Dokumentarfilm “Alphabet” Alles nur geföhnte Bubies und Barbies

Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer prangert unser fehlgeleitetes Bildungssystem an. Damit ergänzt “Alphabet” die Reihe globalisierungskritischer Filme aus Österreich. von Oliver Kaever

http://www.zeit.de/kultur/film/2013-10/dokumentarfilm-alphabet-erwin-wagenhofer

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm "Alphabet"

Frühintelligenztest eines Babys in dem Dokumentarfilm “Alphabet”  |  © Filmladen Filmverleih

Erwin Wagenhofer meint es ernst. Das ist bei dem österreichischen Dokumentarfilmer nichts Neues, aber sein jüngstes Thema Bildung geht er besonders grundsätzlich an und eröffnet Alphabet mit Ultraschallaufnahmen von einem Kind im Mutterleib. Darüber legt Wagenhofer eine Rede des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson: “Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.”

Sätze, die sitzen. Wie überhaupt in diesem Film so viele bemerkenswerte Zitate fallen, dass man im Kino ständig einen Notizblock zücken möchte. Für seine Betrachtung von Bildungssystemen im Zeichen der Globalisierung hat Wagenhofer neben Robinson viele weitere prominente Experten vor seine Kamera geholt. Darunter ist der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen; der ehemalige Lufthansa- und Daimler-Benz-Manager Thomas Sattelberger, der Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen als “geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look” kritisiert; der Pädagoge Arno Stern, der Kindern seit 30 Jahren in seinem “Malort” in Paris die Möglichkeit zur Kreativität ohne Druck gibt; und sein Sohn André, Gitarrist, Komponist und Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat.   

Wagenhofer lässt wie seine Protagonisten keinen Zweifel daran, dass Bildungsanstalten schlecht mit Kindern umgehen. Als krasses Beispiel dient ihm der erste Halt auf seiner Reise durch die Schulen der Welt: China. Muster-Pisa-Kandidat, immer an der Spitze der Rankings der OECD. Unschöner Nebeneffekt: Der Primus verzeichnet auch die höchste Selbstmordrate überforderter Schüler, wie der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping anmerkt. Seit der Einführung der Marktwirtschaft sei das Bildungssystem von Konkurrenzdenken, Auswendiglernen und dem Bestehen der vielen gefürchteten Prüfungen und Schulwettbewerbe geprägt. Raum für kreatives Denken, eigene Ideen und Erholung gebe es dagegen nicht. Dongping: “Unsere Kinder gewinnen am Start – und verlieren am Ziel.”

Was China im Extrem exerziert, macht laut Wagenhofer auch in den Ländern der EU vielen Kindern die Schule zur Hölle. Der Leistungsdruck steige ständig, Schüler seien lediglich Teil einer wirtschaftlichen Verwertungskette. Ecken und Kanten, ein eigener Kopf und das Hinterfragen von Handlungsmaximen seien nicht gefragt. Stattdessen Anpassungsfähigkeit, bedingungsloses Erfüllen von Vorgaben, Konkurrenzdenken. Unser Schulsystem funktioniere immer noch wie im 19. Jahrhundert, als Menschen nicht ihr Potenzial ausschöpften, sondern an den Maschinen der immer noch zunehmenden In­dus­t­ri­a­li­sie­rung funktionieren sollten, kritisiert Gerald Hüther.

Der globale Kapitalismus – in Alphabet erhebt er wieder sein schauriges Haupt. Eine Weltwirtschaft, die allein nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sagt Wagenhofer, setzt Gesellschaften so enorm unter Druck, dass sie Zukunft nicht sinnvoll gestalten können.

Damit ist der Filmemacher bei einem Thema, das ihn seit seinem Kino-Debüt im Jahr 2005 umtreibt. Damals prangerte er in We feed the World die für Mensch und Umwelt katastrophalen Folgen einer Nahrungsmittelproduktion an, die allein auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. 2008 blickte er mit Let’s make Money direkt ins finstere Herz der Finanzindustrie und zeichnete Geldströme und ungleiche Vermögensverteilung nach. Alphabet bildet nun den Abschluss seiner Trilogie über die Folgen der Globalisierung.

Das Thema beschäftigt seit Jahren viele österreichische Dokufilmer – und sorgt dafür, dass die lebendige österreichische Filmszene so viel internationale Beachtung findet: Die Regisseure aus dem fiktionalen Fach blicken vor die eigene Haustür und finden Soziopathen, Kinderschänder und Familientragödien. Die Kollegen von der Doku reisen in die Welt, um unbarmherzig Katastrophen im globalen Maßstab abzubilden. Österreich, das Weltzentrum der Feel Bad Movies

Mitte der Nullerjahre nahmen die Filmemacher vor allem die Nahrungsmittelproduktion in den Blick. Hubert Sauper dokumentierte in Darwin’s Nightmare (2004) die ökologische Katastrophe, die sich im Victoriasee vollzieht, seit dort der von der Industrie so getaufte Victoriabarsch (eigentlich: Nilbarsch) ausgesetzt wurde. Nikolaus Geyrhalter zeigte 2005 in Unser täglich Brot die Massenproduktion von Lebensmitteln und ließ dabei allein Bilder sprechen; der Film kommt völlig ohne Kommentar aus. Im gleichen Jahr feierte Wagenhofer mit We feed the World einen riesigen Publikumserfolg. Er wurde in Österreich zum erfolgreichsten Dokumentarfilm seit der statistischen Erfassung und zog im gesamten deutschsprachigen Raum über 600.000 Zuschauer in die Kinos. Daraufhin sprossen Dokus über Essen aus dem Boden wie Zuchtchampignons, von Food, Inc. bis Taste the Waste.  

Auch auf anderen Themenfeldern gingen die Österreicher immer dahin, wo es besonders weh tat. Prekäre Arbeitsverhältnisse (Michael Glawoggers Workingman’s Death und Whore’s Glory), Umweltverschmutzung (Plastic Planet von Werner Boote), Überbevölkerung (Population Boom, ebenfalls Boote) oder die Einführung der Energiesparlampe (Bulb Fiction, Christoph Mayr) – ob in fernen Gefilden oder in der Europäischen Union, überall fanden die Regisseure skandalöse Zustände. Sie werden ausgelöst – und diese Sicht eint alle Filme – durch die Liberalisierung des Welthandels und zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft. “Das Thema Energiesparlampe eignet sich hervorragend, um Methodik und Kaltblütigkeit der Großindustrie darzustellen”, sagt Christoph Mayr über Bulb Fiction. Ein Prinzip, das die Österreicher perfektionierten. Die Themen sind immer andere, der Auslöser der krisenhaften Situationen immer der gleiche: die Globalisierung. Aus Österreich kommt politisch hellwacher Agitprop, der die Augen öffnet und wütend macht. Der aber angesichts seines ständigen Alarmismus durchaus auch ermüdet.

Der gute Quälgeist

Alphabet allerdings nicht, obwohl gerade dieser Film das Publikum spalten wird. Dass Wagenhofer mit dem Thema Bildung einen Nerv treffen wird, lassen die durch den Pisa-Schock ausgelösten, seit über zehn Jahren anhaltenden Debatten und die offensichtlich herrschende Ratlosigkeit erahnen. Bildungspolitiker und Eltern werden in Wagenhofers Film trotzdem nicht fündig werden, wenn sie nach Antworten suchen. Zumindest nicht, wenn sie das Thema auf die Frage eingrenzen, ob nun die Gesamtschule oder das Gymnasium die bessere Schulform ist. Viele Zuschauer werden ihm vorwerfen, das Thema unausgewogen aufzubereiten. Und tatsächlich ist Alphabet ungenauer, wolkiger und auch parteiischer als seine Vorgänger. Aber der Mann macht schließlich kein Bildungsfernsehen.

Stattdessen spürt man die Leidenschaft, mit der Wagenhofer versucht, die Globalisierung diesmal noch grundsätzlicher zu fassen. Wenn er mit Alphabet nicht in die Niederungen tagesaktueller Bildungsdiskussionen hinabsteigt, dann deshalb, weil das Thema ihm hier als Vehikel dient, um Fragen zu stellen, die in seinen vorangegangenen Filmen schon unausgesprochen im Raum standen. Fragen, die angesichts unserer so alternativlos erscheinenden Gegenwart fast unanständig wirken: Wenn der Kapitalismus, wie er ihn hier wieder beschreibt, ein System der Angst ist, das freie Entwicklung schwierig bis unmöglich macht – was könnte dann das Gegenmodell sein? Wie müssen sich Gesellschaften entwickeln, damit Kinder unbeschwert lernen und ihre Kreativität entdecken können?

“Wir müssen anders leben”, sagte Wagenhofer schon über We feed the World. Diese Dringlichkeit macht sein Werk aus. Damit setzt er sich von der Katastrophen-Dramatik ab, der manche seiner Kollegen erliegen, und wird zum Quälgeist, denn verantwortlich ist für ihn nicht das System, sondern jeder einzelne. Die Forderung nach einer eigenen Haltung hat er nie drängender gestellt als in Alphabet.

Gefühlt zu wenig – In der Knappheitsfalle

21.09.2013 ·  Egal wie reich wir sind: Das Geld ist knapp. Egal wie viel Zeit wir haben: Es reicht nicht. Ständig glauben wir, dass wir weniger haben, als wir brauchen. Woher kommt all der Stress?

Von Lena Schipper

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/gefuehlt-zu-wenig-in-der-knappheitsfalle-12584239.html

err Müller hat ein Problem. Das Konto seiner Kreditkarte ist überzogen, er ist mit einem Haufen Rechnungen im Rückstand, und von seinem Gehalt ist schon um die Monatsmitte herum regelmäßig nichts mehr übrig. Die Zinsen für alte Schulden werden dafür immer höher, und nächsten Monat muss er auch noch die erste Rate für einen neuen DVD-Player aufbringen, weil er auf ein Lockangebot eingegangen ist. Er fühlt sich schlecht, weil seine Freunde in der Eckkneipe ihm das Bier bezahlen, und fürchtet sich, wenn das Telefon klingelt.

Denn am anderen Ende ist wahrscheinlich das Inkassounternehmen. Die Freunde raten ihm zu sparen. Herr Müller ist fest entschlossen. Doch dann hat seine Tochter Geburtstag – und ein teures Geschenk zieht ihn wieder in den Kreislauf aus Schulden und unbezahlten Rechnungen. Auch wenn die Privatinsolvenzen in Deutschland tendenziell zunehmen, versinken wir nicht alle im Schuldensumpf. Doch ein kleiner Herr Müller steckt in jedem von uns. Das Gefühl, dass das Geld nie reicht, kennen die meisten Menschen. Und der Versuchung, im Sonderangebot doch noch das neue Paar Schuhe oder das Geschenk für die Freundin zu kaufen, obwohl das Konto eigentlich im Minus ist, können wir auch nicht immer widerstehen.

Sind wir Menschen alle leicht verführbare, charakterschwache Verschwendernaturen, die sich einfach öfter einmal am Riemen reißen sollten? Sendhil Mullainathan, Ökonom aus Harvard, und Eldar Shafir, Psychologe aus Princeton, meinen: nein. In ihrem Buch „Knappheit“ erklären die Forscher, was das Gefühl, zu wenig zu haben, in uns anrichtet. Herr Müller ist so sehr damit beschäftigt, dass ihm das Geld fehlt, dass er in seinem Kopf keinen Platz mehr für andere Gedanken hat, die ihm helfen könnten, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Weniger, als man meint zu brauchen“

Natürlich hätte ein bisschen mehr Selbstdisziplin auch Herrn Müller geholfen, seine Probleme zu vermeiden. Doch einmal in der Schuldenfalle, kommt er in einen Teufelskreis. Die Forscher nennen das „die Logik der Knappheit“. Und dieser Logik ist leider nur schwer zu entkommen. Nach dem psychologischen Verständnis von Mullainathan und Shafir ist Knappheit das Gefühl, „weniger von etwas zu haben, als man meint zu brauchen“. Das unterscheidet ihre Definition von der klassischen materiellen Knappheit, die schlicht besagt, dass Güter nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Das Problem, diese Güter effizient zu verteilen, bildet die Grundlage der Wirtschaftswissenschaft. Doch Mullainathan und Shafir kommt es nicht nur darauf an, was uns fehlt. Wichtig ist vor allem, wie wir Knappheit wahrnehmen und auf sie reagieren: vor einem langen Arbeitstag mit wenigen Terminen und einer langen Liste an Aufgaben fühlen wir uns weniger unter Zeitdruck als an einem Tag mit vielen Terminen, währenddessen wir nur ein wichtiges Projekt fertigmachen müssen – obwohl die Arbeitsbelastung objektiv die gleiche ist.

Nur im zweiten Fall kann uns das Gefühl, dass die Zeit knapp ist, völlig in Beschlag nehmen: „Das Denken richtet sich automatisch und unwiderstehlich auf die unerfüllten Bedürfnisse“, schreiben die Forscher. Wir beschäftigen uns dann ausschließlich mit der Sache, die wir als knapp empfinden. Das kann Vorteile haben: Menschen, denen wie Herrn Müller das Geld fehlt, haben eine viel klarere Vorstellung davon, wie viel etwas wert ist, und verhalten sich deshalb rationaler als der Durchschnitt.

Gefühl kann nützlich sein

In den klassischen Experimenten der Verhaltensökonomie schneiden sie viel besser ab, weil sie zum Beispiel den Wert einer Ersparnis nicht vom Preis des gekauften Gegenstands abhängig machen: um an einer 1000-Euro-Waschmaschine 10 Euro zu sparen, würden sie anders als die meisten Menschen denselben Umweg auf sich nehmen wie für einen 100-Euro-Fernseher. Das ist rational: Denn beide Male geht es um eine Ersparnis von 10 Euro. Auch in anderen Fällen ist das Gefühl der Knappheit nützlich: Wenn ein wichtiger Abgabetermin naht, konzentrieren wir uns besser auf die vielen Aufgaben, die wir noch zu bewältigen haben, und arbeiten dadurch effizienter.

Doch es hat auch Nachteile, nur auf das fixiert zu sein, was uns zu fehlen scheint. Denn wir neigen in solchen Fällen zu Verhalten, das die Knappheit noch verschärft: „Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter“, sagen die Forscher. Wenn wir uns nur auf eine einzige Sache fixieren, verlieren wir die Fähigkeit, über andere wichtige Dinge nachzudenken.

Psychologen nennen diese Einschränkung der intellektuellen Fähigkeiten den „Tunnelblick“: Weil Herr Müller ständig über die nächste unbezahlte Rechnung nachdenkt, ist er nicht mehr in der Lage, andere Ausgaben langfristig zu planen, der Versuchung eines Sonderangebots zu widerstehen oder seiner Tochter statt des teuren Geschenks etwas Günstigeres zu kaufen.

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Wenn jemand auf Diät ist, denkt er andauernd ans Essen. Teilnehmer einer Studie, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Auswirkungen von Hunger erforschte, begannen Kochbücher zu horten oder entwickelten Wahnvorstellungen von einem eigenen Restaurant. Im Kino erinnerten sie sich vor allem an die Momente, in denen im Film gegessen wurde – sahen sie eine Liebesszene, ließ sie das völlig kalt. Und einsame Menschen fühlen sich in ihrem Alltag schnell von glücklichen Paaren und Freunden umzingelt.

Die Folgen sind in allen Fällen ähnlich: Sind wir einmal in einer Situation des Mangels, kommen wir so schnell nicht mehr heraus. Herrn Müllers Unfähigkeit, langfristig zu planen und alltäglichen Versuchungen zu widerstehen, verschärft sein Schuldenproblem. In solchen und ähnlichen Situationen kommen Leute häufig auf den Gedanken, Versicherungen zu kündigen, die sie vermeintlich nicht so dringend brauchen, um die Beiträge zu sparen. Die meisten von uns haben auch schon einmal das Sparkonto angezapft, um überraschend eintreffende Rechnungen zu bezahlen. Kurzfristig mag das rational sein.

Doch passiert dann etwas Unvorhergesehenes, ist der Schaden umso größer und die Knappheit hinterher noch weit verheerender. Auch der Diätplan ist umso schwerer einzuhalten, je mehr man dabei ans Essen denken muss. Und die gefühlte „Umzingelung“ durch glückliche Menschen lähmt das Verhalten einsamer Leute so sehr, dass sich ihre soziale Isolation noch verschärft.Es ist nicht leicht, den Auswirkungen des Tunnelblicks zu entkommen, doch es geht: Wir müssen uns selbst überlisten, um die Sorge über die Knappheit daran zu hindern, allzu viel Platz in unserem Kopf einzunehmen. So schaffen wir wieder Raum für andere wichtige Dinge.

Gewusst wie: So entkommen sie der Knappheitsfalle

1. Reserven schaffen

Egal ob Geld, Zeit oder Kalorien: legen Sie sich einen Vorrat zu. Wer Reserven hat, ist weniger unter Druck und nimmt den Gedanken an Knappheit ihre Durchschlagskraft. Das schafft Platz im Kopf für andere Dinge.

2. Zur richtigen Zeit entscheiden

Seien Sie sich bewusst, dass die Knappheit an Ihren geistigen Fähigkeiten nagt. Wichtige Entscheidungen sollten Sie nur dann treffen, wenn Sie sicher sind, dass Ihnen gerade nicht der Tunnelblick die Sicht einschränkt.

3. Automatisieren

Erteilen Sie Einzugsermächtigungen für wichtige Rechnungen, und richten Sie einen Dauerauftrag auf Ihr Sparkonto ein. Dann kommen Sie auch in Zeiten, wo das Geld knapp ist, nicht so leicht in Versuchung, Zahlungen aufzuschieben oder Sparziele zu ignorieren.

4. Positive Effekte ausnutzen

Um die guten Seiten des Knappheitsgefühls zu nutzen, setzen Sie sich realistische Ziele, denken Sie sich wirksame Sanktionen aus, und delegieren Sie die Durchsetzung an andere: Wenn Sie eine Deadline verpassen, müssen Sie einem Freund ein teures Essen ausgeben.

Sendhil Mullainathan/ Eldar Shafir: Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus-Verlag 2013.

Wie wir mit Sprache malen

Wie wir mit Sprache malen – Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

http://www.scinexx.de/dossier-639-1.html

Wie wir mit Sprache malen
Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

Klatschen, murmeln, ticken – diese Wörter haben eines gemeinsam: Sie sind lautmalerisch. Ihr Klang gibt bereits einen Eindruck darüber, was den Inhalt des Worts ausmacht. Solche Lautbilder sind wichtiger Teil unserer Sprache und Kommunikation – und sie sind vielschichtiger und präziser als gedacht.

Wörter entstehen nicht als Tintenkleckse auf Papier sondern in zwischenmenschlicher Interaktion. Wenn wir sprechen, malen wir mit unserer Sprache. Diese Lautmalerei, manchmal als kindlich abgetan, ist in Wahrheit ein bedeutendes Ausdrucksmittel, über das alle verfügen. Wie präzise diese Lautbilder Kommunikation über sensorisches Wissen ermöglichen, haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik um Mark Dingemanse detailliert untersucht. Beim Studium von Ideophonen, anschaulich-sinnlichen Wörtern, die überall auf der Welt gebraucht werden, zeigt sich,
wie fundamental interaktiv und vielschichtig das Wesen der Sprache ist.

Der Klang der Wörter
Sprache informiert und stellt dar

Wenige Berufe sind so vertraut mit dem Wesen der Wörter wie die akademischen. Wörter sind das A und O unserer Profession. Sie halten unseren kumulativen Fortschritt fest, an ihnen wird unsere Produktivität gemessen, wenn wir Ideen mit Hilfe von Büchern, Zeitschriften und Open-access-Portalen verbreiten. Wie leicht verliebt man sich in das gedruckte Wort, in schwarze Symbole auf einem weißen Blatt mit ordentlichen Abständen, die die einzelnen Gedanken voneinander abgrenzen.

Sprache ist mehr als nur Buchstaben auf einer Seite
© SXC

Aber wie anders ist doch unser alltäglicher Umgang mit Wörtern. Wir rollen sie auf unserer Zunge, wenn wir sprechen, flüstern oder schreien. Sie werden geschmeidig, wenn wir sie vortragen, verlängern und wiederholen. Wir schmücken sie mit subtilen Meinungsschattierungen aus, wenn wir Kontrolle auf Tonhöhe, Schallstärke und Dauer ausüben. Wir integrieren sie meisterlich mit Gestik und Mimik in das, was Linguisten “kompositionelle Äußerungen” nennen.

Mehr als nur Beiwerk
Lange Zeit wurde das alles als Parasprache ausgegrenzt, als nicht Eigentliches, sondern als etwas am Rande, das uns nur ablenkt von der Wahrheit und Schärfe einer idealisierten formalen Sprache. Bei den Betrachtungen des Philosophen Gottlieb Frege über Sprache stehen ästhetische Freude und Streben nach Wahrheit in direkter Opposition.

Sprache geht immer einher mit Gesten: Hier macht der Redner deutlich einen Punkt.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Aber diese geringschätzige Ansicht ist inzwischen überholt, weil es Linguisten mehr und mehr klar wird, dass das geschriebene Wort nur ein mangelhaftes Modell für unsere wirkliche kommunikative Kompetenz ist. Sprache entstand in einer viel reichhaltigeren Umgebung und sie hat schon immer mehr für uns getan, als nur entkörperlichte Information zu liefern.

Die Menschen benutzen Sprache, um soziale Beziehungen aufzubauen, um ihre Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen und ihre Einstellungen auszudrücken. Sie informieren nicht nur, sie stellen dar. Dies erfordert eine erneute Untersuchung darüber, was Wörter leisten.

Malen beim Sprechen
Was sind Ideophone?

Will man eine neue Perspektive auf das Feld seiner Untersuchungen gewinnen, dann ist es oft am besten, radikal den eigenen Ausgangspunkt zu verändern. Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik tun das, indem sie neue Primärdaten über wenig bekannte Sprachen sammeln. In der Abteilung “Sprache und Kognition” betreiben Wissenschaftler Langzeit-Feldforschung an mehr als zwanzig Standorten überall auf der Welt.

Das Dümpeln auf den Wasser – lautmalerisch “tunjil-tunjil” im Koreanischen
© SXC

Im Laufe der letzten Jahre wurden mehrere detaillierte Untersuchungen zu Wörtern durchgeführt, die als Ideophone oder Lautbilder bekannt sind. Mit ihrer charakteristischen Lautmalerei, der Onomatopoesie, kommen diese Wörter dem “Malen beim Sprechen” am nächsten. Sie galten lange als exotische und ungewöhnliche Wörter, aber neue Untersuchungen haben gezeigt, dass sie in Unterhaltungen überall auf der Welt gegenwärtig sind und in unerwarteter Art und Weise gebraucht werden.

Es klingt wie es ist
Ideophone sind Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Bekannte Beispiele aus dem Englischen sind Wörter wie kerplop und boom, oder im Deutschen Wörter wie holterdipolter und ticktack. Aber während es in europäischen Sprachen in aller Regel nur wenige solcher Wörter gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, gibt es viele andere Sprachen auf der Welt, die über Hunderte oder gar Tausende solcher Ideophone verfügen, die ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen abdecken.

“Ticktack” und “ticken” – Lautbilder für das Geräusch der Uhr
© SXC

Beispiele dafür sind Wörter wie tunjil-tunjil – dümpeln, treiben, ulakpulak – unausgeglichene, schreckerregende Erscheinung und c’onc’on – dichtgewebt aus dem Koreanischen; oder dhdnoh – wie immerwährendes Nicken, praduk pradek – Geräusche vereinzelter kleiner Regentropfen und greep – knusprig klingend aus dem Semai, einer Sprache, die auf der Halbinsel Malaysia gesprochen wird. Aber auch mukumuku – murmelnde Mundbewegungen, fuefue für elastisch, flexibel und kpotoro-kpotoro für Gehen wie eine Schildkröte aus dem Siwu, einer Sprache, die im Osten Ghanas gesprochen wird, illustrieren das Prinzip.

Dargestellt statt einfach nur gesprochen
Bei der Analyse von auf Video aufgenommenen Unterhaltungen in solchen Sprachen sieht man, dass diese Wörter mit ihren eigentümlichen Formen und anschaulichen Bedeutungen nicht wie gewöhnliche Wörter gesprochen werden. Sie werden wie auf einer Bühne dargestellt. Sie machen Ereignisse auf eine Art und Weise lebendig, wie das gewöhnliche Wörter niemals tun.

Wenn man ihren Gebrauch beobachtet, dann bekommt man einen Eindruck davon, was Karl Bühler gemeint hat, als er schrieb: “Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

Wie male ich mit Worten?
Die typischen Merkmale von Lautbildern

Wie können die Menschen mit der Sprache malen? Die Ideophon-Systeme in den Sprachen der Welt verfügen über drei Möglichkeiten, wie Sprechen genutzt wird, um sinnliche, sensorische Bilder darzustellen. Die erste Möglichkeit besteht darin, ein Geräusch mit einem Laut zu imitieren, wie im Englischen “boom” als Geräusch einer Explosion. Dieser Typ wird als direkte Ikonizität bezeichnet. Es ist die einfachste Möglichkeit, aber auch die am meisten beschränkte. Schließlich sind nicht alle Ereignisse mit Geräuschen verbunden.

“Bumm” – das Lautbild imitiert das Geräusch
© SXC

Lange Silben für lange Ereignisse
Was aber alle Ereignisse gemeinsam haben, ist eine interne zeitliche Struktur. Hier kommt nun die zweite Möglichkeit ins Spiel: Die Struktur der Wörter kann der Struktur der Ereignisse gleichen. Diese Wörter sind “gestalt-treu” in Hinsicht auf die Ereignisse, die sie repräsentieren. Deshalb wird dieser Typ Gestalt-Ikonizität genannt. Wörter können zum Beispiel verlängert werden, um Dauer auszudrücken, geschlossene Silben können das Ende von etwas darstellen und wiederholte Silben können Wiederholungen evozieren — wie in vielen der zuvor angeführten Beispiele.

Drittens und letztens werden manchmal ähnliche Wörter für ähnliche Ereignisse gebraucht. Betrachten wir einmal die folgenden drei Wörter aus dem Semai: greep ‘Früchte kauen’, graap ‘Knuspriges kauen’, griip ‘Cassava kauen’. Sie teilen sich die gemeinsame Matrize gr_p, die man als ‘knuspriges Geräusch’ charakterisieren kann. Weil ähnliche Wörter dabei auch auf ähnliche Ereignisse passen, wird dieser dritte Typ relative Ikonizität genannt.

Lautbild oder normales Wort?
Gemeinsam konstituieren diese drei Arten der Meinungs-Assoziationen den Malkasten des Wortmalers. Sie erlauben darstellenden Wörtern wie Ideophonen, wahrnehmbare Analogien zu Ereignissen zu bilden. Aber woher weiß man, ob eine bestimmte Sprecheinheit als Ideophon – als ein Lautbild – intendiert ist und nicht als ein gewöhnliches Wort?

Wiederholte Silben – wie hier das “fuefue” für elastisch – sind typisch für Lautbilder
© SXC

Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich hier Sprachen in bemerkenswerter Weise gleichen. So klingen Ideophone in allen Sprachen außergewöhnlich, weil sie besondere Freiheiten im Hinblick auf andere Wörter genießen. Sie verfügen über eine größere Bandbreite möglicher Silbenstrukturen und Wortformen und sie sind auf bemerkenswerte Art und Weise empfänglich für spielerische Wortbildungsprozesse, wie zum Beispiel die Wiederholung von Silben oder Dehnung.

In gesprochenen Äußerungen fallen sie zudem auf, weil sie ein großes Maß an syntaktischer Unabhängigkeit aufweisen – sie folgen der Grammatik weniger streng als andere Wörter. Oft werden sie zudem als eigene Intonationseinheit produziert – herausgehoben aus dem normalen Sprachfluss. Und schließlich werden sie in vielen Sprachen mit sogenannten Quotativmarkierungen, wie zum Beispiel mit “sagen” oder “tun”, Verben eingeführt. All diese Merkmale tragen dazu bei, Ideophone als Darstellungen zu markieren, vergleichbar einem Rahmen um ein Gemälde, der uns sagt, dass wir es als Gemälde und nicht als Tapete interpretieren müssen.

Mehr als nur stilistische Schnörkel
Wie werden Lautbilder eingesetzt?

Wissenschaftler am MPI für Psycholinguistik studieren Lautbilder im Rahmen von Feldforschungen in etlichen Sprachen der Welt. Um zu untersuchen, wie diese Wörter sensorische Wahrnehmungen kodieren, benutzen sie speziell entwickelte und gestaltete Materialien. Die Menschen sollen dann deren unterschiedliche Struktur oder Beschaffenheit in ihrer Sprache beschreiben – und oft werden dabei Lautbilder benutzt.

Die Forscher erstellen auch Video- und Audio-Aufnahmen von alltäglichen Gesprächen, um zu verstehen, wie Menschen diese Wörter in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht gebrauchen – in der Situation also, in der Sprache entstanden ist und in der sie sich auch stets noch weiter entwickelt.

Durch Video-Aufnahmen fremder Sprachen analysieren die Wissenschaftler alltägliche Gespräche, in denen Lautmalereien vorkommen.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Lautbilder als Zeichen von Eloquenz
Im Verlauf dieser Untersuchungen zeigte sich, dass Ideophone keinesfalls einfach nur stilistische Schnörkel und Floskeln sind, wie man ursprünglich dachte. Stattdessen sind sie gezielt sensorische Wörter. Sie werden benutzt, um Expertenwissen während gemeinsamer Arbeit zu kommunizieren und um Erfahrungen beim Erzählen von Geschichten zu teilen und zu interpretieren. In Sprachen, die über Tausende von Lautbildern verfügen, gilt ihr Gebrauch als Zeichen höchster Eloquenz.

Herausforderungen gewähren Möglichkeiten. Ideophone fordern uns dazu heraus, Theorien und Methoden zu erneuern, und bestärken uns darin, uns von einer Betrachtung der Sprache abzuwenden, die auf ideologischen oder akademischen Traditionen gründet, um so hin zu einer Perspektive auf Sprache zu gelangen, die sich auf so umfassende Daten wie möglich bezieht. Es sollte uns eigentlich nicht überraschen, dass im sprachlichen Leben Darstellung genauso wichtig ist wie Beschreibung.

Selbst unsere eigenen Forschungsergebnisse werden nicht nur mit abstrakten Worten mitgeteilt. Wir illustrieren sie mit Gesten, präsentieren sie auf Konferenzen und bilden sie ab mit Figuren und Diagrammen. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte, scheint sich zu bewahrheiten. Aber was wir dabei möglicherweise übersehen haben, ist die Tatsache, dass unsere Wörter schon immer mit Bildern gewürzt waren.

(MPG Jahrbuch / Mark Dingemanse / Max-Planck-Institut für Psycholinguistik,28.06.2013)
Mark Dingemanse  home at MPI :  http://www.mpi.nl/people/dingemanse-mark/publications