilienwerte nicht überall im Jahr 2010, sondern teils noch im Jahr 2008 ermittelt wurden. Das gilt allerdings nur für Spanien. Außerdem seien die Haushaltsgrößen verschieden. Auch das stimmt nicht. Deutschland liegt mit etwas mehr als zwei Personen nur knapp unter dem Euro-Schnitt von 2,32.

Die angeblich üppigen Rentenansprüche der Deutschen

Manche wollen die Deutschen nun sogar mit ihren angeblich üppigen Rentenansprüchen reich rechnen. Das ist putzig. Seit wann werden in einem Umlageverfahren Vermögen gebildet? Der heimische Rentner oder Pensionär mag einen Rechtsanspruch haben, aber aufbringen muss das Altersgeld die nachwachsende Generation aus dem laufenden Einkommen. Das ist nicht vergleichbar mit Kapitalbildung über Lebensversicherung, Fonds oder Sparbuch. Deshalb wurde nur Letzteres im europäischen Vermögensvergleich berücksichtigt, genauso wie Häuser und Wohnungen abzüglich Schulden, Autos, Kunstwerken oder Schmuck.

Vielleicht weckt ja eine andere für Deutschland bittere Erkenntnis aus der Statistik diejenigen auf, die Südeuropa selbst um den Preis der Vermögensblindheit „retten“ wollen: Nirgends in der Eurozone ist das Vermögen ungleicher verteilt als in Deutschland, wie der große Abstand von Durchschnitts- zu Medianvermögen zeigt. Warum bloß?

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Als Fazit der Studie bleibt: Das Vermögen des mittleren Haushalts in Deutschland ist das niedrigste in der Währungsunion, auch als Folge der von Deutschland geführten Weltkriege und der Wiedervereinigung. Die reichsten Europäer leben in kleinen Ländern mit überdimensionierten Bankensystemen, also in Luxemburg, auf Zypern und Malta. Auch dort, wo über Kriege hinweg vererbt werden konnte, sind große Vermögen zu Hause, etwa in Belgien, Spanien, Italien, Frankreich und den Niederlanden.

Interessant ist, dass selbst in Slowenien oder der Slowakei seit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Haushalte mehr Vermögen gebildet haben als hierzulande. Des Rätsels Lösung offenbart die größte Schwäche der Vermögensbildung in Deutschland. In ehemaligen Ostblockstaaten ging oft für kleines Geld das Immobilieneigentum vom Staat auf die Bewohner der Wohnungen und Häuser über. Deshalb liegt dort der Anteil der Hausbesitzer bei 82 bis 90 Prozent, während in Deutschland nur 44 Prozent der Haushalte Wohneigentum besitzen. Noch immer tragen die meisten Deutschen ihr Geld lieber zu Magerzinsen zur Bank, obwohl sie dabei Geld verlieren, weil die Inflation höher als der Zins ist. Oft wäre es besser, Wohnungeigentum zu bilden. Denn mit Sparwille und Ausgabedisziplin bauen viele Immobilienbesitzer auf lange Sicht Vermögen auf. Hier muss man ansetzen, auch um das Vermögen in Deutschland besser zu verteilen.

 

Vermögensverteilung im Euroraum

Eine schlimme Bescherung

Amazon erwirbt Goodreads Eine schlimme Bescherung

30.03.2013 ·  Amazon hat mit dem Kauf der Leserplattform Goodreads nun alle wichtigen Buchrezensionsforen im Internet unter Kontrolle. Und solche Informationen bedeuten heute alles.

Von Andreas Platthaus

as für ein Osterei, das Amazon sich da beschert hat. Der Buchhandelsriese aus Seattle übernimmt die in San Francisco angesiedelte Leserplattform goodreads.com, auf der derzeit sechzehn Millionen Buchliebhaber Listen ihrer Bibliotheken einstellen, vor allem aber Einschätzungen der von ihnen gelesenen Bücher abgeben. Die im Januar 2007 von dem Softwareentwickler Otis Chandler und seiner Frau Elizabeth gegründete Website gestattet den Mitgliedern freien Zugang zu allen eingestellten Listen und Kommentaren; zu diesen Mitgliedern zählen allein 30.000 private amerikanische Leseclubs.Dadurch stellt Goodreads eine immense Marktmacht dar, ohne selbst Bücher zu verkaufen. Aber es wäre ein leichtes gewesen, eine solche Funktion einzurichten oder Kaufinteressenten zu einem Konkurrenten von Amazon weiterzuleiten. Die auf Goodreads abgegebenen Empfehlungen pro Buch sind im Durchschnitt weitaus zahlreicher als bei Amazon, und sie gelten als unabhängiger, weil sie aus Leidenschaft für Bücher entstehen. „See what your friends are reading“, lautet der Wahlspruch der Plattform.

Auf dem Weg zum Monopol auf Leserbewertungen

Nun aber hat Amazon für eine noch unbekannte Summe Goodreads gekauft, was dessen Gründer Chandler in einer Mitteilung an die Mitglieder als blendende Nachricht verkauft: „Wir treten der Amazon-Familie bei.“ (Unter den bereits mehr als 1700 Kommentaren der neuen Familienmitglieder finden sich nach anfänglicher Begeisterung jedoch immer mehr skeptische Stimmen, die sich vor allem um die Unabhängigkeit der Goodreads-Bewertungen Sorgen machen.
Amazon hat zugesichert, die neue Tochter in San Francisco und auch unter der Regie des Ehepaars Chandler zu belassen.

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Tatsächlich nutzt die Neuerwerbung dem Konzern nur dann etwas, wenn der Nimbus von Goodreads erst einmal erhalten bleibt. Es ist aber auch klar, was das Ziel dieser Erwerbung ist: ein Monopol auf Leserbewertungen im Internet zu erzielen. Denn solche Buchrezensionen kosten den Konzern nichts, und sie werden immer wichtiger für den Absatz.

Von Goodreads kann künftig zum Kauf direkt auf Amazon verlinkt werden. Vorrangig aber verspricht sich der Konzern zusätzliche Kunden für seinen Kindle, der in hartem Wettbewerb mit anderen E-Book-Lesegeräten wie etwa dem iPad von Apple steht.
Zur „Amazon-Familie“ gehörte bereits die Plattform „Shelfari“, die als Austauschforum über private Bücherbestände genau wie Goodreads positioniert ist, und eine Minderheitenbeteiligung an der ähnlich aufgebauten Seite LibraryThing, die aber nur 1,5 Millionen registrierte Nutzer hat. Nun besitzt der Konzern alle wichtigen Netzplattformen dieser Art. Die Riesen im Netz werden immer größer.

 

Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

Spanier ein Drittel reicher als Deutsche

Vermögensverteilung Spanier ein Drittel reicher als Deutsche

21.03.2013 ·  Haushalte in Spanien oder Italien haben oft deutlich mehr Vermögen als die in Deutschland. Das zeigt ein Bericht der Bundesbank. Ein typischer deutscher Haushalt besitzt ein Nettovermögen von 51.400 Euro.

Von Nadine Bös und Stefan Ruhkamp

ie Vermögen der Deutschen sind im internationalen Vergleich besonders ungleich verteilt. Zudem besitzen die meisten Haushalte auch deutlich weniger, als etwa diejenigen in Frankreich, Spanien oder Italien. Das zeigen die Ergebnisse einer Umfrage der Deutschen Bundesbank unter gut 3500 Haushalten. Demnach beträgt das Nettovermögen – dazu zählen unter anderem Geld, Immobilien und Autos abzüglich der Schulden – im Durchschnitt 195.000 Euro. In Spanien liegt dieser Wert bei 285.000 Euro und in Frankreich bei 229.000 Euro. Die Masse der Deutschen kann von solchen Werten ohnehin nur träumen. Denn wegen der besonders ungleichen Verteilung verfügt ein typischer deutscher Haushalt nur über 51.400 Euro. Das ist der sogenannte Medianwert – das heißt, eine Hälfte ist reicher, eine Hälfte ist ärmer. In Frankreich liegt dieser Wert bei rund 114.000 Euro, in Italien bei rund 164.000 Euro.Die mit Spannung erwartete Studie ist Teil eines Projekts, an dem alle 17 nationalen Notenbanken des Eurosystems teilnehmen. Die Gesamtergebnisse hat die Europäische Zentralbank bislang noch nicht veröffentlicht, obwohl die Daten vorliegen. In Notenbankkreisen wird geargwöhnt, die brisanten Daten sollten unter Verschluss gehalten werden, bis das Stabilisierungsprogramm für Zypern in trockenen Tüchern sei. Die EZB betont dagegen, dass die Statistiker noch Zeit für die Feinarbeiten bräuchten. Eine Veröffentlichung des Gesamtergebnis sei für die erste Jahreshälfte geplant.

Auch die Bundesbank scheint sich der Brisanz der Daten über die Ungleichverteilung der Vermögen bewusst zu sein. Daten etwa aus Zypern oder Portugal sind gar nicht Teil der Analyse. Bei der Vorstellung der Studie verwenden die Statistiker zudem große Mühe darauf, Erklärungen anzubieten: Die Höhe der Durchschnittsvermögen hänge in den einzelnen Ländern stark von der Verbreitung privaten Immobilienbesitzes ab.

Auch die Ungleichverteilung werde davon beeinflusst. Wer ein Haus besitze, unterwerfe sich einer Art Zwangssparen und baue früher und mehr Vermögen auf, lautet vereinfacht beschrieben die Botschaft der Bundesbank. In Deutschland liege der Anteil derjenigen, die im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung leben, jedoch nur bei 44 Prozent, in Frankreich dagegen bei 57,9 Prozent und in Spanien gar bei gut 82 Prozent.

Auch die deutsche Wiedervereinigung und der Einkommenstransfer in die neuen Bundesländer seien Gründe für die relativ niedrigen Vermögen in Deutschland. Betrachtet man allein Westdeutschland, dann beträgt das Durchschnittsvermögen wie in Frankreich rund 230.000 Euro und der Median knapp 79.000 Euro ähnlich wie in Österreich, wo der Immobilienbesitz genauso selten ist wie hierzulande. Umso geringer sind die Vermögen im Osten Deutschlands, wo die Haushalte im Durchschnitt ein Nettovermögen von 67.000 Euro haben und im Median nur 21.400 Euro.

Die ungleiche Verteilung der deutschen Vermögen drückt sich auch in der starken Konzentration an der Spitze aus. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte verfügen über fast 60 Prozent der Nettovermögen. Um zur Gruppe des reichsten Zehntels zu gehören, braucht es in Deutschland gut 440.000 Euro. Das sei eine deutlich stärkere Konzentration als in der Verteilung der Einkommen, heißt es in der Studie der Bundesbank. Die reichsten 10 Prozent der Haushalte kommen auf die Hälfte der Bruttoeinkommen, aber nur auf knapp ein Drittel der Nettoeinkommen.

Mit der Umfrage der Bundesbank bietet sich Forschern und Sozialpolitiker ein reicher Fundus an Daten. Die Notenbanker wissen jetzt zum Beispiel, dass Mieter in der Regel wesentlich ärmer sind als Hausbesitzer, junge Menschen ärmer als relativ alte, aber etwas reicher als Greise. Sogar über die regionalen Ausgaben für Autos und andere Gebrauchsgüter geben die Statistiken Auskunft: In Ostdeutschland hat dieser Teil des Vermögens einen Wert von rund 8000 Euro, in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg sind es knapp doppelt so viel. Die Liste der Daten ließe sich über das Aktienvermögen Alleinerziehender bis zum Riestersparen der Teenager verlängern.

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