Eine schlimme Bescherung

Amazon erwirbt Goodreads Eine schlimme Bescherung

30.03.2013 ·  Amazon hat mit dem Kauf der Leserplattform Goodreads nun alle wichtigen Buchrezensionsforen im Internet unter Kontrolle. Und solche Informationen bedeuten heute alles.

Von Andreas Platthaus

as für ein Osterei, das Amazon sich da beschert hat. Der Buchhandelsriese aus Seattle übernimmt die in San Francisco angesiedelte Leserplattform goodreads.com, auf der derzeit sechzehn Millionen Buchliebhaber Listen ihrer Bibliotheken einstellen, vor allem aber Einschätzungen der von ihnen gelesenen Bücher abgeben. Die im Januar 2007 von dem Softwareentwickler Otis Chandler und seiner Frau Elizabeth gegründete Website gestattet den Mitgliedern freien Zugang zu allen eingestellten Listen und Kommentaren; zu diesen Mitgliedern zählen allein 30.000 private amerikanische Leseclubs.Dadurch stellt Goodreads eine immense Marktmacht dar, ohne selbst Bücher zu verkaufen. Aber es wäre ein leichtes gewesen, eine solche Funktion einzurichten oder Kaufinteressenten zu einem Konkurrenten von Amazon weiterzuleiten. Die auf Goodreads abgegebenen Empfehlungen pro Buch sind im Durchschnitt weitaus zahlreicher als bei Amazon, und sie gelten als unabhängiger, weil sie aus Leidenschaft für Bücher entstehen. „See what your friends are reading“, lautet der Wahlspruch der Plattform.

Auf dem Weg zum Monopol auf Leserbewertungen

Nun aber hat Amazon für eine noch unbekannte Summe Goodreads gekauft, was dessen Gründer Chandler in einer Mitteilung an die Mitglieder als blendende Nachricht verkauft: „Wir treten der Amazon-Familie bei.“ (Unter den bereits mehr als 1700 Kommentaren der neuen Familienmitglieder finden sich nach anfänglicher Begeisterung jedoch immer mehr skeptische Stimmen, die sich vor allem um die Unabhängigkeit der Goodreads-Bewertungen Sorgen machen.
Amazon hat zugesichert, die neue Tochter in San Francisco und auch unter der Regie des Ehepaars Chandler zu belassen.

Weitere Artikel

Tatsächlich nutzt die Neuerwerbung dem Konzern nur dann etwas, wenn der Nimbus von Goodreads erst einmal erhalten bleibt. Es ist aber auch klar, was das Ziel dieser Erwerbung ist: ein Monopol auf Leserbewertungen im Internet zu erzielen. Denn solche Buchrezensionen kosten den Konzern nichts, und sie werden immer wichtiger für den Absatz.

Von Goodreads kann künftig zum Kauf direkt auf Amazon verlinkt werden. Vorrangig aber verspricht sich der Konzern zusätzliche Kunden für seinen Kindle, der in hartem Wettbewerb mit anderen E-Book-Lesegeräten wie etwa dem iPad von Apple steht.
Zur „Amazon-Familie“ gehörte bereits die Plattform „Shelfari“, die als Austauschforum über private Bücherbestände genau wie Goodreads positioniert ist, und eine Minderheitenbeteiligung an der ähnlich aufgebauten Seite LibraryThing, die aber nur 1,5 Millionen registrierte Nutzer hat. Nun besitzt der Konzern alle wichtigen Netzplattformen dieser Art. Die Riesen im Netz werden immer größer.

 

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Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Spieltheorie Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Zur Einführung: „Die Rolle der Spieltheorie in der Euro-Krise“ von Frank Schirrmacher

27.03.2013 ·  Automatisierte Finanzmärkte, Investmentbanken oder Hedgefonds benutzen spieltheoretische Modelle, um Entscheidungen bei der Euro-Krise zu treffen und Prognosen über Konflikte zwischen Euro-Staaten vorherzusagen. Politiker halten das für eine Reaktion des „Marktes“ und spielen das Spiel mit. Aber die Regeln sind dafür nie gedacht gewesen. Eine Warnung.

Von Ariel Rubinstein

Ariel Rubinstein Ariel Rubinstein

Ich habe mich nahezu mein ganzes Leben lang mit theoretischer Ökonomie und Spieltheorie beschäftigt. Ich möchte etwas Gutes tun für die Menschheit und insbesondere für die Menschen in Israel, dem Land, in dem ich geboren wurde und das meine Heimat ist. Ich möchte Einfluss nehmen und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Was liegt also näher, als mein berufliches Wissen zu nutzen, um der Welt Erleichterung zu verschaffen? Aber leider habe ich den Eindruck, dass das nicht geht.

Wahrscheinlich sollte ich wieder einmal mit der Frage beginnen: Was ist Spieltheorie? Der Name der Theorie ist sexy, aber in Wirklichkeit ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Begriffen und Modellen über rationales menschliches Verhalten in strategischen Situationen – das heißt in Situationen, in denen die Überlegungen eines rationalen Spielers von seinen Annahmen hinsichtlich des Verhaltens anderer Spieler abhängen. Der rationale Spieler muss sich in andere Spieler hineinversetzen, die ihrerseits vor derselben Aufgabe stehen. Genau diese Zirkularität macht die Spieltheorie kompliziert – und interessant. Die Spieltheorie versucht, den Begriff der Rationalität in einem Kontext mit Inhalt zu füllen, in dem unklar ist, was Rationalität bedeutet.

Hier eine typische Situation aus der Spieltheorie, man nennt sie das Versteckspiel: Ein grausamer Herrscher kann sich in einem von vier Schlössern verstecken, die an einem von West nach Ost fließenden Fluss liegen. Schloss 2 ist vergoldet, die übrigen drei sind weiß gestrichen. Der Suchende kann nur eines der Schlösser angreifen. Der rational handelnde Spieler, der sich verstecken muss, wird sich in dem Schloss verstecken, für das in seinen Augen die geringste Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Suchende es angreift. Der rational handelnde Sucher wird das Schloss angreifen, das der Gegenspieler in seinen Augen am ehesten als Versteck auswählt. Die Spieltheorie fragt nun: Wie gehen die beiden Spieler vor, wenn ihre Überlegungen mit der Annahme übereinstimmen sollen, ihr Gegenspieler handle rational? Die „Voraussage“ der Spieltheorie betreffs des Ergebnisses lautet, dass die Chance des Suchenden, den Versteckten zu finden, 1: 4 (25 Prozent) beträgt.

Eine nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten

Im Kern ist die Spieltheorie keine empirische Wissenschaft. Sie erforscht nicht, wie Menschen sich tatsächlich in strategischen Situationen verhalten. Es ist zweifelhaft, ob man überhaupt allgemeine Aussagen darüber treffen kann, wie Menschen sich in Situationen nach Art des Versteckspiels verhalten werden. Schließlich sind die Menschen sehr verschieden. Es gibt Versuchsergebnisse, wonach von Studenten, die das virtuelle Versteckspiel spielen, vierzig Prozent beider Spieler das weiße Schloss Nr. 3 in der Mitte auswählen, etwa 25 Prozent entscheiden sich für das goldene Schloss Nr. 2; und der Rest (35 Prozent) verteilt sich auf die an den beiden Enden gelegenen Schlösser 1 und 4. Bei diesen Versuchen hat der Suchende eine Chance von dreißig Prozent, den Versteckten zu finden – also eine signifikant höhere Chance als die von der Spieltheorie „vorausgesagte“ (25 Prozent). Man darf annehmen, dass ein Versuch mit Lesern dieser Zeitung zu ähnlichen Ergebnissen führte, aber die Zahlen würden sich ändern, sobald diese Ergebnisse den Lesern bekannt wären. Darin spiegelt sich natürlich ein zentrales Problem aller Sozialwissenschaften, wenn es um Voraussagen geht: Anders als Steine, Blume und Schmetterlinge hören und verstehen Menschen solche Voraussagen.

Die Spieltheorie ist in einer mathematischen Sprache geschrieben. Das hat gewisse Vorteile: Diese formalisierte Sprache verlangt Präzision, sie erlaubt die Ausschaltung irreführender Assoziationen und unterzieht Aussagen einer strengen Prüfung. Mich persönlich fasziniert die nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten in der Spieltheorie. Aber sie hat auch Nachteile: Die formalisierte Sprache begrenzt erheblich das Publikum, das sie wirklich versteht; die Ab-straktheit verwischt Faktoren, die im natürlichen Denken berücksichtigt würden; und der formale Charakter erzeugt die Illusion, dass die Theorie wissenschaftlich sei.

Als sei es wissenschaftliche Wahrheit

Die Spieltheorie fasziniert mich. Sie befasst sich mit den Wurzeln menschlichen Denkens in strategischen Situationen. Aber die Verwendung von Ausdrücken aus der natürlichen Sprache und der Einsatz scheinbar „wissenschaftlicher“ Instrumente verleiten auch dazu, sich an die Spieltheorie zu wenden, wenn es um die Beantwortung von Fragen folgender Art geht: Wie sollte ein Rechtssystem gestaltet werden? Sollte ein Staat über ein System atomarer Abschreckung verfügen? Welche Koalitionen sollten in einem parlamentarischen System eingegangen werden? Fast jedes Buch über die Spieltheorie beginnt mit dem Satz: „Die Spieltheorie ist bedeutsam für …“ – und es folgt eine endlose Liste von Gebieten wie der Nuklearstrategie, den Finanzmärkten, der Welt der Schmetterlinge und Blumen oder der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau. In der Tagespresse erscheinen häufig Artikel, die auf die Spieltheorie verweisen, wenn es um die Lösung aller möglichen Probleme der Welt geht. Aber obwohl ich nun seit fast vierzig Jahren auf diesem Gebiet arbeite, suche ich immer noch vergebens nach einer einzigen Anwendung der Spieltheorie in meinem alltäglichen Leben.

Manche Argumente für die Verwendung der Spieltheorie begnügen sich damit, Situationen aus dem realen Leben mit Etiketten zu versehen. So behaupten einige, die Krise der Eurozone gleiche dem sogenannten Gefangenendilemma, dem Feiglingsspiel oder dem Diner’s-Dilemma. Tatsächlich enthält die Krise Elemente, die an die dort beschriebenen Situationen erinnern. Aber solche Aussagen sind nicht tiefgründiger als die Behauptung, die Euro-Krise gleiche einer griechischen Tragödie. Während der Vergleich mit der griechischen Tragödie als emotionaler Ausdruck ansonsten nüchterner Intellektueller angesehen wird, gilt die Zuweisung eines Etiketts aus dem Vokabular der Spieltheorie aus irgendeinem Grund als wissenschaftliche Wahrheit.

Spieltheoretiker als strategische Berater?

In meinen Augen ist die Spieltheorie eine Ansammlung von Fabeln und Sprichwörtern. Die Implementierung eines Modells aus der Spieltheorie ist ebenso wahrscheinlich wie die Umsetzung einer Fabel. Eine gute Fabel versetzt uns in die Lage, eine Lebenssituation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und könnte dadurch irgendwann einmal vielleicht unser Handeln und Denken beeinflussen. Aber es wäre absurd, wenn man behaupten wollte, „Des Kaisers neue Kleider“ sagten Berlusconis Verhalten voraus.

Hinsichtlich der praktischen Bedeutung besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Spieltheorie und Logik. Es ist zweifelhaft, ob ein Logiker einem Richter helfen könnte, der versucht, die Wahrheit herauszufinden. Ich möchte jedenfalls nicht empfehlen, Richter durch Philosophen oder Mathematiker zu ersetzen. Und ebenso wenig würde ich einen Spieltheoretiker als Berater für strategische Fragen einstellen.

Ein weitaus größerer Nutzen

Die Suche nach der praktischen Bedeutung der Spieltheorie ergibt sich aus der Vorstellung, akademische Forschung und Lehre brächten der Gesellschaft einen direkten Nutzen ein. Diese Ansicht teile ich nicht. Forschungseinrichtungen, vor allem auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften, sind Teil eines kulturellen Gefüges. Kultur bemisst sich nicht nach ihrem Nutzen, sondern danach, wie interessant sie ist und welche Herausforderung sie darstellt. Ich glaube, die Spieltheorie ist Teil der Kultur, die zu klären versucht, wie wir denken. Dieses Ideal lässt sich in vielfältiger Weise verwirklichen – durch Literatur, durch Kunst, durch Hirnforschung und, ja, auch durch die Spieltheorie. Falls jemand darüber hinaus auch eine praktische Anwendung für die Spieltheorie fände, wäre das wunderbar. Ich meine, die Universität sollte „Gottes kleiner Acker“ sein, auf dem die Gesellschaft fördert, was interessant, reizvoll, ästhetisch und intellektuell anspruchsvoll ist, aber nicht notwendig einen direkten Nutzen einbringt.

Seit einem Jahrzehnt tragen Buch und Film „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ viel zur Popularität der Spieltheorie bei, obwohl sie nicht den Versuch machen, sie zu erklären. (Der Film erzählt die Geschichte von John Nash, nach dem der zentrale Begriff der Spieltheorie – Nash-Gleichgewicht – benannt ist.) Aber auf einem anderen Gebiet waren die Autorin Sylvia Nasar und der Regisseur Ron Howard durchaus erfolgreich: Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die schwierige Lage der psychisch Kranken und gaben all jenen Hoffnung, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben. Auf diese Weise verschafften sie der Spieltheorie einen weitaus größeren „Nutzen“, als irgendeines ihrer Modelle ihn vorzuweisen vermag.

Weitere Artikel

Erinnern Sie sich noch an den Titel dieses Artikels? Ich habe Sie ausgetrickst. Ich war mir nicht sicher, ob der Titel: „Die Spieltheorie kann die Probleme der Eurozone nicht lösen und das iranische Atomprogramm nicht aufhalten“, Sie veranlassen könnte, den Artikel zu lesen. Deshalb handelte ich strategisch und gab ihm einen irreführenden Titel. Die Idee dazu hatte ich aber nicht aus der Spieltheorie.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Ariel Rubinstein

Der 1951 in Jerusalem geborene Mathematiker und Ökonom ist einer der wichtigsten Spieltheoretiker. Er unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Tel Aviv und an der New York University. Bekannt wurde er in der Fachöffentlichkeit mit einem Modell über das Feilschen, das „Rubinstein bargaining model“.

Sein 1994 zusammen mit Martin Osborne verfasstes Buch „A Course in Game Theory“ ist ein Standardwerk. Er ist Mitglied der wichtigsten wissenschaftlichen Vereinigungen und Akademien seines Fachbereichs und erhielt zahlreiche bedeutende Preise, darunter den Israel-Preis im Jahre 2002. Er ist außerdem ein engagierter Intellektueller, der sich immer wieder in Zeitungsartikeln zu Fragen der israelischen Politik äußert.

Neue Technologien – Die Höflichkeit der Roboter

Eine neue Generation von Robotern soll den Alltag verändern. Eindrücke von der Mensch-Roboter-Konferenz in Tokio

Unternehmen wie Kokoro bauen menschenähnliche Roboter wie dieses Modell "Actroid".

Ein Plastikmännchen tanzt gerade den Moonwalk von Michael Jackson, da kommt ein Papierkorb angefahren. Die Vertreter aus Forschung, Gesundheitswesen und Industrie sehen ihn überrascht an. »Wozu soll das denn gut sein – ein Mülleimer, der sich fortbewegt?«, fragt einer. »Ganz einfach«, antwortet der Ingenieur Okada Michio. »Er visiert mit eingebauten Kameras Menschen an, um zu ihnen zu fahren. Steht er erst vor ihnen, ist es wahrscheinlicher, dass sie ihren Abfall in den Korb werfen.«

So landet der Müll nicht auf der Straße – und die Menschen verlieren keine Zeit bei der Suche nach einem Eimer. Sociable Trash Box heißt die Idee an der Technischen Universität Toyohashi, der freundliche Mülleimer. In gut zwei Jahren könnten selbstständige Papierkörbe auf öffentlichen Plätzen, in Kindergärten oder Altersheimen herumfahren. Dafür müssten sie allerdings noch ein wenig billiger werden. Bislang kostet allein die Herstellung etwa 400 Euro, und das ist viel zu teuer für den Massenmarkt.

Dabei ist der generelle Trend klar: Roboter werden nicht nur tendenziell nützlicher, sondern auch immer billiger. Auf der jährlichen Human Robot Interaction-Konferenz in Tokio präsentierten Erfinder kürzlich alles, was es derzeit so gibt: Neben fahrenden Mülleimern und tanzenden Robotern wurden beispielsweise auch feuerlöschende Humanoide vorgeführt oder ein sich selbst steuernder Rollstuhl. »Wir wollen möglichst gute Assistenten für die Menschen schaffen«, sagt der Veranstalter Takayuki Kanda von der Universität Kyoto.

Das kann manchmal bedeuten, die Roboter mit möglichst vielen menschlichen Eigenschaften auszustatten. »So verstehen wir uns einfach besser«, glaubt Kanda. Einer der Ingenieure auf der Konferenz ist besonders überzeugt davon: Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka. Sein Ziel ist es, einen dem Menschen zum Verwechseln ähnlichen Roboter zu schaffen. »Jede Komponente soll bis ins Detail menschlich sein«, sagt er: Haut, Haare und Verhaltensweisen. Sonst blieben Roboter den Menschen nämlich unheimlich, meint er.

Die Maschine beherrscht Mimik und Gestik ihres Schöpfers

Ishiguro ist eine Art Superstar der Szene, seit er vor sechs Jahren eine Kopie von sich selbst entwickelt hat. »Geminoid HI-1« heißt das Modell, es kann sprechen und beherrscht sogar Mimik und Gestik seines Schöpfers. Vor Kurzem hielt die Maschine sogar einen Vortrag in Zürich, für den eigentlich Ishiguro eingeladen worden war. »Ich hab denen gesagt, sie müssen sich entscheiden, wen sie lieber wollen: Mich oder meine Kopie. Sie haben die Kopie genommen«, sagt er und lacht. Den Vortragstext hat Ishiguro seinem Geminoid einprogrammiert und ihn mit seinem Assistenten in die Schweiz geschickt. »So können Sie sich sprichwörtlich teilen, verstehen Sie?«

Beinahe jedenfalls: Der Geminoid bewegt sich langsamer und steifer als ein Mensch, kann bisher nicht laufen und hat vor allem dann Schwierigkeiten, wenn Menschen komplizierte Fragen stellen oder mehr als ein Gesprächspartner vorhanden ist – was bei Vorträgen schon mal passieren kann. Es sei nur eine Frage der Zeit und der gründlichen Arbeit, bis auch diese Probleme gelöst seien, meint der Erfinder: »Alles, was wir wirklich verstehen, können wir auch nachbilden.«

Nicht jeder Erfinder will Menschen kopieren; aber die Frage, wie Roboter menschliches Verhalten verstehen können, treibt die Disziplin um. Doppeldeutigkeiten, je nach Stimmung variierende Augenbewegungen und gute Manieren etwa. »Es ist nicht nett, auf etwas mit dem Finger zu zeigen« heißt der Titel einer Präsentation von Mitarbeitern der Universität Osaka. Die Analysen darin haben ergeben, dass Menschen unterschiedliche Zeigetechniken haben, je nachdem, auf worauf sie deuten. Geht es um Gegenstände, wird der Arm meistens ganz ausgestreckt. Bezieht man sich aber auf einen Menschen, »wäre das viel zu aggressiv«, sagt Phoebe Liu. »Warum das wichtig ist? Weil wir dadurch wissen, wie wir einen höflichen Roboter programmieren können, damit sich auch Kunden in Kaufhäusern von ihm helfen lassen.«

Denn die Arbeit an Robotern dient keineswegs nur der Automatisierung von Produktionsprozessen oder der Unterhaltungsindustrie. Gerade Japans rasant alternde Bevölkerung von derzeit 127 Millionen Menschen könnte bald immer mehr auf Maschinen angewiesen sein. Schon heute ist jeder vierte Japaner älter als 65 Jahre. Wegen der niedrigen Geburtenrate und steigenden Lebenserwartung wird dieser Anteil bis 2050 auf 40 Prozent steigen. In Deutschland und anderen Ländern ist der Trend ein ähnlicher. Deswegen arbeiten Universitäten, Unternehmen und Forschungsinstitute mit Hochdruck an Pflege-Robotern.

Patienten akzeptieren Roboter wie echte Menschen

Japans Wirtschaftsministerium schätzt, dass das Marktvolumen von Hilfsrobotern im Gesundheitsbereich in 20 Jahren einen Wert von 3,26 Milliarden Euro im Jahr erreichen werde. Das entspräche beinahe dem heutigen Wert aller in Japan jährlich hergestellten Industrieroboter.

Auch dort gibt es natürlich ständig Fortschritte: Der Autohersteller Honda präsentierte jüngst elektronische Gürtel, die sich je nach Beinstellung und Muskelstärke an den Körper anpassen und das Laufen einfacher machen. Andere Roboter sind in der Lage, ältere oder körperlich behinderte Menschen ins Bett zu heben, ihnen Getränke oder Medikamente zu reichen. In japanischen Krankenhäusern wurden menschenähnliche Roboter bereits eingesetzt. »Obwohl wir die Patienten informieren, dass es sich um einen Roboter handelt, akzeptieren sie ihn oft wie einen echten Menschen«, sagt Ishiguro.

Nicht immer ist Menschenähnlichkeit das Ziel

Als Ort für eine Roboterkonferenz kann es übrigens kaum einen passenderen Ort geben als den von der Erfindern auserwählten: Das Tokioter Museum für aufstrebende Wissenschaften stellt selbst menschenähnliche Maschinen aus; außerdem ist von hier aus die bekannte Roboterstatue Gundam zu sehen, die beinahe so hoch ist wie das siebenstöckige Einkaufszentrum hinter ihr. Im Tokioter Stadtteil Shinjuku wurde zudem kürzlich ein Restaurant eröffnet, in dem Roboter als Animateure arbeiten, den Japanern gefällt es.

Auf eine so aufgeschlossene Bevölkerung kann nicht jedes Land vertrauen. »In Deutschland erledigen wir schon viele Produktions- und Alltagsprozesse mit Robotern, aber sobald hierzulande etwas zu menschenähnlich aussieht, nimmt die Akzeptanz ab«, sagt Gerhard Sagerer, Informatiker und Rektor der Universität Bielefeld. Schnell käme da die Angst auf, dass Roboter den Menschen Jobs wegnähmen – was aber nicht unbedingt so sein muss; technologischer Fortschritt kann auch neue Arbeitsplätze entstehen lassen. »Im Gesundheitsbereich werden Roboter keine Pfleger ersetzen, sondern ihnen nur einige Aufgaben abnehmen«, erwartet Sagerer.

Und so konnte man noch etwas auf der Roboterkonferenz besichtigen: Nicht bei allen ist die Menschenähnlichkeit der Maschinen das Ziel. Erst wenn ein Roboter das menschliche Verhalten zwar verstehe, sich dabei aber nicht selbst wie einer benehme oder aussehe, werde die Akzeptanz in vielen sozialen Bereichen steigen, sagt Okada Michio: »Was unseren Mülleimer erfolgreich macht, ist nicht seine Ähnlichkeit zum Menschen. Sondern dass er weiß, wie er helfen kann.«

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Interactive avatar could be the face of the future – video: 

A virtual talking head that can express human emotions such as happiness, anger and fear could herald a new way of interacting with your computer or mobile phone. Here, a system called Zoe, developed by Toshiba’s Cambridge Research Lab and and the University of Cambridge’s department of engineering, is demonstrated. The face is actually that of Hollyoaks actor Zoe Lister

Univeristy of Cambridge – Length: 1min 02sec – Tuesday 19 March 2013: http://www.youtube.com/watch?v=kOil2HSDq0E

 

Einschüchterung als Arbeitsmethode

Frühkritik: Leiharbeiter bei Amazon Made in China

14.02.2013 ·  Die ARD hat eine berührende Reportage über die Leiharbeiter beim Internetriesen Amazon gezeigt. Das Geschäftsmodell beruht auf Einschüchterung und Misstrauen.

Von Frank Lübberding

Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
Amazon, hier das Logistikzentrum in Los Angeles, dominiert den Internethandel
as passiert, wenn in einem System alle Nachteile haben und nur einer profitiert? Sollte man es dabei belassen oder es ändern? Sollte es vor allem derjenige ändern, der die Regeln bestimmt und trotzdem zu den Verlierern gehört? Diese Fragen scheinen einfach zu beantworten. Warum ist es dann aber möglich, dass wir am Beispiel Amazon einen Konzern haben, der als Einziger einen Nutzen aus den geltenden Regeln zieht und trotzdem niemand etwas ändert? Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD auch nicht geklärt werden. Das lag aber nicht an der Weigerung des Unternehmens, Fragen zu beantworten – diese müssten in diesem Fall gar nicht erst gestellt werden. Dafür wurde in der Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ deutlich, wie es hinter den Fassaden dieses Internet-Riesen aussieht. Mit einem Umsatz von 6,5 Milliarden Euro kontrolliert er mindestens 20 Prozent des deutschen Online-Handels und in gleicher Größenordnung den Buchmarkt.Volkswirtschaftlich gesehen ist es völlig gleichgültig, wo jemand seine Bücher oder Schuhe bestellt. Am Ende muss sich immer ein Käufer finden, der diese Produkte bestellt. Aus den Erlösen werden die Löhne, die Sozialversicherungsabgaben und die Steuern bezahlt. Der Rest ist der Gewinn des Unternehmens. In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.

Einschüchterung als Geschäftsmodell

Die beiden Filmautoren, Diana Löbl und Peter Onneken, schilderten akribisch, wie Einschüchterung bei Amazon als Geschäftsmodell funktioniert. Das Unternehmen betreibt in Deutschland sieben Distributionszentren, in denen vor allem Leiharbeitnehmer beschäftigt werden. Die Einschüchterungskette beginnt schon bei deren Anwerbung im europäischen Ausland. Statt eines versprochenen Beschäftigungsverhältnisse bei Amazon kommt kurz vor Vertragsbeginn eine Leiharbeitsfirma namens „Trenkwalder Personaldienste GmbH“ ins Spiel. „Bei Trenkwalder steht der Mensch im Mittelpunkt – das ist der Kern einer vertrauensvollen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Kunden“, so formuliert es das Unternehmen auf seiner Firmenhomepage. Was das heißt? Sie bieten der spanischen Kunstlehrerin Silvina einen Arbeitsvertrag an – mit reduzierten Konditionen. Untergebracht werden die Mitarbeiter etwa für das Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld in einem insolventen Freizeitpark. Dafür verantwortlich ist die CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG. Immerhin kann sich einer darüber freuen: Laut einem Bericht der Hersfelder Zeitung vom 15.12.2012 freute sich der Insolvenzverwalter des Freizeitparks über die „tolle Geschichte“ und die „dringend benötigte Liquidität“.

Was die „tolle Geschichte“ für die Leiharbeiter bedeutet, erzählen die Autoren in atmosphärisch dichten Bildern. Sie hatten das, was guter Journalismus braucht: Zeit. Sie mieteten sich ebenfalls in dem Freizeitpark ein und es gelang ihnen, die Wirklichkeit europäischer „Wanderarbeiter“ zu skizzieren. Ein Begriff, der ansonsten für chinesische Verhältnisse benutzt wird. In der Struktur unterscheiden diese sich aber nicht vom Amazon-Geschäftsmodell. Was in China die armen Landprovinzen sind, ist in der EU Süd- und Osteuropa. Von der Unterbringung über den Bustransfer bis zur Überwachung durch die Sicherheitsfirma werden tausende Mitarbeiter zu bloßen Objekten degradiert. Sie werden nur für ein Ziel gebraucht: Den Geschäftserfolg von Amazon sicherzustellen.

„Eine Kleinigkeit in dieser Maschine“

Diese Wanderarbeiter sind keine klassischen Arbeitnehmer, wie es in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft formuliert wird, mit Rechten und Pflichten. Sie werden zu einer „Kleinigkeit in dieser Maschine“, so drückte es die Kunstlehrerin aus Spanien aus. H.E.S.S sei allgegenwärtig – und die Einschüchterung funktioniert in der Weise, wie es einer ihrer Mitarbeiter formulierte: „Das ist unser Haus. Das sind unsere Regeln. Ihr müsst das machen, was wir sagen.“ Das geht, gut dokumentiert, bis zur Verletzung der Privatsphäre. Wer sich wehrt, muss mit Entlassung rechnen. Ein Verdi-Funktionär schilderte die Folgen dieser Einschüchterungskultur und des institutionalisierten Misstrauens: „Sie“, die Wanderarbeiter, „sagen gar nichts, fressen den Frust in sich hinein.“ Sie brauchen das Geld und hoffen auf eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Diese Hoffnung ist trügerisch und endete bei Silvina mit der Entlassung kurz vor Weihnachten.

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„Ich bin nicht für diese Sklavenarbeit“, so formulierte es einer der Fahrer, die jeden Tag den Bustransfer erledigen. Nur ist er selber eine bloße Kleinigkeit in dieser Amazon-Maschine. Der Konzern ist der größte Profiteur, seine Handlanger heißen Trenkwalder,  CoCo Job Touristik GmbH & Co. KG und H.E.S.S. Amazon ist bekannt für seine kreative Buchhaltung und weist für sein Deutschland-Geschäft Verluste aus. Das schadet nicht nur dem deutschen Staat, sondern allen Wettbewerbern, die sich gegenüber ihren Mitarbeitern fair verhalten.

Diese Maschine hat die Politik gebaut

Volkswirtschaftlich bringt das keinen Nutzen: Man kann seine Bücher beim örtlichen Buchhändler kaufen. Nur hat nicht Amazon diese Maschine gebaut, sondern die deutsche Politik. Sie erst hat den chinesischen Wanderarbeiter in Deutschland möglich gemacht. Warum das so ist, konnte am Mittwochabend in der ARD nicht geklärt werden. Die Frage ist aber auch überflüssig geworden. Die Politik kann es nämlich wieder ändern – und schon heute damit anfangen.

„Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ lief am Mittwoch um 22:45 Uhr und ist in der Mediathek der ARD zu sehen.