Kunstfund in München Eine Sammlung mit Abgründen

Franz Marc

 

Der Fund von 1.500 Kunstwerken wirft viele Fragen auf. Wem gehören die Bilder? Welche Ansprüche haben Erben enteigneter Sammler? Und warum erfährt man erst jetzt davon? von Stefan Koldehoff

http://www.zeit.de/kultur/kunst/2013-11/muenchner-kunstfund-raubkunst-resititution-faq

Entartete Kunst

Max Beckmanns Triptychon “Versuchung” wird 1938 für eine Ausstellung in London über die Münchener Schau “Entartete Kunst” von 1937 aufgehängt.  |  © Topical Press Agency/Getty Images

1. Wie bedeutsam ist der Fund in München einzuschätzen?

Kunsthistorisch handelt es sich um einen bedeutenden Fund. Die bislang bekannten Künstler aus dieser Sammlung – Franz Marc, Paul Klee, Eduard Munch und Max Beckmann – gehören zur Crème de la Crème der Klassischen Moderne. Möglicherweise handelt es sich zum Teil um museale Arbeiten, die 1937 im Rahmen der Aktion “Entartete Kunst” aus Museen entfernt wurden und anschließend über den Vater des heutigen Besitzers verkauft werden sollten. Bedeutend ist der Fund aber sicher auch für jene Erben von häufig jüdischen Sammlern, die seit Langem nach ihren enteigneten Werken suchen – und nun vielleicht endlich fündig werden.

2. Wie gut erhalten können die Werke sein angesichts der Tatsache, dass sie in einer vollgemüllten Wohnung lagerten?

Hildebrand Gurlitt, der Vater des heutigen Besitzers, hat vom NS-Propagandaministerium viele Papierarbeiten gekauft. Die lassen sich in Grafikmappen und -schränken durchaus auch sicher in chaotischen Wohnungen lagern, wenn nicht gerade die Kaffeemaschine oder das Aquarium darauf stehen. Die Gemälde waren offenbar in Regalen gelagert. Auch das ist nicht optimal, aber bei einigermaßen vernünftigen klimatischen Bedingungen auch nicht von sich aus besorgniserregend.

3. Was ist das Besondere an den Gemälden der Klassischen Moderne. Welche Rolle spielten sie in der Ausstellung “Entartete Kunst” und was geschah danach mit ihnen?

Die Künstler der Klassischen Moderne haben versucht, mit ihren Werken die Kunstgeschichte voranzubringen, indem sie neue Ausdrucksformen ausprobiert haben und nicht mehr den Vorgaben der Akademien gefolgt sind. Sie befreiten die Kunst aus den Zwängen, die Wirklichkeit abzubilden. Das hat den Nazis nicht gepasst. Deswegen wurde die Kunst beispielsweise des Expressionismus ab 1937 als “entartet” verfemt und aus den deutschen Museen entfernt, weil sie nicht die Werte des NS-Welt- und Menschenbildes propagierte. Anders als vielfach noch zu lesen, wurden diese Bilder dann aber nicht zerstört, sondern über speziell beauftragte Kunsthändler gegen Devisen für die Kriegskasse ins Ausland verkauft. Einer dieser Händler war Hildebrand Gurlitt, der Vater des jetzigen Besitzers.

4. Warum erfährt man erst jetzt, zweieinhalb Jahre nach der Razzia in der Wohnung, von der Existenz der Bilder?

Offenbar wollten die Behörden erst die Herkunft jedes einzelnen Bildes klären. Das aber dauert bei 1.500 Arbeiten unter Umständen Jahre. Vor dem Hintergrund, dass seit Jahren die Erben enteigneter Sammler mit hohem finanziellen Aufwand nach solchen Bildern forschen, ist das nicht verständlich.

5. Wem gehören die Bilder jetzt? Kann Hildebrand Gurlitts Sohn sie einfach weiter in seinem Apartment behalten oder sogar Auktionshäusern legal zum Kauf anbieten?

Absurderweise ist das Beschlagnahmegesetz von 1938, mit dem die Nazis nachträglich die Aktion “Entartete Kunst” legalisiert haben, bislang juristisch nie infrage gestellt worden. Und auch die Verträge zwischen Vater Gurlitt und dem Deutschen Reich waren rechtsgültig. Es ist also gut möglich, dass sein Sohn zumindest die Werke aus jener Aktion weitgehend behalten kann. Bei Arbeiten aus Privatbesitz sind alle Rückgabefristen längst abgelaufen. Da wird es drauf ankommen, ob – etwa im Falle jüdischer Sammler – die Bereitschaft vorhanden ist, aus moralischen Gründen zu restituieren. Das allerdings verweigern auch deutsche Museen immer wieder.

6. Welche Rechte haben die Erben der damals enteigneten Sammler, sollte sich herausstellen, dass eines ihrer gesuchten Werke im Besitz von Gurlitt ist?

Keine. Sie können nur auf Einsicht und moralisches Handeln hoffen.

7. Eine Berliner Kunstexpertin schätzt derzeit die Herkunft der Bilder ein. Was passiert dann?

Man wird Bild für Bild entscheiden müssen, wer der rechtmäßige Eigentümer ist. All das ist Folge des Umstands, dass nach 1945 niemanden groß interessierte, was mit den Kunstwerken geschah, die Hitlers Händler noch besaßen. Man hatte andere, wichtigere Probleme als die Kunst und fürchtete, im Fall von Rückforderungen aus dem Ausland wohl auch diplomatische Verwicklungen. Also konnten die Bilder, Plastiken und Grafiken bleiben, wo sie waren – und den ehemaligen NS-Kunsthändlern eine angenehme Nachkriegsexistenz bescheren. Von mehr als 5.000 der etwa 20.000 nach 1937 beschlagnahmten Kunstwerke fehlt bis heute jede Spur.

Stefan Koldehoff

geboren 1967, hat Kunstgeschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Von 1998 bis 2001 war er Redakteur und zuletzt stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins Art. Heute arbeitet er als Kulturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln.

Münchner KunstfundGeheimniskrämerei um geraubte Kunst

Seit mehr als zwei Jahren wussten die Behörden von dem riesigen Kunstfund in München. Opferverbände und Forscher sind erbost über die Geheimhaltung durch den Staat. von 

http://www.zeit.de/kultur/kunst/2013-11/Opfer-Raubkunst-Muenchen

Die Verwunderung bei der Claims Conference war groß. Seit dem Frühjahr 2011 weiß die Staatsanwaltschaft Augsburg von zahlreichen Bildern, die während des Nationalsozialismus unter unklaren Verhältnissen in die Hände des Sammlers Hildebrand Gurlitt gefallen waren – und niemand dachte daran, die deutsche Stelle der weltweit arbeitenden Dachorganisation von jüdischen Opferverbänden zu informieren. Nicht einmal nach mehr als zweieinhalb Jahren. Und auch nicht, nachdem der Focus über den Fund in München-Schwabing berichtet hatte. weiter online ….

Der Kunstsammler Hildebrandt Gurlitt http://de.wikipedia.org/wiki/Hildebrand_Gurlitt

Kommentare in der F.A.Z. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/muenchener-kunstfund-meisterwerke-in-tadellosem-zustand-12649282.html

Gab es weitere Depots außer der Schwabinger Wohnung? Max Beckmanns „Löwenbändiger“ jedenfalls wurde erst nach der Räumung bei Lempertz in Köln im September 2011 eingeliefert und später für 864.000 Euro zugeschlagen

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Lovis Corinth & Martin Walser u.a.m.

 

Martin Walser Herbstdrama am Walchensee

Wie wir in Lovis Corinths Aquarell aus dem Jahre 1921 unsterblich werden. FAZ Nov. 2012

LOVIS CORINTH (1858–1925) „Herbst“ (Walchensee). 1921 Aquarell auf leichtem Karton. 35,6 x 50,8 cm
Schätzpreis: € 80.000 – 120.000 (Galeria Grisebach)

Das ist eben das leicht begreifbare Geheimnis der Kunst: Auch der größte Maler kann den Herbst nur malen, wenn er ihn in sich hat. Aber auch der Größte kann den Herbst, den er in sich hat, nicht malen, wenn er nicht den Herbst um sich herum hat. So, wie der über 60-jährige Lovis Corinth seinen Herbst am Walchensee hat. Er lässt uns sogar ahnen, dass er sich wehrt gegen den Herbst innen und außen. Und er wehrt sich heftig. Es sieht so aus, als habe er sich nicht mehr viel Zeit zugetraut. Und vier Jahre später war es dann auch so weit. Hölderlin hat noch gebeten: „Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir.“ Der Corinth gegönnte Herbst ist unruhiger, zerrissener, eben dramatischer. So wird aus einem beschaulichen Aquarell ein Farbdrama, dessen Ausgang allerdings feststeht: Der Herbst wird das Bild zu Ende malen. Der Walchensee bleibt ein Farbdenkmal der Kontinuität. Und was gerade noch grün ist, wird gleich im Herbstrot verbrennen.

Wir, die erfahrenen Zuschauer, halten drei Sekunden lang den Atem an, als könne sich auf dem Bild noch etwas wenden. In diesen drei Sekunden sind wir in diesem Kunstwerk daheim, also unsterblich. Dann atmen wir weiter. Jedem Winter entgegen.

Martin Walser (wikipedia)

Official Website: http://www.martinwalser.de/

Publicaciones en SUHRKAMP: http://www.suhrkamp.de/autoren/martin_walser_5174.html

 

 

Stefan Pucks über die Sammlung von Max Liebermann „Manets kann man wohl zuviel, aber nie genug haben“

Max Liebermann war nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Maler des frühen 20. Jahrhunderts in Berlin, sondern auch einer der wichtigsten Sammler: Jetzt wurden erstmals Werke aus seinem Besitz, die seine von den Nationalsozialisten verfolgte Witwe verkaufen mußte, den Erben zurückerstattet. Im November werden diese sechs Arbeiten in der Villa Grisebach versteigert.

Aus unserer Auktion am 29. November 2012: </br>
MAX LIEBERMANN (1847–1935)</br> 
„Blick aus dem Nutzgarten nach Osten auf den Eingang zum Landhaus“. 1919</br>
Öl auf Leinwand. 50,5 x 75,5 cm</br> 
Schätzpreis: € 300.000 – 400.000

MAX LIEBERMANN (1847–1935) „Blick aus dem Nutzgarten nach Osten auf den Eingang zum Landhaus“. 1919
Öl auf Leinwand. 50,5 x 75,5 cm – Schätzpreis: € 300.000 – 400.000

Articulo completo, que revisa la vida de Max Liebermann  en : http://www.faz.net/asv/grisebach/stefan-pucks-ueber-die-sammlung-von-max-liebermann-manets-kann-man-wohl-zuviel-aber-nie-genug-haben-11943659.html

Max Liebermann (Berliner Sezession): http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Liebermann

Die Phantasie in der Malerei by Max Liebermann (text online – Gutenberg Project) :

http://www.gutenberg.org/ebooks/38158

Datei:Liebermann Papageienallee 1902.jpeg

Liebermann Die Papageienallée, 1902