Wie wir mit Sprache malen

Wie wir mit Sprache malen – Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

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Wie wir mit Sprache malen
Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

Klatschen, murmeln, ticken – diese Wörter haben eines gemeinsam: Sie sind lautmalerisch. Ihr Klang gibt bereits einen Eindruck darüber, was den Inhalt des Worts ausmacht. Solche Lautbilder sind wichtiger Teil unserer Sprache und Kommunikation – und sie sind vielschichtiger und präziser als gedacht.

Wörter entstehen nicht als Tintenkleckse auf Papier sondern in zwischenmenschlicher Interaktion. Wenn wir sprechen, malen wir mit unserer Sprache. Diese Lautmalerei, manchmal als kindlich abgetan, ist in Wahrheit ein bedeutendes Ausdrucksmittel, über das alle verfügen. Wie präzise diese Lautbilder Kommunikation über sensorisches Wissen ermöglichen, haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik um Mark Dingemanse detailliert untersucht. Beim Studium von Ideophonen, anschaulich-sinnlichen Wörtern, die überall auf der Welt gebraucht werden, zeigt sich,
wie fundamental interaktiv und vielschichtig das Wesen der Sprache ist.

Der Klang der Wörter
Sprache informiert und stellt dar

Wenige Berufe sind so vertraut mit dem Wesen der Wörter wie die akademischen. Wörter sind das A und O unserer Profession. Sie halten unseren kumulativen Fortschritt fest, an ihnen wird unsere Produktivität gemessen, wenn wir Ideen mit Hilfe von Büchern, Zeitschriften und Open-access-Portalen verbreiten. Wie leicht verliebt man sich in das gedruckte Wort, in schwarze Symbole auf einem weißen Blatt mit ordentlichen Abständen, die die einzelnen Gedanken voneinander abgrenzen.

Sprache ist mehr als nur Buchstaben auf einer Seite
© SXC

Aber wie anders ist doch unser alltäglicher Umgang mit Wörtern. Wir rollen sie auf unserer Zunge, wenn wir sprechen, flüstern oder schreien. Sie werden geschmeidig, wenn wir sie vortragen, verlängern und wiederholen. Wir schmücken sie mit subtilen Meinungsschattierungen aus, wenn wir Kontrolle auf Tonhöhe, Schallstärke und Dauer ausüben. Wir integrieren sie meisterlich mit Gestik und Mimik in das, was Linguisten “kompositionelle Äußerungen” nennen.

Mehr als nur Beiwerk
Lange Zeit wurde das alles als Parasprache ausgegrenzt, als nicht Eigentliches, sondern als etwas am Rande, das uns nur ablenkt von der Wahrheit und Schärfe einer idealisierten formalen Sprache. Bei den Betrachtungen des Philosophen Gottlieb Frege über Sprache stehen ästhetische Freude und Streben nach Wahrheit in direkter Opposition.

Sprache geht immer einher mit Gesten: Hier macht der Redner deutlich einen Punkt.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Aber diese geringschätzige Ansicht ist inzwischen überholt, weil es Linguisten mehr und mehr klar wird, dass das geschriebene Wort nur ein mangelhaftes Modell für unsere wirkliche kommunikative Kompetenz ist. Sprache entstand in einer viel reichhaltigeren Umgebung und sie hat schon immer mehr für uns getan, als nur entkörperlichte Information zu liefern.

Die Menschen benutzen Sprache, um soziale Beziehungen aufzubauen, um ihre Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen und ihre Einstellungen auszudrücken. Sie informieren nicht nur, sie stellen dar. Dies erfordert eine erneute Untersuchung darüber, was Wörter leisten.

Malen beim Sprechen
Was sind Ideophone?

Will man eine neue Perspektive auf das Feld seiner Untersuchungen gewinnen, dann ist es oft am besten, radikal den eigenen Ausgangspunkt zu verändern. Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik tun das, indem sie neue Primärdaten über wenig bekannte Sprachen sammeln. In der Abteilung “Sprache und Kognition” betreiben Wissenschaftler Langzeit-Feldforschung an mehr als zwanzig Standorten überall auf der Welt.

Das Dümpeln auf den Wasser – lautmalerisch “tunjil-tunjil” im Koreanischen
© SXC

Im Laufe der letzten Jahre wurden mehrere detaillierte Untersuchungen zu Wörtern durchgeführt, die als Ideophone oder Lautbilder bekannt sind. Mit ihrer charakteristischen Lautmalerei, der Onomatopoesie, kommen diese Wörter dem “Malen beim Sprechen” am nächsten. Sie galten lange als exotische und ungewöhnliche Wörter, aber neue Untersuchungen haben gezeigt, dass sie in Unterhaltungen überall auf der Welt gegenwärtig sind und in unerwarteter Art und Weise gebraucht werden.

Es klingt wie es ist
Ideophone sind Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Bekannte Beispiele aus dem Englischen sind Wörter wie kerplop und boom, oder im Deutschen Wörter wie holterdipolter und ticktack. Aber während es in europäischen Sprachen in aller Regel nur wenige solcher Wörter gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, gibt es viele andere Sprachen auf der Welt, die über Hunderte oder gar Tausende solcher Ideophone verfügen, die ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen abdecken.

“Ticktack” und “ticken” – Lautbilder für das Geräusch der Uhr
© SXC

Beispiele dafür sind Wörter wie tunjil-tunjil – dümpeln, treiben, ulakpulak – unausgeglichene, schreckerregende Erscheinung und c’onc’on – dichtgewebt aus dem Koreanischen; oder dhdnoh – wie immerwährendes Nicken, praduk pradek – Geräusche vereinzelter kleiner Regentropfen und greep – knusprig klingend aus dem Semai, einer Sprache, die auf der Halbinsel Malaysia gesprochen wird. Aber auch mukumuku – murmelnde Mundbewegungen, fuefue für elastisch, flexibel und kpotoro-kpotoro für Gehen wie eine Schildkröte aus dem Siwu, einer Sprache, die im Osten Ghanas gesprochen wird, illustrieren das Prinzip.

Dargestellt statt einfach nur gesprochen
Bei der Analyse von auf Video aufgenommenen Unterhaltungen in solchen Sprachen sieht man, dass diese Wörter mit ihren eigentümlichen Formen und anschaulichen Bedeutungen nicht wie gewöhnliche Wörter gesprochen werden. Sie werden wie auf einer Bühne dargestellt. Sie machen Ereignisse auf eine Art und Weise lebendig, wie das gewöhnliche Wörter niemals tun.

Wenn man ihren Gebrauch beobachtet, dann bekommt man einen Eindruck davon, was Karl Bühler gemeint hat, als er schrieb: “Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

Wie male ich mit Worten?
Die typischen Merkmale von Lautbildern

Wie können die Menschen mit der Sprache malen? Die Ideophon-Systeme in den Sprachen der Welt verfügen über drei Möglichkeiten, wie Sprechen genutzt wird, um sinnliche, sensorische Bilder darzustellen. Die erste Möglichkeit besteht darin, ein Geräusch mit einem Laut zu imitieren, wie im Englischen “boom” als Geräusch einer Explosion. Dieser Typ wird als direkte Ikonizität bezeichnet. Es ist die einfachste Möglichkeit, aber auch die am meisten beschränkte. Schließlich sind nicht alle Ereignisse mit Geräuschen verbunden.

“Bumm” – das Lautbild imitiert das Geräusch
© SXC

Lange Silben für lange Ereignisse
Was aber alle Ereignisse gemeinsam haben, ist eine interne zeitliche Struktur. Hier kommt nun die zweite Möglichkeit ins Spiel: Die Struktur der Wörter kann der Struktur der Ereignisse gleichen. Diese Wörter sind “gestalt-treu” in Hinsicht auf die Ereignisse, die sie repräsentieren. Deshalb wird dieser Typ Gestalt-Ikonizität genannt. Wörter können zum Beispiel verlängert werden, um Dauer auszudrücken, geschlossene Silben können das Ende von etwas darstellen und wiederholte Silben können Wiederholungen evozieren — wie in vielen der zuvor angeführten Beispiele.

Drittens und letztens werden manchmal ähnliche Wörter für ähnliche Ereignisse gebraucht. Betrachten wir einmal die folgenden drei Wörter aus dem Semai: greep ‘Früchte kauen’, graap ‘Knuspriges kauen’, griip ‘Cassava kauen’. Sie teilen sich die gemeinsame Matrize gr_p, die man als ‘knuspriges Geräusch’ charakterisieren kann. Weil ähnliche Wörter dabei auch auf ähnliche Ereignisse passen, wird dieser dritte Typ relative Ikonizität genannt.

Lautbild oder normales Wort?
Gemeinsam konstituieren diese drei Arten der Meinungs-Assoziationen den Malkasten des Wortmalers. Sie erlauben darstellenden Wörtern wie Ideophonen, wahrnehmbare Analogien zu Ereignissen zu bilden. Aber woher weiß man, ob eine bestimmte Sprecheinheit als Ideophon – als ein Lautbild – intendiert ist und nicht als ein gewöhnliches Wort?

Wiederholte Silben – wie hier das “fuefue” für elastisch – sind typisch für Lautbilder
© SXC

Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich hier Sprachen in bemerkenswerter Weise gleichen. So klingen Ideophone in allen Sprachen außergewöhnlich, weil sie besondere Freiheiten im Hinblick auf andere Wörter genießen. Sie verfügen über eine größere Bandbreite möglicher Silbenstrukturen und Wortformen und sie sind auf bemerkenswerte Art und Weise empfänglich für spielerische Wortbildungsprozesse, wie zum Beispiel die Wiederholung von Silben oder Dehnung.

In gesprochenen Äußerungen fallen sie zudem auf, weil sie ein großes Maß an syntaktischer Unabhängigkeit aufweisen – sie folgen der Grammatik weniger streng als andere Wörter. Oft werden sie zudem als eigene Intonationseinheit produziert – herausgehoben aus dem normalen Sprachfluss. Und schließlich werden sie in vielen Sprachen mit sogenannten Quotativmarkierungen, wie zum Beispiel mit “sagen” oder “tun”, Verben eingeführt. All diese Merkmale tragen dazu bei, Ideophone als Darstellungen zu markieren, vergleichbar einem Rahmen um ein Gemälde, der uns sagt, dass wir es als Gemälde und nicht als Tapete interpretieren müssen.

Mehr als nur stilistische Schnörkel
Wie werden Lautbilder eingesetzt?

Wissenschaftler am MPI für Psycholinguistik studieren Lautbilder im Rahmen von Feldforschungen in etlichen Sprachen der Welt. Um zu untersuchen, wie diese Wörter sensorische Wahrnehmungen kodieren, benutzen sie speziell entwickelte und gestaltete Materialien. Die Menschen sollen dann deren unterschiedliche Struktur oder Beschaffenheit in ihrer Sprache beschreiben – und oft werden dabei Lautbilder benutzt.

Die Forscher erstellen auch Video- und Audio-Aufnahmen von alltäglichen Gesprächen, um zu verstehen, wie Menschen diese Wörter in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht gebrauchen – in der Situation also, in der Sprache entstanden ist und in der sie sich auch stets noch weiter entwickelt.

Durch Video-Aufnahmen fremder Sprachen analysieren die Wissenschaftler alltägliche Gespräche, in denen Lautmalereien vorkommen.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Lautbilder als Zeichen von Eloquenz
Im Verlauf dieser Untersuchungen zeigte sich, dass Ideophone keinesfalls einfach nur stilistische Schnörkel und Floskeln sind, wie man ursprünglich dachte. Stattdessen sind sie gezielt sensorische Wörter. Sie werden benutzt, um Expertenwissen während gemeinsamer Arbeit zu kommunizieren und um Erfahrungen beim Erzählen von Geschichten zu teilen und zu interpretieren. In Sprachen, die über Tausende von Lautbildern verfügen, gilt ihr Gebrauch als Zeichen höchster Eloquenz.

Herausforderungen gewähren Möglichkeiten. Ideophone fordern uns dazu heraus, Theorien und Methoden zu erneuern, und bestärken uns darin, uns von einer Betrachtung der Sprache abzuwenden, die auf ideologischen oder akademischen Traditionen gründet, um so hin zu einer Perspektive auf Sprache zu gelangen, die sich auf so umfassende Daten wie möglich bezieht. Es sollte uns eigentlich nicht überraschen, dass im sprachlichen Leben Darstellung genauso wichtig ist wie Beschreibung.

Selbst unsere eigenen Forschungsergebnisse werden nicht nur mit abstrakten Worten mitgeteilt. Wir illustrieren sie mit Gesten, präsentieren sie auf Konferenzen und bilden sie ab mit Figuren und Diagrammen. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte, scheint sich zu bewahrheiten. Aber was wir dabei möglicherweise übersehen haben, ist die Tatsache, dass unsere Wörter schon immer mit Bildern gewürzt waren.

(MPG Jahrbuch / Mark Dingemanse / Max-Planck-Institut für Psycholinguistik,28.06.2013)
Mark Dingemanse  home at MPI :  http://www.mpi.nl/people/dingemanse-mark/publications

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Zum Sparen verdammt

Vermögensbildung Zum Sparen verdammt

13.04.2013 ·  Trotz hoher Einkommen hinken die Deutschen mit ihrer Vermögensbildung in Europa hinterher. Der Grund: Die Deutschen zahlen Miete, die anderen ihre Häuser ab. Das zwingt zum Sparen – und baut Vermögen auf.

Von Daniel Mohr und Christoph Schäfer

Kritik am Mietspiegel - Für unterschiedlich attraktive Quartiere in Bockenheim wird der gleiche Lagezuschlag erhoben. Sie werden in derselben teuren Innenstadtlage zusammengefasst.
Der beste Weg zu erfolgreichem Vermögen ist erfolgreiches Unternehmertum – dann ist auch eine Villa wie diese hier in Frankfurt drin
er Blick ins Schaufenster des Frankfurter Maklers bietet für jeden etwas: Gut Betuchte dürfen vom „repräsentativen Villenanwesen mit großzügigem Parkgrundstück“ für 1,8 Millionen Euro träumen. Andere könnte die „schicke Doppelhaushälfte“ für 400.000 Euro interessieren. Für den kleinen Geldbeutel gibt es „drei sonnige Zimmer“ für 115.000 Euro.Auch in der Realität erfüllen sich immer mehr Deutsche den Traum von den eigenen vier Wänden. Nach Angaben des Bundesbauministeriums wohnten in Deutschland vor 20 Jahren lediglich 38,7 Prozent aller Haushalte in der eigenen Immobilie. Die Europäische Zentralbank (EZB) kommt in ihrer diese Woche veröffentlichten Studie immerhin auf 44,2 Prozent. Im Vergleich mit den anderen Eurostaaten haben die Deutschen trotzdem den größten Nachholbedarf. Der EZB-Erhebung zufolge wohnen im Währungsraum im Durchschnitt sechs von zehn Bürgern im eigenen Heim. Spitzenreiter sind die Slowakei und Spanien, wo 90 beziehungsweise 83 Prozent der Haushalte ihr eigener Vermieter sind.

Stadtplanerin Melanie Kloth von der NRW-Bank begründet die hohe Mieterquote in Deutschland mit dem großen und qualitativ guten Angebot an Mietwohnungen hierzulande. Auch der hochentwickelte rechtliche Schutz der Mieter trage dazu bei. Zusätzlich bremsten die mit oft mehr als 10 Prozent im internationalen Vergleich sehr hohen Kaufnebenkosten für Makler, Notar und Grunderwerbssteuer den Drang ins eigene Heim. Nicht zuletzt verstärke der hohe und damit teure Baustandard in Deutschland die Tendenz, dass Eigentum wenn überhaupt „erst relativ spät im Leben“ erworben werde.

Die meisten Deutschen zahlen Miete

Die niedrige Eigentumsquote hierzulande wirkt sich spürbar auf das Volksvermögen aus. Die EZB-Studie weist für Deutschland ein Medianvermögen je Haushalt von 51.000 Euro aus. Dies bedeutet, die Hälfte der deutschen Haushalte besitzt nach Abzug der Schulden weniger als 51.000 Euro, die andere Hälfte mehr. In keinem anderen Euroland ist der Wert so niedrig. Im Euroraum-Durchschnitt liegt er bei 109.000 Euro. In Luxemburg beträgt er knapp 400.000 Euro, auf Zypern 267.000 Euro. Auch in Spanien (183.000 Euro), Italien (174.000 Euro) und Frankreich (116.000 Euro) liegen die Werte deutlich höher als in Deutschland. Auffallend ist ferner eine enorme Ungleichverteilung der Vermögen in Deutschland, die so ausgeprägt ist wie nirgends sonst in Europa. Nur in Österreich ist die Lage ähnlich, dem Land mit der zweitniedrigsten Immobilienbesitzerquote. Dabei gehören beide Länder nach den Einkommen der Bevölkerung zur Spitzengruppe in Europa. Mehr als die Deutschen verdienen im Euroraum nur die Menschen in Finnland und den Benelux-Staaten. Die wesentlich reicheren Spanier, Italiener und Franzosen verdienen deutlich weniger.

Der entscheidende Unterschied für die Vermögensbildung ist die Verwendung der Einkommen: die meisten Deutschen zahlen Miete, die anderen Europäer zahlen ihre Häuser ab und bauen so Vermögen auf. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Vermögensaufbau und Eigentumserwerb nicht zwangsläufig. Auch Mieter könnten zu vergleichbaren Vermögen kommen. In einer Studie zu „Mietwohnungsmarkt und Wohneigentum“ führt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus, dass Mieten und Selbstnutzung einer Immobilie gleich viel kosten. Die Preise für Immobilien und die Kaltmieten würden durch Angebot und Nachfrage bestimmt, „ sodass sich die Preise für beide Nutzungsformen ausgleichen“. Wenn der Vermieter ein Haus teurer kaufen muss, wird er auch mehr Miete verlangen.

Wohneigentümer haben ein höheres Nettoeinkommen

Der entscheidende Unterschied zwischen Mietern und Käufern ist jedoch, dass die Miete dem Konsum zuzurechnen ist, während der Käufer beim Abstottern seines Kredits jeden Monat ein wenig Vermögen bildet und irgendwann vollends Eigentümer der Immobilie ist. „In der Praxis zeigt sich ein fundamental anderes Sparverhalten“, sagt Jürgen Michael Schick, der in Berlin ein Maklerbüro betreibt und Vizepräsident des Immobilienverband Deutschland (IVD) ist. „Der Hausbesitzer zahlt jeden Monat seine Raten ab, ein Mieter hingegen kauft sich viel eher ein neues Auto und macht mehr Urlaub.“ Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft bestätigt dies: „Dass eine Immobilie zum Sparen erzieht, lässt sich nicht von der Hand weisen.“ Die Zeit, in der Geld für die Anfangsinvestition zurückgelegt wird, bezeichnet er als „Einüben des Sparens“. Sei das Haus dann gekauft, müssten die Raten bedient werden. „Selbst wer seine Immobilie fast abbezahlt hat, konsumiert mit Ende 50 nicht plötzlich wild drauf los“, sagt der Immobilienfachmann. Untersuchungen des IVD zeigten, dass die Sparquote der Hausbesitzer über den gesamten Zeitraum nahezu unverändert hoch bleibe.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt die Sparquote von Mietern nur 6,8 Prozent, von Wohneigentümern deren Tilgungsleistung in der Statistik zum Sparen gezählt wird, jedoch 12,9 Prozent. Neben der Disziplinierung durch den Immobilienerwerb dürfte für den Unterschied aber auch die unterschiedlich hohen Einkommen eine Rolle spielen. Das Haushaltsnettoeinkommen liegt bei Wohneigentümern im Durchschnitt doppelt so hoch.

Auch an anderer Stelle kann sich der Hauskauf positiv auf die Einkommens- und Vermögenssituation auswirken, behauptet Makler Schick: „Wer sein Geld auf dem Sparbuch hat, wird es im Zweifel auflösen, wenn die Tochter studiert. Am Häuschen aber wird festgehalten – auch wenn die Ehefrau dann mehr mitverdienen muss.“ Hochgerechnet auf eine ganze Nation kommen durch beide Effekte beachtliche Vermögen zusammen. Selbstverständlich sollte dennoch nicht jeder eine eigene Immobilie anstreben. „Wer zu wenig verdient, mobil sein muss oder stark schwankende Einkünfte hat, träumt besser nicht von den eigenen vier Wänden“, empfiehlt der Makler.

Immobilienfonds sind eine gute Alternative

Zudem sind Immobilien für den Vermögensaufbau nicht risikolos. Der Wert bestehender Wohnimmobilien in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um gerade einmal 3 Prozent gestiegen, im Jahr 2012 gab es nach Angaben des Analysehauses Investment Property Databank (IPD) sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent. Dabei wiesen einige Regionen hohe Preissteigerungen auf, andere seit Jahren Preisrückgänge. „Deutschland ist ein sehr heterogener Markt“, sagt Christian Jasperneite, Anlagestratege der Privatbank M.M.Warburg. „Für den finanziellen Erfolg ist es daher von entscheidender Bedeutung, wo ich kaufe oder baue.“ Jedes Objekt unterscheidet sich zudem nach Baujahr, Bausubstanz, Ausstattung und Zustand. Auch der Kaufpreis und die Kreditkonditionen können für gleichwertige Objekte spürbar unterschiedlich ausfallen.

Für den Vermögensaufbau rät Jasperneite seinen Kunden jedoch auch zu Immobilien. „Wer allerdings mit dem Erwerb an den Rand dessen geht, was finanziell zu verantworten ist, sollte wissen, dass dies das Gesamtrisiko für sein Vermögen erhöht.“ Zur Risikodiversifizierung seien offene Immobilienfonds oder auch geschlossene Immobilienfonds eine gute Alternative, da sich der Anleger dann nicht mit seinem gesamten Vermögen und einem Gutteil seines Einkommens auf nur ein einziges Objekt fokussiert und damit ein immenses Klumpenrisiko eingeht. „Gerade für den Vermögensaufbau über Generationen sind Immobilien jedoch von hoher Bedeutung“, sagt Jasperneite. Schließlich haben auch die Nachfahren noch etwas vom Vermögenswert der Immobilie. Immobilien sollten aber immer nur einen Teil des Vermögens ausmachen. „Niemand von uns weiß, wie die Welt in zehn oder 15 Jahren aussieht“, sagt Jasperneite. „Das Geld sollte daher auf verschiedene Anlageklassen verteilt werden.“ Selbst für sehr risikoscheue Anleger gehören dabei für Jasperneite wenigstens zehn Prozent Aktien in jedes Depot.

Der beste Weg zu Vermögen ist erfolgreiches Unternehmertum

Der Vermögensaufbau in Deutschland hapert nämlich nicht nur an der mangelnden Bereitschaft, sich dem Spardiktat der Immobilienfinanzierung zu unterwerfen, sondern auch an der Bereitschaft, sich über den Kauf von Aktien am Produktivkapital zu beteiligen. Die meisten Aktien der auf den Weltmärkten höchst erfolgreichen deutschen Unternehmen befinden sich in der Hand von Ausländern. An den Rekordgewinnen vieler Unternehmen partizipieren daher deutsche Anleger kaum. Der Blick des Fondsbranchenverbands BVI auf die Renditen von Fonds zeigt für fast alle denkbaren Zeiträume für Aktienfonds die höchsten Renditen. In der langfristigen Geldanlage über 30 Jahre – einem für die Vermögensbildung nicht untypischen Zeitraum – erbrachten Aktienfonds durchschnittlich im Jahr eine Rendite von 8,6 Prozent. Anleihefonds kamen auf 5 bis 6 Prozent, offene Immobilienfonds (die ihren Schwerpunkt klassischerweise auf Gewerbeimmobilien haben) auf rund 5 Prozent. Die Geldanlage in Aktien, Anleihen oder Immobilien ist dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto damit weit überlegen und wirft auch meist eine höhere Rendite ab als eine selbstgenutzte Immobilie.

Wer sich daher jenseits der Immobilienfinanzierung zum Sparen disziplinieren kann, wird durch Zinseszinseffekte auch mit kleineren Beiträgen nicht unerhebliche Vermögenswerte aufbauen können. Das weit verbreitete Vorurteil, dass Sparen nur etwas für Reiche sei, kann dabei leicht entkräftet werden. Wer sich zum Beispiel vor 30 Jahren dazu gezwungen hätte, jeden Monat umgerechnet 100 Euro in einem Aktiensparplan anzulegen, käme heute ohne Berücksichtigung steuerlicher Aspekte auf ein Vermögen von 159.000 Euro. Bei einem Anleihefonds wären es etwa 90.000 Euro und bei einem offenen Immobilienfonds immerhin noch 86.000 Euro. Selbst das Sparbuch mit einem unterstellten Durchschnittszins von 1 Prozent wiese ein Guthaben von mehr als 40.000 Euro auf. Renditen aus der Vergangenheit sind zwar keine Gewähr für die Zukunft, aber gerade im langfristigen Vergleich doch ein starkes Indiz.

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Gleichwohl scheuen die meisten Anleger hierzulande weiterhin den Aktienkauf. „Die Kunden kommen mit der Volatilität nicht klar“, sagt Jörg Rahn, Anlagestratege bei Marcard, Stein & Co, die vermögende Familien in ihren Anlageentscheidungen beraten. „Zwar schwanken auch die Preise von Immobilien, das ist für den Kunden aber nicht so sichtbar wie bei einer Aktie.“ Die meisten Anleger agierten deshalb zu konservativ. Er rät auch Kunden mit geringer Risikobereitschaft zu einem Engagement in Anleihen von Unternehmen guter Bonität und zum Kauf von Aktien von Unternehmen wie Nestlé, deren Geschäftsmodell sich über Jahrzehnte als solide erwiesen hat. Zu ihren hohen Vermögen sind Rahns Kunden, die in der Regel über zwei- oder dreistelligen Millionenbeträge verfügen, jedoch nur selten allein durch erfolgreiche Geldanlage gekommen. Der beste Weg, um zu wirklich großem Vermögen zu kommen, sei erfolgreiches Unternehmertum. Dann ist auch die Luxusvilla mit Park drin.

Quelle: F.A.Z.

Überraschende Umfrage Euro-Skepsis in Deutschland sinkt 09.04.2013

Überraschende Umfrage Euro-Skepsis in Deutschland sinkt

09.04.2013 ·  Die Zustimmung der Deutschen zur Gemeinschaftswährung ist wohl merklich gestiegen. Knapp 70 Prozent wollen den Euro behalten, zeigt eine aktuelle Umfrage – letztes Jahr war es nur die Hälfte.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/ueberraschende-umfrage-euro-skepsis-in-deutschland-sinkt-12142426.html

Euro-Münze

berraschendes Umfrageergebnis: Offenbar steigt in Deutschland die Zustimmung zum Euro. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa sind 69 Prozent der Deutschen dafür, den Euro zu behalten, während 27 Prozent die D-Mark zurück wollen. Im vergangenen Jahr 2012 sehnten sich noch wesentlich mehr Deutsche nach Mark – angeblich jeder zweite Deutsche lehnte den Euro ab. „Die für viele nicht durchschaubare Euro-Krise ängstigt die Deutschen zwar. Die Einstellung zum Euro als Währungseinheit wird davon aber heute nicht mehr berührt“, sagte Forsa-Chef Manfred Güllner dem „Handelsblatt“, das die Umfrage in Auftrag gegeben hatte.

Dabei steigt die Zustimmung zum Euro den Umfrageergebnissen zufolge mit dem persönlichen Wohlstand. Menschen mit Nettoeinkommen von mehr als 3000 Euro befürworten den Euro zu 79 Prozent. Außerdem finden ihn vor allem Wähler von Grünen, der FDP und der CDU gut: Unter Grünen-Anhängern wollen 88 Prozent den Euro behalten, unter Wählern der Liberalen 83 Prozent und unter Wählern der Kanzlerinnen-Partei 75 Prozent.

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Ein Grund für die gewachsene Zustimmung, die freilich bezogen auf die Umfrage zunächst nur eine Momentaufnahme ist, könnte sein, dass Deutschlands Wirtschaft nach wie vor robust dasteht. Vor allem die Beschäftigungssituation ist hierzulande wesentlich besser als im europäischen Ausland.

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Brisanter Untersuchungsbericht Kaufrausch stürzte Bank of Cyprus in den Ruin

Zyperns Großbanken haben griechische Staatsanleihen noch gekauft, als Athens Pleite bereits absehbar war. Erhebliche Manipulationen mit eventuell kriminellem Hintergrund stehen dahinter. Mehr Von Michael Martens, Athen
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/zypern/brisanter-untersuchungsbericht-kaufrausch-stuerzte-bank-of-cyprus-in-den-ruin-12141530.html

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Nach Verfassungsgerichtsurteil Schäuble fordert Portugal zum Sparen auf

Nach dem Veto des Verfassungsgerichts gerät das hochverschuldete Portugal immer stärker unter Druck. Finanzminister Schäuble hat ebenso wie die EU-Kommission Portugals Regierung aufgefordert, ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber den internationalen Geldgebern nachzukommen.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/portugal/nach-verfassungsgerichtsurteil-schaeuble-fordert-portugal-zum-sparen-auf-12141204.html

Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“

Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ Was die Geschichte dieses Films uns lehrt

19.03.2013 ·  „Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“: Das ist der zentrale Satz des Films „Unsere Mütter, unsere Väter“. Europa hat daraus Lehren gezogen. Doch die Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden.

Von Martin Schulz

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Irgendetwas am Hochzeitsfoto meiner Eltern ist anders. Auf dem Bild zu sehen sind meine Mutter und mein Vater, kurz nachdem sie sich das Jawort gegeben haben. Es sind zwei Menschen, die sich füreinander entschieden haben und die ihren Weg von nun an gemeinsam gehen wollen. Und doch irritiert das Foto den Betrachter.Im Laufe unseres Lebens haben wir alle viele Hochzeitsfotos gesehen. Auf diesen Fotos erblickt man in den Augen des Brautpaars das Leuchten der Verliebten, diese hoffnungsvolle Erwartung auf ein neues, auf ein besseres Leben. Deshalb berühren uns Hochzeitsfotos so stark, weil sie in die Zukunft weisen. Das Foto meiner Eltern ist eher gedämpft. Denn in ihren Augen sieht man Skepsis. Ihre Mienen wollen nicht recht zu dem festlichen Anlass und dem feierlichen Rahmen passen. Sie ganz in Weiß und er in Uniform. Der Grund hierfür: Meine Eltern haben am 30.April 1940 geheiratet, nur wenige Tage später, Anfang Mai 1940, wurde mein Vater eingezogen.

Er wurde Soldat im Zweiten Weltkrieg, inmitten dieses Weltenbrands. Inmitten dieses furchtbaren Krieges, mit dem die Deutschen die Welt überzogen und der mit Auschwitz den Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation markiert. Damit wurde mein Vater, wie fast alle Männer seiner Generation, ein kleines Rädchen in der Tötungsmaschinerie, mit der auch die Wehrmacht den barbarischen Rassenwahn der Nationalsozialisten umsetzte.

„Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“, sagt in dem Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Friedhelm zu seinem großen Bruder, ehe sie gemeinsam als Wehrmachtssoldaten in den Krieg ziehen. Dieser Satz ist der Kernsatz in diesem bedrückenden Film, der mich aufgewühlt, ja, der mich verstört hat. Er zeigt die Geschichte fünf junger Menschen, die alle das Beste wollen. Junge Menschen, die Ideale haben, die aber alle im und durch den Krieg verändert werden.

Da ist der smarte Kriegsheld Wilhelm, der so fest glaubt an ein altes, soldatisches Ideal, das es so nie gegeben hat. Er wird zum Mörder, als er, dem furchtbaren Kommissarsbefehl folgend, einen Kriegsgefangenen erschießt und wissentlich das schon damals gültige humanitäre Völkerrecht bricht. Wilhelm funktioniert, weil er Befehlen folgt. Er befolgt sie, obschon er weiß, dass sein Handeln falsch, ja verbrecherisch ist. Da ist sein jüngerer Bruder Friedhelm, ein sensibler Schöngeist, der in sein spärliches Marschgepäck noch Bücher einpackt, auf die er auch an der Front nicht verzichten will. Er versucht sich lange der Kriegslogik zu entziehen, aber auch er mutiert schließlich zur perfekten Tötungsmaschine.

Da ist die karriereorientierte Greta, die ein Star werden will und von den Bühnen in Wien und Paris träumt. Sie geht einen Pakt mit dem Teufel ein, beginnt eine Affäre mit einem SS-Sturmbannführer. Zunächst um ihren jüdischen Freund Viktor zu retten, aber immer mehr, um als Sängerin zu Ruhm zu kommen. Sie verschließt die Augen vor dem Offensichtlichen, weil sie das schöne Leben in einer Welt will, in der man das schöne Leben nicht mehr erreichen kann, ohne dass man selbst Schuld auf sich lädt. Da ist Charlotte, die sich vor Liebe für Wilhelm verzehrt, sich aber nicht traut, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Weil auch sie etwas beitragen will, meldet sie sich freiwillig zum Dienst als Frontschwester. In erschreckender Naivität betet sie dort die dumpfe Nazi-Propaganda nach, und in ihrem Bestreben, alles richtig zu machen, verrät sie eine jüdische Ärztin, die ihr eine Freundin hätte werden können.

Mit Ausnahme von Viktor – der sich dem bewaffneten polnischen Widerstand anschließt und der schon vorher gegen seinen Vater aufbegehrt, weil dieser viel zu lange glaubt, er würde von der Judenverfolgung verschont, weil er im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte – werden alle in diesem Freundeskreis auf fatale Weise in Schuld verstrickt.

Sie werden zu Tätern, weil sie Dinge tun, die man nicht tun hätte müssen. Nur deshalb konnten Schoa und Krieg geschehen, weil Hunderttausende so oder anders mitgemacht haben, ohne dass sie selbst zu den Architekten der Zerstörung gehörten. Für uns Nachgeborene bleibt immer die belastende Frage, wie wir uns in vergleichbaren Situationen verhalten hätten. Zugleich sind diese Täter aber auch Opfer, die um ihr Überleben kämpfen und dabei in immer ausweglosere Situationen geraten, weil ihnen die Entschlossenheit zum Aufbegehren gegen die Unmenschlichkeit fehlt – und in den meisten Fällen auch die Möglichkeit hierzu.

Das ist das Aufwühlende an dem Film. Denn die jungen Menschen sind so normal und manchmal schrecklich unbedarft. Sie sind uns so nah in ihren Hoffnungen und Wünschen nach Liebe, Anerkennung und einem guten Leben. Der Film nähert sich der Frage „Wie war es möglich?“, indem er die subjektive Perspektive der Protagonisten einnimmt. Und gibt vielleicht gerade dadurch eine Antwort, wie es kein Geschichtsbuch je könnte.

Auf unserem Kontinent wurden nach dem Krieg mit der europäischen Zusammenarbeit die richtigen Konsequenzen gezogen. Wir haben die Strukturen verändert, aber die Menschen sind die gleichen geblieben. Die europäische Einigung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zieht die Lehre aus den Fehlern der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Nicht Versailler Vertrag, sondern Schuman-Plan lautet die Kurzformel dafür. Denn obschon wir Deutsche die Welt mit den abscheulichsten Verbrechen überzogen hatten, entschlossen sich unsere Nachbarn, uns eine weitere Chance zu geben, unser Land nicht auf die Knie zu zwingen, sondern uns die Hand zu reichen.

Wie verständlich erscheint rückblickend der Wunsch nach der Zerstörung Deutschlands, angesichts des Grauens der Jahre 1933 bis 1945. Ich erinnere mich gut, wie ich als Austauschschüler nach Frankreich kam und es dort noch erhebliche Ressentiments gegen Deutsche in den französischen Gastfamilien gab – aber nach ein paar Wochen trennten wir uns als Freunde und bildeten damit einen kleinen, aber immerhin einen Mosaikstein für das europäische Einigungswerk.

Jedoch, trotz aller Erfolge: Der Firnis der Zivilisation bleibt dünn. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die soziale Demokratie sind zivilisatorische Errungenschaften, die nicht zeitlos sind. In der Geschichte unseres Kontinents bilden sie eher die Ausnahme. In Westeuropa sind sie seit sechs Jahrzehnten verwirklicht – in Süd- und Osteuropa erst deutlich kürzer. Die Freiheit, die Demokratie, müssen jeden Tag aufs Neue erstritten werden.

Das geschieht nicht automatisch, ganz im Gegenteil, denn schon sind erste Risse in dem Firnis erkennbar: Das skandalöse Darstellen deutscher Politiker in NS-Uniformen in manchen ausländischen Boulevardzeitungen und auf den Plakaten zorniger Demonstranten, die auch gegen ein „Brüssel-Diktat“ anrennen; der arrogante Blick einiger in Deutschland auf die vermeintlich faulen Südländer, denen man „mal eine Lektion erteilen“ müsste, der verkennt, wie groß das Geschenk unserer Nachbarn war, als wir nach dem Zweiten Weltkrieg in die Völkerfamilie zurückkehren durften, und der übersieht, wie abhängig unser Land ökonomisch vom Miteinander in Europa ist; das Fordern einer „marktkonformen Demokratie“, die keine Parlamente und keine Bürgerbeteiligung mehr braucht, ja, sie als Standortnachteil abkanzelt; die Wiederentdeckung des „Anderen“, also die Renaissance des Trennenden, und nicht mehr die Suche nach dem Ausgleich – all das sind aktuelle Phänomene, die mir große Sorgen machen und die wir nicht unwidersprochen stehenlassen dürfen.

So ärgerlich vieles in Europa und an der europäischen Bürokratie ist, was dringend abgestellt werden muss: Dennoch bin ich dankbar, dass meine Generation ihren Kindern und Enkeln nicht mehr vom Krieg erzählen muss, so wie noch die Generation meiner Eltern. Deshalb kämpfe ich so vehement für das europäische Einigungswerk. Denn wenn wir die Strukturen zerstören, die die Dämonen von einst gebändigt haben, riskieren wir viel. Wir riskieren, zu Beginn des 21.Jahrhunderts die Fehler des frühen 20.Jahrhunderts zu wiederholen.

Martin Schulz (SPD), geboren 1955 im Landkreis Aachen, gelernter Buchhändler und ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Würselen, ist Präsident des Europäischen Parlaments. Als solcher hat er 2012 den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegengenommen. Im Rowohlt Verlag ist kürzlich sein Buch „Der gefesselte Riese. Europas letzte Chance“ erschienen.

Buchdeckel „Der gefesselte Riese“
rowohlt Rowohlt Berlin – 08.03.2013, 272 Seiten, 19,95
ISBN 978-3-87134-493-0

Noch nie war die Europäische Union so umstritten: Nach fünf Jahren Krise gilt sie vielen als Auslaufmodell, als Inbegriff ausufernder Bürokratie, als Wohlstandsgrab. Der Euro steht auf dem Spiel, deutsche Zeitungen lästern über die «Pleite-Griechen», während im Süden das Bild vom hässlichen Deutschen wiederauflebt. Erstmals besteht die reale Möglichkeit, dass das Projekt Europa scheitert. Aber welche Folgen hätte ein Ende des Euro oder gar der Union? Martin Schulz, der ebenso streitbare wie respektierte Präsident des Europaparlaments, zeichnet ein realistisches und daher umso beunruhigenderes Szenario: Der europäische Binnenmarkt könnte zerfallen, die Arbeitslosigkeit weiter steigen, Europas Staaten wären den USA oder Schwellenländern wie China hoffnungslos unterlegen, während von innen ein neuer Rechtspopulismus droht. Auf provokante Weise räumt Martin Schulz mit den Illusionen der Europaskeptiker auf – und plädiert für eine echte europäische Demokratie, ein starkes Europa, dessen soziale Gerechtigkeit weiterhin weltweit als Vorbild gelten kann. Nur wenn wir unsere Errungenschaften selbstbewusst verteidigen, können wir unseren Wohlstand sichern und unseren Kontinent vor der Bedeutungslosigkeit bewahren. Eine Streitschrift, die zugleich einen Ausweg aus der Krise weist.

http://www.rowohlt.de/buch/Martin_Schulz_Der_gefesselte_Riese.3025075.html

Deutsch-English? Wissenschaftssprache

Algunas relfexiones sobre modernidad, utilidad de “linguas francas” o  “Fach-Chinesisch”:

Die Zeit Dez. 2012 :
http://www.zeit.de/wissen/2012-12/Wissenschaftssprache-Deutsch

Wissenschaftssprache Scientific community soll mehr Deutsch wagen

Englisch ist die Weltsprache der Wissenschaft. Kritiker sehen die deutsche Sprache bedroht und wollen sie um jeden Preis retten. Lohnt sich das? Von Amory Burchard

Deutsche Forscher können in der scientific community mitreden. Englisch, die lingua franca der globalisierten Wissenschaft, beherrschen die allermeisten so gut, dass sie ihre Vorträge bei internationalen Konferenzen problemlos in der Fremdsprache halten können. Viele schreiben auch ihre Aufsätze selbstverständlich auf Englisch. Denn gerade in den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften würden ihre Publikationen ansonsten gar nicht zählen, nicht in weltweiten Rankings, aber vielfach auch nicht mehr im deutschen oder europäischen Wettbewerb um Rangplätze und Fördermittel.

Zu Recht sind Professorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter stolz auf ihr gutes Englisch, in dem sie auch fließend small talk mit Gästen aus aller Welt halten. Wer dagegen in der wissenschaftlichen Kommunikation auf dem Deutschen beharrt, steht im Verdacht, des Englischen nicht wirklich mächtig zu sein – und erscheint rückwärtsgewandt. Oder aber er verbindet eine sprachpolitische Botschaft damit.

Auf einer Zeichnung ist der Kopf eines Mannes zu sehen, dessen Mundwinkel nach unten zeigen. Um ihn herum steht viele Male das Wort

Tatsächlich sind aus der Wissenschaft immer dringlichere Aufrufe zu hören, Deutsch als Wissenschaftssprache zu retten. Ein Arbeitskreis dieses Namens verfasst seit Jahren Petitionen, macht Lobbyarbeit in Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Ministerien. Der Kern der Botschaft: Das Englische habe zwar große Bedeutung als internationale Verständigungssprache, doch dies dürfe nicht dazu führen, dass das Deutsche “auch im Inland aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt und damit für die Vermittlung ganzer Wissensgebiete unbrauchbar wird”. Das Wissenschaftsenglisch, das von Nicht-Muttersprachlern gesprochen wird, geht den Vorkämpfern ohnehin gegen den Strich. Der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant nennt es verächtlich “Globalesisch”.

Wird das Deutsche aus der Wissenschaft verdrängt?

Eines der zentralen Argumente ist ein sprachwissenschaftliches. Die Beschränkung auf Englisch als lingua franca bedeute eine kognitive Einschränkung. Konzepte sind an oft unübersetzbare Begriffe gebunden. Ein Beispiel aus der Kunstwissenschaft: Übersetzt man Gestaltung mit design, bedeutet das eine Verflachung.

Die Kampagne zeigt erste Erfolge. So haben sich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die ebenfalls im wissenschaftlichen Austausch aktive Alexander-von-Humboldt-Stiftung ebenso wie die Hochschulrektorenkonferenz in jüngster Zeit verpflichtet, sich verstärkt für die Pflege des Deutschen einzusetzen.

Doch selbst auf nationalen Konferenzen werde weiterhin auch dann auf Englisch referiert und publiziert, wenn die Teilnehmer durchweg deutschsprachig sind, beklagen die Aktivisten. Und in internationalen Studiengängen und Graduiertenschulen der Unis gibt es die geforderten obligatorischen Deutschkurse noch nicht. Neuer Schwung soll von einer Initiative der Volkswagen-Stiftung ausgehen, Wissenschaftler und Politiker miteinander ins Gespräch zu bringen. Herausgekommen ist jetzt das Buch Deutsch in der Wissenschaft.

Seite 2/2:

“Der Zug ist abgefahren”

Bei der Buchvorstellung am Dienstagabend in Berlin warnte der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, die deutsche Wissenschaft vor der Selbstaufgabe: “Je weniger in der Wissenschaft Deutsch gesprochen wird, um so weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft sprechen.” Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hebt in seinem Beitrag zum Buch hervor, dass der Kontakt zwischen der Wissenschaft und dem Bürger durch die Anglisierung verloren geht. Denn die wissenschaftliche Elite in Deutschland hege “ein Verhältnis der Verachtung” für ihre Muttersprache.

Dies dürfte die Zoologin Brigitte Jockusch (TU Braunschweig) kaum gelten lassen. Schmerzlich spürt sie den Verlust der Kommunikationsfähigkeit, wenn deutsche Zellbiologen sich ausschließlich auf Englisch an der Fachdiskussion beteiligen können. In internationalen Publikationen würden deutsche Beiträge häufig nur deshalb abgelehnt, weil sie sprachlich nicht dem Standard entsprächen.

Jockusch beklagt auch das “bad english“, in dem deutsche Professoren in rein englischsprachigen Studiengängen in Deutschland lehren. Die Braunschweiger Zoologin beschreibt die Enttäuschung zweier Biologiestudentinnen aus China, die zu Hause zwei Jahre lang Deutsch gelernt hatten, es an der deutschen Uni aber kaum anwenden konnten. Unter den gegebenen finanziellen und zeitlichen Bedingungen für Studierende und Nachwuchswissenschaftler könne man aber nicht von allen verlangen, die Landessprache zu erlernen. Und für deutsche Lebenswissenschaftler wäre es aussichtslos und geradezu karriereschädigend, bei Konferenzen oder Publikationen zum Deutschen zurückzukehren. “Der Zug ist abgefahren”, schreibt Jockusch. Doch Restbestände sollten durchaus verteidigt werden. Forscher müssten sich etwa wehren, wenn Fachzeitschriften sogar das bloße Zitieren deutschsprachiger Aufsätze in auf Englisch verfassten Artikeln verbieten.

Deutsche Professoren sprechen oft schlecht Englisch

Sind also die Geisteswissenschaften die Domäne, in der Deutsch als Wissenschaftssprache wächst und gedeiht? Für die deutsche Kunstwissenschaft jedenfalls galt einst, was Erwin Panofsky noch im amerikanischen Exil sagte: “The mother language of art history is German.” Doch der Aderlass durch die Verfolgung jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus führte dazu, dass auch in dieser Disziplin Englisch allmählich die dominante Sprache wurde, wie Horst Bredekamp (Humboldt-Universität) erklärt. Gleichzeitig galt aber im Weltverband der Kunstgeschichte ab 1945 eine strikte Mehrsprachigkeit. Auf internationalen Kongressen sollten vier Sprachen ohne Dolmetscher verwendet werden – Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch; später wurde noch Spanisch ergänzt.

Doch seit gut zehn Jahren sei in seiner Zunft wie in weiten Teilen der Geisteswissenschaften wieder eine Verengung auf das Englische zu beobachten. Bredekamps Hoffnung: Durch die Monolingualisierung “provinzialisieren” sich die englischsprachigen Geisteswissenschaften. Eines Tages müssten sie wieder fremde Sprachen – auch Deutsch – lernen, um konkurrenzfähig zu werden.

Dass ihr Anliegen, Deutsch als Wissenschaftssprache zu forcieren, provinziell sein könnte, darauf kommen die Initiatoren gar nicht. Alle plädieren “für die Mehrsprachigkeit: für Deutsch als Wissenschaftssprache unter anderen Sprachen”, wie Goethe-Chef Lehmann sagt.

Erschienen im Tagesspiegel

Und hier ein Vortrag zum Thema:

Deutsch als Wissenschaftssprache  

Ein Vortrag von Jürgen Trabant

“Über abgefahrene Züge – das Deutsche und andere Sprachen der Wissenschaft” von Jürgen Trabant.

Link zur online Radio Emission 😉
http://wissen.dradio.de/linguistik-deutsch-als-wissenschaftssprache.88.de.html?dram:article_id=12528#

Sollen Wissenschaftler ausschließlich in Englisch reden? Oder noch mehr: Sollen junge Menschen in den weiterführenden Schulen der Bundesrepublik in bestimmten Fächern nur noch auf Englisch unterrichtet werden? Was viele Eltern so sehr schätzen, hat große Nachteile für unser Land. Zu diesem Schluss kommt unser heutiger Referent Jürgen Trabant, Professor for European Plurilingualism an der “Jacobs University” in Bremen.

Geboren wurde Trabant 1942 in Frankfurt am Main. Er hat Romanistik, Germanistik und Philosophie studiert und 1969 promoviert. Von 1980 bis 2008 lehrte er an der Freien Universität Berlin. Er befasst sich vor allem mit italienischer und französischer Sprachwissenschaft. Seine Stichwörter auch für den nun folgenden Vortrag sind Sprachpolitik, Semiotik, Sprachphilosophie, Geschichte des europäischen Sprachdenkens und die historische Anthropologie der Sprache.

Gehalten hat er seinen Vortrag am 21. Januar dieses Jahres in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

 

Glossar für Studenten Akademisch für Anfänger

Ob ECTS oder O-Woche: Dozenten, Medien und Langzeitstudenten bedienen sich gern gehobenen Uni-Sprechs. Unser Crashkurs mit Begriffen von A bis Z hilft verstehen.

online: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-10/Glossar-Uni-Einstieg

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C wie Credit Points

……