DIW Berlin kritisiert Pläne der Bundesregierung zur Umsetzung der Blue-Card-Richtlinie der EU

http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.398019.de

Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist es zweifelhaft, ob der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Zuzug hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Drittstaaten europäischem Recht entspricht.

Denn die Festlegung der Mindestverdienste für Zuwanderer ist nicht transparent, überdies werden geringe Mindestverdienste vorgeschlagen. Zudem sollen Sonderregelungen für solche Berufe festgelegt werden, bei denen es keinen erkennbaren Fachkräftemangel gibt. „Das Gesetzesvorhaben zielt nicht darauf, einen Mangel an Fachkräften zu mindern, sondern darauf, Fachkräfte ins Land zu ziehen, die zu einem Verdienst arbeiten, der weit unter dem bestehenden Lohnniveau liegt“, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte im DIW Berlin. „Durch eine Billiglohnstrategie wird der Standort Deutschland aber gewiss nicht gestärkt, und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone werden nicht vermindert. Das sollte der Bundestag bei seiner Entscheidung in dieser Woche berücksichtigen.“

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und wie die klassischen Einwanderungsländer braucht auch die Bundesrepublik Steuerungsmechanismen für die Zuwanderung von Arbeitskräften. Die vom Europäischen Rat verabschiedete Richtlinie für den Aufenthalt und die Zuwanderung Hochqualifizierter ist daher aus der Sicht des DIW Berlin ein sinnvolles Instrument.

Mit erheblicher Verspätung soll nun auch in Deutschland die Blue-Card-Richtlinie EU in nationales Recht umgesetzt werden. Sie sieht vor, dass Hochqualifizierte aus Drittländern dann eine Beschäftigung in einem EU-Staat aufnehmen können, wenn sie mindestens das 1,5-fache des dortigen nationalen Jahresbruttolohns erhalten. Im Falle eines besonderen und nachgewiesenen Arbeitskräftebedarfs in einem EU-Land reicht auch das 1,2-fache des Jahreslohns.

Die Bundesregierung sieht einen solchen besonderen Bedarf bei Ingenieuren, IT-Kräften sowie Medizinern. Untersuchungen des DIW Berlin haben allerdings gezeigt, dass in Deutschland – abgesehen vielleicht von Medizinern – Fachkräfte in den entsprechenden Berufen keineswegs knapp sind.

Dafür spricht vor allem, dass sich bei Ingenieuren und IT-Kräften die Löhne nur schwach entwickelt haben. Zudem hat es in den entsprechenden Studiengängen einen regelrechten Run auf die Hochschulen gegeben, und die hierzulande bereits rasant wachsende Zahl von Studienabsolventen wird deshalb in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Wie auch Untersuchungen anderer Institute (Bundesinstitut für Berufsbildung / BIBB und Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung / IAB) zeigen, wird es zumindest in den nächsten zehn Jahren zu keinem nennenswerten Mangel an Hochqualifizierten mit naturwissenschaftlich-technischer Ausbildung kommen. Eher ist bald eine Schwemme an Hochschulabsolventen zu erwarten.

Zudem ist von der Politik geplant, die Mindestverdienstgrenze bei aus Nicht-EU-Staaten zuziehenden Ingenieuren, IT-Kräften und Medizinern auf knapp 35.000 Euro festzulegen. Völlig unklar bleibt, wie dieser Wert ermittelt wurde. Gemäß EU-Richtlinie müsste er mindestens das 1,2-fache des durchschnittlichen Bruttojahreslohns betragen. Nach der amtlichen Statistik der Arbeitnehmerverdienste belief sich 2011 jedoch der Bruttojahreslohn für Vollzeitkräfte in Deutschland auf 43.929 Euro, das 1,2-fache davon sind 52.715 Euro. Nimmt man noch die Teilzeitbeschäftigten hinzu, ergibt sich eine Mindestverdienstgrenze von etwa 46.600 Euro.

Die Bundesregierung versucht offenbar, die Lohngrenze sehr tief anzusetzen, und bezieht wohl auch Mini-Jobber, als Aushilfskräfte tätige Rentner und Schüler oder Saisonkräfte in ihre Kalkulation ein. Solche Arbeitskräfte und deren Entlohnung können nach Ansicht des DIW Berlin aber nicht Maßstab für den Zugang Hochqualifizierter zum Arbeitsmarkt eines EU-Landes sein. Mit den von der Bundesregierung geplanten Rechtsänderungen könnten hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern in Deutschland Löhne erhalten, die geringer sind als die durchschnittlichen Entgelte von Facharbeitern  im produzierenden Gewerbe.

„Bei den geplanten Gesetzesänderungen geht es wohl darum, einem Mangel an solchen Fachkräften entgegen zu wirken, die bereit sind, eine Beschäftigung anzunehmen, die weit unterhalb des bestehenden Gehaltsniveaus in der Bundesrepublik entlohnt wird“, sagt DIW-Wissenschaftler Brenke. Wären Hochqualifizierte aus Drittländern bereit, zu solchen Bedingungen eine Arbeit aufzunehmen, entstünde ein genereller Druck auf die Löhne hierzulande. Die wirtschaftlichen Verwerfungen innerhalb der Eurozone werden sich nach Ansicht des DIW Berlin aber gewiss nicht verringern, wenn die Bundesrepublik weiterhin auf eine schwache Lohnentwicklung setzt.

Aus Sicht des DIW Berlin ist es nötig:

  • Transparenz darüber zu schaffen, auf welchen Berechnungsgrundlagen die Festlegung die Mindestverdienstgrenzen für hoch qualifizierte Arbeitskräftewanderer aus Drittländern gründen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Regelungen in Deutschland nicht das EU-Recht verletzen. Am besten wäre es, auf gemeinsame, auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU erhobene Statistiken zurückzugreifen – also auf die Statistik der Arbeitnehmerverdienste bzw. auf die Erhebung der Lohn- und Gehaltsstruktur.
  • ein Berichtssystem zu schaffen, das regelmäßig darüber informiert, welche Arbeitskräfte in Deutschland tatsächlich knapp sind. Ein solches Berichtssystem sollte vor allem die Lohnentwicklung berücksichtigen. Denn Knappheiten lassen sich generell am besten an den Preisen erkennen – und auf dem Arbeitsmarkt an den Löhnen.

Links

Stellungnahme von Karl Brenke (DIW Berlin) zur Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie der EU | PDF, 48.53 KB

“Ingenieure in Deutschland: Keine Knappheit abzusehen” in: Wochenbericht 11/2012 | PDF, 0.79 MB

Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Umfrage in elf Staaten: Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Von Florian Diekmann

Gute Wirtschaftslage, niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Löhne – und doch sehen die Menschen nirgendwo mehr Probleme als in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer europaweiten Umfrage. Am wenigsten Sorgen machen sich die krisengeschüttelten Iren.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gfk-umfrage-in-elf-staaten-deutsche-sind-europas-sorgenmeister-a-909610.html

Nürnberg/Hamburg – Es scheint paradox. Die Arbeitslosigkeit ist im Dauertief, das Wachstum robust, selbst die Löhne steigen wieder spürbar – derzeit ist Deutschland der Neid seiner meist krisengeschüttelten Nachbarn sicher. Und doch fallen den Deutschen auf die Frage, welche Probleme in ihrem Land gerade dringend gelöst werden müssten, auf Anhieb mehr davon ein als allen anderen Europäern.

 

Das ist das Ergebnis einer Umfrage des GfK-Vereins, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Der Verein ist Miteigentümer der Gesellschaft für Konsumforschung und betreibt Grundlagenforschung. Mehr als 13.000 Menschen in elf europäischen Ländern wurden in diesem Februar für die regelmäßig durchgeführte Umfrage “Challenges of Europe 2013” befragt. Ihnen wurden keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, sie konnten also spontan auf die offene Frage nach den in ihrem Land dringendsten Problemen antworten.

Die Rangliste der Sorgen unter Deutschlands Bürgern führt die Arbeitslosigkeit an. Danach folgen Inflation, wirtschaftliche Stabilität, Bildungspolitik und Rente/Altersvorsorge.

Ganz im Gegensatz zu den Deutschen scheinen die Iren dem Monthy-Python-Motto zu folgen: Always look on the bright side of life. Denn wo die Deutschen im Durchschnitt spontan 2,5 dringende Probleme nennen, die angepackt werden müssen, nennen die Iren nur 1,2 – ausgerechnet die Bewohner jenes Landes, das besonders schwer von der Schulden- und Bankenkrise getroffen wurde, in dem sich die Arbeitslosigkeit verdrei- und die Staatsschuldenquote vervierfacht haben, fallen im europäischen Vergleich am wenigsten Sorgen ein. Gemeinsam übrigens mit den Schweden, bei denen die Sorglosigkeit angesichts einer erfreulichen Wirtschaftslage allerdings auch um einiges begründeter erscheint.

Statt mit Monthy Python halten es die Deutschen lieber mit Udo Lindenberg: “Denk’ an Krise und Inflation – sonst landest du später bei der Bahnhofsmission.” Doch obwohl die Deutschen Europas Sorgenmeister sind, hat sie die wirtschaftlich gute Lage in der Bundesrepublik verglichen mit früheren Jahren insgesamt doch weitaus sorgenfreier werden lassen. Und wenn sie Probleme ausnahmsweise als dringender einschätzen als früher, beweisen sie doch durchaus Sinn für die veränderte Realität in Deutschland.

Nur Russen machen sich mehr Sorgen um Inflation

So bleibt zwar die Arbeitslosigkeit die Sorge Nummer eins, aber mit 32 Prozent der Befragten bedrückt sie nun nicht einmal mehr jeden dritten Deutschen stark. Das sind so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Vor sieben Jahren sah das noch ganz anders aus. Im Jahr 2006 sagten 80 Prozent der Deutschen spontan, das Problem der Arbeitslosigkeit müsse dringend gelöst werden. (Weitere Entwicklungen im Zeitverlauf finden Sie in dieser Grafikstrecke.)

In den Krisenstaaten der Euro-Zone hingegen hält durchweg eine absolute Mehrheit die Arbeitslosigkeit für eines der dringendsten Probleme ihres Landes. Besonders ausgeprägt ist die Sorge in Spanien, wo sie 72 Prozent der Befragten nennen, auch in Frankreich ist der Anteil mit 69 Prozent kaum kleiner. In Irland wiederum, wo die Quote der Jobsuchenden sich in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht hat, nennen nur 20 Prozent die Arbeitslosigkeit als dringendes Thema. Auch wenn man jene 25 Prozent dazuzählt, die angeben, die Sicherung der Beschäftigten mache ihnen Sorgen, erscheinen die Iren trotz schwieriger Lage ziemlich unbeschwert.

Mit 29 Prozent Nennungen nahm die Inflation den zweiten Platz im deutschen Sorgen-Ranking ein. Das sind drei Prozentpunkte mehr als noch im vergangenen Jahr – ein Anstieg, der angesichts von dauerhaften Mickerzinsen und der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nachvollziehbar ist. Nur die Russen machen sich mit 31 Prozent noch mehr Sorgen um die Entwicklung ihrer Kaufkraft. In Österreich hingegen, dessen Lage in der Euro-Krise der Deutschlands ziemlich genau entspricht, halten nur 13 Prozent die Inflation für ein dringendes Problem.

Französische Gelassenheit

Die Sorge der Deutschen um wirtschaftliche Stabilität ist hingegen deutlich kleiner geworden, auch wenn sie den dritten Platz im deutschen Sorgenranking belegt – nur noch 16 Prozent nannten sie, im Vorjahr waren es noch 24 Prozent, im Rezessionsjahr 2009 gar 36 Prozent.

Erstaunlich hingegen ist die Sorglosigkeit der Franzosen bei diesem Thema: Trotz des Verlusts des Triple-A-Ratings und der eindringlichen Mahnung etwa des IWF zu Reformen sehen nur 14 Prozent von ihnen die wirtschaftliche Stabilität ihres Landes in Gefahr. Und auch die Iren, die mitten in einem gewaltigen Strukturwandel stecken, sind mit 18 Prozent kaum mehr darum besorgt als die Deutschen.

Eher grotesk mutet es allerdings an, dass die Bewohner eines Landes wie Irland, dessen Staatverschuldung von etwa 25 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2007 auf zuletzt rund 120 Prozent emporschnellte, dies offenbar kaum als Problem sehen. Nur sechs Prozent der Iren fielen die Staatsfinanzen als eines der Probleme ein, die dringend zu lösen seien. Im Gegensatz dazu findet jeder zehnte Deutsche, dieses Thema solle mit Nachdruck angepackt werden – auch wenn Deutschland zur Zeit sogar Überschüsse erwirtschaftet.

Eine neue Sorge

Wie stark sich gesellschaftliche Veränderungen in den Sorgen der Deutschen niederschlagen, machen zwei bemerkenswerte Entwicklungen deutlich: Armut schien in Deutschland zumindest in der Wahrnehmung der Bürger lange gar nicht zu existieren – bis im Jahr 2005 Hartz IV eingeführt wurde. Damals taucht Armut zum ersten Mal im GfK-Sorgenranking auf, immerhin zwei Prozent der Befragten nannten sie. Inzwischen sorgt Armut 13 Prozent der Bundesbürger, das macht sie zum sechstdringendsten Problem des Landes.

Umgekehrt lief es bei Zuwanderung und Integration. Als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jedes Jahr Hunderttausende Menschen in Deutschland Asyl beantragten, schnellte die Sorge darum in die Höhe – 1992 nannten sie 68 Prozent der Befragten. Dann wurde das Asylrecht eingeschränkt, der Flüchtlingsstrom ebbte ab, die Sorgen um die Integration ebenso. Heute fällt sie nur noch acht Prozent der Deutschen als Problem ein.

Nicht schlecht für ein Land, dem der “Economist” jüngst eine Zukunft als moderner Schmelztigel Europas vorhersagte.

Deutschland-Analyse des “Economist”: Vormacht ohne Mumm

Deutschland ist unangefochtene Vormacht in Europa – aber das Land will die Rolle bisher nicht annehmen. So sieht es der “Economist”, das einflussreichste Wirtschaftsmagazin der Welt in einem Länderreport. Die Prognose der Briten ist überraschend optimistisch.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/economist-zeichnet-deutschland-als-europas-hegemon-wider-willen-a-905516.html

Über den Merkiavellismus

Im Gespräch: Soziologe Ulrich Beck Über den Merkiavellismus

16.01.2013 ·  Ein neuer Machtstil dominiert Europa. Im Interview erklärt der Soziologe Ulrich Beck, wie das Hinausschieben von Entscheidungen durch Angela Merkel Deutschland eine merkwürdige politische Dominanz in Europa erarbeitet.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/im-gespraech-soziologe-ulrich-beck-ueber-den-merkiavellismus-12027300.html

„Deutschland ist der große Gewinner der Krise“, sagt Ulrich Beck

„Deutschland ist der große Gewinner der Krise“, sagt Ulrich Beck

as Land ist schön und ruhig, die Menschen haben die Feiertage genossen, nun kommen Sie wieder mit Euro-Krise, mit Gefahr und Risiko. Muss das sein?

Das sehe ich anders. Die Krise ist weit in den Alltag vorgedrungen. Viele fragen sich, ob ihre Renten sicher sind, was die Lebensversicherungen noch wert sein werden. Sie verstehen vieles nicht. Schon die Geldsummen, aber auch die Begriffe, mit denen da hantiert wird, übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Ich glaube, dass Europa selten so präsent war in unserem Alltag wie jetzt über das Thema der Krise. Aber es fehlt eine Perspektive, die all diese offenen Fragen in den Blick nimmt.

Es sind aber eine Menge Positionen zu lesen gewesen. Was stört Sie am Verlauf der Debatte?

Wir diskutieren zu schnell normativ. Wir wollen wissen, wie es weitergeht, welche Institutionen wir brauchen. Schnell ist von der Verantwortung für Europa die Rede, und wir überdecken damit unsere nationalen Interessen, oder der Großbegriff „Vereinigte Staaten von Europa“ macht die Runde – aber die gegenwärtige Lage Europas wird übersprungen.

Und wie würden Sie diese Lage nun beschreiben?

Wir haben eine dreifache Spaltung erlebt. Da ist zunächst die Machtdifferenz zwischen den Ländern, die den Euro haben, und den Ländern, die nur der EU angehören. Zwischen den Euroländern wiederum ist eine Spaltung zu erkennen zwischen den Kreditgeber- und den Kreditnehmerländern. Und drittens haben wir als Resultat dieser beiden Spaltungen ein Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Wie sehen Sie die deutsche Position nach diesen Prozessen?

Deutschland ist der große Gewinner der Krise. Wir sind innerhalb der Eurostaaten der größte Kreditgeber, deswegen fällt uns eine besondere Macht zu. Alle blicken auf den Euro, und alles läuft auf Deutschland zu. Niemand hat es angestrebt, doch angesichts des möglichen Zusammenbruchs des Euro ist eingetreten, wovor Thomas Mann 1953 gewarnt hat, nämlich ein deutsches Europa.

Die Kanzlerin sagt das nicht so deutlich, sie sagt überhaupt sehr wenig sehr deutlich.

Angela Merkel hat eine Methode „Merkiavelli“ entwickelt, eine Verbindung zwischen Machiavellis und Merkels Machtpolitik. Ein charakteristisches Merkmal davon ist ihre Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln, zum Zögern. In ihrem machtpokernden Jein erfahren die auf Kredite angewiesenen Länder und Regierungen ihre Abhängigkeit von der Zustimmung Deutschlands und damit immer wieder aufs Neue ihre Ohnmacht. Das macht sich in heftiger Kritik Luft.

All die Plakate vom Vierten Reich, Fotomontagen von Merkel in Nazi-Uniform…

…sind unangemessen. Es ist ja keineswegs so, dass Merkel eine militärische Macht anstrebt. Insofern ist die Kritik, es gehe hier um ein Viertes Reich, absurd. Wie die Nato-Intervention in Libyen gezeigt hat, versucht ihre Regierung eher, sich militärisch zurückzuhalten und Deutschland zu einer Art Schweiz zu machen, obwohl wir Nato-Mitglied sind.

Sie strebt eine andere Form von Macht an?

In der Tat, sie strebt eine ökonomische Dominanz an. Der D-Mark-Nationalismus, der nach dem Krieg wesentlich zur Herausbildung unserer Identität beigetragen hat, wird zu einem deutschen Euronationalismus. Die Bundeskanzlerin setzt die Sparpolitik, die sie für richtig hält, entgegen den multilateralen Verpflichtungen, die Europa ausmachen, rigoros durch, und zwar informell.

Informelle Machtausübung?

Bemerkenswerterweise hat Max Weber in seiner Herrschaftssoziologie einen kurzen Exkurs über den Begriff des „Empire State“ eingebaut. Ein „Empire State“ kann, so Weber, auch ohne alle formelle Befehlsgewalt eine weitgehende, zuweilen despotische Hegemonie ausüben. Als Beispiel nennt er die Rolle Preußens im Deutschen Zollverein sowie die Stellung New Yorks als Sitz der großen Finanzmächte. Man kann diesen Begriff ganz gut benutzen, um die Situation Deutschlands in Europa zu charakterisieren: Die formalen Herrschaftsstrukturen in Europa bleiben bestehen, aber unter dem Druck der Krise ist Deutschland ohne alle formelle Befehlsgewalt neue Macht zugewachsen.

Merkel macht diese Macht nicht kenntlich, schiebt im Gegenteil stets neue andere Statisten auf die Bühne, damit man gar nicht merkt, wer die Hauptrolle spielt.

Den Begriff Merkiavelli werden viele nur als Kritik lesen. Aber bei aller Kritik muss man anerkennen, wie sie es vermocht hat, enorm schwierige Probleme damit zu bearbeiten. In den letzten Jahren ist die deutsche Bevölkerung immer europaskeptischer geworden. Dennoch hat Merkel (wohl unter dem Einfluss von Schäuble) es vermocht, schrittweise immer mehr Europa umzusetzen. Ich finde die innere Logik dieser merkiavellistischen Politik deswegen so interessant, weil sie weder den Europa-Architektenihre Zustimmung gibt noch den Europaskeptikern, sondern zwischen beiden Positionen hin- und herspringt.

Aber dieses Zögern kommt uns teuer zu stehen. Hätte Merkel in den ersten Wochen der Krise mit den anderen Euro- staaten zusammengestanden und gesagt, wir lassen weder die Griechen noch sonst jemanden fallen, dann hätte sich Spekulation ja gar nicht gelohnt.

Dies ist auch der Kurs, den Barack Obama empfohlen hatte. Überhaupt ist der Außenblick sehr erhellend. Wir leben in einer Zeit, in der die Grundlagen der Moderne selbst politisch werden. Es existieren radikal unterschiedliche Visionen von der Zukunft des Westens, wo inzwischen fast ein innerer kalter Krieg stattfindet. Will man einen regulierbaren Kapitalismus, der den Ausgleich mit sozialen Bewegungen sucht und offen ist für Klimafragen, oder setzt man auf die Selbstregulierung des globalisierten Kapitals und mehr Militärinvestitionen, so dass man den nationalen Zusammenhalt über Freund-Feind-Schemata herzustellen versucht – das ist der Kern des Konflikts.

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Und fast unbemerkt von uns entwickeln sich die Übergangsländer in Südamerika, aber auch in anderen Weltregionen, die derzeit einen Aufschwung erleben und nicht von der Schuldenkrise betroffen sind. Wir in Europa denken immer noch, wenn wir die Schuldenkrise irgendwann überwunden haben, dann kommen wir wieder zur Dominanz des Westens zurück. Doch das sehen die anderen nicht so.

Und dann ist da noch China…

…eine Form des autoritären Staatskapitalismus. Ich habe den Eindruck, dass auch manche meiner Freunde aus der Umwelt- und Klimabewegung ein Stück weit mit dieser Figur der ökologischen Steuerung von oben liebäugeln. Die Frage ist, welches Modell sich durchsetzen wird. Auch Europa ist gespalten. Während in Deutschland versucht wird, den Sozialstaat zu retten, wird infolge der Sparpolitik in anderen europäischen Ländern der Bankrott der Banken umverteilt auf Kosten der Rentner, der Arbeitslosen und der Auszubildenden.

Was rät uns denn die Wissenschaft?

Die Sozialwissenschaften sind hier selbst in Schwierigkeiten, weil die soziologischen Theorien fast durchgängig mit Fragen der Reproduktion gesellschaftlicher und politischer Ordnung befasst sind, nicht aber mit deren Transformation – Bourdieu mit der Reproduktion sozialer Klassen, Foucault mit der Reproduktion von Machtstrukturen oder Niklas Luhmann mit der Reproduktion von Systemen. Hier aber haben wir es mit einer Transformation von Systemen zu tun, für die uns die Begriffe fehlen.

Welche Transformationen meinen Sie konkret: der Arbeitswelt, der Demographie, der Globalisierung?

Wir haben es mit einer Europäisierung und Globalisierung der Arbeitskonflikte zu tun – die teuren Arbeitskräfte werden weltweit durch billigere ersetzbar. Der Westen hat Gleichheit und Demokratie auf seine Fahnen geschrieben und will nicht wahrhaben, dass mit diesem Anspruch die sich verstärkenden Ungleichheiten innerhalb und zwischen Nationen ihre Legitimation verlieren. Durch Internet und Facebook, durch Migration und Karrieremobilität werden Liebe, Familie und Haushalte von innen her globalisiert. Die ehemals fremden anderen sind in unserer Mitte, und wir sind anderswo. Das alles wirkt zusammen, zu einem Wandel des Wandels, wo Annahmen, von denen wir glaubten, sie seien anthropologisch unveränderbar, sich verändern. Die Sozialwissenschaften aber sind vielfach in einem methodologischen Nationalismus befangen, der sie blind macht für die Vernetzung und Riskanz im 21.Jahrhundert.

Hier brauchen Sie Ihren Begriff der Weltrisikogesellschaft.

Darin steckt auch die Idee, solche Transformationen als Aufgabe für eine Reorientierung und Reorganisation von Theorie und Forschung zu begreifen.

Wer wären jetzt die Akteure? Sind das noch unsere guten alten Parteien, Gewerkschaften und Kirchen oder ganz neue soziale Bewegungen, die sich womöglich ad hoc im Netz bilden?

Bis jetzt haben wir gedacht, es müsste Revolutionen geben oder Unruhen. Aber es gibt heute auch Bewegung und neue Gegensätze innerhalb der politischen Institutionen. Da werden plötzlich Regierungschefs zu Teilzeit-Revolutionären, die für Eurobonds, eine Finanztransaktionssteuer und so weiter streiten. Das wiederum erzeugt den Widerstand derjenigen, die die nationale Verfassung verteidigen.

Und wir können nur zusehen?

Viele verwechseln die Risikogesellschaft mit einer Katastrophengesellschaft, in der das „Zu spät“, die Aussichtslosigkeit regiert. Mein Risiko-Begriff meint dagegen die drohende Katastrophe, die Noch-nicht-Katstrophe, die abgewendet werden kann und muss – also die Aufforderung zum Handeln. Weil in Europa so viel auf dem Spiel steht, sind heute plötzlich Optionen auf der Tagesordnung, die bis vor kurzem noch als abwegig galten. So wird eine „Haftungsgemeinschaft“ ins Auge gefasst, die alles auf den Kopf stellt, was bislang als selbstverständlich galt.

Man soll sich nicht die Decke über den Kopf ziehen.

Risiko enthält die Botschaft: Es ist höchste Zeit zu handeln. Risiko reißt die Menschen aus ihrem Trott, die Politiker aus den sogenannten Sachzwängen. Wir befinden uns in einer Lage, in der unser Nichtwissen das Wissen überwiegt. Besonders gilt das für die Wirtschaftswissenschaften. Kurz, wir erleben eine unerhörte Mobilisierung der Verhältnisse und dürfen selbst nicht reglos bleiben.

Die Fragen stellte Nils Minkmar.

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Ulrich Beck und Martin Schulz über die Zukunft Europas Mehr Willy Brandt wagen

24.05.2013 ·  Vielen kommt Europa schon wie eine Ehe vor, die nur deswegen noch nicht geschieden ist, weil man Angst hat vor den Folgen. Der Soziologe Ulrich Beck und der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz plädieren für mehr Mut und mehr Anmut.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/ulrich-beck-und-martin-schulz-ueber-die-zukunft-europas-mehr-willy-brandt-wagen-12191490.html

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Vor der Verhandlung in Karlsruhe Die Euro-Rettungspolitik vor Gericht

24.05.2013 ·  Das Ringen um die Euro-Stabilisierung geht in die nächste Runde: Schauplatz ist die Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht. Jens Weidmann wird für die Bundesbank sprechen, er könnte auf den deutschen EZB-Direktor Jörg Asmussen treffen.

Von Stefan Ruhkamp

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http://elpais.com/elpais/2013/05/23/opinion/1369304149_341268.html

Democracia, nuevo empleo y crecimiento

La lección que extraemos de Alemania es que las reformas estructurales solo pueden dar fruto si hay crecimiento. Berlín debe dar la oportunidad a sus socios de hacer compatibles esas dos políticas

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Studie:  Zuwanderer besser ausgebildet als Deutsche

24.05.2013 ·  In Deutschland gibt es nach wie vor die Vorstellung, Zuwanderer stammten überwiegend aus gering qualifizierten Bevölkerungsgruppen ihrer Heimatländer. Tatsächlich hat sich das längst geändert.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/studie-zuwanderer-besser-ausgebildet-als-deutsche-12193274.html

Europa Die große Unruhe

Europa Die große Unruhe

21.05.2013 ·  In vielen Ländern Europas ist das Tal der Tränen noch nicht durchschritten. Es wird unruhig bleiben, solange die Lasten der Anpassung nicht bewältigt sind.

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Mit einem schönen, schlichten Satz erinnerten maßgebliche Europäer vor gut sechs Jahren in Berlin an die Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957: „Wir sind zu unserem Glück vereint.“ Dankbarkeit für den Lauf der Geschichte schwang darin ebenso mit wie das Versprechen einer gedeihlichen gemeinsamen Zukunft. 2007 – das war vor dem Fall von Lehman Brothers, vor der europäischen Staatsschuldenkrise, vor den Rettungspaketen und der Konsolidierungspolitik. 2007 war eine andere Zeit.Zu unserem Glück vereint? Das Stimmungsbild im Europa der Gegenwart ist trübe und düster: In vielen EU-Ländern und vor allem in den Euro-Krisenstaaten hat der Verdruss ob der gemeinsamen Währung fast englische Ausmaße erreicht. Immer ungünstiger fällt das Urteil über die Europäische Union aus, die wirtschaftliche Integration wird als wenig vorteilhaft eingeschätzt. Eine amerikanische Umfrage aus jüngerer Zeit kommt zu dem alarmierenden Schluss, dass das „Hauptopfer“ der Eurokrise das europäische Einigungswerk sei. So als ob binnen weniger Jahre aus Glück Unglück geworden ist.

Es ist in der Tat bedenklich, wenn und dass die politische Legitimität der EU dahinschwindet. Doch da „Europa“ ganz offensichtlich von einer Wohlstandsverheißung lebt, kommt die Aversion nicht aus heiterem Himmel. Die Eurozone kämpft jetzt schon eineinhalb Jahre gegen die Rezession. Von Griechenland bis Portugal ist die Arbeitslosigkeit hoch, besonders die der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Den Politikern dieser Länder fällt es immer schwerer, die Staatshaushalte zu konsolidieren und die Verkrustungen ihrer Volkswirtschaften aufzubrechen. Aber trotz aller Widerstände führt daran kein Weg vorbei – was übrigens nicht unbedingt alle Politiker und Interessengruppen, aber viele Bürger in den Krisenländern auch so sehen.

Mag auch die Lage der Eurozone, was die Stabilität der gemeinsamen Währung anbelangt, weniger dramatisch sein als noch vor einem Jahr, so ist die Währungsunion nicht über den Berg. Der allgemeine Unmut ist, siehe oben, groß, und die Spannungen, welche die Krise freigesetzt oder verschärft hat, sind nach wie vor hoch. Das bezieht sich vor allem auf den Gegensatz zwischen den an Stabilität interessierten Ländern im Norden der Eurozone sowie der EU im Allgemeinen und den überschuldeten Krisenländern im Süden, die ihren Partnern einen Mangel an Solidarität vorwerfen.

Gegenläufig ist das Meinungsklima in Deutschland

Deutschland bekommt diesen Vorwurf besonders oft zu hören. Wenn „Brüsseler Spardiktate“ politisch-publizistisch attackiert werden, sind in Wahrheit Berlin und die Bundeskanzlerin gemeint. Weil sie Leistungen an Gegenleistungen knüpfen, die für die Zukunft der Währungsunion unerlässlich sind? Auf manchmal schon maliziöse Weise werden Berlin hegemoniale Ambitionen unterstellt – ganz so, als seien es die Deutschen gewesen, welche die Regierungen der Krisenländer dazu veranlasst hätten, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften systematisch zu schwächen. Wenn Deutschland ein Vorwurf zu machen ist, dann der, dass unter Rot-Grün der Stabilitätspakt gebrochen wurde. Nicht kritikwürdig aber ist, dass Berlin und Frankfurt darauf hinweisen, dass Währungsunion und die Logik des Verschuldens und der Sozialstaatsexpansion einander ausschließen.

Auf der anderen Seite ist das Offensichtliche nicht zu bestreiten: In den vergangenen Jahren ist die politische Bedeutung Deutschlands weiter gewachsen. Dafür spricht allein die Wirtschaft mit globaler Ausrichtung. Die starke Stellung Deutschlands als der mit Abstand stärksten Wirtschaft der Eurozone und also auch der Bundesregierung ist freilich auch ein Spiegelbild der Verfassung anderer europäischer Gründungsnationen. Frankreich durchlebt eine Phase politischer und wirtschaftlichen Schwäche sondergleichen, Italien wird von einer tiefen Krise erschüttert. Hinzu kommt die große Euroskepsis des Nichteurolandes Großbritannien, die sich in faktischer Orientierungslosigkeit und Selbstmarginalisierung äußert.

Gegenläufig zu der Stimmung in anderen Ländern ist das Meinungsklima in Deutschland: Nach großem Missmut zu Beginn der Krise, als die ersten Rettungspakete geschnürt wurden, sind die Deutschen weniger erregt. Sie wollen nicht „mehr Europa“, sind aber mit EU und Währungsunion alles in allem ganz zufrieden. Die europapolitische Rolle, die Bundestag und Bundesverfassungsgericht heutzutage spielen, beruhigt sie – jedenfalls die beachtliche Mehrheit der Bürger, die auch am Stil der Kanzlerin wenig auszusetzen hat. Von den meisten Partnerländern lässt sich das nicht sagen.

Die europäische Politik ist insgesamt von einer großen Unruhe erfasst. In vielen Ländern ist das Tal der Tränen noch nicht durchschritten. Es wird unruhig bleiben, solange die Lasten der Anpassung nicht bewältigt sind. Das ist der Preis, der bezahlt werden muss, um den Bestand der Währungsunion zu sichern – und um in dieser ultrakompetitiven Welt des frühen 21. Jahrhunderts nicht unterzugehen. Gefährlich würde es dann, wenn die europäischen und die nationalen Institutionen (vollends) in Misskredit gerieten.

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Einprügeln auf Deutschland

Europas Schuldenkrise Einprügeln auf Deutschland

03.05.2013 ·  Die Abneigung gegen die Politik des Sparens wird spürbar größer. In den Krisenländern wird ein Sündenbock gesucht – und in Berlin gefunden.

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Merkel
n den Jargon der internationalen und europäischen Politik hat sich ein neues Wort eingenistet: „German-bashing“ – Einprügeln auf Deutschland. So neu ist es zwar nicht, aber im Zuge von Staatsschuldenkrise und Rezession wird besonders gerne auf Deutschland im Allgemeinen und auf die von Angela Merkel geführte Bundesregierung im Besonderen eingedroschen. In den südlichen Krisenländern sucht man für die in der Regel selbstverschuldete Lage, zu der Korruption, Klientelismus und Elitenversagen gehören, einen Sündenbock und glaubt ihn in Berlin gefunden zu haben – die Stichworte sind „Spardiktat“ und „Austerität“. Bei diesem Manöver, das die ebenfalls gebeutelten baltischen Länder übrigens für ziemlich schäbig halten, haben sich in jüngster Zeit nicht nur, aber vor allem Sozialisten hervorgetan.So hat im spanischen Parlament der Führer der Sozialisten, Alfredo Rubalcaba, die Bundeskanzlerin direkt angegriffen und ihr die Schuld für die düstere Wirtschaftslage des Landes gegeben. Rubalcaba gehörte bis zum Machtwechsel Ende 2011 der Regierung Zapatero an; er muss offenkundig an Gedächtnisverlust leiden, dass ihm die gravierenden Versäumnisse und Fehler, die auf das Konto ebendieser Regierung gehen, einfach entfallen sind. In Frankreich wiederum wurde in einem Papier der Sozialistischen Partei Frau Merkels angebliche „egoistische Unnachgiebigkeit gegeißelt. Der sozialistische Präsident der Nationalversammlung, Claude Bartolone, verstieg sich zu der verqueren Behauptung, Haushaltsdisziplin verdamme die „schöne Idee Europa“. Hat nicht die Politik des Schuldenmachens Europa erst an den Rand des Abgrunds gebracht? Schließlich hat ein Mitglied der neuen italienischen Regierung zum Besten gegeben, sie könne den Zorn der Italiener auf die Kanzlerin verstehen; sie verband indirekt sogar den Freitod überschuldeter italienischen Unternehmer mit der deutschen Haltung. Dass es gemeinsame europäische Beschlüsse gibt, davon hat die neue Ministerin offenbar noch nichts gehört.

Berlin nimmt die Vorwürfe gelassen

Wie dem auch sei, die Abneigung gegen die Politik des Sparens wird spürbar größer. Und dabei treibt die Suche nach Gründen für hohe Arbeitslosigkeit, den Abbau von Sozialstaatsleistungen und die unerfreulichen Perspektiven seltsame Blüten. Es wird offenbar, wie sehr die Auffassungen über Ursachen der Krise und die Methoden zu deren Überwindung noch immer auseinandergehen; wie unzureichend das Verständnis für globale Wirtschaftszusammenhänge ist – und wie schnell man die Verantwortung für die eigene Lage bei Deutschland meint abladen zu können. Wenn solide Staatsfinanzen als Übel angesehen werden, wie kann man da bei den Voraussetzungen für die Stabilität der Währungsunion auf einen Nenner kommen?

Die Bundesregierung nimmt die Vorwürfe von Paris bis Athen nach wie vor gelassen. Als Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach einem Treffen mit dem spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos Anfang der Woche zu der jüngsten Kritikoffensive gefragt wurde, äußerte er sich unaufgeregt und gelassen. Es sei normal, dass Deutschland und die Bundesregierung kritisiert würden: „Daran sind wir gewöhnt, das muss man ertragen.“ Im Übrigen arbeite die Bundesregierung mit der französischen Führung gut zusammen, sagte Schäuble, offenkundig bestrebt, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Alte Fahrensleute der Europapolitik sind da nicht so zimperlich und sagen es offen heraus: Deutschland kommt der Partner Frankreich abhanden, wegen dessen wirtschaftlicher Schwäche und wegen politischer Konzeptionslosigkeit des Präsidenten Hollande.

Immerhin sagte auch Schäuble: Es sei Unsinn, das „blame-game“ zu spielen. Die politischen Führungen müssten ihren Völkern reinen Wein einschenken, sie müssten ihnen die Wahrheit sagen. Man könnte noch hinzufügen: und nicht darauf setzen, dass eine neue Bundesregierung nach der Bundestagswahl den Keynesianismus ganz fest umarmen werde.

Der Auseinandersetzung in der Sache weicht der Bundesfinanzminister nicht aus. Davon konnten sich die Teilnehmer eines hochkarätig besetzten Seminars überzeugen, zu dem die Konrad-Adenauer-Stiftung in die Nähe von Granada eingeladen hatte. Vehement lehnte er neue Schulden ab, weil die nicht zu einem dauerhaften Wachstum führten. Und während sich spanische und portugiesische Regierungsmitglieder ebenso vehement für die schnelle Einrichtung einer Bankenunion aussprachen und der irische Ministerpräsident Enda Kenny einen Beschluss in dieser Sache bis Juni gar zu einem „Glaubwürdigkeitstest“ erhob, blieb Schäuble bei seiner Auffassung: Eine Bankenunion, einschließlich einer gemeinsamen Einlagensicherung, bedürfe einer größeren Vertragsänderung, sei also nicht übers Knie zu brechen: Eine schwache Rechtsbasis könne die Bankenunion nicht tragen, das hätte vor Gericht keinen Bestand. „Wir wollen eine breite Vertragsänderung“, sagte Schäuble und deutete an, dass auch die Kanzlerin dieser Meinung sei.

Mal „zu viel“, mal „zu wenig“

Das mochten weder der irische Regierungschef noch der spanische Wirtschaftsminister gerne hören. Das letzte Vertragsänderungsverfahren dauerte, alles in allem, immerhin fast ein Jahrzehnt. Im Falle Irlands müssen Vertragsänderungen den Wählern vorgelegt werden – der Unsicherheitsfaktor ist also hoch, was bei einem Thema von Belang ist, das Spanier, Portugiesen, Iren und andere für dringlich halten: „Wenn die Bankenunion eine Volksabstimmung braucht, dann haben wir eine neue Blockade in unserem System in Irland, und das ist nicht gut“, sagte Kenny in einer Andeutung von Verzweiflung.

Eine andere Variante der Deutschland-Schelte steht im genauen Gegensatz zur Stärke der deutschen Wirtschaft und zum Anspruch auf Meinungsführerschaft in der Wirtschafts- und Finanzpolitik: Wenn über die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik geredet wird, kommen prompt Klagen über vermeintliche deutsche Passivität und deutsche Extratouren, die sich auch in eine zu große Rücksichtnahme auf russische Interessen äußerten. Aber es ist offensichtlich, dass die deutsche Haltung im Libyen-Konflikt, die Stimmenenthaltung im UN-Sicherheitsrat und dabei faktisch der Widerspruch zu den führenden westlichen Partnern, noch immer nachwirkt. Sie scheint ihre Verlängerung im Mali-Konflikt gefunden zu haben, bei dem Außenminister Westerwelle erst einmal erklärte, was Berlin alles nicht machen wolle. Es ist nicht schmeichelhaft, wenn sich die deutsche Politik vorwerfen lassen muss, dass Deutschland die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik untergrabe und damit ab absurdum führe, wenn es nicht auch das tue, was Briten und Franzosen täten. Die Erwartungen, dass Deutschland bei der Bewältigung geopolitischer Krisen mitwirkt, auch militärisch, sind größer, als es der Bundesregierung recht ist.

So ist „zu viel Deutschland“ den einen nicht recht und „zu wenig Deutschland“ den anderen. Apropos zu viel: Im Finale der Champions League stehen zwei deutsche Vereine. Zu Recht. Das wird man auch in Spanien anerkennen.

Trotz Rezession zuhause: Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

Trotz Rezession zuhause Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

To match Insight BANKS-COSTS/ASIA

26.04.2013 ·  Das Geldhaus BBVA machte im ersten Vierteljahr 1,7 Milliarden Euro Gewinn. Allerdings läuft das Geschäft zuhause in Spanien wegen der Rezession schlechter – dafür in Mexiko umso besser.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/trotz-rezession-zuhause-beide-spanischen-grossbanken-erzielen-milliardengewinn-12163143.html

ie spanische Großbank BBVA hat den Branchenprimus Santander zu Jahresbeginn abgehängt. Die zweitgrößte Bank der Landes teilte am Freitag mit, dank Sondererlösen aus Verkäufen in Lateinamerika den Nettogewinn um fast drei Viertel auf 1,73 Milliarden Euro gesteigert zu haben.

Anders als Santander verdiente BBVA auch im klassischen Kreditgeschäft mehr Geld, das in Spanien wegen der andauernden Rezession und der Rekordarbeitslosigkeit eigentlich sehr schwierig ist: Der Zinsüberschuss erhöhte sich im ersten Quartal 2013 um knapp ein Prozent. Hier halfen gute Zahlen aus Mexiko, dem wichtigsten BBVA-Markt auf dem amerikanischen Kontinent. In Spanien lief das Geschäft dagegen deutlich schlechter.

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Die größte spanische Bank Santander meldete am Donnerstag zwar einen Gewinn von immerhin 1,2 Milliarden Euro für das erste Jahresviertel – verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum war das aber ein Rückgang um rund 26 Prozent. Die größte Bank der Währungsunion kämpft mit Problemen in Brasilien und Großbritannien. Außerdem steigt – wie bei vielen anderen spanischen Banken auch – der Anteil der faulen Kredite an ihrem Gesamtportfolio. Die meisten spanischen Institute konnten sich zuletzt aber zumindest in der Gewinnzone halten.

Quelle: FAZ.NET/Reuters

Geldpolitik Die Schere im Süden

25.04.2013 ·  Der negative Realzins vernichtet das Kapital der Sparer. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Doch nur mit niedrigen Zinsen komme Südeuropa aus der Krise, sagen viele. Stimmt das?

Von Holger Steltzner

Die Europäische Zentralbank steckt in der Zwickmühle. Da hat Bundeskanzlerin Merkel recht. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Denn der negative Realzins vernichtet Kapital. Die Entschuldung von hochverschuldeten Eurostaaten erleben Millionen Sparer als „kalte Enteignung“, da die Zinsen Monat für Monat geringer sind als die Inflation, wie Sparkassenpräsident Fahrenschon feststellte. Wie will man da für eine auskömmliche Rente ansparen? Dabei wären höhere Rücklagen fürs Alter dringend nötig, denn neben den Vermögen sind auch die Rentenansprüche in Deutschland nicht so hoch, wie von Frau Merkel vermutet. In Tat und Wahrheit liegen heimische Renten im europäischen Vergleich ebenfalls unter dem Durchschnitt.Für andere Länder müsste die EZB eigentlich noch mehr tun, sagte Frau Merkel auf dem Sparkassentag. Warum? Alle Geldschleusen sind offen, Banken und Märkte mit Liquidität überflutet. Mehr kann die Zentralbank nicht tun; sie kann Unternehmen ja nicht zwingen, zu investieren. Glaubt jemand daran, dass noch eine kleine Leitzinssenkung von 0,75 auf 0,5 Prozent den Aufschwung nach Südeuropa bringen wird? Es wäre mit Blick auf die Forderung mancher Krisenstaaten nach Finanzierung durch die EZB besser, die Bundesregierung bliebe ihrer Linie treu, die Geldpolitik der EZB nicht zu kommentieren.Die unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen in den Eurostaaten sind nicht die Ursache der Krise, sondern ihr Symptom. Darin drückt sich die Spaltung der Währungsunion aus, in einen wachsenden Norden und einen schrumpfenden Süden. Länder wie Deutschland sind wettbewerbsfähig und kostengünstig. In anderen sind die Lohnkosten zu hoch und die Produktivität zu niedrig. Seit dem Start der Währungsunion entwickeln sich Defizit- und Überschussländer wirtschaftlich immer weiter auseinander. Im Vergleich zu Deutschland stiegen in Frankreich die Löhne doppelt so stark, in Italien blieb obendrein die Produktivität fast stehen. Als Folge dieser Politik kommt es zu den traurigen Arbeitslosenrekorden im Süden. Die Lösung kann nicht sein, dass nun gesunde Länder mehr ausgeben. Die Schere zwischen Lohn und Produktivität muss dort geschlossen werden, wo Strukturreformen ausgeblieben und Kosten aus dem Ruder gelaufen sind.

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DIE ZEIT:

Euro-RettungBundesbank stellt Geldpolitik der EZB infrage

Offiziell äußert sich Bundesbank-Präsident Weidmann diplomatisch zu Europas Krisenpolitik. In einem internen Papier jedoch geht seine Bank mit der EZB hart ins Gericht

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/bundesbank-ezb-kritik-euro-rettung

Kinder in Deutschland Gut situiert, aber unglücklich

Die Sueddeutsche: 

Kinder in Deutschland Gut situiert, aber unglücklich

http://www.sueddeutsche.de/leben/kinder-in-deutschland-gut-situiert-aber-ungluecklich-1.1645077

Die Unzufriedenheit der Mädchen und Jungen in Deutschland steigt laut einer Unicef-Studie. Jeder siebte Jugendliche bewertet seine Situation als mäßig bis negativ – obwohl die äußeren Lebensumstände sich verbessert haben. In keiner anderen Industrienation ist die Kluft zwischen gefühltem und objektivem Wohlbefinden größer.

Sie leben besser als die Kinder und Jugendlichen in den meisten anderen Ländern der Welt – und trotzdem sind viele Mädchen und Jungen in Deutschland unglücklich. Das hat eine Studie der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef ergeben. Demnach hat sich die allgemeine Situation der jungen Generation in der Bundesrepublik zwar weiter verbessert, allerdings bewertet jeder siebte Jugendliche seine aktuelle Lebenssituation als mäßig bis negativ.

Im Vergleich mit 29 Industrienationen liegt die Bundesrepublik damit auf Platz 22. Vor mehreren Jahren erreichte das Land noch Rang zwölf. “Die deutschen Mädchen und Jungen stellen damit sich und ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus, das uns nachdenklich machen muss”, sagte Hans Bertram, Mitglied des Deutschen Komitees für UNICEF e. V. und Professor an der Berliner Humboldt-Universität, laut Mitteilung. Die einseitige Konzentration auf Leistung führe dazu, dass sich viele Kinder und Jugendliche ausgeschlossen fühlten.

Objektiv betrachtet steht die junge Generation in Deutschland der aktuellen Erhebung zufolge dagegen besser da als noch bei der vorigen Unicef-Studie von 2010: In den fünf Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Sicherheit, Verhalten und Risiken, Wohnen und Umwelt sowie materielles Wohlbefinden belegte das Land damals zusammengefasst den achten Platz. Diesmal liegt es auf dem sechsten Rang. Die Schüler hätten unter anderem bessere Werte bei den Pisa-Tests erzielt und rauchten seltener. Die bereits niedrige Zahl von Teenie-Schwangerschaften sei ebenfalls weiter gesunken.

Bei der relativen Armut befinde sich Deutschland mit dem elften Platz im oberen Mittelfeld der Industrieländer. Dies sei aber kein Rang, um sich auszuruhen, warnte Unicef. Bei den äußeren Lebensumständen auf Platz sechs, bei der Lebenszufriedenheit – dem zweiten großen abgefragten Bereich – auf Rang 22: Hier zeigt sich laut Kinderhilfsorganisation eine breite Kluft, die größer sei als in jedem anderen Industrieland.

In der Unicef-Studie von 2007 lag die Bundesrepublik noch auf Rang zwölf von 21 Ländern. Für diese Kategorie wurden diesmal in den 29 Ländern mehr als 176.000 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 15 Jahren befragt, in Deutschland etwa 5000.

Die besten Lebensbedingungen – auch nach subjektiver Einschätzung der Befragten – haben laut der Studie Kinder in den Niederlanden. Schlusslicht in beiden erhobenen Bereichen ist Rumänien.

Die Zeit:

KinderstudieVon wegen reich und unglücklich

Deutsche Kinder werden immer trauriger, so zumindest interpretiert die Öffentlichkeit eine neue Unicef-Studie. Das ist aber grundfalsch, ärgert sich Martin Spiewak.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-04/unicef-bericht-unglueckliche-jugendliche-analyse

Orginalstudie:

10. April 2013von

Die Frage nach dem Glück

http://www.unicef.de/aktuelles/2013/04/10/die-frage-nach-dem-glueck/

 

Andere Blickwinekl: The Atlantic

How Parents Around the World Describe Their Children, in Charts

A fascinating new study reveals that Americans are more likely to call their children “intelligent,” while European parents focus on happiness and balance. Here’s why.