Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

Gerd Gigerenzer „Risiko“, ein Vorabdruck (1) F.A.Z.

Gerd Gigerenzer: „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“. C. Bertelsmann Verlag, 400 S., gebunden, 19,99 €, erscheint am 18. März.

„Risiko“, ein Vorabdruck (2) Wir sind alle blöd wie Einstein

14.03.2013 ·  Wir leben in einer Gesellschaft, die das Risiko scheut. Doch das verhindert Innovation. Ein Plädoyer für eine Kultur, in der man sich zu seinen Fehlern bekennen darf, um aus ihnen zu lernen.

Von Gerd Gigerenzer

Albert Einstein
Auch die klügsten Köpfe lassen sich gelegentlich austricksen. Max Wertheimer führte Albert Einstein mit einer Knobelei hinters Licht.
Die Risikoscheu ist eng mit der Angst vor Fehlern verknüpft. Wenn Sie im mittleren Management eines Unternehmens beschäftigt sind, kreist ihr Leben vermutlich um die Angst, etwas falsch zu machen und dafür gerügt zu werden. Ein solches Klima ist nicht innovationsfreundlich, denn Originalität setzt voraus, dass man auf dem Weg dorthin Risiken eingeht und Fehler macht. Keine Risiken, keine Fehler, keine Innovation!Risikoscheu wird schon in der Schule gefördert, wo man den Kindern abgewöhnt, eigene Lösungen für mathematische Probleme zu finden und dabei möglicherweise Fehler zu machen. Stattdessen teilt man ihnen die Antwort mit und überprüft, ob sie sich die Formel einprägen und sie anwenden können. Es geht nur darum, dass sie für den Test lernen und möglichst wenige Fehler machen. So zieht man keine großen Denker heran.Ich verwende den Begriff „Fehlerkultur“ für eine Kultur, in der man sich offen zu Fehlern bekennen kann, um aus ihnen zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden. Beispielsweise ist einer der großen Vorzüge der amerikanischen Kultur ihr Hang zu „Versuch und Irrtum“, mit geringer Scheu vor dem Misslingen. Zur Beruhigung von Lesern mit ausgeprägter Angst vor Fehlern folgt hier eine Geschichte, die zeigt, dass sich auch die klügsten Köpfe austricksen lassen.

Weitere Artikel

Albert Einstein (1879-1955) und Max Wertheimer (1880-1943) waren eng befreundet seit ihrer gemeinsamen Zeit in Berlin, wo Einstein Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, dem späteren Max-Planck-Institut für Physik, und Wertheimer einer der Begründer der Gestaltpsychologie war. Beide flohen Anfang der 30er Jahre vor den Nazis und gingen ins amerikanische Exil, Einstein nach Princeton und Wertheimer nach New York. Sie pflegten ihre Freundschaft durch einen Briefwechsel, in dem Wertheimer seinen Freund mit kleinen Denksportaufgaben unterhielt.

Wertheimer nutzte seine Kenntnisse über Denkgesetze, als er versuchte, Einstein mit der folgenden Knobelei hinters Licht zu führen: „Ein altes klappriges Auto soll einen Weg von 2 Meilen fahren, einen Hügel hinauf und hinunter. Die erste Meile – den Anstieg – kann’s, weil’s so alt ist, nicht rascher fahren als mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Meilen pro Stunde. Frage: Wie rasch muss es die zweite Meile laufen – beim Herunterfahren kann’s natürlich rascher vorwärtskommen -, um eine Gesamtgeschwindigkeit (für den Gesamtweg) von 30 Meilen pro Stunde zu erzielen?“

Wertheimers Aufgabe legt den Gedanken nahe, dass die Antwort 45 oder 60 Meilen pro Stunde sei. Aber es existiert keine derartige Antwort. Selbst wenn die alte Klapperkiste wie eine Rakete den Berg hinunterschießen wurde, käme sie nicht auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde. Wenn Sie es nicht sofort herausgefunden haben, lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen: Einstein schaffte es auch nicht. Er gestand, dass er seinem Freund bei dieser Knobelaufgabe auf den Leim gegangen war: „Erst durch Rechnung merkte ich, dass für den Herunterweg keine Zeit mehr verfügbar bleibt! Solche Witzchen zeigen einem, wie blöd man ist!“

Gestaltpsychologen lösen Probleme, indem sie die Frage so lange umformulieren, bis die Antwort klar wird. Und das geht so: Wie lange braucht das alte Auto, um oben auf dem Hügel anzukommen? Die Straße nach oben ist eine Meile lang. Der Wagen fährt mit 15 Meilen pro Stunde, also braucht er vier Minuten (1 Stunde geteilt durch 15), um die Spitze zu erreichen. Wie lange braucht der Wagen den Hügel rauf und runter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde? Die Straße rauf und runter ist zwei Meilen lang. Dreißig Meilen pro Stunde entspricht zwei Meilen in vier Minuten. Folglich musste das Auto die ganze Strecke in vier Minuten zurücklegen. Doch diese vier Minuten sind bereits für den Weg den Hügel hinauf aufgebraucht.

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„Risiko“, ein Vorabdruck (3) Nächste Ausfahrt Liebesglück

15.03.2013 ·  Was für ein Risiko: Sich auf einen Partner festzulegen, obwohl man all die anderen potentiellen Kandidaten da draußen nicht einmal kennt. Abhilfe verspricht die 37-Prozent-Regel.

Von Gerd Gigerenzer

Ehescheidung - meist von der Frau eingereicht
In jungen Jahren schlug Benjamin Franklin für die Wahl einer Geliebten eine Faustregel vor, die er als „paradox“ bezeichnete: Bei Liebesaffären sollte man sich lieber an ältere als an jüngere Frauen halten. Um Gründe zur Rechtfertigung war Franklin nicht verlegen: Ältere Frauen seien erfahrener und verschwiegener, ihre Gespräche seien erbaulicher, man brauche keine Schwangerschaften zu befürchten, und nicht zuletzt könne man mit Dankbarkeit rechnen.Franklins Bilanzmethode setzt voraus, dass alle Kandidaten bekannt sind. Von geschlossenen, kleinen Gemeinschaften abgesehen, ist das selten der Fall; normalerweise finden neue Begegnungen in zeitlicher Abfolge statt. Aus diesem Grund können wir unmöglich wissen, wer uns noch über den Weg läuft, nachdem wir uns für einen Partner entschieden haben. Doch wenn wir ewig warten, verprellen wir vielleicht andere, die jemand anderen heiraten, bevor wir sie erneut in Betracht ziehen können.So stellt sich die Frage, wann man einen Antrag machen soll. Die klassische Version dieser Frage ist das sogenannte Mitgiftproblem: Sultan Saladin sucht nach einem Weisen als Berater. Um einen Kandidaten zu testen, verspricht der Sultan ihm die Frau mit der größten Mitgift in seinem Sultanat zur Frau, vorausgesetzt, er kann sie in einer Gruppe von 100 schönen Frauen herausfinden.

Die Qual der Wahl

Wenn nicht, wird er den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Nacheinander betreten die Frauen den Raum, in zufälliger Reihenfolge. Der Weise fragt die erste nach ihrer Mitgift und muss augenblicklich entscheiden, ob er sie wählt oder nicht. Wenn nicht, betritt die nächste Frau den Raum, und so fort, bis er eine wählt. Der Weise kennt die Größenordnung der Mitgiften nicht und kann nicht auf eine Frau zurückkommen, die er bereits abgelehnt hat.

Welche Strategie verspricht die beste Aussicht, die Frau mit der größten Mitgift auszuwählen? Man möchte den Weisen bedauern, weil all seine Hoffnungen auf Ruhm und Reichtum vergebens sind. Schließlich scheinen doch die Chancen, die Beste auszuwählen, nur 1:100 zu stehen. Doch wenn er intelligent ist, kann er mit der folgenden Strategie weitaus besser fahren: 37-Prozent-Regel: Lass die ersten 37 Frauen passieren und merke dir die bis dahin höchste Mitgift. Dann wähle die erste Frau, die eine noch höhere Mitgift hat. Diese Regel erhöht die Gewinnchance von 1:100 auf rund 1:3. Das ist keine Gewissheit, aber der Weise hat nun doch bessere Aussichten, eine Frau und eine Stellung zu bekommen.

Die 37-Prozent-Regel ist mathematisch elegant, weil die Zahl der Optionen, die man passieren lässt, gleich N/e ist, wobei N die Zahl der Alternativen (in unserem Beispiel 100) und e (~ 2,718) die Basis des natürlichen Logarithmensystems ist. Als man jedoch in Versuchen das Mitgiftproblem (auch als Sekretärinnenproblem oder Heiratsproblem bezeichnet) lösen ließ, trafen die meisten Teilnehmer ihre Wahl, lange bevor Kandidatin 37 erschien.

Ungewissheit hilft

Ist daraus zu schließen, dass die Menschen ungeduldig sind und ihren Ehepartner zu früh wählen? Ich glaube nicht. Unser Denken wird von der Partnerwahl in der Wirklichkeit geprägt, die sich in wichtigen Punkten vom Mitgiftproblem unterscheidet. Wir können nicht jede Person einfach nach ihrem „Partnerwert“ fragen; der „Wert“ ist durch hohe Ungewissheit geprägt – wie hoch, finden Sie unter Umständen erst Jahre später heraus. Die einen suchen nach charakterlichen Vorzügen wie Intelligenz und Humor, die anderen nach körperlichen wie der Kiefergröße beim Mann oder dem Taille-Hüfte-Verhältnis bei der Frau. Letztlich beruht der Erfolg einer Beziehung jedoch auf dem Verhalten beider Partner. Wie vollkommen Ihr Partner ist, hängt davon ab, wie vollkommen Sie sind. Statt also vom perfekten Partner zu träumen, sollten Sie vielleicht nach jemandem suchen, der „gut genug“ für Sie ist, und diesen Menschen auch wertschätzen. Wenn wir das Mitgiftproblem auf eine ungewisse Welt anwenden, geschieht etwas Interessantes. Ungewissheit hilft. Es ist nicht mehr erforderlich 37 Prozent aller Partner zu prüfen. Weit weniger genügen, rund 10 Prozent, während das Befolgen der „optimalen“ 37-Prozent-Regel zu schlechteren Ergebnissen führt und mehr Zeit kostet. Faustregeln, die schnelle Entscheidungen ermöglichen, decken sich mit den tatsächlichen, von Demographen beobachteten Mustern der Partnerwahl. Wie so oft ist weniger mehr in einer ungewissen Welt. Egal, wie hoch der Prozentsatz ist, wir haben jetzt eine allgemeine Regel für gute Entscheidungen dieser Art gefunden. Herbert Simon hat sie Satisficing (Anspruchserfüllung) genannt: 1. Lege dein Anspruchsniveau fest. 2. Wähle die erste Alternative, die dein Anspruchsniveau erfüllt, und beende dann deine Suche.

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„Risiko“, ein Vorabdruck (4) Menschen können nicht mit Geld umgehen

15.03.2013 ·  Zinsen zum Grinsen: Sowohl Ältere als auch Jüngere können auf gerissene Tricks von Anlageberatern hereinfallen. Wer nicht aufpasst, wird seine Schulden nie mehr los.

Von Gerd Gigerenzer

Der moralische Käufer kauft lieber gar nicht als zu billig
ie haben 3000 Euro Schulden. Sie zahlen einen Nominalzinssatz von 12 Prozent im Jahr. Jeden Monat zahlen Sie 30 Euro ab. Wann haben Sie die Schulden getilgt?In a) weniger als fünf Jahren (15 Prozent) (b) fünf bis zehn Jahren (31 Prozent) c) 11 bis 15 Jahren (18 Prozent) d) 16 bis 20 Jahren (10 Prozent) e) nie (26 Prozent)?Diese Frage stellten wir mehr als 1000 Deutschen, die 18 oder älter waren. Die Zahl in Klammern gibt an, wie viel Prozent von ihnen sich für die jeweilige Antwort entschieden haben. Fast die Hälfte glaubte, die Schulden würden in weniger als fünf oder zehn Jahren abgezahlt sein. Tatsächlich würde es den Schuldnern nach Unterzeichnung dieses gerissenen Vertrags nie gelingen, ihre Schulden loszuwerden.

Eigentlich lässt sich das ziemlich leicht herausfinden. Die Bank nimmt 12 Prozent Zinsen auf die gesamte Schuldsumme, das sind jedes Jahr 360 Euro. Der Schuldner zahlt 30 Euro pro Monat, die addieren sich ebenfalls zu 360 Euro im Jahr. Beide Summen sind gleich, was heißt, dass der Schuldner nur die Zinsen zurückzahlt und nie in der Lage sein wird, mit der Abzahlung der Schuld zu beginnen. Nur ein Viertel der Deutschen begriff, dass sie ewig zahlen würden.

Ein Fußballspiel braucht mehr Zeit

Die Jungen waren ebenso ahnungslos wie die Alten; den einzigen Unterschied machte der Fernsehkonsum. Mit jeder Stunde, den die Befragten pro Tag vor dem Fernsehapparat verbrachten, sank die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Antwort wussten.

Bei Entscheidungen über Investitionen sind Bankkunden häufig völlig ahnungslos und vertrauen einfach ihren Anlageberatern. Nach einer Beratung, für die man sich weniger Zeit nimmt als für ein Fußballspiel, setzt manch einer sein Vermögen aufs Spiel. Viele der NINJAs (no income, no job, no assets – „kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen“), die in der Hypothekenkrise alles bis aufs letzte Hemd verloren, waren sich noch nicht einmal bewusst, dass ihre Zinssätze variabel und die anfänglich niedrigen Zinsen nur Köder waren. Möglicherweise hatten sie gemeint, ihre Raten seien fix wie bei Autokrediten. So waren sie eine leichte Beute für einige Banker, die sie beschwatzten, ein Darlehen für ein Haus aufzunehmen, das sie unmöglich zurückzahlen konnten.

Doch wie wir gesehen haben, könnten nicht nur ganz normale Leute, sondern auch eine Menge Experten von mehr Finanzkompetenz profitieren. Erst wenn wir der nächsten Generation den intelligenten Umgang mit Geld vermitteln, können wir sie gegen so durchsichtige Ausbeutungsversuche wappnen. Warum unterrichten wir dann keine Finanzkompetenz in der Schule? Ein entsprechender Lehrplan ließe sich nach den gleichen Prinzipien organisieren wie derjenige für Gesundheitskompetenz. Der Unterricht könnte verschiedene Fähigkeiten und Themen rund ums Geld vermitteln: wie man sein Taschengeld einteilt, wie man mit Handyrechnungen und Schuldenfallen umgeht und welchen Wert Geld im Leben der Schüler und in anderen Kulturen hat.

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http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/risiko-ein-vorabdruck-1-so-wird-das-wetter-12112346.html

Denkstücke für mehr Aufklärung

Die ökonomische Entscheidungstheorie verkauft uns seit Jahrzehnten für dumm. Entweder sie entwickelt Modelle des rationalen Handelns, die beim Entscheider riesige Rechenkapazitäten, perfekt geordnete Zielvorstellungen und hochgradige Informiertheit voraussetzen. Oder sie spricht von „bounded rationality“, beschränkter Rationalität, um Abweichungen von diesen Idealen zu beschreiben, die Alltagsdummheit gewissermaßen und die Kurzschlüsse, zu denen wir, weil wir nicht rechnen wollen oder können, gezwungen sind.

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am dortigen Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, sieht es umgekehrt. Für ihn kommen gute Entscheidungen und richtige Lösungen oft gerade dadurch zustande, dass auf Informationen, auf komplexe Entscheidungsregeln oder auf mehr Berechnungen verzichtet wird. Im Laborexperiment irren sich Amerikaner bei der Frage „Welche Stadt ist größer: San Francisco oder Austin?“ öfter als Deutsche, weil Amerikaner auch Austin kennen, die Deutschen aber nach dem Bauchgefühl antworten: „Die bekanntere Stadt wird auch die größere sein“. Also ist es für die Theorie wie für die Praxis der Entscheidungen von Belang, wann mehr Information besser ist und wann nicht.

Gigerenzer erforscht die Tauglichkeit solcher Bauchgefühle und Daumenregeln (Heuristiken). Außerdem interessiert ihn, welche Art von Informationen, zum Beispiel welche Art von Zahlen die Qualität des Entscheidens erhöht. Sein Buch „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“, das am 18. März in den Buchhandel kommt und aus dem wir in den nächsten Tagen kurze Denkstücke vorab drucken, ist darum auch ein Plädoyer für statistische und mathematische Aufklärung. Denn unsere Schulen entlassen die Jugendlichen mit Kenntnissen über die Unterschiede zwischen „Faust I“ und „Faust II“, aber wie man eine Statistik über Brustkrebsrisiken interpretiert oder das Abzahlungsschema eines Kreditvertrages, das wissen selbst die meisten Erwachsenen nicht. Oder wissen Sie, was es bedeutet, dass es morgen mit dreißigprozentiger Wahrscheinlichkeit wieder schneien wird? (kau.)

 

So wird das Wetter

13.03.2013 ·  Wir werden von morgens bis abends bombardiert mit Statistiken und Vorhersagen. Macht uns das klüger? Treffen wir deswegen schon die richtigen Entscheidungen? Fakt ist: Wir riskieren zu wenig.

Von Gerd Gigerenzer

n einer Wettervorhersage des amerikanischen Fernsehens wurden die Aussichten für das Wochenende einmal wie folgt angegeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Samstag regnen wird, beträgt 50 Prozent. Die Aussicht, dass es am Sonntag regnet, liegt ebenfalls bei 50 Prozent. Daher wird es am Wochenende mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent regnen. Die meisten von uns werden darüber lächeln. Aber wissen Sie, was es bedeutet, wenn es im Wetterbericht heißt, dass es morgen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent regnen wird? 30 Prozent von was?

Ich lebe in Berlin. Die meisten Berliner glauben, es werde morgen während 30 Prozent der Zeit regnen, das heißt sieben bis acht Stunden. Andere meinen, es werde in 30 Prozent der Region regnen, das heißt höchstwahrscheinlich nicht dort, wo sie wohnen. Die meisten New Yorker halten beides für Unsinn. Sie sind der Überzeugung, es werde an 30 Prozent der Tage, für die diese Vorhersage gemacht wurde, Regen geben, das heißt, morgen werde es höchstwahrscheinlich nicht regnen.

Sind die Leute völlig verwirrt? Nicht unbedingt. Zum Teil liegt es daran, dass viele Experten nie gelernt haben, Wahrscheinlichkeiten richtig zu erklären. Wenn sie verständlich machen könnten, auf welche Kategorie sich die Regenwahrscheinlichkeit bezieht – Zeit? Region? Tage? -, würde die Verwirrung verschwinden. Tatsächlich wollen die Meteorologen damit sagen, dass es an 30 Prozent der Tage regnet, auf die sich die Vorhersage bezieht. Und „Regen“ bezieht sich auf jede Menge oberhalb einer winzigen Schwelle, wie 0,1 Millimeter.

Auf sich selbst gestellt, suchen sich die Menschen eine Referenzklasse aus, die ihnen sinnvoll erscheint – etwa, wie viele Stunden, wo oder wie stark es regnet. Phantasievollere Befragte finden noch andere Klassen. Eine Frau in New York: „Ich weiß, was 30 Prozent bedeuten: Drei Meteorologen denken, es wird regnen, und sieben nicht.“ Ich sehe das folgendermaßen: Neue Vorhersagetechniken haben den Meteorologen die Möglichkeit gegeben, rein verbale Äußerungen der Gewissheit („Morgen wird es regnen“) oder der Wahrscheinlichkeit („Es ist möglich, dass“) durch numerische Exaktheit zu ersetzen. Aber größere Exaktheit hat nicht zu größerer Klarheit über die Bedeutung der Nachricht geführt.

Die Verwirrung bezüglich der Niederschlagswahrscheinlichkeit hat vielmehr bestanden, seit diese in Amerika 1965 zum allerersten Mal in der Wettervorhersage genannt wurde. Diese Verwirrung ist nicht auf Regen beschränkt, sondern macht sich stets bemerkbar, wenn eine Wahrscheinlichkeit mit einem einzelnen Ereignis verknüpft wird, zum Beispiel: „Wenn Sie ein Antidepressivum nehmen, haben Sie eine dreißigprozentige Wahrscheinlichkeit, ein sexuelles Problem zu bekommen.“ Heißt das, dass 30 Prozent aller Menschen ein sexuelles Problem entwickeln oder dass Sie selbst ein Problem bei 30 Prozent Ihrer sexuellen Begegnungen haben werden?

Weitere Artikel

Die Auflösung dieses weitverbreiteten und langandauernden Wirrwarrs ist überraschend einfach: Wenn man Meteorologen beim Fernsehen beibringen würde, wie man den Zuschauern solche Sachverhalte vermittelt, brauchte man noch nicht einmal zu fragen. Pitschnass zu werden ist ein geringes Risiko, obwohl die Niederschlagswahrscheinlichkeit in manchen Fällen – für Autorennen etwa – durchaus eine Rolle spielt. Vor einem Grand-Prix-Rennen der Formel 1 ist eine der meistdiskutierten Fragen die Wettervorhersage – die Wahl der richtigen Reifen ist entscheidend für den Sieg.

Gleiches gilt für die Nasa: Die Wettervorhersage ist ausschlaggebend für die Entscheidung, ob der Start eines Spaceshuttle stattfinden kann oder verschoben werden muss – wie der Challenger-Unfall tragisch zeigte. Doch für die meisten Leute geht es nur darum, ob sie einen Familienausflug unnötigerweise absagen oder nasse Füße bekommen. Vielleicht missverstehen die Menschen die Niederschlagswahrscheinlichkeit nur deshalb, weil so wenig auf dem Spiel steht. Sind wir risikokompetenter, wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht?

Bauchgefühle? Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erforscht deren Tauglichkeit

Gerd Gigerenzer:  

Max Planck Institut für Bildungsforschung:

LMU – München -Festvortag

Entscheidungen treffen – tomar decisiones

La toma de decisiones y los errores que cometimos, no solo en el mundo financiero

un ejemplo (experimental y ) comparativo 😉 para aprender de paso algo de terminologia :

 

  Denkfehler, die uns Geld kosten (9)

 Die Affen sind die besten
Anleger

Nicht immer ist der bestinformierte Anleger auch der erfolgreichste.
Auch Ahnungslose können gewinnen. Das zeigen Experimente mit
Affen.Von Walter Krämer

El articulo orginal se encuentra en la F.A.Z. del 07.04.2012
Para los que se interesan sobre lo paradojico que son nuestras decisiones  “racionales”, aqui dos enlaces de los expertos Daniel ARIELY y Daniel KAHNEMANN en TED Talks (videos online en ingles)

Dan Ariely asks, Are we in control of our own decisions?

http://www.ted.com/talks/dan_ariely_asks_are_we_in_control_of_our_own_decisions.html

Daniel Kahneman: The riddle of experience vs. memory

http://www.ted.com/talks/daniel_kahneman_the_riddle_of_experience_vs_memory.html