Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

14.04.2013 ·  Der legendäre Investor, Philanthrop und mit Sicherheit reichste Philosoph der Welt, George Soros, spricht über die Krise Europas, Angela Merkel und sein Leben als Milliardär.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/ein-gespraech-mit-george-soros-das-wichtigste-thema-ueberhaupt-12147686.html

George Soros stellt Buch zur Finanzkrise vor

„Wenn ich die deutsche Öffentlichkeit wachrütteln könnte, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks“: George Soros

Sie haben diese Woche in Frankfurt in einer Rede dargelegt, wie der Euro zu retten sei. Ihre Analyse ist sehr klar: Entweder Deutschland lässt Eurobonds zu – oder es tritt aus der Eurozone aus. Wie sicher sind Sie, dass Sie recht haben?

Es ist Teil meiner Philosophie, dass ich mich irren könnte. Das gilt natürlich auch hier. Aber mit meiner Erfahrung im Finanzwesen und mit allem, was der Krise voranging und für sie verantwortlich war, bin ich mir meiner Meinung so sicher, wie ich nur sein kann.

Allerdings haben Sie in der Vergangenheit schon Voraussagen gemacht, die dann nicht eingetroffen sind.

Das ist mir vollkommen bewusst.

In Frankfurt wurde sofort heftig diskutiert: Eurobonds würden die Zinsen in Deutschland hochschnellen lassen, niemand könne garantieren, dass einzelne Länder nicht wieder betrügen würden und so weiter. Sie schienen über diese Einwände hoch erfreut.

Ich brenne regelrecht darauf, über diese Fragen eine Diskussion zu führen, denn ich finde, dass die deutsche Öffentlichkeit in Vorurteilen und Fehleinschätzungen gefangen ist. Ich kann verstehen, wie es dazu gekommen ist. Aber der einzige Weg, das zu korrigieren, ist, eine Diskussion anzuregen.

Der eigentliche Adressat Ihrer Rede war natürlich Angela Merkel, die allerdings nicht anwesend war. Haben Sie denn Anlass zu dem Glauben, etwas, das Sie sagen, könnte auf die deutsche Bundeskanzlerin Eindruck machen?

Nein. Und ich hatte, ehrlich gesagt, auch nicht das Gefühl, dass ich durch meinen Vortrag die Auffassung derjenigen verändert habe, die in den Kreisen um die Bundesbank das Sagen haben.

Und doch werden Sie weltweit von vielen als eine Art Orakel gesehen – was immer Sie sagen, verkaufen oder kaufen, erschüttert die Märkte. Mögen Sie diese Rolle eigentlich?

Nein. In der Tat hat sie mir unmöglich gemacht, weiterhin als Investor tätig zu sein. Deshalb habe ich mich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, denn es ist zu kompliziert, Investor und Orakel zu sein. (Lacht nicht.) Mir selbst ist bewusst, dass ich mich irren kann, ich weiß sogar, dass ich mich von Zeit zu Zeit irren muss – aber die Leute, die auf mich hören, wissen das nicht. Oder denken das zumindest nicht mit. Und es ist auch schwierig, Interessenskonflikte zu vermeiden. Wenn ich innerhalb des Marktes noch eine Position hätte, wäre es schwierig für mich, über eine Situation zu sprechen, ohne miteinzukalkulieren, wie das die Märkte beeinflussen wird.

Wie sehr in Rente sind Sie eigentlich? Haben Sie nicht gerade erst mehr als die Hälfte Ihres Goldes verkauft und damit den Goldpreis zum Fallen gebracht?

Das war nicht ich. Ich habe ein Team, das so etwas managt. Es ist zwar mein Geld, aber die managen das.

Wenn ich also im Wirtschaftsteil lese, dass George Soros den japanischen Yen geschwächt hat, wie eben geschehen, oder den Wert des Goldes – das sind dann nie Sie? Sie sind einfach Rentner?

Im Fall des Yen, um absolut offen zu sein, habe ich Einfluss darauf genommen, was meine Firma unternimmt. Denn das betrifft eine sehr wichtige Entwicklung, die mit anderen Entwicklungen zu tun hat, und ich glaubte, da etwas verstanden zu haben, was andere nicht verstanden haben.

Aber mit dem sinkenden Goldpreis hatten Sie persönlich jetzt gar nichts zu tun.

Gut. In diesem anderen Fall war ich auch involviert. Aber das waren zwei Ausnahmen, normalerweise mische ich mich ins Tagesgeschäft sonst nicht ein.

Sie sind so eine interessante Figur – niemand scheint genau zu wissen, ob Sie eigentlich ein fieser Ultrakapitalist sind oder ein Wohltäter der Menschheit. Sie haben Milliarden mit Spekulationen und Wetten gegen Währungen gemacht – und: Sie haben Milliarden gespendet. Was sind Sie nun eigentlich – gut oder böse?

Ich glaube, in unterschiedlichen Phasen meines Lebens habe ich unterschiedliche Rollen gespielt. Als Marktteilnehmer war es meine Rolle, Geld zu machen. Ich wurde von Investoren angestellt, um für sie zu investieren. Nachdem ich dann viel Geld für andere und auch für mich selbst gemacht hatte, habe ich innerhalb meiner Entwicklung eine andere Stufe erreicht. Von da an konnte ich dann meiner eigentlichen Leidenschaft nachgehen: die Welt zu verbessern.

Und was macht mehr Spaß: eine Milliarde zu verdienen oder eine Milliarde zu verschenken?

Letzteres bedeutet mir sehr viel mehr. Für mich steht meine eigene voreingenommene und subjektive Vorstellung davon, was für die Welt gut ist, weit über allem, was dazu dient, Geld zu machen. Ich bin vielleicht nicht der Einzige auf der Welt, der das so macht, aber auf jeden Fall einer von sehr wenigen. Schauen Sie zum Beispiel, wie Bill Gates sich verändert hat. Als Chef von Microsoft war er ein beinharter Wettbewerbsteilnehmer, und er hat das tatsächlich etwas übertrieben stolz zur Schau gestellt. Und weil er so ein schlechtes Image hatte, hat man ihn dazu überredet, eine Stiftung zu gründen. Und heute kümmert er sich nur noch um seine Stiftung, und seine gesamte Weltsicht hat sich total verändert.

Ihr Vermögen wird auf mehr als 22 Milliarden Dollar geschätzt: Was bedeutet Ihnen Geld?

Freiheit. Es ist mir bewusst, dass Geld auch Macht bedeutet, das ignoriere ich nicht. Aber es erlaubt mir, meiner Leidenschaft nachzugehen, die aus zwei Teilen besteht: die Wirklichkeit zu verstehen – und dieses Verständnis dann aufzugeben, um die Wirklichkeit zu verbessern. Ich glaube, in seiner Jugend ist fast jeder Mensch von dem Wunsch beseelt, die Welt zum Guten zu verändern, aber ich habe das Privileg, diesem Wunsch nun wirklich nachzugehen.

Ihr Vater, ein Rechtsanwalt und Schriftsteller, war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Als er zurückkehrte, beschloss er, sein Leben zu ändern. Er wollte es möglichst genießen und nur noch so viel arbeiten, dass das Geld eben so reicht.

Für ihn war Geld so etwas wie Gepäck. Besser hat man leichtes.

Sie haben den entgegengesetzten Weg eingeschlagen.

Aber ich mache mir nichts aus Geld. Sonst würde ich es ja nicht weggeben. (Lacht, aber nett.)

Als Sie noch Investor waren: Was hat Sie angetrieben, wenn nicht Geld?

Zuerst bin ich aus reiner Notwendigkeit in die Welt des Geldes geraten. Denn wenn Sie gar kein Geld haben, ist Geld etwas, ohne dass es nicht geht. Ich hatte damals einen Plan. Heute klingt der ein bisschen lächerlich, aber damals war ich Student in London. Ich habe an der Börse angefangen und dann beschlossen, nach Amerika zu gehen, weil ich dachte, dass ich dort leichter etwas Geld machen könnte als in England. Das war natürlich, noch bevor London das Zentrum des Finanzmarktes wurde. Es war ein Fünf-Jahres-Plan: nach Amerika gehen, 100.000 Dollar machen – und das wäre genug Einkommen, um davon als Philosoph einigermaßen zu leben.

Und dann ging der schöne Plan so schief…

Ich habe etwas overperformed…Ich habe mehr als 100.000 Dollar gemacht, und irgendwie wurde ich in die Welt der Finanzen hineingezogen, denn die Finanzmärkte stellten sich als wundervolles Versuchslabor heraus, um meine philosophischen Ideen in der Praxis zu testen.

Im September 1992 haben Sie auf die Abwertung des britischen Pfunds gewettet. Sie haben damit eine Milliarde Dollar verdient und den Mythos der britischen Zentralbank ruiniert. Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals gefeiert haben?

Nein, denn das war gar nicht so außergewöhnlich. Es war einfach nur etwas größer und dramatischer als sonst, aber es war nichts anderes, als was ich damals eben gemacht habe. Ich weiß gerade nicht mal, ob 1992 insgesamt so ein besonders gutes Jahr war. (Lacht.)

Warum wetten Sie nicht gegen den Euro?

Zuerst mal: Was ich über die Europäische Union denke, die eines Tages auseinanderbricht, betrifft nicht die Währung, wie sie heute ist. Es wäre nicht zwingend eine gute Wette, sagen wir so. Und zweitens, ich wette ja nicht mehr.

Heute die Bank of England, morgen die ganze Welt: Hat es sich für Sie angefühlt wie ein Spiel? Wie Monopoly?

Es war ein Spiel. Ich habe es wie ein Spiel gespielt, genau so war es. Aber dann wurde es doch ziemlich ernst, denn ich ging ziemlich ernste Risiken ein. Einen Hedgefonds zu leiten, stellte sich als extrem anstrengend heraus. Das ging so weit, dass ich eines Tages glaubte, ich hätte einen Herzinfarkt. So angespannt war ich. Ich weiß noch genau, wo und wann das passiert ist. Ich dachte, das war es jetzt. Und ich dachte, wenn ich jetzt sterbe, hab’ ich das Spiel verloren. Und das hat mich letztlich dazu gebracht, eine Stiftung zu gründen. 1979 war das. Und das wiederum hat mir dann die Motivation geliefert, weiterzuspielen. Damals war ich nicht so reich. Ich hatte vielleicht 30 Millionen Dollar…

Na ja . . .

Das ist natürlich viel Geld. Jedenfalls war es genug für mich. Ich brauchte nicht mehr. Aber als ich dann die Stiftung hatte, ergab es Sinn, doch noch mehr zu verdienen. Und ich fand, dass es der Entwicklung meiner Philosophie half, im Markt aktiv zu sein. Das half mir, mich in meinen Gedanken nicht zu verzetteln. Es hielt mich in Kontakt mit der Realität.

Sie haben sich lange als verkannter Philosoph gefühlt. Einmal hielten Sie einen Vortrag mit dem Titel: „Ein gescheiterter Philosoph versucht es mal wieder“.

Ich habe lange geglaubt, dass meine Philosophie vielleicht eher ein persönliches Wertesystem war, das mich gut gelenkt hat – aber da sonst niemand darauf einging, hatte ich Zweifel, ob es tatsächlich einen Beitrag zum Verständnis auch von anderen leisten konnte. Seit der Finanzkrise von 2007/2008 habe ich etwas mehr Selbstvertrauen. Denn plötzlich änderten sich die Reaktionen, die ich bekam. Zum Beispiel sagte Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, im Jahr 2000, Soros ist ein netter Mann mit interessanten Ideen, aber seine Philosophie ist bedeutungslos. Nach 2008 gab er zu, dass er sich geirrt hatte. Er sagte, möglicherweise hätte ich doch recht. Er ist in meinem Ansehen sehr gestiegen. (Lacht.) Ich glaube, dass mein konzeptioneller Rahmen von Fehlbarkeit, Reflexivität und menschlichem Unbestimmtheitsprinzip tatsächlich etwas zu unserem Verständnis der Welt beitragen kann. Ich habe ein Buch geschrieben, das ein guter Beitrag sein könnte: „The Age of Fallibility“. Ich sollte es selbst mal wieder lesen, ich habe vergessen, was darin steht. (Lacht.)

Sie haben die deutsche Besatzung in Budapest mit falschen Papieren überlebt. Sie waren damals 14 Jahre alt – wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Für die meisten Menschen war diese Zeit eine unglaublich schreckliche Erfahrung, sehr viele wurden ermordet – aber für mich ist es eine positive Erinnerung, auch wenn mir bewusst ist, wie seltsam das klingt. Denn nicht nur haben wir als Familie überlebt, wir waren auch in der Lage, anderen zu helfen. Indem wir uns mit der harten Realität konfrontierten, konnten wir die Gefahren tatsächlich überwinden, und das war eine wichtige Lektion für mich: harte Realitäten immer direkt anzugehen. Genau das versuche ich auch in Hinblick auf die Eurokrise. Es gibt eine allgemeine Tendenz, sie herunterzuspielen, Entschuldigungen zu finden oder zu behaupten, wenn das Schlimmste erst mal geschafft sei, werde alles wieder gut. Ich dagegen neige dazu, einen negativen Ausgang überzubetonen – um mich darauf einzustellen, bereit zu sein. Und: einen positiven Ausgang zu finden. Ich denke Konflikte gerne bis zu ihrem logischen Schluss, während man üblicherweise lieber kurz davor haltmacht und nach einem Kompromiss sucht.

Halten Sie Angela Merkel für eine schlechte Politikerin?

Keineswegs. Sie ist eine große Führungspersönlichkeit, und von einem deutschen Standpunkt aus hat sie einen ausgezeichneten Job gemacht. Ich bin auch überzeugt davon, dass sie sich dem Euro und der Europäischen Union gegenüber aufrichtig verpflichtet fühlt. Aber sie führt Deutschland und Europa in die falsche Richtung. Sie hat nicht verstanden, dass der Euro die Europäische Union zerstören könnte. Und dass es wichtiger ist, die Europäische Union zu erhalten als den Euro.

Warum interessieren Sie sich so dafür, was mit Europa passiert? Sie könnten sich doch eigentlich bequem in Ihrem New Yorker Domizil zurücklehnen, weitere Milliarden für gute Zwecke spenden, und wenn Ihnen irgendwo auf der Welt etwas gegen den Strich geht, die Nachrichten ausschalten. Was treibt Sie an, da mitzumischen?

Wenn es mir möglich wäre, die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks. Es würde alles andere, was ich erreicht habe, in den Schatten stellen. Ich habe zwar einen amerikanischen Pass, aber in meinem Herzen bin ich nach wie vor Europäer. Und es hängt jetzt allein an Deutschland, die Eurokrise zu lösen. Es ist eine schwere Krise in einem sehr wichtigen Teil der Welt. Die Europäische Union ist die Verkörperung einer offenen Gesellschaft, wie Popper es genannt hat, das ist etwas von großer Bedeutung, nicht nur für Europa sondern für die ganze Welt. Ich halte das zurzeit für das drängendste Thema überhaupt.

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