Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Spieltheorie Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Zur Einführung: „Die Rolle der Spieltheorie in der Euro-Krise“ von Frank Schirrmacher

27.03.2013 ·  Automatisierte Finanzmärkte, Investmentbanken oder Hedgefonds benutzen spieltheoretische Modelle, um Entscheidungen bei der Euro-Krise zu treffen und Prognosen über Konflikte zwischen Euro-Staaten vorherzusagen. Politiker halten das für eine Reaktion des „Marktes“ und spielen das Spiel mit. Aber die Regeln sind dafür nie gedacht gewesen. Eine Warnung.

Von Ariel Rubinstein

Ariel Rubinstein Ariel Rubinstein

Ich habe mich nahezu mein ganzes Leben lang mit theoretischer Ökonomie und Spieltheorie beschäftigt. Ich möchte etwas Gutes tun für die Menschheit und insbesondere für die Menschen in Israel, dem Land, in dem ich geboren wurde und das meine Heimat ist. Ich möchte Einfluss nehmen und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Was liegt also näher, als mein berufliches Wissen zu nutzen, um der Welt Erleichterung zu verschaffen? Aber leider habe ich den Eindruck, dass das nicht geht.

Wahrscheinlich sollte ich wieder einmal mit der Frage beginnen: Was ist Spieltheorie? Der Name der Theorie ist sexy, aber in Wirklichkeit ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Begriffen und Modellen über rationales menschliches Verhalten in strategischen Situationen – das heißt in Situationen, in denen die Überlegungen eines rationalen Spielers von seinen Annahmen hinsichtlich des Verhaltens anderer Spieler abhängen. Der rationale Spieler muss sich in andere Spieler hineinversetzen, die ihrerseits vor derselben Aufgabe stehen. Genau diese Zirkularität macht die Spieltheorie kompliziert – und interessant. Die Spieltheorie versucht, den Begriff der Rationalität in einem Kontext mit Inhalt zu füllen, in dem unklar ist, was Rationalität bedeutet.

Hier eine typische Situation aus der Spieltheorie, man nennt sie das Versteckspiel: Ein grausamer Herrscher kann sich in einem von vier Schlössern verstecken, die an einem von West nach Ost fließenden Fluss liegen. Schloss 2 ist vergoldet, die übrigen drei sind weiß gestrichen. Der Suchende kann nur eines der Schlösser angreifen. Der rational handelnde Spieler, der sich verstecken muss, wird sich in dem Schloss verstecken, für das in seinen Augen die geringste Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Suchende es angreift. Der rational handelnde Sucher wird das Schloss angreifen, das der Gegenspieler in seinen Augen am ehesten als Versteck auswählt. Die Spieltheorie fragt nun: Wie gehen die beiden Spieler vor, wenn ihre Überlegungen mit der Annahme übereinstimmen sollen, ihr Gegenspieler handle rational? Die „Voraussage“ der Spieltheorie betreffs des Ergebnisses lautet, dass die Chance des Suchenden, den Versteckten zu finden, 1: 4 (25 Prozent) beträgt.

Eine nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten

Im Kern ist die Spieltheorie keine empirische Wissenschaft. Sie erforscht nicht, wie Menschen sich tatsächlich in strategischen Situationen verhalten. Es ist zweifelhaft, ob man überhaupt allgemeine Aussagen darüber treffen kann, wie Menschen sich in Situationen nach Art des Versteckspiels verhalten werden. Schließlich sind die Menschen sehr verschieden. Es gibt Versuchsergebnisse, wonach von Studenten, die das virtuelle Versteckspiel spielen, vierzig Prozent beider Spieler das weiße Schloss Nr. 3 in der Mitte auswählen, etwa 25 Prozent entscheiden sich für das goldene Schloss Nr. 2; und der Rest (35 Prozent) verteilt sich auf die an den beiden Enden gelegenen Schlösser 1 und 4. Bei diesen Versuchen hat der Suchende eine Chance von dreißig Prozent, den Versteckten zu finden – also eine signifikant höhere Chance als die von der Spieltheorie „vorausgesagte“ (25 Prozent). Man darf annehmen, dass ein Versuch mit Lesern dieser Zeitung zu ähnlichen Ergebnissen führte, aber die Zahlen würden sich ändern, sobald diese Ergebnisse den Lesern bekannt wären. Darin spiegelt sich natürlich ein zentrales Problem aller Sozialwissenschaften, wenn es um Voraussagen geht: Anders als Steine, Blume und Schmetterlinge hören und verstehen Menschen solche Voraussagen.

Die Spieltheorie ist in einer mathematischen Sprache geschrieben. Das hat gewisse Vorteile: Diese formalisierte Sprache verlangt Präzision, sie erlaubt die Ausschaltung irreführender Assoziationen und unterzieht Aussagen einer strengen Prüfung. Mich persönlich fasziniert die nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten in der Spieltheorie. Aber sie hat auch Nachteile: Die formalisierte Sprache begrenzt erheblich das Publikum, das sie wirklich versteht; die Ab-straktheit verwischt Faktoren, die im natürlichen Denken berücksichtigt würden; und der formale Charakter erzeugt die Illusion, dass die Theorie wissenschaftlich sei.

Als sei es wissenschaftliche Wahrheit

Die Spieltheorie fasziniert mich. Sie befasst sich mit den Wurzeln menschlichen Denkens in strategischen Situationen. Aber die Verwendung von Ausdrücken aus der natürlichen Sprache und der Einsatz scheinbar „wissenschaftlicher“ Instrumente verleiten auch dazu, sich an die Spieltheorie zu wenden, wenn es um die Beantwortung von Fragen folgender Art geht: Wie sollte ein Rechtssystem gestaltet werden? Sollte ein Staat über ein System atomarer Abschreckung verfügen? Welche Koalitionen sollten in einem parlamentarischen System eingegangen werden? Fast jedes Buch über die Spieltheorie beginnt mit dem Satz: „Die Spieltheorie ist bedeutsam für …“ – und es folgt eine endlose Liste von Gebieten wie der Nuklearstrategie, den Finanzmärkten, der Welt der Schmetterlinge und Blumen oder der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau. In der Tagespresse erscheinen häufig Artikel, die auf die Spieltheorie verweisen, wenn es um die Lösung aller möglichen Probleme der Welt geht. Aber obwohl ich nun seit fast vierzig Jahren auf diesem Gebiet arbeite, suche ich immer noch vergebens nach einer einzigen Anwendung der Spieltheorie in meinem alltäglichen Leben.

Manche Argumente für die Verwendung der Spieltheorie begnügen sich damit, Situationen aus dem realen Leben mit Etiketten zu versehen. So behaupten einige, die Krise der Eurozone gleiche dem sogenannten Gefangenendilemma, dem Feiglingsspiel oder dem Diner’s-Dilemma. Tatsächlich enthält die Krise Elemente, die an die dort beschriebenen Situationen erinnern. Aber solche Aussagen sind nicht tiefgründiger als die Behauptung, die Euro-Krise gleiche einer griechischen Tragödie. Während der Vergleich mit der griechischen Tragödie als emotionaler Ausdruck ansonsten nüchterner Intellektueller angesehen wird, gilt die Zuweisung eines Etiketts aus dem Vokabular der Spieltheorie aus irgendeinem Grund als wissenschaftliche Wahrheit.

Spieltheoretiker als strategische Berater?

In meinen Augen ist die Spieltheorie eine Ansammlung von Fabeln und Sprichwörtern. Die Implementierung eines Modells aus der Spieltheorie ist ebenso wahrscheinlich wie die Umsetzung einer Fabel. Eine gute Fabel versetzt uns in die Lage, eine Lebenssituation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und könnte dadurch irgendwann einmal vielleicht unser Handeln und Denken beeinflussen. Aber es wäre absurd, wenn man behaupten wollte, „Des Kaisers neue Kleider“ sagten Berlusconis Verhalten voraus.

Hinsichtlich der praktischen Bedeutung besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Spieltheorie und Logik. Es ist zweifelhaft, ob ein Logiker einem Richter helfen könnte, der versucht, die Wahrheit herauszufinden. Ich möchte jedenfalls nicht empfehlen, Richter durch Philosophen oder Mathematiker zu ersetzen. Und ebenso wenig würde ich einen Spieltheoretiker als Berater für strategische Fragen einstellen.

Ein weitaus größerer Nutzen

Die Suche nach der praktischen Bedeutung der Spieltheorie ergibt sich aus der Vorstellung, akademische Forschung und Lehre brächten der Gesellschaft einen direkten Nutzen ein. Diese Ansicht teile ich nicht. Forschungseinrichtungen, vor allem auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften, sind Teil eines kulturellen Gefüges. Kultur bemisst sich nicht nach ihrem Nutzen, sondern danach, wie interessant sie ist und welche Herausforderung sie darstellt. Ich glaube, die Spieltheorie ist Teil der Kultur, die zu klären versucht, wie wir denken. Dieses Ideal lässt sich in vielfältiger Weise verwirklichen – durch Literatur, durch Kunst, durch Hirnforschung und, ja, auch durch die Spieltheorie. Falls jemand darüber hinaus auch eine praktische Anwendung für die Spieltheorie fände, wäre das wunderbar. Ich meine, die Universität sollte „Gottes kleiner Acker“ sein, auf dem die Gesellschaft fördert, was interessant, reizvoll, ästhetisch und intellektuell anspruchsvoll ist, aber nicht notwendig einen direkten Nutzen einbringt.

Seit einem Jahrzehnt tragen Buch und Film „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ viel zur Popularität der Spieltheorie bei, obwohl sie nicht den Versuch machen, sie zu erklären. (Der Film erzählt die Geschichte von John Nash, nach dem der zentrale Begriff der Spieltheorie – Nash-Gleichgewicht – benannt ist.) Aber auf einem anderen Gebiet waren die Autorin Sylvia Nasar und der Regisseur Ron Howard durchaus erfolgreich: Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die schwierige Lage der psychisch Kranken und gaben all jenen Hoffnung, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben. Auf diese Weise verschafften sie der Spieltheorie einen weitaus größeren „Nutzen“, als irgendeines ihrer Modelle ihn vorzuweisen vermag.

Weitere Artikel

Erinnern Sie sich noch an den Titel dieses Artikels? Ich habe Sie ausgetrickst. Ich war mir nicht sicher, ob der Titel: „Die Spieltheorie kann die Probleme der Eurozone nicht lösen und das iranische Atomprogramm nicht aufhalten“, Sie veranlassen könnte, den Artikel zu lesen. Deshalb handelte ich strategisch und gab ihm einen irreführenden Titel. Die Idee dazu hatte ich aber nicht aus der Spieltheorie.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Ariel Rubinstein

Der 1951 in Jerusalem geborene Mathematiker und Ökonom ist einer der wichtigsten Spieltheoretiker. Er unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Tel Aviv und an der New York University. Bekannt wurde er in der Fachöffentlichkeit mit einem Modell über das Feilschen, das „Rubinstein bargaining model“.

Sein 1994 zusammen mit Martin Osborne verfasstes Buch „A Course in Game Theory“ ist ein Standardwerk. Er ist Mitglied der wichtigsten wissenschaftlichen Vereinigungen und Akademien seines Fachbereichs und erhielt zahlreiche bedeutende Preise, darunter den Israel-Preis im Jahre 2002. Er ist außerdem ein engagierter Intellektueller, der sich immer wieder in Zeitungsartikeln zu Fragen der israelischen Politik äußert.

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Trabajar en Alemania – Perspectivas

Un articulo de EL PAIS  18.10 que esboza la situacion (y triste realidad)  en Alemania:

Alemania es próspera, pero crece la brecha entre ricos y pobres

Uno de cada siete niños menores de 15 años vive de las ayudas sociales. En la Antigua RDA, es uno de cada cuatro; en la capital, Berlín, uno de cada tres:

http://internacional.elpais.com/internacional/2012/10/11/actualidad/1349984199_961245.html

……Con ello alude a un problema sobre el que ha llamado reiteradamente la atención la Organización para la Cooperación y el Desarrollo Económico (OCDE): en Alemania, el ascenso social resulta extraordinariamente difícil. Si uno lleva varios años sin trabajo, tiene muy pocas posibilidades de volver a integrarse en el mercado laboral. El sistema de enseñanza desatiende a los niños procedentes de familias en las que los padres tienen poca o ninguna formación ya que existen muy pocos colegios de jornada completa.

Todos los años, el Instituto Federal de Estadística establece cuántas personas corren el peligro de caer en la pobreza, es decir, cuántas personas disponen de menos dinero que la media de la sociedad. A pesar del auge económico, su número ha experimentado un ligero aumento en 2011. El 15,1% de la población se enfrenta al problema de la pobreza. De acuerdo con la definición de los expertos en estadística, en el caso de un hogar unipersonal este problema comienza a partir de unos ingresos netos de menos de 848 euros al mes……

Articulo en FAZ online sobre las perspectivas laborales en Alemania:

Arbeitsmarkt Firmen binden ihre Mitarbeiter – und halten sie gesund

07.10.2012 ·  Die Krisenzeichen am Arbeitsmarkt nehmen zu. Doch noch werden mehr Stellen geschaffen als abgebaut. Langfristig wird für die Unternehmen wegen des demographischen Wandels immer zentraler, wie sie ihre Mitarbeiter an sich binden.Von Georg Giersberg

datos destacables (que no se publican en la prensa española):
… ” Bis Ende September sind hierzulande allein in Großunternehmen 75.000 Stellen weggefallen. Das ist mehr als doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2011 (32.000). Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums schlägt sich eindeutig am Arbeitsmarkt nieder. …”
especialidades donde se buscan expertos: 
… ” Dekra mit Sitz in Stuttgart (mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz) setzt weiterhin seinen Plan um, von 2010 bis 2015 insgesamt 10.000 neue Stellen zu schaffen. Davon habe man schon in den ersten zwei Jahren 2010 und 2011 insgesamt 5500 neue Stellen besetzt – bei insgesamt knapp 30000 Mitarbeitern. „Als Sachverständigenorganisation benötigen wir ständig versierte und exzellent ausgebildete Mitarbeiter. Wir stellen weiterhin bundesweit insbesondere Prüfingenieure für den Bereich Fahrzeugprüfungen und Industrieprüfungen ein sowie Sachverständige für Gutachten“, sagt der Vorstandsvorsitzende Stefan Kölbl.
…öffnen sich auch in anderen Bereichen große Lücken am Arbeitsmarkt. „In Hessen fehlen schon heute 2000 Fachkräfte in der Altenpflege“, schreibt das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Frankfurter Goethe-Universität. Und bis zum Jahr 2020 käme ein weiterer Bedarf von 1800 Pflegekräften hinzu. Fachkräftemangel zeige sich aber auch in der Logistik oder bei IT-Berufen und die Besetzung von Lehrstellen fällt immer schwerer. Darunter leidet vor allem das Handwerk….”
…. Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Kürzlich startete der von den größten Prüfungsgesellschaften unterstützte AuditXcellence-Masterstudiengang an den Universitäten Düsseldorf, Frankfurt, Mannheim und Lüneburg. Dort kann der Student während seines Studiums schon Prüfungen ablegen, die hinterher für das Wirtschaftsprüferexamen anerkannt werden.
Otro articulo sobre “Teilzeit Jobs” (trabajo a tiempo parcial/segundo empleo”:

Arbeitsmarkt Der Trend geht zum Zweitjob

05.10.2012 ·  Minijobs machen’s möglich: Viele Arbeitnehmer haben nicht nur eine Stelle. 2,5 Millionen Deutsche arbeiten nebenher in einem 400-Euro-Job – doppelt so viele wie 2003.

el link online: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arbeitsmarkt-der-trend-geht-zum-zweitjob-11914500.html

Infografik / Hinzuverdiener