OECD-Bilanz: Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder

Von Sarah Sommer

Deutschland, ein Traumland für Zuwanderer? Von wegen. Laut OECD bleibt mehr als die Hälfte der Griechen und Spanier nicht mal ein Jahr. Trotz Fachkräftemangel tun Firmen und Kommunen offenbar zu wenig, um die Gastarbeiter zu halten.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oecd-deutschlands-einwanderer-wandern-oft-wieder-aus-a-905446.html

Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland

Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland

Hamburg – “Bienvenidos! Willkommen in Baden-Württemberg!” Im Schwarzwald versuchen gleich mehrere Initiativen, Nachwuchskräfte aus Spanien in die Region zu locken. Spanische Azubis für die Gastronomie, spanische Fachkräfte für Krankenhäuser und Kitas, Ingenieure für die mittelständischen Industriebetriebe: Der vom Fachkräftemangel geplagte ländliche Süden Deutschlands hat sein Herz für rezessionsgeplagte Spanier entdeckt.

Die Idee: Südeuropa kämpft mit dramatisch hoher Jugendarbeitslosigkeit, die Mittelständler in Süddeutschland hingegen suchen händeringend Personal. Warum also nicht junge und erfahrene Fachkräfte aus Südeuropa nach Deutschland einfliegen lassen – und so eine Win-win-Situation schaffen?

Doch so einfach, wie es sich viele Politiker vorstellen, ist es nicht. Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen nun: Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder. Laut dem Migrationssausblick der OECD hat sich in den vergangenen Jahren nur jeder zweite Grieche und sogar nur jeder dritte Spanier länger als ein Jahr in Deutschland aufgehalten.

Das ist ein Warnsignal für die schrumpfende und alternde Bundesrepublik. Deutschland schafft es offenbar nicht, Zuwanderer auch im Land zu halten. Von einer Million Zuwanderer blieb 2012 unterm Strich nur ein knappes Plus von nicht einmal 400.000 Menschen, wenn man die Zahl der Fortzüge im selben Zeitraum berücksichtigt. In die Türkei wanderten etwa 4000 Menschen mehr ab, als umgekehrt nach Deutschland einreisten.

Empfangskomitees mit Blumen und Geschenken

Die aktuellen Aktionen von Politikern und Unternehmensverbänden erinnern an die deutschen Anwerbeaktionen der sechziger und siebziger Jahre: Politiker und Unternehmer lockten damals rund vier Millionen “Gastarbeiter” ins Land, mit Werbeaktionen in Südeuropa, Geldprämien und Willkommensgeschenken. 1964 wurde der millionste Gastarbeiter öffentlichkeitswirksam vom Bundesverband deutscher Arbeitgeber (BDA) am Bahnhof begrüßt: Eine Blaskapelle spielte “Auf in den Kampf, Torero”, und die Presse berichtete bundesweit darüber, wie die Augen des Portugiesen glänzten, als die örtlichen Honoratioren ihm ein nagelneues Moped schenkten.

2013 warten auf südeuropäische Fachkräfte, die dem Ruf der Lokalpolitiker und Unternehmer in meist ländlichen deutschen Regionen folgen, nun wieder Empfangskomitees mit Lokalpresse, Blumen und Geschenken. Der große Unterschied: Damals waren ungelernte Arbeitskräfte gefragt, die einfache Arbeiten übernahmen. Und sie sollten nur für einige Jahre ins Land kommen, bis die Aufbauarbeit erledigt und der Arbeitskräfteengpass überwunden wäre.

Heute suchen Unternehmen gezielt nach ausgebildeten Fachkräften mit Deutschkenntnissen. Und sie wollen, dass die Zuwanderer bleiben: Am liebsten mit Kind und Kegel und für immer. Denn die Fachkräftelücke ist dieses Mal kein kurzfristiger Engpass. Sie wächst vielmehr mit jedem Jahr, das vergeht. Denn Deutschland altert und schrumpft.

Da trifft es sich gut, dass die Werbeaktionen Wirkung zu zeigen scheinen: Eine Million Menschen verlegten im Jahr 2012 ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik, so viele waren es zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Viele von ihnen kamen aus den südeuropäischen Krisenländern. Die Zahl der zugewanderten Spanier stieg um 45 Prozent, aus Griechenland, Portugal und Italien kamen ebenfalls jeweils mehr als 40 Prozent mehr Zuwanderer als im Vorjahr.

Die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt noch selten

Doch wie können die Zuwanderer im Land gehalten werden? Sie sind meist jung – und außergewöhnlich hoch qualifiziert. “Ein Trend ist klar erkennbar: Die Migranten, die zurzeit nach Deutschland kommen, kann man nicht mit den Gastarbeitern der sechziger Jahre vergleichen”, sagt Röhl. “Sie sind deutlich besser qualifiziert, der Anteil der Akademiker unter den Zuwanderern steigt.” 43 Prozent der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 Jahren haben einen Meister, Hochschul- oder Technikerabschluss, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zum Vergleich: Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund verfügen nur 26 Prozent über vergleichbare Abschlüsse.

Und doch: Eine schnelle Integration in den deutschen Arbeitsmarkt will vielerorts nicht gelingen. Das mag auch daran liegen, dass sich die neuen Zuwanderer dieses Mal selbst eher als Gastarbeiter sehen. Sie sind es plötzlich, die einen kurzfristigen Engpass auf dem Arbeitsmarkt überbrücken wollen. “Wenn es den Heimatländern wirtschaftlich wieder besser geht, wollen gerade die jungen Leute wieder zurück”, sagt Johann Fuchs, Analyst beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Deutsche Unternehmen hätten daher womöglich die Sorge, dass sie jetzt in Ausbildung und Integration der Krisenflüchtlinge investieren – nur damit die dann nach wenigen Jahren wieder ins Ausland verschwinden.

Hinzu kommt: Zwar ist der Fachkräftemangel in einigen Regionen und Branchen bereits deutlich spürbar. “Aber das gilt noch nicht flächendeckend für alle Unternehmen”, sagt Fuchs. “Die meisten Betriebe sind sich des Trends bewusst, sie sehen, dass das Erwerbspersonenpotential stetig sinkt. Aber der Handlungsdruck ist noch nicht so hoch, dass sie sofort und unter allen Umständen einstellen.” Fachkräfte aus Südeuropa, um die man sich mit Sprach- und Integrationskursen bemühen muss, sind da oft nicht die erste Wahl.

Mit Material von dpa

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Minijobs Kleine Arbeit, schlechte Arbeit

Wer Altersarmut vermeiden will, muss die Minijobs beschränken. Von 

23. August 201319:15 Uhr

http://www.zeit.de/2013/34/arbeitsmarkt-minijobs-altersarmut

Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet die fleißigen Deutschen die Lust an den Überstunden verloren haben? Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden um 20 Prozent – trotz anziehender Konjunktur. Wie erklärt sich, dass ausgerechnet die Deutschen eine Nation der Teilzeitarbeiter wurden? Jeder dritte Beschäftigte in Deutschland hat keine volle Stelle, wir liegen damit in internationalen Vergleichen ganz weit vorn.

Aus einer gerade veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken lassen sich klare Antworten auf diese Fragen herauslesen. Wirklich hören will sie in den letzten Wochen des Wahlkampfs freilich fast niemand. Das Fazit aus diesen Antworten lautet: Die nächste Regierung muss die Regeln für Minijobber ändern. Sie sollten zwar nicht abgeschafft werden, wie es die Linke fordert. Aber diese Jobs dürfen nicht so billig bleiben wie bisher, weil das zu Tricksereien einlädt und Altersarmut produziert wird.

Die Statistik zeigt, dass mittlerweile 2,66 Millionen Menschen zusätzlich zu ihrem Hauptberuf einen Minijob erledigen. Für Überstunden müssen Beiträge an die Kranken- oder Rentenversicherung gezahlt werden, für die Zweitjobs dagegen in der Regel nicht. Das ist ungerecht und wird sich für viele Betroffene im Alter rächen. Denn was er im Erstjob verdient, reicht längst nicht bei jedem, um eine Altersversorgung aufzubauen. Und den Sozialversicherungen wird Geld entzogen, das sie mittelfristig dringend brauchen.

Minijobs sind beliebt bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern, deshalb traute sich bisher keine Regierung wirklich an Begrenzungen heran. Die schwarz-gelbe Koalition hat die Regeln sogar gelockert, so gibt es inzwischen fast sieben Millionen Minijobber. Das erklärt auch die hohe Zahl der Teilzeitkräfte. Wer bei Teilzeit nur an Mütter kleiner Kinder denkt, die halbtags ins Büro gehen und damit glücklich sind, hat ein falsches Bild. Gerade Frauen in Minijobs wollen Umfragen zufolge oft mehr Stunden pro Woche arbeiten. Für ihre Arbeitgeber ist das wegen der geltenden Minijob-Gesetze meist nicht attraktiv.

Das zu ändern wäre eine wirksame Maßnahme gegen Altersarmut, die zu verhindern ja angeblich allen wahlkämpfenden Parteien ein großes Anliegen ist. Und es wäre viel billiger als die milliardenschweren Rentengesetze, die gerade gegen Altersarmut versprochen werden, von denen aber wenig finanzierbar ist.

 

Arbeitsmarkt
Die Illusion des deutschen Jobwunders

Deutschland feiert seinen starken Arbeitsmarkt. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: durch Leiharbeit, Niedriglöhne und die ständige Gefahr des sozialen Abstiegs.

.. und raus bist du

Deutschland feiert sein Jobwunder. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: Durch Leiharbeit, Niedriglöhne und die ständige Gefahr des sozialen Abstiegs. Von 

http://www.zeit.de/2013/33/arbeitsmarkt-jobwunder-leiharbeit-niedriglohn

 

Studie Für viele Frauen wird der Minijob zur Falle

Drei Viertel der Minijobber sind Frauen. Sie erhoffen sich damit bessere Vereinbarkeit, kommen aber aus der Erwerbsform kaum mehr raus, zeigt eine neue Studie.

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-03/studie-minijobs

DIW Berlin kritisiert Pläne der Bundesregierung zur Umsetzung der Blue-Card-Richtlinie der EU

http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.398019.de

Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist es zweifelhaft, ob der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Zuzug hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Drittstaaten europäischem Recht entspricht.

Denn die Festlegung der Mindestverdienste für Zuwanderer ist nicht transparent, überdies werden geringe Mindestverdienste vorgeschlagen. Zudem sollen Sonderregelungen für solche Berufe festgelegt werden, bei denen es keinen erkennbaren Fachkräftemangel gibt. „Das Gesetzesvorhaben zielt nicht darauf, einen Mangel an Fachkräften zu mindern, sondern darauf, Fachkräfte ins Land zu ziehen, die zu einem Verdienst arbeiten, der weit unter dem bestehenden Lohnniveau liegt“, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte im DIW Berlin. „Durch eine Billiglohnstrategie wird der Standort Deutschland aber gewiss nicht gestärkt, und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone werden nicht vermindert. Das sollte der Bundestag bei seiner Entscheidung in dieser Woche berücksichtigen.“

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und wie die klassischen Einwanderungsländer braucht auch die Bundesrepublik Steuerungsmechanismen für die Zuwanderung von Arbeitskräften. Die vom Europäischen Rat verabschiedete Richtlinie für den Aufenthalt und die Zuwanderung Hochqualifizierter ist daher aus der Sicht des DIW Berlin ein sinnvolles Instrument.

Mit erheblicher Verspätung soll nun auch in Deutschland die Blue-Card-Richtlinie EU in nationales Recht umgesetzt werden. Sie sieht vor, dass Hochqualifizierte aus Drittländern dann eine Beschäftigung in einem EU-Staat aufnehmen können, wenn sie mindestens das 1,5-fache des dortigen nationalen Jahresbruttolohns erhalten. Im Falle eines besonderen und nachgewiesenen Arbeitskräftebedarfs in einem EU-Land reicht auch das 1,2-fache des Jahreslohns.

Die Bundesregierung sieht einen solchen besonderen Bedarf bei Ingenieuren, IT-Kräften sowie Medizinern. Untersuchungen des DIW Berlin haben allerdings gezeigt, dass in Deutschland – abgesehen vielleicht von Medizinern – Fachkräfte in den entsprechenden Berufen keineswegs knapp sind.

Dafür spricht vor allem, dass sich bei Ingenieuren und IT-Kräften die Löhne nur schwach entwickelt haben. Zudem hat es in den entsprechenden Studiengängen einen regelrechten Run auf die Hochschulen gegeben, und die hierzulande bereits rasant wachsende Zahl von Studienabsolventen wird deshalb in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Wie auch Untersuchungen anderer Institute (Bundesinstitut für Berufsbildung / BIBB und Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung / IAB) zeigen, wird es zumindest in den nächsten zehn Jahren zu keinem nennenswerten Mangel an Hochqualifizierten mit naturwissenschaftlich-technischer Ausbildung kommen. Eher ist bald eine Schwemme an Hochschulabsolventen zu erwarten.

Zudem ist von der Politik geplant, die Mindestverdienstgrenze bei aus Nicht-EU-Staaten zuziehenden Ingenieuren, IT-Kräften und Medizinern auf knapp 35.000 Euro festzulegen. Völlig unklar bleibt, wie dieser Wert ermittelt wurde. Gemäß EU-Richtlinie müsste er mindestens das 1,2-fache des durchschnittlichen Bruttojahreslohns betragen. Nach der amtlichen Statistik der Arbeitnehmerverdienste belief sich 2011 jedoch der Bruttojahreslohn für Vollzeitkräfte in Deutschland auf 43.929 Euro, das 1,2-fache davon sind 52.715 Euro. Nimmt man noch die Teilzeitbeschäftigten hinzu, ergibt sich eine Mindestverdienstgrenze von etwa 46.600 Euro.

Die Bundesregierung versucht offenbar, die Lohngrenze sehr tief anzusetzen, und bezieht wohl auch Mini-Jobber, als Aushilfskräfte tätige Rentner und Schüler oder Saisonkräfte in ihre Kalkulation ein. Solche Arbeitskräfte und deren Entlohnung können nach Ansicht des DIW Berlin aber nicht Maßstab für den Zugang Hochqualifizierter zum Arbeitsmarkt eines EU-Landes sein. Mit den von der Bundesregierung geplanten Rechtsänderungen könnten hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern in Deutschland Löhne erhalten, die geringer sind als die durchschnittlichen Entgelte von Facharbeitern  im produzierenden Gewerbe.

„Bei den geplanten Gesetzesänderungen geht es wohl darum, einem Mangel an solchen Fachkräften entgegen zu wirken, die bereit sind, eine Beschäftigung anzunehmen, die weit unterhalb des bestehenden Gehaltsniveaus in der Bundesrepublik entlohnt wird“, sagt DIW-Wissenschaftler Brenke. Wären Hochqualifizierte aus Drittländern bereit, zu solchen Bedingungen eine Arbeit aufzunehmen, entstünde ein genereller Druck auf die Löhne hierzulande. Die wirtschaftlichen Verwerfungen innerhalb der Eurozone werden sich nach Ansicht des DIW Berlin aber gewiss nicht verringern, wenn die Bundesrepublik weiterhin auf eine schwache Lohnentwicklung setzt.

Aus Sicht des DIW Berlin ist es nötig:

  • Transparenz darüber zu schaffen, auf welchen Berechnungsgrundlagen die Festlegung die Mindestverdienstgrenzen für hoch qualifizierte Arbeitskräftewanderer aus Drittländern gründen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Regelungen in Deutschland nicht das EU-Recht verletzen. Am besten wäre es, auf gemeinsame, auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU erhobene Statistiken zurückzugreifen – also auf die Statistik der Arbeitnehmerverdienste bzw. auf die Erhebung der Lohn- und Gehaltsstruktur.
  • ein Berichtssystem zu schaffen, das regelmäßig darüber informiert, welche Arbeitskräfte in Deutschland tatsächlich knapp sind. Ein solches Berichtssystem sollte vor allem die Lohnentwicklung berücksichtigen. Denn Knappheiten lassen sich generell am besten an den Preisen erkennen – und auf dem Arbeitsmarkt an den Löhnen.

Links

Stellungnahme von Karl Brenke (DIW Berlin) zur Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie der EU | PDF, 48.53 KB

“Ingenieure in Deutschland: Keine Knappheit abzusehen” in: Wochenbericht 11/2012 | PDF, 0.79 MB

Arbeitsmarkt… und raus bist du

Deutschland feiert sein Jobwunder. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: Durch Leiharbeit, Niedriglöhne und die ständige Gefahr des sozialen Abstiegs. Von 

http://www.zeit.de/2013/33/arbeitsmarkt-jobwunder-leiharbeit-niedriglohn

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.  |  © Peter Endig/dpa

Wenn ein kranker Mensch gesund wird, kann man das an Zahlen erkennen. An Herzfrequenzen, Tumormarkern, Rheumafaktoren. Auch wenn ein Land sich erholt, lässt sich das an Zahlen ablesen. Vor allem ein Wert scheint zu belegen, wie viel Kraft Deutschland in den vergangenen Jahren gewonnen hat: die stark gesunkene Zahl der Arbeitslosen.

Ende August wird Frank-Jürgen Weise, Präsident der Bundesagentur für Arbeit, wie jeden Monat vor der versammelten Presse die neuesten Daten des deutschen Arbeitsmarkts präsentieren. Er wird Zahlen vortragen, die sich zusammenfügen zu der Geschichte einer wundersamen Heilung.

Noch vor gut zehn Jahren, 2002, waren in Deutschland 4,1 Millionen Menschen ohne Job. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit war das bestimmende Thema im Bundestagswahlkampf. Die Zeitungen schrieben vom “kranken Mann Europas”, auf der Bestsellerliste standen Bücher wie Ist Deutschland noch zu retten? und Deutschland – Der Abstieg eines Superstars.

Heute gibt es in Deutschland nur noch 2,9 Millionen Arbeitslose.

Wie jeden Monat wird Frank-Jürgen Weise kaum mehr als fünf Minuten reden. Er wird seine exakten Formulierungen durch eine betont langsame und deutliche Aussprache unterstreichen, wie ein nüchterner Mediziner, der die neuesten Laborwerte vom Papier abliest. Der Patient wird die Sprechstunde erleichtert verlassen.

Inmitten der Euro-Krise ließ Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) für 330.000 Euro riesige Plakate aufhängen, auf denen stand: “So viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor.” Darunter, in großen Lettern: “Danke, Deutschland.”

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte auf ihrer Sommer-Pressekonferenz im Juli: “Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.” Als Beleg nannte sie die Erwerbstätigkeit, die auf einem Rekordstand sei. In einem Interview hatte sie zuvor gesagt: “Wir alle können stolz sein, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit solche Erfolge erreicht zu haben.”

Es ist wieder Wahlkampf in Deutschland, doch manchmal könnte man das fast vergessen. Angela Merkel wirkte bei ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz geradezu unangreifbar. Die guten Arbeitsmarktzahlen sind ihr Trumpf, gern vergessen die Wähler andere Themen, weil es dem Land ja wirtschaftlich gut geht. Die Opposition kann der Kanzlerin kaum etwas anhaben.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück versuchte es kurz vor der Sommerpause im Bundestag. Er sagte, die Kanzlerin sei mitschuldig an der Jobmisere. Aber er meinte die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa, er kritisierte Merkels Politik in der Euro-Krise.

Es ist dies der erste Bundestagswahlkampf seit Jahrzehnten, in dem das einstige deutsche Dauerleiden Arbeitslosigkeit keine Rolle spielt. Der Patient scheint geheilt. Er gilt jetzt als Vorbild: Das britische Magazin The Economist druckte auf Deutsch die Überschrift Modell Deutschland über alles und schrieb, “dass die bedrängten politischen Führer in Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien wehmütig davon sprechen, sie müssten wie Deutschland werden”.

Deutschlands Kampf gegen die Krankheit begann im Frühjahr 2002. Es war die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder, die damals den VW-Manager Peter Hartz beauftragte, Therapievorschläge für Deutschland zu entwickeln. Begriffe wie “Job-Floater” und “Quick-Vermittlung” machten Medienkarriere.

Seinen Arbeitsoverall hat sich der Leiharbeiter Jens Blum selbst gekauft

Union und FDP unterstützten die Reformen, die ein Jahr später unter dem Titel “Agenda 2010” verabschiedet wurden. Die Gesetzesänderungen wurden von der größtmöglichen Koalition getragen. Deshalb wäre die Geschichte von der deutschen Heilung eine Geschichte, auf die tatsächlich, mit den Worten der Kanzlerin, “wir alle” sehr stolz sein könnten. Wenn sie denn stimmte.

Im Jahr 2002, vor Inkrafttreten der Agenda 2010, lag die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland bei 39,3 Millionen. Heute sind es 41,8 Millionen. Das ergibt einen Zuwachs von 2,5 Millionen neuen Jobs. Auf den ersten Blick erwies sich die Agenda 2010 also als segensreiches und überaus wirksames Medikament.

Nichts an dieser Rechnung ist falsch. Dennoch verbirgt sich hinter diesen Zahlen eine zweite, eher selten beachtete Diagnose dessen, was im Organismus der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren wirklich passiert ist.

Einen Befund, der zu dieser Diagnose führt, liefert die Geschichte des Fließbandarbeiters Jens Blum*.

Wenn Blum in einer Fabrik in Norddeutschland den Blaumann anzieht, ist er von seinen Kollegen nicht zu unterscheiden. Der 44-Jährige trägt dieselbe Arbeitskluft wie alle anderen, auf dem Rücken prangt das Logo eines großen Autoherstellers. Am Fließband baut Blum Kabelbäume in die Türen der im Minutentakt an ihm vorbeiziehenden Autos ein.

Blum hat die gleichen Arbeitszeiten wie seine Kollegen, mal Früh-, mal Spätschicht. Er nutzt denselben Pausenraum, dieselben Duschen, dieselbe Kantine. Und doch ist Blum keiner von ihnen. Die Arbeitskleidung des Autoherstellers hat er der Autofirma von seinem eigenen Geld abgekauft.

Der gelernte Schweißer Jens Blum ist Leiharbeiter. Den dünnen, billigen Arbeitsoverall, den die Leiharbeitsfirma ihm zur Verfügung stellt, zieht er nicht an, so wie die meisten anderen der 200 Leiharbeiter im Werk. Sie wollen sich nicht als Arbeiter zweiter Klasse fühlen.

Genau das sind sie aber: Blum erledigt zwar die gleiche Arbeit wie die Stammarbeiter, doch er bekommt nicht den gleichen Lohn. “2.500 Euro brutto hab ich, das sind 1.600 bis 1.700 netto”, sagt er. Blums Kollege aus der Stammbelegschaft, der neben ihm am Band steht und ebenfalls Kabelbäume in die Autos einbaut, erhält rund 850 Euro brutto mehr pro Monat.

Seit zehn Jahren schon schlägt sich Blum mit Leiharbeitsjobs und kurzen Anstellungsverträgen durch. Mal war er bei einem Hersteller von Wasserhähnen, mal bei einem Schiffszulieferer. Seit drei Jahren arbeitet er nun im Autowerk, aber wie lange es weitergeht, weiß er nicht. Seine Beschäftigung wird immer nur für drei oder sechs Monate verlängert. “Man kann nie lange planen”, sagt Blum. Er ist alleinerziehender Vater und wohnt mit seinem halbwüchsigen Sohn in einer kleinen Dreizimmerwohnung am Stadtrand. Blum wagt keine größeren Anschaffungen, nimmt keinen Kredit auf, weil er nicht weiß, ob er die Schulden abzahlen kann oder bald arbeitslos ist.

Womöglich ist er es schon sehr bald. Vor zwei Wochen hatte Blum einen Bandscheibenvorfall. Er ist krankgeschrieben. Sein Vorarbeiter hat ihm gesagt, spätestens nächste Woche müsse er wiederkommen, er brauche ihn. Jetzt fürchtet Blum, der Autokonzern werde bei der Leiharbeitsfirma nach Ersatz fragen. Dann könnte die Leiharbeitsfirma einen neuen Mann schicken und Blum entlassen, mit der Begründung, er sei zu lange krank. Juristisch wäre das tatsächlich möglich.

Mit kaputter Bandscheibe in die Fabrik gehen oder die Entlassung riskieren – das ist die Frage, die sich dem Leiharbeiter Jens Blum jetzt stellt.

Wenn ein Unternehmen viele Aufträge hat, soll es seine Mitarbeiter keine Überstunden schieben lassen, sondern lieber vorübergehend Leiharbeiter einstellen. Mehr Jobs statt mehr Stunden, das war das Kalkül der Agenda 2010. Jens Blum und seine 200 Leiharbeiterkollegen sind nicht vorübergehend in dem Autowerk eingestellt, sondern dauerhaft. Das ist möglich, weil ihr befristeter Einsatz dank der Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre beliebig oft verlängert werden darf.

Im Jahr 2012 gab es in Deutschland 820.000 Leiharbeitsplätze. Zehn Jahre zuvor, vor Beginn des Jobwunders, waren es nur 310.000. Ein Zuwachs von mehr als 500.000 Leiharbeitsjobs.

Aber nur 250.000 dieser Jobs, also die Hälfte, sind wirklich neue Arbeitsplätze. Die anderen 250.000 haben besser bezahlte, unbefristete Jobs vernichtet. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit vom Anfang dieses Jahres verdrängt jede zweite Leiharbeitsstelle einen Arbeitsplatz in der Stammbelegschaft.

Nicht einmal drei Euro pro Stunde verdient die Minijobberin Iris Engler

Iris Engler, 47, hat es besser getroffen als Jens Blum. Allerdings nur auf den ersten Blick. Sie sitzt in einem mit alten Holzmöbeln eingerichteten Café in der Kleinstadt Delmenhorst bei Bremen, vollgestopft mit handgefertigten Hüten, Puppen, Kissen und Kleidern. Früher war das Café das Pförtnerhaus der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei. Das Werksgelände mit den über 100 Jahre alten Fabrikgebäuden aus rotem Backstein ist heute ein Industriedenkmal. In einer Wohnung am Rand des Areals lebt Iris Engler mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern.

Das Café ist Englers Arbeitsplatz. Es ist auch die vorläufige Endstation ihres stufenweisen Abstiegs.

Iris Engler hat Schriftsetzerin gelernt, vor vielen Jahren, einen Beruf, den es heute nicht mehr gibt. Regelmäßig hat sie Fortbildungen besucht, 13 Jahre lang hatte sie eine gut bezahlte Vollzeitstelle bei einem Kunstverlag in Bremen, unbefristet, Sozialversicherung, Urlaubsanspruch. Als die Aufträge zurückgingen, erhielt sie die Kündigung, das war vor fünf Jahren.

Engler bekam eine neue Stelle bei einem Verlag in Oldenburg, wieder ein regulärer sozialversicherungspflichtiger Job – aber nur Teilzeit und nur befristet auf ein Jahr. Schon bald musste sich Engler wieder eine neue Arbeit suchen. Ihr Mann verdient als einfacher kaufmännischer Angestellter bei einem Kaffeehersteller zu wenig, mit seinem Einkommen allein lägen die Englers nur 100 Euro über dem Hartz-IV-Satz für eine vierköpfige Familie.

Doch diesmal fand Iris Engler in ihrem erlernten Beruf keinen Job mehr. “Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit war ich bereit, jede Arbeit anzunehmen”, sagt sie. Sie wurde Kurierfahrerin für ein Dentallabor, es war ihr erste Begegnung mit einem Begriff, den es noch nicht lange gibt in Deutschland: Minijob.

Ein Minijob, auch “geringfügige Beschäftigung” genannt, ist eine Arbeitsstelle, die mit höchstens 450 Euro im Monat entlohnt wird. Für Minijobs müssen die Arbeitgeber nur geringe Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, das macht sie kostengünstig. Minijobs waren deshalb ein wichtiges Element der Agenda 2010.

Iris Engler bekam in ihrem ersten Minijob sechs Euro pro Stunde und keinen bezahlten Urlaub, krank durfte sie nicht werden. “Mein Chef sagte: Wenn Sie den gelben Schein bringen, sind Sie den Job los.” Im Ford Fiesta des Dentallabors raste sie durch Südniedersachsen. “Ich musste immer um eins zu Hause sein und die Kleine aus der Vorschule abholen”, erzählt sie. “Ich bin dauernd zu schnell gefahren und oft geblitzt worden.”

Immer wieder habe sie ihren Chef gedrängt, sie regulär auf Lohnsteuerkarte zu beschäftigen, doch das habe der strikt abgelehnt. Schließlich warf sie den Job hin und beschloss mit ihrem Mann, das Café in der alten Wollkämmerei zu übernehmen. Er hat das Lokal gemietet und betreibt es offiziell, sie ist seine Angestellte und führt den Laden für 450 Euro im Monat, steuerfrei, krankenversichert über ihren Mann, der weiterhin jeden Tag ins Büro geht.

Die Englers sind jetzt also Unternehmer. Das hört sich gut an, aber das Café wirft gerade so viel ab, dass es für Iris Englers Minijob, für die Miete und die laufenden Ausgaben reicht. Von 11 bis 18 Uhr ist das Café geöffnet, genauso lange arbeitet sie jeden Tag.

Auf welchen Stundenlohn kommt sie umgerechnet? So genau wolle sie das gar nicht wissen, sagt Engler, “irgendetwas zwischen 2,50 und drei Euro”, noch weniger als in ihrem Job als Kurierfahrerin.

Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten unfreiwillig Teilzeit

Mit jedem Jobwechsel hat sich Iris Engler finanziell verschlechtert. Was sie brauchte, wäre wieder ein Vollzeitjob wie früher oder wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle, unbefristet und mit Sozialversicherung.

Auch die Hartz-Reformer sahen Minijobs eher als Übergangslösung. Für Langzeitarbeitslose und für Frauen, die aus familiären Gründen längere Zeit zu Hause geblieben waren, sollten Minijobs eine Brücke zurück in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schlagen. Klein anfangen, sich einarbeiten, dann eine richtige Stelle bekommen, das war die Hoffnung. Es war eine Illusion.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Demnach gibt es in Deutschland mittlerweile 7,5 Millionen Minijobber, vor allem im Einzelhandel, auch das Reinigungsgewerbe und die Gastronomie setzen auf Minijobs. Für fast fünf Millionen Beschäftigte ist der Minijob der Hauptjob, so wie für Iris Engler. Für Menschen mit Minijob als Haupt- und nicht als Nebenbeschäftigung entfalteten die Jobs “eine schnell einsetzende und hohe Klebewirkung und keine Brückenfunktion”, schreibt der Autor der Studie, Professor Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung.

Nur jeder siebte Minijobber schafft den Sprung auf eine Vollzeitstelle, hat Wippermann herausgefunden. Nur jeder vierte erreicht wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle mit mindestens 20 Stunden pro Woche.

Zwei Drittel der Minijobber sind Frauen, heißt es in der Studie. Auch mit guter Ausbildung würden sie nicht mehr als Fachkraft wahrgenommen, sondern “bekommen das stigmatisierende Label ›Minijobberin‹ und haben kaum noch Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung”.

Der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler haben etwas gemeinsam. Sie haben zwar eine sogenannte “atypische Beschäftigung”, so wird jede Arbeit genannt, die befristet, nicht sozialversicherungspflichtig, ein Teilzeitjob oder Leiharbeit ist. Aber: Den Statistikern ist das egal. Sie zählen jede Art von Arbeit als Beschäftigungserfolg. Jens Blum und Iris Engler empfinden sich selbst eher als Verlierer des Arbeitsmarktes. Offiziell aber zählen sie zu den Gewinnern, zu jenen, denen das Medikament Agenda 2010 geholfen hat.

Seit Beginn des Jobwunders sind in Deutschland zwei Millionen neue Minijobs entstanden, auch die Zahl der Teilzeitjobs insgesamt ist kräftig gestiegen. Nach einer Studie des IAB kommt es vor allem in kleinen Betrieben häufig vor, dass reguläre Arbeitsplätze gestrichen und durch mehrere Minijobs oder Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden.

Inzwischen arbeiten auch Menschen mit mittlerer und höherer Bildung vermehrt in Teilzeit. Und immer mehr Männer, vor allem junge Männer unter 40, dringen in die einstmals reine Frauendomäne Teilzeitarbeit vor, hat der Arbeitsmarktforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin herausgefunden. Allerdings nicht, weil sie mehr Zeit für ihre Familien haben wollen – ein großer Teil von ihnen findet keine Vollzeitstelle.

Mehr als zwei Millionen Menschen, Frauen wie Männer, arbeiten inzwischen unfreiwillig Teilzeit, hat Brenke festgestellt. Für sie sei ihr Job nur eine Notlösung, sagt der Wissenschaftler.

Margot Fricke* arbeitet Vollzeit. Jedenfalls, wenn genug zu tun ist. Manchmal arbeitet sie auch gar nicht. Dann hat sie wochenlang keine Einkünfte. Bis wieder ein neuer Auftrag hereinkommt.

Die 50-Jährige hatte noch nie in ihrem Leben eine feste Stelle. Vor Jahren hat sie Foto-Ingenieurwesen studiert und anschließend als freie Mitarbeiterin für Medienunternehmen gearbeitet. Das macht sie immer noch, verändert hat sich nur der Name, den die Verwalter des Arbeitsmarktes für kleine Selbstständige wie sie vorsehen. Früher war Margot Fricke eine Ich-AG, jetzt ist sie eine Solo-Selbstständige.

Margot Fricke wohnt in einer Kleinstadt in Norddeutschland. Ihre Wohnung ist auch ihr Arbeitsplatz. Sie entwickelt E-Learning-Programme für Firmen – Unterrichtsmaterialien, mit denen sich Mitarbeiter auf dem Computer oder übers Internet weiterbilden können.

Zuletzt hat Fricke für ein Busunternehmen ein elektronisches Lernprogramm zum Thema Fahrphysik erstellt. Es soll Busfahrern zeigen, wie sich ihr Fahrverhalten auf die Passagiere auswirkt, zum Beispiel, welche Fliehkräfte entstehen, wenn sie eine Kurve zu schnell nehmen oder wenn sie stark bremsen.

Ihre Aufträge erhält Fricke von einem Multimedia-Unternehmen, das dann die Unterrichtsmaterialien an andere Firmen weiterverkauft. Die Honorare sind gering, das Multimedia-Unternehmen will seine Kosten niedrig halten.

Im Schnitt komme sie auf knapp 1.000 Euro brutto im Monat, sagt die Akademikerin. Einmal verdiente sie in einem ganzen Jahr nur 6.000 Euro. Hin und wieder arbeitet Fricke auf dem Wochenmarkt, verkauft Obst und Gemüse, um ihr Einkommen aufzubessern.

Die Förderung der Selbstständigkeit war neben der Erleichterung von Leih- und Teilzeitarbeit ein weiterer wichtiger Bestandteil der Agenda 2010. Existenzgründungszuschüsse sollten Kleinunternehmern zum Erfolg verhelfen. Von unentdeckten Talenten war die Rede, von großen Potenzialen, die es auszuschöpfen gelte.

Tatsächlich sind die sogenannten Solo-Selbstständigen wesentlich besser qualifiziert als der Durchschnitt der Erwerbstätigen. Ausgebildete Lehrer sind unter ihnen, Dolmetscher, Psychologen, Publizisten, aber auch Techniker, IT-Kräfte, Ingenieure. Solo-Selbstständige arbeiten in der Bildung und in künstlerischen Berufen, als Maler, Schauspieler und Musiker. Man könne von einer “kreativen Klasse” sprechen, sagt der Arbeitsmarktforscher Brenke vom DIW. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von ihrem Beruf allein meist nicht leben können.

Margot Fricke war erleichtert, als sie vor zwei Jahren ein kleines Haus erbte. “Es sollte meine Absicherung gegen Altersarmut sein”, sagt sie, die alleinstehend ist und keine Kinder hat. Weil immer wieder das Geld knapp wurde, hat sie das Haus inzwischen verkauft und “schon viel vom Erlös aufgezehrt”.

Da sie im weiteren Sinne kreativ tätig ist, muss Fricke wenigstens wie eine Festangestellte nur die Hälfte der Beiträge zur Krankenversicherung zahlen. Den Rest bezahlt die Künstlersozialkasse.

Andere Solo-Selbstständige aber sind gar nicht versichert, ihnen fehlt das Geld. Wenn sie krank werden, gehen sie zu Ärzten wie Detlev Niebuhr.

Der Internist Niebuhr, 69 Jahre alt, hat vor zwei Jahren seine Praxis in der Nähe von Hamburg verkauft. Er hat sich zur Ruhe gesetzt, eigentlich, aber ein bisschen arbeitet er noch weiter. Einmal in der Woche hat er bei der “Malteser Migranten Medizin” eine Sprechstunde, immer donnerstags von 16 bis 20 Uhr. Das Katholische Marienkrankenhaus in Hamburg stellt den Maltesern dafür ein Behandlungszimmer zur Verfügung.

140.000 Deutsche können sich keine Krankenversicherung mehr leisten

Seit einigen Jahren betreibt der Malteser Hilfsdienst zwölf solcher Arztpraxen in ganz Deutschland. Gegründet wurden sie, um Ausländer, die illegal in Deutschland leben, kostenlos ärztlich zu versorgen. Längst kommen in Niebuhrs Sprechstunde auch Deutsche, denen das Geld für eine Krankenversicherung fehlt, von Jahr zu Jahr werden es mehr. Meist sind es Inhaber von Ein-Personen-Unternehmen – Solo-Selbstständige. Und oft haben sie mit dem Gang zum Arzt so lange gewartet, bis die Krankheit chronisch wurde.

Kürzlich tauchte ein Handwerker in der Sprechstunde auf, er betrieb ein Ein-Mann-Unternehmen für Dienstleistungen rund ums Haus. “Der Mann hatte schwere Diabetes, Komplikationen waren absehbar”, sagt Niebuhr. Weil der Handwerker jahrelang zu wenig verdient hatte, war er bei seiner Krankenversicherung mit den Beiträgen immer weiter in Rückstand geraten, schließlich waren die Schulden so hoch, dass die Versicherung ihn ausschloss.

Solche Fälle sind keine Einzelschicksale mehr. Nach einer aktuellen Schätzung des Bundesverbandes der Privaten Krankenversicherungen haben inzwischen 140.000 Bundesbürger keine Krankenversicherung. Weshalb der Bundestag, wenige Wochen bevor Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland könne stolz auf seine Arbeitsmarkterfolge sein, eigens das “Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden” verabschiedete. Wer sich bis zum Ende dieses Jahres krankenversichert, dem sollen sämtliche Beitragsrückstände erlassen werden.

Zwischen 2002 und 2012 ist die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen in Deutschland von 1,7 Millionen auf 2,2 Millionen gestiegen.

Margot Fricke gehört zu diesen 2,2 Millionen. Doch mit ihrem Einkommen von durchschnittlich 1.000 Euro im Monat fällt sie auch in eine weitere stark wachsende Kategorie des deutschen Arbeitsmarkts: Sie ist Niedriglöhnerin.

Ein Lohn gilt als Niedriglohn, wenn er weniger als zwei Drittel des mittleren Verdiensts aller Beschäftigten ausmacht. In Deutschland liegt die Grenze bei 9,54 Euro brutto in der Stunde, alles darunter wird als Niedriglohn bewertet. Das trifft auf die Löhne von rund 7,3 Millionen Menschen zu – 22 Prozent aller Berufstätigen. Einen höheren Anteil an Geringverdienern als Deutschland haben in Europa nur Lettland, Litauen, Rumänien und Polen.

In manchen Branchen arbeiten in Deutschland fast nur noch Geringverdiener. 87 Prozent aller Taxifahrer bekommen einen Niedriglohn, ergab eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts. Ebenso 86 Prozent der Friseure, 77 Prozent der Bedienungen in Gaststätten, 69 Prozent der Verkäufer im Einzelhandel, 68 Prozent aller Leiharbeiter, 68 Prozent der Beschäftigten in Callcentern, 62 Prozent des Hotelpersonals, 60 Prozent der Wachleute bei privaten Sicherheitsdiensten.

Viele Beschäftigte versuchten, aus dem Niedriglohnkeller herauszukommen, indem sie besonders lange arbeiten, hat der Arbeitsmarktexperte Brenke herausgefunden. Doch das gelinge “nur zu einem kleinen Teil”. Auch wenn die Menschen viel schuften, bleiben sie Geringverdiener. 900.000 Niedriglöhner arbeiten mehr als 50 Stunden in der Woche. Eine solche Belastung verbietet das Arbeitszeitgesetz. Arbeitnehmer dürfen nicht mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten. Doch die Schutzvorschrift werde häufig ignoriert, kritisiert Brenke.

Längst ist die Bundesrepublik in einigen Branchen zum Billiglohnland des Kontinents geworden. Empörten sich die Bürger vor wenigen Jahren noch darüber, dass Nordseekrabben in Marokko gepult wurden, werden mittlerweile Schweine aus europäischen Nachbarländern nach Deutschland gekarrt und hier geschlachtet. Der belgische Wirtschaftsminister, dänische Gewerkschafter, französische Industrielle, österreichische Großhändler, sie alle schimpfen öffentlich auf die Dumpinglöhne im einstigen Hochlohnland Deutschland. Inzwischen sind bei der EU-Kommission mehrere Beschwerden wegen Wettbewerbsverzerrung eingegangen.

In der Kleinstadt Ahlhorn im Kreis Oldenburg steht Mario Gliese, an ein Mäuerchen gelehnt, vor dem grauen Mehrfamilienhaus, in dem er mit Frau und zwei Töchtern wohnt. Die Sonne scheint, Gliese hat eine Thermoskanne Kaffee mitgebracht. Den könne man doch hier vor dem Haus trinken, schlägt er vor.

Gliese sieht aus wie ein Boxer. Der 53-Jährige hat eine untersetzte, bullige Statur und einen muskulösen Nacken. Über Bauch und Brust ziehen sich lange Narben von Arbeitsunfällen und Operationen. Gliese ist einer von 60 Schlachtern in der Großschlachterei des niederländischen Fleischkonzerns Vion in Emstek im Landkreis Cloppenburg in Westniedersachsen. Anders als der Leiharbeiter Jens Blum, die Minijobberin Iris Engler und die Solo-Selbstständige Margot Fricke hat Mario Gliese eine unbefristete, sozialversicherte Vollzeitstelle. Weil diese Form der Beschäftigung früher in Deutschland normal war, wird sie von den Statistikern noch immer so genannt: Normalarbeitsverhältnis.

36 Jahre lang hat Gliese Schweine geschlachtet, die, an den Füßen aufgehängt, an einem Band an ihm vorbeizogen, “immer bei 30 Grad Hitze”, wie er sagt. Sein Gehalt: 2.200 Euro brutto im Monat.

Vor einem halben Jahr wurde Gliese ins Kühlhaus versetzt. Seitdem wuchtet er den ganzen Tag 35 Kilogramm schwere Kisten mit Schweinefleisch auf ein Förderband, bei minus sechs Grad. Die eisige Kälte nach der jahrelangen Hitze mache ihm zu schaffen, sagt Gliese. Er habe überall Schmerzen.

Die Schlachtarbeiter schlafen in hygienisch unzumutbaren Quartieren

Glieses früheren Job am Schlachtband erledigen jetzt sogenannte Werkvertragsarbeiter aus Rumänien. Anders als Gliese sind sie nicht beim Fleischkonzern Vion angestellt, sondern bei einem rumänischen Subunternehmer, der im Auftrag von Vion in der Großschlachterei des Konzerns die Schweine schlachtet. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Werk Emstek sind jetzt rumänische Werkvertragsarbeiter. Das ist billiger. Der Vion-Betriebsrat Martin Tiedeken schätzt, dass die rumänischen Schlachter höchstens fünf Euro pro Stunde verdienen. Nicht einmal er weiß es genau.

Überall in Deutschland setzen Großunternehmen der Fleischindustrie inzwischen auf Werkvertragsarbeiter. Meist kommen sie aus Osteuropa, fast immer arbeiten sie für einen Hungerlohn, oft hausen sie in heruntergekommenen Unterkünften, manchmal teilen sich acht Arbeiter ein Vierbettzimmer. Während die einen in der Fabrik sind, schlafen die anderen.

Die Werkvertragsarbeiter wohnen zum Beispiel in einer ehemaligen Kaserne, nicht weit von der Vion-Fleischfabrik in Emstek. Der Zugang zum Gelände wird von privaten Sicherheitsleuten verwehrt. Sie lassen keinen Fremden herein. Spricht man die rumänischen Arbeiter auf dem Heimweg an, antworten sie nicht, eilig gehen sie weiter und verschwinden hinter dem Kasernentor.

Der niedersächsische Landkreis Vechta, in dem mehrere große Fleischfabriken stehen, hat kürzlich 120 Unterkünfte von 1.300 Werkvertragsarbeitern kontrolliert. Am Eingang eines zweistöckigen Wohnhauses hätten allein 70 Namen gestanden, sagt ein Sprecher des Landkreises. Viele Quartiere seien in einem hygienisch unzumutbaren Zustand gewesen, für 400 Schlafplätze habe der Kreis die Nutzung untersagt. “Andere rechtliche Mittel haben wir nicht”, sagt der Sprecher. Werkverträge sind ja nicht illegal.

Dass Gliese und die übrigen Schlachter aus der Stammbelegschaft jetzt in einem anderen Bereich des Werks bei gleicher Bezahlung weiterarbeiten können, hätten Betriebsrat und Gewerkschaft der Vion-Geschäftsleitung mühsam abgetrotzt, sagt Betriebsrat Tiedeken. Die Vereinbarung gilt für drei Jahre. Und danach? “Dann sind die alle weg”, sagt der Betriebsrat illusionslos. Es werden dann in Deutschland ein paar Normalarbeitsverhältnisse verschwinden.

Man muss an dieser Stelle eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes erwähnen, auf die sich auch die Bundesregierung in ihrem Bemühen, sich selbst zu loben, gerne beruft. Demnach ist in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die atypische Beschäftigung gestiegen, sondern auch die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse, vor allem seit dem konjunkturellen Tiefpunkt im Jahr 2005. Der Schlachter Mario Gliese, der vermutlich seine unbefristete Vollzeitstelle verlieren wird, wäre demnach eine Ausnahme.

Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt sich, dass diese Analyse problematisch ist. Die Statistiker bewerten bereits Stellen mit einer Arbeitszeit von nur 21 Stunden pro Woche als Vollzeitarbeitsplätze. Niedriglohnjobs zählen sie ebenfalls mit. Weshalb auch Arbeitsagentur-Präsident Frank-Jürgen Weise, der Arzt, der dem Patienten Deutschland jeden Monat seine Laborwerte vorträgt, das deutsche Jobwunder auf Nachfrage so erklärt: “Die Zuwächse in der Beschäftigung haben wir bei Befristungen, in Teilzeit-, Minijobs und Zeitarbeit”.

Es gibt neben den 2,3 Millionen neuen Arbeitsplätzen noch eine zweite Zahl, die viel über das deutsche Jobwunder verrät: 1.397 Stunden. Das ist die Arbeitszeit, die pro Jahr auf einen durchschnittlichen Job entfällt. Diese Zahl ist gesunken, über viele Jahre. Dadurch reicht die vorhandene Arbeit jetzt für mehr Leute. Es ist Raum entstanden für neue Jobs.

Interessanterweise erinnert das an eine jahrzehntealte Gewerkschaftsforderung. Ende der achtziger Jahre gingen manche Ökonomen davon aus, dass die Bundesrepublik nicht mehr in der Lage sei, genug Wirtschaftswachstum zu erzeugen, um zwei oder drei Millionen Menschen zusätzlich zu beschäftigen. Also, so ihr Gedanke, müsse die schon vorhandene Arbeit anders aufgeteilt werden, um auf diese Weise die Arbeitslosigkeit zu senken.

Letztlich hat die Agenda 2010 genau dieses Konzept ein Stück weit verwirklicht: Sie hat neue Arbeit erzeugt, aber vor allem viel alte Arbeit anders verteilt. Während die Gewerkschaften allerdings immer verlangten, dass dies ohne starke Lohneinbußen zu bewerkstelligen sei, haben die Hartz-Reformer die Neuverteilung der Arbeit erreicht, indem die Qualität und die Bezahlung vieler Arbeitsplätze in Deutschland sanken.

Inzwischen gibt der Staat jedes Jahr rund elf Milliarden Euro aus, um Jobs zu subventionieren, von deren Gehältern keiner leben kann: Die Zahl der Beschäftigten, deren Lohn unter dem Hartz-IV-Niveau liegt, pendelt seit Jahren um die 1,3 Millionen, davon sind 300.000 Vollzeitstellen. Würde der Staat diese Arbeitsplätze nicht subventionieren, gäbe es sie vermutlich nicht.

Deutschland war krank im Jahr 2002. Ohne die Agenda 2010 wären der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler heute womöglich arbeitslos, und die Honorare der Kleinunternehmerin Margot Fricke wären ohne Agenda 2010 vermutlich auch nicht höher.

Man kann deshalb sagen, die Agenda 2010 war das kleinere Übel. Aber es ist schwer festzustellen, wie viel besser es dem Land wirklich geht. Sicher ist nur: Deutschland ist anders geworden. Das Medikament mag die Krankheit geheilt haben. Aber es hatte starke Nebenwirkungen.

Ist das ein Grund, stolz zu sein?

KonjunkturArbeitslosigkeit in Euro-Zone sinkt erstmals seit 2011

Die Arbeitslosigkeit in den EU-Krisenländern bleibt dramatisch hoch. Doch in der Euro-Zone insgesamt gibt es Anzeichen für eine Verbesserung der Wirtschaftslage.

31. Juli 201314:58 Uhr

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-07/arbeitslosigkeit-euro-zone-konjunktur

German economic strength: The secrets of success

By Richard Anderson Business reporter, BBC News

http://www.bbc.co.uk/news/business-18868704

Agenda 2010 Über das Ziel hinausgeschossen

Das grüne Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin war an der Agenda 2010 beteiligt. Heute sehen sie vieles kritisch.
Von Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin

http://www.zeit.de/2013/12/Goering-Eckhardt-Trittin-Agenda2010

EinzelhandelDie Kraftprobe

Amazon, Edeka, Karstadt: Viele Einzelhändler ignorieren Tarifverträge – und ruinieren ihren Ruf als Arbeitgeber. Von 

21. Juni 201308:55 Uhr

http://www.zeit.de/2013/25/einzelhandel-tarifvertraege-loehne

Frauen im Minijob – Motive und (Fehl-)Anreize für die Aufnahme geringfügiger Beschäftigung im Lebenslauf

Studie des Bundesministerium für Familie,Senioren, Frauen und Jugend

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=193520.html

01.07.2013

Minijobs: Ein Klebstoff mit besonders starker Wirkung

Deutscher Frauenrat zur Untersuchung des DELTA-Instituts


Deutscher Frauenrat e.V.

Ein Minijob ist für verheiratete Frauen keine Brücke in den Arbeitsmarkt. Er ist der Arbeitsmarkt für sie. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Prof. Carsten Wippermann. Die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Hannelore Buls, hat sie sich vorgenommen und ausgewertet.

http://www.delta-sozialforschung.de/delta-milieus/news-sozialforschung-gender-lebensverlauf/aktuell/artikel/minijobs-ein-klebstoff-mit-besonders-starker-wirkung/

Was heißt Scheitern heute?

Katja Kraus Was heißt Scheitern heute?

02.04.2013 ·  Wenn es so aussieht, als sei alles umsonst gewesen: Katja Kraus, einst Managerin beim HSV, hat ein Buch über prominente Abstiege und Leute geschrieben, die von der Erfolgsspur abgekommen sind.

Von Melanie Mühl

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Katja Kraus hat Macht verloren. Unglücklich ist sie darüber nicht gewordenDieses Buch ist ein Schlüsseltext. Es handelt von Macht und Machtverlust, von Erfolg und Scheitern, von Intrigen, Verrat und monströsen Verletzungen. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen tief gefallen sind. Vor allem aber geht es um die fatalen Auswirkungen unserer beschleunigten Medienwelt, in der das erbarmungslose Verurteilen zu einem ganz normalen Vorgang geworden ist, und die Frage, inwieweit wir überhaupt noch die Autoren unserer eigenen Biographie sind. Jeder Tag ist ein Schicksalstag. Ein Haben-Konto, auf dem die Erfolge als Polster für schlechte Zeiten verbucht werden können, existiert nicht.

Anders formuliert: Lebensleistungen zählen nichts mehr. Karrieren werden von ihrem Ende her beurteilt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt in der Regel die negative Schlagzeile, die den Moment des Falls festhält, sei es nun den eines Politikers, Managers oder Sportlers. Man muss sich nur kurz überlegen, was wir mit folgenden Namen assoziieren: Ron Sommer. Annette Schavan. Hartmut Mehdorn. Nichts Gutes, so viel steht fest.

Kraus verlor selbst Job und Macht

Das Buch heißt „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ und erschien vor kurzem im Fischer Verlag. Katja Kraus, zweiundvierzig Jahre alt, hat es geschrieben. Es erzählt nur auf den ersten Blick von einzelnen Biographien. In Wahrheit beschreibt Katja Kraus den Zustand einer Gesellschaft, in der Schicksalsfragen immer noch anhand von Heldengeschichten verhandelt werden. Nach dieser Logik gibt es immer einen Schuldigen, und wir alle kennen dessen Namen ganz genau. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Wasserhahn der Bielefelder Bahnhofstoilette tropft, ist es Hartmut Mehdorn, und wenn die Telekom-Aktie fällt, ist es immer noch irgendwie Ron Sommer.

Katja Kraus war selbst einmal mächtig. Sie war Fußballnationalspielerin, sie war bei der Frankfurter Eintracht beschäftigt und bei der Vermarktungsagentur Sportfive. Zuletzt saß sie acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger Sportvereins, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann, 2011, verlor sie ihren Job. Und ihre Macht.

Die wahre Geschichte des Ron Sommer

Ein Café in Hamburg. Man hatte sich Katja Kraus anders vorgestellt: hart, mit angestrengtem Zug um den Mund und einer in Falten liegenden Stirn. Männlicher. Weniger zart. Lauter. Als müsse eine Frau automatisch wie das personifizierte Klischee auftreten, um in einem Fußballverein nicht unterzugehen. Katja Kraus hat schulterlanges braunes Haar und helle Augen. Sie trägt Jeans zum Blazer. Ihre Sprache ist klar und analytisch. Sie sagt: „Es war mir wichtig, den Begriff des Scheiterns neu zu diskutieren. Wir sind irrsinnig schnell darin geworden, zu urteilen, Menschen ihre Kompetenz abzusprechen, ohne darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie überhaupt erst in die exponierte Position gebracht haben. Die Härte, mit der das geschieht, und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der persönlichen Integrität sind erschreckend.“ Die Härte, von der Katja Kraus spricht, traf auch ihre Gesprächspartner. Ron Sommer ebenso wie Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Maria Jepsen, Hera Lind, Sven Hannawald, Björn Engholm oder Andrea Ypsilanti, um nur einige zu nennen. Nicht allen brach diese Härte das Genick, aber manchen.

Ron Sommer gehört nicht dazu, in der öffentlichen Wahrnehmung gilt er trotzdem als Verlierer. Die verarmte Großmutter ist zum Symbol seines Abstiegs geworden. Doch die wahre Geschichte geht anders: Ron Sommer baute erfolgreich eine Behörde in ein Kommunikationsunternehmen um und führte die Telekom AG schließlich an die Börse. Der „Popstar der Wirtschaft“ wurde als Volksheld gefeiert. Ron Sommer avancierte zum Analystenliebling. Dummerweise drehte irgendwann der Aktienmarkt durch und brach zusammen. „Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist, weder die Steigerung auf 200 Mark noch den Fall auf acht Euro. Die enorme Dynamik rund um die T-Aktie war in beide Richtungen falsch“, zitiert ihn Katja Kraus in ihrem Buch.

Nur kritische Fragen

Wenn Ron Sommer heute den Telekom-Jingle hört, denkt er immer noch, das Unternehmen sei doch sein Baby. Vielleicht liegt das daran, dass er bis heute kein neues Baby gefunden hat. Nach der Aktienkatastrophe rissen sich die Personalberater nicht eben um Ron Sommer, im Gegenteil. „Den Aufsichtsräten fehlte der Mut, die öffentliche Verurteilung von Ron Sommer zu ignorieren“, sagt Katja Kraus. Also managte er eben den Umbau seines Hauses und ist inzwischen für einen indischen sowie einen russischen Großkonzern tätig. „Er hätte der deutschen Wirtschaft sicher noch einiges geben können.“ Ron Sommers entscheidender Fehler war, dass er das Spiel ständiger Neuinszenierung nicht mitgespielt hat. Er ignorierte die Codes unserer Mediengesellschaft.

Es wäre falsch zu glauben, Katja Kraus agierte als williges Sprachrohr ihrer Protagonisten. Sie stellt nur kritische Fragen. Auch danach, wie hoch der Preis der Selbstoptimierung tatsächlich ist. Sven Hannawald bezahlte für den Titel bester deutscher Skispringer aller Zeiten mit seiner Gesundheit. Er hungerte seinen Körper auf ein absurdes Gewicht herunter, damit er noch besser in der Luft lag. Irgendwann fühlte er sich nur noch taub an. Sein Werkzeug funktionierte nicht mehr. Burnout. Heute ist der Name Sven Hannawald untrennbar mit diesem Begriff verbunden. Hannawald selbst will das nicht wahrhaben.

Die Gefahren permanenter Beurteilung

Für Menschen in vielbeachteten Positionen, schreibt Kraus, seien die Momente des Erfolgs häufig die der Erleichterung. „Im Bewusstsein der Kausalitäten des Misserfolgs liegt die Freude vor allem in dessen Vermeidung. Darin, dass der Erfolg einen Pulsschlag lang Spielraum verschafft, Luftholen ermöglicht, vor der nächsten Herausforderung.“ Ron Sommer dachte jeden Morgen unter der Dusche: „Wo geht die nächste Bombe hoch?“

Das Gefährliche an der permanenten Beurteilung ist, dass sie den, der ihr ausgesetzt ist, zwangsläufig in einen Getriebenen verwandelt: Entscheidungsprozesse werden oft abgekürzt und Haltungen über Bord geworfen, um Ergebnisse vorzuweisen. Wer soll eigentlich noch Verantwortung übernehmen, wenn die, die einem das Etikett des Scheiterns verpassen wollen, doch bereits auf der Lauer liegen?

Man könnte meinen, die Tatsache, dass jeder von uns unter beruflichen und privaten Verletzungen leidet, zu mehr Milde im Umgang mit anderen führt. Dass das eine ziemlich naive Vorstellung ist, wurde einem wieder bewusst, als die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan wegen ihrer Doktorarbeit ins Visier geriet. „Die Art und Weise, wie Annette Schavan nach ihrem Rücktritt diskreditiert wurde, hat mich erschüttert. Es wurde in der gesamten Debatte nicht darüber gesprochen, wie sie ihr Amt ausgefüllt hat. Es gibt keine Differenziertheit in der Bewertung“, sagt Katja Kraus. Vielleicht liege in dieser Unbarmherzigkeit, in dieser Häme ja auch eine Linderung des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Die Suche nach Trost im Elend der anderen funktioniert nach wie vor gut.

Falschmeldungen über Hera Lind

Auch die Bestsellerautorin Hera Lind durfte keine Sekunde lang mit Milde rechnen, als sie ihren Mann für eine neue Liebe verließ. Was millionenfach geschieht, wenn sich Beziehungen leergelaufen haben, interpretierte die Masse bei Hera Lind als unverzeihlichen Akt der Kälte einer egoistischen Frau. Sie gehe über Leichen, hieß es. Aus dem „Superweib“ wurde die Rabenmutter der Nation. „Verstanden hat sie diesen Einschnitt bis heute nicht“, schreibt Katja Kraus. Die Behauptungen, Hera Lind habe die vier Kinder bei ihrem Ex-Partner zurückgelassen, um sich ohne lästigen Ballast ins neue Glück zu stürzen, waren Falschmeldungen.

Diese Falschmeldungen führten nicht nur dazu, dass etliche Leserinnen Hera Lind ihre Anhängerschaft aufkündigten, sie führten auch dazu, dass ihr neuer Mann seinen Posten auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff verlor. Das Publikum sei zu konservativ für solch öffentliche Liebeleien. „Der Hotelmanager blieb sechs Jahre ohne Job, bis er bei einem Arbeitgeber fern der deutschen Yellow-Press-Magazine eine Anstellung fand. Inzwischen verbringt er acht Monate des Jahres bei dieser Reederei in den Vereinigten Staaten. Nur vier Monate ist er zu Hause bei seiner Familie.“

Leben im Zuschauerraum

Das Porträt über Hera Lind gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. Es legt auf knappem Raum die Tragik dieser öffentlichen Figur bloß. Stets scheint das Kind in Hera Lind durch, das endlich von der Mutter gelobt, also geliebt werden möchte und dabei gegen eine Wand nach der nächsten läuft. Dass der Wunsch nach Anerkennung bei Hera Lind mit dem qualvollen Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht, dass sie nicht abschütteln kann, verleiht ihrem Erfolg in den eigenen Augen etwas Unwirkliches. Als sei nicht sie es, die auf der Rolltreppe der Buchhandlung steht und an jenen kunstvoll gestapelten Büchern vorbeifährt, auf denen ihr Name steht. Katja Kraus sagt: „Erfolg multipliziert sich oft auf so rasante Weise, dass der Erfolgreiche oft selbst zum außenstehenden Beobachter des eigenen Aufstiegs wird. Die Weggefährten des Misserfolgs hingegen sind in jedem Augenblick sichtbar.“ Im Frühjahr 2006 schrieb die „Bunte“: „Hera Lind: Die deutsche Erfolgsschriftstellerin machte Millionenverluste mit Ost-Immobilien. Jetzt muss sie sogar ihre Traumvilla verkaufen.“ Mittlerweile lebt Hera Lind in Salzburg. Pro Jahr veröffentlicht sie zwei Bücher.

Am Ende hatte Katja Kraus Glück. Zumindest in Hinblick auf die mediale Notenvergabe. Ihre Karriere wurde weder disqualifiziert, noch wurde sie persönlich attackiert, weshalb Katja Kraus anders als viele ihrer Gesprächspartner nie das Gefühl der Makelhaftigkeit beschlich. „Wer publikumswirksam entlassen worden ist und sich dadurch makelhaft fühlt, reflektiert lange in den Gesichtern anderer Menschen, ganz gleich, ob diese ihn und die Geschichte kennen oder nicht. Das erschwert oft den Prozess der Verarbeitung.“ Der Politikerin Andrea Ypsilanti ergeht es so. Bei ihr ist das Suchen im Gesicht des Gegenübers zur Manie geworden. Als klar war, dass sie, verraten von vier Abtrünnigen ihrer Partei, nicht Ministerpräsidentin des Landes Hessen werden würde, sagte ihr damals zwölfjähriger Sohn: „Jetzt war alles umsonst.“ Er meinte damit nicht die ständige Abwesenheit der Mutter, er meinte die erlittenen Verunglimpfungen.

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Liest man die Passagen über Andrea Ypsilanti, tauchen immer wieder Wörter wie „wäre“, „hätte“ oder „im Nachhinein“ auf. Dabei war Andrea Ypsilanti längst raus aus dem Spiel. Sie saß jetzt im Zuschauerraum. Dass sie irgendwann keine Chance mehr hatte, Einfluss auf das öffentliche Bild ihrer Person zu nehmen, hat sie bis heute nicht verstanden. Das heißt nicht, dass der Selbstzweifel aus der Welt geräumt werden soll. Es heißt nur, dass das Selbst eine weniger tragende Rolle spielt, als wir glauben. Das gilt nicht nur für das Scheitern. Es gilt auch für den Erfolg. Katja Kraus erinnert uns daran.

Quelle: F.A.Z.

DER SPIEGEL:
Erste Hilfe Karriere So macht Scheitern erst richtig Spaß

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-787153.html

DIE ZEIT :
Misserfolge”Wer nie scheitert, dem fehlen Leitplanken”

Wie man Scheitern als Chance wahrnimmt: Der Psychologe Thomas Frey erklärt, wie aus persönlichen Niederlagen große Erfolge werden können

http://www.zeit.de/karriere/2009-11/scheitern-lernen

Bücher zur Kunst des Jonglierens zwischen  Führung, Leistung und Komplexitaet:

Fredmund Malik 2013 : Strategie – Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt, Campus, 42, —

http://www.campus.de/business/management-und-unternehmensfuehrung/Strategie.100064.html

https://i0.wp.com/www.campus.de/cover_300dpi/9783593397665.jpg 

„Deutsche betreiben Sozialdumping“

Niedriglohnsektor „Deutsche betreiben Sozialdumping“

20.03.2013 ·  Belgiens Regierung erhebt harte Vorwürfe gegen seinen deutschen Nachbarn: Im Niedriglohnsektor würden Arbeiter ausgebeutet. Belgien kündigt Beschwerde bei der EU-Kommission an.

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Floristen-Abschlussprüfung - In der Galerie im Palmengarten werden als Prüfungsaufgabe der IHK-Frankfurt drei Sträuße erstellt.
ie belgische Regierung will Deutschland vor der Europäischen Kommission wegen Sozialdumpings anklagen. Die deutsche Bundesregierung lasse es zu, dass insbesondere osteuropäische Arbeiter in Niedriglohnsektoren ausgebeutet würden, kritisieren Arbeitsministerin Monica de Coninck und Wirtschaftsminister Johan Vande Lanotte. Weil es keinen allgemeinen Mindestlohn gebe, könnten deutsche Schlachthöfe, Gartenbaubetriebe oder Sägemühlen ihre Dienste so günstig anbieten, dass ihre belgischen Wettbewerber nicht mehr mithalten könnten.Dieser unlautere Wettbewerb führe zur Verlagerung von Betrieben aus Belgien nach Deutschland. „Wir suchen keine Konfrontation“, sagte De Coninck. Aber die unwürdigen Praktiken müssten aufhören. Die Europäische Kommission schloss sich dem Vorwurf des Lohndumpings am Dienstag an. Die Kommission habe schon im vergangenen Jahr in ihren länderspezifischen Empfehlungen für die Mitgliedstaaten kritisiert, dass die deutschen Löhne zu wenig, nämlich geringer als die Produktivität, gestiegen seien, sagte der Sprecher von EU-Sozialkommissar Laszlo Andor in Brüssel.

„Alles ist erlaubt“

Deutschland müsse sicherstellen, dass sich das ändere. Auch schafften zu wenige der 7,5 Millionen Deutschen mit einem Mini-Job wieder den Sprung in reguläre Beschäftigungsverhältnisse. Unabhängig davon dränge die Europäische Kommission die EU-Staaten seit langem dazu, Mindestlöhne einzuführen, sagte der Sprecher weiter. Diese könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Menschen mit Arbeitsplatz nicht dennoch in Armut abrutschten.

Die Kritik der belgischen Regierung dreht sich vor allem um die Beschäftigung von Arbeitern aus den osteuropäischen EU-Staaten in deutschen Schlachthöfen, die für Stundenlöhne von wenigen Euro arbeiten. Inzwischen sei es billiger, belgisches Vieh in Deutschland zerteilen zu lassen und anschließend nach Belgien zurückzutransportieren, als es in Belgien zerteilen zu lassen, sagte Vande Lanotte. Da es in diesen Branchen keinen Mindestlohn gebe, verstoße die niedrige Bezahlung auch gegen kein Gesetz. „Alles ist erlaubt“, sagte der Wirtschaftsminister. Ähnlich argumentieren die europäischen Gewerkschaften seit langem.

Tatsächlich ist die Situation nach Ansicht von Fachleuten komplexer. Viele der Arbeiter aus den osteuropäischen Mitgliedstaaten sind illegal beschäftigt, etwa als Scheinselbständige oder als Angestellte von Briefkastenfirmen. Unabhängig davon erhalten sie auch im Baugewerbe oft weniger, als es der dort existierende Mindestlohn vorsieht.

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Es gehe aus diesem Grund vor allem darum, die bestehenden Regeln besser zu kontrollieren, hieß es aus der Europäischen Kommission. Die EU-Behörde hat im vergangenen Jahr konkrete Vorschläge dazu vorgelegt, die jedoch nach Ansicht von Sozialdemokraten und Grünen im Europäischen Parlament eher zu einer Schwächung der Kontrollen führen würden.

Dass die Kommission am Ende rechtliche Schritte wegen Lohndumpings gegen Deutschland einleitet, gilt als unwahrscheinlich. Die Einführung von Mindestlöhnen ist alleinige Zuständigkeit der Staaten. Es fehle schlicht die juristische Grundlage, sagte der Sprecher von Andor. Eher noch ließen sich länderspezifische Empfehlungen als Basis für Schritte gegen Deutschland nutzen. Deren Bedeutung hat die Staatengemeinschaft im Rahmen der umfassenden Reformen nach dem Ausbruch der Euro-Krise gestärkt.

In diesem Kontext werden Mitgliedstaaten mit Leistungsbilanzüberschüssen dazu aufgerufen, etwa durch höhere Löhne einen Beitrag zur Verringerung der volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte zu leisten. Halten sich die Staaten nicht daran, kann die Kommission aber nur sehr eingeschränkt Sanktionen verhängen.

 

Einschüchterung als Arbeitsmethode

Frühkritik: Leiharbeiter bei Amazon Made in China

14.02.2013 ·  Die ARD hat eine berührende Reportage über die Leiharbeiter beim Internetriesen Amazon gezeigt. Das Geschäftsmodell beruht auf Einschüchterung und Misstrauen.

Von Frank Lübberding

Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
as passiert, wenn in einem System alle Nachteile haben und nur einer profitiert? Sollte man es dabei belassen oder es ändern? Sollte es vor allem derjenige ändern, der die Regeln bestimmt und trotzdem zu den Verlierern gehört? Diese Fragen scheinen einfach zu beantworten. Warum ist es dann aber möglich, dass wir am Beispiel Amazon einen Konzern haben, der als Einziger einen Nutzen aus den geltenden Regeln zieht und trotzdem niemand etwas ändert? Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD auch nicht geklärt werden. Das lag aber nicht an der Weigerung des Unternehmens, Fragen zu beantworten – diese müssten in diesem Fall gar nicht erst gestellt werden. Dafür wurde in der Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ deutlich, wie es hinter den Fassaden dieses Internet-Riesen aussieht. Mit einem Umsatz von 6,5 Milliarden Euro kontrolliert er mindestens 20 Prozent des deutschen Online-Handels und in gleicher Größenordnung den Buchmarkt.Volkswirtschaftlich gesehen ist es völlig gleichgültig, wo jemand seine Bücher oder Schuhe bestellt. Am Ende muss sich immer ein Käufer finden, der diese Produkte bestellt. Aus den Erlösen werden die Löhne, die Sozialversicherungsabgaben und die Steuern bezahlt. Der Rest ist der Gewinn des Unternehmens. In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.

Einschüchterung als Geschäftsmodell

Die beiden Filmautoren, Diana Löbl und Peter Onneken, schilderten akribisch, wie Einschüchterung bei Amazon als Geschäftsmodell funktioniert. Das Unternehmen betreibt in Deutschland sieben Distributionszentren, in denen vor allem Leiharbeitnehmer beschäftigt werden. Die Einschüchterungskette beginnt schon bei deren Anwerbung im europäischen Ausland. Statt eines versprochenen Beschäftigungsverhältnisse bei Amazon kommt kurz vor Vertragsbeginn eine Leiharbeitsfirma namens „Trenkwalder Personaldienste GmbH“ ins Spiel. „Bei Trenkwalder steht der Mensch im Mittelpunkt – das ist der Kern einer vertrauensvollen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Kunden“, so formuliert es das Unternehmen auf seiner Firmenhomepage. Was das heißt? Sie bieten der spanischen Kunstlehrerin Silvina einen Arbeitsvertrag an – mit reduzierten Konditionen. Untergebracht werden die Mitarbeiter etwa für das Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld in einem insolventen Freizeitpark. Dafür verantwortlich ist die CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG. Immerhin kann sich einer darüber freuen: Laut einem Bericht der Hersfelder Zeitung vom 15.12.2012 freute sich der Insolvenzverwalter des Freizeitparks über die „tolle Geschichte“ und die „dringend benötigte Liquidität“.

Was die „tolle Geschichte“ für die Leiharbeiter bedeutet, erzählen die Autoren in atmosphärisch dichten Bildern. Sie hatten das, was guter Journalismus braucht: Zeit. Sie mieteten sich ebenfalls in dem Freizeitpark ein und es gelang ihnen, die Wirklichkeit europäischer „Wanderarbeiter“ zu skizzieren. Ein Begriff, der ansonsten für chinesische Verhältnisse benutzt wird. In der Struktur unterscheiden diese sich aber nicht vom Amazon-Geschäftsmodell. Was in China die armen Landprovinzen sind, ist in der EU Süd- und Osteuropa. Von der Unterbringung über den Bustransfer bis zur Überwachung durch die Sicherheitsfirma werden tausende Mitarbeiter zu bloßen Objekten degradiert. Sie werden nur für ein Ziel gebraucht: Den Geschäftserfolg von Amazon sicherzustellen.

„Eine Kleinigkeit in dieser Maschine“

Diese Wanderarbeiter sind keine klassischen Arbeitnehmer, wie es in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft formuliert wird, mit Rechten und Pflichten. Sie werden zu einer „Kleinigkeit in dieser Maschine“, so drückte es die Kunstlehrerin aus Spanien aus. H.E.S.S sei allgegenwärtig – und die Einschüchterung funktioniert in der Weise, wie es einer ihrer Mitarbeiter formulierte: „Das ist unser Haus. Das sind unsere Regeln. Ihr müsst das machen, was wir sagen.“ Das geht, gut dokumentiert, bis zur Verletzung der Privatsphäre. Wer sich wehrt, muss mit Entlassung rechnen. Ein Verdi-Funktionär schilderte die Folgen dieser Einschüchterungskultur und des institutionalisierten Misstrauens: „Sie“, die Wanderarbeiter, „sagen gar nichts, fressen den Frust in sich hinein.“ Sie brauchen das Geld und hoffen auf eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Diese Hoffnung ist trügerisch und endete bei Silvina mit der Entlassung kurz vor Weihnachten.

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„Ich bin nicht für diese Sklavenarbeit“, so formulierte es einer der Fahrer, die jeden Tag den Bustransfer erledigen. Nur ist er selber eine bloße Kleinigkeit in dieser Amazon-Maschine. Der Konzern ist der größte Profiteur, seine Handlanger heißen Trenkwalder,  CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG und H.E.S.S. Amazon ist bekannt für seine kreative Buchhaltung und weist für sein Deutschland-Geschäft Verluste aus. Das schadet nicht nur dem deutschen Staat, sondern allen Wettbewerbern, die sich gegenüber ihren Mitarbeitern fair verhalten.

Diese Maschine hat die Politik gebaut

Volkswirtschaftlich bringt das keinen Nutzen: Man kann seine Bücher beim örtlichen Buchhändler kaufen. Nur hat nicht Amazon diese Maschine gebaut, sondern die deutsche Politik. Sie erst hat den chinesischen Wanderarbeiter in Deutschland möglich gemacht. Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD nicht geklärt werden. Die Frage ist aber auch überflüssig geworden. Die Politik kann es nämlich wieder ändern – und schon heute damit anfangen.

„Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ lief am Mittwoch um 22:45 Uhr und ist in der Mediathek der ARD zu sehen.