NSA-Debatte Die vergiftete Freiheit

12.11.2013 ·  Das Ausmaß staatlicher Überwachung – womöglich bis hin zur Industriespionage – sprengt die Grenzen dessen, was wir für möglich gehalten haben. Vor allem aber die Grenzen dessen, was ich für tolerabel halte. Ein Gastbeitrag.

Von René Obermann
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nsa-debatte-die-vergiftete-freiheit-12661522.html

René Obermann

„Man darf Freiheit nicht vergiften“: Telekom-Chef René Obermann

Die wahre Aufgabe des Staates ist die Gewährleistung der Freiheit. Staatliche Totalüberwachung, das verdachtsunabhängige Speichern privatester Daten und womöglich das Ausspähen von Regierungsvertretern: All das ist freiheitsfeindlich. Richtig ist: Es gibt keine Freiheit ohne Sicherheit. Aber man darf nicht die Freiheit vergiften, aus Angst dass sie stirbt. Freiheit bedeutet auch, ein gewisses Maß an Unsicherheit zu tolerieren. Bei diesem Balanceakt wurde ganz offensichtlich die Balance verloren.

Übrigens auch, weil es wohl nicht mehr allein um Sicherheitsinteressen geht, sondern um Interessen allgemein. Vorteile in Verhandlungen. Politische und ökonomische Vorteile. Wir erleben die Aushöhlung des fairen Wettbewerbs. Man kann den Eindruck bekommen, dass Geheimdienste und ganze Volkswirtschaften Kartelle eingehen, in denen illegale Absprachen getroffen werden. Nachdem, was immer häufiger zu hören ist, kann jetzt auch vermutet werden, dass angebliche Compliance-Verstöße von Unternehmen natürlich Anlass für Untersuchungen, aber damit eventuell auch Einfallstore für Industriespionage sind. Eines der Grundprinzipien des Marktes wird in diesen Fällen kurzerhand ausgehebelt: Chancengleichheit. Erfolg durch Leistung. Und nicht Erfolg und Vorteil dadurch, dass man Regeln missachtet.

Nachdenken über eine Schengen-Cloud

Die Vertrauenswürdigkeit der Kommunikation muss in einer digitalisierten und vernetzten Gesellschaft oberste Priorität haben. Deshalb werbe ich für eine große Koalition all derer, die sich zu dieser Vertrauenswürdigkeit bekennen. Und ich erwarte, dass Europa diese Koalition bildet. Zuerst innerhalb Europas – mit oder ohne einzelne Mitgliedstaaten der EU. Es ist ein Unding, wenn wir seit 25 Jahren von einem einheitlichen europäischen Markt sprechen, aber auf diesem Markt Industriespionage untereinander immer noch nicht ausgeschlossen ist. Und wenn einzelne Mitgliedstaaten entsprechende Vereinbarungen verweigern würden, wäre dies in meinen Augen ein noch größerer Skandal.

Aber diese Koalition für Vertrauen muss auch Unternehmen umfassen. Und zwar solche, denen eine langfristige Perspektive innerhalb eines freien Marktes wichtiger ist, als ein kurzfristiger ökonomischer Vorteil, zum Beispiel bei Tochterfirmen großer ausländischer Anbieter aus der IKT-Branche, die hier in Europa Dienstleistungen anbieten und für den Schutz ihrer Kundendaten Verantwortung tragen.

Hohe Datenschutzstandards müssen EU-weit festgeschrieben werden – und dann auch für außereuropäische Unternehmen gelten. Dem Safe-Harbor-Abkommen wurde die Geschäftsgrundlage entzogen. Es muss neu gefasst werden. Nachdenken müssen wir angesichts der Erkenntnisse auch über ein Schengen-Routing und eine Schengen-Cloud. Wenn Absender und Empfänger von Datenpaketen innerhalb des Schengen-Raums liegen, können wir den Datenverkehr auch darin belassen. Cyber Security bedeutet eben auch, unsere Daten und damit unsere Bürgerinnen und Bürger genau wie die heimische Wirtschaft vor denen zu schützen, die die Regeln missachten. Es geht hier nicht um Renationalisierung des Internets, sondern um Verfahrensweisen, die anderswo längst praktiziert werden. Schengen-Routing ist nicht Schengen-Internet. Der Zugang zu allen Diensten weltweit muss gewährleistet bleiben.

800.000 Angriffe täglich

Über dieses aktuelle Thema darf unsere Aufmerksamkeit für Cyberkriminalität nicht nachlassen. Die Bedrohungslage für Privatpersonen, Unternehmen und kritische Infrastrukturen ist gegenüber dem vergangenen Jahr noch massiver geworden. Allein wir bei der Telekom registrieren täglich bis zu 800.000 Angriffe gegen unsere im Internet aufgestellten 180 Sensoren, die sogenannten Honeypots.

Die aktuelle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit müssen wir nutzen, um das Thema in seiner ganzen Breite zu betrachten. Im schlechtesten Fall würde die Debatte über Geheimdienste ablenken von denen, die im Netz ihren kriminellen Machenschaften nachgehen. Beide Themenkomplexe – das mutmaßliche anlasslose Sammeln und Auswerten digitaler Kommunikation durch Sicherheitsbehörden und kriminelle Aktivitäten im Cyberspace – gehören aber zusammen behandelt. Die Klammer, die sie verbindet heißt Vertrauen – Vertrauen von Wirtschaft und Gesellschaft in die Sicherheit des digitalen Ökosystems.

100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben. Es ist ein ständiger Wettlauf der Techniker auf beiden Seiten des ethischen Vorhangs. Aber wir wollen den Cyberraum in Einklang mit der Achtung von Bürgerrechten so sicher machen, wie es eben geht. Wir wollen Schwachstellen eindämmen und Angriffe so weit wie möglich kontrollieren und begrenzen. Und dadurch Vertrauen schaffen.

Weitere Artikel

René Obermann ist Chef der deutschen Telekom. Dieser Beitrag ist aus der Rede entstanden, die der Manager zur Eröffnung des Cybersecuritysummit am Montag dieser Woche in Bonn gehalten hat.

Daten-Drosselung EU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Daten-DrosselungEU-Komissarin rät Telekom-Kunden zur Gegenwehr

Die EU will bei der Einführung einer Datenvolumengrenze der Telekom nicht einschreiten. Aber die Kunden sollten sich wehren, empfiehlt Wettbewerbskommissarin Kroes.

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2013-04/telekom-kroes-datendrosselung

Ein Fall für die EU-Kommission ist die geplante Beschränkung bei Internet-Flatrates der Deutschen Telekom nicht. Das sagte EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes der Bild. Vielmehr sollten nun die Kunden “mit den Füßen abstimmen”. Wenn ein Unternehmen höhere Preise für höhere Datenmengen durchsetzen wolle, sei das normal, sagte Kroes. “Die EU wird deswegen nicht eingreifen” – aber die Kunden könnten es tun.

Kroes reagierte damit auf die jüngste Ankündigung der Telekom, die Geschwindigkeit von Internetpauschaltarifen zu drosseln, wenn eine bestimmte Datenmenge verbraucht wurde.

Die Bundesregierung brachte indessen ein Eingreifen des Bundeskartellamts ins Spiel. “Sollte sich herausstellen, dass die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt, muss das Kartellamt einschreiten”, sagte Verbraucherministerin Ilse Aigner der Bild.  Eine Beobachtung des Falls durch das Kartellamt hatte auch der Ökonom Justus Haucaup gefordert.

Aigner spricht von “Rohrkrepierer”

Außerdem müsse die Bundesnetzagentur einschreiten, falls zu erkennen sei, dass die neuen Tarife eine Gefahr für die Netzneutralität darstellten, sagte Aigner. “Anscheinend steht die Telekom auf der Leitung – sonst würde sie erkennen, dass ihr neues Geschäftsmodell ein klassischer Rohrkrepierer zu werden droht.”

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte die Telekom am Donnerstag dazu aufgefordert dafür zu sorgen, dass Nutzer auch nach Einführung der Datenvolumengrenze zu allen Angeboten im Internet gleich schnellen Zugang haben. Die Netzneutralität müsse gewährleistet bleiben. In einem Brief an Telekom-Chef René Obermann hatte er sich besorgt gezeigt über die angekündigten Änderungen in den Tarifstrukturen für die Internetnutzung.

Die Telekom verteidigte ihre Pläne. Der Konzern teile die Ziele der Bundesregierung zur Netzneutralität “voll”, erklärte ein Konzernsprecher. Die Datenvolumengrenze ziele auf Kunden, die sich besonders viel aus dem Internet herunterladen und dadurch die Netze entsprechend stark belasteten. “Die Alternative wäre gewesen, die Preise pauschal für alle Kunden zu erhöhen”, sagte der Konzernsprecher. Die Begrenzung soll nur für neue Verträge gelten, die ab dem 2. Mai abgeschlossen werden. Altverträge sollen unberührt bleiben.

 

Netzneutralität – Verstaatlicht die Telekom

Die Telekom will ihre Flatrates drosseln. Doch ist Zugang zum Internet längst eine Art Grundrecht. Was also können, was sollten wir tun, fragt Kai Biermann

http://www.zeit.de/digital/internet/2013-04/netzneutralitaet-telekom-drossel

Daten-Drosselung – “Das Kartellamt sollte den Telekom-Fall prüfen”

Wird die Telekom zu mächtig, wenn sie das Tempo im Netz bestimmt? Der Ökonom Justus Haucaup sagt: Die Wettbewerbshüter sollten den Konzern genau beobachten

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/haucap-telekom-datendrosselung

El placer & la politica – Genuss ist politisch

Sobre lo politico del goce personal: Die Zeit 02.01.2013

http://www.zeit.de/campus/2012/06/robert-pfaller-philosophie-genuss

Genuss ist politisch”

Der Philosoph Robert Pfaller verteidigt die Unvernunft. Das Leben sei nur dann lebenswert, sagt er, wenn wir miteinander feiern, trinken und schlafen.

ZEIT Campus: Herr Pfaller, wann haben Sie das letzte Mal eine kindische Dummheit begangen?

Robert Pfaller: Oh, erst vor Kurzem. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, welche.

ZEIT Campus: Nicht? Dabei schreiben Sie, man müsse sich kindische Dummheiten gönnen, sonst sei das Leben nicht lebenswert.

Pfaller: Bezeichnenderweise kann man anderen Leuten heute aber nichts mehr vorbildhaft vorleben – auch nicht als Philosoph. Früher war das anders: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zum Beispiel führten in den 1950er Jahren eine offene Beziehung. Das passte zu ihrer Philosophie, wich von den Moralvorstellungen ab – und hatte eine Vorbildfunktion, die etwas in der Gesellschaft veränderte. Heute ist das nicht mehr möglich. Wer heute abweicht, wird nur als Freak wahrgenommen. Die anderen nehmen sich kein Beispiel, sondern zeigen bloß mit dem Finger auf ihn.

ZEIT Campus: Heute ist aber auch viel mehr erlaubt als in den 1950ern!

Pfaller: Da sollten wir uns nicht täuschen. Wir dürfen heute nicht viel mehr. Der Unterschied ist, dass wir uns mit immer besseren Argumenten selbst verbieten, was uns früher von anderen Menschen verboten worden wäre.

ZEIT Campus: Das müssen Sie bitte erklären.

Pfaller: Frauen und Männer sind heute mindestens genauso sexfeindlich und scheu wie in den 1950ern. Nur die Gründe sind andere. Damals fürchtete man den Verlust des öffentlichen Ansehens und die gesellschaftlichen Tabus. Heute sind die Motive Emanzipiertheit und Respekt vor der Emanzipation. Was früher als höflicher und charmanter Umgang galt, lehnen wir ab, weil wir solche sozialen und kulturellen Gebote als »normierend« empfinden. Wir fürchten um die Selbstbestimmung und unsere angeblich so verletzliche Identität.

ZEIT Campus: Ist doch gut: Jeder kann sein, wie er will.

Pfaller: Auffällig ist nur, dass die wenigsten dabei glücklich sind. Psychoanalytisch ist das erklärbar: In jedem Begehren, das wir haben, steckt auch das Begehren der anderen. Jede Mode, die uns gefällt, gefällt uns, weil sie anderen gefällt – und weil wir hoffen, anderen darin zu gefallen. Wenn wir das für Fremdbestimmung halten und ablehnen, dann rebellieren wir aber nicht gegen einschränkende Normen, sondern gegen unsere Geselligkeit. Gegen gesellschaftliche Ideale, die uns helfen, keine miesen Spaßverderber zu sein. Gesellschaftliche Ideale, die für unser Glück notwendig sind.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Pfaller: Wenn wir Fußball spielen, mag es frustrierend sein, sich mit einem Zinedine Zidane zu vergleichen, aber es spornt auch an und führt zu Glücksmomenten, wenn uns etwas Kleines gelingt. Wenn mir aber gesagt wird: »Hier ist ein Ball, spielen Sie doch so, wie Sie wollen«, dann weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich glaube, dass das Unglück vieler Menschen auch daher kommt, dass uns die Idealvorstellungen fehlen.

ZEIT Campus: Und warum sind Ihnen neben den Vorbildern die kindischen Dummheiten so wichtig?

Pfaller: Während uns die sozialen Ideale abhandengekommen sind, beherrscht uns heute das viel perfidere, im »Ich« verankerte Ideal der Vernunft. Wir erleben nicht mehr den äußeren Druck, uns auf irgendeine Weise akzeptabel zu verhalten, sondern den inneren Druck, immer vernünftig zu sein. Das heißt: möglichst effizient zu handeln, uns permanent selbst zu optimieren und alles zu vermeiden, was zwar lustvoll, aber scheinbar schlecht für uns ist. Deshalb trinken wir Bier ohne Alkohol, essen Margarine ohne Fett und haben im Internet Sex ohne Körperkontakt.

ZEIT Campus: Was spricht dagegen?

Pfaller: Immer nur vernünftig zu sein ist kein Kennzeichen davon, dass man tatsächlich vernünftig ist. Man verhält sich dann nicht erwachsen, sondern schrecklich altklug. Altkluge Kinder sagen: »Ich werde nie Alkohol trinken! Ich werde nie meine Zeit mit Mädchen verschwenden!« Sie verstehen nicht, warum Erwachsene scherzen, sich berauschen oder sich verlieben, also unvernünftige Dinge tun.

ZEIT Campus: Und warum tun Erwachsene das?

Pfaller: Wer nur vernünftig ist, funktioniert wie eine Maschine. Das ist nicht lebenswert. Wir arbeiten dann ständig dafür, unser Leben zu finanzieren und zu verlängern. Aber wir fragen uns nicht, wofür wir überhaupt am Leben sind. Erst wenn wir unvernünftige Dinge tun, tanzen, trinken oder uns verlieben, haben wir das Gefühl, dass es sich zu leben lohnt.

ZEIT Campus: Woran liegt das?

Pfaller: Nur wenn wir ein bisschen verschwenderisch mit dem Leben umgehen, verhalten wir uns wirklich souverän und frei, weil das Leben dann nicht mehr Mittel zum Zweck ist. Alles, was uns Genuss verschafft, hat deshalb ein zwiespältiges und unvernünftiges Element. Alkohol ist ungesund, Sex ist unappetitlich, und Musikhören ist Zeitverschwendung.

ZEIT Campus: Wir genießen nur das, was uns schadet?

Pfaller: Ja, und deshalb können wir Alkohol, Sex und selbst den Müßiggang des Musikhörens nur in bestimmten Momenten, gemeinsam mit anderen, genießen. Allein ein Glas Sekt zu trinken macht keinen Spaß. Dafür schmeckt es umso besser, wenn jemand sagt: »Wir lassen jetzt die Arbeit ruhen und stoßen an, denn die Kollegin hat Geburtstag!« Es ist die besondere Kraft der Kultur, dass sie uns aus unserem vernünftigen, aber unsouveränen Alltagsverhalten herausreißen kann. Sie erlaubt uns, ab und zu unvernünftig zu sein und mit anderen Menschen das Leben zu genießen.

ZEIT Campus: Mal ehrlich: Beschäftigen Sie sich nicht mit philosophischen Luxusproblemen?

Pfaller: Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck unserer Luxusgesellschaft, dass wir glauben, uns mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigten zu müssen. Wenn sich unterdrückte Menschen zu Revolutionen erheben, geht es ihnen niemals nur um den Kampf gegen Hunger oder Armut, sondern immer auch um Glück und Würde. Diese Revolutionäre fordern ein Leben, für das es sich zu leben lohnt. Diese Forderung ist in den reichsten Gesellschaften der Welt abhandengekommen.

ZEIT Campus: Die EU bricht auseinander, der Klimawandel ist kaum noch zu stoppen, und Sie sagen: »Leute, genießt euer Glas Sekt«?

Pfaller: Die Genussfrage ist aus meiner Sicht eine politische Frage. Früher gab es einen öffentlichen Raum, der von gemeinsamen Idealen geprägt war. Man trug in der Öffentlichkeit feinere Kleider und benahm sich höflicher als zu Hause. Wenn andere rauchen wollten, dann ließ man das zu, denn das galt als elegant. Weil es diese geteilten Vorstellungen von Eleganz nicht mehr gibt und jeder die Qualität von Öffentlichkeit mit seinen privaten Maßstäben misst, sind wir heute schnell dabei, alles zu verbieten, was uns stört: Auf manchen öffentlichen Plätzen darf kein Alkohol mehr getrunken werden, in Bars und Restaurants gilt das Rauchverbot.

ZEIT Campus: Aber es ist doch auch unhöflich, anderen Rauch ins Gesicht zu blasen.

Pfaller: Während uns das Rauchverbot als Fortschritt verkauft wird, finden enorme politische Beraubungen statt. Sie haben heute vielerorts keinen Anspruch mehr auf öffentlich finanzierte Hochschulbildung, auf soziale Sicherheit oder auf eine verlässliche Altersvorsorge – geschweige denn auf Würde, Eleganz und Genuss. Das müssen Sie alles privat für sich regeln. Die Öffentlichkeit wird zu einer Sphäre von Verboten und von Verzicht.

ZEIT Campus: Man könnte auch sagen, dass es ein Zeichen von Souveränität und Freiheit ist, Alkohol und Zigaretten abzulehnen.

Pfaller: Dann stellt sich die Frage, wo wir Freiheit verorten. Bin ich da frei, wo ich auf meine kleine, einsame Privatexistenz reduziert bin und mir nicht zugetraut wird, über meine Befindlichkeiten hinauszuwachsen? Oder ist Freiheit das, was meine gesellschaftliche, politische und öffentliche Existenz ausmacht? Ich denke, Freiheit liegt in der Öffentlichkeit, in der Existenz als politischer Bürger gemeinsam mit anderen. Wenn jeder nur seine Eigeninteressen verfolgt, ist das keine Befreiung, sondern Entpolitisierung und Entsolidarisierung.

ZEIT Campus: Erst dadurch, dass wir genießen, werden wir zu politischen Bürgern?

Pfaller: Umgekehrt: Wir müssen politische Bürger werden, um genießen zu können. Wir müssen uns öffentliche Räume zurückerobern, um glücksfähig zu werden. Dabei müssen wir uns gegen eine Regierung wehren, die die Bankenaufsicht vernachlässigt und stattdessen das Rauchen verbietet – und auch dagegen, dass uns Ideen als befreiend oder solidarisch vorkommen, die es gar nicht sind.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit konkret?

Pfaller: Etwa die Idee der Vielfalt, oder diversity, die in Wahrheit immer eine Vielfalt von einfältigen Identitäten und homogenen Communitys ist. Statt von Community, also Gemeinschaft, sollten wir von Gesellschaft sprechen.

ZEIT Campus: Was ist falsch an der Community?

Pfaller: Niemand ist nur Frau, nur Muslim oder nur Bondage-Fan. Alle können auch etwas anderes, Öffentliches sein. Wir brauchen öffentliche Räume, in denen man uns zutraut, von unseren privaten Eigenschaften abzusehen und mit Menschen solidarisch zu sein, mit denen wir keine privaten Interessen teilen. Das allein macht schon ziemlich glücklich.

ZEIT Campus: Genießen Sie mehr oder weniger, seit Sie beruflich über dieses Thema nachdenken?

Pfaller: Das Nachdenken über Glück und Genuss kann ein wichtiger Teil des Glücks sein. Und das genieße ich sehr.

 Der Philosoph Robert Pfaller
Robert Pfaller

Der Philosophieprofessor Robert Pfaller, 50, gilt als klügster Gegner des Rauchverbots – dabei greift er selbst kaum zur Zigarette. Er wurde 1962 in Wien geboren. Er war Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in Linz und Wien. Seit 2009 ist er in Wien Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst. Pfaller ist Autor zahlreicher Bücher zur Gegenwartskultur. Im Jahr 2008 erschien Das schmutzige Heilige und die praktische Vernunft (S.Fischer), in dem er die die Lustvermeidung und Askese in neoliberalen Gesellschaften kritisierte. Im Frühjahr 2011 erschien Wofür es sich zu leben lohnt – Elemente materialistischer Philosophie.

 

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-05/interview-robert-pfaller

“Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Genuss”

Leben wir in einer Verzichts- und Verbotsgesellschaft? Der Philosoph Robert Pfaller sagt im Interview: Durch Mäßigung verlernen wir wichtige Kulturtechniken.

ZEIT ONLINE: Herr Pfaller, Ihrer Meinung nach gehen uns derzeit einige genussvolle Kulturtechniken verloren. Haben Sie ein paar Beispiele zur Hand, die derzeit auf der “Liste der vom Aussterben bedrohten guten Lebensmomente” stehen könnten?

Robert Pfaller: Neben dem Rauchen, das wir uns derzeit verdächtig gerne verbieten lassen, und dem zivilisierten Alkoholkonsum , wird uns auch der Sex zunehmend problematisch. Wir schämen uns nicht nur vor anderen, so wie die Leute im 19. Jahrhundert. Sondern haben heute auch moralische, politische und gesundheitliche Bedenken gegen den Sex. Sodass Angehörige aller Geschlechter heute kaum noch wissen, wie sie einander ansprechen sollen. Vielleicht lässt sich ja in Zweierbeziehungen, die sich immer weiter zu verfestigen scheinen, manches davon wieder gutmachen. Aber das Knisternde des Charme, der Flirts, der Koketterie mit fremden Menschen, mit denen man vielleicht nicht unbedingt auf ein intimes Verhältnis abzielt, scheint verloren zu gehen.

ZEIT ONLINE:Sie bescheinigen uns eine aktuelle “Maßlosigkeit im Mäßigen” . Woher kommt eigentlich die Idee dazu?

Pfaller: In meinem vorigen Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft hatte ich den Satz geschrieben “Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist.” Als ich diesem Gedanken nachging, entdeckte ich ihn bei Epikur wieder. Er sagt, mit der Mäßigung müsse man maßvoll umgehen, weil sie selbst sonst zum Exzess wird. Diese listige Forderung nach Verdoppelung der Mäßigung hat mich besonders amüsiert, da wir die antiken Philosophen sonst ja meist als öde Mäßigungsprediger kennen.

ZEIT ONLINE: Steckt hinter einer Kritik der Mäßigung nicht aber auch ein wenig Neid auf die Disziplinierten, die Schönen, Gesunden, Schlanken, Erfolgreichen? Ist Disziplin nicht eine besonders wertvolle Leistung?

Pfaller: Wir sind nicht diszipliniert; wir haben nur ein gestörtes Verhältnis zum Genuss. Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten. Menschen sind von sich aus alles andere als genussorientiert und hedonistisch. Erst die Kultur kann ihnen ein wenig dazu verhelfen. Freilich vermögen das nicht alle Kulturepochen im selben Maß. Die unsere bestärkt uns darin, das tyrannische Über-Ich ernst zu nehmen, anstatt uns zu helfen, seine Kindereien mit Humor zu betrachten.

ZEIT ONLINE: Wozu sind wir nicht mehr in der Lage, wenn wir zu diszipliniert sind?

Pfaller: Uns Momente kindlicher Unvernunft zu gönnen, die einzigen wirklichen Freuden und Triumphe, die wir im Leben haben. Das konnten etwa die sechziger und siebziger Jahre, wie man an alten Filmen feststellen kann, noch deutlich besser.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es sei ein Tabu, fetten Schweinebraten zu genießen . Auf der anderen Seite wollen alle perfekt aussehen, und zwar möglichst auch noch auf natürliche Weise. Ist es heute nicht das viel größere Tabu, zu sagen, dass man Diät hält, um besser auszusehen? Weil das besonders uncool wäre?

Pfaller: Das Uncoolste scheint mir heute zu sein, sich selbst nicht zu dick zu finden!

ZEIT ONLINE: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ist es verpönt, sich die Brüste operieren zu lassen?

Pfaller: Bei den Brustoperationen dürfte eine ähnliche Umverteilung stattfinden wie beim Sex insgesamt: In den etablierten Mittelschichten wird reduziert, die Unterschichten dagegen stocken sichtbar auf, sozusagen bei gleichbleibender Busengesamtmenge.

ZEIT ONLINE: Aber dem Traum von Makellosigkeit und Schönheit entkommt man trotzdem nicht.

Pfaller: Schöne Menschen sind ja eben nicht makellos. Denken Sie an die Nase der Kleopatra: Hätte sie anders ausgesehen, schreibt der Philosoph Blaise Pascal, hätte das Gesicht der Welt sich verändert. So viel Begehren konnte diese besondere Nase bei römischen Kaisern auslösen. Heute wäre sie ein typischer Fall für eine kosmetische Operation. Eine Kultur, die ständig nach Makellosigkeit strebt, hat die Fähigkeit verloren, zwiespältige Elemente in etwas Großartiges zu verwandeln. Wir versuchen sie zu unterdrücken, zu verbieten oder wegzuoperieren. Der Jazzpianist Thelonius Monk dagegen hatte gesagt: If you ever play a false note, play it again, and play it loud!

ZEIT ONLINE: Also ist Genuss zwangsläufig immer um etwas Zwiespältiges aufgebaut.

Pfaller: Alle wirklich großartigen Momente im Leben entstehen durch die Verwandlung von etwas, das wir so nicht immer haben wollen. Der Alkohol berauscht, die Partykleidung ist teuer, der Müßiggang macht schlechtes Gewissen oder Langeweile. Die Kultur verhilft uns durch ihre Gebote des Feierns dazu, dass wir das Ungute bejahen und daraus etwas Grandioses machen können. Und genau das verschafft uns den Triumph: Wir sind begeistert über unsere Verwandlungskraft. Nur als kulturelle, das heißt als öffentliche Menschen sind wir zu diesem Genuss fähig. Auch die Liebe gelingt, wie Richard Sennett bemerkt hat, nur, wenn wir uns darin als gesellschaftliche Wesen mit bestimmten Rollen verhalten – und uns nicht einbilden, dass dies nur eine Herzensangelegenheit zwischen Privatpersonen wäre. Wir brauchen Rollen, die uns zeigen, wie etwas gemacht gehört, und die uns gebieten, es zu tun. Verbote brauchen wir nicht.

ZEIT ONLINE: Wer aber Sicherheitsargumente ignoriert, muss im Zweifel auch die Verantwortung übernehmen. Wer sagt: “Lasst die jungen Leute doch feiern und Spaß haben!”, der ist nachher verantwortlich für ein Unglück wie eben dem nach der letzten Loveparade.

Pfaller: Entscheidend ist, dass wir uns nicht ständig vor dem Tod fürchten, sondern vielmehr vor schlechtem Leben. Dann kann man über alles reden und abwägen, ob man etwas mehr Sicherheit will oder lieber etwas mehr Unbeschwertheit. Aber die derzeitigen Vorschläge zur Verbesserung von Sicherheit, Gesundheit, Nachhaltigkeit und so weiter werden nicht in einer diskutierbaren, abwägenden Weise eingebracht, sondern als ständig neue Paniken, die sofort nach Verboten verlangen. Hier wird anscheinend unbewusst eine bestimmte Idee von Unsterblichkeit verfolgt, als wäre dies ein höchstes Gut, dem man alles andere selbstverständlich opfern muss.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, es gäbe wieder eine wachsende Menge an Menschen, die “ihr Leben als Gabe betrachten, das sich zu geben lohnt”. Selbstmordattentäter zum Beispiel.

Pfaller: Der Selbstmordattentäter, der sein Leben um jeden Preis loswerden will, erscheint mir in gewisser Weise als das Spiegelbild des ängstlichen westlichen Menschen, der es um jeden Preis behalten will. Würden wir uns nicht sofort zu panischen Sicherheitsvorkehrungen und zu massiven Eingriffen in die Bürgerrechte hinreißen lassen, dann hätte es auch weniger Reiz, uns zu attackieren. “Macht, was Ihr wollt, wir bleiben gelassen”, wäre ein souveränes Signal. Wenn wir zeigen, dass wir diejenigen sind, die schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod, dann stellt sich für die anderen die peinliche Frage, auf welchem Standpunkt sie eigentlich stehen. Freilich müssen aber auch politische Probleme gelöst werden, um diesen Tätern den Anschein von Legitimation zu entziehen, den sie zumindest in ihren eigenen Augen wohl besitzen.

ZEIT ONLINE: Es scheint umgekehrt eine Mode zu geben, insbesondere die jüngere Generation als spießig und lustfeindlich und konservativ zu bezeichnen. Ist das nicht aber auch eine gewisse Arroganz einer älteren abgesicherten, gut verdienenden Generation?

Pfaller: In einer Zeit, in der alle gezwungen sind, so hart um ihre Existenz zu kämpfen, ist es nur konsequent, sich asketisch zu verhalten. Askese war ja ursprünglich eine Vorbereitung auf das Kämpfen. Etwas anderes aber ist es, solche Zwänge zu verinnerlichen und das, wozu man gezwungen wird, auch noch als Utopie zu begrüßen und jedes andere Bild glücklichen Lebens mit spontanem Abscheu und mit Aggression abzulehnen. Man muss auch wissen, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das haben übrigens alle Generationen von früheren gelernt.

ZEIT ONLINE: Verschieben sich die Räume des Abgesicherten und dessen, was anarchisch und mutig sein darf? Im Internet zum Beispiel entstehen derzeit immer noch neue Freiheiten, Chancen und auch Grauzonen, während etwa der Straßenverkehr immer noch weiter geregelt wird. Nach der Anschnallpflicht kommt demnächst vermutlich die Fahrradhelmpflicht.

Pfaller: Man muss sich ansehen, wer mit Zwang behandelt wird, und wer dafür nicht. Unter neoliberalen Bedingungen werden die Kontrollen über mächtige Lobbyinteressen aufgehoben. So hat zum Beispiel die Aufhebung der Kontrollen über die Lebensmittelproduktion in England zum europaweiten Rinderwahn geführt. Der Staat wird geschwächt und daran gehindert, den Individuen Möglichkeiten zu eröffnen, also etwa Zugang zu Infrastruktur, Bildung, soziale Sicherheit und ähnliches. Stattdessen wird er zunehmend als repressive Macht gegen die Individuen eingesetzt – denen man erzählt, es geschehe zu ihrem eigenen Besten. Dabei werden unter anderem auch Formen zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit zerstört: Pressefreiheit, der freie Austausch von Gedanken und Tabakkultur im Café waren zusammenhängende Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen von 1848.