DIW Berlin kritisiert Pläne der Bundesregierung zur Umsetzung der Blue-Card-Richtlinie der EU

http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.398019.de

Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist es zweifelhaft, ob der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Zuzug hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Drittstaaten europäischem Recht entspricht.

Denn die Festlegung der Mindestverdienste für Zuwanderer ist nicht transparent, überdies werden geringe Mindestverdienste vorgeschlagen. Zudem sollen Sonderregelungen für solche Berufe festgelegt werden, bei denen es keinen erkennbaren Fachkräftemangel gibt. „Das Gesetzesvorhaben zielt nicht darauf, einen Mangel an Fachkräften zu mindern, sondern darauf, Fachkräfte ins Land zu ziehen, die zu einem Verdienst arbeiten, der weit unter dem bestehenden Lohnniveau liegt“, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte im DIW Berlin. „Durch eine Billiglohnstrategie wird der Standort Deutschland aber gewiss nicht gestärkt, und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone werden nicht vermindert. Das sollte der Bundestag bei seiner Entscheidung in dieser Woche berücksichtigen.“

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und wie die klassischen Einwanderungsländer braucht auch die Bundesrepublik Steuerungsmechanismen für die Zuwanderung von Arbeitskräften. Die vom Europäischen Rat verabschiedete Richtlinie für den Aufenthalt und die Zuwanderung Hochqualifizierter ist daher aus der Sicht des DIW Berlin ein sinnvolles Instrument.

Mit erheblicher Verspätung soll nun auch in Deutschland die Blue-Card-Richtlinie EU in nationales Recht umgesetzt werden. Sie sieht vor, dass Hochqualifizierte aus Drittländern dann eine Beschäftigung in einem EU-Staat aufnehmen können, wenn sie mindestens das 1,5-fache des dortigen nationalen Jahresbruttolohns erhalten. Im Falle eines besonderen und nachgewiesenen Arbeitskräftebedarfs in einem EU-Land reicht auch das 1,2-fache des Jahreslohns.

Die Bundesregierung sieht einen solchen besonderen Bedarf bei Ingenieuren, IT-Kräften sowie Medizinern. Untersuchungen des DIW Berlin haben allerdings gezeigt, dass in Deutschland – abgesehen vielleicht von Medizinern – Fachkräfte in den entsprechenden Berufen keineswegs knapp sind.

Dafür spricht vor allem, dass sich bei Ingenieuren und IT-Kräften die Löhne nur schwach entwickelt haben. Zudem hat es in den entsprechenden Studiengängen einen regelrechten Run auf die Hochschulen gegeben, und die hierzulande bereits rasant wachsende Zahl von Studienabsolventen wird deshalb in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Wie auch Untersuchungen anderer Institute (Bundesinstitut für Berufsbildung / BIBB und Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung / IAB) zeigen, wird es zumindest in den nächsten zehn Jahren zu keinem nennenswerten Mangel an Hochqualifizierten mit naturwissenschaftlich-technischer Ausbildung kommen. Eher ist bald eine Schwemme an Hochschulabsolventen zu erwarten.

Zudem ist von der Politik geplant, die Mindestverdienstgrenze bei aus Nicht-EU-Staaten zuziehenden Ingenieuren, IT-Kräften und Medizinern auf knapp 35.000 Euro festzulegen. Völlig unklar bleibt, wie dieser Wert ermittelt wurde. Gemäß EU-Richtlinie müsste er mindestens das 1,2-fache des durchschnittlichen Bruttojahreslohns betragen. Nach der amtlichen Statistik der Arbeitnehmerverdienste belief sich 2011 jedoch der Bruttojahreslohn für Vollzeitkräfte in Deutschland auf 43.929 Euro, das 1,2-fache davon sind 52.715 Euro. Nimmt man noch die Teilzeitbeschäftigten hinzu, ergibt sich eine Mindestverdienstgrenze von etwa 46.600 Euro.

Die Bundesregierung versucht offenbar, die Lohngrenze sehr tief anzusetzen, und bezieht wohl auch Mini-Jobber, als Aushilfskräfte tätige Rentner und Schüler oder Saisonkräfte in ihre Kalkulation ein. Solche Arbeitskräfte und deren Entlohnung können nach Ansicht des DIW Berlin aber nicht Maßstab für den Zugang Hochqualifizierter zum Arbeitsmarkt eines EU-Landes sein. Mit den von der Bundesregierung geplanten Rechtsänderungen könnten hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern in Deutschland Löhne erhalten, die geringer sind als die durchschnittlichen Entgelte von Facharbeitern  im produzierenden Gewerbe.

„Bei den geplanten Gesetzesänderungen geht es wohl darum, einem Mangel an solchen Fachkräften entgegen zu wirken, die bereit sind, eine Beschäftigung anzunehmen, die weit unterhalb des bestehenden Gehaltsniveaus in der Bundesrepublik entlohnt wird“, sagt DIW-Wissenschaftler Brenke. Wären Hochqualifizierte aus Drittländern bereit, zu solchen Bedingungen eine Arbeit aufzunehmen, entstünde ein genereller Druck auf die Löhne hierzulande. Die wirtschaftlichen Verwerfungen innerhalb der Eurozone werden sich nach Ansicht des DIW Berlin aber gewiss nicht verringern, wenn die Bundesrepublik weiterhin auf eine schwache Lohnentwicklung setzt.

Aus Sicht des DIW Berlin ist es nötig:

  • Transparenz darüber zu schaffen, auf welchen Berechnungsgrundlagen die Festlegung die Mindestverdienstgrenzen für hoch qualifizierte Arbeitskräftewanderer aus Drittländern gründen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Regelungen in Deutschland nicht das EU-Recht verletzen. Am besten wäre es, auf gemeinsame, auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU erhobene Statistiken zurückzugreifen – also auf die Statistik der Arbeitnehmerverdienste bzw. auf die Erhebung der Lohn- und Gehaltsstruktur.
  • ein Berichtssystem zu schaffen, das regelmäßig darüber informiert, welche Arbeitskräfte in Deutschland tatsächlich knapp sind. Ein solches Berichtssystem sollte vor allem die Lohnentwicklung berücksichtigen. Denn Knappheiten lassen sich generell am besten an den Preisen erkennen – und auf dem Arbeitsmarkt an den Löhnen.

Links

Stellungnahme von Karl Brenke (DIW Berlin) zur Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie der EU | PDF, 48.53 KB

“Ingenieure in Deutschland: Keine Knappheit abzusehen” in: Wochenbericht 11/2012 | PDF, 0.79 MB

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Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Umfrage in elf Staaten: Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Von Florian Diekmann

Gute Wirtschaftslage, niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Löhne – und doch sehen die Menschen nirgendwo mehr Probleme als in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer europaweiten Umfrage. Am wenigsten Sorgen machen sich die krisengeschüttelten Iren.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gfk-umfrage-in-elf-staaten-deutsche-sind-europas-sorgenmeister-a-909610.html

Nürnberg/Hamburg – Es scheint paradox. Die Arbeitslosigkeit ist im Dauertief, das Wachstum robust, selbst die Löhne steigen wieder spürbar – derzeit ist Deutschland der Neid seiner meist krisengeschüttelten Nachbarn sicher. Und doch fallen den Deutschen auf die Frage, welche Probleme in ihrem Land gerade dringend gelöst werden müssten, auf Anhieb mehr davon ein als allen anderen Europäern.

 

Das ist das Ergebnis einer Umfrage des GfK-Vereins, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Der Verein ist Miteigentümer der Gesellschaft für Konsumforschung und betreibt Grundlagenforschung. Mehr als 13.000 Menschen in elf europäischen Ländern wurden in diesem Februar für die regelmäßig durchgeführte Umfrage “Challenges of Europe 2013” befragt. Ihnen wurden keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, sie konnten also spontan auf die offene Frage nach den in ihrem Land dringendsten Problemen antworten.

Die Rangliste der Sorgen unter Deutschlands Bürgern führt die Arbeitslosigkeit an. Danach folgen Inflation, wirtschaftliche Stabilität, Bildungspolitik und Rente/Altersvorsorge.

Ganz im Gegensatz zu den Deutschen scheinen die Iren dem Monthy-Python-Motto zu folgen: Always look on the bright side of life. Denn wo die Deutschen im Durchschnitt spontan 2,5 dringende Probleme nennen, die angepackt werden müssen, nennen die Iren nur 1,2 – ausgerechnet die Bewohner jenes Landes, das besonders schwer von der Schulden- und Bankenkrise getroffen wurde, in dem sich die Arbeitslosigkeit verdrei- und die Staatsschuldenquote vervierfacht haben, fallen im europäischen Vergleich am wenigsten Sorgen ein. Gemeinsam übrigens mit den Schweden, bei denen die Sorglosigkeit angesichts einer erfreulichen Wirtschaftslage allerdings auch um einiges begründeter erscheint.

Statt mit Monthy Python halten es die Deutschen lieber mit Udo Lindenberg: “Denk’ an Krise und Inflation – sonst landest du später bei der Bahnhofsmission.” Doch obwohl die Deutschen Europas Sorgenmeister sind, hat sie die wirtschaftlich gute Lage in der Bundesrepublik verglichen mit früheren Jahren insgesamt doch weitaus sorgenfreier werden lassen. Und wenn sie Probleme ausnahmsweise als dringender einschätzen als früher, beweisen sie doch durchaus Sinn für die veränderte Realität in Deutschland.

Nur Russen machen sich mehr Sorgen um Inflation

So bleibt zwar die Arbeitslosigkeit die Sorge Nummer eins, aber mit 32 Prozent der Befragten bedrückt sie nun nicht einmal mehr jeden dritten Deutschen stark. Das sind so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Vor sieben Jahren sah das noch ganz anders aus. Im Jahr 2006 sagten 80 Prozent der Deutschen spontan, das Problem der Arbeitslosigkeit müsse dringend gelöst werden. (Weitere Entwicklungen im Zeitverlauf finden Sie in dieser Grafikstrecke.)

In den Krisenstaaten der Euro-Zone hingegen hält durchweg eine absolute Mehrheit die Arbeitslosigkeit für eines der dringendsten Probleme ihres Landes. Besonders ausgeprägt ist die Sorge in Spanien, wo sie 72 Prozent der Befragten nennen, auch in Frankreich ist der Anteil mit 69 Prozent kaum kleiner. In Irland wiederum, wo die Quote der Jobsuchenden sich in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht hat, nennen nur 20 Prozent die Arbeitslosigkeit als dringendes Thema. Auch wenn man jene 25 Prozent dazuzählt, die angeben, die Sicherung der Beschäftigten mache ihnen Sorgen, erscheinen die Iren trotz schwieriger Lage ziemlich unbeschwert.

Mit 29 Prozent Nennungen nahm die Inflation den zweiten Platz im deutschen Sorgen-Ranking ein. Das sind drei Prozentpunkte mehr als noch im vergangenen Jahr – ein Anstieg, der angesichts von dauerhaften Mickerzinsen und der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nachvollziehbar ist. Nur die Russen machen sich mit 31 Prozent noch mehr Sorgen um die Entwicklung ihrer Kaufkraft. In Österreich hingegen, dessen Lage in der Euro-Krise der Deutschlands ziemlich genau entspricht, halten nur 13 Prozent die Inflation für ein dringendes Problem.

Französische Gelassenheit

Die Sorge der Deutschen um wirtschaftliche Stabilität ist hingegen deutlich kleiner geworden, auch wenn sie den dritten Platz im deutschen Sorgenranking belegt – nur noch 16 Prozent nannten sie, im Vorjahr waren es noch 24 Prozent, im Rezessionsjahr 2009 gar 36 Prozent.

Erstaunlich hingegen ist die Sorglosigkeit der Franzosen bei diesem Thema: Trotz des Verlusts des Triple-A-Ratings und der eindringlichen Mahnung etwa des IWF zu Reformen sehen nur 14 Prozent von ihnen die wirtschaftliche Stabilität ihres Landes in Gefahr. Und auch die Iren, die mitten in einem gewaltigen Strukturwandel stecken, sind mit 18 Prozent kaum mehr darum besorgt als die Deutschen.

Eher grotesk mutet es allerdings an, dass die Bewohner eines Landes wie Irland, dessen Staatverschuldung von etwa 25 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2007 auf zuletzt rund 120 Prozent emporschnellte, dies offenbar kaum als Problem sehen. Nur sechs Prozent der Iren fielen die Staatsfinanzen als eines der Probleme ein, die dringend zu lösen seien. Im Gegensatz dazu findet jeder zehnte Deutsche, dieses Thema solle mit Nachdruck angepackt werden – auch wenn Deutschland zur Zeit sogar Überschüsse erwirtschaftet.

Eine neue Sorge

Wie stark sich gesellschaftliche Veränderungen in den Sorgen der Deutschen niederschlagen, machen zwei bemerkenswerte Entwicklungen deutlich: Armut schien in Deutschland zumindest in der Wahrnehmung der Bürger lange gar nicht zu existieren – bis im Jahr 2005 Hartz IV eingeführt wurde. Damals taucht Armut zum ersten Mal im GfK-Sorgenranking auf, immerhin zwei Prozent der Befragten nannten sie. Inzwischen sorgt Armut 13 Prozent der Bundesbürger, das macht sie zum sechstdringendsten Problem des Landes.

Umgekehrt lief es bei Zuwanderung und Integration. Als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jedes Jahr Hunderttausende Menschen in Deutschland Asyl beantragten, schnellte die Sorge darum in die Höhe – 1992 nannten sie 68 Prozent der Befragten. Dann wurde das Asylrecht eingeschränkt, der Flüchtlingsstrom ebbte ab, die Sorgen um die Integration ebenso. Heute fällt sie nur noch acht Prozent der Deutschen als Problem ein.

Nicht schlecht für ein Land, dem der “Economist” jüngst eine Zukunft als moderner Schmelztigel Europas vorhersagte.

Deutschland-Analyse des “Economist”: Vormacht ohne Mumm

Deutschland ist unangefochtene Vormacht in Europa – aber das Land will die Rolle bisher nicht annehmen. So sieht es der “Economist”, das einflussreichste Wirtschaftsmagazin der Welt in einem Länderreport. Die Prognose der Briten ist überraschend optimistisch.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/economist-zeichnet-deutschland-als-europas-hegemon-wider-willen-a-905516.html

Soft-Token – Die Zukunft hat schon begonnen

Die Sprachglosse
Soft-Token – Die Zukunft hat schon begonnen

Soft and broken: Technisches Wissen ist und bleibt Macht.

Soft and broken: Technisches Wissen ist und bleibt Macht.

19.04.2013 ·  Seit der Quick-Response-Code, der Uniform Resource Locator und die Zwei-Faktor-Authentifizierung unser Leben erleichtern, wissen wir, dass H.G. Wells tatsächlich in die Zukunft blicken konnte: Die Aufspaltung der Menschheit in Eloi und Morlocks hat schon begonnen.

Von Berthold Kohler

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-die-sprachglosse-soft-token-die-zukunft-hat-schon-begonnen-12154995.html

Wo das alles enden wird, hat H. G. Wells schon 1895 in seinem Roman „Die Zeitmaschine“ vorausgesagt: Die Menschheit wird sich aufspalten in nette und schöne, aber etwas dämliche Eloi und in nicht ganz so adrette Morlocks, die gelegentlich ein paar von den Blondchen verspeisen, dafür aber im Hirn behalten haben, wat ne Dampfmaschin is. Technisches Wissen ist auch in ferner Zukunft noch Macht, weswegen die Morlocks nicht säen und ernten, sondern nur mit der Sirene tuten müssen, damit die Eloi brav Kokosnuss und Blumenkranz zur Seite legen, um zum Abendessen zu kommen.

Bis zu solchen geordneten Verhältnissen haben wir natürlich noch einen langen Weg vor uns; nach Wells Berechnungen werden wir erst in gut 800.000 Jahren so weit sein. Doch die ersten Zeichen der Teilung der Völker in technisch intelligente Wesen und mindestens in dieser Hinsicht minderbemittelte sind schon jetzt zu erkennen. Nerds und Nicht-Nerds, die Urahnen von Morlocks und Eloi, sprechen bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine gemeinsame Sprache mehr.

Nehmen wir nur einmal folgende Mail aus einer freundlichen, kompetenten und wirklich userorientierten IT-Abteilung. In ihr heißt es: „Im Anhang erhalten Sie Ihr Soft-Token als Quick-Response Code für den externen Zugriff auf die AHP.“ Aha.

Als Angehöriger der Generation Soft-Eis klammert man sich in einem solchen Fall an den Begriff, den es schon in der untergegangenen analogen Welt gab, den Anhang. Doch erweist sich dieses Relikt aus der Zeit, in der Deutsche noch deutsch miteinander sprachen, erst recht als Tor zur Hölle des Technolekts.

Überschrieben ist der Anhang mit „Externe Anmeldung an der Application Hosting Platform über Zwei-Faktor-Authentifizierung“. Dahinter wartet auf digital zurückgebliebene Seelen ein „Uniform Resource Locator“ für den „Google Authenticator“, ein hübscher QR-Code, ein Citrix-Receiver zum Downloaden und der beruhigende Hinweis, dass das Token namens oath747xyungelöst oder so für den (nun kurz vor dem Schreikrampf stehenden) Benutzer „ausgerollt“ wurde.

Werden jedoch „zu viele OTPs ohne eine darauffolgende Anmeldung generiert, ist das Token nicht mehr synchronisiert. In diesem Fall ist eine Anmeldung nicht mehr möglich“.

Man möchte „Was du wolle?“ brüllen, auch wenn, es kann ja nicht jeder alles können, der Citrix-Receiver diesen Soziolekt vermutlich nicht versteht. Sollte der ganze Elektriktrick nicht unsere Arbeit, ach was, unser Leben leichter machen? Wir aber fühlen uns jetzt wie Catweazle, nachdem er aus dem 11. ins 20. Jahrhundert katapultiert worden war. Und der konnte immerhin Englisch.

Doch von Albion weht nicht nur Verzweiflung, sondern auch Trost herüber. H. G. Wells visionärer Roman endet damit, dass ein Mann aus der tiefsten Vergangenheit die Morlock-Maschinenunterwelt mit ihrer ganzen Weich- und Hartware in die Luft sprengt. Erst jetzt verstehen wir so richtig, warum wir das schon immer irgendwie gut fanden.

Kinder in Deutschland Gut situiert, aber unglücklich

Die Sueddeutsche: 

Kinder in Deutschland Gut situiert, aber unglücklich

http://www.sueddeutsche.de/leben/kinder-in-deutschland-gut-situiert-aber-ungluecklich-1.1645077

Die Unzufriedenheit der Mädchen und Jungen in Deutschland steigt laut einer Unicef-Studie. Jeder siebte Jugendliche bewertet seine Situation als mäßig bis negativ – obwohl die äußeren Lebensumstände sich verbessert haben. In keiner anderen Industrienation ist die Kluft zwischen gefühltem und objektivem Wohlbefinden größer.

Sie leben besser als die Kinder und Jugendlichen in den meisten anderen Ländern der Welt – und trotzdem sind viele Mädchen und Jungen in Deutschland unglücklich. Das hat eine Studie der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef ergeben. Demnach hat sich die allgemeine Situation der jungen Generation in der Bundesrepublik zwar weiter verbessert, allerdings bewertet jeder siebte Jugendliche seine aktuelle Lebenssituation als mäßig bis negativ.

Im Vergleich mit 29 Industrienationen liegt die Bundesrepublik damit auf Platz 22. Vor mehreren Jahren erreichte das Land noch Rang zwölf. “Die deutschen Mädchen und Jungen stellen damit sich und ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus, das uns nachdenklich machen muss”, sagte Hans Bertram, Mitglied des Deutschen Komitees für UNICEF e. V. und Professor an der Berliner Humboldt-Universität, laut Mitteilung. Die einseitige Konzentration auf Leistung führe dazu, dass sich viele Kinder und Jugendliche ausgeschlossen fühlten.

Objektiv betrachtet steht die junge Generation in Deutschland der aktuellen Erhebung zufolge dagegen besser da als noch bei der vorigen Unicef-Studie von 2010: In den fünf Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Sicherheit, Verhalten und Risiken, Wohnen und Umwelt sowie materielles Wohlbefinden belegte das Land damals zusammengefasst den achten Platz. Diesmal liegt es auf dem sechsten Rang. Die Schüler hätten unter anderem bessere Werte bei den Pisa-Tests erzielt und rauchten seltener. Die bereits niedrige Zahl von Teenie-Schwangerschaften sei ebenfalls weiter gesunken.

Bei der relativen Armut befinde sich Deutschland mit dem elften Platz im oberen Mittelfeld der Industrieländer. Dies sei aber kein Rang, um sich auszuruhen, warnte Unicef. Bei den äußeren Lebensumständen auf Platz sechs, bei der Lebenszufriedenheit – dem zweiten großen abgefragten Bereich – auf Rang 22: Hier zeigt sich laut Kinderhilfsorganisation eine breite Kluft, die größer sei als in jedem anderen Industrieland.

In der Unicef-Studie von 2007 lag die Bundesrepublik noch auf Rang zwölf von 21 Ländern. Für diese Kategorie wurden diesmal in den 29 Ländern mehr als 176.000 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 15 Jahren befragt, in Deutschland etwa 5000.

Die besten Lebensbedingungen – auch nach subjektiver Einschätzung der Befragten – haben laut der Studie Kinder in den Niederlanden. Schlusslicht in beiden erhobenen Bereichen ist Rumänien.

Die Zeit:

KinderstudieVon wegen reich und unglücklich

Deutsche Kinder werden immer trauriger, so zumindest interpretiert die Öffentlichkeit eine neue Unicef-Studie. Das ist aber grundfalsch, ärgert sich Martin Spiewak.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-04/unicef-bericht-unglueckliche-jugendliche-analyse

Orginalstudie:

10. April 2013von

Die Frage nach dem Glück

http://www.unicef.de/aktuelles/2013/04/10/die-frage-nach-dem-glueck/

 

Andere Blickwinekl: The Atlantic

How Parents Around the World Describe Their Children, in Charts

A fascinating new study reveals that Americans are more likely to call their children “intelligent,” while European parents focus on happiness and balance. Here’s why.

DIE ZEIT : THEMENSPEZIAL Berufseinstieg Naturwissenschaften

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind gut, teilweise sehr gut: Wer Naturwissenschaften studiert, möglichst noch promoviert hat, wird auch langfristig keine Probleme haben, einen Job zu finden. Und das gilt für nahezu alle Fachrichtungen der Naturwissenschaften. Im Themen-Spezial “Berufseinstieg Naturwissenschaften” haben wir die wichtigsten Informationen für Sie zusammengetragen: Welche Disziplinen sind besonders gefragt? Gibt es Branchentrends? Ist der Doktortitel notwendig? Welche Berufsbilder gibt es im Bereich Naturwissenschaften und was steckt dahinter? Was können Naturwissenschaftler verdienen? Warum sind Physik und Chemie besonders attraktive Fächer für Arbeitgeber? Aktuelle Artikel, Hintergrundinformationen, Interviews, Reportagen geben Ihnen einen Überblick im aktuellen Naturwissenschaften-Spezial.

http://www.academics.de/wissenschaft/berufseinstieg_naturwissenschaften_54723.html?wt_mc=academics_de.extern.newsletter_eigenanzeigen.zeit_online.%20karriere_NL_2013_03_28.berufseinstieg_naturwissenschaften_54723.textlink.textlink&partner=ts_naturwissenschaften

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Google und die Macht des Wissens – Video online

Im Jahr 2002 fing Google an, Weltliteratur einzuscannen. Man schloss Verträge ab mit den größten Universitätsbibliotheken wie Michigan, Harvard und Stanford in den USA, der Bodleian Bibliothek in England und der Katalanischen Bibliothek in Spanien. Das Ziel war nicht nur eine riesige globale Bibliothek aufzubauen, sondern all dieses Wissen sollte noch einem verschwiegenen Zusatzzweck zugutekommen: Man wollte eine neue Form von “Artificial Intelligence”, von künstlicher Intelligenz entwickeln.

Google bekam aber Probleme bei der Realisierung des Projekts: Mehr als die Hälfte – rund sechs Millionen – dieser Bücher waren urheberrechtlich geschützt. Autoren auf der ganzen Welt begannen, einen Feldzug gegen Google zu starten. Im Herbst 2005 reichten sowohl die amerikanische Autorengilde “The Authors Guild of America” als auch die amerikanische Verlegervereinigung “The Association of American Publishers” Klage ein.

Drei Jahre später kam dabei die Google-Buch-Regelung, das “Google Book Settlement” heraus. Diese Vereinbarung umfasste 350 Seiten und wurde im Oktober 2008 veröffentlicht. Dieses Abkommen hätte Google unglaubliche neue Macht verschaffen können. Die Google-Buch-Webseite war drauf und dran, nicht nur die weltgrößte Buchhandlung zu werden, sondern auch eine gebührenpflichtige Bücherei. Google hätte das Monopol auf die Mehrheit der im 20. Jahrhundert veröffentlichten Bücher gehabt.

Im März 2011 entschied dann Richter Denny Chin nach Anhörungen gegen die Rechtsgültigkeit der Google-Buch-Regelung. Am Ende hatte eine bunte kleine Armee von Autoren und Buchhändlern eines der weltweit mächtigsten Unternehmen besiegt. In dieser Dokumentation werden in die zentrale Geschichte um die Google-Buch-Affäre andere problematische Aspekte des Themas “Internet” eingewoben, wie Datenraub und Datenschutz, Download und Urheberrecht, Freiheit und Überwachung.

(Großbritannien, Deutschland, 2012, 89mn)
ZDF

Erstausstrahlungstermin: Gestern, 20:17
weitere Ausstrahlungstermine: Samstag, 6. April 2013, 11:50

online zugänglich fuer

  • replay in myscreen.com (französisch)

: http://www.myskreen.com/documentaire/arts/4946493-le-livre-selon-google

TPB AFK – The Pirate Bay Away from Keyboard

Video online: http://videos.arte.tv/de/videos/tpb-afk-the-pirate-bay-away-from-keyboard–7415440.html

in youtube: TPB AFK: The Pirate Bay Away From Keyboard HD [Multi Subtitles!]

“The Pirate Bay” entstand 2004 und entwickelte sich schnell zur weltgrößten Internet-Tauschbörse. Seit 2006 stehen die Verantwortlichen immer wieder vor Gericht. Vor allem die US-Musik-, Film- und Videoindustrie baute politischen Druck gegen Schweden auf, drohte mit Handelssanktionen und verlangte, die Verantwortlichen wegen Urheberrechtsverletzungen zu verurteilen.

Am Tag vor dem Prozess: Fredrik packt einen Computer in sein altes rostiges Auto. Die Schadensersatzklage beläuft sich auf 13 Millionen Dollar. Jetzt bringt er den Computer erst einmal in den geheimen Serverraum, in dem sich der erstaunlich kleine BitTorrent-Tracker versteckt. Anakata, brokep und TiAmo nennen sich die Männer hinter “The Pirate Bay” online. Als das Hacker-Talent Gottfrid, der Internet-Aktivist Peter und der Netzwerk-Nerd Fredrik schuldig gesprochen werden, sind sie mit der Realität offline konfrontiert – “AFK” – Away From Keyboard. Aber in den unergründlichen Tiefen des verborgenen Datenzentrums sind kleine Metadatenpakete fleißig bei der Arbeit und stellen Verbindungen zwischen Millionen Usern weltweit her.

Der Schutz des Copyrights im Internet erregt die Gemüter weltweit. Noch ist keine generelle Lösung gefunden für die Frage des Umgangs mit dem Urheberrecht beim unaufhaltsamen Tauschhandel mit künstlerischen und sonstigen Werken im Netz. Die “Pirate Bay”-Website ist daran ganz wesentlich beteiligt. Die Piraten haben sich in mehreren Ländern zur mehr oder weniger erfolgreichen politischen Partei entwickelt, ausgehend von Schweden, wo sich 2006 die erste “Piratpartiet” gründete.

Wie schwer die Kommunikation und erst recht die Rechtsfindung sind, lässt sich in dem Dokumentarfilm nachvollziehen. Der Schlagabtausch zwischen den Generationen, Weltanschauungen und den konträren Interessen entbehrt nicht der Komik. Die Justiz hat große Schwierigkeiten, den Verantwortlichen von “The Pirate Bay” eine strafbare Handlung nachzuweisen. Immerhin haben sie selbst mit den urheberrechtlich geschützten Werken nichts zu schaffen. Sie stellen lediglich die ausgefeilte Technik zur Verfügung, mit der zeitweise bis zu geschätzte 30 Millionen User kostenlos Filme, Musik oder Computerspiele austauschen. Allerdings spielte bei den inzwischen gefällten Urteilen eine Rolle, dass die Website teilweise auch kommerziell betrieben und für die Verantwortlichen Gewinn abgeworfen hat.

Die drei jungen Männer wissen um ihren technischen Vorsprung und genießen es, die Richter und Staatsanwälte an ihre Verständnisgrenzen zu bringen. Der Regisseur ist nah an den Freibeutern und ihren kreativen Spielzügen, wenn sie sich wieder mal aus der Schlinge ziehen, sich über die Dummheit der anderen freuen und sich auch gegenseitig nichts schenken. Aber er macht auch deutlich, dass sie ihren leidenschaftlichen Kampf für ein freies Internet mit einem hohen persönlichen Preis bezahlen.

(Dänemark, Schweden, 2013, 81mn)
ZDF

Erstausstrahlungstermin: Gestern, 21:49
weitere Ausstrahlungstermine: Samstag, 13. April 2013, 01:50

@@@@@@

H.G. Wells : Mind at the End of Its Tether, 1945 (dt.: Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten, 1946)

H.G. Wells  The Complete Works :  online : http://kamita.com/misc/wells/hgwells.pdf

Germany

Jaron Lanier
Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht

(original  englisch: You are not a gadget)

http://www.suhrkamp.de/buecher/gadget-jaron_lanier_42206.html

»Ein ahnungsloser Kulturpessimist ist er nicht, sondern Verteidiger der Freiheit.«

Heinrich Wefing, Die Zeit

»Laniers Aufruf für einen digitalen Humanismus ist ein Aufruf zur digitalen Emanzipation.«

Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Jaron Lanier homepage: http://www.jaronlanier.com/
Artikel und Interviews (englisch) in “Edge”: http://www.edge.org/memberbio/jaron_lanier
Roland Reuß, Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch, UmschlagRoland REUSS :
Ende der Hypnose.
Vom Netz und zum Buch (Frankfurt am Main, Basel 2012; 128 S.), 12,90

Was heißt Scheitern heute?

Katja Kraus Was heißt Scheitern heute?

02.04.2013 ·  Wenn es so aussieht, als sei alles umsonst gewesen: Katja Kraus, einst Managerin beim HSV, hat ein Buch über prominente Abstiege und Leute geschrieben, die von der Erfolgsspur abgekommen sind.

Von Melanie Mühl

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Katja Kraus hat Macht verloren. Unglücklich ist sie darüber nicht gewordenDieses Buch ist ein Schlüsseltext. Es handelt von Macht und Machtverlust, von Erfolg und Scheitern, von Intrigen, Verrat und monströsen Verletzungen. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen tief gefallen sind. Vor allem aber geht es um die fatalen Auswirkungen unserer beschleunigten Medienwelt, in der das erbarmungslose Verurteilen zu einem ganz normalen Vorgang geworden ist, und die Frage, inwieweit wir überhaupt noch die Autoren unserer eigenen Biographie sind. Jeder Tag ist ein Schicksalstag. Ein Haben-Konto, auf dem die Erfolge als Polster für schlechte Zeiten verbucht werden können, existiert nicht.

Anders formuliert: Lebensleistungen zählen nichts mehr. Karrieren werden von ihrem Ende her beurteilt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt in der Regel die negative Schlagzeile, die den Moment des Falls festhält, sei es nun den eines Politikers, Managers oder Sportlers. Man muss sich nur kurz überlegen, was wir mit folgenden Namen assoziieren: Ron Sommer. Annette Schavan. Hartmut Mehdorn. Nichts Gutes, so viel steht fest.

Kraus verlor selbst Job und Macht

Das Buch heißt „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ und erschien vor kurzem im Fischer Verlag. Katja Kraus, zweiundvierzig Jahre alt, hat es geschrieben. Es erzählt nur auf den ersten Blick von einzelnen Biographien. In Wahrheit beschreibt Katja Kraus den Zustand einer Gesellschaft, in der Schicksalsfragen immer noch anhand von Heldengeschichten verhandelt werden. Nach dieser Logik gibt es immer einen Schuldigen, und wir alle kennen dessen Namen ganz genau. Ein einfaches Beispiel: Wenn der Wasserhahn der Bielefelder Bahnhofstoilette tropft, ist es Hartmut Mehdorn, und wenn die Telekom-Aktie fällt, ist es immer noch irgendwie Ron Sommer.

Katja Kraus war selbst einmal mächtig. Sie war Fußballnationalspielerin, sie war bei der Frankfurter Eintracht beschäftigt und bei der Vermarktungsagentur Sportfive. Zuletzt saß sie acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger Sportvereins, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann, 2011, verlor sie ihren Job. Und ihre Macht.

Die wahre Geschichte des Ron Sommer

Ein Café in Hamburg. Man hatte sich Katja Kraus anders vorgestellt: hart, mit angestrengtem Zug um den Mund und einer in Falten liegenden Stirn. Männlicher. Weniger zart. Lauter. Als müsse eine Frau automatisch wie das personifizierte Klischee auftreten, um in einem Fußballverein nicht unterzugehen. Katja Kraus hat schulterlanges braunes Haar und helle Augen. Sie trägt Jeans zum Blazer. Ihre Sprache ist klar und analytisch. Sie sagt: „Es war mir wichtig, den Begriff des Scheiterns neu zu diskutieren. Wir sind irrsinnig schnell darin geworden, zu urteilen, Menschen ihre Kompetenz abzusprechen, ohne darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie überhaupt erst in die exponierte Position gebracht haben. Die Härte, mit der das geschieht, und die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der persönlichen Integrität sind erschreckend.“ Die Härte, von der Katja Kraus spricht, traf auch ihre Gesprächspartner. Ron Sommer ebenso wie Hartmut Mehdorn, Gesine Schwan, Maria Jepsen, Hera Lind, Sven Hannawald, Björn Engholm oder Andrea Ypsilanti, um nur einige zu nennen. Nicht allen brach diese Härte das Genick, aber manchen.

Ron Sommer gehört nicht dazu, in der öffentlichen Wahrnehmung gilt er trotzdem als Verlierer. Die verarmte Großmutter ist zum Symbol seines Abstiegs geworden. Doch die wahre Geschichte geht anders: Ron Sommer baute erfolgreich eine Behörde in ein Kommunikationsunternehmen um und führte die Telekom AG schließlich an die Börse. Der „Popstar der Wirtschaft“ wurde als Volksheld gefeiert. Ron Sommer avancierte zum Analystenliebling. Dummerweise drehte irgendwann der Aktienmarkt durch und brach zusammen. „Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist, weder die Steigerung auf 200 Mark noch den Fall auf acht Euro. Die enorme Dynamik rund um die T-Aktie war in beide Richtungen falsch“, zitiert ihn Katja Kraus in ihrem Buch.

Nur kritische Fragen

Wenn Ron Sommer heute den Telekom-Jingle hört, denkt er immer noch, das Unternehmen sei doch sein Baby. Vielleicht liegt das daran, dass er bis heute kein neues Baby gefunden hat. Nach der Aktienkatastrophe rissen sich die Personalberater nicht eben um Ron Sommer, im Gegenteil. „Den Aufsichtsräten fehlte der Mut, die öffentliche Verurteilung von Ron Sommer zu ignorieren“, sagt Katja Kraus. Also managte er eben den Umbau seines Hauses und ist inzwischen für einen indischen sowie einen russischen Großkonzern tätig. „Er hätte der deutschen Wirtschaft sicher noch einiges geben können.“ Ron Sommers entscheidender Fehler war, dass er das Spiel ständiger Neuinszenierung nicht mitgespielt hat. Er ignorierte die Codes unserer Mediengesellschaft.

Es wäre falsch zu glauben, Katja Kraus agierte als williges Sprachrohr ihrer Protagonisten. Sie stellt nur kritische Fragen. Auch danach, wie hoch der Preis der Selbstoptimierung tatsächlich ist. Sven Hannawald bezahlte für den Titel bester deutscher Skispringer aller Zeiten mit seiner Gesundheit. Er hungerte seinen Körper auf ein absurdes Gewicht herunter, damit er noch besser in der Luft lag. Irgendwann fühlte er sich nur noch taub an. Sein Werkzeug funktionierte nicht mehr. Burnout. Heute ist der Name Sven Hannawald untrennbar mit diesem Begriff verbunden. Hannawald selbst will das nicht wahrhaben.

Die Gefahren permanenter Beurteilung

Für Menschen in vielbeachteten Positionen, schreibt Kraus, seien die Momente des Erfolgs häufig die der Erleichterung. „Im Bewusstsein der Kausalitäten des Misserfolgs liegt die Freude vor allem in dessen Vermeidung. Darin, dass der Erfolg einen Pulsschlag lang Spielraum verschafft, Luftholen ermöglicht, vor der nächsten Herausforderung.“ Ron Sommer dachte jeden Morgen unter der Dusche: „Wo geht die nächste Bombe hoch?“

Das Gefährliche an der permanenten Beurteilung ist, dass sie den, der ihr ausgesetzt ist, zwangsläufig in einen Getriebenen verwandelt: Entscheidungsprozesse werden oft abgekürzt und Haltungen über Bord geworfen, um Ergebnisse vorzuweisen. Wer soll eigentlich noch Verantwortung übernehmen, wenn die, die einem das Etikett des Scheiterns verpassen wollen, doch bereits auf der Lauer liegen?

Man könnte meinen, die Tatsache, dass jeder von uns unter beruflichen und privaten Verletzungen leidet, zu mehr Milde im Umgang mit anderen führt. Dass das eine ziemlich naive Vorstellung ist, wurde einem wieder bewusst, als die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan wegen ihrer Doktorarbeit ins Visier geriet. „Die Art und Weise, wie Annette Schavan nach ihrem Rücktritt diskreditiert wurde, hat mich erschüttert. Es wurde in der gesamten Debatte nicht darüber gesprochen, wie sie ihr Amt ausgefüllt hat. Es gibt keine Differenziertheit in der Bewertung“, sagt Katja Kraus. Vielleicht liege in dieser Unbarmherzigkeit, in dieser Häme ja auch eine Linderung des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit. Die Suche nach Trost im Elend der anderen funktioniert nach wie vor gut.

Falschmeldungen über Hera Lind

Auch die Bestsellerautorin Hera Lind durfte keine Sekunde lang mit Milde rechnen, als sie ihren Mann für eine neue Liebe verließ. Was millionenfach geschieht, wenn sich Beziehungen leergelaufen haben, interpretierte die Masse bei Hera Lind als unverzeihlichen Akt der Kälte einer egoistischen Frau. Sie gehe über Leichen, hieß es. Aus dem „Superweib“ wurde die Rabenmutter der Nation. „Verstanden hat sie diesen Einschnitt bis heute nicht“, schreibt Katja Kraus. Die Behauptungen, Hera Lind habe die vier Kinder bei ihrem Ex-Partner zurückgelassen, um sich ohne lästigen Ballast ins neue Glück zu stürzen, waren Falschmeldungen.

Diese Falschmeldungen führten nicht nur dazu, dass etliche Leserinnen Hera Lind ihre Anhängerschaft aufkündigten, sie führten auch dazu, dass ihr neuer Mann seinen Posten auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff verlor. Das Publikum sei zu konservativ für solch öffentliche Liebeleien. „Der Hotelmanager blieb sechs Jahre ohne Job, bis er bei einem Arbeitgeber fern der deutschen Yellow-Press-Magazine eine Anstellung fand. Inzwischen verbringt er acht Monate des Jahres bei dieser Reederei in den Vereinigten Staaten. Nur vier Monate ist er zu Hause bei seiner Familie.“

Leben im Zuschauerraum

Das Porträt über Hera Lind gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. Es legt auf knappem Raum die Tragik dieser öffentlichen Figur bloß. Stets scheint das Kind in Hera Lind durch, das endlich von der Mutter gelobt, also geliebt werden möchte und dabei gegen eine Wand nach der nächsten läuft. Dass der Wunsch nach Anerkennung bei Hera Lind mit dem qualvollen Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht, dass sie nicht abschütteln kann, verleiht ihrem Erfolg in den eigenen Augen etwas Unwirkliches. Als sei nicht sie es, die auf der Rolltreppe der Buchhandlung steht und an jenen kunstvoll gestapelten Büchern vorbeifährt, auf denen ihr Name steht. Katja Kraus sagt: „Erfolg multipliziert sich oft auf so rasante Weise, dass der Erfolgreiche oft selbst zum außenstehenden Beobachter des eigenen Aufstiegs wird. Die Weggefährten des Misserfolgs hingegen sind in jedem Augenblick sichtbar.“ Im Frühjahr 2006 schrieb die „Bunte“: „Hera Lind: Die deutsche Erfolgsschriftstellerin machte Millionenverluste mit Ost-Immobilien. Jetzt muss sie sogar ihre Traumvilla verkaufen.“ Mittlerweile lebt Hera Lind in Salzburg. Pro Jahr veröffentlicht sie zwei Bücher.

Am Ende hatte Katja Kraus Glück. Zumindest in Hinblick auf die mediale Notenvergabe. Ihre Karriere wurde weder disqualifiziert, noch wurde sie persönlich attackiert, weshalb Katja Kraus anders als viele ihrer Gesprächspartner nie das Gefühl der Makelhaftigkeit beschlich. „Wer publikumswirksam entlassen worden ist und sich dadurch makelhaft fühlt, reflektiert lange in den Gesichtern anderer Menschen, ganz gleich, ob diese ihn und die Geschichte kennen oder nicht. Das erschwert oft den Prozess der Verarbeitung.“ Der Politikerin Andrea Ypsilanti ergeht es so. Bei ihr ist das Suchen im Gesicht des Gegenübers zur Manie geworden. Als klar war, dass sie, verraten von vier Abtrünnigen ihrer Partei, nicht Ministerpräsidentin des Landes Hessen werden würde, sagte ihr damals zwölfjähriger Sohn: „Jetzt war alles umsonst.“ Er meinte damit nicht die ständige Abwesenheit der Mutter, er meinte die erlittenen Verunglimpfungen.

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Liest man die Passagen über Andrea Ypsilanti, tauchen immer wieder Wörter wie „wäre“, „hätte“ oder „im Nachhinein“ auf. Dabei war Andrea Ypsilanti längst raus aus dem Spiel. Sie saß jetzt im Zuschauerraum. Dass sie irgendwann keine Chance mehr hatte, Einfluss auf das öffentliche Bild ihrer Person zu nehmen, hat sie bis heute nicht verstanden. Das heißt nicht, dass der Selbstzweifel aus der Welt geräumt werden soll. Es heißt nur, dass das Selbst eine weniger tragende Rolle spielt, als wir glauben. Das gilt nicht nur für das Scheitern. Es gilt auch für den Erfolg. Katja Kraus erinnert uns daran.

Quelle: F.A.Z.

DER SPIEGEL:
Erste Hilfe Karriere So macht Scheitern erst richtig Spaß

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-787153.html

DIE ZEIT :
Misserfolge”Wer nie scheitert, dem fehlen Leitplanken”

Wie man Scheitern als Chance wahrnimmt: Der Psychologe Thomas Frey erklärt, wie aus persönlichen Niederlagen große Erfolge werden können

http://www.zeit.de/karriere/2009-11/scheitern-lernen

Bücher zur Kunst des Jonglierens zwischen  Führung, Leistung und Komplexitaet:

Fredmund Malik 2013 : Strategie – Navigieren in der Komplexität der Neuen Welt, Campus, 42, —

http://www.campus.de/business/management-und-unternehmensfuehrung/Strategie.100064.html

https://i0.wp.com/www.campus.de/cover_300dpi/9783593397665.jpg